Wir Luftschiffer - Die Entwicklung der modernen Luftschifftechnik in Einzeldarstellungen von Karl Bröckelmann
Im Jahre 1909 hat Karl Bröckelmann, seinerzeit Vorsitzender des Fahrten-Ausschusses des Berliner Vereins für Luftschiffahrt, ein umfassendes Buch mit dem Titel „Wir Luftschiffer: Die Entwicklung der modernen Luftschifftechnik in Einzeldarstellungen“ herausgegeben. Auf über 400 Seiten in Frakturschrift stehen insgesamt 25 Fachartikel und Berichte verschiedener Autoren der damaligen Zeit zur Verfügung, die über das Thema Luftschiffahrt sowie Ballonfahren informieren. Das Buch kann nachstehend als PDF-Dokument kostenlos heruntergeladen werden.
Wir Luftschiffer - Die Entwicklung der modernen Luftschifftechnik |
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Wir Luftschiffer Die Entwicklung der modernen Luftschifftechnik in Einzeldarstellungen Unter Mitarbeit erster Fachleute herausgegeben von Dr. Bröckelmann Vorsitzender des Fahrten Ausschusses des Berliner Vereins für Luftschiffahrt Mit 300 Text ⸗Abbildungen und 10 Tafeln und Karten Berlin und Wien 1909 Verlag von Allstein & Co Vorwort. solange das Menschengeschlecht besteht, hat der Wunsch in ihm gelebt, sich frei in die Lüfte schwingen zu können. Heute, in den Tagen, da dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist, da der Mensch sich nicht allein viele Kilometer hoch in die reine Atmosphäre erheben kann, sondern da es ihm auch frei steht, sich in den Lüften nach beliebiger Richtung hin zu bewegen, hat sich das Interesse für die Luftschiffahrt bedeutend vergrößert und auf alle Bevölkerungsschichten ausgedehnt. Eine ganze Anzahl von Büchern ist in den letzten Jahren erschienen, welche diesem Inieresse entgegenkommen, und sie alle haben einen großen, dankbaren Leserkreis gefunden. Alle diese Werke aber sind, weil fie von nur einem Verfasser geschrieben wurden, von einer ge⸗ wissen Einseitigkeit, während es gerade auf dem Gebiet der Luftschiff⸗ fahrt, wo die Ansichten noch recht geteilt sind, von hohem Interesse sein muß, die bedeutendsten lebenden Luftschiffer ihre Meinungen selbst nebeneinander aussprechen zu hören. Um in dem Buche Wieder⸗ holungen nach Möglichkeit zu vermeiden, mußte der Herausgeber die Mitarbeiter bitten, bestimmte Themata nach bestimmten Gesichts⸗ punkten zu behandeln. Die einzelnen Verfasser sind dieser Bitte in der bereitwilligsten Weise entgegengekommen und haben dadurch eine größtmögliche Vielseitigkeit des Buches herbeigeführt. Auch der Wunsch des Herausgebers, die einzelnen Aufsätze in gemein—⸗ verständlicher Weise zu verfassen, wurde von allen Mitarbeitern erfüllt, so daß das Buch dem gebildeten Laienpublikum ein leicht verständliches Bild über den gegenwärtigen stand der Luftschiff⸗ fahrt geben wird. Daneben wird aber auch der praktische Luft⸗ schiffer aus diesem oder jenem Aufsatz noch manches Wissenswerte erfahren. Allen Mitarbeitern und allen, welche durch Bildermaterial das Buch ausstatten halsen, sei an dieser stelle der wärmste Dank ausgesprochen. Insbesondere fühle ich mich dem sport⸗Chefredakteur der „B. Z. am Mittag“, Herrn Dr. Donalies zu Dank verpflichtet, der mich bei der Disposition und Redaktion des Buches wesentlich unterstützt hat. Berlin, Juli 1909. 7 Dr. Bröckelmann. Inhalts⸗Verzeichnis. seite Milarch, Oberlehrer, Fahrtenwart des Niederrheinischen Ver⸗ eins für Luftschiffahrt: Wie man Luftschiffer wird ... 1.23 Vorbereltungen zu einer Fahrt. Tie Bestandteile des Ballons. Bon der Füllung. Was zur Ausrüstung gehört. Eine Mondscheinfahrt über den Rhein. Erste Eindrücke im Korb. Ueber den Wollen. Glatte Landung. Eine Flurschaden⸗Geschichte. Waldlandung mit Hindernissen. Einpacken und Expedieren des Ballons. Lustschisfahrt und Charalter. scherle, Mitinhaber der Ballonfabrik Riedinger, Augsburg: In den Werkstätten des Ballons ...... ...... 24433 Wie entsiteht ein Ballon? Im Konstrultionsbureau einer Ballonfabril. Hüllenstoffe. Berechnung von Inhalt und Auftrieb. Die Gummierung der Ballonhülle. Einfache und doublierte stoffe. Gumini und Firnis. Goldschlägerhaut und seide. Im technischen Bureau und im Labora⸗ torium. Kontrollapparate für Gasdichtigleit. In den Konfeltionssälen. Ballonhärte. Die Prüfung fertiger Hüllen. Erfolge deutscher Ballon⸗ fabrilate. Bröchkelmann, Dr., Vorsitzender des Fahrten⸗Ausschusses des Berliner Vereins für Luftschiffahrt: Zwei Kaiserpreise 3447 Organisation und Bedingungen der Wettfahrten. start in Tegel. Wind⸗ verhältnisse machen es ratsam nieder zu fahren. Reiavolle Nachtfahrt. Wind schlägt in entgegengesetzte Richtung um und zwingt zur Landung, 834 Kilometer von Tegel. Berechtigung der Veranstaltung von Dauer⸗ fahrten. start in schmargendorf. Nutzlosigkeit eines Retarders. Die schwierigleiten einer schleypfahrt. Der Füllansatz wird zugebunden, um Gas⸗Verluste zu vermeiden. Landung nach 241 stũůndiger Fahrt in solland. süring, Prof. Dr., Direktor des Meteorologischen Obser⸗ vatoriums, Potsdam: Wissenschaftiche Ballonhoch⸗ fahrten ...... ...... .. 554 .... 4865 Die Grenzen zwischen Mittel und Hochfahrt. Der Vallonsport über s000 Meter. Wissenschaftliche Hochfahrten von Gay Lussac bis Glaisher. Irrtümliche Höhenmessungen. Das Aspirationspfychrometer von Atzmann Wir Luftschiffer seite als Ausgangspunkt der modernen Wissenschaft im Ballon. Die erste Ber⸗ liner Hochfahrt von Groß und Berson 1393. Reloard-Alleinfahrt von Berson 1894. Die Weltrelordfahrt des „Preußen“ mit Berson und süring bis 10 809 Meter am 31. Juli 1901. Die technische Einrichtung von Ballons zu Hochfahrten. Ausrũstung der Insassen. Die Gefahren der Höhe. Die meteorologischen Zustände in den oberen Luftschichten. Berson, Prof. am Kgl. Preuß. Aeronaut. Observatorium Lindenberg bei Beeskow: Die Erforschung der Atmo⸗ späre über dem Ozean und in den Tropen. ...... 66.80 Die jüngsten aerologischen Vestrebungen. Die Forschungen über dem Meer von Rotch 1901, Prof. Koeppen und Berson 1902, Teisserence 1903, Hergesell 19604. Das Problem der Passate und Antipassate. Neuere aerologische seeveditionen. Die meteorologischen Arbeiten des deutschen Vermessungsschiffes „Planet“. Luftforschungen in den Tropen. Am Viltoria⸗Nyanza und an der Küste des Indischen Ozeans. Die Monsune und Antimonsune. 84 Grad gälte in 19 500 Meter Höhe am Aeauator. Die Registrierballonteihnil von Aßmann und Hergesell. Der Teodolit auf Land und see. Bamler, Oberlehrer Dr., Vorsitzender des Fahrten⸗Ausschusses des Aiederrheinischen Vereins für Luftschiffahrt: Ballons im Gewitter. . . . . ...... ...... . 81491 Gefahren einer Gewitter⸗Ballonfahrt. Wärme⸗ und Wirbel⸗Gewitter. Entstehung auf⸗ und absteigender Luftströmungen. Cumulus- und Cirrus⸗ wollen. Die Eleltrizität der Luft. Positive und negative Wollen⸗ eleltrizität. Die Eisnadelbildung der Cirren als Blitzerreger in den Wollen. Der Regen als Vermittler von Erdblitzen. v. Frankenberg und Ludwigsdorf, Rittmeister a. D., Direktor des Deutschen Aero⸗Klubs: Die Orientierung im Ballon ... . . .. . . ...... . . 924104 Wichtigleit, die Fahrtrichtung festzustellen. Orientierung durch Karte und Kompaß in sicht der Erde. Ermittlung der Fahrtgeschwindigleit. Die Orientierung am Tage und in der Nacht. Kompaßabweichungen bei Motorbalslons. Vorschlag, durch Kombination von beleuchteten Zahlen und Buchstaben Ortschaften in der Nacht zur Orientierung für den Luftverkehr zu lennzeichnen. Internationaler schlüssellodeß. Die astronomisch⸗geo⸗ graphische Pasitionsbestimmung von Professor Marcuse bei unsichtiger Erde. Ortsbestimmungen auf see. Erbslöh, Oscar, Vorsitzender der sektion Wuppertal des Niederrheinischen Vereins für Luftschiffahrt: Der deutsche Gordon Bennett⸗ sieg 1907 ... .. ..... 105.116 schwierigleiten einer Weitfahrt in Amerila. Vorbereitungen zum start in st. Louis. Die Wetterlage beim Frühstück. Der Ballon „Pommern“ startet als Erster. In 1500 Meter Höbe. Nachteindrücke. Ein kritischer Augenblick. Tie schmelzöfen von Pittsburg. In der zweiten Nacht über das Alleghanngebirge. Wechselnde Winde. Der Anantic taucht auf. Lan⸗ dung mitten in der stadt Asbury Park. Amerilanische souvenirjäger. 76 Fabrtmeilen. siegesfeier. Inhalts⸗ Verzeichnis eite Aßmann, Geheimrat, Prof. Dr., Direktor des Kgl. Preuß. Aeronaut. Observatoriums, Lindenberg bei Beeskow: Die Arbeitsmethoden der aerologischen Observatorien . 117.143 Die neue Aera der wissenschaftlichen Lustschiffahrt. Tie ersten Verfuche mit Registrier⸗Apparaten in Frantreich und Amerila. Die Methoden der Höhenforschung. Hargrave⸗TDrachen und ⸗seugelballons. Der sigsfeld⸗ Parsevalsche Drachenballon. Wie man die Registrier⸗Apparate vor sonnenstrahlung schützt. Trachenrelord von 7000 Metern. Vorzüge von Gummiballons zu Registrierzwecken. Höhenrelord von 28 000 Metern. Die obere Temperaturumkehrung. Tandem⸗Methode. Pilot⸗Ballons. Aerologie und Wetterprognose. Tie meteorologischen stationen von Groß ⸗Vorstel und Friedrichshafen. Das Königliche Aeronautische Obser⸗ vatorium bei Lindenberg. Emmy la Quiante: Damen im Korb ... . . . . . . . . . 144154 Der Ballonsport und die Frauenwelt. Luftschifferinnen in Deutschland, Frankreich und England. Frauen im Lustschifferberuf. Der altive Damen⸗ sport. Die passendste Kleidung. Phantasie und Praxis. Tamen als Vallonfuührerinnen. segeln, Hochtouristit und Ballonfahrer. Poeschel, Prof. Dr., Rektor der Fürstenschule st. Afra in Meißen: Der Luftballon als geogranhisches An⸗ schauungsmittel .. ...... ...... ...... 155171 Laiengeographie im Ballon. Der Fefselballon bei Forschungsreisen. An⸗ brée und Wellman im stampf um den Nordyol. Topographie von oben. Die Ballonphotographie als geographisches Hilfsmittel. Charalteristische Dörser⸗ und städtesormen. Photo und Karte. Aesthetische und geogra⸗ phische Fahrteindrücke. Der norddeutsche Urstrom aus der Vogelperspeltive. Geographiestudium und Luftschiffahrt. Flemming, stabsarzt Dr.: Der Arzt im Ballon . . . . . . . 172. 187 Ursachen bei Ballonunsällen. Gasvergiftung bei der Füllung. Ent⸗ zündungsgefahr. Verhalten bei Korbschleudern in Luftwirbeln. Höhen⸗ erlrantungen. Die 5000⸗Meter⸗Grenze. sauerstoffmangel. Ultraviolette strahlenwirlungen. Mechanische Verletzungen bei der Fahrt und bei der Landung. Berbrennungen durch Exvlosion. Gefahren und Vorsichts⸗ maßregeln über der see. Berletzungen unbeteiligter Personen. Ein Unfall auf 13 000 Fahrttilometer in Deutschland. schaeck, Oberst im schweizerischen Generalstab: Eine Welt⸗ rekordfahrt .... .... ...... .... 188.193 Die Vorbereitungen zur Bennett⸗Wettfahrt 1908. Der start in schmargendorf bei Berlin. Fahrt nach süden und Trehung des Windes nach Westen. Auf die Rordsee binaus. Drei Tage über den Wellen. Beitete Winddrehung nach Norden. Nebel und Wollen. Die Luftschiffer⸗ sonne. In 4000 Metern Höhe. Endlich Land! Am schlepptau gefesselt. Landung und Rüuüdlehr. Wir Luftschiffer seite Donalies, Dr., sport⸗Chefredakteur der, B. 3. am Mittag!“ Berlin: Im Fluge durch die Jahrhunderte .. . . . . . 194.239 Die Vorläufer der Luftschiffahrt. Die frühesten Flugversuche. sage und Geschichte. Leonardo da Vinci als Flugtechniler. Lanas Lufttugeln. Chinesische Papierballons. Die Experimente von Guzmao und Cavallo. Die Gebrüder Montgolfier. Der Charles⸗Vallon. Die ersten Luftreisen. Blanchard. Lenlversuche. Das Meusniersche Projelt des ersten Di⸗ rigeable. Die Ballons von Giffard, Dupuis de Lome, Tissandier. Die ersten deutschen Lenlbaren. Der Erfolg der La France. An der schwelle der Neuzeit. Basenach, Oberingenieur des Luftschifferbataillons: Die drei systeme ..... .... ..... . 5 ..... .. 240-268 Die Wertschätzung der drei systeme im allgemeinen. Die Zeppelin⸗Luft⸗ schiffe Modelle 1907 und 1908. starrheit von Gerippe und Gondeln. Der Parseval⸗Ballon. Keinerlei Versteifungsteile. Das Kippmoment bei Motorballons. Das halbstarre system. Das Versuchs⸗Fahrzeug des Luft⸗ schifferbataillons. Tas Militär⸗Luftschiff von 1908. Relordfahrt von 13 stunden. Die französischen Halbstarren. Der La⸗France⸗Typ. Nulli selundus I, und II. Andere fremdländische Motorballons. Vorzüge und Nachteil der verschiedenen systeme. Betriebssicherheit, Geschwindigleit und Nutzlast. Noch leine Beherrschung des Luftmeeres. Eckener, Dr.: Mit Graf Zeppelin 1900 - 1908 ..... . . 269. 284 Die Persönlichleit des Grafen. Jugend und Leutnantzeit. Kein Mathe⸗ mathiler. Die „Generalstabsideerö“ in seinem Motorballon. Weshalb starres system. Ablehnung des ersten Projeltes durch den staat 1904. Die Zeppelinsche Altiengesellschaft zur Förderung der Luftschiffahrt 19038. Der erste Zeppelinballon von 1900 und seine Zerstörung. Widerlegte Befürchtungen. Der „verrückte schwabe“. Lotteriehilfe. Das zweite Fahrzeug von 18905. Vom sturm vernichtet. Die Angehörigen als Retter in der Not. Der dritte Luftkreuzer von 1906. Die ersten siege. Der Zeppelinballon von 1907. Die glänzende schweizerfahrt und die Katastrophe von Echterdingen. Tiefste Trauer und höchste Erhebung. Die sechsmillionenspende und der Ankauf der Luftlreuzer durch das Reich. v. Kleist, Hauptmann im Luftschifferbataillon a. D., Beirat für Luftschifftechnik, Ballonfabrik: Clouth in Köln: Militãr und Luftschiffahrt ... ..... ..... ... 285. 308 Die ältesten Militär⸗Fesselballons aus der Revolutionszeit. Freiballons während der Belagerung bon Paris. Der moderne Fesselballon. Ber⸗ dichtetes Wasserstoffgas für militärische Zwecke. Der Trachenballon sigs⸗ feld⸗Parseval. Aufgaben der Ballonerlundung im Kriege. Die deutschen Militãr⸗Motorballons von Parseval, Zeppelin und Groß. Französische Kriegsluftschiffe von Jullio und Clsment. Die maßgebenden Eigenschaften bei Motorballons im Heeresdienst. Ballongeschüße. Das Luftschiff als sriegswaffe. Graf Zeppelin: Die Mainzer Fernfahrt und das Unglück von Echterdingen. . ...... ..... .... .... 307.311 Die 24-stunden⸗Fahrt von Friedrichshafen nach Mainz und zurück. Auf⸗ triebsunterschiede bis 900 Kilogramm. Die erste Zwischenlandung auf Inhalts⸗Verzeichnis . selte dem Rhein. Fahrt mit einem Motor. Auftommender starker Gegen⸗ wind. Die zweite Zwischenlandung. Die sturmlatastrophe. Die Ur⸗ fachen der Motordefelte und des Losreißens aus der Verankerung. Ver⸗ meidbare Fehler. Die spende des deutschen Volles. Hofmann, Regierungsrat a. D. Erfinderschicksale im Gebiete der Flugtechnik... ..... ...... ..... .. . 312325 Fluatechnische Erfindungen und Erfinder. Blanchard und Lalande. Fall⸗ schirmlünstler. Cockings Todessturz. Degens Glück und Unglück. Maxim und das amerilanische Patentamt. Lilienthal und Pilcher. Langley. Wie man um einen Drachenflieger lommen kann. Kreß im Wasser. Die schick⸗ sale Aders. Rumpler, Ingenieur, Geschäftsführer der Luftfahrzeug⸗Ges. m. b. H. zu Berlin: Flugmaschinen ..... ...... 326-341 Leichter und schwerer als Luft. Drachenflieger, Ruderflieger und schraubenflieger. Die Apparate von Maxim, Kretz und Lilienthal. santos Dumont als Aviatiler. Die Voifin⸗Maschinen. Tie Monoplane von Bleriot, Ferber, Esnault⸗Pelterie. Antoinette⸗Flugmotoren. Der Drachenflieger der Gebrüder Wright. Berschiedene startmethoden. Der Apparat von Howard Wright. Flugleistungen. Ausblicke in die Zukunft. santos Dumont: Wie ich den Deutsch⸗Preis gewann ... 342358 Die ersten Versuche und Eindrücke im Motorballon. seeschiff und Luft⸗ schiff. In der dritten Dimenston. Der Ballon Nr. 6. Die Eiffelturm⸗ Fahrt am 19. Oltober 1901. Fünfeinhalb Kilometer in neun Minuten. schwierige Rückfahrt gegen Wind. Der Ballon bäumt sich auf. Die verschiebbaren Gewichte. Glücklich an der Abfahrtstelle. Vierzig se⸗ kunden über eine halbe stunde. Die Zuerlennung des 125 000 Francg⸗ Preises. Das erlenntliche Vaterland. Notwendigkeit unaufhörlicher Uebung zum Luftschiff⸗Kapitän. v. Krogh, Hauptmann im Luftschifferbataillon a. D., Beirat für Luftschifftechnik, siemens⸗schuckert⸗Werke, Char⸗ lottenburg: Ueber die Führung von Freiballons und Motor⸗Luftschiffen .... ..... ... .. .... 359-369 Tie Führeraufgabe bei Frei⸗ und Motorballons. Kenntnis des Materials und der Meteorologie. Prüfungen vor der Fahrt. Führungsfehler beim ersten seppelin⸗Luftschiff. Verhalten des Piloten während der Fahrt. Maßregeln bei vertilalen Luftströmungen und Gewittern. Der Führer bei der Landung. Größere Anforderungen beim Motorballon. de Beauclair, Victor: Im Ballon über die Alpen. . . . . . 370-392 Die Wichtigleit günstiger Windströmungen bei Alpenfahrten. son dierung der Atmosphäre durch Pilotballons. Volljtändige und teilweise Alyenüberfliegung. Die erste Hochgebirgsfahrt von spelterini 1893. Die bisherigen Alpenfahrer. Der erste Flug über den Montblanc⸗Massiv von Usuelli 1906. Die Jungfraufahrt des „Cognac vom Juni 1908. Die Gefahren bei Hochalpenfahrten. Wasserstoff⸗ und Leuchtgasfüllung. Wir Luftschiffer seite Niemeyer, Dr., Rechtsanwalt: Wasserfahrten .... . . .. 393 407 Der erste seefahrer im Luftballon von Blanchard und Tr. Jeffries. Der mißalũückte ‚Versuch über das Meer“ von Pilatre de Rozier. Moderne Flüge über den Kanal La Manche. Fahrten über sstsee und Mittelmeer. Der Polarmeer⸗Versuch von Andree. Die Nordseefahrt des Ballons „Busley. Rettungslos verloren. schleiffahrt im Meer. Im letzten Augenblick durch einen Kohlendampfer gerettet. Die Orientierung auf see. Maßnahmen bei Wasserlandungen. Hauptsache: Ruhiges Blutl v. Parseval, Major z. D. und Elias, Dr., Chef⸗Redakteur der Ill. Aeronautischen Mit⸗ teilungen: Ueber die Erreichung des Nordpols im Luft⸗ schiff. . . .. ...... .... ...... ...... . 408. 438 Die Möglichkeit, im Luftschiff den Nordpol zu erreichen. Die Entfernungen zum Pol. Windverhältnisse. Perioden unruhigen Wetters. Keine Windzunahme nach oben über den Polartreis. Erträgliche Temperaturen. Verschiedene Arten der Orientierung. Das brauchbarste Fahrzeug. Ein großer unstarrer Ballon von 14 000 Kubitmeter erforderlich. G8wei schrauben und zwei Motoren von ca. 100 18. sechs Mann in zwei Gondeln. Bier Tonnen Benzin und Oel. Fahrt in mätziger Höhe, aber nicht am schleypytau. Zwischenlandungen am Wasseranker. Die schwierigkeiten des Wetters. Ein Jahr Vorbereitungsfahrten nötig. Tie Polentdeckung mehr . ein heiß erstrebter Relord als von wissenschaftlichem Nutzen. Füllen des Ballons Wie man Luftschiffer wird. Von Ernst Milarch, Oberlehrer und Fahrtenwart im niederrheinischen Verein für Luftschiffahrt. stimmt an das Lied vom Luftballon Und singt aus vollen Kehlen! „Uns kann fürwahr kein Erdenstaub Und keine sorge quälen. Wenn Nebelschleier den Planet, Und Last das Herz bedrücken, Dann soll uns unser Luftballon In sonnenschein entrüden. Valleri, Valleral“ nd samstag abend wird gefahren, und wenn sie Lust, Kourage A und einen blauen Lappen übrig haben, können sie mit.“ Mit diesen verheißungsvollen Worten trennten wir uns, mein Freund Dr. B., der verdienstvolle Gründer des Niederrheinischen Vereins für Luftschiffahrt, und ich, der neue Luftschifferaspirant. Nach⸗ mittags waren wir zusammen in Godesberg gewesen, dem reizvollen städtchen am Rhein, Königswinter und den sieben Bergen gegen— über, hatten dem dortigen Gaswerk einen langen Besuch abgestattet mit dem Erfolg, daß die äußerst entgegenkommende Direktion bis zum Wochenschluß ein Zuleitungsrohr für Ballonfüllungen anzulegen ver⸗ sprach, und hatte dann den Rest der Zeit, wie man das immer in Godesberg tut, im schattigen Garten der weltberühmten Lindenwirtin verplaudert, — bei der man immer „keinen Tropfen im Becher mehr hat“. Wir Lustschiffer 1 1 Wir Luftschiffer Es gibt manchmal sätze, die sind so eindrucks⸗-, bedeutungs⸗ und verheißungsvoll, daß man sie mit zu Bett nimmt; so schlief ich denn — es sind bald 4 Jahre her — ein unter dem dauernden Jonglieren mit den 3 Begriffen „Lust“, „Kourage“, „Lappen“; bald war die Lust blau, bald der Lappen, bald die Kourage. Am übernächsten Morgen, es war der bedeutungsvolle Tag, traf vom Gaswerk die telephonische Mitteilung ein, es seien ein Korb und ein Ballen angekommen, gar nicht übermäßig groß, das könne doch unmöglich das Ballonmaterial sein, ich möge doch mal herauskommen. Richtig, da stand ein Korb aus Weidengeflecht, etwa einen Meter hoch, mit einem schönen grünen Plan oben verschnürt, mit aus— gebauchten seitenwänden, und an einer seite konnte man durch 3 kleine Oeffnungen hineinschauen. Das ganze roch nach Gas, Acker⸗ erde und Hanf, ein eigentümliches Gemisch von Gerüchen, aber nicht unangenehm. Mit der sachverständigen Miene des Luftschifferaspiranten — hatte ich ja auch manchen aeronautischen Brocken aus der vorgestrigen Unterhaltung aufgeschnappt — ließ ich den Korb öffnen: oben drauf hing in den Korbleinen schwebend ein grüner sack: Inhalt Ventil; dann kam ein großer Knäuel von seilen und Maschen, das Netz, darunter lag in rundlichen Windungen ein braunes Kokosseil von Kindesarmdicke, das nahm und nahm kein Ende, 120 Meter maßen wir — aha, das schlepptau! Zwischen Netz und schleppseil lag der Ring mit 12 großen abwärts und 24 kleinen aufwärts gerichteten Knebeln. Dann kamen 5 Dutzend grüne mit kräftigen Haken ver— sehene säcke zum Vorschein, 12 davon mit einem weißen Kreuz. „Jeden⸗ falls sollen die 48 unbekreuzigten säcke zum Einhaken in die Netz⸗ maschen dienen, während der Füllung des Ballons, um sein auf⸗ strebendes Begehren zu dämpfen, und die anderen 12 sollen gewiß mit auf die Fahrt genommen werden, diese müssen darum mit ganz fein gesiebtem und künstlich getrocknetem sand gefüllt werden, damit wir die armen Erdlinge da unten nicht totschmeißen. „Nicht wahr, Herr Gasdirektor, sie haben die Güte, dafür sorge zu tragen; in den Fesselsäcken ist ein steinchen oder ein Klumpen nicht so schlimm.“ Nun kam noch ein langer schlauch von 20 Meter zum Vorschein zum Füllen des Ballons, schließlich noch eine lange rote Fahrleine und eine schwarz⸗weiß⸗rote, gedrehte Leine, erstere zum Befestigen an dem Reißstreifen, also die Reißleine, letztere zum Anknoten an dem unteren Teller des Ventils; beide dufteten ganz besonders stark nach Gas; kein Wunder, gehen sie doch vom Pol des Ballons mitten durch das gasgefüllte Innere zum Füllansatz unten heraus. 2 Wie man Luftschiffer wird Den Ballen, der ohne Zweifel die Ballonhülle barg, beschlossen wir nicht zu öffnen, bis der sachverständige Unteroffizier kommen würde, der im Laufe des spätnachmittags den Ballon fertig machen sollte. Auf der grünen Wiese hinter den beiden großen Gasometern ragte schon das neu geschaffene Füllrohr schräg aus dem Erdboden — * — ö r ö D 1 * — 2 be- — — — —ᷣ ᷣ Ballonaufstieg von der salle des Berliner Vereins für Luftschiffahrt in schmargendorf. heraus, wie eine dräuende eingegrabene Kanone. — „All right, ver⸗ ehrter Herr Direktor! Gehen wir noch einen Moment zum Aennchen und trinken wir einen tüchtigen schluck Lindenwein auf frohe, gelungene Fahrt.“ Im schattigen Garten zu Fuß der alten Godesberg⸗Ruine nehmen wir Platz. An unserem Nachbartische raunt man fich zu: „Das ist der Luftschiffer, der heute abend fahren will! Die arme Frau! Wieviel Kinder hat er? Mag er's Genick brechen, der verrückte Kerl!“ O, ihr weisen Philister, wenn man euch damals prophezeit hätte, daß kaum 3 Jahre ins Land gehen würden, bis die meisten von euch es dem „verrückten Kerl“ nachgetan hätten. Den sanguinikern, und zu dieser beneidenswerten Menschenkategorie gehöre ich, fällt ja ein Entschluß immer leichter als den andern Temperamentlern, und sie sind es auch, die wir immer am ersten und sichersten zu unseren Fahrten 3 1* Wir Luftschiffer keilen, die am schnellsten Luftschiffer werden. Der Phlegmatiker hingegen, selbst wenn er längst Mitglied eines unserer 25 deutschen Luftschiffervereine ist, sagt erst fünfmal ab, wenn er zur Fahrt auf⸗ gefordert wird, er kommt wohl auf den Füllplatz, guckt sich alles an und fragt jedesmal dasselbe, ob man in dem kleinen Korb bequem sitzen könne. Werter Phleg⸗ matikus, für dich sind die Zeilen ge— schrieben: „Du brauchst drum doch kein Turner sein, soll'n keine Knochen krachen, Dann mußt du bei der Landung fein Nur einen Klimmzug machen; Das tut dem alten Adam gut, so'n bißchen Akrobaten, Man fühlt nach 14 Tagen noch Die ungewohnten Taten. Valleri, Vallera!“ E un dteut e re lb don, Der Choleriker schimpft natürlich, daß Dwädahene e ern, n', man bei Lenkbaren das Landungsziel ja leinen. RR Ring. KK Korb. vorher weiß, aber auch seine stunde schlägt früher oder später. Nur der Melancholiker steht abseits, sieht in himmelwärts strebenden Aerostaten nur ein neues satanisches Beförderungs— mittel von diesem Jammertal ins Jenseits, er wird nie Luft— schiffer! Und wir wollen ihn auch nicht unter uns haben, damit er uns die stimmung im Korb nicht verderbe, mit dem Himmel— hochjauchzen fröhlicher Luftschiffer verträgt sich kein zum Tode Betrübtsein! Wenn wir dann hoch im Himmelsblau Die warme sonne kosten, Dann singen wir das alte Lied: „Wer lange sitzt, muß rosten.“ Das klingt im weiten Himmelsraum Ganz anders wie auf Erden, Drum, wer recht froh mal leben will, Muß Aeronaute werden! Valleri, Vallera!“ 41 Wie man Luftschiffer wird Noch eins über das Verhältnis vom Temperament zum Luftschiffer werden. Der sanguiniker hat doch seinen Namen davon, daß, wenn er mal Blut (sanguis) geleckt hat, daß er dann nicht mehr zu halten ist. so geht's dem enragierten Luft⸗ schiffet; wenn er seine Fahrt hinter sich hat, dann ist er nicht zu halten, dann will er jedesmal mit hoch, wenn ein Ballon steigt. Ach, dann stellt sich das Luftweh ein, wenn die Umstände die Mitfahrt nicht gestatten, und es nimmt zu, wenn die Gasnahrung unter surren und sommen strömend in das Balloninnere hinein⸗ rauscht, und es erreicht keinen der sr ed unt, Meckel⸗Elberfeld 9. in: schwester beim den glücklichen In⸗ sassen zur Abfahrt bereit steht, wenn die goldene Kugel, vom Abend⸗ sonnenglanz beschienen, sich leise hin- und herwiegt, wenn die seile knarren, der Korb jenen undefinierbaren Mischgeruch von Gas, Acker— erde und Hanf ausströmt, wenn dann das Kommando „Aufziehen“ ertönt, der Füllansatz sich aufruckt, und in majestätischer Ruhe der treue Träger sich hebt. „Glück ab! Glück ab! Ihr Glücklichen!“ Da stehst du dann, du melancholischer sanguiniker, siehst der entschwindenden Kugel nach, bis sie hinter dem zackigen 5 Wir Luftschiffer Drachenfels verschwunden ist, und zerdrückst heimlich ein sehnsuchts— tränlein! — Nachmittags gegen? Uhr — es ist heute Juni⸗Vollmond, also fast bis 10 Uhr hell, — tritt der Unteroffizier, der den Ballon zur Reise rüsten soll, in Tätigkeit, wir stellen ihm aus dem Personal der wackeren Laternenanzünder ein Dutzend Leute zur Verfügung. „Vor allem nicht auf den Ballonstoff treten, wenn wir die Hülle jetzt ausbreiten,“ so beginnt er seine Ermahnung, „und erst mal den Füllplan her zur Unter⸗ lage für die kostbare Hülle.“ Er ist aus segeltuch, fast 20 Meter im Quadrat und wird mit einem Besen erst abgekehrt, damit kein stein⸗ chen oder Körnchen die Ballonhülle ritze. Ist die Hülle ordnungsgemäß, wie ein flacher, runder Eierkuchen — ausgelegt und in ihrer oberen Oeffnung das Ventil eingesetzt, dann tritt der Ballonpfleger von der entgegengesetzten Oeffnung, dem Füllansatz aus, kriechend auf socken, den Weg ins Balloninnere an, um Ventil- und Reißleine von innen zu befestigen. Diese beiden wichtigen Leinen, die mir immer wie Luft⸗ und speiseröhre des Menschen vorkommen, müssen ständig neben⸗ einanderlaufen, und man darf fie nicht verwechseln. Ist die Kriech⸗ expedition beendet, dann wird das vielmaschige Netz über die Hülle gezogen, und a8 sandsäcke à 20 Kilogramm werden rund herum gestellt, um nach Bedarf in die Netzmaschen eingehakt zu werden, so daß das die Ballonhülle überspannende Netz mit nahezu 1000 Kilogramm be— schwert werden kann. Und das ist auch nötig; denn wenn nun auf das Kommando: „Aufdrehen“ der Gasmeister die unterirdische Quelle öffnet, und nun die Ballonspeise durch den wie eine vielgliederige schlange gewundenen Füllschlauch in die Hülle hineinrauscht, dann möchte unser Ballon am liebsten gleich auf und davon! Ach, was ist das für eine herrliche, glückverheißende Musik, dies Rauschen und singen und surren! Und je mehr unsere Hülle schwillt, desto tiefer sinkt die schwarze Haube des Gasometers. Ist der Ballon bis zur Kugelform aufgeblasen, so hört auf das Kommando: „Abdrehen“ augenblicklich das Rauschen auf, und die Füll⸗ schlauchschlange wird matt und immer matter, flacher und flacher, als wenn ihr mit einem Ruck das Rückenmark ausgerissen wäre. Da kommt auch just unser verehrter Führer, er kommt gerade zur rechten Zeit, um durch den Füllansatz in den Ballon hineinzusehen und zu kontrollieren, ob die inneren Leinen klar sind; dann wird der Füll⸗ ansatz mit einem mürben Faden zugebunden, und: wir haben Zeit, uns herzlich zu begrüßen. „Also doch!“ Wie man Luftschiffer wird w m Dillingen durch Wolken gesehen. „Gewiß, und Kourage, Lust und Lappen, alles da!“ „Aber wo ist der zweite Herr Mitfahrer, er wollte auch gegen 8 Uhr zur stelle sein?“ Tut, tut, tut! Auf der nahen Chaussee wird in demselben Augenblick ein staub⸗ aufwirbelndes Auto sichtbar! Das ist er, ich kenne seine Huppe! In einigen Minuten erscheint unser dritter Passagier, in einen Autopelz gehüllt, unter jedem Arm ein großes Etwas, hinter ihm der Chauffeur, ebenfalls schwer beladen. „Um Gotteswillen,“ ruft unser Führer, „soll das alles mit in den Ballon?“ und fängt herzlich an zu lachen, als der also Angeredete etwas gekränkt erklärt, er hätte nur das Allernötigste und zu seinem gewohnten Komfort Unentbehrlichste mitgebracht, als Pelz, gefütterte schuhe, Gummimantel, Besteckkoffer, ein Täschchen, ein Nachthemd, seife, Zahn⸗ und Nagelbürste, Reisenecessaire, ein Plaid, einige Thermosflaschen, photographischen Apparat, Gamaschen, Luftkissen, kleinen ganz leichten sauerstoffapparat zum Atmen in großen Höhen . . .! „Hören sie auf,“ ruft aufs höchste belustigt unser Führer, „wir wollen jetzt mal eine kleine Auswahl treffen; am besten schreiben sich die Herren Mitfahrer für spätere Fahrten auf, was zu einer Aus—⸗ rüstung gehört. Also erstens Instrumente: Kompaß, Barometer, Baro⸗ 7 Boricht fFunrer: en,. — ere, wer lo reis Fahrt dos Ballom luittahrenda: en, , Ie, aue, Hennen, n 2s, eme, Hus 1 na. a Ventil Wind e on n Gaar ort · os timmun⸗s Cor *. . ormnasn 0H) nern,. nin m. . fe, wen hee. Ari! 5, 65 2 2 . eme, e, ö. 6, a e, Gn, 2 4 5 4, Vo . be gh, mere. ,. ö 2, M0 bw bea, G i, dar,, Coenen, fn, 35 ) 4 * . . an, ö 57 n Hauer. Gch, Cr, . r, 2. b 2, Fo 3j s, cb, Hema 440 1.537 6ο 2 ö x J 23 * * ehe . ö 363 24 e ge. . chr = . . . l ; 3. , ,. r , . . . . . ö . * Kw /// K /// , Beispiel eines Fahrtberichts an den Fahrtenausschuß des Berlin Fahrt Ra TV. e. ae, O, 9. . 2 w 9. aws 2 . . Land Art und Ort: — der Fihrt: , ,. — b ' * M 6. 8. XM eds. . 2 . aon lt ang Boaondere Boohacihttungen und abor unter Bemerkungen. Cen. dam Ballon. in, für Luftschiffahrt (links unten Höhenkurve des Barographen). Wir Luftschiffer graph, statostop, oder säckchen mit Papierschnitzeln, Karten von Europa, ein kräftiges Messer — das bringt der Führer vorab mit. Zweitens: Jeder Balloninsasse erscheint im sportanzug, meinetwegen mit Wickel⸗ gamaschen, die halten warm und wiegen nichts, eine richtige blaue Kapitänsmütze, vorn das Verbandsabzeichen, ist ja ganz schön, aber sie muß wirkliche sturmriemen haben, nicht scheinsturmriemen, weniger des sturmes wegen, denn der ist im Korb auf der Fahrt gar nicht vor⸗ handen, weil wir ja selbst gewissermaßen der Wind sind, aber die Kinn⸗ riemen sind nötig, damit man sich die Mütze nicht an den Korbleinen abstößt. Mehr zu empfehlen ist daher eine weiche sportmütze. Ein leichter Mantel genügt, besonders im sommer, im Winter wird der Korb voll Holzwolle gestopft, in die man sich dann hinein- mummelt wie der Maulwurf, nur daß der mit dem Kopf anfängt, und dann ist der leichte Mantel auch ausreichend. Es ist überhaupt eine ganz falsche Meinung, daß es im Ballon im Winter kälter sei als im sommer: Temperatur bis zu 10 Grad unter Null zeigt der Psychrometer auch im sommer bei Höhen von etwa 3000 Meter, aber diese absolute Kälte ist nicht fühlbar, weil jeder Zugwind fehlt. Vielmehr fühlt man recht häufig die Neigung, im sonnenbrand den Rock auszuziehen, und das, während der Atemhauch sichtbar ist, und das Mineralwasser in den Flaschen gefriert. Im Winter hingegen hält sich der Ballon im allgemeinen tiefer, und da ist's dann für gewöhnlich erheblich wärmer als im sommer auf 3000 Meter. Kurzum ein leichter Mantel genügt sommer und Winter für eine gewöhnliche sportfahrt. Nur auf eines achte der Luftschiffer, daß er trockene Füße in den Korb mitbringe, darum sind Gummischuhe zu empfehlen, auch wenn kein Patschwetter ist. Will man noch etwas schützen, so schütze man seine Augen durch eine schneebrille, sehr häufig geht die Fahrt im hellen sonnenschein stunden⸗ lang über weiße Wolkenberge hin, und das blendet auf die Dauer ganz infam. Zur Ausrüstung gehört noch ein gutes Messer, womöglich mit feststehender Klinge, auch mit Korkenzieher, sowie ein oder zwei Trink⸗ becher aus Edelmetall — zum Verlieren, denn dergleichen Kostbarkeiten gehen einem leicht bei der Landung verloren, ob mit oder ohne Hilfe des den Korb umlagernden Publikums, bleibe dahingestellt, oder aus Aluminium, wie man sie aus jedem größeren Bahnhofsautomaten ziehen kann. Als Eßbesteck genügt die fünfzinkige Gabel, das Zahn⸗ bürstel, schwamm und seife in seidenpapier gewickelt, steckt man in die Tasche. Gewöhnliches Wasser zum Waschen wird in Flaschen mit⸗ genommen, das nötigenfalls als Ballast verwendet und nur als solcher gerechnet wird. Man versäume doch ja nicht, Wasser mitzunehmen. Wie erfrischend wirkt so eine Morgentoilette nach durchfahrener Nacht! 16 spiegelung eines Freiballons auf den Wolken, Luftschiffer⸗sonne genannt. Nach Zeichnung von M. A. Tissandier. Wir Luftschiffer so weit des Leibes Notdurft. Und seine Nahrung? — Kalte Bratenschnitten, toter Piepmatz, schokolade, heiße Bouillon im Thermos, alles im Rucksack verpackt, dazu sekt und Rotwein. Flaschen, außer den wertvollen Thermosflaschen sollte man nicht im sitzkorb ver⸗ packen, sondern im Ballastsack außen anhängen, ob mit oder ohne Inhalt, sie zählen eben als Vallast und werden als solcher nötigenfalls ver⸗ wendet. Mithin darf man schon immer ein Püllchen mehr mitnehmen, nur darf es den freundlichen spender nicht grimmen, wenn die Bouteille unter Umständen hinausgepfeffert wird, ohne ihren eigentlichen Labe⸗ zweck erfüllt zu haben.“ Dies ebenso interessante wie wichtige kleine Luftschifferkolleg unseres werten Führers über die Ausrüstung des sportballonfahrers hatte zur Folge, daß unser zweiter Mitfahrer sich von einem erklecklichen Teil seines mitgebrachten Hab und Gutes trennte. Inzwischen war der Korb angeknebelt, und alles so weit in Ordnung, daß der Ballon hätte hochgelassen werden können. Da es aber erst 9 Uhr war, die Fahrt erst kurz vor Mitternacht angetreten werden sollte, das Gas sich aber in der Abendtkühle erfahrungsgemäß zusammenzieht, und so im Ballon⸗ innern ein ungefüllter Raum entsteht, wurde der Ballon durch seine Fesselsäcke so tief am Boden gehalten, daß der Füllansatz durch den Füllschlauch noch mit der Gasquelle in Verbindung blieb, um im letzten Augenblick vor der Abfahrt noch einen schuß Gas hineingeben zu können. Die Zwischenzeit wurde mit einem solennen Abendessen ausgefüllt. Als wir gegen 412 Uhr zum Füllplatz hinauswanderten, sahen wir schon von weitem, wie sich die gelbe Kugel unseres Gefährtes zwischen den beiden schwarzen Gasometern leicht hin und her wiegte. Freund Luna, der im vollen Glanze am Nachthimmel strahlte, schien ein ganz erstauntes Gesicht zu machen, als wollte er sagen: „Haben sich denn die Godesberger einen eigenen Mond angeschafft?“ schnell waren die letzten Vorbereitungen getroffen, zuversichtlich, mit dem Gefühl völligster sicherheit, bestiegen wir zwei zum erstenmal den Korb! Zehn Minuten vor Mitternacht! „Laßt los!“ Langsam, ganz sacht erheben wir uns in die silberne Vollmonds⸗ nacht hinein. „Glück ab!“ ruft man uns herauf, und wir winken unsere letzten Abschiedsgrüße hinunter. Da liegt nun die mondscheinbeschienene Rheinebene unter uns: kein Wölkchen steht am Nachthimmel, ruhig blinken die sterne, ruhig fließt der Rhein, still ist's im städtchen unter uns; nur da, wo die schwarze Lindenwirtin studenten und Nicht— studenten manch vollen Humpen kredenzt, dort ist noch Leben, unter 12 Wie man Luftschiffer wird schatten des Ballons auf einer Wolke. schattigen Bäumen sitzen sie am Fuß der alten Ruine, trinken, singen und schwärmen nach alter, guter deutscher sitte. Alles das können wir deutlich von oben wahrnehmen: schweben wir doch kaum 50 Meter über der Erde hin. schon grüßen von der anderen Rheinseite die Lichter von Königs⸗ winter herüber, und hinter dem frohen städtchen, das alle Tage sonntag hat, tauchen majestätisch in edlen Linien die sieben Berge auf: voran der trotzige Drachenfels, vom Mondlicht zauberhaft beschienen, und vor uns der Rolandsbogen. Vom Klosterturm der Klosterinsel schlägt die zwölfte stunde. In den Gebüschen des Kloster— gartens singt die Nachtigall, dazwischen wie ein herber Kontrast krächzen Eule und Uhu, die wohl durch die zwölf schläge ermuntert wurden. Der Mond über uns scheint so hell, daß wir nicht nur die Barometerablesungen ohne elektrisches Glühlämpchen machen, sondern wir sehen auch den schatten unseres Ballons über den Rodderberg geheimnisvoll dahinhuschen, und an einer besonders günstigen stelle umgibt sich der Ballonschatten mit einem wundersamen Farbenspiel, es ist die Mondaureole, ein Phänomen, das sich nur ganz selten dem Luftschiffer zeigt. Es ist wie im Märchen, keiner spricht, jeder hängt sich in die Korbseile und schwärmt still vor sich hin. 13 Wir Luftschiffer Die Eisenbahnzüge unter uns links und rechts vom strome eilen rollend dahin; oft verschwindet für einige sekunden das Zuggeräusch, dann war's ein Tunnel, der die Lichterschlange in seinem dunklen Gange barg. Ueber friedliche Dörfer eilen wir hinweg, der Bauer ist längst zur Ruhe gegangen, ruft ihn doch der Heuschnitt am andern Morgen früh zur Arbeit. Hinter dem Dorf geht's über einen Wald hinweg, die Halteleinen streifen die Baumkronen, das Rascheln erschreckt das ruhende Wild, Rehe und Kitzen treten aus auf das mondbeschienene Ba / on - Mac hr. Fsosors oOlinen] Morel d aon. q o νάrbN1mimec ae, / haber & aoꝛamnro uiapa pour ceuact u cupe l — m — — — Vagloce. to / & icli oe: Lorανά bulomnoü. ned oter ut! Ballonnachricht. Hülle aus wetterfestem Papier mit sandsäckchen. Feld, und eine Kette Hühner wird durch den unerwarteten Besuch aus dem vollen Kornfeld aufgescheucht. Im Teiche hinter dem Dorf halten die Frösche eine Konzertprobe; in den sologesang einzelner besonders begnadeter sänger fällt von Zeit zu Zeit der gemischte Chor ein. Bald nach 2 Uhr kündet sich der neue Tag an durch einen matt schimmernden streifen im Osten. Im Tal unter uns beginnen die Nebel zu brauen, nur einzelne Felsen ragen noch aus dem Gewoge heraus; bald sind auch die letzten spitzen verschwunden und eine regel⸗ rechte Wolkendecke hat sich gebildet, über der wir nun einherfahren 14 Wie man Luftschiffer wird wie über einen weißen Teppich; wir haben das Gefühl, auf diesem wolkigen Teppich könnte man wandern, ohne einzusinken, und weich und mollig müsse er sein, wie das Fell eines Eisbären; so erwarten wir das aufgehende Gestirn. Der östliche Horizont schimmert stufenweise in allen schattie⸗ rungen von blaßblau bis purpurrot. Rot⸗ golden erscheint endlich der sonnenball, gleichzeitig bilden sich auf dem Wolkenmeer Risse und Löcher wie Flüsse und seen, es ist kein Zweifel, die sonne behält die Oberhand und wird in kurzer Frist die leichte Wolkendecke zerreißen und verjagen. Unter uns aber erwachen mit dem ersten sonnenstrahl die sänger in Wald und Feld, der Kuckuck im Zweitakt eröffnet den Reigen, sein Ruf ist wie das signal für alle die tausend andern gefiederten sänger, und bald jubiliert und tiriliert das ganze Orchester. Der Ballon sagt jetzt dem Rheintal ade und strebt dem vulkanischen Teil der Eifel zu. Da liegt unter uns der Laacher see mit seiner berühmten Abtei, eben ruft die Frühglocke die frommen Mönche zur ersten Messe; spiegelglatt und dunkel liegt flnller llletes Kuvert wird gebeten, inliegendes Telegramm sofort beim nächsten Amt aufzugeben und die Telegraphengebũhr auszulegen. Es wird ferner gebeten, genau beizufügen, wann und wo er das Kuvert gefunden hat, und das Telegramm mit seinem Namen und voller Adresse 2u unterzeichnen, damit ihm das Geld, das er für die Vebermittlung verauslagt hat, sofort zurũckerstattet werden kann. Ausserdem erhält der freundliche Ab- sender ein Honorar von dre Mark. Telegraphische Mitteilung über etwaige Beobachtung von Ballons gleichfalls erwũnscht, ob und wann Ballon gesehen, in welcher Richtung flie- gend etc. Instruntion für Finder eines ausge⸗ worfenen Telegramms. In 6 syrachen auf dem Umschlag angebracht. der Kratersee zu unseren Füßen, kaum regen sich die Baumwipfel an seinen Ufern. Langsam, ganz langsam ziehen wir weiter, über die düsteren Eifelmaare hinweg, dazwischen liegen freundliche Dörfer, alte Ruinen und kleine städtchen. Aus unserer Höhe erscheint uns alles wie spielzeug, das aus der schachtel entnommen und zierlich, anmutig aufgebaut wurde. Aus der schmiede tönt noch das lustige Kling⸗Klang herauf, auch noch der Pfiff der Lokomotive vom Bahnhof unter uns, sonst ist's still um uns, ganz still. Die liebe sonne meinte es gut mit uns und zog uns im Laufe des Vormittags näher und näher zu sich heran. Immer weiter dehnte sich der Blick. Jetzt schwebten wir über luxemburgischem Gebiet, dort waren die belgischen Lande. In der Fahrtrichtung vor uns erschien 165 Wir Luftschiffer so weit des Leibes Notdurft. Und seine Nahrung? — Kalte Bratenschnitten, toter Piepmatz, schokolade, heiße Bouillon im Thermos, alles im Rucksack verpackt, dazu sekt und Rotwein. Flaschen, außer den wertvollen Thermosflaschen sollte man nicht im sitzkorb ver⸗ packen, sondern im Ballastsack außen anhängen, ob mit oder ohne Inhalt, fie zählen eben als Ballast und werden als solcher nötigenfalls ver⸗ wendet. Mithin darf man schon immer ein Püllchen mehr mitnehmen, nur darf es den freundlichen spender nicht grimmen, wenn die Bouteille unter Umständen hinausgepfeffert wird, ohne ihren eigentlichen Labe⸗ zweck erfüllt zu haben.“ Dies ebenso interessante wie wichtige kleine Luftschifferkolleg unseres werten Führers über die Ausrüstung des sportballonfahrers hatte zur Folge, daß unser zweiter Mitfahrer sich von einem erklecklichen Teil seines mitgebrachten Hab und Gutes trennte. Inzwischen war der Korb angeknebelt, und alles so weit in Ordnung, daß der Ballon hätte hochgelassen werden können. Da es aber erst 9 Uhr war, die Fahrt erst kurz vor Mitternacht angetreten werden sollte, das Gas sich aber in der Abendkühle erfahrungsgemäß zusammenzieht, und so im Ballon⸗ innern ein ungefüllter Raum entsteht, wurde der Ballon durch seine Fesselsäcke so tief am Boden gehalten, daß der Füllansatz durch den Füllschlauch noch mit der Gasquelle in Verbindung blieb, um im letzten Augenblick vor der Abfahrt noch einen schuß Gas hineingeben zu können. Die Zwischenzeit wurde mit einem solennen Abendessen ausgefüllt. Als wir gegen 412 Uhr zum Füllplatz hinauswanderten, sahen wir schon von weitem, wie sich die gelbe Kugel unseres Gefährtes zwischen den beiden schwarzen Gasometern leicht hin und her wiegte. Freund Luna, der im vollen Glanze am Nachthimmel strahlte, schien ein ganz erstauntes Gesicht zu machen, als wollte er sagen: „Haben sich denn die Godesberger einen eigenen Mond angeschafft?“ schnell waren die letzten Vorbereitungen getroffen, zuversichtlich, mit dem Gefühl völligster sicherheit, bestiegen wir zwei zum erstenmal den Korb! Zehn Minuten vor Mitternacht! „Laßt los!“ Langsam, ganz sacht erheben wir uns in die silberne Vollmonds—⸗ nacht hinein. „Glück ab!“ ruft man uns herauf, und wir winken unsere letzten Abschiedsgrüße hinunter. Da liegt nun die mondscheinbeschienene Rheinebene unter uns: kein Wölkchen steht am Nachthimmel, ruhig blinken die sterne, ruhig fließt der Rhein, still ist's im städtchen unter uns; nur da, wo die schwarze Lindenwirtin studenten und Nicht⸗ studenten manch vollen Humpen kredenzt, dort ist noch Leben, unter 12 Wie man Luftschiffer wird schatten des Ballons auf einer Wolke. schattigen Bäumen sitzen sie am Fuß der alten Ruine, trinken, singen und schwärmen nach alter, guter deutscher sitte. Alles das können wir deutlich von oben wahrnehmen: schweben wir doch kaum 50 Meter über der Erde hin. schon grüßen von der anderen Rheinseite die Lichter von Königs—⸗ winter herüber, und hinter dem frohen städtchen, das alle Tage sonntag hat, tauchen majestätisch in edlen Linien die sieben Berge auf: voran der trotzige Drachenfels, vom Mondlicht zauberhaft beschienen, und vor uns der Rolandsbogen. Vom Klosterturm der Klosterinsel schlägt die zwölfte stunde. In den Gebüschen des Kloster— gartens fingt die Nachtigall, dazwischen wie ein herber Kontrast krächzen Eule und Uhu, die wohl durch die zwölf schläge ermuntert wurden. Der Mond über uns scheint so hell, daß wir nicht nur die Barometerablesungen ohne elektrisches Glühlämpchen machen, sondern wir sehen auch den schatten unseres Ballons über den Rodderberg geheimnisvoll dahinhuschen, und an einer besonders günstigen stelle umgibt sich der Ballonschatten mit einem wundersamen Farbenspiel, es ist die Mondaureole, ein Phänomen, das sich nur ganz selten dem Luftschiffer zeigt. Es ist wie im Märchen, keiner spricht, jeder hängt sich in die Korbseile und schwärmt still vor sich hin. 13 Wir Luftschiffer Mit einem entschieden etwas lauernden Blick entschließt sie fich zur Unterschrift und streicht ihre 60 Francs ein, um sich schleunigst zu entfernen. Das Publikum ergreift sichtlich für uns Partei und gönnt der Alten den Raub nicht. Mit derselben seelenruhe, mit der er die geforderte summe bezahlte, gibt sich nun unser Führer daran, ein Loch in die Erde zu graben und füllt mit der kostbaren Erde einen Ballastsack zur Hälfte. „Wofür das?“ fragen die Umstehenden. — „Ach, nur ein Pröbchen für den deutschen Konsul in Antwerpen, anders nichts!“ Aber einer muß es hinterbracht haben, denn als wir nach halb⸗ stündiger Fahrt mit unserem Ballon am Bahnhof eintreffen, stellt fich uns ein Herr vor als sohn der vorstädtischen Matrone, überreicht uns mit vielen Entschuldigungen die 60 Francs und bittet um Rückgabe der Quittung, gleichzeitig entleert unser Führer mit einer gewissen Feierlichkeit den Karottensack. Daß alle im Ausland landenden Deutsche selbstverständlich für preußische Offiziere angesehen werden, bedarf wohl kaum der Er⸗ wähnung. Und nun ein Gegenstück, ein Landungserlebnis im deutschen Vaterland, im verschneiten Waldgebirge. Wegen starken sturmes hatte der Führer eine Waldlandung machen müssen. Der Korb saß fest eingekeilt zwischen zwei gewaltigen Fichtenstämmen, über uns aber breitet sich die gelbe Ballonhülle aus wie ein schützendes Dach; so sitzen wir ganz malerisch in einer selbst—⸗ geschaffenen Waldhütte, aber unser Führer zieht ein bedenkliches Gesicht! Wir verstehen ihn! Zwar sind die Bäume nicht übermäßig hoch, aber der Fichtenbestand ist so eng, daß der Korb sich überhaupt nicht rühren kann. Wir klettern über den Korbrand heraus und sinken in meterhohen schnee. Nun, das kann gut werden, außerdem ist's 4 Uhr vorbei und in einer stunde dunkel. Langsam stapfen wir voran auf eine schneise hinaus; wir horchen tund herum, ob wir nicht die Axt eines Holzfällers vernehmen möchten oder sonst irgend einen menschlichen Laut. Nichts von alledem. Also voran, auf gut Glück! Jetzt pfeift uns der Wind gehörig durch die Rippen, aber der anstrengende Marsch macht warm. Endlich sehen wir durch die Baumzweige den Rauch eines Hauses oder einer Hütte aufsteigen, noch ein paar stapfen, und wir sind am Garten eines Forsthauses, und dies selbst liegt an einer breiten Chaussee. Wir klopfen an die offene Hintertür, kein Mensch gibt Antwort, auch kein Hund verwehrt uns den Eintritt; wir gehen um das Haus herum und pochen ordnungs⸗ mäßig an die ebenfalls nur angelehnte Haustür, auch hier keine 18 Wie man Luftschiffer wird. Ballon nach Ziehen der Reißleine. Antwort; so entschließen wir uns, einzutreten; alle stuben sind geöffnet, wer soll auch in dieser Waldeinsamkeit stehlen, wer kommt überhaupt zu dieser Winterszeit nach Hüttgeswasen auf den Erbeskopf? Trotzdem uns die gemütliche Wärme der stube sehr anheimelt, treten wir doch wieder ins Freie, wir wollen nicht als freche Eindring⸗ linge erscheinen; werden wir doch noch genug Liebenswürdigkeit und Ueberredungskunst aufzubieten haben, um Hilfe zu bekommen. Ein Pferd hat der Förster nicht, auch keine Karre, was soll das geben? Da kommt auf der Chaussee um die Waldecke ein schlitten⸗ gefährt: ein müder schimmel zieht ein kleines, wackliges Gestell, nebenher schreitet ein uniformierter stephansjünger. Armer schimmel! Du bekommst heute noch was zu ziehen. Denn daß wir das Gefährt, und wenn's auch noch so armselig ist, uns nicht entgehen lassen, das steht fest; nötigenfalls wenden wir Gewalt an. „Ei, guten Tag, Herr Postrat, was haben sie einen feinen schimmel,“ so schmeicheln wir, ihm gleichzeitig eine gute Zigarre und einen schluck aus der Kognakflasche bietend, was beides dankend angenommen wird. „Gehört das prächtige Tier Ihnen?“ „Nein, dem kaiserlichen Posthalter in Birkenfeld, es ist ein Dienst⸗ pferd und hat die Landpost zu besorgen.“ „Nun, dann wollen sie sich bitte überzeugen, daß dieser Frachtbrief“ — und damit halten wir ihm den rotumränderten Eilfrachtbrief unter die Nase — „mit dem siegel des Königlich Preußischen Luftschiffer— bataillons versehen ist; hier nahe im Walde hängt ein Militärballon“ (die Lüge war insofern nicht groß, als für den Kriegsfall ja alle unsere Ballons dem Kriegsministerium zur Verfügung stehen, wofür wir schon 18 2. Wir Luftschiffer in Friedenszeiten die Ermäßigungen des Militärtarifs genießen) „und ich requiriere hiermit schlitten und schimmel bis zum Abend; die Verantwortung Ihrer Behörde gegenüber übernehme ich ebenfalls; nehmen sie Ihre Briefschaften und Postsachen und gehen sie zu Fuß voraus; für diesen Weg haben sie zunächst diese 10 Mark.“ Diesem sicheren Befehl gegenüber wagte der Reservemann nicht zu trotzen, ja er nahm sogar eine dienstliche Haltung an. „Und nun sagen sie noch, wie weit ist's bis zur nächsten Bahn—⸗ station?“ „Eine stunde bis zum nächsten Gasthof, dann weitere zwei stunden bis zum nächsten Dorf und dann noch eine stunde bis nach Birkenfeld⸗Bahnhof; aber bei dem hohen schnee wird's wohl etwas langsamer gehen.“ Nette Aussicht das! Aber nur nicht verzagen! Inzwischen war der Förster aus dem Walde heimgekehrt, ein Hüne von Gestalt, und eine stimme wie eine Meeresbrandung! Eine prächtige Erscheinung, zum ganzen Bilde passend! Mit seinen blitzenden Augen unter buschigen Brauen musterte er uns einen Augenblick prüfend, dann lud er zum Eintreten ein, und hängte die Büchse an ein Rehgeweih im Hausflur. Wir baten ihn, die paar hellen Minuten noch zum Herunterholen der Hülle zu benutzen, und fragten nach Waldarbeitern. Ohne Antwort zu geben, ging er vor die Haustüre, ließ auf 4 Fingern einen lauten Pfiff ertönen. „Wieviel Mann brauchen wir?“ fragte er, mit den Fingern zwischen den Zähnen; „wenn wir alle mit anpacken, etwa vier.“ Darauf ließ er noch drei Pfiffe ertönen. „In 10 Minuten werden die Leute hier sein und was soll der schimmel?“ „Der soll unsern Ballon nach Birkenfeld bringen, und wenn's geht, hier bei Ihnen im Kuhstall noch etwas futtern.“ so ging denn unser braver Postschimmel ganz friedlich in den warmen Kuhstall, sichtlich erfreut über die ungewohnte Abkürzung seiner Tour. Ach du ahnst es nicht! Wirklich trafen im Verlauf von noch nicht 10 Minuten 4 kräftige Holzknechte ein, säge und Beil auf dem Rücken. Das gab dann ein staunen, als wir auf den Landungsplatz kamen; auch gab's für jeden ein Butterbrot aus dem Proviantkorb, dann aber ging's frisch an die Arbeit, nicht ohne daß wir vorher die rauhen Waldleute inständigst gebeten hatten, am stoff nicht zu reißen und zu zerren und vor allem nicht mit ihren Nägelschuhen darauf zu treten! Und wirklich ist es uns geglückt, den Ballon aus den allerdings nicht hohen und sehr bieg—⸗ samen Fichten heraus zu bringen ohne den geringsten Kiß! Wahrhaftig eine Leistung! Für den Transport des Korbes mußten wir erst eine 20 Wie man Luftschiffer wird. „Glatt gelandet“ (siehe s. 17). schneise hauen, und ordnungsmäßig haben wir den Ballon erst auf der Chaussee verpacken können, den schlitten haben wir bis dahin selbst gezogen. Auch war uns klar, daß der magere schimmel die 400 Kilo allein nicht hätte ziehen können; seine Kuh vorspannen, lehnte der Förster ab; so erbaten wir uns denn die 4 Holzknechte mit auf den Weg. Gegen die Verpackungsordre mußten wir die Hülle über den Korb türmen, weil der schlitten zu klein war; nun schwankte diese Last nach vorn und hinten, links und rechts. Um ein Herabfallen zu verhüten, wurde quer darüber ein langes seil gelegt mit zwei freien Enden; wollte nun der Ballon nach links purzeln, dann zog der rechte Mann, und umgekehrt; so sind wir denn unter unsäglichen Mühen und Beschwerden nach sechsstündigem Marsch, kurz vor Mitternacht am Bahnhof eingetroffen. Im allgemeinen, so muß man sagen, wird der landende Luft— schiffer mit Freundlichkeit und Zuvorkommenheit aufgenommen. Hier und da versucht ein Bauer wohl mal etwas mehr herauszuschlagen in Erinnerung an unverdiente Manöverentschädigungen, da heißt's dann: diplomatisch vorgehen. Man kann z. B. verlangen, daß der schaden amtlich beglaubigt wird, das bewirkt in vielen Fällen schon eine Depression der Forderung. Vor allem zeige sich der Führer nicht unerfahren in der Beurteilung: er schreite das zertretene Feld ab und 21 Wir Luftschiffer stelle die Anzahl Quadratmeter fest, dann die Bepflanzung, ziehe dann die Tabelle für Höchstentschädigungen der Hagelversicherung heraus und biete den sich ergebenden satz, aber keinen Pfennig mehr. solche sachkenntnis imponiert dem Besitzer. Immer weise man dabei darauf hin, daß man selbstverständlich für den angerichteten schaden in vollem Umfang aufkomme, aber auch nicht darüber. Zur Hilfeleistung beim Einpacken nehme man 5 Mann, bezeichne dieselben ausdrücklich, und betone dabei, daß, wer sonst helfe, freiwillig hilft ohne Bezahlung. Korrektes, sicheres, zielbewußtes, ruhiges Handeln ist ein unbedingtes Erfordernis, find doch oft die Verhand⸗ lungen mit dem Publikum bei der Landung für den Führer eine weit schwerere Aufgabe als die Führung des Ballons es war. Eine große Hilfe bei der Expedition des Ballons auf dem Bahnhof ist das jedem unserer Frachtbriefe in dankenswerter Weise beigedrückte siegel des Königl. Preuß. Luftschifferbataillons. Die stationsvorsteher, meist alte soldaten, sind sofort entgegenkommend, wenn sie es sehen, be⸗ fördern bereitwilligst Telegramme mit dem Diensttelegraphen und lassen uns, wenn irgend möglich, ein Abteil anweisen, in dem man sich nach der ermüdenden Fahrt und Landung strecken, ausruhen und seine Gedanken und Eindrücke sammeln kann. Was bringt man nicht alles mit nach Hause an eigenartigen Ein⸗ drücken, köstlichen Episoden und Details! Dann setzt sich der nun wirklich zum Luftschiffer gewordene Aspirant hin und beschreibt seine Fahrt, um in der nächsten Vereinsversammlung seine Erlebnisse mit berechtigtem stolz vorzutragen. Diese frisch geschriebenen Fahrt⸗ berichte von Neulingen, mit denen die Vereinssitzungen im deutschen Luftschifferverband gewöhnlich eröffnet werden, tragen zur Verbreitung des allerschönsten sports ein erhebliches bei. Mancher, der noch zögert mit der Ausführung des Entschlusses, Luftschiffer zu werden, und dann vernimmt, was Herr B. erlebt und für Heldentaten aus—⸗ geführt hat, sagt sich: Wenn der das kann, kann ich das auch! und — meldet sich zur nächsten Fahrt. Fühlt man etwas literarisches Talent in sich, und feilt an dem Bericht herum, bis er geeignet erscheint, für die Publikation im Lokalblättchen oder gar einer größeren Zeitung, dann hat man ein Weiteres zur Ausbreitung der Luftschiffahrt getan. Flott geschriebene Fahrterlebnisse liest jeder Leser gern, und es sind Fälle bekannt geworden, wo eine besorgte Gattin oder Mutter dem Mann oder sohn die betreffende Nummer des Leibblattes vorent—⸗ halten oder verschwinden lassen hat, bloß weil „was vom Ballon“ darin stand. 22 Wie man Luftschiffer wird. Nun noch ein Wort über die Rückwirkung des Ballonfahrens auf das Berufsleben, Gemüt und Charakter. Da fallen mir die Worte ein: „Wem vom Beruf die seele matt, Wem sonst der Mut verdrossen, Der steige flugs zum Himmel an Auf luft'gen Leitersprossen; Wem durch die Ader matt das Blut Im schneckentempo schleichet, Dem jauchzet froh das Herz, wenn er Durch blauen Aether streichet — Valleri, Vallera!“ so ist's! — Körperliche, geistige und seelische Frische bringt man heim von jeder Fahrt und kann diese kostbare Münze im Alltagsleben umwechseln und ausgeben. Was horchen meine schulbuben, wenn ich ihnen von der letzten Ballonfahrt erzähle! Und wenn die Geheim⸗ nisse des Pythagoras oder das Ausziehen der Kubikwurzel gar nicht in die jugendlichen schädel hinein wollen, dann genügt der Hinweis: „Jungens, wenn ihr gut aufpaßt, erzähle ich euch am schluß der stunde von der Fahrt! Ihr dürft bei der nächsten Fahrt am samstag nachmittag festhalten helfen!“ Dann reißen sie sich zusammen, und der versprochene Lohn wird ihnen nicht vorenthalten. Alles in allem: Es gibt keinen sport, der gesünder, herzerquickender, anregender, bildender ist, wie die Luftschiffahrt, drum sorge, verehrter Leser, ver— ehrte Leserin, schnell, daß auch du Luftschiffer wirst! Nach getaner Arbeit ist gut ruhen. 23 In der Werkstätte des Ballons. Von Hans scherle, Mitinhaber der Riedingerschen Ballonfabrik in Augsburg. Wie entsteht ein Ballon? Im Konstrultionsbureau einer Ballonfabrik. süllenstoffe. Berechnung von Inbalt und Auftrieb. Die Gummierung der Ballonhülle. Einfache und doublierte stoffe. Gummi und Firnis. Goldschlägerhaut und seide. Im technischen Bureau und im Laboratorium. stontrollapparate für Gasdichtigteit. In den Konfeltionssalen. Ballontörbe. Die Prüfung fertiger süllen. Erfolge deutscher Ballonfabrilate. ie heute kein Unternehmen der Technik ohne wissenschaftliche MW Grundlagen auf der Höhe der Zeit stehen kann, so finden wir in den modernen Ballonfabriken reiches fremdes und eigenes wissenschaftliches Material ausgearbeitet vor, seien es literarische Arbeiten in Büchern und Zeitschriften, seien es wissenschaftliche eigene Erhebungen und Versuche, denen sich noch praktische Versuche anschließen. Die Bibliothek einer solchen Fabrik ist daher ein Raum, von dem aus wir wie von einem geistigen Zentrum am besten einen Rundgang antreten, der uns das technische Werden eines Aerostaten vor Augen führen soll. Die Bibliothek ist mit allerlei Büchern und Fachzeitschriften, Zeich⸗ nungen und skripturen angefüllt. Aufs Geratewohl nehmen wir eine der letzten Nummern des in Paris erscheinenden ‚‚Asrophile“ zur Hand und sind darüber frappiert, daß den weitaus größten Raum die Berichte über Flugmaschinen, über Versuche und Konstruktionen von Aeroplanen einnehmen, wogegen Besprechungen über den Ballonsport fast eine Ausnahme bilden. Fast täglich ersehen wir auch aus unserer ein⸗ heimischen Tagespresse, daß kaum etwas mehr zu interessieren scheint, als die stets wachsenden Erfolge der Gebrüder Wright, die ihre Tätig⸗ keit nach Frankreich verlegt haben. Ja, wie übt Paris fortwährend seinen verführerischen Zauber auf alle Erfinder aus. Dort stand die Wiege der Luftschiffahrt, dort leistete sie dem Lande einen ersten und ganz hervorragenden Dienst durch Beförderung von ca. 100 Passagieren, die in 68 Ballons im Jahre 1870 die eingeschlossene stadt verließen, darunter Gambetta, der dann durch Bildung der französischen südarmee den Krieg um Monate verlängerte und uns weitere schwere Opfer verursachte. In Paris entstand im Jahre 1883 der erste Motorballon von Renard und Krebs, der vorbildlich für alle Motorballons geworden ist und der sich nur wegen Mangel an einem passenden Motor nicht weiter entwickeln 24 In der Werkstätte des Ballons mn m . 1 il 1 ö 1 . f Das schneiden des Ballonstoffes. konnte. Dort war es auch, wo Daimler für seine Benzinmotoren zuerst fruchtbaren Boden fand, und wo santos Dumont, der Argentinier, als Erster die deutsche Erfindung bei seinen Motorballons praktisch zur Geltung brachte. Wir werfen noch einen Blick auf einige alte schriften und Kupferstiche, die sich auf Luftschiffahrt beziehen, und schreiten dann weiter in ein anderes geistiges Zentrum der großen Fabrikanlage, in das Konstruktionsbureau, wo auf Grund von Berechnungen die Ballons aufgezeichnet und die schablonen entworfen werden. Wir hören da, daß der Berechnung der Ballons die Frage nach deren Verwendungsdauer vorausgeht, weil sich darnach die Auswahl der passenden stoffe wie deren Dichtung richtet. Handelt es sich um Ballons, mit denen nur wenige Fahrten oder nur Versuchsfahrten ge⸗ macht werden sollen, dann kommen einfache stoffe zur Verwendung, auch genügt als Dichtungsmittel Firnis. Für Ballons, die wirtschaftlich arbeiten müssen und deren Hüllen solange als möglich halten sollen, wird doublierter stoff verwendet, bei dem zur Dichtung eine Lage Kautschuk dient. Ganz kleine Versuchsballons werden aus Goldschlägerhaut her⸗ gestellt, oder aus ganz dünnen Gummihäuten mit , Millimeter Dicke. Letzteres Material wird auch zu den Aßmannschen Registrierballons 25 Wir Luftschiffer verwendet, die sich bis zu ihrem doppel⸗ tem Durchmesser aus⸗ dehnen, dabei das achtfache Volumen einnehmen und be⸗ fähigt sind, Höhen bis zu 26 000 Meter zu erreichen. Zur Berechnung des Inhalts der Ballons wird in der Regel mit einem Auftrieb von 0,7 Kilo bei Füllung mit Leuchtgas und 1,1 Kilo bei Verwendung von chemisch reinem Ventilmacher bei der Arbeit. Wasserstoff gerechnet, bei nicht ganz reinem mit nur 1 Kilo. Kleinen Unterschieden in den Ausfstieghöhen und Temperaturen ist dabei bereits Rechnung getragen. Größere Höhenunterschiede machen sich durch Abnahme des Auftriebs bemerkbar; bei ca. 2000 Meter Höhe beträgt der Minderauftrieb schon ca. 20 pCt. Der Berechnung der Auftriebskraft der Ballons muß die Auswahl der Ballonstoffe vorausgehen, von denen dem Konstrukteur stoffgewichte von 80 Gramm pro Quadratmeter bis 350 Gramm zur Verfügung stehen. In der Regel kommen solche mit ca. 270 Gramm pro Quadrat- meter zur Verwendung. Wir haben nun des weiteren Gelegenheit, die Herstellung der gummierten stoffe für die Ballonhülle selbst zu beobachten. Hierzu dient die streichmaschine. sie besteht aus einem eisernen, aus Rahmen zusammengebauten Gestell von ca. 1,5 Meter Breite und ca. 4 Meter Länge. Auf der einen stirnseite ist auf diesem Gestell ein konischer Trog aufgeschraubt zur Aufnahme der Gummilösung, die über eine Walze nach unten abfließt, regulierbar durch ein Messer in der ganzen Breite der Maschine. Der zu gummierende stoff läuft auf Walzen unter dem Ausfluß der Gummilösung durch und passiert dann zum Trocknen eine Anzahl Platten, die mit Dampf geheizt werden. Nach ca. 10⸗ bis 12maligem Durchgang des stoffs unter dem Trog ist 26 In der Werkstätte des Ballons Das Nähen der Hülle. die Gummierung beendet. Zur Erhöhung der Lebensdauer des Kaut⸗ schuks ist ihm ca. 10 bis 15 pCt. schwefel zugesetzt. Einfache stoffe werden mit ca. 100 Gramm pro Quadratmeter gummiert, Ballons von größerem Durchmesser erfordern die Ver⸗ wendung doublierten stoffs, der, wie schon der Name sagt, aus zwei zusammengewalzten einfachen stoffen besteht. In der Musterkollektion von verschiedenen gummierten Geweben sehen wir stoffe, die im Preise von ca. 10 bis 12 Mark pro Quadrat⸗ meter variieren. Weitaus billiger stellen sich die Kosten der gefirnißten stoffe. Firnis ist abgekochtes Leinöl, das bei Einzelherstellung der Ballons mit einem schwamm oder breiten Pinsel auf die fertige Hülle aufgetragen wird, die erste Lage mit durch Benzin verdünntem Firnis. Nach Trocknung des ersten Anstrichs wiederholt sich dieser Prozeß 6⸗ bis smal. Da die Trocknung abhängig von der Witterung ist, können unter Umständen mehrere Monate vergehen, bis eine Firnishülle wirklich trocken ist. Bei größerem Bedarf an derartigen stoffen geht der Ballonbauer zur maschinellen Firnissung über, wobei der stoff mittels eines Walzenpaars durch ein Firnisbad gezogen wird. Die gefirnißten stoffe gelangen dann zur Konfektion, worauf die Nähte nachgefirnißt werden. Kleine Ballons für Versuche werden aus Goldschläger— 27 Wir Luftschiffer häuten hergestellt, die aber in mindestens 2 Lagen übereinander⸗ geklebt werden müssen. Größere Ballons erfordern ca. 7 Lagen, wie beispielsweise die englischen Militärballons, die bei 280 Kubikmeter Inhalt ca. 10 800 M. kosten. Unabhängig von der Wahl des zur Verwendung gelangenden Ballonstoffs geht die Aufzeichnung der schablonen vor sich. sie bestehen aus starkem Zeichenpapier und stellen die einzelnen Bahnen dar, aus denen die Hülle zusammengesetzt wird. Ihre Berechnung beruht auf der Abwicklung der Kreisoberfläche in eine Ebene, wobei als Richt⸗ schnur die Einhaltung der zur Verfügung stehenden stoffbreite dient. In der Regel kommen stoffe mit ca. 1,30 Meter Breite zur Ver— arbeitung. Bei Ballons aus seide, wie solche in Frankreich noch viel⸗ fach verwendet werden, muß aber mit stoffbreiten von nur 0,9 Meter gerechnet werden. Die schablonen werden zuerst in kleinem Maßstab aufgezeichnet, dann in Naturgröße ausgearbeitet. sie bilden ein sphärisches Zweieck, das behufs rationeller Ausnützung des stoffs in der Mitte durch⸗ geschnitten wird, so daß 2 sphärische Dreiecke entstehen. Dem tech⸗ nischen Bureau liegt auch die Berechnung der Ventile ob, deren Dimen⸗ sionierung abhängig ist von dem Inhalt des Ballons, wie von seiner Füllung, ob Leuchtgas oder Wasserstoffgas. Der Berechnung liegt die Bedingung zugrunde, daß das geöffnete Ventil ein Dreißigstel des Volumens des Ballons in der ersten Minute entweichen lassen muß. Wir lernen bei dieser Gelegenheit eine neue Konstruktion dieses so wichtigen Organs am Ballon kennen, das patentierte Flachventil. seine Eigentümlichkeit besteht darin, daß auf dem Ventilsfitz radial gestellte kapselförmige Gehäuse aufgeschraubt sind, zur Auf⸗ nahme von flachen stahlbändern, die spiralförmig um eine feststehende Achse gerollt find. Das freie Ende läuft in ein Drahtseil aus, das sich nach abwärts zum Ventilteller erstreckt. Ein Zug an der Ventilleine spannt die Federn an, die beim Nachlassen des Zuges den Ventilteller fest auf seinen sitz pressen. Recht praktisch erscheint uns die endlich in die Praxis eingeführte schutzhaube, zur Verhinderung des Eintritts von Regen oder schnee—⸗ wasser ins Ventil. sie ähnelt den Lampenschirmen in den Waggons, öffnet sich selbsttätig mit dem Zug am Ventil und schließt sich in gleicher Weise, sobald der Zug nachläßt. Aufgabe des technischen Bureaus ist auch die Berechnung und Dimensionierung des Netzes. Bestimmend hierfür ist die Frage, welches Gas zur Füllung benutzt wird. Wir sehen da Musterkollektionen von 28 In der Werkstätte des Ballons Körbe und Korbringe im Werden. in Reih und Glied geordneten Kabeln und seilen in italienischem Hanf und von stahldrähten mit eingeschriebenen Angaben über Elastizität, Festigkeit usw. Gewichte pro Meter lassen erkennen, welche Wichtigkeit der Konstruktion der Netze beigelegt wird. Wir erfahren dabei, daß bei gleicher Festigkeit die Hanfseile um ein Drittel schwerer sind als Drahtseile, allerdings wird hierzu nur ein spezialstahl verwendet, der sonst nicht in den Handel kommt. In der Tat hängt von dem Netz mehr oder weniger das Leben der Luftreisenden ab, da es das am meisten in Anspruch genommene Organ des Ballons ist. Es kommt Ventil mit schutz⸗Haube. 29 Wir Luftschiffer nicht selten vor, daß nur wenige Leinen des Netzes den ganzen Wind⸗ druck bei der Landung auszuhalten haben, daher wird bei der Be⸗ rechnung der seilfestigkeit ein 20facher sicherheitskoeffizient gewählt, das heißt ein seil, das normal einen bestimmten Zug auszuhalten hat, kann einen 20mal größeren Zug vertragen, ehe es reißt. Oben in den Retzkranz um das Ventil endigend läuft das Netz nach unten in die Auslaufleinen aus, die durch Knebel an den Korb⸗ ring angeknebelt werden. Dieser Ring verteilt die Korblast auf die Auslaufleinen. Er wird in der Regel aus geschweißtem Mannesmann⸗ rohr hergestellt, das sich, weil unabhängig von Witterungseinflüssen, ausgezeichnet bewährt hat. Nur auf ausdrücklichen Wunsch werden noch Korbringe aus Holz angefertigt, auf ihre Haltbarkeit werden diese Korbringe durch diametrisch wirkende Belastungen von mehreren hundert Kilo geprüft, ehe fie zur Verwendung kommen. Gern möchten wir noch näher den Auftlärungen auf dem tech⸗ nischen Bureau folgen, wo einige Dutzend großer Mappen mit den Inschriften Motorballons, Kabelwinden, Gaserzeuger usw. uns alle möglichen technischen spezialeinrichtungen, wie fliegende Gas⸗ erzeugungsapparate, Lokomotiven und Waggons zum Einbau ganzer Luftschifferparks in Bahnzüge, dann Kompressoren auf Autos montiert usw. ahnen lassen und uns vergegenwärtigen, welch reiches Material schon auf diesem Bureau verarbeitet wurde. Wir erwähnen nur unter anderem die Ausrüstung eines russischen Kriegsdampfers mit einem ganzen Luftschifferpark. Aber wir wollen uns von der Absicht, den Bau eines Ballons zu verfolgen, nicht allzu weit entfernen und suchen nun den Konfektionsraum auf. Im Vorbeigehen lesen wir: Labo⸗ ratorium. Das nötigt uns noch vor dem Konfektionsraum zu einem Halt. Denn in diesem Laboratorium findet die Kontrolle der stoffe auf Festigkeit und Dichtheit statt, desgleichen die Nachprüfung der zu den Freifahrten dienenden physikalischen Apparate, wie der Baro⸗ graphen, der statostope usw. Es geht hie und da bei den Landungen etwas scharf zu, und manchmal landet auch ein solches Instrument nicht ganz unversehrt. Der normale Betrieb erfordert aber ständige Kontrolle aller zur Verwendung gelangenden Materialien. Einer der wichtigsten Apparate ist der Kontrollapparat für Gas⸗ dichtigkeit und stoff⸗Festigkeit. Er besteht aus einem eisernen vertikal gestellten Zylinder mit einem kräftigen Flansch, zu dem ein starker eiserner Flanschenring paßt, der mit Flügelmuttern aufgeschraubt wird. Der zu prüfende stoff wird über die Zylinderöffnung gelegt und durch den Flanschenring luftdicht festgeschraubt. Die Hälfte des Zylinders ist mit Wasser gefüllt, durch entsprechenden weiteren Wasserzufluß 30 In der Werkstätte des Ballons tritt eine Ver⸗ mehrung des Drucks der Luft unterhalb des stoffs ein. Durch Behandlung des stoffs mit sei⸗ fenwasser lassen sich leicht Un⸗ dichtheiten er⸗ kennen, weil sich kleine Bläschen bilden. Wird der Druck weiter gesteigert, dann * platzt der stoff Prüfung der Dichtigkeit des Ballons mittels Ventilator. mit lautem Knall. Noch einen Blick in das Magazin, wo Rohstoffe und fertige Ballonstoffe als eiserner Bestand ihrer Verarbeitung harren, um sofort durch Nachlieferungen ersetzt zu werden. Der Bestand reicht schätzungsweise aus, um ganze Armeen mit Ballons zu versehen. Nun endlich weiter in die Konfektionssäle. sie find hell und freundlich in ihrer Ausstattung. Durch riesige Fensterflächen flutet das Tageslicht herein auf Tische von mehr als 50 Meter Länge. An ihnen stehen gruppenweise Mädchen und Frauen in helle schürzen gehüllt, die ihnen etwas stilvolles und Einheitliches verleihen. Die Tische sind mit Blech beschlagen zur Verminderung der Reibung des dar⸗ auf hin- und her⸗ gezogenen stoffs, der auf ihnen zugeschnit⸗ ten wird. Die auf den stoffen liegenden scha⸗ blonen werden beim schneiden um die Naht⸗ breite, also einige Zen⸗ timeter, verbreitert. Der Ballon von innen. Ist eine Bahn fertig 31 Wir Luftschiffer geschnitten, so werden die zur Naht dienenden streifen durch einen spachtel mit einer Lösung von Kautschuk in Benzin bestrichen. Nach Abtrocknung des Benzins werden die Nahtstreifen übereinandergelegt, mit einer Handrolle überfahren und dadurch gleichzeitig geglättet. Kleben die Nahtstreifen aufeinander, so wandert der stoff auf die elektrisch betriebenen Nähmaschinen und von da wieder zurück auf die Tische, wo wieder fleißige Hände zur Dichtung der Maschinennähte beiderseitig schmale stoffbänder auf sie aufkleben. Nun folgt die Konfektionierung der oberen und unteren Oeffnungen zum Einsetzen des Ventils und des Apendix unter gleich⸗ zeitiger Verstärkung des stoffs an diesen stellen durch Aufnähen einer weiteren stofflage. schließlich geschieht das Auflegen der so⸗ genannten Regentraufe, eines lose herabhängenden Bandstreifens rings um das untere Drittel der Hülle, um bei Regenwetter die Korbinsassen vor dem Herabrieseln ganzer Bäche längs den Ballon wänden und Netz⸗ leinen zu bewahren. Aus den Konfektionssälen gelangen wir in die Netzstrickerei und Korbmacherei. speziell die Körbe interessieren uns, müssen fie doch oft tagelang als Wohn⸗ und schlafräume für die kühnen Luftschiffer dienen. Und wahrlich, es ist keine Kleinigkeit, Tag und Nacht in einem Raum auszuharren, der eigentlich keinen schritt Bewegung erlaubt und nur eine aufrecht stehende oder sitzende Position gestattet. Noch im Gordon⸗Bennett⸗Rennen des Jahres 1907; ließen es die außer⸗ ordentlich geringen Korbdimensionen nicht zu, daß sich die beiden Luft⸗ schiffer abwechselnd zur Erholung niederlegen konnten. Erst im folgenden Jahre beim Gordon⸗Bennett⸗Rennen in Berlin kamen Körbe zur Verwendung, die durch Abschlagen der einen oberen Hälfte einer seitenwand nach außen als Verlängerung einer sitzbank Gelegenheit boten, sich horizontal auszustrecken. Ganz ähnlich wie bei Konstruktion der Hülle liegen auch hier die Verhältnisse. Die Hülle soll möglichst leicht sein, aber auch möglichst dicht. Beide Bedingungen widersprechen sich, es fand sich aber doch ein Kompromiß, und ähnlich ging es mit dem Korb. Auch er muß bei aller Festigkeit so leicht wie möglich sein. Je länger die Luftfahrt dauert, desto komfortabler muß die Einrichtung des Korbes gewählt werden, um den Luftschiffern ihre Frische zu bewahren. Mit dem Komfort wächst aber gleichzeitig die Dimensfionierung und das Gewicht des Korbes. Es muß für größere Reisen mehr Kartenmaterial mit—⸗ genommen werden, desgleichen Instrumente zur Positionsbestimmung, Kochapparate, Lebensmittel, schutzdecken gegen Einwirkung der Kälte usw. Ein gewöhnlicher Korb kann nur für kurze Fahrten benutzt 32 n — — 8 — C 8 * . — 1 Der Aufstieg des Ernst zur Wettfahrt, Tegel 1906. Phot Zander u. Labisch. In der Werkstätte des Ballons werden. Bei ihm ist die sitzbank herausgenommen und nur der eine oder andere Klappfitz angeordnet, so daß genügend Raum für 4 Per⸗ sonen vorhanden ist. Wird die sitz⸗ resp. schlafbank eingebaut, so reicht der Raum noch gut sür zwei Luftschiffer aus, eine Zahl, die bei Wett⸗ und Dauerfahrten selten überschritten wird. Als Korbmaterial hat sich am besten Weidengeflecht bewährt mit Verstärkungen durch spanisches Rohr. Der Korb wird durch min—⸗ destens 8 Korbleinen umfaßt, die unter dem Fußboden durchgezogen sind und sich in einem stück vom Korbring herab und wieder zu ihm hinauf erstrecken, am Korbring findet die Verbindung mit ihm durch Knebel statt. schließlich kommen wir nun in eine Halle, wo die fertigen Ballonhüllen mit Luft aufgeblasen und im Innern von Kontrolleuren begangen werden. selbst die minimalsten Defekte, die bei der stoff⸗ kontrolle vielleicht übersehen worden waren, machen sich hier durch kleine Lichtpunkte bemerkbar, die durch die Hülle schimmern. Kein Ballon kann so die Fabrik verlassen, an dessen stoff auch nur die geringste schadhafte stelle wäre. so einfach auch im ganzen die Herstellung der Ballonhüllen er⸗ scheint, die seit Erfindung der Ballons im Prinzip sich nicht geändert hat, so haben sich im Laufe der Jahre doch reiche und kostbare Er⸗ fahrungen angesammelt, deren sorgfältige Benutzung zu ganz außer⸗ ordentlichen Fortschritten in der Leistungsfähigkeit der Ballons ge⸗ führt hat. Aus diesen Erfahrungen resultiert die Herstellung von spezial⸗ stoffen für die Hüllen aus einer speziellen, sich hierfür besonders eignen⸗ den sorte Baumwolle, die nur in beschränktem Maße in den Handel kommt, dann peinlichste sorgfalt in der Konfektion, und endlich die Anpassung und Dosierung der Gummierung, immer dem Zweck der Hülle entsprechend. Diese Peinlichkeit und Achtsamkeit hat zu dem glänzenden Erfolg geführt, daß unsere, durch die Firma August Riedinger in Augsburg ins Leben gerufene deutsche Ballonindustrie zurzeit in der ganzen Welt die erste stelle einnimmt. Wir Lufischiffer. 33 3 — * — Der Tegeler see in Ab endstimmung. Zwei Kaiserpreise. Von Dr. Bröckelmann, Vorsitzender des Fahrtenausschusses des Berliner Vereins für Luftschiffahrt. Organisation und Bedingungen der Wettfahrten. start zur Fernfahrt in Tegel. Windverhaltnisse machen es ratsam niederzufahren. Reizvolle Nachtfahrt. Wind schlägt in entgegengesetzte Richtung um und zwingt zur Landung 334 Kilometer von Tegel. Berechtigung der Veranstaltung von Dauer sahrten. start in schmargendorf. Entschluß zur schlepp fahrt. Nutzlosigleit eines Retarders. schwierigleiten einer schleppfabrt. Füllansatz wird zugebunden, um Gasverluste zu vermeiden. ie jeder sport zu Wettbewerben führt, so hatte auch das immer W mehr zunehmende Interesse für Freiballonfahrten zur Folge, daß man auf den Gedanken kam, die Güte des Ballonmaterials und die Leistungsfähigkeit der Führer untereinander in Wettfahrten auf die Probe zu stellen. Noch bis vor wenigen Jahren waren jedoch derartige Wettbewerbe wegen der geringen Anzahl der vorhandenen Fahrzeuge in Deutschland unmöglich. Dann aber, als die deutschen Vereine für Luftschiffahrt über etwa ein Dutzend Ballons verfügten, schlossen sie sich zu einem Verband zusammen und traten der Fédération Aëronautique Internationale bei, welche bei ihren satzungen die Regeln festgelegt hat, nach welchen Ballonwettfahrten zu veranstalten sind. Als nun der Berliner Verein für Luftschiffahrt gelegentlich der Feier seines 25jährigen Bestehens im Oktober 1906 die erste internationale Wettfahrt in Deutschland ausschrieb, hatte er die Genugtuung, 17 Ballons am start versammelt zu sehen. se. Majestät der Kaiser von Deutschland hatte sein schon so oft gezeigtes Interesse für die Luft⸗ schiffahrt auch bei dieser Wettfahrt wieder bewiesen, indem er für den sieger einen wertvollen, silbernen Pokal als ersten Preis stiftete. 34 Zwei Kaiserpreise Ausgeschrieben war eine „Weitfahrt mit Handitap für Ballons jeder beliebigen Größe“; das Handikap sollte in der Weise stattfinden, daß die Anzahl der zurückgelegten Kilometer, in der Luftlinie gemessen, durch die Zahl der Kubikmeter, welche der betreffende Ballon enthielt, dividiert wurde und die Größe dieses Quotienten bei der Preis⸗ bewertung entscheidend war. Der Quotient stellt also die Länge der strecke dar, welche ein Kubikmeter des betreffenden Ballons auf seiner Fahrt zurückgelegt hat. Man ist von dieser Art Wettfahrten wieder abgekommen, weil auf ihnen die Ballons je nach ihrer Größe zu ver⸗ schiedenen Zeiten unterwegs sind und deshalb ganz verschiedenen Wetterlagen unterworfen sein können. Ist z. B. die Tragfähigkeit eines kleinen Ballons erschöpft und er infolgedessen zum Landen ge⸗ zwungen, so ist es für ihn von Vorteil, wenn zu dieser Zeit der Wind abflaut oder gegen den startplatz zurückdreht. Nimmt dagegen die Windstärke bei derselben Richtung zu, so ist dies für die großen Ballons vorteilhaft, weil die kleinen, die bereits gelandet sind, diese günstige Wetterlage nicht mehr ausnutzen können. Der Berliner Verein für Luftschiffahrt hatte zu dieser inter⸗ nationalen Wettfahrt am 14. Oktober 1906 seine 4 Ballons unter ebenso vielen Führern verlost, und mir war der 680 Kubikmeter große „Ernst“ zugefallen, welcher für gewöhnlich zu Fahrten mit Wasserstoff⸗ gas benutzt wurde, mit Leuchtgas gefüllt aber nur eine Person tragen konnte. Inmitten einer ungeheuren Zuschauermenge erhob sich der „Ernst“ als fünfter Ballon um 3. 15 auf dem startplatz in Tegel mit 4 säcken Ballast zu je 15 Kilogramm und schlug die Richtung nach südosten über Berlin ein. In 700 Meter Höhe segelte ich langsam über das Häusermeer der Millionenstadt und hätte mich gern noch lange geweidet an dem herrlichen, unter mir liegenden Bilde, dem Blick auf den im Glanz der untergehenden Oktobersonne wie flüssiges Gold erscheinenden Tegeler see und den startplatz, wo noch 12 Ballons darauf harrten, ihrer Fesseln entledigt zu werden. Aber es war nicht viel Zeit, das prächtige Panorama zu bewundern, denn bis zum Ein⸗ bruch der Dunkelheit mußten allerhand Beobachtungen vorgenommen werden. Zunächst konnte ich sehr leicht die Windrichtung und Ge⸗ schwindigkeit in verschiedenen Höhenlagen an den vier vor mir auf⸗ gestiegenen Ballons feststellen, und es ergab sich, daß der Wind mit zunehmender Höhe nach rechts drehte und an stärke abnahm. Mit Rücksicht auf den kleinen Ballon und die geringe Menge des mir zur Verfügung stehenden Ballastes war daher mein Plan bald gefaßt: Ich mußte mich möglichst tief halten, um den in den unteren Luftschichten stärker wehenden Wind auszunutzen und um nördlich des Erzgebirges, 35 35 Wir Luftschiffer Iser⸗ und Riesengebirges zu bleiben. Andererseits durfte ich nicht am schlepptau fahren, um die Fahrt nicht zu verlangsamen und in die Gefahr des Hängenbleibens zu geraten. Ich ließ daher den Ballon langsam fallen und segelte, immer mehr absteigend, über die Vororte Berlins an der Oberspree und den von unzähligen Booten belebten Müggelsee. Um 4.45 befand sich der, Ernst“ 400 Meter hoch über dem Tämeritz⸗see, 36 Kilometer von Tegel entfernt, woraus sich eine Durch⸗ schnittsgeschwindigkeit von 24 Kilometern in der stunde ergab. Ich zog nun mit dem Lineal auf der Karte eine Verbindungslinie zwischen Tegel und dem Dämeritzsee, verlängerte dieselbe und trug an den stellen, wo sie in die Nähe von größeren städten oder anderen leicht erkennbaren Punkten führte, unter Zugrundelegung von 24 Kilometer⸗ stundengeschwindigkeit diejenigen Zeiten ein, zu denen ich der Be⸗ rechnung nach ungefähr an diesen Orten sein mußte. stellte sich heraus, daß diese Punkte rechts oder links der Fahrtlinie lagen, oder daß die Zeiten nicht genau mit der Berechnung stimmten, dann korrigierte ich dementsprechend meine Fahrtturve und konnte so immer leicht die Orientierung wieder erhalten, wenn ich sie einmal verloren hatte. Mit dem Ballast mußte äußerst sparsam umgegangen werden, denn zwei säcke waren schon verbraucht, bis der Ballon seine Gleichgewichts⸗ lage erreicht hatte, und um 9 Uhr hatte ich nur noch einen sack voll sand. Ich fuhr nun beständig in etwas über 100 Meter Höhe und gab sofort eine Hand voll sand aus, wenn das schlepptau die Baum⸗ wipfel berührte. Die Nacht war stockfinster, Feld und Wald waren mit dem Auge nicht zu unterscheiden, nur helle Landstraßen, größere Wasserflächen und beleuchtete Orte zu erkennen. Totenstill lag die Landschaft unter mir, wenn nicht der schrei eines Hirsches oder der Ruf des Käuzchens die Ruhe der Nacht gellend unterbrach. Um Mitternacht überflog der Ballon ein großes Ueberschwemmungsgebiet der Oder, in welchem Flüge von Enten schnatternd aufstiegen, und am Ufer brach ein Rudel non Wildschweinen grunzend durch das Rohrdickicht. später gewahrte ich vor mir ein großes Industriegebiet in der Nähe von Breslau, wo aus großen, elektrisch beleuchteten Fabrikanlagen ein betäubendes Getöse zu mir heraufdrang. Aber als wenn der, / Ernst“ die gefährliche Nähe der funkensprühenden Essen, der Drahtseilbahn und starkstrom⸗ leitungen scheute, bog er sorgfältig vor diesen Hindernissen aus und nahm seinen Kurs südlich Breslau vorbei. Bei Tagesgrauen passierte ich die Oder und traute kaum meinen Augen, als ich feststellte, daß der Ballon vom rechten zum linken Ufer hinüberfuhr. Aber der Kompaß belehrte mich, daß meine Fahrt unzweifelhaft nach südwesten gerichtet 36 Landung oungnis. Cortistoat c Atterrissagè. Im Intoreaso g lichntor siohorung allor auf die Wottifahrt beagtichen Angabon wordon die Zougen der Landung gobeaton. dis vorliegende Besohoinigung auagufüllon, ais wenn möglioh durch einon Gomoinde - oder siaataboamtan deglaubigen au lassen und alodann dem Führer des Ballons zaruekzugobon Ders la et d a la cinccritè da CπJm on a A! c pricr les it-Vrh—VT-eruauauaꝙûauaauia de Gallon de bim cοboir ctablir la prucnt acrtidοot, de e fare certister, a. poscibla, par dias e icipal ou agent d Tautorite e de e reattre au sœnandant du Ballon. Frag on Antworten! D nan dogs RG pPONG aQemoinas ,,, Q — f. O— — Gonauor Landung - 4 — 822 . . — punk i ECrois Carson . 2 / ae , Woohontag Gonanor Zoaiipunki dor J. c:?! L — — — —— 116 Dam De 2 . ballon a- t · ¶ coσ t Unr Herre 9A 9 gtjmmt die Uhr der Ballonfahrer mit der dortigon Bahnuhr üboroin. oder um wis viol r are, oe, en raard em, rr, das Rm, Me-, ,,. 2 a, E ae for de la ion, d de combi let der Ballon nach der erston Landung Uoori od oito 7 2. 2 2. 283 * . . *r. ö — 2. f ü * —— — dans les airs Wand iet der Ballon vwiedor aufgontiogen? si dali. d ar, dars, i, a, d em,, — —— erre a en lis & dαpart / Uarrrstbdan und Adressen der Landunge- , ,, 2 4 xe. 20ugon 1 srgnater es a adress des ttmois dio Tatterris sq Cz. 2 . 4e me. M.. 4. Beglaubigung dured den G inde voratoheor oder inen staatabonmien. bias de magir- mumieipal on Can agent de Tarorits Datum Dae 22 3 Hr 21 6 Beispiel eines Landungszeugnisses von einer Wettfahrt. Wir Luftschiffer Preis sr. Majestät des Kaisers zur 1. Internationalen Wettfahrt in Deutschland. Tegel 1906. war, ich mich also Berlin wieder näherte. sobald ich daher ein freies Feld unter mir sah, zog ich das Ventil und landete sehr bequem Punkt 6 Uhr nach 14*stündiger Fahrt 7 Kilometer hinter Brieg in Ober⸗ schlesien, 34 Kilometer von Tegel. Die Drehung des Windes gerade zu der Zeit, als auch die Trag⸗ fähigkeit meines Ballons sich ihrem Ende nahte, verschaffte mir den Kaiserpreis, denn die großen Ballons, welche ihre Fahrt noch fort⸗ setzten, wurden größtenteils wieder in der Richtung auf Berlin zurück⸗ getrieben und konnten die von mir zurückgelegte Entfernung nicht mehr übertreffen. so ergab der nach der eingangs erwähnten Methode berechnete Koeffizient die Zahl 0,5758, während derjenige des zweiten Preisträgers nur O, 3157 betrug. Ganz anders als die ebengeschilderte gestaltete sich die Wettfahrt am 12. Oktober 1908, bei welcher mir das Glück zuteil wurde, abermals den Kaiserpreis zu erringen. Konnte ich bei der ersten Fahrt stunden⸗ lang ruhig im Korbe sitzen und nur darauf achten, daß das schlepptau die Erde nicht berührte, so mußten das zweite Mal ununterbrochen Beobachtungen, Berechnungen und andere Arbeiten verrichtet werden, 38 Zwei Kaiserpreise die meinen Begleiter, Herrn Oberleutnant la Quiante, und mich fort⸗ während in Anspruch nahmen und uns während der ganzen 24stündigen Fahrt keine Minute zur Ruhe kommen ließen. Für den 12. Oktober 1908 war eine Dauerfahrt ausgeschrieben worden, bei welcher es darauf ankam, den Ballon möglichst lange in der Luft zu halten, gleich⸗ gültig, welche Entfernung zurückgelegt und welche Geschwindigkeit dabei erzielt wurde. Ueber die Berechtigung derartiger Dauerfahrten find die Meinungen sehr geteilt; von einer seite wird geltend gemacht. Ufergelände am Müggelsee mit Badeanstalten. Vhot. Dr. Lehmann. daß ein Luftballon möglichst hoch in die Lufi steigen müsse und nicht über die Erde kriechen dürfe, von anderer seite wieder hört man die Ansicht, daß eine Dauerfahrt eine viel sorgfaltigere Führung verlange und bei gewissen Wetterlagen eine gerechtere Art der Wettfahrten sei als eine Fernfahrt. Jedenfalls ist nichts dagegen einzuwenden, wenn, um Abwechslungen zu schaffen und den Führern Gelegenheit zu geben, sich in jeder Art der Ballonfuührung zu üben. hin und wieder eine der⸗ artige Dauerfahrt veranstaltet wird. — Es ist nun ohne weiteres klar, daß es bei einer solchen Fahrt von Vorteil ist, wenn der Ballon sich möglichst langsam vorwärts bewegt, und dies wird am besten erreicht durch Tiefhalten des Fahrzeuges, weil der Wind unten gewöhnlich 39 Wir Luftschiffer nicht so stark weht als in größeren Höhen, dann aber auch, weil man beim Fahren am schlepptau durch die Reibung an der Erde die Geschwindigkeit noch vermindern kann. Dieses Mal lagen aber noch mehrere Gründe vor, den Ballon so tief wie irgend möglich zu halten. Es herrschte nämlich am Tage der Wettfahrt an der Erde Ost⸗süd⸗Ost⸗Wind, der mit zunehmender Höhe nach rechts drehte. Hielten wir uns also tief, so mußten wir voraussichtlich nach Holland gelangen, stiegen wir jedoch in größere Höhen, so war es wahrschein— lich, daß der Ballon in der Nähe der Elbe- oder Wesermündung an die Nordseeküste geriet, wo er zu vorzeitiger Landung gezwungen gewesen wäre. Dazu kam noch, daß mir eine Fahrt über den gegen Morgen zu erwartenden Herbstnebeln in der Nähe der Küste als zu gefährlich erschien, während unter den Nebeln, dicht über der Erde beständig die Orientierung behalten werden konnte. Unser Ballon, der 1600 Kubikmeter enthaltende „Groß'“, stieg in der Klasse IV, in welcher 21 Konkurrenten starteten, um 4.12 in schmargendorf auf und erhob sich rasch auf 500 Meter Höhe. Wie bei der Fahrt am 14. Oktober 1906 konnten wir auch diesmal an Zillen in der Havel. 40 Zwei Kaiserpreise der Richtung und Geschwindigkeit der anderen Ballons in den verschiedenen Höhen die Wind— verhältnisse erken⸗ nen und wurden in unserem Entschlusse bestärkt, aus den oben angeführten Gründen möglichst tief zu fahren. Wir stiegen daher lang⸗ sam abwärts und brachten kurz nach 6 Uhr unseren Bal⸗ lon wenige Meter über der Erde in die Gleichgewichts⸗ lage. Außer dem 100 Meter langen üblichen schlepptau hatte ich ein 25 Meter langes seil und einen „Retarder“ mitgenommen. Letzterer war in unserem Falle ein Tau von etwa 20 Meter Länge, in welches am unteren Ende in Entfernungen von je einem Meter fünf mit schrot gefüllte, schwere Ledersäcke eingeflochten sind. Diese sollen beim Nachschleifen durch ihre Reibung die Geschwindigkeit verringern, aber es stellte sich sehr bald heraus, daß die Vorrichtung gänzlich unbrauchbar war. Denn zunächst war die Wirkung des „Retarders“ nur eine äußerst geringe, dann aber mußte er vor jedem Hindernis, um keinen schaden anzurichten, emporgezogen werden, was wegen des großen Gewichtes nur mit äußerster Kraftanstrengung möglich war. Wir holten den „Retarder“ deshalb sehr bald wieder in den Korb und benutzten den in ihm enthaltenen schrot als Ballast. Dagegen legten wir das kurze schlepptau aus und hielten uns an ihm die ganze Nacht so tief, daß wir gerade über die Dächer der Häuser hinwegstrichen und in Wäldern mit dem Korb durch die Baumwipfel fuhren. Ein so kurzes schlepptau genügt vollkommen, um den Ballon in der Nacht über der Erde zu halten. Es kann an Gebäuden und Telegraphen— leitungen keinen schaden anrichten, sollte es aber einmal hängen bleiben, so kann man sich durch Abschneiden des Taues leicht ohne allzu große Gewichtsabgabe und materiellen schaden wieder frei Typisches Bild einer schleppfahrt. (Ballonschatten.) 41 Vor der Bennett⸗Wettfahrt 1908 in schmargendorf. Zwei Kaiserpreise machen. Ein derartiges tiefes Fahren setzt natürlich eine ununter⸗ brochene, gespannte Aufmerksamkeit voraus, denn wenn der Korb durch die Baumwipfel streicht, muß darauf geachtet werden, daß die Zweige keine Beschädigungen des Ballonstoffes und der Fahrer verursachen; dann muß man gut acht geben, daß der Ballon nicht gegen hohe Gebäude schlägt, und schließlich muß man beständig auf heftige stöße gefaßt sein, die durch Aufschlagen des Korbes auf den Boden verursacht werden können. Im Gegensatz zu Fahrten in größerer Höhe ist eine solche schleppfahrt auch keineswegs angenehm, denn durch das abwechselnde Festhacken und Abschnellen des schlepptaues wird der Korb in schwan⸗ kungen versetzt, die bei den Fahrern sehr leicht Zustände herbeiführen können, die man auf schiffen mit „seekrankheit“ bezeichnet, zum minde⸗ sten abet den Aufenthalt im Korbe recht unbehaglich machen. Man könnte nun einwenden, daß man allen diesen Unannehmlichkeiten doch leicht . — — „Glückliche Landung.“ (siehe s. 17.) 43 Wir Luftschiffer D — ! ⸗ . J s . . — 2 — 1 . 7 Verschluß des Füllansatzes für Dauerfahrten. a Leinen zum schließen des Füllansazes, b Leine zum Oeffnen desselben, C Reißleine, d Ventilleine, e Füllansatzleinen. 13 10 entgehen könne, wenn man in etwas größerer Höhe fahren würde. Frühere Erfahrungen und besonders der Ersolg meiner Dauerfahrt haben aber gezeigt, daß die Drehung des Windes schon in ganz geringer Höhe recht beträchtlich sein kann, und tatsächlich sind alle an der Dauerfahrt beteiligten Ballons, auch diejenigen, welche sich am schlepp⸗ tau hielten, aber doch nicht wie wir nur wenige Meter über dem Erdboden fuhren, nach rechts von unserer Fahrtlinie abgedreht worden und mußten deshalb nach kürzerer Fahrtdauer an der Nordseeküste landen. Bei den Fahrten am schlepptau wird natürlich die Ge⸗ schwindigkeit des Ballons geringer als diejenige des Windes, der Wind drückt daher gegen die Hülle und würde mit der Zeit eine beträchtliche Menge Gas aus dem Ballon pressen. Wir hatten deshalb den Füll— ansatz zum Zubinden eingerichtet und fuhren ununterbrochen mit unten geschlossenem Ballon. so passierten wir die Elbe nördlich Tangermünde und flogen später bei herrlichem Mondschein durch die Lüneburger Heide. Als der „Groß“ um 4,55 morgens bei Hoya die Weser überschritt, bildeten sich bereits auf den Fluren dichte Nebel, die uns zwangen, so tief hinab⸗ zusteigen, daß der Korb oftmals die Erde berührte. Nach sonnen⸗ aufgang kostete es infolge Erwärmung des Gases große Mühe, den Ballon unter dem Nebel zu halten, und trotz ununterbrochenen Ventil⸗ 44 Zwei Kaiserpreise Korb, ausgerustet für Dauerfahrten. A nher. B Barograph ssiehe s. s9, C Wassernanne, D sprachrohr, EE. schlafvorrichtung. FE sandbehaiter, G sandschaufel. H Anerlod⸗ Barometer (besonders empjindlicher var. . bei dem luftleere Raume einer Metall ⸗Hülse das Quecksiber ersetzen). L Eientrische Lampe, R Ring, sch schlepptau. st statoskor (Instrument zur Festftellung kleinster Luftdruckschwankungen). W Wasseranner. ziehens durchstieß er mehrmals die dünne Nebelschicht; aber wir durften uns des prächtigen, warmen sonnenscheins dort oben nicht lange erfreuen, wollten wir die Orientierung behalten. schon in 50 Meter Höhe war die Erde für uns unsichtbar und mehrmals hörten wir, wie die Leute ihr Entsetzen über das aus den Wolken herab— hängende Tau ausdrückten. Ueber meilenweite Moore und sümpfe ging nun die Fahrt in wenigen Metern Höhe über die Erde dahin. Hier hatten wir auch das 100 Meter lange schlepptau ausgelegt, jedesmal aber, wenn Ortschaften in sicht kamen, mußte es wieder eingezogen werden. Das Heraufziehen des total durchnäßten und 45 Wir Luftschiffer schlüpfrigen Taues erforderte große Kraftanstrengung und wurde ge⸗ wöhnlich von Herrn la Quiante besorgt, der sich zu diesem Zwecke auf den Korbrand stellte, während ich mit der einen Hand ihn festhielt, mit der anderen das Tau in Windungen auf den Korbboden legte. Als dann die Gegend wieder bewohnter wurde, ließen wir das lange Tau im Korbe und übersprangen jedes Hindernis durch Ballast⸗ auswerfen und späteres Ventilziehen. Ganz besonders machten uns die vielen großen Windmühlen in Holland zu schaffen, deren Riesen—⸗ flügel sich bei dem frischen Wind rasch drehten. Unser Kurs war um die Mittagszeit genau auf die südostecke des Dollarts, des von der Emsmündung gebildeten Meerbusens, ge⸗ richtet, durch den wir bei Fortsetzung unserer Fahrtrichtung gerade in die Nordsee getrieben wären. Gespannt schauten wir durch den hier fast undurchdringlichen Nebel unausgesetzt nach vorn, bereit, sofort die Reißleine zu ziehen, wenn eine Wasserfläche vor uns auf— Kaiserpreis zur Internationalen Wettfahrt schmargendorf 1908. 46 Zwei Kaiserpreise od 2 3 XT Die Landungaplutze der an der Dauerfahrt beteiligten Ballons. * is Candungapla des „Groß *. . * Kiel sund 4 . 388 55 lübeck * klamb schwerin Acrieh a. urs Gronmᷓqgen os 8a h Bremen . oper B Tielfahrt s - eng * 2. W * 8 stendal. schwache zhager * 6 0 . Hannover 8 h ana prũck B RUn d ** Braunsẽhweis n 2 Ricmete⸗ n,, — 2 tauchte. Allein der „Groß“ zog dicht südlich des Dollarts vorbei, und beruhigt konnten wir nun noch einige stunden die Fahrt fortsetzen. Nördlich Groningen spürten wir deutlich die seeluft, aber es bedurfte nicht der warnenden Zurufe der Bauern: „Das Meer, das Meer!“, denn wir hatten eine genaue Orientierung. Um 4 Uhr passierten wir die letzte straße vor der Küste, und um 4,42, nach 24 vstündiger Fahrt, legte sich der durch die Reißbahn entleerte Ballon sanft auf eine Wiese am Ufer des „Groninger Wad“ bei dem Oertchen Vierchuizen, westlich von Ulrum in Holland, 485 Kilometer von Berlin. s WM 47 Wissenschaftliche Ballonhochfahrten. Von Prof. Dr. R. süring, Direktor des Meteorologischen Instituts Potsdam. Die Grenze zwischen Mittel⸗ und Hochfahrt. Der Ballonsport über sooo Meter. Wissenschaftliche Hochfabrten von Gay Lussac bis Glaisher. Irrtümliche Höhenmessungen. Das Aspirationspfychro⸗ meter von Ahmann als Ausgangspuntt der modernen Wissenschast im Ballon. Die erste Berliner Lochfahrt von Groß und Berson 1893. Relord⸗Alleinfahrt von Berson 1894. Die Weltrekordfahrt des Preußen“ mit Berson und süring bis 10, 800 Meter am 31. Juli 1901. Die technische Ein⸗ richtung von Ballons zu Hochfahrten. Ausrüstung der Insassen. Die Gefahren der Höhe. Die me⸗ teorologischen Zustãnde in den oberen Luftschichten. ie Grenze, bei welcher eine gewöhnliche Ballonfahrt in eine Hochfahrt D übergeht, ist bei einer Gebirgshochtour nicht ganz streng, aber doch wenigstens in allgemeinen Zügen anzugeben. Ent⸗ sprechend der Mühelosigkeit, mit der man im Ballon Höhen erreicht, rückt auch die untere Grenze einer Hochtour für den Luftschiffer höher hinauf als für den Bergsteiger. Während man in den Alpen vielfach schon denjenigen einen Hochtouristen nennt, welcher einen Berg von 3000 Meter er⸗ reicht hat, beginnt man in der Aeronautik erst dann von Hochfahrten zu sprechen, wenn sie das Doppelte, also etwa 5000-6000 Meter über⸗ treffen. Es ist dies keine willkürliche Zahl, sondern die Natur selbst zieht hier eine ziemlich deutliche, wenn auch in Einzelfällen stark wechselnde Grenze. Unmerklich fast und daher von Neulingen häufig geleugnet, setzt die Erschlaffung ein und führt schließlich zu hochgradiger Ermüdung; die Appetitlosigkeit geht über in Abneigung gegen Nah⸗ rungsaufnahme; die abnehmende Aufmerksamkeit für die Vorgänge um uns herum steigert sich zu gefährlicher Gleichgültigkeit. Auch die atmo⸗ sphärischen Zustände zeigen in rund 5000 Meter Höhe eine natürliche scheidelinie, insofern als darunter alle diejenigen Vorgänge sich ab⸗ spielen, welche unmittelbar zu der Beschaffenheit der Erdoberfläche in Beziehung stehen: aufsteigende Luftströmungen und deren Wolken—⸗ bildungen, Unterschied von Wasser und Land, Gebirge und Ebene und dergleichen, also alle sekundären störungen des Witterungs⸗ verlaufs, während fich meist erst bei etwa 6000 Meter einigermaßen rein jener große Kreislauf der Atmosphäre mit seinen so wichtigen schicht und Wirbelbildungen zeigt, welcher einen Luftaustausch zwischen weit entfernten Gebieten vermittelt. Die obere Grenze dieser zweiten schicht liegt — wenigstens in unsern Breiten — bei etwa 11000 Meter und fällt somit hier zufällig ungefähr mit den bisher erreichten Maximalleistungen bei Ballonhochfahrten zusammen. 48 Wissenschaftliche Ballonhochfahrten Bis vor kurzem hatten Hochfahrten fast ausschließlich für die Wissenschaft Bedeutung, und das Interesse daran war ziemlich gering. Das hat sich geändert, seitdem die Verwendung größerer Ballons (d. h. von 2000 Kubikmeter Inhalt aufwärts) auch größere sportliche Leistungen gestattet und damit wenigstens für kurze Zeit das Ver⸗ weilen in Höhen über 5000 Meter mit sich bringt. so wurden bei der von Herrn de Beauclair geleiteten Ueberquerung der Alpen im Ballon am 29.—30 Juni 1908 gegen Ende der Fahrt 6000 Meter erreicht, und Herr Oberst scha eck stieg bei seiner 72stündigen Gordon—⸗ Bennett⸗Fahrt 1908 nach Norwegen an zwei Tagen bis auf 5000 Meter. Hierbei ist noch zu beachten, daß sich bei großen Anstrengungen, z. B. nach beschwerlichen, kalten Nachtfahrten die Einwirkungen der Höhen⸗ luft schon weit unterhalb von 5000 Metern zeigen können. Bei der zweifellos stattfindenden Erweiterung derartiger Fahrten gewinnt eine eingehendere Berücksichtigung der Zustände in den oberen Luftschichten auch für den sport immer mehr an Bedeutung. Für die Meteorologie und die Physik der Atmosphäre sind Hoch⸗ fahrten keine Errungenschaft der neueren Zeit. schon 1804, also 21 Jahre nach der Erfindung des Luftballons, unternahm der fran— zösische Physiker Gay⸗Lussac ganz allein einen Aufstieg bis auf 7000 Meter, um thermometrische, elektrische und magnetische Beob⸗ achtungen anzustellen. Im folgenden Jahre stieg in Berlin Professor Jungius zu dem gleichen Zwecke auf und erreichte eine Höhe von 6500 Meter. Eine wesentliche steigerung dieser Leistung erzielte der englische Astronom spencer Rush, indem er 1839 bis zu 7900 Meter gelangte. Auch in den nächsten Jahrzehnten behielten die Engländer und Franzosen die Führung auf dem Gebiete der Hoch⸗ fahrten. Von besonderem wissenschaftlichen Werte war ein Ausstieg auf 7000 Meter, den die Pariser Physiker Barral und Bixio 1850 ausführten, sowie eine Reihe von Fahrten, welche 1852 der Engländer Welsh unter der Führung von Green und 1862 bis 1866 der Engländer Glaisher mit dem Aeronauten Coxwell unter⸗ nahmen. In der Geschichte der Aeronautik hat die Hochfahrt vom 5. september 1862, bei der Glaisher in so00 Meter Höhe das Bewußt⸗ sein verlor, aber während der Ohnmacht 11 300 Meter (37 000“) erreicht haben will, eine große Rolle gespielt. Wären diese Angaben richtig, dann wären Glaisher und Coxwell diejenigen, welche am höchsten in die Atmosphäre emporgedrungen sind. Aber mit vollem Recht hat man diese Werte angezweifelt; nicht etwa, weil man sie für absichtlich übertrieben hielt, sondern weil falsche Voraus— setzungen über die Temperaturänderungen und Vertikalbewegungen Wir Lustschiffer 49 ' Wir Luftschiffer — — b — — — — —— — Barograph. Bohne Aachs.. Berlin. Upparat fur Luftdrucmessungen. Die spirale ist lustleer, dehnt sich aus resp. zieht sich bei den schwankungen des Luftdrucks zusammen und bewirnt dadurch den Aufsschrieb der Höhe. in der sich der Ballon befindet. (siehe seite 60). zugrunde gelegt worden sind. Diese Irrtümer sind bei den damaligen geringen aeronautischen Kenntnissen ganz begreiflich, aber eine von verschiedenen seiten und nach verschiedenen Methoden durchgeführte Kritik hat ergeben, daß Glaisher höchstens 9000 Meter erreicht hat. Unter Berücksichtigung, daß kein sauerstoff zur künstlichen Atmung mitgenommen war und daß die Fahrt fast 50 Jahre zurückliegt, bleibt es immerhin eine staunenswerte Leistung. Trotz des Mutes und Eifers, den man bei allen bisher erwähnten Hochfahrten gezeigt hatte, ist ihr wissenschaftlicher Wert doch sehr ungleichmäßig, und das Gesamtergebnis der von Geheimrat Aßmann mit großer sorgfalt durchgeführten Kritik ist wenig erfreulich. ' Eine neue Aera der wissenschaftlichen Luftfahrten — und damit auch der Hochfahrten — brach erst an, als Aßmann ein einwandfreies Instrument zur Temperaturbestimmung der oberen Luftschichten, das Aspirations⸗ psychrometer (siehe s. 127), ersonnen hatte, und als er bald darauf, Anfang der neunziger Jahre, die Ballonaufstiege des Berliner Vereins für Luftschiffahrt (damals Deutscher Verein zur Förderung der Luft⸗ schiffahrt) ins Leben rief. Ein kurzer Ueberblick über diese Berliner Hochfahrten zeigt deut⸗ lich, wie erst ganz allmählich die hier auftretenden schwierigkeiten ) R. Aßmann und A. Berson. Wissenschaftliche Luftfahrten, Band I, s. 16ff. 50 Wissenschaftliche Ballonhochfahrten 7 . J im l/ . . 2 J Glaisher und Coxwell im Korbe ihres Ballons. überwunden wurden. Bei der ersten Hochfahrt 1893, die allerdings bei naßkaltem, stark wolkigem Wetter stattfand, und mit großen körperlichen Anstrengungen verbunden war, klagte der Ballonführer schon in einer Höhe von etwas mehr als 5000 Meter über stürmisches Herzklopfen, Mangel an Luft, träge Mattigkeit und Zittern des ganzen Körpers. Unter direkt bedrohlichen Erscheinungen verlief im folgenden Jahre die Fahrt auf 8000 Meter. Die erfrischenden Wirkungen des reichlich eingeatmeten sauerstoffs traten anscheinend deshalb nicht genügend hervor, weil wiederum der größte Teil des Aufstiegs durch sehr kalte schneewolken ging und weil eine fast schlaflose, mit an— strengenden und eiligen Vorbereitungen verbrachte Nacht die körper— liche Frische beider Teilnehmer (Major Groß und Professor Berson) geschwächt hatte. Groß schrieb über die Vorgänge von etwa 7000 Meter ani): „Die Temperatur war bis auf 30 Grad unter 1) Wissenschaftliche Luftfahrten, Band II, s. 2897. 51 4* Wir Luftschiffer Null gesunken, wir begannen zu frieren. Vor uns lagen im Korbe die dicken Pelze, doch die Energie, sie anzuziehen, besaßen wir nicht mehr. Wir befanden uns in einem Zustande körperlicher Apathie, nur noch der Geist und der Wille waren stark: der Wunsch, noch weitere 1000 Meter zu steigen, belebte uns. Unsere Lippen und Fingernägel wurden vollständig blau, die Glieder zitterten vor Frost und schwäche. Doch immer wieder erfrischte uns der sauerstoff, den wir in kurzen Pausen inhalierten. Der Gedanke, daß wir mit nicht bekannter Geschwindigkeit dem Meere zuflogen, erheischte einen schnellen Entschluß. Ich opferte den letzten Rest des Ballastes, den wir noch zum steigen auswerfen zu dürfen glaubten, der Ballon tauchte aus dem Wolkenmeer in 7750 Meter Höhe auf und wurde vom strahlenden sonnenlicht umflutet. Klirrend brachen von den Netzmaschen die langen Eiszapfen herunter. Der erwärmte Ballon strebte empor und erreichte um 10 Uhr 40 Minuten morgens endlich die ersehnten 8o00 Meter Höhe. In meinem Fahrtennotizbuche findet sich hier mit kaum leserlicher Handschrift gekritzelt:: „Wir find entsetzlich elend und schwach, aber noch vollkommen zurechnungs—⸗ fähig, wir atmen sauerstoff.“ Ich hatte mich auf die Bank gesetzt, da ich nicht mehr zu stehen vermochte, in meinen Oberschenkeln hatte ich das Gefühl des Erfrierens, einen prickelnden schmerz. Herr Berson ließ für einen Mement seinen Kopf auf die Brust sinken und schloß die Augen. Ich rief ihn an und schüttelte ihn. Auch ich schloß zeitweise die Augen, eine schlafartige Betäubung überfiel mich. Mit Aufbietung aller Energie und Kraft gelang es uns, noch mehrere einwandfreie Ablesungen der Instrumente vorzunehmen, dann griff ich nach der Ventilleine, als der Ballon sich weiter zu steigen anschickte, lediglich aus Besorgnis vor der see.“ Wesentlich günstiger waren schon die Erfahrungen, welche bei der nächsten größeren Hochfahrt, die abermals 1000 Meter höher, nämlich bis 9155 Meter, führte, gemacht wurden. Diese Fahrt wurde am 4. Dezember 1894 von Berson allein unternommen; durch sie wurde der Höhenrekord von Glaisher um einige 1060 Meter übertroffen. Berson schreibt darüber!): „Um 12 Uhr 26 Minuten habe ich unsere größte Höhe vom 11. Mai bei — 39 Grad überschritten. Ich prüfe meinen Zustand und finde, daß ich ruhig höher gehen kann, was mir mein Ballastvorrat auch gestattet. Allerdings atme ich dauernd sauerstoff, wobei ich dann nur ein leichtes Gefühl von schwindel im Kopfe wahr⸗ nehme, von mäßig starkem Herzklopfen begleitet, sonst aber durchaus imstande bin, zu beobachten, zu überlegen, zu schreiben. . . . sobald n Wissenscaftliche Luftfahrten, Band 11. s. 420. 52 46 * ö 1 Ausstieg sürings und Bersons im Ballon „Preußen“ am 31. Juli 1901. Das Vorhandensein zweier Korb⸗Ringe ernlart sich aus der nachträglichen Wahl eines größeren Korbes. Wir Luftschiffer ich jedoch nur auf kurze Augenblicke, durch Arbeiten im Korbe dazu verführt, oder absichtlich, zum Zwecke phyfiologischer Feststellung, das Mundstück des schlauches fallen lasse, überfällt mich ganz gewaltiges Herzklopfen, hierauf fange ich beinahe an zu taumeln und greife rasch wieder nach dem lebenspendenden Gasschlauche. Einmal überrasche ich mich selber dabei, wie mir trotz allem die Augen leicht zufallen: ich rüttle mich mit lauten scheltworten auf, denn ich fühle, daß hier viel auf dem spiele steht. . . . Bei über 9000 Meter habe ich die Wolken überwunden. . . . Ich fühle mich jetzt wohler und freier als bisher, aber ich habe nur noch sechs sack Ballast. . . . Ich sage mir zum Troste, daß es gelungen sei, alle bisherigen französischen und englischen Fahrten an Höhe zu schlagen und höher vorzudringen, als überhaupt Menschen je gewesen. . . . Jetzt, im ersten stadium des Abstieges, beginne ich nun auch bei der, wie hervorgehoben, nur schwachen direkten strahlung der sonne unter der langandauernden enormen Kälte zu leiden. Ich zittere an allen Gliedern so stark, daß ich mich vorüber⸗ gehend festhalten muß.“ Aehnlich gute Wirkungen des sauerstoffs spürte ich selbst bei einer am 24. März 1899 allein unternommenen Hochfahrt auf 8000 Meter, obgleich hier zwei störende Momente eintraten: Das Ballonventil war eingefroren, und es bedurfte in der größten Höhe einer fast dreiviertel⸗ stündigen Arbeit, bis es sich öffnen ließ, und ferner ging der Ballon nach Nordost und konnte leicht über die Ostsee getrieben werden. Während eines großen Teils der Fahrt war auch nur die Ostsee sichtbar, während die unter mir liegende Landschaft nur gelegentlich durch Wolkenlücken erkennbar und nicht zu rekognoszieren war. Ueber die physiologischen Wirkungen heißt es in der Fahrtbeschreibungt): „Das Befinden war fast normal. In der größten Höhe wurde natürlich jede Beobachtung als Anstrengung empfunden, auch das wiederholt geschilderte ‚„komische“ schwächegefühl im Magen stellte fich ein, aber ich war weit entfernt von dem Gefühl, daß ich der Grenze meiner Leistungsfähigkeit nahe gekommen wäre. Im sonnenschein sitzend, den Atmungsschlauch im Munde, war sogar ein gewisses Wohlbehagen, aber keineswegs apathisches Ruhebedürfnis vorhanden. Herzklopfen, Atembeschwerden und Erschöpfung wurden nur bei körperlichen An⸗ strengungen (Ventilziehen) oder bei Aussetzen der sauerstoffatmung empfunden. . . . Der lange Aufenthalt in der Höhe und die niedrige Temperatur waren auch für Hochfahrten ungewöhnlich. 6M stunden lang wurde eine Kälte von weniger als — 20 Grad, 5½ stunden weniger als — 30 Grad und 24 stunden weniger als — 40 Grad ) Wissenschaftliche Luftfahrten, Band II. s. 619. 54 Wissenschaftliche Ballonhochfahrten beobachtet. Aber alle diese Unbequemlichkeiten wurden ausgeglichen durch die starke sonnenstrahlung. Nicht individuellen Eigenschaften, sondern dem Umstande, daß sich der Ballon, mit Ausnahme der letzten halben stunde, immer in vollem sonnenschein befand, wird in erster Linie das körperliche Wohlbefinden bei dieser Fahrt zuzuschreiben sein.“ Damals wurde auch wohl die bisher tiefste im bemannten Ballon beobachtete Temperatur von — 48,2 Grad abgelesen. Die nächste Zeit brachte dann noch mehrere Hochfahrten — von ausländischen sei nur der Ausstieg der Franzosen Balsan und Godard auf 8417 Meter am 27. september 1900 erwähnt, aber go00o0 Meter wurden nicht überschritten. Aus verschiedenen Gründen, besonders zu abschließenden physiologischen Untersuchungen und zur Kontrolle der von unbemannten Ballons emporgetragenen Registrier⸗ instrumente, war jedoch eine steigerung dieser Leistung dringend er⸗ wünscht. Die damaligen Militär⸗ und Vereinsballons waren hierfür zu klein, aber ein glücklicher Zufall fügte es, daß das preußische Meteorologische Institut, dem damals noch das Aeronautische Obser⸗ vatorium angegliedert war, im Jahre 1901 durch schenkung in den Befsitz eines Ballons von 8400 Kubikmeter Inhalt kam. Damit konnte bei Wasserstoffüllung eine Höhe von mindestens 12000 Meter erreicht werden, also ein recht weites, neues Forschungsgebiet, das die Auf⸗ wendung bedeutender Mittel wohl lohnte. Bei den früheren Hoch⸗ fahrten war die steigkraft der Ballons fast immer voll ausgenutzt worden; diesmal war von vornherein wahrscheinlich, daß die zu er⸗ reichende Maximalhöhe nicht von der Leistungsfähigkeit des Ballons, sondern von der seiner Insassen abhinge, und in dem Bewußtsein dieses Kampfes liegt zum großen Teile das Interesse begründet, welches weite Kreise der von Berson und mir ausgeführten Entscheidungsfahrt entgegengebracht haben. Die Vorarbeiten und Vorbereitungen für diese Fahrt wurden mit besonderer sorgfalt getroffen. Der Wiener Physiologe Dr. Hermann von schrötter stellte an uns die Einwirkung verdünnter Luft auf Blutdruck, Respiration und Pulsfrequenz teils in der pneumatischen Kammer, teils bei einer Probefahrt auf 7500 Meter Höhe fest, so daß wir in gewissem sinne vorher eine Art Training durchmachten. Mitte Juli 1901 war alles zur Fahrt bereit, aber wegen der Ungunst der Witterung mußte bis zum 31. Juli gewartet werden. Auch dann wurde der endgültige Entschluß erst um 6 Uhr früh gefaßt; es war das insofern ungünstig, als dadurch wieder die Nachtruhe vor dem Aufstieg gestört wurde. Das Wetter war außerordentlich geeignet; es war ein heißer, ruhiger Tag, und der Ballon „Preußen“ erhob sich 55 Wir Luftschiffer nahezu senkrecht in die Höhe. Da er im Interesse von Ballast⸗ und damit Kraftersparnis nur zu zwei Dritteln mit Gas gefüllt war, erreichte er gleichmäßig und rasch eine beträchtliche Höhe. Nach 40 Minuten war er bereits bei 5000 Meter angekommen; ungefähr in dieser Höhe mußte auch mit dem Auswerfen von Ballast begonnen werden. Wie die beistehende Barographenkurve (s. 59) zeigt, wurde der Ballon in ziemlich gleichförmigem steigen bis zu seinem Kulmi— nationspunkte gehalten. Ueber die Vorkommnisse in der größten Höhe möge auf Grund eines früher von mir gehaltenen Vortrages in Danzig berichtet werden): „Um 23 Uhr — vier stunden nach dem Ausstieg — bei 9000 Meter und — 30 Grad hatten wir das stolze Bewußtsein, höher als alle Erhebungen der Erde zu sein, aber es machte wenig Eindrud. schematisch wurde das vorgeschriebene Arbeitspensum erledigt; zur Unterhaltung spürte keiner von uns Lust; es war auch schwet, sich bei den über die Ohren gezogenen Pelzkappen verständlich zu machen. Eine Verschlechterung des Vefindens war noch immer nicht festzustellen, aber es wurde immer schwerer, die Müdigkeit zu bekämpfen. Mir fielen sogar einmal die Augen zu, aber, wieder aufgewacht, fühlte ich mich vollkommen frisch, und wir führten zwischen go0o0 und 10 000 Meter in Abständen von zirka sechs Minuten noch vier Beobachtungsreihen aus. Die Temperatur betrug hier zwischen 30 und 40 Grad Kälte. Ein anscheinend nebensächlicher Umstand beförderte nun vielleicht die Abnahme unserer Kräfte: das registrierende Barometer war ein⸗ gefroren, sowohl das Uhrwerk wie die Tinte. Berson bemühte sich — wie vorauszusehen war, vergebens —, die Apparate wieder in Ordnung zu bringen; ich hatte in der Zwischenzeit nichts zu tun; meine Müdigkeit wurde daher wieder größer. Nachdem diese Versuche auf⸗ gegeben waren, machten wir noch eine gemeinschaftliche Ablesung in 10 230 Meter Höhe. Bemerkenswert — weil abweichend von früheren Erfahrungen — ist die sicherheit, man kann fast sagen Mühelosigkeit. mit welcher diese Beobachtung ausgeführt werden konnte. . . . Die Einstellung und Beobachtung des Quecksilberbarometers, welche eine ganz ruhige und etwas unbequeme stellung verlangte, war exakt durchführbar; der stand der Thermometer, welcher durch ein astrono⸗ misches Fernrohr, also mit umgekehrtem Bilde, abgelesen wurde, war klar erkennbar, und das Beobachtungsprotokoll konnte von mir mit größerer sauberkeit geführt werden als bei mancher anderen Fahrt. Der Grund für das Wohlbefinden waren offenbar die konsequent durch—⸗ geführte sauerstoffatmung und der gute schutz gegen die Kälte. Kein 1) schriften der Naturforschenden Gesellschaft in Danzig. Neue Folge. Band XI (1903), s. 6. 56 Wissenschaftliche Ballonhochfahrten Wunder, daß man glaubte, noch viel mehr ertragen zu können! Und doch befand sich der Körper nicht mehr im normalen Gleichgewicht. Ueber 10 250 Meter Höhe werden plötzlich die bis dahin so deutlich in der Erinnerung haftenden Vorgänge unklar; die Erinnerungen sind infolgedessen bei uns beiden scheinbar etwas abweichend. Zweifel— los steht fest, daß Berson das Ventil zog und dadurch den Ballon zum Fallen brachte. Kurz vorher hatte er mit schnellem Blick am Barometer einen Luftdruck von 202 Millimeter — das entspricht einer Höhe von 10 500 Meter — abgelesen. Diese Höhe ist somit sicher fest—⸗ gestellt. Naturgemäß hat das Ventilziehen nicht sofort gewirlt, um so weniger, weil unmittelbar vorher Ballast geworfen war. Der Ballon ist also noch gestiegen — wir nehmen aus verschiedenen Gründen an bis zu etwa 10 800 Meter —, aber das ist eben nur eine schätzung, keine Tatsache. Berson zog das Ventil, weil er auf Anruf und schütteln von mir keine Antwort erhielt und daher eine Katastrophe befürchtete; das Ventilziehen verbrauchte aber den Rest seiner Kräfte, er brach erschöpft zusammen und fiel in eine lange, schwere Ohnmacht. Meine Erinnerungen besagen, daß ich meinen Kollegen anscheinend schlafend in sitzender stellung vorfand, als ich — anscheinend noch ganz frisch — mich nach ihm umsah, um zu einer neuen Beobachtungs⸗ reihe aufzufordern. schütteln war vergeblich; auch als ich ihm meinen Atmungsschlauch in den Mund steckte, um ihm mehr sauerstoff zuzu— führen, blieb et regungslos. Ich wollte daher das Ventil ziehen, dessen Grabmal von sivel und Crocẽ⸗ spinelli auf dem Pere⸗Lachaise in Paris. (s. 62.) 57 Wir Luftschiffer Leine für mich ziemlich schwer zu erreichen war, mußte aber wieder umkehren, um zunächst meinen bei Berson zurückgelassenen Atmungs—⸗ schlauch zu holen. Mit der noch ganz deutlichen Erinnerung, daß die Kräfte rapide abnehmen, ergrisf ich auch noch den schlauch, aber dann schwand das Bewußtsein. Ob das vor oder nach Bersons Ventilziehen war, ist ziemlich nebensächlich; jedenfalls waren wir schließlich beide ohnmächtig. Indessen fiel der Ballon, und ziemlich gleichzeitig, aber erst nach einer halben bis dreiviertel stunde, erwachten wir in zirka 6000 Meter Höhe aus der Ohnmacht, beziehungsweise dem daran sich anschließenden schlafe. Jetzt war das Befinden ein ganz anderes als vorher: Nichts von anscheinender Frische, sondern zunächst Atemnot und Angstgefühl, die allerdings nach starker sauerstoffatmung bald wieder verschwanden, dann aber eine bleierne Müdigkeit, Kopfschmerzen und schlaffheit, eine Art seekrankheit oder richtiger Luftkrankheit, die auch ihren Tribut verlangte. Es kostete eine sehr bedeutende Ueberwindung, jetzt die notwendigsten Arbeiten zu tun, also vor allem den übermäßig schnellen Absturz des Ballons durch sandwerfen zu verlangsamen, sich selbst aus den Pelzen herauszuwickeln, die Instrumente zu verpacken und dergleichen. Aber alles gelang; wir bekamen den Ballon voll— kommen in unsere Gewalt und fuhren noch etwa zwei stunden, bis der Ballon ganz sanft auf ein abgeerntetes Feld aufsetzte. Wo wir waren, wußten wir vor der Landung nicht. Bis fast zu den größten Höhen hatten wir unsern Weg ziemlich genau verfolgt; wir waren durchschnittlich nach süden bis südsüdwest gefahren und mußten, wenn wir diese Richtung beibehielten, etwa bei Wittenberg über die Elbe kommen. Als wir aus der Ohnmacht erwachten, sahen wir eine ganz ver⸗ änderte Landschaft; viel Wasser, besonders seen waren zu erblicken, aber wir suchten vergebens die Elbe. Wie sich nachher herausstellte, waren wir, im Gegensatz zu der schwachen Luftströmung bis 8000 Meter, darüber plötzlich in einen stürmischen Westwind geraten, der uns in einer stunde etwa 100 Kilometer nach Ost versetzte. Wir gelangten also infolge dieser Richtungsänderung der oberen Luftströmungen nicht an die Elbe, sondern nach dem spreewald und landeien bei Briesen unweit von Kottbus.“ In den nächstfolgenden Jahren sind noch mehrfach recht bedeutende Hochfahrten gemacht; so in Berlin von Dr. Elias allein am 3. Juli 1902 auf 7830 Meter, von Berson und Dr. von schrötter am 24. Juni 1903 auf 8770 Meter, in Wien von Dr. schlein am 5. Juli 19065 auf 7800 Meter (ohne sauerstoff!). Auch bei diesen Fahrten 58 rn Oos una un 18a vnaC 2puizuomoq 226 sonn Pp u -· als 209 — masplitu z30ο0d = d aun n ua aum & za uam aa uzjgvß uzaz a0 231C. uaava n uiugo uai anja a1 ο uv ua ola; aa 182 ju; ana las 3G) 1061 Uns 18 iuoa zadvltpog 229 duaahrya uahdvaßoa v; s8aq 2aun Fi Rr ö 1 r er g . m 6 n , ; d 4 —— 2 57 rr ö J . K— M w w 93 i j ; , 2 e , , 5 I , . 5 ., n,. , ,, . ** Wir Luftschiffer hat es mehrfach nicht an dramatischen Augenblicken gefehlt; sie bieten jedoch prinzipiell nichts Neues. Technisch beachtenswert ist, daß Dr. Elias seinen Aufstieg mit einem Ballon von nur 850 Kubikmeter Inhalt ausgeführt hat, natürlich mit Wasserstoffüllung. Im Anschlusse an diese schilderungen von Hochfahrten mögen nun noch einige Bemerkungen über technische Einzelheiten, über die phyfsiolo⸗ gischen Wirkungen der Höhenluft und über die meteorologischen Er⸗ gebnisse folgen. Was die Größe der Ballons anbetrifft, so genügen die jetzt schon in mehreren Exemplaren vorhandenen sportballons von etwa 2000 Kubikmeter Inhalt vollständig, um eine Person bei günstiger Wetter⸗ lage und zweckmäßiger Beschränkung des toten Gewichts bis auf mindestens 10 000 Meter zu heben. Nach den vorliegenden Erfahrungen muß jedoch dringend davor gewarnt werden, allein in Höhen von mehr als 8000 Meter vorzudringen. Auch der bestgeeignetste Aeronaut ist hier nicht mehr in der Lage, seinen Gesundheits- und Kräftezustand richtig zu beurteilen. somit empfiehlt es sich, für Hochfahrten noch größere Ballons zu nehmen; dadurch steigern sich aber nicht nur die Kosten, sondern auch die schwierigkeiten der Montierung ganz erheb⸗ lich. Um sich unnötiges Ballastwerfen zu sparen, wird man nämlich für Hochfahrten meist mit nicht ganz gefüllten Ballons aufsteigen, und jeder Luftschiffer weiß, wie schwer schon ein solcher Ballon mittlerer Größe bei etwas böigem Winde auf dem Boden zu halten ist. Die schwierigkeiten bei der Füllung bestehen hauptsächlich darin, an wenigen Leinen genügend Widerstand seitens der Mannschaften leisten zu lassen. Bei dem 8400⸗Kubikmeter-Ballon „Preußen“, der für die Hochfahrt am 31. Juli 1901 nur mit 5400 Kubikmeter Wasser— stoff gefüllt wurde, wurde folgendermaßen verfahren: Der große Ballonring hing an 48 Netzleinen. Zum Halten wurden außer 300 sandsäcken zu 16 Kilogramm noch 24 Erdanker benutzt, die bei der ersten Auffahrt (am 11. Juli, mit Leuchtgasfüllung) aus Gasrohren, bei der zweiten aus je fünf leeren, einen Meter tief eingegtabenen Wasserstoffflaschen bestanden. Zwischen die Anker und die Haltenetze wurden einfache Flaschenzüge gesetzt, und das lose Ende jeder Leine wurde von zwei Leuten gehalten; am Netze und an den Auslaufleinen befanden sich ebenfalls 48 Mann, so daß dem Auftrieb des ganz mit Wasserstoff gefüllten Ballons (zirka 9000 kg) ein drei- bis viermal so großer Widerstand entgegengesetzt werden konnte. Mit diesen Vor⸗ richtungen vollzog sich die Füllung ohne störung in etwa vier stunden. Bei der Hochfahrt am 31. Juli trug der Ballon etwa 3600 Kilo⸗ gramm Ballast zum Auswerfen, teils sand, teils Eisenfeilspäne. Um bb0 Wissenschaftliche Ballonhochfahrten die Kräfte der Insassen zu schonen, wurden fast alle säcke, meist 62 Kilogramm haltend, außen am Korbe angebracht und zum Abschneiden eingerichtet, indem eine weiße Leine vom Boden des sackes zum Korbrande, eine rote, zu durchschneidende Leine vom Haken des sackes zum Ballonringe führte. Während der Fahrt konnten bis zu drei sack auf einmal abgeschnitten werden, ohne die Gleich⸗ mäßigkeit des Aufstiegs wesentlich zu stören. Die Zahl der säcke ist bei der Abfahrt nicht gezählt worden, dürfte aber 70 bis 80 betragen haben, und es war daher anfangs das Abschneiden der dicht aneinander gepreßten schweren säcke recht umständlich. Verbesserungen dieses Ver⸗ fahrens sind sehr erwünscht. Wie sehr diese Ballastanbringung und das damit verbundene Leinengewirr stört, wird man bei Betrachtung des beistehenden Bildes unseres Aufstieges vom Gelände der Militär⸗ luftschifferabteilung auf dem Tempelhofer Felde ermessen können. Als Beispiel der Ausrüstung verweisen wir auf Abbildung seite 45. Die Ausrüstung der Insassen für Hochfahrten ist verhältnismäßig einfach. Thermophorkörper in den Pelzschuhen und in den Taschen des mit Renntierfellen gefütterten Mantels gewähren völlig ausreichenden schutz gegen Kälte. Lange Pelze sind nur für die allergrößten Höhen notwendig; im allgemeinen sind sogar alle schweren, die Bewegungs⸗ freiheit hindernden Kleidungsstücke möglichst zu vermeiden, und mehrere der Hochfahrten bis 8000 Meter sind ohne Beschwerden in gewöhn⸗ licher Winterkleidung durchgeführt worden. Noch einfacher ist die Proviantfrage. Bei der 7wstündigen Hochfahrt auf 11 000 Meter haben wir außer einigen schluck selterswasser nichts genossen; besser wäre vielleicht durch Thermophore warm gehaltener Tee gewesen. Außerdem wird in Höhen über 5000 Meter nur noch Obst und schoko⸗ lade gern genommen, alle andern speisen erregen Ekel. Ohne sauer⸗ stoffatmung scheinen auch die zähesten Naturen Höhen über 8000 Meter nur kurze Zeit ertragen zu können; um klar zum Denken und frisch zum Handeln zu bleiben, ist sauerstoff von mindestens 6000 Meter an notwendig. Trotz mannigfacher Versuche scheint die alte Methode, den sauerstoff komprimiert in stahlflaschen mitzunehmen, doch noch die beste zu sein, so lange man nicht ängstlich auf Ballastbeschränkung sehen muß. Bei unserer höchsten Fahrt hatten wir vier Flaschen mit reinem sauerstoff zu je 1000 Liter Inhalt, auf einen Raum von zehn Liter komprimiert, mitgenommen. Der sauerstoff wurde einfach durch Gummischläuche mit gläsernem Mundstück eingeatmet. Das Verfahren hat die Annehmlichkeit — aber auch die schwere Gefahr —, daß die Atmung jederzeit unterbrochen werden kann. Da nun in schwäche⸗ zuständen der schlauch leicht dem Munde entfallen kann und tatsächlich 61 Wir Luftschiffer auch entfallen ist, so ist in Zukunft statt des Mundstückes eine Maske, wie sie von schrötter schon 1901 empfohlen hat (s. 169), notwendig. Das Instrumentarium bei Hochfahrten richtet fich natürlich ganz nach den gestellten Aufgaben und interessiert hier wohl nur insoweit, als dadurch die erreichte Höhe festgelegt werden soll. Falls bei Fahrten über 6000 Meter nur Aneroidbarometer zur Höhenbestimmung vor⸗ handen sind, so können wegen der schwer kontrollierbaren „elastischen Nachwirkung“ und der bei tiefen Temperaturen ungenügenden Temperaturkompensation dieser Instrumente leicht Fehler von 1060 Meter entstehen. Noch weniger zuverlässig sind Barographen. Es muß daher ein Quecksilberbarometer mitgenommen werden, und es muß hiermit das Aneroid bei angenäherter Gleichgewichtslage des Ballons von Zeit zu Zeit verglichen werden. Unkorrigierte Aneroid⸗ ablesungen genügen für sportfahrten, sind aber für Hochfahrten gänz⸗ lich wertlos. Bei unseren Aufsstiegen wuchsen die Abweichungen zwischen Aneroid⸗ und Quecksilberbarometer in einzelnen Fällen bis zu 20 Millimeter an; das entspricht bei 9000 Meter Höhe einer Höhen⸗ differenz von rund 600 Meter. Ferner sind zu einer genauen Höhen⸗ berechnung zuverlässige, stufenweise ausgeführte Temperaturbeob⸗ achtungen notwendig. Je niedriger die Temperatur, desto niedriger ist auch die zu einem bestimmten Barometerstande gehörige seehöhe. sind also — und es kommt das ja sehr häufig vor — warme Luft⸗ schichten in der Atmosphäre eingebettet, und hat man nur die vielleicht relativ niedrige Temperatur bei Beginn und bei Kulmination der Fahrt abgelesen, so fällt die berechnete Höhe viel zu gering aus. Der hierdurch entstehende Fehler kann schon bei 5000 Meter mehrere 100 Meter betragen. Eines der wichtigsten Ergebnisse der wissenschaftlichen Hoch⸗ fahrten find die Aufschlüsse über die Einwirkung verdünnter Luft auf den Organismus und damit über das Wesen der Höhen⸗ oder Bergkrankheit. Um die Lösung dieser Frage haben sich besonders Geheimrat Zuntz und Dr. von schrötter, die verschiedentlich Fahrten mit uns unternommen haben, verdient gemacht. schon der Pariser Physiologe Paul Bert hatte Anfang der siebziger Jahre die Ansicht ausgesprochen, daß der sauerstoffmangel der höhern Luft⸗ schichten die einzige Ursache der hier auftretenden Beschwerden sei, und es wurden dementsprechend auch Versuche im Ballon angestellt, aber unzweckmäßige Anordnung und Anwendung der sauerstoff⸗ atmung führten zu der — bisher einzigen — Katastrophe bei wissen⸗ schaftlichen Hochfahrten. Am 15. April 1875 stiegen Tissandier, sivel und Crocs ⸗spinelli bis auf etwa 8000 Meter auf; bei 62 Wissenschaftliche Ballonhochfahrten mann n nn 6 Die aus bisher größter Höhe aufgenommene Ballonphotographie. Vrehß burg aus 7000 Meter Höhe. Phot. Dr. Aug. schlein. allen stellte sich schlafähnliche Betäubung ein, die beiden letztgenannten büßten dabei ihr Leben ein, während Tissandier dauernde Taubheit davon trug. Dieses Ereignis hat offenbar die Anerkennung der Theorie von Paul Bert ungünstig beeinflußt, und es sind zahlreiche andere Erklärungen der Höhenkrankheiten aufgetaucht. Die Versuche bei den Ballonfahrten haben nun zu dem zunächst überraschenden Resultat geführt, daß alle diejenigen Erscheinungen, welche man im allgemeinen als typisch für die Höhenkrankheit ansieht, nämlich Atemnot und Herzbeschwerden, im Ballon bei künstlicher Atmung verschwinden, während das, was man in erster Linie auf die Anstrengung beim Bergsteigen schob, nämlich die allgemeine Er— schlaffung, zwar auch zunächst durch sauerstoffatmung gehoben wird, in den größten Höhen aber als wesentlichste Krankheitserscheinung bestehen bleibt. Durch Experimente ist festgestellt, daß nicht die großen Druckdifferenzen innerhalb und außerhalb des Körpers, veränderte Lungenstellung oder Blutverteilung irgend welchen Einfluß haben, sondern daß lediglich die zu geringe sauerstoffspannung in der Lunge und die mangelhafte Versorgung des Blutes mit sauerstoff die Krank⸗ 68 Wir Luftschiffer heitserscheinungen hervorrufen. Die ersten symptome verminderter sauerstoffversorgung gehen vom Gehirn aus und äußern sich in schlaf⸗ sucht, schwindel, Verminderung der sehschärfe und Gehörempfindung; später erst treten Muskelschwäche und Herzaffektionen ein. Nachdem die Wirkung des sauerstoffs bei diesen Erscheinungen experimentell festgestellt war, waren die Fragen zu lösen, bis zu welcher Grenze man ohne künstliche sauerstoffzufuhr gehen kann, in welcher Menge und Dichte sauerstoff einzuatmen ist und wo die obere Grenze der sauerstoffwirkung liegt. schon in 5000 Meter Höhe ist ohne jede Tätigkeit leichter sauerstoffmangel angedeutet, in Höhen von 6— 7000 Meter ist noch eine teilweise Anpassung und Gewöhnung an die dünne Luft möglich, in Höhen von über 8000 Meter wird jedoch ohne sauer stoffatmung niemand Funktionsstörungen entgehen können. Die individuelle Eignung zu Hochfahrten hängt weniger mit der Atem— mechanik, z. B. flacher Atmung, zusammen, sondern vorwiegend mit der sauerstoffkapazität des Blutes. Ein Ausströmen des Gases aus der stahlflasche von 3, Liter in der Minute scheint ausreichend zu sein, wenn man statt eines schlauches mit Mundstück eine Maske nimmt, welche zum Einatmen zwingt. Trotz reichlicher sauerstoff— zufuhr genügt jedoch diese Art der Atmung schließlich nicht mehr, denn entsprechend der allgemeinen Druckverminderung verringert sich auch der Druck des eingeatmeten sauerstoffs, und es wird schließlich der Fall eintreten, daß der Lunge eine zu geringe Gasmenge zugeführt wird. Es läßt sich berechnen, daß dies bei einem Luftdruck von 116 Millimeter, entsprechend einer Höhe von etwa 15 000 Meter, statt⸗ findet; da aber außerdem ein Druckverlust bei dem Uebertritt des sauerstoffs in das Blut zu berücksichtigen ist, so reduziert sich diese Höhe noch mehr, und die äußerste Grenze, bis zu welcher man in einem offenen Ballonkorbe gelangen kann, ergibt sich hiernach zu 12500 Meter (160 Millimeter Luftdruck). Für den Fall, daß man den jetzigen Höhenrekord schlagen will, empfiehlt daher von schrötter einen her⸗ metisch verschlossenen Korb nach Art einer Taucherglocke. Der Anlaß zu wissenschaftlichen Hochfahrten sind in erster Linie meteorologische Beobachtungen gewesen, und, soweit es sich um Tempe⸗ ratur- und Feuchtigkeitsbestimmungen handelt, ist durch sie die Atmo⸗ sphäre bis zu 10 000 Meter recht eingehend erforscht worden. Wichtige Ergänzungen hierzu sind später durch die unbemannten Registrier— ballons geliefert worden, und die von ihnen erreichten Höhen werden dem Menschen stets verschlossen bleiben. Aber diese Registrierungen wurden. anfangs vielfach angezweifelt, und die Annahme; daß die starke sonnenstrahlung in der Höhe die Angaben fälscht, war auch 64 Wissenschaftliche Ballonhochfahrten nicht ohne weiteres abzuweisen. Es mußte daher eine Kontrolle durch gleichzeitige, einwandfreie direkte Ablesungen im bemannten Ballon ausgeführt werden, und es war dies eine der Hauptaufgaben bei unserer Hochfahrt am 31. Juli 1901. Das Resultat war für den Registrierballon durchaus günstig, denn die Unterschiede in den Tem⸗ peraturangaben hielten sich in den höchsten Luftschichten innerhalb eines Grades. Auf die vielfach recht interessanten meteorologischen Zustände in den oberen Luftschichten hier einzugehen, z. B. auf die relativ warmen Zonen in 10 bis 11 Kilometer Höhe, dürfte hier um so weniger am Platze sein, als der jetzige Ausbau der Ergebnisse im wesentlichen durch den Registrierballon erfolgt ist. Ich beschränke mich daher auf eine für manchen Aeronauten vielleicht wissenswerte Zu⸗ sammenstellung der mittleren atmosphärischen Verhältnisse über Nord⸗ deutschland. I) sdhe Luftdruch Temperatur sperl I fuchtig. Luftdichte aeg Riate asse m mm oC ul * D tg pro ebm) (m p. sekunde) 20 760 6, 6 6, 6 1, 25 5 00 717 6, 6 4,8 1, 19 6 1000 674 4,7 4,1 1.13 9 2000 596 0, 0 5, 0 1,01 160 3000 525 — 5.1 2,2 0, 91 12 4000 462 —10, 7 1,5 0, 82 14 5000 405 —16, 8 1, 1 0, 73 17 6000 355 —3,l2 0,7 0, 66 20 7000 308 — 30, 0 0, a o, 59 23 d000 266 —37, 0 0,2 0. 52 26 g000 230 —14, 2 0, 1 0, 47 29 10000 198 —51, 6 0 0, 42 32 Nachdem gewissermaßen die klimatischen Verhältnisse der oberen Luftschichten in ihren wichtigsten Zügen festgelegt sind, eröffnet sich dem Hochfahrer noch ein dankbares Feld in der Erforschung der Intensität der sonnenstrahlung und des luftelektrischen Verhaltens in unserer Atmosphäre. Die hierzu erforderlichen empfindlichen In— strumente und die schwierigkeit ihrer Handhabung haben bisher ihre Benutzung nur in mittleren Höhenlagen gestattet. Das erfolgreiche studium dieser physikalischen Probleme in größeren Höhen wird starke Anforderungen an den Luftschiffer stellen, aber die bisherigen Erfolge der Aeronautik lassen hoffen, daß wir auch auf diesem Gebiete weiter⸗ kommen werden. ) Größtenteils nach schubert. Jahresbericht des Berliner Zweigvereins der Tertschen Meteer. Gesellsch. für 1904. Wit Luftschiffer 65 6 Die Erforschung der Atmosphäre über dem Ozean und in den Tropen. Von Professor Dr. Berson. Königl. Preuß. Aeronautisches Observatorium bei Lindenberg. Die jüngsten aerologischen Bestrebungen. Die Forschungen über dem Meer von Rotch 1901, Prof. Koeppen und Berson 1902, Teisserenc 1908, Hergesell 19097. Das Problem der Passate und Anti- vassate. Neuere aerologische see⸗ Expeditionen. Die meteorologischen Arbeiten des deutschen Ver⸗ messungsschiffes Planet?. Luftforschungen in den Tropen. Am Vittoria Nhanza und an der seuste des Indischen Ozeans. Die Monsune und Antimonsune. 84 Grad Kälte in 19 800 Meter Höhe am Aequator. Die Registrierballontechnik von Aßmann und Hergesell. Der Teodolit auf Land und see. ndem sich die Meteorologie des Rüstzeuges des Luftschiffers be⸗ J mächtigte und aeronautische Methoden zu agerologischen Forschungsmitteln machte, wurde sie erst zur „Phyfik der Atmosphäre“, zugleich aber, wie man treffend bemerkt hat, aus einer „zweidimensionalen“ Wissenschaft zu einer „dreidimensionalen“. Wie im 19. Jahrhundert die Meteorologie der bodennächsten Luftschichten sich von Europa und den Vereinigten staaten über alle Weltteile auszubreiten begann, so kann sich die Aerologie im 20. Jahrhundert nicht an dem studium der schmalen, wenn auch noch so hohen, Luftsektoren über zwei relativ kleinen Festlandsmassen genügen lassen. Nachdem wir mit den neuen Forschungsmethoden höher und höher, und schließlich hoch über die Region der obersten Wolken gestiegen, geht das Be—⸗ streben wieder darnach, die Untersuchung in wagerechtem sinne aus⸗ zudehnen: „Das ganze Luftmeer soll es sein.“ Zunächst aber mußte es das Luftmeer über dem Ozean sein, denn dies umfaßt drei Viertel der ganzen Atmosphäre. Und zweitens mußte man in das Luftmeer der heißen Zone hinausgehen, denn diese entspricht wiederum der Hälfte der gesamten Erdoberfläche. Insbesondere übt sie aber sowohl durch ihre zentrale Lage zwischen den gemäßigten und kalten, in je zwei kleinere Komplexe zerfallenden Klimagebieten, wie infolge ihres beträchtlichen Wärme⸗ und Wasserdampfgehaltes einen hervorragenden, ja vielleicht be⸗ stimmenden Einfluß auf die Witterungszustände der ganzen Erde aus. so lag es denn nahe, daß alsbald nach Wiedererweckung der be⸗ mannten wissenschaftlichen Ballonfahrten in Deutschland, der fast gleich⸗ zeitigen Einführung des Registrierballons in Frankreich und der 66 Die Erforschung der Atmosphäre Dienstbarmachung der Drachen für meteorologische Zwecke in Amerika von mehreren seiten zugleich die Ausdehnung der Untersuchungen in dem doppelten, oben angedeuteten sinne in Angriff genommen wurde. Faßt man zunächst die aerologische Arbeit über dem Ozean ins Auge, so ist es merkwürdig, wie die beiden hier vornehmlich in Frage kommenden Methoden, der freifliegende Registrierballon ( Ballon- sonde“) und die Drachenketten) ein völlig entgegengesetztes Aussehen erhielten, sobald man damit umging, sie auf das Meer hinauszutragen. Man braucht bloß den Gedanken zu verfolgen, Drachen auf see in die Luft emporzuschicken, um sofort einzusehen, daß hier durch ein günstiges Zusammentreffen von Umständen die Ausdehnung der Unter⸗ suchung auf ein neues Arbeits feld zugleich eine ungemeine Ver—⸗ besserung der Arbeits weise fast mechanisch mit fich führte. Um die Atmosphäre über dem Meere zu erforschen, mußte man auf's schiff — und mit diesem konnte man sich ja durch die Fahrt selber etwa gänzlich fehlenden „Drachenwind“ machen, zu schwachen durch Entgegenlaufen rerstärken, zu stürmischem einen Teil seiner Kraft, sobald sie gefahr⸗ drohend zu werden begann, durch Mitdampfen rauben. Dagegen stellte fich die Anwendung des Ballon-sonde, dieses für das studium der höchsten Luftschichten einzigen Hilfsmittels, auf dem Ozean zunächst als fast unausführbar dar. Der 10 000 und 20 000 Meter hochgestiegene, durch obere Luftströmungen in unbekannte Fernen ent⸗ führte Registrierballon schien fürs erste noch sicherer verloren, als der bemannte Aerostat es auf see wäre, — und wenn hierbei auch keine Menschenleben gefährdet wurden, so mußte man doch eine Arbeit als zwecklos betrachten, bei der von vornherein das einzige Ergebnis, die Registrierkurve, mitsamt dem kostspieligen Instrument einem fast sicheren Untergange in der Wasserwüste des Ozeans geweiht wurde. Hier waren erst neue Arten von Ballons zu erfinden, eigenartige Methoden ihres Hochlassens und der Festlegung ihrer Flugbahn zu ersinnen. Es sind erst wenige Jahre seitdem verflossen, und doch kann auch dieses schwierige Problem heute als im wesentlichen gelöst gelten. An einen ganz kurzen geschichtlichen Abriß der Bestrebungen und Arbeiten auf diesem Gebiete schließen wir eine Uebersicht der Aufstiegs⸗ methoden und anderer Hilfsmittel nach ihrem heutigen stande an. Vorausgeschickt muß werden, daß sich hier Fragestellung und Ergebnisse, ) Der bemannte Ballon kommt hier von vornherein für ernsthafte Arbeit nicht in Betracht, — der Registrierfesselballon aber kann fast stets durch Drachen ersetzt werden, verbietet fich auch in den meisten Fällen durch seinen auf schiff zu beträchtlichen Gas- verbrauch. 67 60 Wir Luftschiffer ganz besonders aber Methodik und technischer Apparat noch in fort⸗ währender Umbildung, in dauerndem Fluß befinden. Bei einem der⸗ artig modernen Forschungszweige kann dies ja nicht Wunder nehmen: hier ist eben alles erst von gestern und heute. 1. Geschichtlicher Ueberblick und wichtigste Ergebnisse. Bereits im April 1900 legte der Verfasser dem damaligen Direktor des Berliner Meteorologischen Instituts, v. Bezold, zwei ausgearbeitete Pläne zu aerologischen Forschungsreisen in den Monsun- und Passat⸗ gebieten des Indischen Ozeans und an dessen Gestaden vor. In dem—⸗ selben Jahre nahm Prof. Hergesell die Ausbildung aerologischer Methoden über größeren Wasserflächen in Angriff, indem er, ohne zu— nächst den Ozean ins Auge zu fassen, auf dem Bodensee Experimente mit kleinen Fesselballons und Drachen ausführte. Hierbei schwebte wohl beiden der doppelte Gesichtspunkt der so bedeutsamen Erweiterung des Forschungsgebietes einerseits und der eigentümlichen Erleichterung, welche der Methode der Drachenforschung an Bord eines sich auf dem Meere in beliebiger Richtung bewegenden Dampsschiffes erwuchs, andererseits vor Augen. Der Ozean sollte gewissermaßen zugleich Objekt und Hilfsmittel der Untersuchung werden. Die allerersten tatsächlichen gefesselten Aufstiege auf dem Meere machte jedoch Rotch im Jahre 1901 von einem kleinen eigens ge⸗ charterten Fahrzeuge in der Bai von Boston und kurz darauf an Bord eines nach Europa fahrenden großen Postdampfers. Naturgemäß konnte das Wesen der Methode, die Anpassung von Kurs und Fahrt des schiffes an die Bedürfnisse des wissenschaftlichen Experimentes nur bei den erstgenannten seiner Versuche praktisch studiert werden, wäh⸗ rend auf dem unabänderlich seine Bahn verfolgenden Ozeandampfer die Aufstiege bereits dem eigentlichen Zwecke, meteorologischen Unter⸗ suchungen in den höheren Luftschichten über dem Meere, wenn auch in beschränktem Maße, dienten. Das folgende Jahr 1902 brachte zunächst die theoretisch wichtige Resolution der Internationalen Kommission für wissenschaftliche Luft⸗ schiffahrt, gefaßt auf ihrer Berliner Tagung, wonach „die Erforschung der Atmosphäre über dem Ozean, zunächst im Passatgebiete,“ wie sie Mr. Rotch und der Verfasser der Konferenz vorschlugen, „als eine der wichtigsten Aufgaben der Kommission und der Höhenforschung über⸗ haupt“ erklärt wurde. Es folgten Experimente Professor Koeppens auf der Ostsee (schiff „Holsatia“) und mehr als 20 Aufstiege des Verfassers mit Dr. Elias auf einer Reise des Vergnügungsdampfers „Oihonna“, 68 Die Erforschung der Atmosphäre Aufstieg eines Drachens vom freien Hinterdeck aus. welche sich vom Großen Belt bis nördlich von spitzbergen an die Packeis grenze erstreckten. Doch handelte es sich hier wiederum um ein schiff mit vorgezeichneter Reiseroute, und das Wesen der Methode konnte nur höchst unvollkommen zur Geltung kommen; immerhin waren dies die ersten Forschungen aus der freien Atmosphäre in der Polarzone. Da⸗ gegen führte Mr. Dines in demselben sommer 1902 eine große Reihe von Drachenexperimenten in den schottischen Gewässern (bei Crinau—- Harbour) mit einem für diesen Zweck gecharterten Fahrzeuge aus; so kam man denn auch zweimal auf über 3500, einmal sogar auf 4500 Meter Höhe. Von großer Bedeutung für die Folge wurde, daß im Frühjahre 1903 Teisserenc de Bort den praktischen Nachweis führte n) für die ungemeinen Vorteile der Drachenarbeit von Bord aus. Hier stand ebenfalls ein nicht einmal schnelles, aber völlig nach den Bedürfnissen 1) An Bord zweier dänischer Kanonenboote, „Falster“ und „Lövenörn“, in den dänischen Meeren. 69 Wir Luftschiffet des Aerologen laufendes schiff zur Verfügung — und sofort gelang es, alle bisherigen Ausstiege mit Drachen an Höhe bedeutend zu über⸗ treffen, indem zirka 5g00 Meter erreicht wurden. Den wichtigsten Fortschritt bedeutet jedoch das Jahr 1904. Nach⸗ dem sich den Plänen von Rotch und dem Verfasser immer wieder neue schwierigkeiten entgegenstellten — vornehmlich, wie zu erwarten stand, finanzieller Natur — gelang es Hergesell, im Fürsten von Monaco, dem hochverdienten Ozeanologen, einen neuen warmen Freund und Förderer der maritimen Aexologie zu gewinnen. In diesem und dem nachfolgenden Jahre 1905 machte Hergesell an Bord der fürstlichen Jacht „Princesse Alice“ die ersten wichtigen studien im nord⸗ atlantischen Passatgebiete. Zum ersten Male wurde die sehr geringe vertikale Erstreckung der Passate und die mächtige, windschwache und sür ozeanische Verhältnisse merkwürdig trodkene Zone mit fast kon⸗ stanter, oder nach oben direkt zunehmender Temperatur über dem Passat festgestellt; statt der in größeren Höhen hier stets angenommenen, nach Wolken und anderen Beobachtungen auf Teneriffa als südwestlich („Antipassat !) vorausgesetzten Gegenströmung (Rücktransport der durch die Passate in das innere Tropengebiet beförderten Luftmassen in höhere Breiten) glaubte er allerdings zunächst nur einen nordwestlichen Wind feststellen zu können. Während sich nun Hergesell, bezw. der Fürst von Monaco, in den folgenden zwei sommern 1906⸗0ꝛ7 gerologischen Forschungen im hohen Norden zuwandten, rüsteten Rotch und Teisserenc de Bort ein eigenes schiff, die ‚Otaria“, aus, welche auf mehreren Expeditionen die Passat⸗ frage und die Meteorologie des Luftmeeres über dem subtropischen und tropischen Atlantischen Ozean überhaupt, bis südlich vom Aequator hin, also viel weiter als es die „Princesse Alice“ getan, einer plan⸗ mäßigen Untersuchung mittels Drachen, Registrier⸗- und Pilotballons unterwarf. Indem diese Expeditionen im übrigen die Feststellungen Hergesells, wenigstens in allen wesentlichen Punkten, bestätigen konnten, ergab sich in der das erste Interesse beanspruchenden Frage nach dem Antipassat, daß dieser auch über dem freien Ozean regelmäßig als richtige Gegenströmung, also über dem Nordostpassat aus südwesten wehend, vorhanden ist. Wir können hier nicht die seit drei Jahren immer zahlreicher werdenden Expeditionen und sonstigen Arbeiten auf dem Gebiete der maritimen und tropischen Aerologie im einzelnen besprechen oder auch nur erschöpfend aufzählen. Als die wichtigeren und mehr bekannt gewordenen erwähnen wir zunächst: die mehrjährige Forschungsreise des deutschen Vermessungsschiffes „Planet“, auf welcher neben vielen 760 Die Erforschung der Atmosphäre anderen auch eine Reihe aero⸗ logischer Untersuchungen mit allen zur Verfügung stehenden Methoden im Atlantischen, In⸗ dischen und einem Teile des stillen Ozeans in mustergültiger Weise ausgeführt wurden; die Aufstiege Fassigs auf den Baha⸗ mas, Walkers und Fields in Karrachee (Nordindien), Kee⸗ lings in Aegypten (Heluan); Hergesells dritte Reise nach den Kanaren (1908) — diesmal auf einem deutschen Kreuzer —, Palazzos Aufstiege bei Zanzibar im sommer 1908, die Arbeiten von Linke auf samoa, Elias! Bergen eines Drachens an Bord. zweite Expedition nach den spitz⸗ bergischen Gewässern (1907), die Expedition von v. Hewald und Hauptmann Hildebrandt nach den isländischen Meeren und die Aufstiege vom Bord eines französischen Kriegsschiffes auf dem Atlantik im sommer 1907, die Drachenaufstiege des deutschen Torpedobootes „sleipner“ u. a. m. Wichtig ist, daß mehrere dieser Expeditionen gleichzeitig mit den großen alljährlichen internationalen serien⸗ aufstiegen, in geplanter Mitarbeit mit diesen, stattgefunden haben. Der Endzweck dieser serienaufstiege, ein Bild zu gewinnen über die gesamten Vorgänge in der Atmosphäre, wie sie sich in der Entwicklung von Tag zu Tag darstellen, wird auf diese Weise natürlich in ganz anderem Maße erfüllt, als bei Beschränkung der Arbeiten auf das Festland und die gemäßigten Breiten. Reiche Resultate hat auch die vom Verfasser unter Mitarbeit von Herrn Dr. Elias geführte Expedition des Aeronautischen Obser⸗ vatoriums Lindenberg nach Ostafrika ergeben. Es wurden auf ihr Registrier⸗ und Pilotballon- sowie Drachenaufstiege in großer Anzahl ausgeführt (insgesamt über 160 Experimente): und zwar im ersten Teile der Reise (August und september 1908) auf dem größten der innerafrikanischen seen, dem mächtigen Viktoria⸗Nyanza, der die Möglichkeit lieferte, die Verhältnisse über einem tropischen Festlande, und doch unter Ausnutzung der Vorteile der maritimen aerologischen Methoden, wie sie schon angedeutet wurden und des näheren noch weiter unten besprochen werden sollen, zu untersuchen — im zweiten Teile aber 71 Wir Luftschiffer (september bis Anfang Dezember) an Küstenplätzen des Indischen Ozeans und auf diesem selbst, zum studieren der Monsune, besonders der Uebergangszeit zwischen beiden Jahreszeiten und im Nordostmonsun. Angeschlossen wurde ein Abstecher auf dem deutschen Kreuzer „Bussard“, wobei ins Gebiet des südostpassats und bis nahe an die Grenze der „braven Westwinde“ (bis zum 26. Grad südlicher Breite) gegangen wurde. Als interessanteste Tatsache haben alle diese Untersuchungen festgestellt, daß fich die große Zone oberer Temperaturinversion, sozu⸗ sagen die obere Atmosphäre, innerhalb deren die Luftwärme nicht mehr sinkt und vertikale Bewegungen, die wichtigsten Faktoren der Witterungsbildung in den unteren schichten, kaum noch eine Rolle spielen, in allen Klimazonen wiederfindet, wobei sie sich jedoch vom Pol aus gegen den Aequator immer höher verlagert, und unter diesem nur gelegentlich über dem Viktoria⸗see., noch nie aber über dem offenen Ozean erreicht worden ist. Da auf diese Weise die schichten mit Temperaturabnahme nach oben in der heißen Zone am hächsten hinauf⸗ reichen, so finden sich denn auch gerade in dieser die tiefsten, überhaupt je in der Atmosphäre gemessenen Temperaturen (z. B. über dem Viktoria ⸗ see — 84 Grad in 19500 Meter!). Das zweite wichtigste Ergebnis aller dieser Arbeiten war die Feststellung von Gegenwinden über allen großen regelmäßigen Wind⸗ systemen der Erde, soweit diese bisher untersucht worden find. Man hat, wie über den Passaten Antipassate, so über den Monsunen Gegen⸗ monsune, ja bei der Expedition nach Ostafrika über dem gewaltig hoch hinaufreichenden Ostwind der innersten Tropenzone zeitweise einen noch höher gelegenen Westwind vorgefunden. Auf die übrigen Resultate können wir hier um so weniger ein⸗ gehen, als die Beobachtungen sich heute bereits auf mehrere Meere und Klimagürtel erstrecken und demgemäß ein reichhaltiges, die verschieden⸗ sten Zustände wiederspiegelndes Material geliefert haben; auch verfolgt dieser bescheidene Beitrag nicht den Zweck, auf die Meteorologie der Meere oder Tropen einzugehen, sondern lediglich die Ziele, Entwicklung und Methoden der aerologischen Ozeanforschung in Kürze zu kenn—⸗ zeichnen. Einige andere wichtige Ergebnisse haben wir übrigens bereits bei Erwähnung der ersten grundlegenden Passatstudien Hergesells an— gedeutet; diejenigen Leser, welche sich eingehender unterrichten möchten, verweisen wir auf die ausgezeichnete Darstellung von Professor Koeppen in „Forschungsreise s. M. s. „Planet“, 1966-07, 1I1. Band, Aerologie“ . (Berlin, 1909, Verlag von Karl siegismund), s. 105—118, welche in knapper und äußerst lichtvoller Weise die Hauptergebnisse aller hierher⸗ gehörigen Arbeiten bis Mitte 1908 berücksichtigt. 72 Die Erforschung der Atmosphäre Das schwarze Jung⸗Deutschland im Dienst der Wissenschast. 2. Methoden und Technik der Aufstiege. Nachdem an einer anderen stelle dieses Buches die Arbeits⸗ methoden der aerologischen Forschung im allgemeinen eine Dar— stellung aus berufenster Feder erfahren haben, kann es sich hier nur darum handeln, die Abweichungen oder besonderen Anordnungen in aller Kürze zu skizzieren, welche hierin in erster Linie durch die besonderen Bedingungen der Arbeit auf dem Meere hervorgerufen werden, wogegen die Notwendigkeit, Aufstiege in tropischen Festländern auszuführen, nur unerhebliche Abänderungen verursacht. Auf dem Ozean wird aerologisch auf dreierlei Weise mit Erfolg gearbeitet: mit Registrierballons, mit Drachen und mit Piloten. Die zuerst angewendete Methode war diejenige der Drachen. Ihrer Verpflanzung vom Festlande auf das schiff stellten sich keinerlei prinzipielle schwierigkeiten entgegen. Gewiß mußte gemeiniglich die Winde in einer leichteren und einfacheren Konstruktion gewählt werden: bei den ersten Versuchen dieser Art mußte man sich überhaupt mit einer Handwinde begnügen, die übrigens gegenüber allen mit mechanischer Kraft betriebenen stets den Vorteil behalten wird, daß hierbei kein „Motor versagen“ kann. Koeppen in Hamburg hat eine speziell für schiffsgebrauch bestimmte Drachenwinde angegeben, die bereits bei 73 Wir Luftschiffer einigen Expeditionen recht gute Dienste geleistet haben soll, bei der Ostafrika⸗Expedition des Aeronautischen Observatoriums jedoch weniger befriedigt hat. Als auf see brauchbar können so ziemlich alle Drachentypen gelten, die sich auf Land bewährt haben. Doch wird man kaum eigentliche „sturmdrachen“ verwenden, da man unter so ungünstigen Umständen auf dem Ozean im allgemeinen von Aufstiegen schon aus anderen Gründen absehen müssen wird, während man sie auf festen Land⸗ observatorien der Kontinuität halber auch dann noch dem Wetter abtrotzt. Und auch die bei sehr schwachen Winden auf Land gebräuch⸗ lichen, wie z. B. die X⸗-Drachen, die Leichtwinddrachen des Linden⸗ berger Observatoriums, wird man auf schiff leichter entbehren können infolge der hier stets möglichen Windsteigerung, auf deren große Bedeutung wir bereits mehrfach hingewiesen haben. In bezug auf die zu verwendenden Drähte, Registrierapparate, Fesselungen der Drachen usw. gibt der geänderte schauplatz kaum einen Anlaß zu Abänderungen. Man wird sich meist mit dünneren Halte⸗ drähten begnügen können, da es nur ausnahmsweise zu so starken Zügen kommen wird. wie dies öfters an Land der Fall zu sein pflegt, was ja wieder in der Arbeitsmethode mit verschiebbarem Ausgangs⸗ punkte des Aufstiegs, gegen oder in die Richtung des Windes, begründet ist. Auf die vielfach an Land — z. B. in Lindenberg, Hamburg, auf dem Mount ⸗Weather⸗Observatorium der Vereinigten staaten — geübte Anbringung des Instrumentes im obersten Drachen pflegt man sich an Bord nur ungerne einzulassen: man will hier doch lieber erst abwarten, ob der Drachen zuverlässig „steht“, und bringt es dann am Haltedraht an, statt den empfindlichen Apparat im Falle einer Instabilität des ttagenden Flugkörpers einem Bade auszusetzen. Grundsãͤtzlich abweichend von dem gewöhnlichen Verfahren wird sich aber auf see vor allem das Hochbringen (‚Auffieren“ der Drachen, besonders auch das der Hilfsdrachen, und dementsprechend das Wieder⸗ einfangen gestalten. Wenigstens ist die gewöhnliche Weise, die Drachen direkt „aus der Hand“ auffliegen zu lassen, nur in den selteneren Fällen anwendbar, daß etwa genügend freier Raum auf dem Hinterdeck ist, der auch durch keine Ueberbauten eingeengt wird. Dies war z. B. der Fall auf der „Dihonna“; gewöhnlich wird man aber zu dem Auswege greifen, den zuerst Teisserenc de Bort in den dänischen Gewässern sowie Hergesell und Helm⸗Clayton auf dem Atlantik angewendet haben: nämlich den Ausgangspunkt des Halte⸗ drahtes vorübergehend höher zu legen, z. B. mittels einer am Maste hochgezogenen Rolle — aus welcher der Draht hernach wieder leicht 74 Die Erforschung der Atmosphäre 6 Ballontandem mit Registrier⸗ apparat (R) und schwimmer ¶ s). —— Geplatzter Tandem⸗Registrierballon (s. 76). Das Instrument wird vom zwelten Ballon und vom schwimmer über Wasser ge halten. Im sintergrunde das die Ballons suchende schiff. herausgenommen werden kann —, und auf diese Weise auch die sofort verfügbare Auffluglänge des Drahtes zu vergrößern, was von großer Wichtigkeit für das glückliche Hochkommen des Drachens ist. Entsprechend gestaltet sich dann auch das Bergen der Drachen bequemer und sicherer. Zu erwähnen ist noch eine Eigentümlichkeit der Aufstiege auf see: hier ist das Reißen des Haltedrahtes gerade dann günstiger, wenn eine ganze Kette von Drachen dran hängt, da die untersten den Aufstieg meist bald verankern, und so, langsam vor dem Winde treibend, fast stets die Wiedergewinnung von allem Material, oder mindestens der Hauptsache, des Apparates nebst Kurve, ermöglichen; reißt dagegen nur der oberste Drachen ab, so fällt das Instrument ins Wasser, und es geht öfters alles verloren, da auf dem bewegten Meere treibende Drachen durchaus nicht so leicht zu sichten sind, wie man sich vorstellen mag. Auf dem Festlande liegen die Verhältnisse natürlich gerade 75 Wir Luftschiffer umgekehrt: bei größeren „Abreißern“ wird mindestens aller Draht unbrauchbar, das ganze system treibt auch unter wiederholtem Fest⸗ kommen und Wiederfreiwerden sehr weit, und wird im besten Falle erst viel später, die Drachen meist beschädigt, zurückerlangt. Auf weitere Details des Drachenbetriebes an Bord können wir hier nicht eingehen und verweisen nur noch auf die Abbildungen, die einige Episoden aus dem Betrieb mit den verschiedenen hauptsächlichsten Arbeitsmitteln der aerologischen Forschung besser als Worte es ver⸗ mögen, veranschaulichen werden. Ein völlig verschiedenes Aussehen gewinnt dagegen bei seiner Verpflanzung an Bord der Ballon sonde - Betrieb. Was ihn von dem—⸗ jenigen auf Land grundsätzlich unterscheidet, ist die entscheidende Frage der Wiedererlangung des Ballons, oder richtiger des Registrier⸗ instruments nebst Kurve. Diese Frage blieb so gut wie unlösbar, so lange man auch als Ballons-sondes größere stoffballons empor⸗ schickte, die wesentlich denjenigen für bemannte Fahrten glichen, wie dies in den ersten Jahren nach Einführung des Registrierballons durch Hermite und Besangon (1893) ausschließlich geschehen ist. Auch der Papierballon von Teisserenc de Bort, nach manchen Richtungen hin ein Fortschritt, konnte auf see nichts nützen. Offenbar war das Problem nur lösbar, wenn dasselbe schiff, das den Ballon empor⸗ schickte, in der Lage war, den Apparat wenigstens mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wiederzufinden. Den entscheidenden schritt nach dieser Richtung bedeutete ohne jeden Zweifel erst die Erfindung des Gummiballons durch Aßmann. Zunächst lag ja schon im Wesen dieser Methode eine sehr bedeutende und zuverlässige zeitliche Abkürzung des Ausfstiegs; wenn aber der ganze Vorgang, hinauf und herab, nur eine stunde oder wenig mehr dauert, der Weg des Ballons dann in den meisten Fällen nur wenige Zehner von Kilometern, oft noch weniger beträgt, kann mit einem Wiederfinden des Ballons auf der Meeresoberfläche gerechnet werden, — wenn eben noch nach dem Abstieg ein Ballon da ist, der den Apparat über dem Wasser hochhält, und die stelle auch wieder⸗ zufinden ist! Aus diesen beiden unerläßlichen Bedingungen ergab sich bald, wie zu verfahren war: es mußte das bereits für Land⸗ aufstiege aus anderen Gründen, neben der Fallschirm⸗Methode, aus⸗ gebildete Verfahren mit zwei Ballons angewendet werden (vergl. das betreffende Kapitel über Ballon-sonde-Aufstiege im allgemeinen), mit den Modifikationen, daß der übrigbleibende „signalballon“ außer dem Apparat auch noch eine Art Treibanker zu tragen hat, und daß 76 ' Fertig zum Aufstieg (Pilotballon). Gummi⸗Registrierballon (Ballon-sonde) wird zum Ausstieg an Bord gebracht. Vintoria · Nyanza⸗see. Wir Luftschiffer die stelle, wo das system auf das Wasser niedergeht, nicht aufs geratewohl, sondern nach einem überlegten Verfahren gesucht wird. Das unbestrittene Verdienst, die im Vorstehenden angedeuteten unumgänglichen Erweiterungen der Ballon-sonde- Technik eingeführt und auch gleich praktisch erprobt zu haben, gebührt Hergesell. Der Treibanker oder schwimmer verfolgt den doppelten Zweck, durch seine Last nach dem Platzen des einen Ballons das ganze system zum Absteigen zu bringen, und doch beim Berühren der Wasserfläche um so viel zu entlasten, daß der zweite Ballon nunmehr den Apparat über Wasser hält (zum Teil tut dies schon die „Leiche“ des geplatzten Ballons), andererseits aber auch das Treiben des signalballons mit dem Instrument vor dem Winde zu verlangsamen. Von Wichtigkeit ist außerdem, daß, im Falle auch der zweite Ballon vor dem Wieder⸗ auffinden programmwidrig platzt, der schwimmer doch noch öfter das Bergen des Apparates (der dann freilich im Wasser schleppt) ermög⸗ licht: bei der Ostafrika⸗Expedition des Aeronautischen Observatoriums Lindenberg wurden so drei Instrumente wiedererlangt. Es sind für schwimmer bezw. Treibanker mehrere Konstruktionen zur Benutzung gelangt, die wir nicht im einzelnen beschreiben können. Behufs Aufsuchung des Ballons wird, soweit möglich, die Flug⸗ bahn festgelegt. Es geschieht dies durch dauernde Verfolgung des fliegenden sonde⸗systems mit sextant oder Fernrohr, da ja an Bord der so bequeme Quervainsche Teodolit nicht benutzbar ist: fortlaufend werden die Azimute und Höhenwinkel beobachtet, und dadurch, unter Annahme einer ungefähren Konstanz der steiggeschwindigkeit des systems, für welche Hergesell eine einfache, in der Regel mit den Ergebnissen der Praxis gut übereinstimmende Formel gegeben hat, die Entfernungen und Richtungslinien der Ballons bestimmt. Eine ge⸗ wisse sicherheit bietet ja das ganze Verfahren nur, wenn der Auf⸗ stieg der Ballons bis zum Momente des Platzens verfolgt werden kann; aber auch in weniger günstigen Fällen ist es schon gelungen, signalballon und Instrument wiederzufinden. Man hat für den Fall, daß geschlossene Wolkendecken, voraus⸗ sichtlich starke obere Luftströmungen, oder andere Umstände eine räum⸗ liche und hiermit auch zeitliche Beschränkung des Aufstiegs wünschens⸗ wert erscheinen lassen, mehrere Wege gefunden, den einen Ballon in einer bestimmten Höhe oder nach Verlauf einer gewählten Zeit auf mechanischem oder elektrischem Wege zum Ausklinken zu bringen, oder mittels einer Zündschnur zu zerstören. Alle diese Anordnungen befinden sich jedoch noch im Versuchsstadium. 78 Die Erforschung der Atmosphãre Zu erwähnen ist noch, daß sich auf schiffsexpeditionen nicht immer das zur Ballonfüllung nötige Gas in der so ungemein be— quemen komprimierten Form mitnehmen läßt. Dann muß man sich mit Entwicklern behelfen, wie z. B. dem Naß'schen; doch ist nach den Erfahrungen der Ostafrika⸗Expedition dieses für das Füllen kleiner Piloten sehr empfehlenswerte Verfahren für die Arbeit mit den relativ großen Doppelballons der sondes-Aufstiege von erheblichen Nachteilen begleitet. Verfolgen der Bewegungen des Ballons mittels Teodoliten. Die Anwendung der dritten Forschungsmethode auf see endlich, der Piloten⸗Aufstiege zum ausschließlichen studium der Luft⸗ strömungen, muß sich hier naturgemäß auf die Verfolgung von einem Punkte aus beschränken — eine Basis für zwei Teodoliten kann man ja auf dem Ozean nicht abstecken! — wiederum unter Annahme einer gleichmäßigen im voraus zu berechnenden steig⸗ geschwindigkeit. Aber auch diese Verfolgung von einem Punkte aus kann hier mit dem sextanten nicht so genaue Resultate liefern, wie die Visierungen auch nur mit einem Teodoliten auf Land. Für das studium der Luftströmungen im großen haben trotzdem Piloten⸗ aufstiege auf dem Atlantischen und Indischen Ozean bereits sehr inter⸗ essante Aufschlüsse ergeben. Die Berechnungsmethoden sind natürlich dieselben wie auf Land, mit der selbstverständlichen Modifikation, daß 79 Wir Luftschiffer die Distanzen und Richtungsazimute des Ballons, bezw. der Fuß— punkte seiner Flugbahn nicht von einem festen Punkte, sondern von dem jeweiligen schiffsorte aus einzutragen sind. Ueber die Abänderungen, welche die Anwendung aerologischer Methoden in tropischen Festländern bedingt, läßt sich Allgemein⸗ gültiges kaum sagen; sie werden völlig von den besonderen Um— ständen des Arbeitsgebietes, der Bevölkerungsdichte, dem Kultur⸗ zustande, der Länge und sicherheit der Zufahrtsstraßen für eventuelle Nachschübe von Benzin für Windenmotore, von Gumniballons u. a. m. abhängig sein. Bei der Gefährlichkeit und enormen Verdunstung des Benzins in den Tropen wird man hier wohl besser mit Handhaspeln arbeiten. Registrierballonaufstiege dürften in der Regel nur ausführ⸗ bar sein, wenn ein großer Wasserspiegel, wie bei der Ostafrika⸗ Expedition der Viktoria⸗Nyanza, es gestattet, inmitten eines Kon⸗ tinentes die Methode des „selberwiederholens“ mit schiff wie auf dem Meere anzuwenden. Doch scheint in dichter besiedelten Gebieten auch die gewöhnliche festländische Arbeitsweise nicht so aussichtslos zu sein, wie man zunächst meinen sollte; wenigstens würden nach den Erfahrungen des Verfassers in Aequatorial⸗Afrika die dortigen Ein⸗ geborenen wohl einen ganz erheblichen Prozentsatz der bei ihnen niedergegangenen Ballons wiederbringen. 80 Ballons im Gewitter. Von Dr. Bamler, Vorsltender des Fahrten ⸗Ausschusses im Nederrhelnlschen Vereln fir Luftlchiffahrt. Gefahren einer Gewitter⸗Ballonfahrt. Wärme⸗ und Wirbel⸗Gewitter. Entstehung auf- und ab⸗ steigender Luststrõmungen. Cumulus und Cirruswollen. Die Elettrizitt der Luft. Posttive und negative Wolteneleltrizität. Die Eisnadelbildung der Cirren als Blitzerreger in den Wollen. Der Regen als Vermittler von Erdblitzen. Erhöhte Gefährlichkeit der Wirbelgewitter. 1 * oran erkennt der Luftschiffer das Entstehen oder das Heran⸗ W nahen eines Gewitters?“ Das ist eine Frage, die bisher noch J bei jedem Führerexamen gestellt wurde, das zu leiten ich in meine obigen Eigenschaft die Ehre hatte. Und tatsächlich hat diese immer wiederkehrende Frage auch ihre Berechtigung. Denn wenn man bedenkt, daß die Mehrzahl der Fahrten gerade in den warmen sommermonaten stattfindet, in denen Gewitter⸗ bildungen häufig sind, so findet man, daß diese Frage für jeden Luft⸗ schiffer von Interesse ist, daß mindestens jeder Führer in der Lage sein muß, das Entstehen oder Herannahen eines Gewitters mit sicherheit zu erkennen. Denn gerade im Laufe des sommers 1908 haben verschiedene Luftschiffer wieder die Erfahrung gemacht, wie gefährlich der Versuch auslaufen kann, einem sich bildenden Gewitter durch Aenderung der Höhenlage zu entgehen. Wenn auch die Blitzgefahr besonders für unsere deutschen gummierten Ballons nicht groß ist, so schaffen doch die mit einem Gewitter immer sich bildenden Wirbel für die Insassen eines Luftgefährtes derartig kritische Lagen, daß man eigent⸗ lich nur die schilderung einer solchen Gewitterfahrt zu lesen braucht, um von der Versuchung, ein derartiges Abenteuer auch zu erleben, geheilt zu sein. Unsere Ballonführer können deshalb nicht genug gewarnt werden, vor Gewitterbildungen auf der Hut zu sein oder den Versuch zu machen, einem sich bildenden Gewitter durch Ueberfliegen zu entgehen. Ich möchte deshalb zu Nutz und Frommen aller jüngeren Luft⸗ schiffer oder solcher sportfreunde, die es noch werden wollen, hier in Wir Lutschiffer. 81 6 Wir Luftschiffer Geschlossene Wolkendedle s. 86). kurzen Zügen erzählen, welche Anschauungen ich mir aus theoretischen Ueberlegungen und aus praktischer Erfahrung über die Entstehung von Gewittern gebildet habe, welchen Gefahren der Luftschiffer aus⸗ gesetzt ist, der sich einem Gewitter anvertraut und welche Anzeichen es gibt, an denen er mit sicherheit eine Gewitterbildung erkennen kann. Zunächst die Entstehung der Gewitter. Die Meteorologen pflegen zwei Arten von Gewittern zu unterscheiden, Wärme⸗ und Wirbel⸗ gewitter. Die ersteren entstehen an ruhigen, warmen sommertagen durch aufsteigende Luftströme, die sich durch die verschiedene Erwärmung der über der Erde lagernden Luftmassen bilden. Die Wirbelgewitter sind Folgeerscheinungen der großen Luftwirbel, deren Entstehung für Europa meist auf dem Atlantik zu suchen ist; Luftwirbel, die wir auf den Wetterkarten als „Depressionen“ verzeichnet finden, die also Gebiete niedrigen Luftdruckes darstellen, in denen die Luft in großen Mengen in die Höhe gesogen wird. Also auch hier find aufsteigende Luftströme die direkte Ursache der Gewittererscheinungen. Versuchen wir, uns an den Wärmegewittern die Vorbedingungen klarzumachen, unter denen aufsteigende Luftströme entstehen, und unter denen diese dann zu Gewitterbildungen führen können. Die Wärme 82 Ballons im Gewitter Cumulus (saufen) Wolken s. 84). Phot. Dr. Wanders leb. Aufgenommen mit Zeik⸗⸗Minimum Palmos 9 12 Tessar und 1: 6,8. f * 150 mm und Gelbglasfilter. der sonnenstrahlen geht nahezu unverkürzt durch die Lufthülle durch, nur ein kleiner Teil derselben wird absorbiert, in der Regel erreichen etwa 90 Prozent der ursprünglichen Wärme die Erde und erwärmen diese. Erst an der erwärmten Erde erwärmen sich nun die darüber lagernden Luftmassen, dehnen sich infolge der Erwärmung stark aus, werden dadurch leichter und erhalten infolgedessen die Fähigkeit, in die Höhe zu steigen. Die Erde selbst aber wird nicht überall gleichmäßig erwärmt. Die stärkere Erwärmung tritt dort ein, wo die sonnen⸗ strahlen senkrecht auffallen, große Unterschiede bilden sich weiterhin aus in der Erwärmung von Wasser und Land, Wald und freiem Feld, stadt und Land usw. Diese Unterschiede übertragen fich natur⸗ gemäß auf die darüberlagernde Luft, und so bilden fich über den stärker erwärmten stellen aufsteigende Luftströme, die dauernd Luft in die oberen Regionen der Atmosphäre entführen. Von den weniger erwärmten stellen wird die in die Höhe geführte Luft durch seitliches Zuströmen ersetzt, und die so zur Kompensation fortgeführte Luft findet ihrerseits Ersatz durch kühlere, schwerere Massen, die aus der Höhe heruntersinken und die fortgeführte Luft ersetzen. so wird in den Luftregionen, die durch diese verschiedene Erwärmung beeinflußt 83 6 Wir Luftschiffer werden, ein Kreislauf hergestellt; an der einen stelle steigt warme leichte Luft in die Höhe, an der anderen sinkt kühle, schwere zum Ersatz nach unten. Was wird nun aus dem aussteigenden strom, wie hoch wird er steigen? Die lebendige Kraft, die ihm der Auftrieb gibt, ist das Mehr an Wärme, das er gegenüber seiner Umgebung besitzt. Zwei Gründe sind es, die diesen Wärmevorrat ständig verringern. Einmal dehnt sich der aufsteigende strom mit jeder Erhebung stärker aus, weil die Dichtigkeit der umgebenden Luft ständig abnimmt, und jede Ausdehnung veranlaßt eine Abkühlung. Dann nimmt aber auch die direkte Wärmeabgabe nach der Umgebung dauernd zu, weil die Temperatur der Luft erfahrungsgemäß nach der Höhe zu ständig ab⸗ nimmt. Die lebendige Kraft würde demnach sehr bald verbraucht sein, wenn sie keinen Ersatz fände; den findet sie aber in den Feuchtigkeits⸗ mengen, die sie mit in die Höhe geführt hat. Die Luft kann je nach der Temperatur, die sie hat, eine bestimmte Menge Feuchtigkeit aufnehmen; je wärmer sie ist, um so aufnahme⸗ fähiger ist sie. Enthält sie bei einer bestimmten Temperatur die größtmögliche Menge an Wasserdampf, so sagt man, sie ist mit Feuchtigkeit gesättigt. Tritt nun in diesem stadium eine Abkühlung ein, so ist sie nicht mehr imstande, den ganzen Wasserdampf gelöst zu halten, ein Teil desselben scheidet in Form von kleinen Wassertröpfchen aus. Bei jeder derartigen Ausscheidung wird aber die Wärmemenge frei, die nötig war, das Wasser in Dampf überzuführen, die latente Wärme des Wasserdampfes, und diese bei jeder Teilkondensation frei werdende latente Wärme ist es, welche die verbrauchte lebendige Kraft wieder ersetzt und den Luftstrom höher treibt. Nach diesen Ausführungen ist nun ganz klar, welche Veränderung mit dem auffteigenden Luftstrom vor sich gehen muß. Ist seine Tempe⸗ ratur so weit erniedrigt, daß er nicht mehr die ganze mitgeführte Feuchtigkeitsmenge gelöst halten kann, dann tritt Wolkenbildung ein. Es bilden sich die fast an keinem warmen sommertage fehlenden Cumulus⸗ wolken, mächtige Wolkenberge, die unten meist scharf horizontal ab⸗ gegrenzt sind, die manchmal sehr dunkel und drohend aussehen, die aber gänzlich ungefährlich sind, solange fie auch nach oben zu scharf ab⸗ gegrenzt find. Jede dieser Cumuluswoltken krönt einen der geschilderten aufsteigenden Luftströme, und man sollte annehmen, daß diese Wolken nun so lange in die Höhe wachsen, wie die Luft noch kondensterbare Feuchtigkeit enthält; das geschieht aber in sehr vielen Fällen nicht. Vielmehr sieht man sie gerade an warmen sommertagen fast un⸗ beweglich stundenlang an derselben stelle schweben, bis sie gegen 8a Ballons im Gewitter Regenwolken. Abend verschwinden. An solchen Tagen wird nie Regen aus diesen Wolken fallen, wenn sie auch noch so dick und drohend aussehen, und ebensowenig können sie Gewitter bilden. Ein Ballon aber, der in einen solchen aufsteigenden Luftstrom gerät, wird mit in die Höhe gehoben, selbst wenn zufällig eine Wolke die sonst hebende sonne ver⸗ dunkeln sollte. Papierschnitzel, die man zur Kontrolle hinauswirft, sinken aber nicht wie beim sonstigen steigen, sondern werden noch schneller in die Höhe getrieben wie der Ballon. Auf der anderen seite führt ihn ein absteigender Luftstrom bei prallster sonne mit nach unten, Papierschnitzel sinken mit, der erfahrene Führer versucht gar nicht erst, den Fall durch Ballastausgabe abzufangen, es wäre unnötige Ballastverschwendung, würde doch nut wenig nützen, und der nächste aufsteigende strom führt den Ballon wieder mit in die Höhe. Wie ist aber diese eigentümliche Wolkenbildung zu erklären? Warum wachsen die Wolken nicht weiter nach der Höhe? Erst die meteorologische Erforschung der freien Atmosphäre hat eine be⸗ friedigende Antwort auf diese Frage gegeben, man findet an solchen Tagen regelmäßig in der oberen Höhe der Wolkenköpfe Luftschichten, die wärmer sind als die darunter lagernden; Temperaturumkehrungen, 35 Wir Luftschiffer wie der Meteorologe diese Erscheinung nennt. Ich habe selbst gelegent⸗ lich einer wissenschaftlichen Fahrt am 7. Juni 1906 folgende Notizen gemacht: seehõhe Temperatur Rel. Feuchtigkeit Bemerkungen 350 5.4 100 In Höhe der Wolken 700 6. 6 74 Ueber den Wolken Wir sehen, daß die Luft nach oben zu wärmer wird, infolge⸗ dessen erfolgt keine Kondensation von Wasserdampf mehr, vielmehr nimmt die relative Feuchtigkeit ab, d. h. die Wolken lösen fich wieder auf. Unter Umständen können sich bei solchen Wetterlagen auch ge⸗ schlossene Wolkendecken bilden, fie sind dann aber nie sehr dick und haben von oben das Aussehen wie unser Bild seite 82 es zeigt. Wenn sich diese warmen schichten aber nicht in der Höhe vor⸗ finden, dann wachsen die Wolkenköpfe weiter, nach der Höhe sowohl wie nach der seite. sie schließen fich mehr und mehr zusammen und bilden bald eine geschlossene Wolkendecke, die aber ein ganz anderes Aussehen hat wie die vorhin erwähnte. sie ist nicht glatt, sondern überall schießen dicke Cumuluswolken wie Pilze über das Wolken⸗ meer hinaus und wachsen ständig nach der Höhe. (Bild seite 85.) Durch die anhaltende Kondensation der Feuchtigkeit mehrt sich die Zahl der Wassertröpfchen dauernd, sie rücken mehr und mehr zusammen, vereinigen fich, werden größer, schwerer, — bis schließlich die Luft nicht mehr imstande ist, fie zu tragen. Dann sinken sie, es regnet. Unter diesen Verhältnissen ist nun auch die Möglichkeit zur Gewitter⸗ bildung gegeben. solange die Wolkenberge noch scharf nach oben abgegrenzt find und nicht so hoch in die Höhe reichen, daß sie sich in der Nähe von Cirrus (Eisnadel) wolken befinden, ist keine Gefahr vor⸗ handen, sobald fie aber anfangen, oben weich auszusehen, nach der seite hin auszufließen und fich schirmartig zu verbreitern, oder sobald der Cumulus so hoch gewachsen ist, daß er in eine Cirruswolke ein⸗ tritt, dann ist es für den Luftschiffer hohe Zeit, tiefere Regionen aufzusuchen und an die Landung zu denken, denn dann wird sich in kürzester Zeit ein Gewitter entwickeln. Ich habe eine solche Gewitter⸗ bildung ebenfalls gelegentlich einer wissenschaftlichen Fahrt verfolgt und dabei folgende Notizen gemacht: W. F. vom 26. Juli 1908. 86 Ballons im Gewitter Zeu seehdhe . Ire. Differen; Bemerkungen 160 40 22 18 4 Absahrt Essen. 10,50 680 18,2 14,6 8, 6 ilso0 1000 17. 126 5 Essen noch inner i Gicht. 1.8 1466 14.1 11, 3 n re * w en 210 2000 10 7. 2,6 , . m. 3. 2700 8 82 1.8 3h 2 . 33 Ctrren. Es ergibt sich aus diesen Daten eine regelmäßige Abnahme der Temperatur nach der Höhe. Zugleich wird die Differenz zwischen trockenem und feuchtem Thermometer immer kleiner, d. h. die relative Feuchtigkeit der Luft wird immer größer. Die Cumuluswolken, deren Bildung in 2000 Meter Höhe beginnt, wachsen immer höher und haben in 200 Meter den Ballon bereits überholt, in etwa 4000 Meter Höhe schweben dicke Cirruswolken. Da in 2700 Meter nur noch * 5 Grad gemessen werden und das Thermometer in den letzten 700 Metern um 5 Grad gesunken ist, so wird etwa bei 3400 Meter der Gefrierpunkt erreicht sein. Die Erfahrung hat aber gezeigt, daß die Wassertröpfchen in der Regel noch nicht bei null Grad zu Eisnadeln erstarren, sondern daß fie in unterkühltem Zustande noch flüssig bleiben, so daß noch Wolken, die — 10 Grad aufwiesen, aus Wassertröpfchen bestanden. Wir waren also in unserem Falle zu der Annahme be⸗ rechtigt, daß die Haufenwolken erst Gewitterwolken werden würden, Wolkendecke im Zustande der Auflösung (s. 86). 87 Wir Luftschiffer wie der Meteorologe diese Erscheinung nennt. Ich habe selbst gelegent⸗ lich einer wissenschaftlichen Fahrt am 7. Juni 1906 folgende Notizen gemacht: seehöhe Temperatur Rel. Feuchtigkeit Bemerkungen 350 5.4 100 In Höhe der Wolken 700 6.6 74 Ueber den Wolken Wir sehen, daß die Luft nach oben zu wärmer wird, infolge⸗ dessen erfolgt keine Kondensation von Wasserdampf mehr, vielmehr nimmt die relative Feuchtigkeit ab, d. h. die Wolken lösen fich wieder auf. Unter Umständen können sich bei solchen Wetterlagen auch ge⸗ schlossene Wolkendecken bilden, fie find dann aber nie sehr dick und haben von oben das Aussehen wie unser Bild seite 82 es zeigt. Wenn sich diese warmen schichten aber nicht in der Höhe vor⸗ finden, dann wachsen die Wolkenköpfe weiter, nach der Höhe sowohl wie nach der seite. sie schließen sich mehr und mehr zusammen und bilden bald eine geschlossene Wolkendecke, die aber ein ganz anderes Aussehen hat wie die vorhin erwähnte. sie ist nicht glatt, sondern überall schießen dicke Cumuluswolken wie Pilze über das Wolken⸗ meer hinaus und wachsen ständig nach der Höhe. (Bild seite 85.) Durch die anhaltende Kondensation der Feuchtigkeit mehrt sich die Zahl der Wassertröpfchen dauernd, sie rücken mehr und mehr zusammen, vereinigen sich, werden größer, schwerer, — bis schließlich die Luft nicht mehr imstande ist, sie zu tragen. Dann sinken sie, es regnet. Unter diesen Verhältnissen ist nun auch die Möglichkeit zur Gewitter⸗ bildung gegeben. solange die Wolkenberge noch scharf nach oben abgegrenzt sind und nicht so hoch in die Höhe reichen, daß fie fich in der Nähe von Cirrus (Eisnadel) wolken befinden, ist keine Gefahr vor⸗ handen, sobald sie aber anfangen, oben weich auszusehen, nach der seite hin auszufließen und sich schirmartig zu verbreitern, oder sobald der Cumulus so hoch gewachsen ist, daß er in eine Cirruswolke ein⸗ tritt, dann ist es für den Luftschiffer hohe Zeit, tiefere Regionen aufzusuchen und an die Landung zu denken, denn dann wird sich in kürzester Zeit ein Gewitter entwickeln. Ich habe eine solche Gewitter⸗ bildung ebenfalls gelegentlich einer wissenschaftlichen Fahrt verfolgt und dabei folgende Notizen gemacht: W. F. vom 26. Juli 1908. 86 Ballons im Gewitter Zeu seehohe w,. Ie. Disseren Bemerkungen 160 40 22 18 4 Absahrt Essen. 16, so s80 18, 14,6 s, 11.50 1000 17,6 12,6 5 Essen noch immer in Gicht. 138 1400 1a. 11. 3 m . un 7 umulusw en 210 2066 10 7a 256 . *. wie d. allon. 8. 2700 8 ? 13 3 2 53 . Hohe Ctrren. Es ergibt sich aus diesen Daten eine regelmäßige Abnahme der Temperatur nach der Höhe. Zugleich wird die Differenz zwischen trockenem und feuchtem Thermometer immer kleiner, d. h. die relative Feuchtigkeit der Luft wird immer größer. Die Cumuluswolken, deren Bildung in 2000 Meter Höhe beginnt, wachsen immer höher und haben in 00 Meter den Ballon bereits überholt, in etwa 4000 Meter Höhe schweben dicke Cirruswolken. Da in 2700 Meter nur noch * 5 Grad gemessen werden und das Thermometer in den letzten 700 Metern um 5 Grad gesunken ist, so wird etwa bei 3400 Meter der Gefrierpunkt erreicht sein. Die Erfahrung hat aber gezeigt, daß die Wassertröpfchen in der Regel noch nicht bei null Grad zu Eisnadeln erstarren, sondern daß sie in unterkühltem Zustande noch flüssig bleiben, so daß noch Wolken, die — 10 Grad aufwiesen, aus Wassertröpfchen bestanden. Wir waren also in unserem Falle zu der Annahme be⸗ rechtigt, daß die Haufenwolken erst Gewitterwolken werden würden, Wolkendecke im Zustande der Auflösung (s. 86). 87 Wir Luftschiffer wenn fie mit ihren Gipfeln in die Cirren hineinragten. Geschieht das nämlich, dann erstarren die Wassertröpfchen, die zugleich Träger der Elektrizität sind, plötzlich in großen Mengen zu Eisnadeln, und die Elektrizität, die auf den Kügelchen gleichmäßig verteilt war, und nach außen nicht wirken konnte, strömt nun aus den Kanten und spitzen der Eiskristalle in großen Mengen aus; und damit ist die Grundlage für das Gewitter gegeben. Ueber die Herkunft der Elektrizität werde ich gleich sprechen. Da die Cumuli in der letzten stunde etwa 700 Meter in die Höhe gewachsen waren, so berechneten wir den Beginn des Gewitters auf etwa 5 Uhr nachmittags. Unser Ballast war zu Ende, denn der Korb unseres 1437⸗Kubikmeter⸗Ballons trug fünf Personen; wir beschlossen daher, eine Zwischenlandung auszuführen, vier Mann auszusetzen und an deren stelle Ballast einzunehmen. Damit sollte dann der Führer versuchen, nochmals bis zur Höhe der Cirren vorzudringen, um unsere Vermutungen zu bestätigen. Leider hielt der Abstieg und die Zwischenlandung, die im Wuppertal bei Kohlfurter Brücke ausgeführt wurde, eineinviertel stunde auf, da es eine halbe stunde dauerte, bis die sechzehn sack Ballast gefüllt waren, so daß der Führer schon nach Erreichung von 1000 Meter Höhe wieder umkehrte, weil er den ersten Donner hörte. Es gelang ihm noch eben den Ballon vor Aus⸗ bruch des heftigen Gewitters zu verpacken. Wir sind uns nach diesen Ausführungen nun über die Anzeichen klar, an denen wir die Bildung von Gewittern erkennen können. Wachsen die Cumuluswolken unregelmäßig weiter in die Höhe und befinden sich in nicht allzu großen Höhen Eisnadel wolken, dann können wir mit sicherheit auf Ge⸗ witterbildungen schließen. sind keine Cirren da, erhält aber der aufsteigende Wolkenberg oben — — — — = — weiche Formen, fließt aus, dann Aussteigender warmer Luftstrom mit ist auch das ein untrügliches Mm Woitenbiwhung. ul Zeichen baldiger elektrischer — en 3 nr.? eee ,, Entladungen, denn dieses Aus— Ballons im Gewitter fließen ist ein Zeichen, daß die unterkühlten Wassertröpfchen im oberen Teil der Wolke erstarren, die Wolke selbst bildet einen Cirrusschirm, die sogenannten „falschen Cirren“. Die ganze Bildung der Gewitterwolken gibt uns zugleich auch darüber Aufschluß, weshalb bei diesen Erscheinungen so heftige Wirbel auftreten, die (ich erinnere nur an das Beispiel von Hauptmann Hildebrandt und Professor Miethe) den Ballon, der hineinkommt, einmal in rasendem Tempo in die Höhe reißen, so daß sich der Korb neben dem Ballon, das schleppseil noch oberhalb des Korbes befindet, ihn auf der anderen seite mit derselben Heftigkeit wieder zur Erde schleudern, so daß es lediglich Glückssache für die Korbinsassen ist, wenn sie aus diesen Wirbeln unbeschädigt herauskommen. Wir haben vorhin die latente Wärme des Wasserdampfes als die lebendige Kraft erkannt, die die Luft weiter hebt, wenn der von der Erde mit— genommene Wärmevorrat verbraucht ist. Wir erkennen unschwer in der latenten Wärme des Wassers, die in dem Augenblick frei wird, wo die Eisnadelbildung einsetzt, die Ursache der Wirbel. Je plötzlicher und umfangreicher die Kristallisation erfolgt, um so größer ist die freiwerdende Wärmemenge, um so heftiger die sich daraus ergebende Wirbelbildung. Tausende von Metern werden große Luftmassen plötz⸗ lich in die Höhe gerissen, rückwärts wirkt die Bewegung nach unten weiter, und seitlich bilden sich entsprechende Umkehrströmungen zur Kompensation. Die Größe der Hagelkörner und schloßen, die ein Produkt dieser Wirbel find, geben uns oft genug ein beredtes Zeugnis von der Heftigkeit dieser Bewegungen und sollten allein schon davor warnen, den Ballon derartigen Gewalten auszusetzen. Die geschilderte Art der Wirbelbildung zeigt uns aber auch zugleich den Grund, weshalb der Versuch, das Gewitter zu überfliegen, von vornherein zu verurteilen ist: Es gibt keinerlei Anzeichen, aus denen man über die mutmaßliche Höhe der Gewitterbildungen irgendwelche berechtigten schlüsse ziehen lönnte. Wie aber kommt nun die Elektrizität in die Wolken? Unsere Umschau wäre unvollkommen, wenn wir nicht auch diese Frage erledigen würden. Ich habe mir nach den neueren Forschungen von Ebert in München und Elster und Geitel in Braunschweig folgendes Bild über diese Frage zurechtgemacht: Die Luftmoleküle werden in den höheren Luftschichten durch gewisse sonnenstrahlen jonisiert, d. h. es gibt sonnenstrahlen, die imstande sind, die Luftmoleküle, die sonst nur durch chemische Wechselwirkungen in ihre Atome zerlegt werden, ebenso zu zerlegen. Bei dieser Zerlegung werden die einen Atome positiv 89 Wir Luftschiffer Elektrische spannung der Erdoberfläche und der unmittelbar über ihr lagernden Luftschicht. Gewitterwolle. elektrisch, die anderen negativ und, mit diesen Elektrizitätsmengen behaftet, sind sie imstande, als „Jonen“ selbständig zu existieren, während sie ohne elektrische Ladung eben nur zu Molekülen vereinigt bestehen können. Diese Jonen wandern nun mit der Luft. Herrscht hoher Luftdruck mit absteigenden strömen, so wandern sie nach unten, gelangen bis auf die Erdoberfläche und werden mit der Luft in die Poren der Erde hineingepreßt. Läßt der Luftdruck nach, so tritt die Luft wieder aus und mit ihr die positiven Jonen, die negativen hin⸗ gegen bleiben zurück und laden die Erde negativ elektrisch. Die Erde ist demnach stets negativ elektrisch geladen, die unmittelbar darüber lagernde Luft enthält vorwiegend positive Jonen; im übrigen nimmt die Häufigkeit der negativen Jonen erfahrungsgemäß nach der Höhe zu. Bilden sich nun die vorhin geschilderten aufsteigenden Luftströme aus, so werden die Jonen gleichmäßig mit in die Höhe geführt, bis Wolkenbildung eintritt. Hierbei bilden die negativen Jonen die Kondensationskerne der Wassertröpfchen, während die positiven frei bleiben. Die Wolke besteht demnach in ihrem unteren Teile aus positiv jonisterter Luft, in der negativ⸗elektrische Wassertröpfchen schwimmen. Letztere werden nun besonders von den neu aufsteigenden Luftmassen in die Höhe gewirbelt, während die positiven Jonen mehr zurückbleiben. Durch die ständig weiter aufsteigenden Luftmassen wird der untere Teil der Wolke immer reicher an positiven Jonen, und tritt nun gelegentlich der Kristallisation der negativen Wassertröpfchen plötzlich die negative Elektrizität im oberen Teil der Wolke in großen Mengen aus, so ist zwischen dem oberen und unteren Wolkenteil 90 Ballons im Gewitter genügend spannung vorhanden, um im Blitz den Ausgleich zu suchen. Der meist gleichzeitig einsetzende Regen trägt einerseits dazu bei, die unteren Wolkenteile von negativen Wassertröpfchen zu befreien, andererseits, die Erde mit negativer Elektrizität anzureichern, so daß auch zwischen dem unteren Teil der Wolke und der Erde ausgleichende Blitze erfolgen werden, wenn die spannung groß genug geworden ist. Ich habe bisher nut von Wärmegewittern gesprochen, weil wir uns daran die Natur der Erscheinungen am besten klar machen konnten. Die Wirbelgewitter zeigen in großen Zügen dasselbe, was wir hier im kleinen beobachtet haben. Die aufsteigenden Luftströme werden hier durch die saugende Wirkung der Depressionen erzeugt. Da hierbei weit größere Kräfte zur Verfügung stehen, sind naturgemäß die in die Höhe gerissenen Luftmengen viel umfangreicher und die Wirkung entsprechend viel gewaltiger wie bei den Wärmegewittern. Für den Luftschiffer sind diese Gewitter viel gefährlicher, weil bei der angegebenen Wetter⸗ lage meist eine dicke Wolkenschicht die Beobachtung der oberen Wolken verhindert und so ihre Bildung verdeckt. An solchen Tagen ist es ratsam, möglichst niedrig zu fahren, um jeden Augenblick für die Landung bereit zu sein. Gewitterstimmung. 981 Lücke in Wolken als Anzeichen eines ihr entsprechenden Flußlaufes. Ballon⸗Orientierung. Von Rittmeister a. D. von Frankenberg und Ludwigsdorf, Direktor des Deutschen Aero Alubs. Wichtigleit, die Fahrtrichtung festzustellen. Orientierung durch Karte und Kompaß in sicht der Erde. Ermittlung der Fahrtgeschwindigleit. Die Orientierung am Tage und in der Nacht. Kompahabweichungen bei Motorballons. Vorschlag, durch Kombination von beleuchteten Zahlen und Buchftaben Ortschaften in der Nacht zur Orientierung für den Luftverkehr zu kennaeichnen. Internationaler schluüsseltoder. Die astronomisch⸗geographische Posttionsbestimmung von Prof. Marcuse bei unsichtiger Erde. Ortsbestimmungen auf see. as erhebende Gefühl, dem Erdball entrückt im unendlichen Aeter⸗ D raum dahinzugleiten, läßt dem Neuling auf solch einem herr⸗ lichen Fluge kaum Zeit und Wunsch zu erkunden, was sich alles dem staunenden Auge teils von der Natur, teils durch Menschenhand geschaffen, auftut, wes Nam' und Art das Geschaute ist. Er sieht, genießt und muß fich ganz dem überwältigenden Zauber und Eindruck von der Allmacht der schöpfung hingeben. Allmählich bricht sich aber auch bei ihm das Verlangen Bahn, zu wissen, welche Richtung der in majestätischer Ruhe dahinziehende Freiballon einschlägt, oder welche Fahrtstrecke das Luftschiff dank seiner Eigenbewegung, dem steuer gehorchend, durch⸗ messen muß. Anders nun steht es mit dem Führer, namentlich eines lenkbaren Fahrzeuges. Ihm ist es nicht vergönnt, sich lange solch poesievollen Betrachtungen hinzugeben, da der verantwortungsvolle Posten seine 92 Ballon⸗Orientierung Flußlandschaft. Rhein bei Drusenheim. ganze Umsicht und Tatkraft in Anspruch nimmt, um die Fahrt zweck⸗ entsprechend zu gestalten und fie zu einem erfolgreichen glücklichen Ende zu bringen. Einer der wichtigsten Faktoren hierbei ist eben gerade die möglichste Aufrechterhaltung einer steten Orientierung. Bei sicht auf die Erde kann dieselbe durchgeführt werden, solange das benötigte Kartenmaterial ausreicht oder man sich durch Zuruf mit den Bewohnern verständigen kann. Letzteres ist aber von einem Luftschiff aus wegen des starken Geräusches der Motoren und Propeller ohne vorherige Ab⸗ stellung kaum möglich. Wenn auch für geübte Führer die Vogelsche Karte 1: 500 000 genügen dürfte, so ist es im allgemeinen doch ratsamer, Karten größeren Maßstabes wie die Generalstabskarten 1: 100 000 und 1: 200 000 an Bord zu führen. Namentlich im Felddienst und im Ernstfalle find die letzteren für Aufklärung und Geländeerkundung unentbehrlich. Die genaue Feststellung der Fahrtrichtung ist durch den Kompaß möglich, solange fich dem Auge noch Ausblicke auf die Erde bieten. schwindet aber die sicht auf die Erdoberfläche vollständig, so läßt fich im Ballon wohl die Nordrichtung festlegen, eine Wahrnehmung zu machen, in welcher Richtung die Fahrt verläuft, ist aber ausgeschlossen, 95 Wir Luftschiffer weil ein feststehendes Objekt fehlt, gegen das eine relative Verschiebung festzustellen möglich wäre. Nur wenn das schleppseil den Boden be⸗ rührt und dem Ballon dadurch eine konstante Vorwärtsrichtung gibt, kann der Kompaß auch ohne sicht nach unten die Fahrtrichtung angeben. Je höher ein Fahrzeug steigt, desto mehr gewinnt die Erdoberfläche Aehnlichkeit mit dem Bilde auf der Karte. Die Charalteristik einer Landschaft beeinflußt sehr das Orientieren. Während markante Ge⸗ ländeobjekte wie Flüsse, Kanäle, seen, Höhenzüge, Eisenbahnen, Chausseen dies erleichtern, können ausgedehnte Waldungen, Heide und glattes Land die Orientierung schwierig gestalten. Tritt der Ballon in die Wolkenschicht ein und ist nur noch ein zeitweiser Ausblick auf die Erde vorhanden, so müssen Punkte, die er überfliegt, nach der Karte identifiziert und die Zeiten des Passierens aufnotiert werden. Mißt man nun die Entfernung von 2 solchen Punkten ab, so kann die Geschwindigkeit berechnet werden, z. B. 9 Uhr A passiert, 95 Uhr B. Entfernung auf der Karte abgemessen 1800 Meter; in 6 Minuten = 1800 Meter, in 1 Minute = 300 Meter. Der Ballon fährt dann mit einer Geschwindigkeit von 5 Meter per sekunde. Durch mehrere Punkte ist festzustellen, ob sich die Geschwindigkeit mit der Höhe ändert, ob Neigung zu einer Rechts⸗ oder Linksdrehung des Windes vorhanden ist. Auf Grund der gewonnenen Beobachtungen läßt sich der Zeitpunkt des Erreichens markanter, in der voraussichtlichen Fahrtrichtung liegender Punkte bestimmen. Hierbei spielen wegen der Gefahr die Küsten eine Hauptrolle. Oft entsteht beim Durchbrechen von Wolken und Dunstschichten ein Luftzug; dies ist ein Zeichen, daß der Freiballon in eine neue schicht mit anderen Bewegungsverhältnissen hineingeraten ist. Hierbei zeigt z. B. Wind von links, daß sich die Flugrichtung nach rechts dreht, Wind von vorn, daß die Geschwindigkeit kleiner wird. Doch muß fich der Führer davon überzeugen, daß solche fühlbaren Luftströmungen nicht durch auf⸗ und niederziehende Luftwirbel hervorgerufen werden. Ein erfahrener Aeronaut kann sich die verschiedenen Luft⸗ strömungen wohl zunutze machen, wenn er den Wolkenzug vorher be⸗ obachtet und seine meteorologischen Kenntnisse verwertet. Herrschen in den Regionen Nordwestwinde und ziehen die Wolken in den höheren Gegenden nach südwesten, so wird er, wenn eine spätere Landung in westlicher Richtung geplant ist, den ersten Teil seiner Fahrt in den unteren oder oberen Regionen zurücklegen, während er im weiteren Verlauf der Fahrt den Ballon steigen oder fallen läßt, um einen Aus⸗ gleich herbeizuführen und die erwünschte Landungsrichtung nach Westen zu erhalten. 94 Ballon⸗ Orientierung Die Ansicht, daß sich Flüsse mit ihren Windungen und Neben— armen in der darüber liegenden Wolkenschicht durch Erzeugen horizon⸗ taler Luftströmungen und kleiner Wirbel abheben, tiefliegende Ballons den Flußwindungen folgen, stößt vielfach auf Widerspruch und hat Ver⸗ anlassung dazu gegeben, eine Ballonführer⸗Vereinigung in Berlin zu gründen, um diese und ähnliche Fragen auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Gelãndeausschnitt u. entsprechender Teil der Generalstabskarte 1: 100000 i. Originalgr. Die Orientierung während der Nacht bei sicht auf die Erde hängt auch sehr von dem Gelände und besonderen Umständen ab. Industrie⸗ und verkehrsreiche Gegenden, Hochöfen, Leuchttürme, ein reichliches Eisenbahnnetz lassen dieselbe leichter aufrecht erhalten. Ein hell⸗ erleuchteter P⸗ oder schnellzug kennzeichnet eine wichtigere Bahnstrecke und ermöglicht mit Hilfe des Kursbuches und der elektrischen Taschen⸗ lampe die Orientierung. Große städte markieren fich durch ihren hellen Lichtschein schon auf viele Kilometer. Mondschein, schneeland⸗ schaft und die Ausrüstung eines Luftschiffes mit scheinwerfer find hier⸗ bei förderlich. Die lenkbaren Fahrzeuge genießen den Vorteil, der Richtung eines Flusses, einer Eisenbahn oder Chaussee, die günstig zu ihrer beab⸗ 95 Wir Luftschiffer sichtigten Fahrtrichtung liegen, folgen zu können. sollte sich im Laufe der nächsten Zeit ein regelmäßiger Luftschiffahrtsverkehr ausbilden, so werden diese günstigen Orientierungsmarken sicher starke Berück⸗ sichtigung finden, ebenso auch die Gebirgspässe und weitsichtbare Berg⸗ formationen. Bei der Benutzung des Kompasses auf dem Luftschiff treten oft schwierigkeiten auf, da derselbe durch die Metalleinflüsse Abweichungen bis zu 30 pCt. aufweist. Ende der 80er Jahre begannen vom Ballon aus die meteoro⸗ logischen Beobachtungen, namentlich nach Erfindung des Aspirations⸗ phychrometers und Aufstiege mit Registrierapparaten. Die später ge⸗ gründete internationale aeronautische Kommission veranstaltet all⸗ monatlich gleichzeitige Auffahrten bemannter und unbemannter Ballons und Drachen. Von Mitte 1902 ab findet durch das aeronautische Observatorium, jetzt in Lindenberg stationiert, täglich vormittags ein Aufstieg des Drachens oder Drachenballons statt. Die Aufzeichnungen der darin befindlichen Instrumente werden bereits in den Abend⸗ zeitungen veröffentlicht und unterstützen die Wettervorhersage. Hierdurch sind die Führer schon vor dem Aufstieg in der Lage, fich ein Bild von den jeweiligen meteorologischen Verhältnissen zu machen und ihre Dispositionen danach zu treffen. Auch ehe ein Luft⸗ fahrzeug seine Reise antritt, wird die Windstärke und Richtung in den verschiedenen Höhenlagen durch Hochlassen eines kleinen Fesselballons gemessen. Ein daran befestigter Anemometer zeigt durch Kontakte auf elektrischem Wege bei der Erdstation ohne weiteres die Wind⸗ geschwindigkeit an. Der Führer eines Luftschiffes kann sich nun schon vor der Fahrt über den zu erwartenden Einfluß des Windes, was stärke und Richtung anbetrifft, orientieren und seine Maßnahmen danach treffen. Da die Luftschifsahrt mit jedem Jahre größeren Umfang an⸗ nehmen wird, regelmäßige Luftschiffverbindungen eingerichtet werden und dieselbe für den allgemeinen Verkehr wie auch namentlich für militärische Zwecke eine eminente Wichtigkeit erhalten wird, so steigert fich auch um so mehr das Bedürfnis, eine stete Orientierung herbei⸗ zuführen, um dieses neueste Verkehrs⸗ und Kriegsmittel immer mehr für den Dienst des Menschen nutzbringend auszugestalten. Gelegentlich der Fahrten mit dem Freiballon kam mir nun der Gedanke, ob es nicht zeitgemäß wäre, nicht nut an den Haupteingängen für den straßenverkehr, sondern auch auf weitsichtbaren Gebäuden, Türmen und sonstigen dazu geeigneten stellen den Namen des Ortes mit näherer Bezeichnung der Zugehörigkeit für den Verkehr in der 96 Ballon⸗Orientierung Beispiel eines Gelãnde⸗Rückens. Die gekrümmten Wege zeigen steigungen an. Luft anzubringen und mit geigneter Beleuchtung zu versehen. Die teils horizontal, teils schräg angebrachten Tafeln können zweckmäßig alle nach einer Richtung z. B. nach Norden gerichtet sein. Da dieser Vorschlag zu meiner Freude beifällig aufgenommen wurde, befaßte ich mich nunmehr näher mit der Idee, den Namen mit großen weißen Buchstaben auf schwarzem Untergrund herzustellen, fand aber bald, daß diese Ausführung zu große Dimensionen erforderte und dadurch für die Beleuchtung zu teuer wurde. Mit Hilfe eines Bezeich⸗ nungssystems durch Kombination von Zahlen und Buchstaben glaube ich nun die Anlage bedeutend vereinfachen und auch für alle Ortschaften ausführbar machen zu können. Dieses system kann allen Anforderungen gerecht werden und läßt fich von allen staaten der Welt benutzen. Das ganze Deutsche Reich teile ich in 90 Bezirke. Jeder Regierungsbezirk, jeder kleinere staat und der einem Regierungsbezirk entsprechende Teil eines Bundesstaates wird als eine Einheit, ein Bezirk angenommen und erhält eine von Berlin mit 1 beginnende sich anreihende Nummer. Außerdem habe ich dabei auch unsere wichtigsten Inseln berücksichtigt, desgleichen die Enklaven. Die ersten 25 Ortschaften, die diese Bezeichnung annehmen, erhalten je einen Buchstaben des Alphabets in englischer Blockschrift. Die 26. bis 50. Ortschaft erhält den Nebenbuchstaben A, die 51. bis 75. den Nebenbuchstaben B usw. sollte der Fall eintreten, daß diese Art nicht Wir Luttschiffer 97 7 Wir Luftschiffer ausreichen würde, wenn die Bezeichnung der Zechen im Industriegebiete und einzelner Gehöfte, schlösser dies bewirkte, dann stehen außer den Nebenbuchstaben noch die Zahlen 1— 9 zur Verfügung. Nachstehend die gedachte Nummernverteilung: 1. Berlin. 31. Cassel. 61. Unterfranken. 2. Potsdam. 32. Wiesbaden. 62. Koburg. 3. Frankfurt a. O. 33. Nisetvori 63. Meiningen. 4. stettin. 34. Cöln. 64. Reuß j. L. 5. Köslin. 35. Aachen. 65. Reuß ä. L. . stralsund. 36. Koblenz. 66. Altenburg. 7. Rügen. 37. Trier. 67. Weimar. 8. strelitz. 38. Birkenfeld. 6b8. Rudolstadt. 9. werin. 39. Oberhessen. 69. sondershausen. 10. schleswig. 40. starkenburg. 70. Gotha. 11. Lübeck. 41. eln bessen 71. Eisenach. 12. Hamburg. 42. Pfalz 72. Erfurt. 18. Bremen. 43. Lothringen. 73. Merseburg. 14. Oldenburg. 44. Unter⸗Elsaß. 74. ea debut. 15. Fürstentum Lübeck. 45. Ober⸗Elsaß. 75. Anhalt. 16. Friesische Inseln. 46. Konstanz. 76. Leipzig. 17. Helgoland. 47. Freiburg. 77. Zwickau. 18. stade. 48. Karlsruhe. 78. Chemnitz. 19. Aurich. 49. Mannheim. 79. Dresden. 20. Osnabrück. 50. Neckarkreis. 80. Bautzen. 21. Lüneburg. 51. J sttreis. 81. Oppeln. 22. Hannover. 52. schwarzwaldkreis. 82. Liegnitz. 23. e . 3. Donaukreis. 83. Breslau. 24. Braunschweig. 54. Hohenzollern. 84. Posen. 25. schaum , ide. 55. schwaben⸗ Neuburg. 85. Bromberg. 28. Lippe⸗De 56. Ober⸗ Bayern. 86. Marienwerder. 27. vier derm 57. Nieder⸗Bayern. 87. Danzig. 28. Münster. 58. Oberpfalz. 88. Allenstein. 29. Arnsberg. 59. Ferrer unten. 89. Königsberg i. Pt. 80. Waldeck. 60. Oberfranken. 90. Gumdinnen. Unsere an den Reichsgrenzen gelegenen Ortschaften erhalten ein Zeichen teils unterhalb, teils über der Inschrift. unterhalb: oberhalb: Gegen Rußland —— Gegen Belgien — „Desterreich⸗ Ungarn s Dããnemark 8 Irantreich ss solland sG die Küstenortschaften — „schweiz —— Ueber die von Herrn Oberstleutnant Moedebeck ausgearbeiteten wichtigen Ballonkarten⸗signaturen verweise ich auf die am schluß meines Artikels eingefügte bunte Karte und meine dortigen Aus— führungen. 98 Ballon⸗Orientierung geispiet flachen Gelãndes. Wege und Felder laufen gerade. sollte mein system auch bei den anderen außerdeutschen staaten eingeführt werden, die ihre Einteilung beliebig treffen können, z. B. Frankreich nach Departements, so müßte ein Unterscheidungszeichen vor die Zahl gesetzt werden; das Einfachste wären die Anfangsbuchstaben der staaten, vorbehaltlich kleiner Unterscheidungsmerkmale bei gleichen Anfangsbuchstaben. Andorra A. Norwegen (Norge) Ag. Degen in zu. B. Niederlande X. ulgarien (in ru Oesterreich O. ll cer schrift) 3n Ungarn (Magyar Orszàg) M. O. Den n nd B. Rumänien (Romania) Rm. England unte Rußland (Rossija) E. ien dom) U. k. serbien (srbija) sr. Frankreich F. od. R. F schweden ( sverige) s. Griechenland *. schweiz. Eidgenossenschaft . E. Lichtenstein L. spanien (España) E. Luxemburg Lx. Türkei (Memalik i Osma⸗ Monaco Al. nije) in türkischer schrift M. O. san Marino s. a. Montenegro (Zrnagora) Z. Mit Hilfe eines eventuell internationalen schlüsselkodex, der an Bord keines Luftfahrzeuges fehlen darf, ist dann jeder bezeichnete und hierin vermerkte Ort sofort festzustellen. 99 7 Wir Luftschiffer Eine höchst wichtige Rolle spielt die Art der Beleuchtung der Inschrift. Hierfür steht als das geeignetste, aber auch teuerste die elektrische Beleuchtung obenan. Mit ihr ist der größte Lichteffekt zu erzielen und die Anlage bietet keine schwierigkeit. Ich denke mir die Wirkung ähnlich wie die der Radium⸗Licht⸗Reklameschilder. Die In⸗ schrift erfordert nach meiner jetzigen Vereinfachung nicht allzu großen Lichtverbrauch, da sie nicht selbst leuchten würde, sondern mit einer gut reflektierten Masse präpariert wird. Die Zahlen, Buchstaben und signaturen liegen am günstigsten mit ihrer Oberfläche auf einer zylindrischen Fläche beziehungsweise auf an Zylinder angelegten Tan⸗ gentenflächen. Die Lichtquellen werden in entsprechender Entfernung von diesem Zylindermantel entweder seitlich oder von oben wirkend je nach Lage der Inschrift angebracht. Da letztere das erhaltene Licht durch die Anlage und die Gestaltung der Zeichen nach allen seiten zurückwirft, erscheint sie wie selbstleuchtend und läßt einen Irrtum beim Lesen nicht aufkommen. Ein ähnliches Verfahren wird bei der Verwendung des Gasglüh⸗ lichts an geeigneten stellen möglich sein. In entlegenen Ortschaften, an den Grenzen, längs der Küsten, wird die Verwendung von Blaugas und Preßgas gute Dienste leisten, da hiermit auch Lichtquellen per Flamme bis 500 Kerzen stark erzeugt werden können und eine ein⸗ malige wöchentliche Nachfüllung der Behälter nötig ist. Aus den sulfiden der Erdalkalien, besonders des Kalziums, die bei Rotglut hergestellt sind und aus Vermischung mit Firnis und sikkativ bestehen, läßt sich eine selbstleuchtende Farbe herstellen. Wenn es der Chemie gelingen könnte, die zurzeit noch minderwertigen Erfolge hierin zu verbessern und durch Bestreichung der Inschrift mit einer solchen Farbe eine genügende Leuchtkraft zu erzielen, die fich durch das Tageslicht wieder ergänzt, so wäre diese Beleuchtungsart ein will⸗ kommener Ersatz an den Orten, wo andere Mittel fehlen. Die Größe der Zeichen wird mit 2 bis 3 Meter genügend be⸗ messen sein, vorausgesetzt, daß der Führer ein gutes Fernglas zur Hand hat. Die Relief⸗Blechzeichen haben in technischer Hinsicht mit den Relief⸗Glaszeichen den Vorteil, daß sie sich in jeder stilart herstellen lassen, die letzteren bleiben aber nach der seite besser lesbar. Die Bahn⸗ stationen und Postämter sind wohl in erster Linie dazu geeignet, die Bezeichnung aufzunehmen. Hin und wieder wird sie auch dem Auto⸗ mobilverkehr gute Dienste leisten können und die Reklame die Anlage subvenieren. 1600 33 Ballon⸗Orientierung Einige Beispiele mögen zur Erläuterung dienen. Provinz Hannover, Reg.⸗Bezirk Aurich, Dornum (nahe der Küste). Deutschland, Rheinprovinz, Reg. ⸗Bezirk Aachen, Eupen (nahe der belgischen Grenze). Deutschland, . Herzogtum sachsen⸗Altenburg, Pölzig (kleinerer Ort). Deutschland, Königreich Württemberg, Neckarkreis, Waiblingen. Deutschland, Provinz sachsen, Reg. Bezirk Merseburg, Bitterfeld (Wasserstoffabrik, Ballonhalle, Luftschiffer verein). Rẽ publique Francaise, Département: seine Inférieure, Vvetot. (Die Departements find dem Alphabet nach nummeriert.) Deutschland, Provinz Westfalen, Reg. Bezirk Arnsberg, Zeche Borussia. 101 190 R V P35 F Ff DsO P Dßz E] REFIMMV. D2 Kl Wir Luftschiffer Einige große Gesellschaften haben ihre Mitwirkung bei den Ver⸗ suchen zugesagt, die auf dem Gelände der Motorluftschiff⸗studien⸗ gesellschaft stattfinden, um die Größe des Materials für die Zeichen und die verschiedenen Beleuchtungsarten auszuprobieren. Hierbei verspricht auch die Verwendung eines Acetylen⸗schein⸗ werfers und ein neues, patentiertes Verfahren, die Zeichen durch einzelne Beleuchtungskörper zu bilden, gute Erfolge. Es steht zu erwarten, daß bereits auf der Frankfurter Aeronautischen Ausstellung die geeignetsten Anlagen und Muster vorgeführt werden können. Im Kriegsfalle müssen die Zeichen verdeckt werden können und die eigenen Luftfahrzeuge besondere Erkennungssignale für Tag und Nacht erhalten. Der Ausblick auf die Erdoberfläche wird, wie schon erwähnt, oft durch niedere Wolkenschichten, Nebel und Dunkelheit unmöglich gemacht. Unbekanntere Erdregionen, größere Gewässer, vor allem das offene Meer lassen eine Ortsbestimmung nach den bisher an⸗ geführten Methoden nicht zu. Hier kann und wird nun die astro⸗ nomisch⸗geographische Poßsitionsbestimmung von Luftfahrzeugen aus gute Dienste leisten. Nachdem fich schon mehrere Meteorologen wie Berson, Linke, Elias, Wegener und der leider so früh verstorbene Hauptmann von siegsfeld damit beschäftigt hatten, ist es nach sechs⸗ jährigem studium und praktischen Versuchen dem Professor Dr. Marcuse gelungen, diese Methode so zu vervollkommnen, daß sie als ein sehr bedeutender Fortschritt in der Orientierung angesehen werden muß und von verschiedenen Zeitungen eingehend besprochen und gewürdigt worden ist. Der Ort eines Fahrzeuges bei der seeschiffahrt wird dadurch bestimmt, daß man Gestirnmessungen mit dem sextanten ausführt und die vom Chronometer abgelesene Zeit genau notiert. Die Breite — Breitenabstand vom Aequatotr — und Länge — Winkel des Orts⸗ meridians gegen den Nullmeridian von Greenwich — werden aus diesen Höhenmessungen mit Hilfe von Tabellen in 15—20 Minuten festgestellt. Das schiff kann mit Benutzung des Logs und des Kom⸗ passes, der mittelst astronomischer Messungen bei Tage nach der sonne, bei Nacht nach dem Polarstern orientiert wird, annähernd richtig geführt werden. Ungleich schwieriger ist die Bestimmung im Luftfahrzeug, da der gegebene Meereshorizont fehlt und deshalb geeignete Instrumente und einfache Berechnungsmethoden noch mehr benötigt werden. Pro⸗ fessor Marcuse gebraucht für sein system bei Nacht einen Budenschön⸗ schen Libellenquadranten nebst einer Taschenuhr mit Ankerhemmung, 102 stuttgart aus 2400 Meter Höhe. Beispiel des Verschwindens von Höhenunterschieden. Die sügel um die im Kessel liegende stadt sind 250 Meter boch. Kinzigthal im schwarzwald. Beispiel von deutschem Minelgebirge. Wir Luftschiffer deren schwankungen im Laufe eines Tages unter zehn sekunden betragen müssen, zur Höhenmessung des Mondes, der hellen Fizsterne und großer Planeten. Die Orientierung kann in sechs bis acht Minuten ausgeführt und der jeweilige Ort bis auf zehn Kilometer festgelegt werden. Den größten Nutzen wird dieses system der Marine zur Erkundung der feindlichen Flotte durch die Luftschisfe auf hoher see bringens schon im Jahre 1884 hatte Herr Oberstleutnant Moedebeck auf die Notwendigkeit der Ballonkarten-signaturen für die Zukunft des Luftverkehrs hingewiesen, sowie auf die Eintragung natürlicher, wind⸗ geschützter stellen als Häfen und Landungsplätze. Mittels roter Farbe werden die verschiedenen signaturen auf den betreffenden stellen der Karte eingetragen. Die Darstellung der Höhenschichtung, analog der Karte für die Untiefen des Meeres, geschieht durch verschieden abgetönte Farben. Als hauptsächlichste signaturen kommen in Betracht starkstrom⸗ leitungen, Hochöfen, Gasfabriken, Ballonhallen, Eisenbahnknoten— punkte, hell erleuchtete Chausseen, Moore, sumpfgelände, kleine Orte mit elektrischem Licht, Leuchttürme, Feuerschiffe usw. Die Benutzung dieser Zeichen bei den Inschriften meines systems wird von großem Nutzen sein. Orientierungstafeln auf Dach angebracht. Dorfkirche von Goldach i. s. mit Friedhof. 104 Oscar Erbslõöh. Der deutsche Gordon⸗Bennett⸗sieg 1907. Von Oscar Erbslöh. schwierigleit einer Wettsabrt in Amerita. Vorbereitungen zum start in st. Louis. Tie Wetter lage beim Frühstũck. Der Ballon „Pommern“ startet als Erster. In 1500 Meter Höbe. Nacht⸗ eindrücke. Ein lritischer Augenblick. Die schmelzöfen in Pittsburg. In der zweiten Nacht über das Alleghanygebirge. Wechselnde Winde. Der Atlantic taucht auf. Landung mitten in der stadt Asbury Park. Ameritanische souvenirjäger. 876 Fahrtmeilen. siegesfeier. elcher neue sport übt nicht große Anziehungskraft aus, besonders W dann, wenn er solches Aufsehen erregt, wie der Ballonsport? Und wie noch immer die meisten Leute, die einmal eine Ballon⸗ fahrt mitgemacht oder auch nur einem Aufstieg beigewohnt haben, voll Begeisterung über den herrlichen, freien und edlen sport sind, so ging es auch mir gegen Ende des Jahres 1963, als im Anfang desselben Jahres der Niederrheinische Verein für Luftschiffahrt gegründet worden war und im nämlichen Jahre 19 Ballonfahrten ausgeführt hatte. Meine erste Ballonfahrt konnte ich aber erst am 18. März 1905 machen, da ich mir infolge meiner Begeisterung für den Pferdesport einen Beinbruch zugezogen hatte, der mich für längere Zeit zwang, dem sport zu entsagen. Nachdem ich nun einmal „Luft gerochen“ hatte, wurde in mir der Ehrgeiz wach, und ich beschloß, sobald wie 105 Wir Luftschiffer möglich Ballonführer zu werden, was mir dann am 5. April 1906 gelang. Damit war ich gerade in die Anfangszeit der Ballonwett⸗ fahrten hineingekommen, und schon am 30. september 1906 konnte ich als Begleiter des Hauptmanns von Abercron an der ersten Gordon⸗ Bennett⸗Wettfahrt in Paris in dem Ballon „Düsseldorf“ teilnehmen. seitdem habe ich versucht, meine Ausbildung durch Teilnahme an den meisten Ballonwettfahrten und durch Rekordfahrten zu vervoll⸗ kommnen und wurde, nachdem ich am 15. september 1907 als sieger unter 22 Ballons aus der internationalen Ballonwettfahrt in Brüssel hervorgegangen war, als Führer des Ballons „Pommern“ vom Berliner Verein für Luftschiffahrt nach Amerita geschickt, um am 21. Oktober 1907 mit den beiden anderen deutschen Vertretern, Haupt⸗ mann von Abercron und Paul Meckel, an der zweiten Gordon⸗Bennett⸗ Wettfahrt in st. Louis teilzunehmen. Durch den sieg des amerika⸗ nischen Leutnant Lahm im Jahre 1906 war der schauplatz des Wett⸗ bewerbs nach Amerika verlegt worden, und wegen der günstigen Lage mitten im Lande und wegen der guten Einrichtungen für Gaslieferung hatte man st. Louis als Ausstiegort ausgewählt. Noch zu keiner Ballonfahrt waren mir so viele gute Wünsche mit auf den Weg gegeben worden, noch zu keiner hatte ich so viele Vor⸗ bereitungen zu treffen, wie zu dem Wettstreit um den Gordon⸗Bennett⸗ Pokal 1907. Der Erfolg in Brüssel hatte mich mit Zuversicht erfüllt, und dieses Gefühl wurde noch durch den äußerst liebenswürdigen Empfang, den wir überall in den Vereinigten staaten fanden, verstärkt; denn es wurde uns klar, daß nicht nur die Deutschen im alten Vaterlande, sondern ebenso sehr die Deutsch⸗Amerikaner sich über einen deutschen sieg freuen würden. Jedoch durften wir nicht außer acht lassen, daß wir in Amerika mit völlig unbekannten Verhältnissen zu rechnen hatten, und wir verhehlten uns die Gefahren nicht, die uns bevor⸗ stehen konnten. Wir mußten damit rechnen, die großen canadischen seen, die zum Teil eine Länge von 600 Kilometern haben, zu über⸗ fliegen, wenn der Wind uns in nordöstlicher Richtung trug, und wenn wir als Konkurrenten in Betracht kommen wollten. Und wie leicht konnten wir in einem Urwalde oder einer sonst unwirtlichen Gegend landen, wo wir tagelang nach einer menschlichen Wohnung suchen und unter Umständen unsern Ballon im stich lassen mußten. Wir ließen daher unsere Ballonkörbe mit Kork ausschlagen, damit in dem Falle, daß der Ballon ins Wasser fiel, der Korb die Insassen und Instrumente schwimmend tragen könnte. Wir rüsteten uns mit Axt und säge aus, 1606 Der deutsche Gordon⸗Bennett⸗sieg 1907 um im Falle einer Landung im Urwalde den Ballon und die Luft⸗ schiffer aus dem Dickicht herauszuhauen. Das schwierigste jedoch war die Beschaffung eines geeigneten Kartenmaterials. Wenn es schon an sich schwierig ist, sich in einem unbekannten, so großen Lande zu orientieren, so wurde diese schwierigkeit noch dadurch erhöht, daß die Karten vollständig unzulänglich waren, denn es waren darauf nur Flüsse, Eisenbahnen und städte verzeichnet, dagegen keine Gebirge und Landstraßen. Uns war dies besonders empfindlich, weil wir an das vorzügliche deutsche Kartenmaterial gewöhnt sind. Aber wir waren guten Muts, und als der 21. Oktober herankam, hatten wir dank der außerordentlich liebenswürdigen Unterstützung durch die Deutschen in st. Louis unsere Vorbereitungen aufs beste vollendet. Neun Ballons waren eingetroffen, doch waren nicht alle Nationen vertreten, und außer Amerika hatte nur Deutschland die volle Zahl der zulässigen 8 Ballons geschickt. Aber sowohl Amerika als auch England und Frankreich hatten ihre besten Kämpen ins Feld gestellt. Die Vorbereitungen, die der Aero⸗Club von Amerika und der Aero⸗Club von st. Louis für den Ausstieg getroffen hatten, waren über jede Kritik erhaben. Am Abend des 19. Oktober versammelte das Komitee alle Beteiligten zu einem großen Festbankett im Jefferson⸗ Hotel, wo zwischen Blumen und Luftballondekorationen die besten speisen und Getränke dargereicht wurden. Es fehlte auch nicht an Reden, die von den berufenen Vertretern der Nationen, Klubs und Komitees gehalten wurden. schon am frühen Morgen begann das geschäftige Leben auf dem ausgedehnten Aufstiegplatze am Forest Park in st. Louis, und die Luftschiffer begaben fich zu ihren Ballons, um sie ausbreiten und mit großer sorgfalt in den einzelnen Teilen zusammensetzen zu lassen. Es war ein eigenartiger Anblick, die Ballonriesen, die bald einen harten strauß miteinander zu bestehen haben sollten, so friedlich nebeneinander liegen zu sehen, den deutschen neben dem französischen und den amerikanischen neben dem englischen. Um 10 Uhr begann die Füllung der Ballons; dank der Hilfe der soldaten des Obersten Evans, der auf Veranlassung des Präfidenten Roosevelt mit 400 Mann auf dem Platze erschienen war, ging diese ganz programmäßig vonstatten, so daß um 11 Uhr, als die Ballons halb gefüllt waren, das Gas wieder abgedreht werden konnte. Die Mittagspause, die nun bis 2 Uhr gemacht wurde, benutzten wir Luftschiffer dazu, um unsern Proviant für die Reise fertig zu 107 Wir Luftschiffer machen und uns noch einmal mit warmen speisen zu stärken. Unser Frühstückskorb wurde gefüllt mit einigen Butterbroten, Eiern, Kotelettes, etwas kaltem Geflügel, Brot, Wurst und schokolade. Drei halbe Flaschen Burgunderwein sollten uns in der Nacht wärmen, für den Morgen hatten wir warmen Kaffee in Thermosflaschen, und während des Tages wollten wir kalten Tee und Cider trinken. Während des Frühstücks, das wir im Jefferson⸗Hotel einnahmen, be⸗ sprach die deutsche Mannschaft mit Professor A. L. Rotch, dem Direktor und Gründer des Blue Hill Observatoriums bei Boston, der seit vielen Jahren in enger Beziehung zu den deutschen Luftschifferkreisen steht, die Wetterlage. 6. Obschon an den vorhergehenden Tagen schlechtes Wetter voraus⸗ gesagt worden war, hatten wir prachtvollen sonnenschein und ganz klaren Himmel. Der Wind kam von südosten, es wurde jedoch fest⸗ gestellt, daß die vorherrschende Windströmung in den oberen schichten von südwesten zu erwarten sei. Einige sachverständige wollten sogar wissen, daß man vermutlich zwischen dem Lake Huron und dem Lake Erie durchfahren würde. Wohlvorbereitet begab ich mich um 2 Uhr mit meinem Begleiter, H. H. Clayton, dem Assistenten des Professors Rotch, zu meinem Ballon, und bald wurde die Füllung fortgesetzt und vollendet. Nun standen neun Ballons im sonnenscheine nebenein⸗ ander, und mein Ballon „Pommern“ unterschied sich besonders durch seine kugelrunde Form und seine zitronengelbe Farbe von den andern, die in allen Farben von gelb bis dunkelbraun abgetönt waren und zum Teil eine mehr birnenförmige Hülle hatten. Das ganze Bild bot einen wunderschönen Anblick, nicht zum wenigsten durch den Flor von eleganten Damen, welche die für den Aero⸗Club und die hervorragenden Gäste und Bürger von st. Louis reservierte Tribüne schmückten. Aber auch die Tribüne auf der anderen seite des Aufstiegplatzes, die dem Publikum gegen Bezahlung des Eintritisgeldes zugänglich war, bot ein buntes Bild, und in den angrenzenden straßen drängten sich die Menschen zu Tausenden. Das Los hatte entschieden, daß ich als erster abfahren sollte, was mir gar nicht angenehm war, denn ich hätte lieber zwei bis drei Ballons vor mir gehabt, an denen ich die Windrichtung und Windstärke in den verschiedenen Höhenlagen hätte klar erkennen können. Punkt 4 Uhr gab mir die sportkommission das Zeichen zur Abfahrt, und mit 41 sack Ballast stiegen wir unter den Klängen des Liedes „Deutschland, Deutsch⸗ land über alles“, begleitet von dem „Glück ab!“ unserer Freunde und dem Hurrarufen der Menge, ziemlich schnell in die Lüfte. Mit einem 108 Der deutsche Gordon⸗Bennett⸗sieg 1907 * 2 * * * 2217 2 = 1 7 2 . 2m 2 6 5. — 9 7 Ballon „Ville de Bruxelles“. Vhot. Berliner Illustr. Gesellschaft. Abstand von fünf Minuten folgten die Ballons einander ganz programmäßig, und als wir den Ausstiegort verließen, hatten wir das Gefühl, daß alles aufs beste organifiert gewesen war. Wir schwebten über der Riesenstadt st. Louis, und durch den prachtvollen Anblich, den wir hatten, wären wir beinahe versucht gewesen, den Zweck unserer Fahrt zu vergessen. Unter uns der große Platz mit den goldig leuchtenden Kugeln, auf dem einige Hunderte von Menschen geschäftig hin und her liejen, und ringsherum eine hunderttausendköpfige Menge. Im Osten der stadt erschien uns das breite Flußbett des Mississippi, von dem wir uns immer weiter ent—⸗ fernten, um bald den Missouri bei einer gewaltigen Krümmung zu überfliegen. Was mich mit großer Zuversicht und Befriedigung erfüllte, war der Umstand, daß ich aus der mitgenommenen Ballastmenge auf die gute Tragkraft des Gases schließen konnte, und ich war mit meinem Begleiter der Ansicht, daß wir wohl eine Rekordfahrt machen würden. Es galt nun zuerst, sich darüber klar zu werden, in welcher Richtung 109 Wir Luftschiffer wir fahren müßten, um eine genügend große strecke überfliegen zu können, denn nur darauf kam es an, und derjenige würde sieger, dessen Landungsplatz am weitesten von st. Louis entfernt sein würde. Wir waren in nordwestlicher Richtung davongefahren und sahen noch vier andere Ballons nach uns aufsteigen. Wir stiegen aber schneller als die anderen, so daß wir bald über eine Dunstschicht kamen, in der die anderen Ballons aus unseren Augen verschwanden. Im Gegensatz zu meinen früheren Wettfahrten haben wir dann während der ganzen Fahrt keinen von diesen wiedergesehen. Auf Grund der meteorologischen Berichte nahmen wir an, daß wir in größerer Höhe eine Windströmung von südwesten oder Westen finden würden, und beabsichtigten, so lange mit unserm Ballon zu steigen, bis wir diese strömung erreicht haben würden, denn wir wollten einen. Zeitverlust durch unnötiges Zurückfliegen nach Nordwesten vermeiden. In einer Höhe von 1500 Meter kamen wir in die gewünschte Richtung und beschlossen, in dieser Höhe die Nacht hindurch zu bleiben. Um v6 Uhr war die sonne mit wunderbarer Farbenpracht, die man aus dem Ballon mit erhöhtem Reize genießen kann, untergegangen, und eine halbe stunde später ging der Mond auf, der mit seinem silbernen Licht die Fluren, die wir überflogen, hell beschien. Es war für uns von großem Nutzen und eine Annehmlichkeit, daß gerade Vollmond war, denn es wäre eine zu große strapaze gewesen, zwei Nächte von je zwölf stunden in vollständiger Dunkelheit zu verbringen, und ohne die Gegend im geringsten bestimmen zu können. so war uns gut geholfen, denn außer dem Mondlicht hatten wir noch eine große elektrische scheinwerferlampe mit zwei Batterien von je zwölf stunden Brenndauer, die uns ein genaues studieren der Land⸗ karten ermöglichte. Wir verfolgten unsere Flugbahn so gut es ging und rechneten darauf, daß wir nach Massachusetts oder Connecticut kommen würden, wenn wir die inzwischen eingeschlagene Richtung nach Nordosten bei⸗ behielten. Von st. Louis aus hatten wir zuerst einen Halbkreis nach Westen beschrieben, und als wir über Alton waren, nahmen wir den richtigen Kurs auf. Während der ersten Nacht haben wir nur wenig geruht, um unsere Richtung nicht außer acht zu lassen und die Höhenlage nicht zu verändern. Gegen 6 Uhr morgens brach der Tag an, und unter uns breitete sich zwar eine sehr gleichmäßige, aber doch reizvolle Land⸗ schaft aus. Es waren wohlbebaute Farmen, deren ausgedehnte Felder aneinandergrenzten und in deren Mitte die sauberen Häuser standen, die sich an einen mehr oder weniger großen Wald anlehnten. Der 110 Der deutsche Gordon⸗Bennett⸗sieg 1907 „Ueber allen Wipfeln ist Ruh“. Wind war etwas stärker geworden und wehte mit einer Geschwindigkeit von 40 Kilometer in der stunde. Gleichzeitig hatte unsere Richtung eine Rechtsdrehung erfahren, so daß wir nun gerade nach Osten fuhren. Es war uns nicht gelungen, unsere Orientierung beizubehalten, und wir glaubten uns bedeutend nördlicher; daher erschien es uns nicht von großem Nachteil, als wir im Laufe des Vormittags nach südost drehten. Wir hatten Dayton im staate Ohio überflogen, und nun wurde die Gegend abwechselungsreicher. Wir kreuzten eine Hügelkette und schwebten dann über einer bunten Landschaft von städten, Dörfern, Flüssen und Wäldern dahin. Von ganz besonderem Reiz war die Farbenpracht, die durch die herbstliche Färbung der Wälder hervor⸗ gebracht wurde, und die ich in Europa noch nie so herrlich gesehen habe. Wir mußten jetzt darauf bedacht sein, unsere Orientierung wieder zu finden, damit wir vor Anbruch der Dunkelheit Klarheit darüber hatten, was uns während der zweiten Nacht bevorstehen würde. Es war etwa 4 Uhr nachmittags, als wir bis auf 50 Meter vom Erd⸗ boden heruntergingen und das schleppseil, das wir erst kurz vorher ausgelegt hatten, hinter uns herschleifen ließen. Mehrmals versuchten 111 Wir Luftschiffer wir vergeblich Auskunft von den Leuten zu erhalten, die offenbar viel mehr Interesse hatten, etwas von uns zu erfahren als unsere Fragen zu beantworten. Einige Personen mußten uns auch für über⸗ menschliche Wesen halten, so z. B. wurde eine Frau, die vor ihrer Haustüre gestanden hatte, plötzlich von der Angst gepackt, als wir sie durch unser sprachrohr anriefen; sie schlug die Hände über den Kopf zusammen und flüchtete in das Haus. Endlich gelang es uns, eine richtige Antwort zu erhalten, und wir erfuhren., daß wir im staate Ohio, in der Nähe der stadt Columbus waren. Run wußten wir, daß wir noch ein weites Gebiet vor uns hatten, und daß wir wohl kaum genötigt sein würden, während der Nacht zu landen, denn wir hatten noch 23 sack Ballast. Einmal hatten wir einen kritischen Augenblick zu bestehen. Das schleppseil schleifte über eine Telegraphenleitung und blieb plötzlich an den Glasknöpfen der Telegraphenstange fest hängen. Glücklicher⸗ weise kamen einige Knaben, die uns mit großer Mühe durch Rütteln an dem Ende des seiles befreiten, sonst hätten wir entweder die Fahrt beendigen oder das schleppseil abschneiden müssen. Viel zu früh neigte sich der Tag seinem Ende zu, und als um 7 Uhr abends Pittsburg in sicht kam, war es schon völlig dunkel. Aber gerade in der Dunkelheit wirkte die Industriestadt mächtig auf uns. Ein kolossales Lichtmeer lag zu unseren Füßen und die Feuer der großen schmelzöfen blendeten unsere Augen. Wir warfen hier, wie in allen städten, die wir passiert hatten, Depeschen aus, die Zeit, Höhe un und Namen enthielten und uns mitgegeben 1. worden waren, um möglichst bald bekannt zu machen, welchen Kurs die Ballons ge⸗ nr nommen hatten. n. s Wir hatten dadurch, daß wir von 1500 auf 2000 Meter gestiegen waren, unsern Kurs gebessert und flogen mehr nach Nord⸗ osten, und unsere Geschwindigkeit, die am ersten Tage 18 Meilen in der stunde gewesen war, stieg auf 28 Meilen. Es hatte etwa zwölf sack Ballast gekostet, den Ballon in die zweite Nacht hineinzubringen, und diese Operation gehört zu den schwierigsten einer langen Ballonfahrt, aber dank dem guten Gas und dem großen Ballastvorrat ge⸗ * lang es sehr gut, den Ballon hoch zu halten. 112 Mondscheinzauber. Der deutsche Gordon Bennett⸗sieg 190 Philadelphia. Wir kreuzten nun während der Nacht das Alleghanygebirge in der Höhe von Altoona und hatten einen prachtvollen Blick auf die Vergrücken, Täler und schluchten, die im glänzenden Mondlichte einen besonders reizvollen Anblick boten. Wir mußten natürlich große Aufmerksamkeit auf unseren Ballon verwenden, damit er nicht zu tief kam, um durch einen Bergrücken vom Winde abgeschnitten zu werden, und während dieses Lavierens verloren wir unsere Wind⸗ richtung und trieben südöstlich ab. Wenn wir diese Richtung bei⸗ behielten, mußten wir an der Küste von New Jersey landen, und ließen nun kein Mittel unversucht, um wenigstens den staat New Vork zu erreichen. In der Nacht hatien wir abwechselnd je eine stunde geschlafen, denn der Trieb, möglichst weit zu kommen, ließ uns nicht länger ruhen. Als der dritte Tag anbrach, breitete sich eine ganz besonders liebliche Landschaft unter uns aus. Es war die Gegend von Phila⸗ delphia, wo sich ein reizender Landsitz an den anderen reiht. Als wir uns der stadt näherten, überflogen wir in geringer Höhe eine Reihe Wir Lustschiffer. 113 89 Wir Luftschiffer von Tälern, die mit dichtem Nebel ausgefüllt waren, wir sahen elektrische Bahnen, die hell beleuchtet durch die weiße Masse in schneller Fahrt dahinfuhren; unwillkürlich mußten wir sie mit Unterseebooten vergleichen. Aus den Fabrikschornsteinen, die nur um wenige Fuß aus dem Nebelschleier hervorzuragen schienen, stieg grauer Rauch empor, der sich mit dem weißen Nebel mischte. Allmählich erwachte die große stadt aus dem schlaf, und ein signal nach dem anderen zeigte den Beginn der Arbeitszeit in den Fabriten an. In allen Tonarten schallten die sirenen an unser Ohr, und bald verbreitete sich ein solcher Lärm, daß wir kaum unser eigenes Wort verstehen konnten. Im Osten ging die sonne mit wunder- barem Glanze auf, und wir hatten die Absicht, den wärmenden Einfluß der sonnenstrahlen auf das Gas in unserm Ballon abzuwarten, der uns in größere Höhe bringen sollte. Als wir aber in den höher⸗ gelegenen Teil der stadt kamen, mußten wir doch Ballast geben, um nicht mit der spitze des Rathausturmes, der die stadt krönt, zu⸗ sammenzustoßen, und nun machten wir den letzten Versuch, weiter nördlich zu kommen, indem wir den Ballon bis in eine Höhe von 3200 Metern steigen ließen. Wir fanden aber nur eine ganz geringe Abweichung nach Nordosten und mußten die Hoffnung, über die stadt New York nach Connecticut hinzukommen, ganz aufgeben und uns damit begnügen, möglichst nördlich an der Küste von New Jersey zu landen. schon von weitem sahen wir den Atlantischen Ozean, und als wir etwa zehn Meilen davon entfernt waren, zog ich Ventil, so daß wir ganz allmählich nach Asbury Park zu hinuntergingen. Ich ver⸗ suchte, einen geeigneten Landungsplatz unmittelbar an der Küste aus⸗ findig zu machen, da ich jedoch keinen solchen sehen konnte, so beschloß ich, in der stadt auf einem unbebauten Platze zu landen. Auf dem zuerst von mir gewählten Platze konnten wir jedoch nicht hinunter⸗ kommen, da ein strang von elektrischen Leitungsdrähten den Weg versperrte, und wir wären beinahe daran hängen geblieben. Durch Auswerfen von Ballast gelang es mir dann, den Korb, der schon die Drähte berührte, wieder loszumachen, wir gingen wieder hoch und landeten dann nach erneutem Ventilziehen um 8 Uhr morgens mit zwölf sack Ballast glatt und unversehrt auf einer straßenkreuzung, während der Ballon auf ein mit Buschwert bestandenes Grundstück fiel. Mit der Reißbahn hatte ich den Ballon aufgerissen, so daß das Gas sofort entwich, und als wir aus unserem kleinen Korbe, der uns vierzig stunden beherbergt hatte, hinauskrochen, hatte 114 Der deutsche Gordon Bennett⸗sieg 1907 sich schon eine große Menschenmenge um uns versammelt, die uns dicht umdrängte. Es war uns erst möglich, mit dem Verpacken des Materials zu beginnen, als ich mit Hilfe von zwei schutzleuten durch stricke den Platz abgesperrt hatte. Nun war es schwierig, den Ballon, dessen Netz sich in dem Buschwerk verstrickt hatte, zu bergen. Zuerst mußte die Hülle aus dem Netz geschält und dann durch eine Anzahl von Leuten die mir hilfreiche Hand boten, auf einem anderen Platze zusammengefaltet und verpackt werden. Leider konnte ich es nicht verhindern, daß einige souvenirjäger sich meine Flaggen aneigneten, es gelang mir nur, die deutsche Flagge zu retten. Man bot mir zehn Dollars, wenn ich fie verkaufen wollte, aber ich zog es vor, sie einem Landsmanne zu schenken, der sie in einem Deutschen⸗Klub auf⸗ hängen wollte. Ein äußerst liebenswürdiger Empfang wurde uns zuteil, als wir zu dem Bürgermeister kamen, um uns die Landungsbescheinigung ausstellen zu lassen. Mit herzlichen Worten begrüßte er uns und bat uns, mit ihm und einer Anzahl angesehener Bürger das Mittagsmahl einzunehmen. In zwei stunden konnten wir dann am Nachmittage New Vork erreichen, wo wir schon als sieger begrüßt wurden, jedoch wurde das offizielle Ergebnis erst einige Tage später belannt gegeben. s876 Meilen hatte ich zurückgelegt, und nur sechs Meilen war ich dem französischen Ballon „Isle de France“ voraus. Aber mit großer Genugtuung empfanden wir es, daß der dritte Preis auch durch einen Deutschen, Hauptmann von Abercron, mit Ballon „Düsseldorf“ gewonnen worden war, und daß der kleine Ballon „Abercron“ mit seinem Führer Paul Meckel den sechsten Platz belegen konnte. Wie bei allen friedlichen Wettbewerben, so war auch hier bei den Ausländern von Neid und Mijßgunst keine Rede, und daher fanden die deutschen Leistungen rückhaltlose Anerkennung. Zur Uebergabe des Preises versammelte sich kurze Zeit darauf der Aéro Club of America in seinem Klublokal, und mit liebens⸗ würdigen Worten wurde mir der silberne Tafelaufsatz überreicht, den ich an Bord der „Kronprinzessin Cecilie“ des Norddeutschen Lloyd mit nach Deutschland brachte. Durch den deutschen sieg in Amerika ist dann die Veranlassung gegeben worden zu der bisher größten aeronautischen Veranstaltung der Welt, den großen Ballonwettfahrten am 10., 11. und 12. Oltober 1908 in Berlin. Zu ihnen gehörte die dritte Gordon Bennett-Wett—⸗ fahrt am 11. Oktober, deren Ergebnis war, daß der erste Preis durch Oberst schaeck für die schweiz gewonnen wurde. 115 Wir Luftschiffer Die große Berliner Veranstaltung, bei der 80 Ballons starteten, hat gezeigt, welch großen Wert die Ballonwettfahrten haben. Unter ihnen nehmen die Gordon Bennett-Wettfahrten den hervorragendsten Platz ein. James Gordon Bennett, der Besitzer des New York Herald, der in Paris wohnt, hat den richtigen Augenblick erkannt, um einen kostbaren Wanderpreis, einen künstlerisch ausgeführten filbernen Tafel— aufsatz, zu stiften, der endgültig demjenigen Lande zufallen soll, welches ihn dreimal nacheinander gewinnt. Der von Gordon Bennett gestiftete Wanderpreis für Freiballons. 116 Die Arbeitsmethoden der Aerologischen Observatorien. Von Dr. Richard Aßmann, Dire ntor des Aönigl. Rreuß. Aeronautischen Observator. ums, Lindenberg bei Beeskow. Die ersten Versuche mit Registrierapparaten in Frankreich und Amerila. Die Methoden der Höhen⸗ forschung. Hargrave⸗Drachen und Kugelballons. Der sigsfeld-Parsevalsche Trachenballon. Gummiballon⸗Höhenrelord von 28 000 Metern. Die obere Temperaturumlehrung. Aerologie und Wetterprognose. Die meteorologischen stationen von Groß-Borstel und Friedrichshafen am Bodensee. Das lönigliche aeronautische OCbservatorium bei Lindenberg. as vom Verfasser im Jahre 1887 erfundene, gemeinsam mit D Bartsch von sigs feld tonstruierte Aspirationsthermo⸗ meter, das den Temperaturbeobachtungen im Luftballon die bei allen früheren Luftfahrten fehlende Zuverlässigteit verlieh, dürfte unbestritten als der Ausgangspunkt der modernen wissenschaftlichen Luftschiffahrt, die wir jetzt „Aerologie“ nennen, anzusehen sein. Nach dem Abschluß der in den Jahren 1888 bis 1898 zum größten Teile durch weitgehende Unterstützungen seitens seiner Majestät des Kaisers Wilhelm II. ermöglichten Reihe von 65 Fahrten, bei denen das Instrument seine Brauchbarkeit glänzend bewiesen hatte, wurde der Gedanke, an stelle der bisherigen „stichproben“ dauernde 117 Wir Luftschiffer Experimente auszuführen, zuerst durch den um die Förderung dieses Wissenszweiges hochverdienten, vor kurzem verstorbenen Chef des Zivil⸗ kabinetts des Kaisers, Dr. von Lucanus, ausgesprochen und damit die Grundlage für das erste Aeronautische Observatorium in Deutsch⸗ land geschaffen. Der Preußische staatshaushaltsetat für 1899 stellte zunächst die bescheidenen Mittel von 50 000 Mark für das erste Aeronautische Observatorium zur Verfügung, das als eine Abteilung des Königlich Preußischen Meteorologischen Instituts im Norden von Berlin am Tegeler Infanterie⸗schießplatze errichtet wurde. Nach wenigen Jahren erwies sich sein von vornherein als ein provisorisch geschaffener Rahmen als zu eng, und im Jahre 1904 gewährte der staatshaushaltsetat den zehnfachen Betrag für ein neues Observatorium großen stils, das als ein selbständiges, wissen⸗ schaftliches Institut auf einem 65 Kilometer südöstlich von Berlin in der Nähe von Beeskow gelegenen Hügel unter der Leitung des Ver—⸗ fassers errichtet wurde und das zurzeit wohl an erster stelle unter allen ähnlichen Observatorien des In⸗ und Auslandes seinen Platz einnimmt. seine Einrichtungen und Arbeiten werden uns an späterer stelle beschäftigen, nachdem wir über seine und aller ähnlichen In⸗ stitutionen Aufgaben berichtet haben werden. Die neue Aera der wissenschaftlichen Luftschiffahrt nahm ihr Programm mit den zurzeit vorhandenen Hilfsmitteln auf, welche sich darauf beschränkten, ein seinen Aufgaben gewachsenes Instrumen⸗ tarium mittels eines Luftballons in die Höhe zu heben und es durch einen oder einige sachverständige Forscher tunlichst fleißig und sorg⸗ fältig beobachten zu lassen. Dieser Teil der aerologischen Forschung wird an anderer stelle durch Herrn Prof. süring eingehend dar— gestellt werden. Im Anfange der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte die angesehene Pariser Mechanikerfirma Richard Freres ihre bewährten Apparate zur selbsttätigen Aufzeichnung der wichtigsten meteorologischen Elemente, des Luftdruckes und der Temperatur, der⸗ maßen verfeinert und erleichtert, daß der Gedanke nahegelegt wurde. sie an stelle eines Beobachters mittels eines kleineren Ballons in Höhen heben zu lassen, die dem Menschen nicht zugänglich sind. so wurde dieser alte, schon im Jahre 1809 in einer Preisaufgabe der Kopenhagener Königlichen Gesellschaft aufgestellte Plan im Jahre 1893 zur Tat, indem die französischen Luftschiffer Hermite und Bésangon nach den Vorschlägen von Charles Renard ihren aus Goldschlägerhaut gebauten Ballon „L'Asrophile“ von 113 Kubit⸗ meter Inhalt mit einem Richardschen Registierapparat bis zu der 118 Die Arbeitsmethoden der Aerologischen Observatorien damals unerhörten Höhe von etwa 14000 Meter emporsandten, wo der Thermograph eine Lufttemperatur von — 21 Grad auf⸗ zeichnete, nachdem er bei etwa 11500 Metern eine solche von — 51 Grad registriert hatte. Hiermit war das signal gegeben, den lebenden Beobachter durch einen mechanischen zu ersetzen, und der amerikanische Meteorologe Rotch tat schon 1894 den glücklichen Griff, an stelle des gasgefüllten Ballons einen vom Winde emporgehobenen Drachen zum Träger eines solchen Registrierapparates zu machen: an seinem Blue Hill Meteorological Observatory bei Boston bildete er die Methode der Drachenaufstiege zu einem wichtigen und unentbehrlichen Hilfsmittel der aerologischen Forschung aus, das seitdem überall mit dem besten Erfolge in Anwendung genommen wird. so sind nun die mit Registrierapparaten bewehrten Drachen und die freifliegenden kleineren Ballons, die von den Franzosen passend „Ballons - sondes“ genannt werden, das wesentlichste Rüstzeug zur Erforschung der höheren Luftschichten geworden, dessen Vorzüge vor den Aufsstiegen bemannter Ballons nicht nur in den erheblich geringeren Kosten und in ihrer leichteren Ausführbarkeit, sondern vor⸗ nehmlich darin zu suchen sind, daß sie auch die über dem Meere lagern⸗ den Luftmassen der Erforschung zugänglich machen, deren Bedeutung allein schon aus dem gewaltigen Flächenraume hervorgeht, den das Wasser auf dem Erdball einnimmt. Dem vom Herausgeber auf⸗ gestellten Plane der Arbeitsteilung entsprechend soll dieser neue wichtige Zweig der „maritimen Aerologie“ in einem besonderen Kapitel durch Herrn Prof. Ber son dargestellt werden, der gemeinsam mit dem oben genannten Rotch zuerst dieses Problem aufgestellt und seitdem mehrfach erfolgreich in Angriff genommen hat. Betrachten wir nun unserer Aufgabe gemäß die auf dem Festlande üblichen Methoden der Höhenforschung, und zwar zunächst die auf der Verwendung von Drachen beruhenden, die selbstausschreibende Apparate tragen. Es kann bei dem zur Verfügung stehenden knappen Raume nicht unsere Aufgabe sein, die vielfachen Formen der an den verschiedenen Observatorien im Gebrauch befindlichen Drachen einzeln aufzuführen und ihre Leistungen zu bewerten. Im allgemeinen hat man dem von dem Australier Hargrave konstruierten sogenannten „Kasten⸗ drachen“ vor dem zuerst angewandten dreieckigen sogenannten ‚Malay⸗ ischen Drachen“ den Vorzug gegeben, und auch die meisten neueren Formen stellen mehr oder weniger modifizierte Kastendrachen dar. 119 Wir Luftschiffer sHargravescher Drachen. Die Urform des Hargraveschen Kastendrachens wird durch die Abbildung wiedergegeben. Er besteht aus einem Gestell von dünnen, tunlichst leichten stäben aus bruchfestem Holz, die mit Hilfe von Ver⸗ schnürungen und Eckbeschlägen zu einem Parallelepipedon zusammen⸗ gefügt und durch dünne verzinkte stahldrähte zu einem streng rechtwink⸗ ligen, unverbiegbaren Körper verspannt sind. Der obere sowohl wie der untere Teil dieses Gestells ist ringsum mit einem leichten aber festen Baumwollstoff bezogen, während die Mitte völlig offen bleibt. Die Ausmaße der Drachen wählt man verschieden: am Aero—⸗ nautischen Observatorium Lindenberg bevorzugt man folgende Maße: Höhe 2,50 Meter, Breite 1,90 Meter, Tiefe 0, 7 Meter und Höhe der „Zellen“, d. h. der mit stoff umspannten Teile, 0, I5 Meter. Da bei der etwa 23 - 30 Grad gegen den Erdboden geneigten stellung des fliegen den Drachens sowohl die vorderen als auch die hinteren bespannten Flächen vom Winde quer getroffen werden, nennt man diese „Drachen⸗ flächen“, während die seitlichen, die sich parallel zur Windrichtung stellen, als „steuerflächen“ bezeichnet werden. In obigem Beispiel hat der Drachen vier Flächen von je 1,90 Meter Breite und 0. 75 Mẽter Höhe (Zsellenhöhe): seine Gesamt⸗-Drachenfläche beträgt daher 5, Quadratmeter. Nach dem Vorschlage des amerikanischen Forschers Marvin, der sich um die Drachentechnik sehr verdient gemacht und auch eine wertvolle Arbeit über die „Theorie des Drachens“ verfaßt hat, vergrößert man die bei der geneigten Lage des Drachens voran⸗ gehende und, da allein durch schnüre gefesselt, den Druck des Windes 120 Die Arbeitsmethoden der Aerologischen Observatorien Tandem aus 7⸗Quadratmeter⸗ und X⸗ Drachen hauptsächlich aufnehmende obere Zellenfläche durch Einbauen einer dritten stoffwand in der Mitte der Zelle, wodurch man eine Ver—⸗ mehrung der Drachenflächen um 1,90 x 075 — 1,40 Quadratmeter erhält und dem Drachen ein Areal von rund 7 Quadratmeter gibt. Hiernach bezeichnet man einen solchen Drachen als einen „dreiflächigen 7⸗Quadratmeter⸗ Drachen !. Zweiflächige Drachen von 6 Quadratmeter baut man 2,44 Meter hoch, 2, 10 Meter breit und 0,72 Meter tief, ebensolche von 4 Quadrat⸗ meter 2,08 Meter hoch, 1,80 Meter breit und 0,56 Meter tief. Diese drei Typen haben sich im praktischen Dienst am besten bewährt, so daß kein Grund für weitere vorliegt. Die Wahl der Drachengröße im gegebenen Falle hängt von der bei dem Ausstiege herrschenden oder nach der Wolkengeschwindigkeit in höheren schichten zu erwartenden Windstärke ab: bei mäßigem Winde benutzt man den größten, 7⸗Quadratmeter⸗ Drachen, bei stürmischet Luftbewegung den kleinsten von 4 Quadratmeter, den man hierzu noch besonders verstärkt, um ihn tunlichst vor dem Zerbrechen zu bewahren. Von erheblicher Wichtigkeit außer der möglichst strengen Be⸗ wahrung der Gestalt ist das Gewicht des Drachens. Nach Angaben von Rotch beträgt der Winddruck auf die Fläche eines fliegenden Drachen durchschnittlich ) / a derjenigen, welche der Wind auf eine gleich⸗ große senkrecht getroffene Fläche ausübt. Die folgende kleine Tabelle gibt einige hierzu gehörige Werte wieder. 121 Wir Luftschiffer Wind Winddruck in kg aelchwin dg en aul iqm senkrecht aul 1 am Drachenflache getroffene Flache l. Meeresniveau in 1 000m Höhe in 2000 m Höhe J in 3000 m söhe 3 1,5 0, 6 0, 5 0, 5 0. 4 4 2,5 1,0 0, d 0, 8 0,7 5 8,5 1,4 1,2 1,B1. 0, u 6 4,5 1,8 1,6 1,4 1,2 8 8. 0 3,2 2,8 2, 5 2, 1 10 12,5 5. 0 4, 4 8, 9g 3,3 12 18,0 7, 6,3 5, 6 4, 8 16 32, 0 12, 8 11,4 10,0 8, 5 20 50, 0 20, 0 17,5 15,6 13, 4 Man erkennt aus der Tabelle zugleich die Abnahme des Wind⸗ druckes mit der Höhe, entsprechend der Verminderung der Luftdichte. Die Erfahrung hat gelehrt, daß etwa die Hälfte des eine Drachen⸗ fläche treffenden Winddruckes in vertikaler Richtung als „Auftrieb“ wirkt, d. h. den Drachen trägt, während die andere Hälfte infolge des „stirnwiderstandes“ des Drachens seinen „Abtrieb“ erzeugt, d. h. den Drachen vom Ausstiegsorte entfernt. Demnach wird, je leichter ein Drachen und je geringer sein stirnwiderstand ist, ein um so schwächerer Wind genügen, um ihn zu tragen, und man bezeichnet, um einen einfachen Ausdruck für das 60 Gewicht des Drachens, unabhängig von seiner Größe, zu haben, seine Fläche, dividiert dürch sein Gewicht, als „spezi⸗ 2 fisches Drachengewicht“. Wiegt z. B. ein 7 Quadratmeter⸗Drachen 4,2 Kilo⸗ gramm, so ist sein „spezifisches Gewicht“ 4200: 7 -— 600 Gramm, und ein Wind⸗ druck von doppeltem Betrage, also 1200 Gramm, wäre erforderlich, um ihn zu tragen: der Wind müßte also nach obiger Tabelle 45 Meter per sekunde Geschwindigkeit haben. Bei Drachenauf⸗ stiegen zu wissenschaftlichen Zwecken kommt aber noch das Gewicht des Regi⸗ strierapparates mit 1 Kilogramm hinzu, so daß 5,2 Kilogramm zu heben sind, wozu eine Geschwindigkeit von etwas über 5 Meter per sekunde nötig ist. Ballon⸗ Tandem. Um den Drachen emporzuheben, 122 Die Arbeitsmethoden der Aerologischen Observatorien muß aber die Windge⸗ schwindigkeit eine größere sein, da nicht nur das Gewicht und der Wind⸗ druck auf den Fesseldraht hinzukommen, sondern auch die dünnere Luft einen geringeren Druck auf den Drachen ausübt. so wird in 1000 Meter Höhe, wozu bei einem Höhenwinkel von 40 Grad etwa 1400 Meter Draht erforderlich sind, folgendes Gewicht zu tragen sein: stahldraht von 0,6 Millimeter Durch⸗ messer wiegt 2,4 Kilo⸗ gramm pro 1000 Meter; da der am Drachen hän⸗ gende Fesseldraht eine so⸗ genannte „Kettenlinie“ bildet, kommt nicht das seiner Länge (1400 Meter) entsprechende Gewicht zur Wirkung, sondern nur das seiner Projektion: im an—⸗ genommenen Falle also 1000 Meter gleich 2, 4 Kilo⸗ gramm. Die Wirkung des Windes auf den Draht erfolgt im entgegengesetzten sinne wie auf den Drachen, da sie seine obere Fläche trifft und deshalb einen nach unten gerichteten Druck ausübt, die gleichbedeutend mit einer Gewichtsvergrößerung des Drachensystems ist. Man ver— anschlagt diesen Druck ebenfalls auf etwa die Hälfte des auf eine senkrechte Fläche treffenden: 1400 Meter Draht von O,6 Milli— meter Durchmesser haben eine Querschnittfläche von 0, 84 Quadrat- meter, und bei einer Windgeschwindigkeit von 7 Meter p. sek. würde sie einen Druck von 2,5 * 0,84 = 2,1 Kilogramm erfahren. Der in diesem Falle wirkende Winddruck würde demnach 16,4 * 2,4 * 2,1 2 14,9 Kilogramm betragen, wozu ein Winddruck von 14,9: 7 = 2,13 Kilogramm auf das Quadratmeter, also unter Berücksichtigung der in der il Gummiballon mit Fallschirm. 123 Wir Luftschiffer Höhe von 1000 Meter um 6 verminderten Luftdichte nach unserer Tabelle eine Windgeschwindigkeit von 7 Meter p. sek. erforderlich wäre. In 2000 Meter Höhe würden dann 48 Kilogramm Draht, der Winddruck auf 3300 Meter Draht — bei einem Höhenwinkel von 40 Grad — mit einem Querschnitt von 2 Quadratmeter s 4,26 Kilo⸗ gramm bei 7 Meter p. sek. Windgeschwindigkeit zu dem doppelten Drachengewicht 10, Kilogramm hinzukommen, und zur Hebung dieses Gewichts von 19,ꝛ6 Kilogramm würden 2, z5 Kilogramm pro Quadrat⸗ meter, d. h. eine Windgeschwindigkeit von 8, Meter p. sek. nötig sein. Hieraus ersieht man, daß bei größeren Windstärken der auf den Drachen ausgeübte Druck ganz beträchtliche Ausmaße annimmt: für einen Drachen von7 Quadratmeter Fläche beträgt er bei einem Winde K,. 8 . kw Marvinscher Meteorograph. (s. 128.) von 12 sekundenmeter 50 Kilogramm, für 16 Meter p. sek. 90 Kilo—⸗ gramm, für 20 Meter p. sek. 140 Kilogramm: man wird deshalb, um einen Bruch des Fesseldrahtes zu vermeiden, bei starkem Winde kleinere Drachen wählen, und ein 4⸗Quadratmeter-Drachen wird unter den gleichen Verhältnissen nur Winddrucke von 29, 51 und 80 Kilogramm auszuhalten haben. Außerdem wendet man aber noch ein von Helm Clayton und Rotch eingeführtes Verfahren an, um den Winddruck auf den Drachen zu vermindern: den sogenannten „elastischen Zügel“, der darin besteht, daß die Fesselung, welche an der zurückliegenden Leiste der Vorderzelle befestigt ist, durch Einschaltung einer „Gummikordel“ in den stand gesetzt wird, sich gemäß des auf den Drachen ausgeübten Druckes beträchtlich zu verlängern, so daß, da die Vorderkantenfesselung eine unveränderliche Länge hat, sich der Drachen bei starkem Winde flachet legt und dadurch seine vom Winde getroffene Projektionsfläche 124 Die Arbeitsmethoden der Aerologischen Observatorien entsprechend verkleinert. Erfahrungsgemäß wird dadurch bewirkt, daß, wie K. Wegener nachgewiesen hat, der Druck auf den Drachen nicht mehr im quadratischen, sondern fast genau im linearen Verhältnis mit der Windgeschwindigkeit wächst und so die Möglichkeit geschaffen wird, auch bei ganz starken Winden bis zu sekundengeschwindigkeiten von 25 bis 30 Meter Ausstiege auszuführen. Von der größten Wichtigkeit ist natürlich die Widerstandsfähig⸗ keit des Haltedrahtes, welcher von der Firma Felten K Guilleaume in ihren Lahmeyer⸗Werken in Mühlheim a. Rh. für diesen Zweck besonders hergestellt wird. Dieser aus bestem Tiegelgußstahl bestehende und Marvinscher Meteorograph in Metallhülse als schutz gegen sonnbestrahlung. (s. 129.) „überhärtete“ Draht besitzt eine Bruchfestigkeit von 300 Kilogramm für das Quadratmillimeter, d. h. ein solcher von 0,6 Millimeter zer⸗ reißt erst bei einem Zuge von 80 Kilogramm, von 0,7 Millimeter bei 110 Kilogramm und von 0,8 Millimeter bei 150 Kilogramm. Das Gewicht des Drahtes und der vom Winde auf ihn aus—⸗ geübte Druck wird natürlich bei zunehmenden Drahtlängen immer größer und der Höhenwinkel des Drachens immer kleiner, so daß jede weitere Drahtausgabe zu einer Verminderung der tatsächlichen Höhe führen müßte: dem begegnet man dadurch, daß man, noch ehe dieser Vorgang eintritt, den unteren Teil der Draht-Kettenlinie durch einen „Hilfsdrachen“ emporheben läßt, dessen etwa 30 Meter langes Draht—⸗ stück mittels einer Drachenklemme an dem Hauptdraht befestigt wird. Indem man so den Draht selbst emporheben läßt, ermöglicht man dem 125 Wir Luftschiffer Hauptdrachen den gleichen Höhenzuwachs. Durch Wiederholen dieses Verfahrens kann man unter günstigen Windverhältnissen Höhen von 6 — 7000 Meter erreichen: zurzeit ist der bis dahin höchste Drachen⸗ aufstieg des Aeronautischen Observatoriums Lindenberg von 6430 Meter Höhe durch einen am Mount Weather Observatory bei Washington bis zu 7000 Meter Höhe ausgeführten übertroffen worden, wobei indes die über dem in 526 Meter seehöhe gelegenen Aufstiegspunkte tatsächlich erreichte Höhe die von Lindenberg (122 Meter seehöhe) nur um 166 Meter übersteigt. Die bei hohen Aufsstiegen nötigen Drachen und Drahtlängen — bei dem Lindenberger Aufstiege auf 6430 Meter: 6 Drachen mit 27 Quadratmeter Fläche und 14 130 Meter Draht — vergrößern natür⸗ lich den am unteren Ende des Drahts ausgeübten Zug sehr beträchtlich, und man läßt deshalb nach einem Vorschlage von Teisserenc de Bort in Trappes bei Paris den Draht⸗Durchmesser nach unten ent⸗ sprechend zunehmen, d. h. an die obersten 2— 3000 Meter Draht von o, 5 Millimeter Durchmesser spleißt man solchen von 0,7 Millimeter, und an diesen solchen von 0,8 Millimeter an; letzterer muß noch eine genügende Bruchfestigkeit besitzen, um den Gesamtzug aller Drachen auszuhalten, andernfalls reißt, was nur allzu oft vorkommt, die ganze Drachen kette ab und treibt, vom nachschleppenden Draht und den unteren Drachen am Herabfallen längere oder kürzere Zeit verhindert, auf Hunderte von Kilometern über das Land, bis sie bei schwächer werdendem Winde oder durch allmähliches Abreißen der Hilfsdrachen und des Drahtes zu Boden fällt. Bei genügendem Winde indessen und festverankertem Draht bleiben die Drachen gelegentlich 5 bis 6 Tage in der Luft. Nach den Formeln der Kettenlinie wird der Draht außer dem vom Winde durch Vermittelung der Drachen und direkt auf ihn aus⸗ geübten Zuge noch mit demjenigen Gewicht belastet, das ein vom höchsten Drachen zur Erdoberfläche herabhängender Draht gleicher Art haben würde, was bei der Abschätzung der zulässigen Beanspruchungs⸗ grenze im Auge behalten werden muß. Die obigen allgemeinen Ausführungen über die Technik eines Drachenaufstieges müssen hier genügen. Es sei nur noch hinzugefügt, daß ein sicher funktionierendes Windwerk zum Auslassen und Einholen des Drahtes erforderlich ist, wobei tunlichst allmähliche Uebergänge zwischen den verschiedenen Einholgeschwindigkeiten von großer Wichtig⸗ keit sind, um plötzliche Zugvermehrungen auszuschließen: am sichersten und bequemsten wird diese Aufgabe durch einen elektrischen mit klein⸗ stufigem Anlasser versehenen Antrieb gelöst. Bei schwachem Winde 126 Die Arbeitsmethoden der Aerologischen Observatorien koppelt man wohl zwei Drachen zu einem „Tandem“ zusammen, um die Drachenfläche zu vergrößern, wozu man natürlich tunlichst leichte Drachen verwendet, z. B. den am Observatorium konstruierten X⸗Drachen, dessen spezifisches Ge⸗ wicht auf 500 Gramm vermindert werden kann. Derselbe dient, da er zur Anbringung eines Apparates nicht hergerichtet ist, nur als Hilfs⸗ drachen. Bei schwachem Unterwinde, der zum Emporheben des Drachens nicht ausreicht, ist man genötigt, den Drachen oft mehrere Kilo⸗ meter weit „auszutragen“ und ihn durch schnelles Einholen des Drahtes mittels der Winde und die hierdurch künstlich erzeugte Ver⸗ größerung des Winddruckes soweit in die Höhe zu werfen, daß er in die höheren windstärkeren schichten gelangt und nun getragen wird. Da, wie wir oben gesehen haben, etwa eine sekundengeschwindigkeit von sechs Meter hierzu erforderlich ist, muß das Windwerk mindestens eine solche Einholgeschwindigkeit besitzen. Von anderen gebräuchlichen Drachen⸗ formen sei noch der in der Diagonale gefesselte Diamantdrachen erwähnt, der auch nach Ver⸗ suchen, die der Verfasser angestellt und Prof. Köppen in Hamburg aufgenommen und fort—⸗ gesetzt hat, mit Flügeln versehen wird, die, durch Aspirationspsychrometer. eine elastische schnur gespannt, bei schwächerem Winde sich ausbreiten und so die Drachenfläche vergrößern, bei stärkerem aber zurück⸗ klappen; ferner eine am Aeronautischen Observatorium als Hilfs— drachen dienende Form, die an stelle der stirnleisten sogenannte „Lieke“ hat, während das Gestell aus kreuzweise verspannten stäben besteht: man bezeichnet ihn deshalb als ⸗-Drachen. seine Vorzüge sind verhältnismäßig geringes Gewicht (500 Gramm pro Quadratmeter) und geringer stirnwiderstand. Außerdem ist noch in Rußland ein halbrunder Drachen üblich, der infolge des geringen von ihm aus— geübten Zuges nur sehr dünne Drähte von 0,4 Millimeter Durchmesser erfordert, für höhere Aufstiege aber deshalb in großer Anzahl ange⸗ wandt werden muß. 127 Wir Luftschiffer Unter den verschiedenen bei Drachenaufstiegen gebrauchten Registrierapparaten ist der von Marvin in Wasphington kon⸗ struierte entschieden als der beste anzusehen, der in einem weiten horizontal gegen den Wind geöffneten schutzrohre zwei mit Alkohol gefüllte ringförmige Bourdon⸗Röhren als Thermometer und ein Bündel Frauenhaare als Hygrometer enthält; zwei große, durch eine starke Außenfeder gespannte Aneroiddosen mit stahllamellen regi⸗ strieren den Luftdruck, und ein vom Verfasser hinzugefügtes Flügelrad, das in der dem Winde zugewandten Oeffnung des schutzrohres steckt, die Windgeschwindigkeit. Der Marvinsche Meteorograph wird in einem leichten Magnaliumkasten an einer in der Mitte der Vorderzelle des Drachens befestigten Leiste so befestigt, daß sein schugrohr bei dem fliegenden Drachen annähernd horizontal liegt. Andere ähnliche Apparate sind von Bosch in straßburg nach den Vorschlägen von Hergesell und von Kleinschmidt konstruiert und geben gleichfalls gute Registrierungen, die auf einer mit Lampenruß überzogenen Metallfolie erfolgen, während der Marvin⸗Apparat mit Anilintinte auf Koordinatenpapier schreibt. In Rußland ist ein von Kuznetzow konstruierter Apparat gebräuchlich, der nicht im Drachen, sondern unterhalb desselben am Haltedraht befestigt wird. Mangelt der zum Emporheben von Drachen erforderliche Wind auch in der Höhe, so daß auch ein Austragen und künstliches Empor⸗ werfen nicht zum Ziele führt, so versagt die Methode, und man ist genötigt, an ihrer stelle den gefesselten Ballon zu verwenden. Der früher hierzu dienende sigsfeld⸗Parsevalsche Drachenballon hat sich wegen seines verhältnismäßig großen Gewichtes und ent⸗ sprechenden Gasbedarfs nicht bewährt, und man ist zu der Methode der kleineren Kugelballons zurückgekehrt. Am Aeronautischen Observatorium benutzt man seidene oder auch baumwollene gefirnißte Ballons von 20 Kubikmeter Inhalt, die? bis 10 Kilogramm wiegen und mit Wasserstoffüllung einschließlich des 1 Kilogramm wiegenden Registrierapparates 12 — 13 Kilogramm freien Auftrieb besitzen. Um dem Gase beim Aufsteigen den Austritt zu gestatten, beim Abstiege aber den Lufteintritt tunlichst zu verwehren, wird in den Füllansatz eine schwache Metallröhre eingebunden. Mit dem Auftriebe von 12 Kilogramm würde ein solcher Ballon 5000 Meter des Drachendrahtes von 0, 6 Millimeter Durchmesser und 2, 4 Kilogramm Gewicht pro 1000 Meter emporheben können, wenn er nicht als „offener“ Ballon seinen Auftrieb beim Aufsteigen mehr und mehr einbüßte. In 3000 Meter Höhe z. B. wiegen 20 Kubikmeter Luft, die im Meeres⸗ niveau und bei null Grad 26 Kilogramm gewogen haben, nur noch 128 Die Arbeitsmethoden der Aerologischen Observatorien 17 Kilogramm, Ballon, Apparat und 3000 Meter Draht aber über 16 Kilogramm, so daß der Auftrieb hier schon fast ganz erschöpft ist. Diese Höhe könnte aber natürlich nur bei absoluter Windstille erreicht werden, während sie schon durch einen schwachen Wind, der den Ballon abtreibt, um so erheblicher vermindert werden müßte, je schwächer der Auftrieb wird. Um größere Höhen zu erreichen, wendet man deshalb das gleiche Mittel an, wie bei Drachenaufstiegen, indem man einen zweiten, in günstigen Fällen wohl einen dritten oder vierten G ta ball e . Ds 0 0 G.. vs s . 8 3 a, , , . Ballon am Hauptdraht befestigt. Auf diese Weise wurden in Linden⸗ berg häufig Höhen über 5000 Meter, gelegentlich sogar über 6000 Meter (Maximum 6240 Meter) erreicht. Während der einen Drachenaufstieg ermöglichende Wind aber eine starke natürliche Ventilation des Thermometers bewirkt, die aus⸗ reicht, um jeden fälschenden Einfluß der sonnenstrahlung auszu⸗ schließen, wenn das Thermometer, analog der Konstruktion des Aspirationsthermometers, mit einem polierten schutzrohre versehen ist, trifft das bei der einen Ballonaufstieg gestattenden schwachen Luft⸗ bewegung keineswegs zu, vielmehr muß hierbei für eine künstliche Luft⸗ erneuerung genügender stärke sorge getragen werden. Man erzielt das in einfachster Weise dadurch, daß man den Ballon mit einer Geschwindigkeit von drei bis vier Meter in der sekunde aufsteigen und, bei ganz schwachem Winde oder Windstille, auch einholen läßt, wobei man dafür sorgt, daß das gegen die sonnenbestrahlung durch ein hochpoliertes Doppelhüllrohr geschützte Thermometer durch den künst⸗ lich erzeugten Luftstrom umspült wird. Allerdings wird dieser hierbei mit der abnehmenden steigegeschwindigkeit des Ballons allmählich Wir Luftschiffer. 129 9 Wir Luftschiffer schwächer und er hört in der größten Höhe schließlich ganz auf, so daß die höchsten Teile des Aufstieges keine strahlungsfreien Temperaturen mehr liefern können. Bei entsprechender Einrichtung des Windwerkes mit einem rückwärtslaufenden Elektromotor kann man, indem man dem Ballon gewissermaßen Draht „nachschiebt“, zwar die Aufstiegs⸗ geschwindigkeit noch erheblich vergrößern, wobei noch der Vorteil gewonnen wird, daß der Ballon, vom Draht nicht festgehalten, selbst bei mäßigem Winde ähnlich einem Freiballon unter steilerem Winkel aufsteigt und infolge der geringeren Abtrift eine größere Höhe erreicht, Drachenstation Friedrichshafen a. B. hot. schwarz. immerhin aber wird die Thermographenkurve bei starker sonnen⸗ strahlung und schwachem Winde oder Windstille bei Beginn des Ein⸗ holens eine schnelle Erniedrigung zeigen, die erkennen läßt, daß die vorhergegangene Registrierung durch sonnenstrahlung eine gewisse Fälschung erlitten hatte. Da die Einholgeschwindigkeit aber bis zu gewissen Grenzen willkürlich bis zur ausreichenden Ventilation des Thermometers gesteigert werden kann und sich hierbei mit der, wenn auch schwachen, Windgeschwindigkeit summiert, werden die Abstiegs⸗ werte als die sichereren zu gelten haben. Um auch den obersten Teil der Aufstiegskurven strahlungsfrei zu gestalten, muß man eine künst— liche Luftbewegung am Thermometer durch eine von einem kleinen Elektromotor getriebenen Ventilator erzeugen, wozu ein gewöhnlicher Taschenlampenakkumulator von zwei Volt spannung und 150 Gramm Gewicht ausreicht. Hierzu ist allerdings nötig, daß der im Innern des Füllrohres angebrachte Ventilator mit zwei unter 45 Grad gestellten Flügeln bei dem Aufstiege einen nach unten, beim Ab stiege 130 Die Arbeitsmethoden der Aerologischen Observatorien einen nach o ben gehenden Ventilationsstrom erzeugt, was durch einen mittels einer Vertikalwindfahne betätigten „stromwender“ bewirkt wird. Der Registrierapparat für Fesselballonaufstiege ist im allgemeinen analog dem für Drachen gebaut, nur muß das bei letzterem horizontal geöffnete schutzrohr vertikal stehen, um dem Auf⸗ und Abstiegsluft⸗ strom freien Zutritt zum Thermometer zu gestatten. Man verwendet neuerdings meist an stelle des etwas „trägen“ alkoholgefüllten Drachen⸗Aufstieg. Bourdon⸗Rohres sogenannte „Bimetallthermometer“, die aus zwei Metallen mit tunlichst verschiedenen thermischen Ausdehnungs— koeffizienten bestehen, wie z. B. stahl und Messing oder Neusilber; lötet man zwei solche ringförmig gebogene oder leicht gekrümmte Lamellen aneinander, dann bewirkt jede Temperaturänderung eine Aenderung der Gestalt, und diese wird, durch Hebel vergrößert, zur Registrierung benutzt. Die Kombination der beiden erörterten Methoden mit Drachen und mit Fesselballons gestattet die Lösung der vornehmlich wichtigen Aufgabe der Aerologie, in täglichen, bei allen Wetterlagen auszu— führenden, lückenlosen, und deshalb auch an sonn- und Festtagen nicht zu unterbrechenden Aufstiegen bis zu den für die Gestaltung der Witte⸗ rung besonders wichtigen Höhen von einigen tausend Metern die atmosphärischen Vorgänge im Zusammenhange zu erforschen, um sowohl der Witterungsprognose als auch der Motorluftschiffahrt praktische 13 . Wir Luftschiffer Vorteile zu bringen. Am Aeronautischen Observatorium in Lindenberg liegt zurzeit eine derartige sechsjährige lücken lose Reihe vor, ein Resultat, das noch an keiner anderen stelle erreicht worden ist! Allerdings gibt es nicht ganz seltene Tage, an denen beide Hilfs⸗ mittel nur zur Erreichung geringer oder mäßiger Höhen hinreichen: wenn der Wind unten zu stark für den Ballon und zu schwach für den Drachen ist, oder in der Höhe schwacher Wind über starkem am Erdboden herrscht; anderseits machen auch schwere stürme mit wirbelerfüllter Luft den besten Drachen unstabil und schleudern ihn in „Kopfsprüngen“ zu Boden! Die mit Drachen erreichbaren Höhen dürften den jetzigen Rekord“ von 7000 Meter seehöhe nur dann noch um einiges übertreffen, wenn man den Ausstiegsort auf einen hohen Berg verlegt, z. B. den Pikes Peak in Nordamerika, der 4312 Meter hoch und durch eine Eisenbahn bequem zugänglich ist: dort dürften 10 000 Meter zu er⸗ reichen sein. Bei weit in die Höhe reichender Windstille könnte man mit einer größeren Anzahl von Fesselballons Aufstiege bis zu der⸗ jenigen Höhe zustandebringen, bei der das Gewicht der verdrängten Luft gleich ist dem Gewichte des obersten Ballons nebst Drahtes bis zum zweiten Ballon: für den am Aeronautischen Observatorium gebräuchlichen Ballon von 20 Kubikmeter Inhalt und sieben bis acht Kilogramm Gewicht würde das eine Maximalhöhe von über 8000 Meter ergeben. Die zurzeit am Aeronautischen Observatorium im Gange befindlichen Versuche mit größeren gefesselten Gummiballons, die beim Aufsteigen ihren Auftrieb nicht verlieren, werden voraussichtlich noch erheblich größere Höhen zu erreichen gestatten. Immerhin bilden die hierzu erforderlichen günstigen Bedingungen seltene Ausnahmen, so daß dem Verlangen, in Höhen über 5000 Meter häufig einzudringen, andere Methoden dienstbar gemacht werden müssen. Der bemannte Ballon gestattet dies, wie an anderer stelle erörtert wird, allenfalls bis zu 9000, gelegentlich 10 000 bis fast 11 000 Meter, allerdings nur unter der ernstesten Lebensgefährdung der Luftschiffer; volllommener und höher hinauf aber der schon anfangs genannte Registrierballon, besonders in seiner Gestalt als Gsummiballon, der im Jahre 1901 vom Verfasser erfunden und seitdem Gemeingut aller Aerologen geworden ist. Die Vorzüge des Gummiballons vor einem stoff⸗ oder Papierballon, wie sie in der ersten Zeit im Gebrauch waren, (Teisserene de Bort benutzt bei Landaufstiegen noch heute den Papierballon) sind folgende: ein aus Paragummi hergestellter Ballon kann verschlossen aufsteigen, da fich seine Hülle erheblich auszudehnen vermag, ehe fie platzt: der Ballon 132 Die Arbeitsmethoden der Aerologischen Observatorien vergrößert demnach sein Volumen gleichen schrittes mit der Abnahme der Luftdichte, verdrängt also dem Gewichte nach in jeder Höhe das gleiche Quantum Luft wie bei dem Beginn seines Aufsteigens, d. h. er behält den ihm gegebenen Auftrieb, bis er platzt. Aus diesem Grunde bleibt seine Aufstiegsgeschwindigkeit auf seinet ganzen Bahn nicht nur die gleiche, sondern sie nimmt sogar noch etwas mit der Höhe zu, nach Hergesell umgekehrt wie die sechsten Wurzeln aus den zugehörigen Luftdrucken. Der Ballon findet demnach nicht, wie ein offener, unaus⸗ dehnbarer, eine Gleichgewichtslage, in der das mitgeführte Thermo⸗ meter mangels einer Ventilation von der sonnenstrahlung weit über die Lufttemperatur erwärmt wird. Allerdings wird die Zahl der in einer Volumeinheit enthaltenen Luftmoleküle, deren „wärmefort⸗ schwemmender“ Wirkung die Ventilation ihren Einfluß auf die strahlungseffekte verdankt, mit der Höhe immer kleiner, so daß die in den unteren Lagen genügende Luftstromgeschwindigkeit in großen Höhen nicht mehr ausreicht, aber man ist in der Lage, die Aufstiegs⸗ geschwindigkeit von vornherein durch stärkere Füllung des Ballons so groß zu machen, daß fie auch in den größten Höhen genügt. Um es aber nicht durch eine übergroße Geschwindigkeit dahin zu bringen, daß der Thermograph den hierbei eintretenden allzu schnellen Aenderungen der Temperatur nicht mehr zu folgen vermag, beschränkt man sich je nach der herrschenden Witterung auf eine solche von vier bis sechs Metern per sekunde. Bei geschlossener Wolkendecke oder bei fallenden Niederschlägen tut man gut, die größere Geschwindigkeit zu wählen, um zu verhindern, daß eine Regen-, schnee⸗ oder Reifbelastung den Auftrieb des Ballons über den zulässigen Mindestbetrag hinaus herabsetzt. Ein Gummiballon, der mit sechs Meter per sekunde Anfangs⸗ geschwindigkeit aufsteigt, würde in einer stunde eine Höhe von fast 23 000 Meter erreichen und nach dem Platzen etwa in der gleichen Zeit wieder herabfallen, wenn man seinen Registrierapparat durch einen Fallschirm von ausreichender Größe tragen läßt. Hiernach dauert ein normaler Gummiballonaufsstieg auf die größten Höhen nur etwa zwei stunden, was zur Folge hat, daß die dabei zurückgelegten Horizontalentfernungen in mäßigen Grenzen bleiben. Herrschte z. B. bis zur Höhe von 12000 Metern ein sturm von durchschnittlich 25 Meter per sekunde Geschwindigkeit, so würde der Ballon, nach etwa 2000 sekunden dort angekommen, nur 50 Kilometer weit fort⸗ getrieben sein: darüber aber, im Gebiet der im Jahre 1901 vom Verfasser gleichzeitig mit Teisserence de Bort entdeckten „oberen Temperaturumkehrung“, sind die Winde fast ausnahmslos erheblich 133 Wir Luftschiffer schwächer und meist von abweichender, oft direkt entgegengesetzter Richtung, so daß sich der Ballon nur langsam vom Ausstiegsorte weiterentfernt, oder gar sich ihm wieder nähert. Einschließlich des Abstieges wird daher selbst an einem dermaßen stürmischen Tage der Landungsort kaum weiter als 150 Kilometer vom Aufstiegsorte ent⸗ fernt sein. Es liegt auf der Hand, daß hierdurch die Wiedergewinnung des Apparates, die nächste Hauptvoraussetzung des Experiments, wesentlich erleichtert, und die Gefahr einer Landung im Auslande oder im Meere erheblich vermindert wird. Als ein weiterer nicht unwesentlicher Vorteil des Gummiballons ist die geringe Gasmenge zu bezeichnen, deren er bedarf, um Höhen zu erreichen, die jedem anderen Ballon verschlossen find, wenn man ihm nicht ganz außerordentliche Dimensionen geben will. Mit fünf Kubikmeter Wasserstoffgas können Höhen über 20 000 Meter erreicht werden. Außer der beträchtlichen Kostenverringerung entspringt hier⸗ aus auch eine bedeutend leichtere Hantierung bei dem Ausstiege. Anstatt eines Fallschirmes, der bei der zunehmenden Volum⸗ zunahme des Ballons leicht zum Einschneiden seiner schnüre, an denen der Apparat hängt, und damit zum vorzeitigen Platzen der immer dünner werdenden Gummihülle führen kann, bedient man sich auch eines zweiten, weniger gefüllten Ballons, der nicht platzen und den Apparat sanft zur Erde tragen soll, wobei er, sobald letzterer aufliegt, als ein „signal“ über ihm stehen bleibt und die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich lenkt. Bei windigem Wetter kann er aber auch leicht zu einer „schleiffahrt“ Veranlassung geben, die dem Apparat großen schaden zufügt. Von Wichtigkeit ist bei dieser „Tandem“ Methode die, wie an anderer stelle gezeigt wird, bei Aufstiegen auf see die einzig mögliche ist und nach Hergesells Vorgang auch überall geübt wird, daß die Auftriebe der beiden Ballons richtig berechnet werden, damit der intakt bleibende Ballon einen genügenden „Abtrieb“ hat, um schnell herabzusfinken. Offenbar hängt die Höhe, welche ein Gummiballon erreichen kann, ausschließlich von det Ausdehnbarkeit des Gummis ab, und jeder als eine „persönliche Leistung“ bezeichnete Höhenrekord kann nur als ein Erfolg der Gummifabrik gelten. Die angesehene Firma Continental Caoutchouc⸗ und Guttapercha⸗Com⸗ pagnie in Hannover, welche in gemeinsamer experimenteller Arbeit mit dem Verfasser die Fabrikationstechnik der Gummiballons an erster stelle entwickelt hat, liefert neuerdings eine Gummiplatte, welche die aller anderen Fabriken besonders dadurch weit übertrifft, daß sie nicht, wie alle anderen Platten, „staublöcher“ bekommt, welche 134 Die Arbeitsmethoden der Aerologischen Observatorien durch das Herausfallen kleiner staubkörner bei zunehmender Ver⸗ dünnung der Platte entstehen und zum Austreten von Gas Ver⸗ anlassung geben. Es leuchtet ein, daß durch solche Löcher die wesent⸗ lichste Eigenschaft des Gummiballons, der auf dem Fehlen eines Gas⸗ verlustes beruhende unveränderte Auftrieb bis zum Platzen, in Fort⸗ fall kommt und der Ballon, ohne zu platzen, in einer Gleichgewichtslage so lange „schwimmt“, bis so viel Gas ausgetreten ist, um ihn langsam fallen zu lassen. Im allgemeinen pflegt eine gewöhnliche gute Paraplatte dann zu zerreißen, wenn ihre Dicke auf il« Millimeter verringert ist. Bei dem neueren, als „L. F.⸗Platte“ (lochfreie Platte) bezeichneten Fabrikat der Continental⸗Compagnie ist diese Grenze sicher auf 1. bis I Millimeter herabgesetzt. Ein Beispiel möge den Einfluß der ver⸗ minderten „Platzdicke“ erläutern. Ein Gummiballon von 1000 Millimeter natürlichem Durchmesser und 0,4 Millimeter Plattendicke wiegt rund 1200 Gramm; um diesen ohne alle weitere Belastung mit einem Auftriebe von 500 Gramm auffteigen zu lassen, muß er bis zu einem Ausstiegsdurchmesser von 1440 Millimetern mit Wasserstoffgas gefüllt werden. Bei einer Platz⸗ dicke von / Millimeter würde er bei einem Durchmesser von 4000 Millimeter, bei i! von 4470 Millimeter und bei /e von 4900 Milli⸗ meter platzen. sein natürlicher Durchmesser würde also bis zum 4fachen, resp. 4, 47fachen und 4 9fachen, sein Aufstiegsdurchmesser (1440 Milli⸗ meter) aber bis zum 2, 76fachen, resp. 3, 11fachen und 3, 4fachen ge⸗ wachsen sein, und er würde bei Luftdrucken von 35, 25 und 19 Milli⸗ meter, entsprechend etwa bei 21 500, 23 500 und 25 500 Meter platzen. Bei den Aufstiegen mit einem Registrierapparat kommen natürlich noch dessen Gewicht (1 Kilogramm), das eines Fallschirmes (etwa 300 Gramm) und ein „freier“ Auftrieb von zwei bis drei Kilogramm hinzu, und ein demgemäß belasteter Ballon von 1000 Millimeter Durch⸗ messer aus lochfreier Platte von 0, 4 Millimeter Dicke würde bei einem Luftdruck von 68 Millimeter, entsprechend etwa bei 17 000 Meter Höhe platzen. Die größte bisher mit Gummiballons erreichte Höhe „soll“ 28 000 Meter betragen, was einem ganz außerordentlich gutem Gummi zu verdanken sein würde, unter der Voraussetzung, daß die Höhe ein⸗ wurfsfrei ermittelt ist: es leuchtet ein, daß in diesen großen Höhen relativ kleine Fehler der Luftdruckangaben sehr große Höhendifferenzen zur Folge haben müssen, und eine nicht überall gewürdigte Fehlerquelle liegt in der außer Betracht gelassenen Temperaturkorrektion des zur Luftdruckmessung dienenden Aneroidbarometers: im gegebenen Falle 135 Wir Luftschiffer würde hierdurch eine Höhenverminderung von 6000 Meter entstehen! Indes haben die theoretischen und experimentellen Arbeiten von Hergesell und Kleinschmidt Methoden gelehrt, um die Fehler auf ein relativ unbedeutendes Maß zu verringern, so daß die hiernach ermittelten Höhen als ziemlich sicher gelten können. Die für die Ballon-sonde⸗-Aufstiege benutzten Registrierapparate unterscheiden sich von den bei Fesselballonaufstiegen dienenden nicht wesentlich. Besonderer Wert wird natürlich auf tunlichst sicheren schutz gegen die sonnenstrahlung gelegt, weshalb außer dem hoch⸗ polierten Doppelrohr, das das Thermometer umschließt, noch eine Umhüllung von Nickelpapier um das ganze Körbchen gewickelt ist, das den Apparat birgt. Man verwendet hierbei meist ein von Hergesell und Bosch konstruiertes Röhrenthermometer, das auf der Ausdehnung eines Neufilberrohres gegen ein Nickelstahlgestell beruht, oder das von Teisserence de Bort bevorzugte Bimetall⸗Thermometer. Die Registrierung erfolgt wegen der geringeren Reibung der schreibfedern, sowie wegen des Einfrierens aller Tinten bei den tiefen Temperaturen von — 60 bis — 80 Grad, allgemein auf einer berußten Metallfolie. Außer dem Barometer und Thermometer zeichnet noch ein nach dem Vorschlag Kleinschmidts aus einem einzigen Haar be⸗ stehende Haarhygrometer seinen stand auf. Einige Apparate sind der sicherheit wegen mit den beiden hier genannten Thermometern aus⸗ gerüstet. Wohl als das bedeutendste der bisherigen Ergebnisse der Ballon-= sonde⸗Aufstiege darf die oben schon kurz erwähnte „obere Temperatur⸗ Inversion“ bezeichnet werden, über die noch einige nähere Angaben auch an dieser stelle Platz finden mögen. Während bekanntlich die mechanische Wärmetheorie eine mit der Höhe wachsende Abnahme der Lufttemperatur forderte und alle mit dem Aspirationsthermometer ausgerüsteten Ballonfahrten bis zur Höhe von 10 000 Meter ausnahmslos bestätigende Beobachtungen mit herabbrachten, erhielt die Angelegenheit ein durchaus neues und un⸗ erwartetes Gesicht, als man in das zweite Höhenkilometerzehnt ein- drang! Die bis zum vollen theoretischen Wert von ein Grad auf 100 Meter Höhenänderung angewachsene Temperaturabnahme hörte mehr oder weniger plötzlich bei 10 000 bis 12 000 Meter auf und ging zunächst meist in eine Isothermie, in größerer Höhe in eine Temperatur⸗ zun ahme über, die gelegentlich den Betrag von acht bis zehn Grad erreichte und eine Mächtigkeit von mehreren tausend Metern besaß. Mit der Vermehrung des Beobachtungsmaterials, um die sich in erster Linie Teisserence de Bort verdient gemacht hat, erkannte man, 136 Die Arbeitsmethoden der Aerologischen Observatorien daß die untere Grenze dieser Inversion bei zyklonaler Wetterlage durchschnittlich bei 9000 — 10 000 Meter, bei antizyklonaler aber bei 12 000-13 000 Meter Höhe gefunden wurde, sowie daß die in den unteren schichten so mächtigen Vertikalbewegungen der Luft in der Inversionsschicht gänzlich fehlten, und daß die Windgeschwindigkeit bei vielfach gegen unten geänderter Richtung eine erheblich geringere war. Ferner stellte man fest, daß dieses Phänomen ein allgemeines, wahrscheinlich über alle Festländer und Meere der ganzen Erde aus⸗ gebreitetes wäre. In neuester Zeit ist es auch von Prof. Berson Drachenboot / Gna“ der station Friedrichshafen a. B. bei Gelegenheit der aerologischen Ostafrika⸗Expedition des Aero⸗ nautischen Observatoriums im Innern des äquatorialen Afrika in 17000 Meter Höhe über Temperaturen bis zu — 84 Grad gefunden worden. Bei der immensen sonnenstrahlungsintensität, die in diesen großen Höhen herrschen muß, war es natürlich von grundlegender Bedeutung, jede Möglichkeit einer Fälschung auszuschließen, weshalb seit dem Jahre 1896 auf Vorschlag des Verfassers zahlreiche Nacht⸗ aufstiege ausgeführt worden sind, die sämtlich die gleichen Resultate geliefert haben, so daß an der Realität dieser „oberen Inversion“ nicht mehr zu zweifeln ist. Auf die zahlreichen Erklärungsversuche kann hier nicht eingegangen werden: das fortwährende Auftauchen neuer beweist, daß die Frage noch ungelöst ist. Außer der Temperatur der Luft ist auch die Richtung und stärke ihrer Bewegung teils aus allgemein geographisch⸗meteorologischen, teils aus praktischen Gründen im Interesse der Witterungsprognose sowie 137 Wir Luftschiffer der Luftschiffahrt von großer Bedeutung. Um diese bis zu größeren Höhen in weniger kostspieliger und überall verhältnismäßig leicht ausfũhrbarer Weise zu ermitteln, hat man die schon vor fast 20 Jahren von Krem ser ausgeführten Experimente mit kleineren, ohne alle Bei⸗ gabe aufgelassenen Ballons, sogenannten „Pilotballons“, wieder auf⸗ genommen, die man entweder mittels zweier an den Enden einer Basis von bekannter Länge aufgestellten, oder, für geringere Höhen, mittels eines Theodoliten verfolgt und so deren Richtung und Ge⸗ schwindigkeit in den verschiedenen Höhen ermittelt. Um mit einem Theodoliten auszukommen, hat Hergesell die mittleren Aufstiegs⸗ geschwindigkeiten kleiner Gummiballons studiert und gefunden, daß dieselben mit geringen Abweichungen, die man vernachlässigen kann, wesentlich konstant sind. Eine Reihe von solchen „Pilotballonstationen“ ist an geeigneten stellen für praktische Zwecke eingerichtet worden, z. B. die im Interesse der Motorluftschiff⸗studiengesellschaft in Reinickendorf ⸗West bei Berlin während der Uebungsfahrten des arsevalschen Lenkballons in Tätigkeit tretenden stationen am Meteoxologisch⸗Magnetischen Observatorium in Potsdam, der Forst⸗ akademie in Eberswalde, ferner in Bitterfeld und am Aeronautischen Observatorium Lindenberg. sie stellen eine Art „Vorpostenkette“ in den höheren Luftschichten dar, die zu melden berufen sind, wenn ein „Feind“ des Luftfahrzeugs, d. h. eine sturmbö, ein Gewitter, oder andere Phänomene, denen man aus dem Wege zu gehen Grund hat, im Anmarsch begriffen sind. Ueber den praktischen Nutzen der aerologischen Forschungen für die Wetterprognose läßt fich ein Urteil noch nicht fällen, obwohl die im vergangenen sommer auf Antrag des Verfassers probeweise ein⸗ geführte Mitwirkung der drei zurzeit in Deutschland tätigen stationen Hamburg, Friedrichshafen am Bodensee und Lindenberg an dem öffentlichen Wetterdienst von vielen seiten als recht nützlich bezeichnet worden ist. Zur Entscheidung kann die Frage erst dann kommen, wenn außer den genannten noch eine größere Zahl von passend ver⸗ teilten stationen eingerichtet sein wird, die, wie bisher a lle in das Königliche Aeronautische Observatorium in Lindenberg, tatsächlich tägliche, bei jeder Wetterlage, und auch an sonn⸗ und Festtagen erfolgende simultane Aufstiege ausführen. Letzteres ist deshalb seit Jahren bemüht, auf der Danziger Bucht eine schwimmende“ Drachen⸗ station, analog, aber in größerem Maßstabe als die Drachenstation am Bodensee, als eine Filiale zu errichten, ohne bisher die Zustimmung der zuständigen Behörden zu erreichen; ferner hat es für den Brocken, den 1200 Meter hohen Glatzer schneeberg, den Feldberg im Taunus 138 Die Arbeitsmethoden der Aerologischen Observatorien oder das Hohe Venn bei Aachen hochgelegene kleinere Drachenstationen in Ausficht genommen, nach deren hoffentlich nicht allzu lange hinaus⸗ geschobener Tätigkeitsaufnahme die Möglichkeit gegeben sein dürfte, ähnlich wie aus den Beobachtungen der dem Erdboden nahen meteo⸗ rologischen stationen, auch für die höheren Luftschichten tägliche synop⸗ tische Karten zu entwerfen und zu veröffentlichen. Nach Lage des bisher an drei nicht streng simultan arbeitenden stationen Erreichten kann es keinem Zweifel unterliegen, daß sich die hierdurch ermöglichte Ueberwachung der atmosphärischen Vorgänge als von weitgehendster Bedeutung für praktische und wissenschaftliche Zwecke erweisen wird. Zum schluß seien noch kurze Notizen über die mehrfach genannten drei deutschen aerologischen stAationen in Hamburg (Groß⸗Borstel), Friedrichshafen am Bodensee und das Königliche Aero⸗ nautische Observatorium bei Lindenberg gegeben. Die von der Deutschen seewarte im Jahre 1903 auf Antrag von Professor Köppen eingerichtete station liegt bei Groß⸗Borstel, 7½ Kilometer nördlich von Hamburg entfernt, auf einer weiten, wenig gewellten und baumfreien Ebene, nur im südwesten durch eine Allee hoher Bäume und elektrische Leitungen der straßen⸗ bahn behindert. Die entsprechend den geringen dafür vorhandenen Mitteln einfachen Einrichtungen bestehen in einigen kleineren Bau⸗ lichkeiten, die einige Bureaus und Werkstätten, sowie eine kleine Ballonhalle umfassen, und dem auf einem künstlichen Hügel aufgebauten nur halb geschlossenen drehbaren Windenhause, in dem eine durch elektrische Energie betätigte Drachenwinde steht. Die Drachen⸗ aufstiege erfolgen außer an den sonn⸗ und Festtagen an allen Tagen mit geeigneter Windstärke, wobei jedoch wegen wiederholt vor⸗ gekommener Unfälle diejenigen Tage ausfallen müssen, in denen der Wind nach der stadt und den elektrischen Leitungen zu gerichtet ist. Außerdem werden von den internationalen Vereinen Grundballon⸗ aufstiege ausgeführt. Trotz der verhältnismäßig einfachen Ein⸗ richtungen kann man der station die Anerkennung für vorzügliche Leistungen nicht versagen. Die unter der Leitung von Dr. Kleinschmidt stehende Drachen⸗ station in Friedrichshafen wurde auf gemeinsame Kosten des Deutschen Reiches und der deutschen Uferstaaten des Bodensees, Bayern, Württemberg und Baden, sowie des Reichslandes Elsaß⸗Lothringen im Jahre 19066 auf Anregung Hergesells errichtet. sie ist eine „schwimmende“ station, die ihre Aufstiege an Bord eines für ihre Zwecke gebauten Drachenbootes, das den Namen „Gna“ trägt, aus⸗ führt. Dieses ist mit einer Dreifach-Expansions⸗Dampfmaschine 139 Wir Luftschiffer von 350 Pferdestärken ausgerüstet, welche dem Boot eine maximale Geschwindigkeit von 19 Knoten (zirka 95 Meter per sekunde) erteilt und eine kleine Gleichstrom⸗Dynamomaschine zur Erzeugung elektrischer Energie für die Drachenwinde und einen schein⸗ werfer betätigt. Außer einer kleinen Kajüte ist ein stauraum für die Drachen und eine Reparaturwerkstätte vorhanden. Die Drachen⸗ winde ift nach einer eigenen Konstruktion mit drei für verschiedene Drahistärken bestimmte Trommeln gebaut, die Ablaufrolle befindet sich am Heck. Die am seeufer liegenden Baulichkeiten bestehen aus einem zweistöckigen Bureau⸗ und Werkstattgebäude, in dem auch ein Assistent wohnt, und einer anschließenden Ballonhalle von 9 Meter Länge, 5, 30 Meter Breite und 5 Meter Höhe. Wie zu erwarten war, haben sich die Windverhältnisse des Bodensees infolge des von südwest bis südost vorgelagerten Alpenwalls als außerordentlich komplizierte erwiesen, so daß sich der Ausführung von Drachenausstiegen in größere Höhen mannigfache schwierigkeiten entgegenstellen. Ganz besonders störend erwies sich die nur allzu häufig vorhandene Verschiedenheit der Windrichtung zwischen den vorwiegend als Land⸗ und seewinde auftretenden im allgemeinen schwach bewegten unteren und den mittel⸗ hohen schichten, welche unter der Alpenhöhe vielfach von Föhnwinden eingenommen werden, während in größeren Höhen die der allgemeinen Druckverteilung gehorchenden starken Luftströmungen vorherrschen. Diese Windschichtungen verbieten nicht selten die Anwendung mehrerer Drachen, welche auch durch den „künstlichen“ Wind, den das Drachen⸗ boot erzeugt, nicht zum steigen gebracht werden können, wenn die unteren und oberen Luftströmungen um mehr als g0 Grad voneinander abweichen. Dagegen gelingen Fesselballonaufstiege bis zu größeren Höhen dadurch, daß das Drachenboot mit einer gleichen Geschwindigkeit in derjenigen Richtung dampft, in der sich die den Ballon tragende Luftschicht bewegt: in den meisten Fällen ist es dadurch möglich, den Ballon senkrecht über dem Boot zu halten und ihn die Höhe der ganzen Drahtlänge erreichen zu lassen. Der hierzu dienende gummierte Baum⸗ wollballon hat einen Inhalt von 50 Kubikmeter und wiegt 16 Kilo⸗ gramm, seine bisherige Maximalhöhe beträgt 4500 Meter. Die Auf⸗ stiege werden unter Ausschluß der sonn- und Festtage täglich aus⸗ geführt, wenn es die Wetterlage einigermaßen gestattet, und nicht die unerwartet häufig notwendige „Kesselreinigung“ ihr Veto einlegt. Das Königliche Aeronautische Observatorium bei Lindenberg liegt 65 Kilometer südöstlich von Berlin und 10 Kilometer westlich von der Kreisstadt Beeskow auf einem einer alten Gletscherendmoräne entstammenden weit vorgeschobenen Hügel 140 Die Arbeitsmethoden der Aerologischen Observatorien von 122 Meter seehöhe, der das umliegende Hochplateau um 30 bis 35 Meter überragt; die nähere Umgebung bis zu mehreren Kilometern Entfernung ist unbewaldet und schwach besiedelt. Das zum Obser⸗ vatorium gehörige umzäunte Gelände hat einen Flächenraum von 28½ Hektar. Auf dem Gipfel des Hügels ist das aus Glas und Eisen kon⸗ struierte achteckige und allseitig geschlossene Windenhaus auf einer Drehscheibe aufgebaut; es enthält die durch einen zehnpferdigen Gleich⸗ stromelektromotor betriebene Drachenwinde, welche mittels eines be⸗ sonders konstruierten Anlassers Einholgeschwindigkeiten von 15 bis 700 Zentimeter per sekunde in kleinstufigen Uebergängen ermöglicht. Große viernutige Rollen zur Aufnahme des vom Winde auf die Drachen und auf den Draht ausgeübten Zuges, eine automatische Vorrichtung zur Verteilung des Drahtes auf der Vorratstrommel, Tourenzähler und Tachometer neben Bandbremsen sichern das ungestörte Auslassen des Drahtes, der über eine bewegliche Rolle ausläuft. Der Anlasser ist außerdem mit Vorrichtungen zum Rückwärtslaufen und elektrischen Bremsen des Motors versehen. Ein sprung⸗Fueßscher Anemograph befindet fich auf der spitze der „Laterne“ des Windenhauses, an der dem Winde zugewandten seite ein dauernd elektrisch ventilierter Assmannscher Aspirationsmeteorograph für Luftdruck, Temperatur und relative Feuchtigkeit. Ein scheinwerfer von 30 Ampere, der mittels eines Umformers betrieben wird, dient bei Nachtaufstiegen, deren in jedem Monat bei den internationalen Terminen wenigstens drei stattfinden. Auf halber Höhe des Hügels befindet fich die aus Wellblech erbaute Ballonhalle von 25 Meter Länge, 10 Meter Breite und 10 Meter Höhe; ihr Haupteingang nach Osten wird durch schiebetore verschlossen, welche die ganze stirnwand zu öffnen gestatten; außerdem befindet sich in jeder Wand eine 3 Meter breite, 8 Meter hohe schiebe⸗ tür, durch welche je nach der Windrichtung die Gummiballons im Lee der Ballonhalle hinausgeführt werden. Am Fuße des Hügels liegt das Maschinen⸗ und Werkstatt⸗ gebäude, in welchem ein sauggasmotor von 30 Ps. elektrische Energie von 220 Volt spannung erzeugt, die in einer Akkumulatorenbatterie von 380 Ampsrestunden Kapazität aufgespeichert wird. Die elektrische Energie dient zur Erzeugung von Licht in allen Räumen und Wohnungen des Observatoriums, ferner von Wasserstoffgas, das durch Wasserzersetzung mittels eines schmidtschen Elektrolyseurs in außer⸗ ordentlicher Reinheit gewonnen und in einem bei der Ballonhalle 141 Wir Luftschiffer stehenden Gasbehälter von 150 Kubikmeter Inhalt aufgesammelt wird, dessen Auslaßschleuse sich in der Ballonhalle befindet. sie betätigt ferner den Kompressor einer Riedingerschen Kohlensäure⸗Eismaschine, zwei Wasserpumpen, welche aus 3 Brunnen, darunter einem Röhren⸗ brunnen von 50 Meter Tiefe, das Wasser nach einem unter dem Windenhause befindlichen Hochreservoir von 60 Kubikmeter Inhalt befördern, von wo es durch Verteilungsleitungen in alle Häuser ge⸗ leitet wird. Die auf allen Baulichkeiten nach den Vorschriften von Findeisen angebrachten Blitzableiter sind an die Wasserleitung und die Brunnen angeschlossen. Ferner werden der zehnpferdige Motor der Drachenwinde, mehrere Drehbänke, eine Bandsäge, eine Abwässerpumpe, Luftpumpen usw. von der Akkumulatorenbatterie ver⸗ sorgt. Als Reservemaschine ist zurzeit nur eine aus dem früheren Observatorium bei Tegel übernommene siebenpferdige Dampfmaschine mit Lilienthalschem schlangenrohrkessel vorhanden, welche aber bald durch einen größeren Diesel⸗Motor ersetzt werden soll. Die Verteilung der Elektrizität erfolgt ausschließlich durch unterirdische Kabelleitungen, um alle Behinderungen der Ausstiege auszuschließen. An Werkstätten ist eine schlosserei und schmiede, eine Mechaniker⸗ und eine große Tischlerwerkstatt und ein Prüfungsraum vorhanden. südlich vom „Windenberge“ befindet sich das Direktorwohnhaus, das im oberen stockwerk einen für 80 Personen ausreichenden, mit Projektionsapparaten (auch für Miethesche Dreifarbenprojektion) aus⸗ gestatteten Vortragssaal enthält. Am Observatorium wird seit nunmehr vollen sechs Jahren ohne jede Lücke täglich, auch an sonn⸗ und Festtagen, von 8 Uhr morgens an mindestens ein erfolgreicher Aufstieg aus⸗ geführt, an drei Tagen im Monat bei den internationalen Aufstiegen täglich 4 bis 5, auch auf die Nacht ausgedehnte. Vom Mai bis Ende september tritt dazu noch ein besonderer Frühaufstieg um 6 Uhr morgens im Interesse des öffentlichen Wetterdienstes. dessen Ergebnisse an 10 Wetterdienststellen telegraphisch gemeldet werden. An jedem hierzu geeigneten Nachmittag wird um 2 Uhr ein Pilotaufstieg aus⸗ geführt, der mittels zweier Theodoliten von einer gemessenen Basis aus verfolgt wird. Außerdem kommen auf Verlangen der Motor⸗ luftschiff⸗studiengesellschaft Pilotaufstiege in wechselnder Anzahl zur Ausführung. Zahlreiche Depeschen über die Windverhältnisse der oberen Luftschichten werden nach außerhalb (Berlin, Breslau, stettin, Göttingen, Bitterfeld usw.) auf Wunsch von Personen abgegeben, welche eine Ballonfahrt auszuführen beabsichtigen. 142 Die Arbeitsmethoden der Aerologischen Observatorien Das Observatorium läßt jährlich eine Publikation „Ergebnisse der Arbeiten des Kgl. Aeronautischen Observatoriums“ erscheinen, in der außer dem kritisch verarbeiteten Beobachtungsmaterial zahlreiche Berichte und kürzere Abhandlungen zum Abdruck gelangen. Im Jahre 1908 hat das Observatorium eine aerologische Expedition nach Ostafrika und dem Viktoria⸗Nyanza entsandt, deren Leitung dem I. Observator Herrn Professor Berson anvertraut war und an welcher der frühere Assistent des Observatoriums, Herr Dr. Elias teil⸗ nahm. Die Ergebnisse der Expedition befinden sich zurzeit in der Ausarbeitung. Kgl. Preuß. Aeronautisches Observatorium, Lindenberg bei Beeskow. 143 Damen im Korb. Von Frau Emmy la Quiante. Der Ballonsport und die Frauenwelt. Luftschifferinnen in Deutschland, Frankreich, und England. Frauen im Luftschifferberuf. Der altive Damensport. Die passendste Kleidung. Phantaste und Praxis. Damen als Ballonführerinnen. segeln, Hochtouristit und Ballonfahrer. ei dem großen Aufschwung, den der sport im allgemeinen in den B letzten Jahrzehnten genommen hat, kann man sich nicht wundern, daß er jetzt auch eine stattliche Reihe von Damen zu seinen Anhängern zählt. Als die letzte der sportarten, die weitere Verbreitung fand, ist die Luftschiffahrt, die Fahrt im Freiballon anzusehen, und obgleich eben erst bekannt geworden und für höchst gefährlich gehalten, finden wir doch schon einige beherzte Damen, welche sich dieser neuen Richtung anschließen. Im Jahre 1896 beteiligten fich im Berliner Verein für Luftschiffahrt die ersten Damen an den Fahrten. Wie außerordentlich die Beteiligung von Damen mit den Jahren zugenommen hat, zeigt uns das neueste Jahrbuch des Deutschen Luftschiffer⸗Verbandes, in welchem wir außer fünf Führerinnen 427 Damen als Mitglieder zählen. Auch in Frankreich wird dem Ballonsport von den Damen eifrig gehuldigt; auch dort zählt man 100 Luftschifferinnen. Die Gattin des Ballonfabrikanten surcouf, die einzige Franzöfin, die jüngst das Führerpatent des französischen Aeroklubs erwarb, hat jetzt in Paris einen Luftschifferinnenklub gegründet. Die Ursachen, welche die Dame zur Gründung des Klubs veranlaßt haben, sind nicht bekannt. Für uns deutsche Damen liegt kein Grund vor, dem französischen Beispiele zu folgen und uns von unseren Vereinen zu trennen, solange man uns wie bisher als Mitglieder mit gleichen Rechten und Pflichten betrachtet. Zu erwähnen sind unter den anderen Nationen noch die Englände⸗ rinnen, welche im Luftsport außerordentlich tätig und sogar vor der mehrfachen Ueberfliegung des Kanals nicht zurückgeschreckt sind. 144 Damen im Korb Glücklich geborgen. Es ist hierbei zu berücksichtigen, daß der Ballon von der stunde seiner Geburt an auf die Damenwelt eine besondere Anziehung aus⸗ geübt hat. Als der junge Pilatre de Rozier im Oktober 1783 vor der ersten Freifahrt Fesselaufstiege mit einer Montgolfiere unternahm, drängten sich die Pariser Aristokratinnen zur Teilnahme an den wage⸗ mutigen Experimenten. Und als der Professor Charles Ende November desselben Jahres die erste Freifahrt mit einem Wasserstoffballon vor⸗ bereitete, wollte die Frau eines Pariser Physikers durchaus die Gefahren der Luftreise mit ihm teilen, während andere Damen seinen späteren Mitfahrer Robert mit großen summen zu bestechen suchten, um sich die Ehre der Teilnahme an dieser Premisre zu verschaffen. Die ersten Damen, die dann wirklich aufstiegen, waren Madame Thible, die sich an einer Freifahrt mit einer Montgolfiere am 4. Juni 1784 von Lyon aus beteiligte, und Mrs. sage, die mit dem Italiener Lunardi in England sich im gleichen Jahre in das damals noch sehr ungewisse Reich der Lüfte begab. Es ist bekannt, daß sich das Berufsluftschiffertum sehr bald der neuen Erfindung bemächtigte, und auch vor diesem mühseligen Brot⸗ erwerb sehen wir die Frauenwelt nicht im mindesten zurückschrecken. Madame Blanchard, die Frau des ersten Berufsluftschiffers, setzte nach dessen Tode das „verwaiste Gewerbe“ fort, wurde die erste Berufs⸗ luftschifferin und inszenierte zahlreiche Auffahrten, bis sie 1812 über Mir Lustschisser 145 16 Wir Luftschiffer Paris zu Tode stürzte. Elise Garnerin unternahm zu gleicher Zeit die ersten Fall— schirmabstürze, eine hals—⸗ brecherische Kunst, die heute in dem deutschen Fräulein Käthe Paulus ihre geschickteste Repräsentantin hat. Madame Fanny Godard und Madame Poitevin waren später die bekanntesten franzöfischen Be⸗ rufsluftschifferinnen, wäh⸗ rend in England besonders Mrs. Graham durch Luft—⸗ fahrten bei Tag und bei Nacht, einmal, August 1887, mit zwei weiblichen Begleite⸗ . 2 . H, f,. . rinnen bekannt wurde, und in ,,, nume, , Deutschland Frau Reichardt . hy li,, durch zwei Aufstiege, die sie 1811 zu Berlin und Dresden allein vollführte, die all⸗ gemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Beim zweiten stürzte sie ab und verletzte sich schwer. Bei der schrecklichen sturm landung des französischen Riesenballons „Géant“ in der Nähe von Hannover am 19. Oktober 1863 befand sich unter den neun Passagieren des hausartigen Korbes auch die junge Frau des Luftschiffers und Führers Nadar, und 1874 stürzte Frau Duruof mit ihrem Gatten in einem kleinen Ballon in die Nordsee, aus der sie im letzten Augenblick beide durch eine englische Bark ge⸗ rettet wurden. Die erste Dame, die an einer wissenschaftlichen Auf⸗ fahrt teilnahm, war Mademoiselle Dorothée Klumpke vom Pariser Observatorium, die 1898 mit zwei männlichen Begleitern zur Beob⸗ achtung des sogenannten Leonidenschwarms hochstieg. seit jeher hat also das weibliche Element dem Ballonsport Inter⸗ esse und Zuneigung entgegengebracht, nie mehr jedoch, als in unseren Tagen, die den sport im Ballon entstehen sahen. Verwunderlich ist das nicht zum mindesten, denn mehr als viele anderen sportarten eignet sich gerade das Ballonfahren als sport für Damen. Es stellt nicht zu große Anforderungen an die Körperkraft und Ausdauer, wie zum Bei⸗ spiel die Hochtouristik, deren Anstrengungen nur ganz besonders 146 Damen im Korb kräftig veran⸗ lagte Damen ge⸗ wachsen find. Während bei Hochtouren die Körperkräfte oft viele stunden lang in höchstem Grade ange⸗ strengt werden, bietet die Ballon⸗ fahrt meist wäh⸗ rend ihrer ganzen Dauer Erholung und Genuß. Wer s'ich aus dem Lärm der Groß⸗ stadt zum ersten Male wie mit einem Zauber⸗ schlage in die stille und den Frieden einer Freiballonfahrt versetzen läßt, ist dem Ballonfah⸗ ren verfallen. Wer sich zur Aufstieg der Mrs. Graham, Mrs. Adams und Miß Dean, ersten Fahrt ent⸗ London 1857. Vhot. Bolan. schlossen hat, dem braucht man zur zweiten nicht zuzureden. Erkennt doch jeder leicht, daß in unserer schnellebigen nervenzerrüttenden Zeit des Lebens in der Großstadt der Körper dann und wann dringend einer Auf— frischung und die Nerven einer Ausspannung bedürfen. Wo findet man dies leichter und besser als im Ballon? Während wir gleich⸗ sam losgelöst von dem Irdischen im Ballon dahinschweben, kräftigen sich die Nerven in der erhabenen stille, und die reine ozonreiche Luft erquickt den Körper. Man fühlt sich nach einer Ballonfahrt so erfrischt, als hätte man mit dem Rucksack auf dem Rücken eine mehrtägige Wanderung durch Berg und Tal gemacht, — und wie mühelos hat man sich diese Erholung erkauft. Der Aufenthalt in 147 1 0* deshalb können sich auch die Da⸗ men, ohne als besonders wag⸗ halsig gelten zu müssen, dem Korbe ruhig an⸗ vertrauen. Ein wesent⸗ liches Moment zur Hebung des Wohlbefindens einer Dame im Korbe und zur Verminderung eventueller Ge⸗ Wir Luftschiffer dem kleinen Korbe ist nicht so unbequem, wie der Uneingeweihte glaubt. Bald lernt ein jeder mit dem geringen auf ihn entfallenden Platze sich begnügen. Es bleibt nur noch die Landung, der schrecken der Nichtfahrer. Genau betrachtet ist auch diese nicht so schlimm, wie ihr Ruf. Der geübte Fahrer weiß, daß die größte Zahl aller Normalsahrten, besonders wenn Damen im Korbe sind, mit sehr glatter Landung endet; selten kommt es zur schleiffahrt und noch viel seltener zu ernsten Kata⸗ strophen. Jeder sport hat eben seine Gefahren, der Ballonsport ist gewiß nicht gefährlicher als viele andere sportarten, und fahr beim Landen bildet die Kleidung der Luftschifferin. Berücsichtigt man, daß Platzmangel und Gewichtsersparnis keinen Kleidungswechsel gestatten, so müssen an ein derartiges Kostüm sehr vielseitige An⸗ forderungen gestellt werden. Die Haupt⸗ eigenschaften, welche man von einem solchen verlangen muß, sind durch den Zweck, dem es dienen soll, gegeben. Es Die ersten deutschen Führerinnen: Frau Dr. Bamler, Frau la Quiante, Frau Professor Abegg. 148 Damen im Korb Ein Aufftieg santos Dumonts mit zwei Amerikanerinnen an Bord. soll dauerhaft, bequem, bei Kälte und Wärme zu tragen, durch sonne und Regen nicht leidend, nicht hinderlich, mit einem Worte ein sport⸗ anzug sein; nicht ein kokettes Kostüm aus seide und Tand, das seinen Zweck, die Trägerin zu verschönen, nut vor, nicht nach der Fahrt erfüllt, darf es sein. Es soll auch durch schwierige Landungen im schlechten Wetter keine wesentliche Einbuße erleiden. Die Entwürfe zu Luft⸗ schifferinnenkostümen, die in den Tageszeitungen des letzten Jahres erschienen, dürften jedoch allen anderen als den oben angegebenen Zwecken entsprechen, und man erfieht leicht, daß sie nicht von einem praktischen Luftschiffer stammen können. Wie sich unter den 149 Wir Luftschiffer dem kleinen Korbe ist nicht so unbequem, wie der Uneingeweihte glaubt. Bald lernt ein jeder mit dem geringen auf ihn entfallenden Platze sich begnügen. Es bleibt nur noch die Landung, der schrecken der Nichtfahrer. Genau betrachtet ist auch diese nicht so schlimm, wie ihr Ruf. Der geübte Fahrer weiß, daß die größte Zahl aller Normalfahrten, besonders wenn Damen im Korbe sind, mit sehr glatter Landung endet; selten * lommt es zur deshalb können schleiffahrt und sich auch die Da⸗ noch viel seltener men, ohne als besonders wag⸗ halsig gelten zu müssen, dem Korbe ruhig an⸗ vertrauen. Ein wesent⸗ liches Moment zu ernsten Kata⸗ strophen. Jeder sport hat eben seine Gefahren, der Ballonsport ist gewiß nicht gefährlicher als viele andere zur Hebung des Wohlbefindens einer Dame im Korbe und zur Verminderung eventueller Ge⸗ fahr beim Landen bildet die Kleidung der Luftschifferin. Berüchsichtigt man, daß Platzmangel und Gewichtsersparnis keinen Kleidungswechsel gestatten, so müssen an ein derartiges Kostüm sehr vielseitige An⸗ sorderungen gestellt werden. Die Haupt⸗ eigenschaften, welche man von einem solchen verlangen muß, sind durch den Zwed, dem es dienen soll, gegeben. Es Die ersten deutschen Führerinnen: Frau Dr. Bamler, Fran la Quiante, Frau Professor Abegg. sportarten, und 148 Damen im Korb Ein Aufstieg santos Dumonts mit zwei Amerikanerinnen an Bord. soll dauerhaft, bequem, bei Kälte und Wärme zu tragen, durch sonne und Regen nicht leidend, nicht hinderlich, mit einem Worte ein sport⸗ anzug sein; nicht ein kokettes Kostüm aus seide und Tand, das seinen Zweck, die Trägerin zu verschönen, nur vor, nicht nach der Fahrt erfüllt, darf es sein. Es soll auch durch schwierige Landungen im schlechten Wetter keine wesentliche Einbuße erleiden. Die Entwürfe zu Luft⸗ schifferinnenkostümen, die in den Tageszeitungen des letzten Jahres erschienen, dürften jedoch allen anderen als den oben angegebenen Zwecken entsprechen, und man erfieht leicht, daß sie nicht von einem praktischen Luftschiffer stammen können. Wie sich unter den 149 Wir Luftschiffer Frau Oberst von Reppert. Frau Dr. Gocht. Die ersten deutschenFührerinnen. erfahrenen Luftschiffern die sitte her⸗ ausgebildet hat, sich zu ihren Fahrten des segleranzuges zu bedienen, wäre es auch für die Damen schon der Ein⸗ heitlichkeit wegen am meisten zu empfehlen, die gleiche Tracht zu wählen. Dieser von den seglern durch viele Generationen bei jedem Wetter er⸗ probte Anzug entspricht allen oben ge⸗ stellten Anforderungen. Das aus dunkelblauem Tuch gefertigte Kostüm besteht für Damen aus nicht faltigem Beinkleid, Rock und Jackett, welch letzteres über leichter Bluse getragen wird. Durch Ab⸗ und Anlegen des Rockes und Jacketts können die Damen sich den verschiedensten Witterungs⸗ verhältnissen anpassen. Es ist dringend nötig, daß die Luftschifferin bei der Landung den Rock abgelegt hat, um volle Bewegungsfreiheit zu haben, denn es ist vorgekommen, daß Damen dadurch in Gefahr gerieten, daß die mitfahrenden Herren in der Aufregung der Landung auf dem Rocksaum der Damen standen und ihr so jede Be⸗ wegungsfreiheit nahmen. Der Rock soll fußfrei sein; wird er nach der Landung angelegt, ist die Trägerin befähigt, die oft unumgänglich nötigen Wanderungen durch Wald und sturz⸗ acker auch bei schlechtem Wetter zurück⸗ zulegen, ohne später z. B. in der Eisen⸗ bahn als besonders durch ihr Kostüm gekennzeichnet aufzufallen, wie dies bei den vorher erwähnten Entwürfen zu phantastischen Luftschifferinnen⸗ kostümen der Fall wäre. Während die Frage des Anzuges für die mitfahrenden Damen nur sache der persönlichen Anschauung ist, wird fie bei 150 Wilbur Wright und die Mode. Der berühmte populäre Flieger wird jetzt in Varls stilisiert“ als Facherschmuc , verwendet ). den Führerinnen eine sehr wesentliche für die sicherheit der Geführten. Nur wenn die Führerin sich in ihrem Anzuge voller Bewegungsfreiheit erfreut, kann sie den hohen an fie gestellten Anforderungen gerecht werden. Jede Dame, die fich um die Führerqualifikation bewirbt, soll Ballon⸗Mode⸗Karrikatur aus dem Ende des 18. Jahrhunderts. Wir Luftschiffer sich bewußt sein, daß sie dasselbe leisten muß wie der Führer. Man soll in der Prüfung genau denselben Maßstab an die Führerin wie an den Führer legen und bei Abnahme der Prüfungsfahrt jede Galanterie und Unterstützungen vermeiden. Die an Führer und Führerinnen ge⸗ stellten Anforderungen find so große, daß sich sicherlich nicht jeder dazu eignet. Das Auslegen des schleppseils, das Hereinheben der schwerer Mrs. Asheton Harford im Ballon „Nebula“. Die Dame überslog als erste im eigenen Ballon den Kanal. Ballastsäcke, das Herunterreißen der Reißbahn sind Verrichtungen, die eben nur mit festem GEriff und einem gewissen Maße von Kraft zu leisten find. Viel wichtiger aber als die unbedingt nötige Kraft sind die erforderlichen Charaktereigenschaften. sowohl Mann wie Frau können als Führer jeden Moment der ernstesten situation gegenüber⸗ stehen, und wehe den Mitfahrern, wenn dann der Führer versagt. Nicht durch Ballonfahrten allein, sondern durch jahrelange sportliche schulung 152 Damen im Korb können die vorhandenen Veranlagungen ausgebildet werden. Mut, Geistesgegenwart und Energie sind nicht von heut auf morgen zu erwerben, und wer einen Führeraspiranten zum Führer hergibt, soll sich der schweren Verantwortung, die er damit auf seine schultern nimmt, bewußt sein. Bedauerlich ist es, daß bei den vorjährigen Beratungen über die Zulassung zur Führerprüfung die vorgeschlagenen schärferen Bedingungen, z. B. größere Anzahl der Fahrten und obliga⸗ Potsdamer Platz in Berlin aus 150 Meter Höhe. Phot. Dr. Lehmann. torische Alleinfahrt, nicht angenommen wurden. Nur durch die streng⸗ sten Anforderungen können sich der Verband und die Vereine vor unbefähigten Führern schützen. Von allen sportarten sind es besonders drei, bei denen man an die Leistungsfähigkeit der Frau genau dieselben Anforderungen stellen muß, wie an den Mann, denn hierbei hat der einzelne nicht nur das eigene Leben, sondern auch das der sportkameraden zu vertreten: segeln, Hochtouristik und Ballonfahren. Auch hierbei haben sich trotz der hohen Aufgaben, die zu leisten waren, Damen vorzüglich bewährt. Die seglerin, die ihr Handwerk versteht, liebt es wenig, als schön⸗ wettersegler, der nur bei leichter Brise sein Boot tummelt, angesprochen 153 Wir Luftschiffer zu werden. Oft, wenn auf den herrlichen segelrevieren Berlins nur wenige wetterfeste segler noch gegen den harten Wind ankämpfen, sind auch noch Damen allein im Boot am steuer zu sehen. Auch unter den Bergsteigern der Jetztzeit ist es nicht nur das männliche Geschlecht, welches ohne Führer, angewiesen auf eigene Kraft, der Lösung der schwierigsten hochtouristischen Aufgaben zustrebt. Oft schließen sich jetzt Damen als gleichwertige Kameraden ihnen an. Wenn im Ballonsport bisher noch wenig von den Damen geleistet wurde, so muß man berück⸗ sichtigen, daß ihnen bis heute die Gelegenheit dazu fehlte. Erst die Weiterentwicklung unseres herrliches sportes wird zeigen, daß auch manche Frau den schweren Anforderungen, die man an den Ballon⸗ führer stellen muß, gewachsen ist, und sie wird eine Ehre darin suchen, nicht nur bei schönem Wetter und sogenanntem Damenwinde zu fahren, sondern sich bei jeder Wetterlage dem Korbe anzuvertrauen. Luftschifferpreis der Königin Margherita von Italien. Vhot. Abeniacar. 154 Der Luftballon als Mittel geographischer Anschauung. Von Prof. Dr. Johannes Poeschel. Laiengeographie im Ballon. Der Fesselballon bei Forschungsreisen. Andrée und Wellmann im Kampf um den Rordyol. Topographie von oben. Die Ballonphotogravhie als geographisches Hilfsmittel. Charalteristische Dörfer⸗ und städteformen. Photo und starte. Aesthetische und geo⸗ graphische Fahrteindrücke. Der norddeutsche Urstrom aus der Vogelverspettive. Geographiestudium und Lustschiffahrt. 1 enn von der Luftschiffahrt im Dienste der Wissenschaft die Rede ; W ist, so denkt man dabei in der Regel nur an die Erforschung der == Atmosphäre, an Aerologie und Meteorologie, und doch verdanken auch andere Wissensgebiete, wie Astronomie, Bakteorologie, Vogel⸗ und Insektenkunde, ihr schon manche Förderung. Vor allem aber ist fie der Erdkunde dienstbar geworden, und noch weit mehr hat diese künftig von ihr zu erwarten: sie verwendet den Luftballon einerseits als Forschungsmittel auf Entdeckungsreisen, andererseits als wert⸗ volles Anschauungsmittel zur Erwerbung topographischer und geogra⸗ phischer Kenntnisse. Für Forschungsreisen kommt vor allem der Fesselballon in Betracht. Von ihm als hoher und doch stets beweglicher Warte aus läßt sich in Verbindung mit der Ballonphotographie die Gliederung weiter strecken feststellen, ziemlich leicht und genau die horizontale Gliederung, die Ver⸗ teilung von Wasser und Land, die Umrisse der Küsten, seen und Flüsse, Wälder und offenes Land. schwerer schon die vertikale Gliederung. Von oben gesehen, scheint ja zunächst alles in einer Ebene zu liegen. Erst ein geübtes Auge vermag hier, z. B. an der Verschiedenheit der Beleuchtung, am schatten bei schrägstehender sonne, Höhenunter⸗ schiede, Berge und Talränder zu entdecken, während in Kulturländern Krümmungen und streckenweises Verschwinden von straßen und Wegen, unregelmäßige Gestalt der Felder und Ackerfurchen die Unebenheiten des Geländes leichter erkennen lassen. Bei weiteren Unternehmungen in das Innere noch zu erforschen⸗ der Länder wird freilich die Verwendung des Fesselballons, sobald es sich um Märsche zu Lande handelt, auf große schwierigkeiten stoßen: die nötige Anzahl der schweren stahlzylinder mit komprimiertem 155 Wir Luftschiffer Wasserstoff auf Lasttieren mit sich zu führen oder gar tragen zu lassen, wird nur selten möglich sein. Anders dagegen bei Forschungs⸗ reisen auf größeren Wasserstraßen, etwa im Flußgebiet des Amazonen⸗ stromes oder des Kongo, wobei sich das nötige Material leicht be⸗ fördern ließe; und bei Polarexpeditionen wird der Fesselballon nie mehr fehlen. schon Nansen hatte die Absicht, ihn mitzunehmen, wurde aber schließlich an der Ausführung gehindert. Wie glänzend sich der Fesselballon bei der großen deutschen südpolexpedition des Pro⸗ fessors von Drygalski bewährt hat, ist bekannt. Viel beschränkter ist die Verwendung des Freiballons für Forschungsreisen. Darauf hat Prof. Berson schon hingewiesen: sie wird nur dann Aussicht auf Erfolg haben, wenn man mit einiger sicher⸗ . Dorf mit birnenförmigem Kern slavische Gründung heit wenigstens auf das Anhalten einer bestimmten Windrichtung rechnen kann, also nur wenn sich voraussehen läßt, daß man nach dem Ueberfliegen des zu erforschenden Gebietes Gegenden zu erwarten hat, die den Luftreisenden eine Neuausrüstung und die Aufnahme von Lebensmitteln ermöglichen, oder wo die Fahrt mit Erfolg abgeschlossen werden kann. Danach mußte das Unternehmen Andrses erfahrenen Luft⸗ schiffern und Meteorologen von vornherein als Fahrt ins Verderben erscheinen. Andree wartete bekantlich einen süd wind ab, der ihn von spitzbergen, genauer von der Däneninsel aus, zunächst nach dem Pol und von da — unter Beibehaltung der Richtung — als Nord⸗ wind nach dem äußersten Nordwesten von Amerika, also nach Alaska, oder auch nach Ostsibirien treiben sollte, eine Entfernung in der Luft— linie von 3000 bis 4000 Kilometern. Allein über die Windverhältnisse zwischen spitzbergen und dem Pol war und ist nur wenig bekannt und über die auf der andern seite vom Pol bis etwa zum 70. Grad 156 Der Luftballon als Mittel geographischer Anschauung nördlicher Breite gar nichts. Wohl aber ist bei dem studium der Isobaren auf unsern Wetterkarten kaum daran zu zweifeln, daß häufige Tiefs den Nordpol umwandern, und die infolgedessen dort herrschenden Zyllone würden dem gewöhnlichen Ballon ein Ueber⸗ fliegen des Pols unmöglich machen. Aussichts reicher schon war der Versuch, den der amerikanische Journalist Wellmann gleichfalls von der Däneninsel aus, und nachdem er wie Andrée lange Zeit auf einen geeigneten südwind . * = 2* . 2 ——— — K stadt mit rechteckigem Markt als Beispiel germanischer Niederlassung (Pulsnitz i. s.). gewartet hatte, am 2. september 1907 ausführte, da er auf einem Luftschiff mit Eigenbewegung unternommen wurde, für ein solches aber liegen die Verhältnisse im hohen Norden günstig. Die Wind⸗ geschwindigkeit über 80 Grad nördlicher Breite ist lange Perioden des Jahres hindurch ziemlich gering, etwa vier Meter in der sekunde, zumal in der vom Luftschiff bevorzugten Höhe von 150 bis 250 Metern, so daß Wellmann bei der Eigengeschwindigkeit seines Luftschiffes von siebeneinhalb Metern die sekunde hoffen durfte, selbst bei widrigen Winden mit ungefähr dreieinhalb Metern die sekunde gegen den Pol vorzudringen, und da die Luftlinie von der Däneninsel bis zum Nordpol annähernd 1200 Kilometer beträgt, in höchstens vier bis fünf Tagen sein Ziel zu erreichen. 157 Wir Luftschiffer Außerdem kann dort die ganze Fahrt am schlepptau ausgeführt werden, statt dessen Wellmann bekanntlich zwei mit Lebensmitteln gefüllte schläuche aus Gummistoff, die mit stahlschuppen beschlagene sogenannte „schlange“ und den mit stacheln besetzten ‚Retarder“ mit sich führte, wodurch eine vertikale steuerung überflüssig wird. Für den etwaigen Rückweg über das Eis hatte er Hundeschlitten und ein Fallboot an Bord seiner „Amerika“. Auch sonst war die Fahrt nach dem Berichte eines Augenzeugen, des Dr. Hermann Elias, wohl vor⸗ bereitet. Der unbegreifliche Fehler des Amerikaners aber bestand darin, daß er den kühnen Flug unternahm, ohne vorher sein Luftschiff auch nur ein einziges Mal ausprobiert zu haben. Hätte er dies getan, so wäre beizeiten die Unzulänglichkeit des steuers erkannt worden. so war Wellmann nach kurzer Fahrt genötigt, auf einem Gletscher spitzbergens zu landen. Wie verlautet, beabsichtigt er seinen Plan wieder aufzunehmen. Uebrigens soll jetzt ein Engländer, sandon Perkins, fich mit dem abenteuerlichen Gedanken tragen, den Nordpol mit einer Flugmaschine zu erreichen. Während die Verwendung des Luftballons als Forschungsmittel bei Entdeckungsreisen naturgemäß auf wenige Fälle beschränkt sein wird, so steht ihm als Anschauungsmittel zur Erwerbung topo⸗ graphischer und geographischer Kenntnisse eine große Zukunft bevor. Wie ungeheuer wichtig gerade für den Geographen eigene An⸗ schauung ist, das hat eine unserer ersten Autoritäten auf diesem Ge⸗ biete, Prof. Dr. Albrecht Penck, in seiner Antrittsvorlesung an der Berliner Universität am 5. Mai 1906, dem dreiundsiebzigsten Geburts⸗ tage seines unvergeßlichen Vorgängers Richthofen, ausgeführt: „Beobachtung als Grundlage der Geographie“. Nur zu lange sei die Erdkunde sehr zu ihrem Nachteil bloß nach literarischen Quellen be⸗ trieben worden und des belebenden Einflusses verlustig gewesen, den die Beobachtung auf die Entwicklung jeder Wissenschaft ausübt. Als Hilfsmittel hierjür empfiehlt Penck Reisen zu Lande und zur see; unsere der Pflege des sports, insbesondere dem Alpinismus zugeneigte Zeit verbürgte auch die nötige körperliche schulung, und zwar sei das Deutsche Reich der Boden, auf dem der Blick für das geographisch Wichtige geübt, auf dem der eiserne Bestand geographischer Vorstellungen eben durch eigene Anschauung erworben werden müsse. Merkwürdig, daß Penck in diesem Zusammenhang auch nicht ein einziges Mal des Luftschiffes gedenkt! Gewiß hat er noch nie selbst an einer Ballonfahrt teilgenommen, sonst wäre dies unmöglich, sonst würde er auch der Umgebung der Reichshauptstadt nicht so alle An⸗ regung zum studium der Erdkunde abgesprochen haben, bietet doch 1568 Geländeausschnitt südwestlich von Kohlfurt mit betr. Teil der General⸗ stabskarte 1: 100 000, auf gleichen Maßstab vergrößert. Wir Luftschiffer der Blick von oben auf den seenreichtum der Mark so manche Auf⸗ schlüsse gerade für den Gegenstand seiner ersten Berliner Vorlesung, die Hydrographie der Binnengewässer. Was zunächst die Erwerbung topographischer Kenntnisse betrifft, so hat niemand bequemer Gelegenheit, die Anlage von Ort⸗ schaften zu studieren, als der Luftschiffer. Diese Ansicht findet auch in der geographischen Fachliteratur neuerdings ihre Vertreter, so er⸗ kennt Hans Bourquin in Petermanns Mitteilungen, Januarheft 1909, seite 17 ff., den Wert der Ballonphotographien für das studium von städten, Ortschaften und überhaupt von Gebieten kleineren Raum⸗ umfangs durchaus an und befürwortet die Aufnahme solcher Bilder namentlich in Reisehandbücher, sie würden dem Beschauer ein deut⸗ lichexres, anschaulicheres Bild geben als die sonst üblichen Pläne, auf denen doch die einzelnen Objekte durch rein konventionelle Zeichen wiedergegeben seien. Zu diesem Zwecke müßten planmäßig Bilder auf⸗ genommen und gesammelt werden für alle Orte und Plätze, von denen es fich verlohnt, für größere städte alsdann mehrere. Um den Ein⸗ druck eines plastischen Gebildes zu gewinnen, müsse dabei wie bei kartographischen Darstellungen „schräge Beleuchtung“ angewendet werden. so werden für den Luftschiffer slavische Rundlinge mit ihrem birnenförmigen Kern, deutsche Gründungen mit rechteckigem Markt in der Mitte, von dem die nach den vier Himmelsrichtungen den ehe⸗ maligen stadttoren zustrebenden Hauptstraßen und deren Parallel⸗ straßen ausgehen, Längsdörfer und Haufendörfer auf den ersten Blick in ihrer Besonderheit erkennbar. Bei älteren städten läßt fich die Geschichte ihrer Entwicklung von oben gleichsam ablesen. Aus vielen Beispielen hierfür sei Kottbus herausgegriffen, das ich wieder⸗ holt, bei Tage und bei Nacht, wo wieder die künstliche Beleuchtung die Ortsgliederung verrät, überflogen habe. Am linken Ufer der spree erfolgte offenbar die erste Anfiedlung. Da liegt ein großer unregel⸗ mäßiger Platz mit riefiger Kirche, daran anschließend — Piazza und Piazetta — der Markt mit dem Rathaus. Krumme straßen gehen von dem Platze aus, kleine Gäßchen schließen sich an, und wo einst Wall und Graben die stadt schirmten, da find jetzt Promenaden an⸗ gelegt, deren schön geschwungene Linien mit wundervoller Klarheit ) Für die folgenden schilderungen find die „Luftreisen“ des Verfassers, Leipzig bei Fr. Wilh. Grunow 1908, und ein Aufsatz von ihm „Der Gebildete und die Luftschiffahrt“ in Westermanns Monatshesten, Okt. u. Nov. 1907, zu Grunde gelegt worden. 160 Der Luftballon als Mittel geographischer Anschauung hervortreten. später entstanden die schon moderner gehaltenen stadt⸗ teile im Norden und Westen, auch das Dorf am rechten spreeufer (sandow) nahm in den sich der stadt zukehrenden Teilen mehr und mehr den Charakter einer Vorstadt an; und als Kottbus im süd⸗ westen einen Bahnhof erhalten hatte, wurde die zwischen ihm und der alten stadt liegende Fläche mit rechtwinkligen Häuserblocks aus⸗ gefüllt, die fich schließlich auch jenseits des Bahnhofs sortsetzten. Wer Leipzig aus einer Höhe von 2000 Metern erblickt, dem erscheinen seine Promenaden noch jetzt wie Glacis, die den inneren soch über st. Peter. Phot. Abeniacar. Kern der stadt mit seinen gekrümmten straßen kräftig hervortreten lassen, während nach außen zu die Häuserviertel immer regelmäßiger angelegt sind; und das neue Rathaus, genau an der stelle der alten Pleißenburg, der stolz der Leipziger, sieht mit seinen Zinnen und seinem Trotzer wie eine zierliche kleine Festung aus, ein vorspringendes Bollwerk der alten Feste Leipzig. Man kann sich danach vorstellen, welchen Vorteil der Velagerer einer Festung aus diesem Anblick von oben zu ziehen vermag, natürlich wieder mit Hilfe der Ballon⸗ photographie. Durch sie, die 1858 zum ersten Male versucht wurde, sind die alten Darstellungen „aus der Vogelperspektive“ auf gediegener Grundlage zur Wirklichkeit geworden. Ein mir vorliegendes, aus 2000 Meter Höhe aufgenommenes Photogramm eines Geländeausschnittes südwestlich von Kohlsurt mit 161 Wir Luftschiffer 11 Wir Luftschiffer charakteristisch 0 ge⸗ stalteten Waldgren⸗ zen, einigen stein⸗ brüchen und den klar hervortretenden Li⸗ nien der Görlitzer Eisenbahn und meh⸗ rerer straßen, ver⸗ glichen mit dem ent⸗ sprechenden Aus⸗ schnitt der General⸗ stabskarte 1: 100 000, die auffallende Aehn⸗ lichkeit eines solchen Bildes mit einer Meßtischaufnahme, nur daß die Maße sich infolge der Per⸗ spektive immer mehr verjüngen, je weiter die Geländeteile vom standpunkt des Be⸗ schauers oder Photo⸗ graphen entfernt sind. Die junge Wissen⸗ schaft der Photo⸗ grammetrie Brennerstraße. lehrt uns mit Hilfe eines einfachen Ver⸗ fahrens zunächst den Maßstab des Bildes, dann durch Einzeichnung eines Uebertragungsnetzes den Grad dieser nach außen zunehmenden Verkürzung feststellen. sehr verdient gemacht hat sich hierum der k. k. Hauptmann d. R. scheinpflug (vgl. dessen in einer sitzung der kaiser⸗ lichen Akademie der Wissenschaften in Wien 1907 vorgelegte schrift: „Die Herstellung von Karten und Plänen auf photographischem Wege“). Wertvoller aber als diese topographischen Beobachtungen erscheint die Möglichkeit, die der Ballon uns bietet, zur Erwerbung geographischer Kenntnisse im weiteren sinne. schon ein gutes Relief schätzen wir als ein ganz hervorragendes Anschauungsmittel. Der Luftreisende aber fieht ganze große Teile der Oberfläche unserer Erde als ein lebensvolles, farbenprächtiges Relief unter sich. Wie gewinnen da 162 Der Luftballon als Mittel geographischer Anschauung sHohenschwangau und Neuschwanstein. Voralpenlandschaft. die wohlbekannten Kunstausdrücke geographischer Formenlehre mit einem Male lebendigen Inhalt: Massengebirge, Ketten- und Falten⸗ gebirge, strahlige und fiedrige Gliederung, Durchbruchstäler, Längs⸗ und Quertäler, Wasserscheiden und stromgebiete, trockene und nasse Ebenen; und hierbei findet nicht bloß der Geograph von Beruf, sondern der Gebildete überhaupt seine Rechnung in vollem Maße. Als „Laiengeographie im Ballon“ habe ich schon wiederholt diese seite der Luftschifferei bezeichnet, und nur als solche bitte ich auch diese meine Ausführungen zu betrachten; sie verdient es, von dem Luftreisenden, dem nicht bestimmte andere Gründe zum Auffahren ver⸗ anlassen, beachtet und gepflegt zu werden. Aus dem vielen, was ich auf meinen Fahrten, die sich über weit mehr als 10 000 Kilometer erstreckten, selbst geschaut habe, sei hier nur einiges herausgegriffen. 163 11* Wir Luftschiffer Von Berlin aus über Königswusterhausen und Wendisch⸗Buchholz nach südosten getrieben, sahen wir auf den ganzen sechzig Kilometer langen spreewald herab. In seinem unteren Teile ist er das, was sein Name sagt: ein ansehnlicher dichter Wald, von spreearmen durchzogen; dann verengt er sich bei Lübben, der einzigen stadt, dem Mittelpunkt der ganzen Landschaft, weiter oberhalb aber bietet er uns einen seltsamen Anblick: kein Wald mehr, sondern nur Busch und Felder und Wiesen meilenweit, dazwischen verstreute Blockhäuschen, selten einmal zu ganz kleinen Dörfchen vereinigt, und das alles in einem Netz von Wasserläufen, die im sonnenschein glitzern. Eine Nachtfahrt führt uns in geringer Höhe über den Harz. Das Auge hat sich an die Dunkelheit gewöhnt und blickt in die tiefen spalten der geschlossenen Hochfläche hinab, lautes Wasserrauschen dringt aus den Gründen zu uns empor und köstlicher Tannenduft aus den Forsten, deren Baumwipfel wir leicht streifen. Als der Morgen dämmert, sehen wir zu unserer Rechten eine große Wasserfläche, die sich nach Norden zu in den Wolken des Horizonts verliert, so daß fie einem ins Land hereinspringenden Meerbusen gleicht: es ist der Dümmer (d. i. Tiefes Meer), der sich innerhalb der Provinz Hannover zwischen Oldenburg und Westfalen einschiebt. Dann liegt eine schier unüber⸗ sehbar eintönige Fläche unter uns, von rehbrauner Farbe und von schwarzbraunen wellenförmigen streifen durchzogen, ein Teppichmuster von eigener wunderbarer schönheit, das Große Moor von Vörden, das über hundert Quadratkilometer bedeckt. Daß auch das gefürchtete, wegen seiner Eintönigkeit verschrieene Moor dem Auge des Beschauers solche Reize zu enthüllen vermag, das zu entdecken, war dem Luft⸗ schiffer vorbehalten. Wieder eine Nachtfahrt bringt uns eine reichlich hundert Kilo⸗ meter lange strecke von südosten nach Nordwesten über die Zuider⸗ se e. südwestlich von Zwolle erreichen wir sie und sind erstaunt über das laute Tosen ihrer Wellen, die im Vollmondlicht zauberhaft er⸗ glänzen. Die Leuchtfeuer der beiden kleinen Inseln schokland und Urk bezeichnen die Verlängerung der Vssel über ihre Mündung hinaus. Dampfer und paarweise segelnde Fischerboote beleben die Wasserfläche. Für kurze Zeit taucht links und rechts von uns wieder ein Festlands⸗ streifen auf bei der Verengerung der see zwischen Enkhuizen und stavoren, die später durch gewaltige Deiche ausgefüllt sein wird, wenn der faustische Plan einer Trockenlegung der südlichen Zuidersee ge⸗ lingt. Als wir den Ostrand der Insel Wieringen überfliegen, öffnet fich nach Nordosten zu der Blick auf das große Wattenmeer zwischen den westfriesischen Inseln und dem Harlinger Festlande. Das Auge 164 Meißen a. d. Elbe. MWolnenschleier und Wolnenschaiten. Phot. Dr. Wanderoleb. Uuslgenommen aus 200 m dhe am 28. August 1908 mit Zeiß⸗⸗WMinimum⸗Valmos sꝶ 12, Tessar 1: 6. 86 180 mm und Gelbglasfütter. Wir Luftschiffer des Luftschiffers vermag aus unserer Höhe von fünfhundert Metern flache stellen und tiefere strömungen gut zu unterscheiden. Noch in der Nacht landen wir auf der Insel Texel, da das Abdrehen des Windes nach Norden unsere anfängliche Hoffnung, die englische Küste zu erreichen, vereitelt. Ein andermal, nach einer Fahrt im Vollmondschein über das Hügelland zwischen saale und Unstrut und über die forstengeschmückte Finne, deren zahlreiche, nach allen seiten abfließende Bäche sich doch sämtlich der Unstrut zuwenden, schweben wir bei sonnenaufgang über dem Kamm des Thüringer Waldes. seine Gliederung tritt scharf hervor, denn die tieferliegenden Teile find durch dichte Nebel verhüllt, die von oben wie blendend weiße Eisflächen aussehen. Be⸗ waldete Halbinseln ragen wie vorgestreckte Finger in sie hinein, die Drei Gleichen wie Inseln aus ihnen heraus. Das Einmünden kleiner Täler in größere ruft vollends die Täuschung hervor, als wenn sich mehrere Gletscherströme zu weiten Eismassen, mit Neuschnee bedeckt, vereinigten. Wir haben die Werra überflogen, da erhebt fich wieder ein Gebirge vor uns, ein basaltisches Plateau mit aufgesetzten Kuppen und spärlichem Wald, dagegen vielen Bergwiesen und Feldern, auch Hoch⸗ mooren: es ist die Hohe Rhön. Zwischen Wasserkuppe und Kreuzberg überfliegen wir sie. Nach Osten und süden eröffnet fich uns ein weiter Ausblick in die Täler der Fränkischen saale und aller ihrer Zuflüsse, der sinn und des durch seine Breite und seine bezeichnenden Windungen unverkennbaren Mains zwischen Lahr und Gemünden und eine strecke weiter aufwärts nach Würzburg zu, fast alle durch Eisenbahnen belebt, auf denen sich die Züge über Viadukte und durch Tunnel nach den Badeorten Kissingen und Brückenan bewegen. Das Auge weiß nicht, wohin es sich wenden soll, um fich so wenig als möglich entgehen zu lassen. Auf einige Zeit wird der Main unseren Blicken wieder entzogen,. während wir uns der Hochfläche des spessart nähern. Keine einzige größere Ortschaft auf dem weiten Gebiete, dagegen ausgedehnte Eichen⸗ und Tannenwälder, an mehreren stellen durch kärglich bebaute Blößen von wunderlicher Gestalt unterbrochen. Auch die Zahl der Verkehrswege ist gering, doch sehen wir vor uns eine Eisenbahn, die das Gebirge vom Main bis wieder zum Main, von Aschaffenburg nach Lahr, quer durchzieht, soweit sie nicht in dem langen Tunnel unter der Eselshöhe verschwindet. Der Main liegt hinter uns, immer anziehender gestaltet sich die Riesenlandkarte zu unseren Füßen: vor uns Rheinhessen, halb rechts 166 Der Luftballon als Mittel geographischer Anschauung Thüringer Wald, Ostseite. in reicher Waldumgebung Darmstadt, das schloß Mathilden- und Rosenhöhe, auch der große und der kleine Woog sind klar erkennbar. Unmittelbar unter uns, mehr als zur Hälfte mit Wald bedeckt, mit vielen Taleinschnitten die Höhen des Odenwaldes, an seinem obst⸗ und weinreichen Westabhang die Bergstraße, über ihr zwischen Melibokus und Jugenheim das großherzogliche Hoflager bei seeheim mit seinem Park und schloß Heiligenberg. Und jetzt — unsere freudige Erregung steigert sich von Minute zu Minute — erblicken wir die gewaltigen schlangenlinien des Rheins von Nierstein bis Gernsheim und den ihn fliehenden, aber in langgezogenen Bogen ihm wieder zufließenden, Werder und Weiher bildenden Altrhein. Es scheint, als hätten die letzten Regentage dem Gau eine Ueberschwemmung gebracht, ein solcher Wasserreichtum leuchtet uns entgegen. Aber ein Blick auf die Karte belehrt uns, daß alle diese seenartigen Erweiterungen und die Menge großer und kleiner Inseln zu dem ständigen Bilde der Landschaft gehören. Auch wäre die Farbe des Wassers, ein helles Graugrün. zu zart für eine Ueberschwemmung. Bei Worms kreuzen wir den Rhein. Ein Kranz von städten — lauter wenigstens nach ihren Weinen uns wohlbekannte Orte, Mußbach, Königsbach, Ruppertsberg, Deidesheim, Forst, Wachenheim, 167 Wir Luftschiffer Dürkheim, Ungstein — umsäumt die Ebene am steilen Abhange der Hardt, deren Hochland wir nun überfliegen. Reizende Bilder auch hier, aber es fehlt das Großzügige der vorher geschauten Rhein land⸗ schaft, wofür Auge und sinn so empfänglich sind. Es fällt schwer, sich zurechtzufinden in diesem Gewirr von bewaldeten Hügeln, von anmutigen Tälern und Tälchen, vielverschlungenen straßen, von schlössern und Burgen und stätten des Gewerbfleißes. Ein anderes Bild! Einen halben Tag lang hat eine dichte Wolkendecke uns die Erde verhüllt, wenige Durchblicke, die sich in der letzten stunde boten, gaben noch immer keinen Anhalt, uns zu orientieren. Da zerreißen die Wolken und verteilen sich nach allen seiten. Ein breiter strom, mit Treibeis bedeckt, grüßt uns, eine ansehnliche stadt, auf beiden Ufern gelegen, eine zweigipflige Akropolis erhebt sich aus ihr; links von hohen Gebäuden umgeben ein noch höheres, seltsames dunkles Rechteck, rechts ein niedrigeres, lang⸗ gestrecktes helles Gebäude, scheinbar ohne Dach. Es ist das wetter⸗ geschwärzte Baugerüst des Meißener Domes neben der Albrechts⸗ burg, das helle Gebäude die Fürsten⸗ und Landesschule st. Afra, die stätte meiner Wirksamkeit. Als die erste stürmische Freude über dieses unerwartete Wieder⸗ sehen der Heimat sich gelegt hat, wendet sich das Auge der Betrachtung des ganzen weiten Elbtales zu. Mit solcher Klarheit wird die anziehende Oberflächengestaltung dieses Gebietes nur für den Luft⸗ schiffer wahrnehmbar. Zwei Hochflächen, im südwesten die viel⸗, aber flachgegliederte, nur mit Feldern bedeckte erzgebirgische, von der durch tektonische Vorgänge das kleine spaargebirge losgesprengt ist, und im Nordosten die geschlossenere, waldreiche Lausitzer Hochfläche, werden durch einen breiten Graben getrennt, den die Elbe mit zwei seen⸗ artigen Erweiterungen, nordwestlich nach Meißen, südöstlich nach Dresden zu, einstmals ausgefüllt hat, bis fie die Pforte im Nordwesten vergrößerte und ihr jetziges Bett in die Talsohle vertiefte. Die Ränder dieses Grabens nach der Lausitzer seite zu sind uns noch nie so fteil erschienen wie jetzt aus der Höhe, dazu steigert schneebedeckung ihren Gebirgscharakter. Als wir sie zunächst aus weiter Ferne erblickt hatten, erinnerten sie uns an die schroffen Abhänge des Elbsandsteingebirges; freilich sind sie dort beträchtlich höher und bis an den Fluß heran⸗ reichend, hier mildert überdies eine vorgelagerte niedrige Terrasse, ehe⸗ malige Anhäufung von Küstensand, den Uebergang zur Ebene. Dagegen zeigt die erzgebirgische seite, das Meißener Hügelland, sanftere Böschungen, wie auf ihr überhaupt die ursprünglichen Unebenheiten des Granit⸗ syenit⸗Massivs durch Löß mehr ausgeglichen und abgerundet find. 168 Der Luftballon als Mittel geographischer Anschauung Deutsches Hügelland (Bart i. E.) Dle gehrümmten Wege im Hintergrund zeigen Erhebungen an. Lassen uns die eben gemachten Wahrnehmungen auf gewaltige vorgeschichtliche Umformungen des Landes schließen, so ist ihm anderer⸗ seits deutlich der stempel menschlicher Kultur aufgeprägt in dem Netz großer und kleiner Landstraßen, in den teils parallel zueinander ver⸗ laufenden, teils sich schneidenden und verzweigenden Eisenbahnen, durch die im Flusse angelegten Winterhäfen, in denen die Fahrzeuge vor strömung und Treibeis geschützt liegen, in der an vielen stellen zu bemerkenden Regelung des stromlaufes durch feste Ufermauern, an denen die schollen, sich scheuernd und berstend, abwärts gleiten. Dazu reden die oft ohne Unterbrechung aneinandergereihten Ort⸗ schaften, Dörfer, die man für städte halten könnte, von den günstigen siedelungsvoerhältnissen, die sich hier geboten haben. Doch wir brechen hier ab; von jeder Ballonfahrt, sofern sie nicht etwa zum größeren Teil in und über den Wolken zurückgelegt wird, ließe sich ja eine Fülle geographischer Einzelheiten berichten. Unerschöpflich ist der Formenschatz der Erdoberfläche, immer neue Reize offenbart fie dem Luftschiffer. Aus Himmelshöhen die zahl⸗ reichen Rinnsale am Nordabhang unseres Erzgebirges zu überblicken, 169 Wir Luftschiffer wie fie zu immer größeren Wasserläufen fich vereinigen, oder den breiten strom des sachsenlandes in die Ebene treten zu sehen, „schlangenwandelnd, silberprangend, und die Ebene prangt mit ihm, Bäche und Flüsse schmiegen fich gesellig an“, alle die Hauptrichtung von südosten noch Nordwesten beibehaltend. Und das wiederholt sich über⸗ all, wohin der Flug uns führt in unserm deutschen Flachlande, alles Teilströme des gewaltigen ostwestlichen norddeutschen Urstromes. Und dann wieder, etwa tausend Meter über Berlin schwebend, den seen⸗ reichtum der Mark auf einmal zu überschauen, wie sie im sonnenglanz leuchten, das Havelbecken im Westen nach Potsdam und Brandenburg zu, im südosten die zu glänzenden sternen vereinigten Dahmeseen bis zur Einmündung ihrer Wassermassen in die spree, und nordwärts, in zartem Duft verschwimmend, die Wasserstraßen über Oranienburg nach der Uckermark. Oder in die ausgebrannten, teils kreisrunden, teils wie rechteckige Festungswälle gelagerten Krater der Rauhen Alb hineinzublicken oder, aus den Wolken gefallen, plötzlich wie einen gewaltigen Ausschnitt aus den Alpen das schneebedeckte Massiv der Hohen Tatra sich entgegenragen oder große Teile des sudetenzuges vor fich und unter sich zu sehen, als Vorhut und seitendeckung Lands⸗ krone und Zobten vorgeschoben, dann einzelne Glieder, Lausitzer, Iser⸗ und Riesengebirge, kulissenartig schräg zu einander gestellt, dahinter den langgestreckten Glatzer Gebirgskessel mit seinen hohen Rändern, und all diese Gebirgszüge und Erhebungen für uns so recht erkennbar als das, was fie find, als Falten und Runzeln auf dem Gesicht unseres altgewordenen Planeten — das sind unvergeßliche Eindrücke, Geographiestunden, wie wir sie allen Wissensdurstigen wünschten. Das aber legt einen anderen Gedanken nahe, wiederum im sinne von Pencks Berliner Antrittsvorlesung, nach der „für den Hoch⸗ schullehrer der Erdkunde gebieterisch die Aufgabe erwächst, den studie⸗ renden hinauszuführen zum Objekt seiner studien und angesichts des⸗ selben zur Forschung anzuleiten.“ Dabei rühmt Penck das Entgegen⸗ kommen der Regierungen, studierenden die Mittel zu „geographischen Exkursionen! zu gewähren. so sei denn hier die Anregung ge⸗ boten, daß ein Teil dieser Mittel oder auch neue zur Verfügung gestellt werden, um studenten der Erdkunde bisweilen die Teilnahme an Ballonfahrten zu ermöglichen. Zu erleichterter Ausführung werden die zahlreichen Vereine für Luftschiffahrt, auch der Deutsche Lustschiffer⸗ verband als solcher, gern die Hand bieten. Eine einzige solche Fahrt, bei günstiger Witterung unternommen, wird dem gut vorbereiteten geweckten Jünger der Wissenschaft eine reichere Ausbeute an geogra⸗ 170 Der Luftballon als Mittel geographischer Anschauung phischer Anschauung gewähren als tage⸗ und wochenlange Wande⸗ rungen, deren Wert und Unentbehrlichkeit an sich natürlich auch von uns vollauf anerkannt wird. Ja, kühne Wünsche gehen noch weiter. Vielleicht finden sich reiche Gönner begabter Jugend, die durch Be⸗ gründung von stipendien den für Luftschiffahrt begeisterten Leiter eines Gymnasiums oder einer anderen höheren schule in die glückliche Lage versetzen, hie und da einen seinet Primaner mitzunehmen und ihm die Fülle geistiger, insbesondere geographischer Anregungen einer Ballonfahrt zugänglich zu machen. Die Berninagruppe mit Gipfeln von über 4000 m Höhe, vom Ballon gesehen. Phot. Argus. 171 Der Arzt im Ballon. Von stabsarzt Dr. Fleming. Ursachen bei Ballonunfällen. Gasvergiftung bei der Füllung. Entaündungsgefahren. Verhalten bei Korbschleudern in Luftwirbeln. Höhenerkrankungen. Die 5ooo⸗Meter⸗Grenze. sauerstoff⸗ mangel. Ultraviolette strahlenwirkungen. Mechanische Verletzungen bei der Fahrt und bei der Landung. Verbrennungen durch Exploston. Gefahren und Vorsichtsmaßregeln über der see. Verletzungen unbeteiligter Personen. Ein Unfall auf 18 000 Fahrttilometer in Deuschland. it jedem sport sind Gefahren verbunden. Unbeschadet der M Gesundheit des Geistes und des Körpers diese bestehen und damit Unfälle verhüten zu lernen, soll und wird eine rationelle Ausübung des sports ermöglichen. Dies wird nur dann gelingen, wenn ihre Ursache erkannt ist. Dem Luftschiffer müssen daher die häufigsten Unfallsarten auf dem Gebiete der Luftschiffahrt geläufig sein. Bei der Vorbereitung zur Freifahrt, der Füllung des Ballons, ereignen sich nicht selten Gasvergiftungen. Wasser stoffeinatmung führt stets die schwersten Erscheinungen herbei, wenn dieses Gas nicht elektrolytisch, sondern, wie es früher und auch oft heute noch gebräuchlich ist, auf chemischem Wege hergestellt wird. Die Ver⸗ giftung erfolgt dann nicht durch schwefel- oder Phosphorwasserstoff, sondern lediglich durch Arsenwasserstoff, der dem aus schwefelsäure und Eisenspänen gewonnenen Gase oft in genügend tödlicher Dosis bei⸗ gemengt ist. so erkrankten und starben z. B. vor Jahren Mannschaften des Luftschiffer⸗Bataillons infolge längeren Aufenthaltes in der schlecht ventilierten alten Ballonhalle in schöneberg, andere, nachdem sie auf 172 Der Arzt im Ballon freiem Felde bei Herstellung des Gases in fahrbaren Apparaten den Wasserstoff aus unmittelbarer Nähe eingeatmet hatten. Die Ver⸗ giftungssymptome verliefen dabei zunächst latent. Das Unwohlsein, der Kopfschmerz waren oft so gering, daß manche der tödlich Vergifteten noch mehrere stunden Dienst taten, ehe fie fich krank meldeten. Erst dann stellte sich geringe Atemnot ein, die Leute fühlten fich schwindelig, empfanden in der Haut Kribbeln oder das Gefühl des Eingeschlafenseins. Unter mäßiger Fiebererscheinung wurde der Leib druckempfindlich, und es erfolgte bald ein fast unstillbares Erbrechen gelb⸗grünlich⸗schwarzer Massen, das erst bei zunehmender schwäche einige stunden vor dem Tode aufzuhören pflegte. — Heute sind Vergiftungen durch Arsen⸗ wasserstoff selten, da meistens nur elektrolytisch erzeugtes Gas zur Ballonfüllung benutzt wird. Doch des öfteren wird chemisch hergestelltes Gas immer noch verwandt. Es sollte aber zur Ballonfüllung über⸗ haupt ausgeschlossen sein, da es auf chemischem Wege völlig arsenfrei nur selten gewonnen wird, und daher trotz aller Vorficht Erkrankungen nicht zu vermeiden sind. Zum mindesten sollte nur arsenfreie schwefel⸗ säure verwandt werden dürfen, wie fie z. B. nach dem Kontaktverfahren hergestellt wird. — Nach eingetretener Vergiftung ist für das Leben immer zu fürchten, eine Wiederherstellung jedoch nicht ganz aussichtslos. Intensive Anregung der Hauttätigkeit durch Frottieren, durch ab⸗ wechselnde Anwendung von heißem und kaltem Wasser, Einspritzungen von Aether oder Kampfer vermögen noch oft die sinkende Herzkraft wieder zu heben und das Gewebe vor dem sauerstoffhungertode zu bewahren. Vergiftungen durch Leuchtgas einatmung sind auch im letzten Jahre wieder mehrfach vorgekommen. Fast immer werden nur die Leute betroffen, die während der Ballonfüllung den Füllansatz des Ballons mit dem Füllschlauch zusammenhalten. Bei den Wettfahrten im Oktober 1928, lösten fich z. B. die Verbindungsstücke; die beiden Luftschiffer, die am Füllansatz die Verbindung herstellten, wurden bewußtlos unter der noch schlaffen Ballonhülle hervorgezogen und konnten erst nach längerer Zeit mit Hilfe von sauerstoff wieder zum Bewußtsein gebracht werden. Diese Unfälle sind deshalb so häufig, weil die Mannschaften am Füllansatz unter der Ballonhülle von der frischen Luft abgeschlossen liegen müssen. Lockert sich die Verbindung, so atmen sie das reine Gas. Durch Einschaltung einer festen Hülse könnte dem Uebelstand abgeholfen werden. — Alle Leuchtgas⸗ vergiftungen sind vorübergehender Natur gewesen. Die andere Gefahr des Füllgases besteht in seinet Ent zünd⸗ lichkeit. Es erfolgt zwar bei weitem nicht so leicht eine Explosion des 173 Wir Luftschiffer Ballons, wie gemeiniglich angenommen wird. Denn es gehört bei Wasser⸗ stoff z. B. zunächst ein bestimmtes Mischungsverhältnis mit der Luft und zweitens die Zündung selbst dazu. Das Gemisch kann sich nur an den natürlichen Oeffnungen des Ballons bilden, am Füllansatz oder Ventil, oder aber beim Zerreißen oder Platzen der stoffhũlle. Verletzt sind Freiballons bisher nur bei Berührung mit der Erde, ausnahmsweise auch in der Höhe, wenn der Füllansatz absichtlich oder aus Versehen ganz oder zum Teil geschlossen war und der Ausgleich des Innen⸗ und Außendrucks nicht mit der genügenden schnelligkeit vor sich gehen konnte. so platzte im Herbst 1908 ein Ballon des niederrheinischen Vereins, bei dem die Oeffnung des Füllansatzes durch Ballonets verlegt war, ebenso am 11. Oktober desselben Jahres go0 Meter über Friedenau der amerikanische Ballon „Conqueror“, weil der Füllansatz zu lang war. Zu schwer abgewogen, entging der Ballon noch einigen gefährlichen Hindernissen auf der Erde durch reichliche Vallastausgabe, stieg aber infolgedessen so rapide, daß das unter Verminderung des Luftdrucks und intensiver sonnenbestrahlung sich ausdehnende Gas dem bis zu m Korbe reichenden Füllansatz nicht schnell genug entweichen konnte und stattdessen die Ballonhülle zum Platzen brachte. Eine Explosion des Gases ist jedoch bei diesen Unfällen nicht erfolgt. Auch sind die Insassen stets ohne größere Verletzungen gelandet, weil die Ballonhülle fich nach Entleerung des Gases zum Fallschirm ausbreiten konnte, und so die Fallgeschwindigkeit ungefährlich wurde. Ganz anders verlaufen die Unfälle, wenn nach der Verletzung der Hülle das „Knallgas“ entzündet wird: Nachdem das Zeppelinsche Luftschiff durch den Gewittersturm von seiner Verankerung bei Echter⸗ dingen losgerissen war, zog der mitentführte Monteur Ventil. Das Gas drang aus der Innenkammer unter die äußere Hülle, es bildete sich Knallgas, das dann beim Entweichen aus der äußeren Hülle durch elektrische Funken entzündet wurde. Am Oliver Jonesschen Luft⸗ schiff in Amerika zerriß ein Flügel der schraube die Hülle, das Gas entzündete fich an dem unmittelbar darunterliegenden Motor, der Fũhrer stürzte tödlich ab. Entzündung des Ballongases durch Blitz ist in Deutsch⸗ land nur beim Fesselballon beobachtet, wo das gut leitende stahlkabel genau wie der Blitzableiter wirkt, der mit negativer Erdelektrizität geladen, die positive der freien Atmosphäre oder der Wolken anzieht. Im Freiballon dagegen kommt es wohl öfters zu großer Elektrizitätsansamm⸗ lung, die sich in sprühenden Funken und schlägen den Mitfahrenden sicht⸗ und fühlbar macht, zur Entzündung des Gases aber nur ganz ausnahmsweise. sie ist bisher nur einmal beobachtet, und zwar im sommer 190, als der italienische Kapitän Ulivelli kurz nach seinem 174 Der Arzt im Ballon Aufstieg aus einer Höhe von etwa 300 Meter mit dem aufflammenden Ballon abstürzte. Da dies in der ganzen Geschichte der Luftschiffahrt der einzige Unfall dieser Art ist, und der betreffende Luftschiffer den sturz nicht lange genug überlebte, um sich gutachtlich über dessen Ver⸗ anlassung äußern zu können, erscheint die Frage der Entstehung einer Der Absturz des amerikanischen Ballons „Conqueror“. Wettfahrt schmargendorf 1908. Die Ballonhülle wirkt als Fallschirm. Rach der Jeichnung eines Augenzeugen. Berliner Ill. Ges. Entzündung des freischwebenden Ballons noch nicht genügend geklärt. Andernfalls bleibt nur die Annahme, daß die von Wolke zu Wolke überspringenden Blitze auf ihrem Wege das während des steigens ausströmende und mit Luft gemischte Gas entzündet haben müssen. Während der Fahrt bleibt der Freiballon bekanntlich für unser Gefühl fast stets in vollkommener Ruhelage. Es herrscht Windstille, ganz gleich, ob der Ballon nur wenige Meter sekundengeschwindigkeit hat, oder im sturme dahingejagt wird. Der Korb hängt ruhig und 175 Wir Luftschiffer sicher an seinen den Ballon umfassen⸗ den Leinen und drehte sich kaum , merkbar um seine Längsachse infolge von Triebkräften, die auf seine Ober⸗ fläche beim Durchschneiden verschieden schneller Luftströmungen ungleich ein⸗ wirken. Ausnahmsweise treten je⸗ doch, vor allem in den heißen Monaten des sommers, derartige ungewohnte, abrupte und schleudernde Bewegungen auf, daß man sich in den FP vom Winde hin- und hergetriebenen J Fesselballon versetzt glaubt. sie sind Blitzschlag in einen Fesselballon. durch Lu ftwirb el hervorgerufen, die sich namentlich bei ruhigem Wetter infolge mangelhaften Wärmeausgleiches über der Erde bilden und den Ballon oft mehrere 1000 Meter auf und ab werfen. Der Korb bleibt dabei nicht senkrecht unter dem Ballon, sondern kann sogar eine fast horizontale Lage einnehmen. solche situationen muß man kennen, um nicht zu Maßnahmen veranlaßt zu werden, die man sonst zur Erhaltung des Niveaus ergreift, die aber in diesem Falle nicht nützen, im Gegenteil bei der Landung sehr nachteilig wirken können. sucht man z. B. ein weiteres steigen des Ballons durch Ventilziehen zu verhindern, so hat die Verminderung der Gasmenge fast nie den gewünschten Erfolg. Genau wie ein stück Papier oder eine Feder, die, weil schwerer als die Luft, bei ruhigem Wetter zur Erde finken, bei böigem aber in die Höhe gewirbelt werden, wird auch der nicht mehr schwimmende, aber trotzdem mit Rücksicht auf seine große Oberfläche immer noch leicht wie eine Feder bleibende Ballon durch eine Gasentleerung aus dem Ventil nicht im geringsten beeinflußt. Bei solchen Angriffskräften muß er der Höherführung folgen. In gewissen Höhen haben diese Wirbelbewegungen aber allemal ein Ende. Ist der Ballon dann nicht durch unnötige Gasentleerung zu sehr in seiner Tragfähigkeit geschwächt, wird man durch Auswerfen der Ballastreserve eine allzu harte Landung fast stets vermeiden können. Bis zu Höhen von 4000- 5000 Meter kommen i nnere Erkran⸗ kungen oder dauernde störungen der Gesundheit im allgemeinen nicht vor. Einmal beobachtete ich jedoch einen chronischen Mittelohr⸗ katarrh, der bei perforiertem Trommelfell infolge der schnellen Luft⸗ druckänderung während der Fahrt neu aufgeflackert war. Mit ärztlicher 176 Der Arzt im Ballon Fahrterlaubnis an derartig Erkrankte wird man daher vorsichtig sein; jedenfalls ist stets Watte im erkrankten Ohr zu tragen. Nicht so ängstlich braucht man dagegen mit Herzfehlern, selbst Herzklappen⸗ fehlern bei genügender Kompensation zu sein. Ich kenne mehrere Herren, die mit solchen Erkrankungen Höhen über 2000 Meter ohne jede Beschwerde passiert haben. Daß Luftschiffer in diesen Höhen überhaupt, abgesehen von den gewöhnlichen Begleiterscheinungen des Ohrendruckes und gelegentlicher Kopfbeschwerden sich unwohl fühlten, habe ich nur zweimal erlebt; einmal bei einem Neuling in der Luft⸗ schiffahrt während einer Nachtfahrt, das andere Mal bei einem Neu⸗ rastheniker. Dieser wurde plötzlich während der Fahrt von der Zwangs⸗ norstellung befallen, aus dem Korbe herabspringen zu müssen. Nun ist es zwar eine bekannte Tatsache, daß die motorischen Hemmungen bei dieser Krankheit so groß sind, daß solche Vorstellungen nie zur Ausführung gelangen. Zu einer gewöhnlichen Tagesfahrt wird man daher auch ärztlicherseits die Erlaubnis erteilen, nicht aber zu einer Nachtfahrt. Denn hier sind Eigenart und Besonderheiten so erheblich, daß das labile Gemüt eines Neurasthenikers ebenso wie das des Laien, der mit ungeheuren Erwartungen an seine erste Fahrt heran— tritt, erfahrungsgemäß leicht schädlich beeinflußt wird. Die eigentlichen Luftdruckerkrankungen treten ent— sprechend einer Druckverminderung auf 400 Millimeter Queclsilber und weniger erst in der Höhe von 5000 Meter auf, die deshalb nach v. schroetter als die sogenannte kritische Höhe bezeichnet wird. Bei den meisten machen sich hier als erste störung des Zentralnerven—⸗ systems schläfrigkeit und Apathie bemerkbar. Man fühlt sich dauernd schwächer werden, ist unlustig zu jeder Tätigkeit. Leichtes Herzklopfen stellt sich ein, man empfindet einen stechenden Kopfschmerz. Die Haut wird blaß und blaurot. Die Beine beginnen zu zittern, die schrift wird unsicher, die sprache verwirrt, Bewußtlosigkeit tritt ein und geht in den Tod über, wie sivel und Crocé⸗spinelli schon in der Höhe zwischen 6600-7000 Meter erfahren mußten, während Tissandier, der dritte Mitfahrende, noch mit bleibender Taubheit davonkam. Für alle diese störungen und Krankheitserscheinungen, wie sie in größeren Höhen in der Atem⸗ und Herztätigkeit und der Funktion der nervösen Zentral⸗ apparate auftreten ist der sauerstoffmangel der alleinige Grund. Das individuelle Bedürfnis nach sauerstoffzufuhr ist zwar sehr verschieden, und es ist deshalb gelegentlich möglich, auch ohne sauerstoff in Höhen bis zu 7000 Meter vorzudringen. Es übt hier ferner die geringste Muskelarbeit oder Bewegung großen Einfluß aus, so daß es schon in mäßiger Höhe unmöglich ist, einen Ballastsack vom Boden über den Wir Luftschiffer 177 12 Wir Luftschiffer Rand des Korbes zu heben. Deshalb ist es in Höhen über 4000 Meter zweckmäßig — bei Hochfahrten notwendig, den Ballast so anzubringen, daß durch Abschneiden einer Halteschnur der sack umkippt und sich entleert. Vor allem aber braucht man in diesen Höhen einen sauer⸗ st off apparat. Dieser muß so eingerichtet sein, daß bis zu einer Höhe von 7000 Meter fünf Liter, darüber hinaus zehn Liter sauerstoff pro Minute eingeatmet werden kann. Dies erreichen Apparate in Form von sauerstoffzylindern mit Reduzierapparaten und sicher sitzenden Masken. Letztere müssen in Höhen von 6000-7000 Meter an dauernd getragen werden, damit sauerstoff automatisch den Lungen zugeführt wird. Denn der Organismus empfindet nicht die Gefahr der Erstickung. Die Ohnmacht ist da, ehe der rettende Ventilzug getan oder die sauer⸗ stoffmaske ergriffen ist. Doch wird auch diese sauerstoffzufuhr un⸗ genügend, sobald der Höhenrekord von Berson und süring von 11 000 Meter geschlagen werden soll. Hier sind Gefahren nur zu vermeiden, wenn das lebenerhaltende Gas unter einem höheren Drucke als der der umgebenden Luft ist, von den Lungen geatmet werden kann. v. schroetter schlägt für solche Unternehmungen hermetisch geschlossene Körbe vor, in denen der ganze Körper in eine Atmosphäre von höherer sauerstoffspannung gebracht wird. Erhebliche störungen mancher sinnesorgane beobachtet man oft auch schon in geringen Höhen. Es sind hier vor allem die ultra⸗ violetten strahlen des sonnenspektrums, deren Absorption mit Ab⸗ nahme der Luftdichte bald sehr gering wird und deren chemische Wirkung daher in größerer Höhe äußerst intenfiv ist. Auch werden diese strahlen von den weißen Flächen des schnees und der Wolken besonders reflektiert. Unter ihrer Einwirkung entsteht besonders dort eine Hautentzündung, wo sonst bekleidete Körperteile entblößt der sonne ausgesetzt werden, andererseits an den Augen die sogenannte schneeblindheit, die eine Entzündung der Augenbindehaut mit Lichtscheu, Tränenträufeln und Lidkrampf darstellt. In schwereren Fällen findet man auch empfindliche Veränderungen der Hornhaut. schutz der Haut durch schleier oder Einreibung mit einer gelben indifferenten salbe, schutz der Augen durch rauchgraue oder gelb⸗ grünliche muschelförmige Gläser verhüten die Erkrankung mit sicher⸗ heit. — Vor den Wirkungen der Kälte haben die meisten übertriebene Furcht. Bei dem Fehlen von Wind und der relativen Lufttrockenheit in höheren schichten kann man sich selbst bei großer Kälte durch passende Kleidung vor allen unangenehmen Gefühlen schützen. 176 Der Arzt im Ballon a sauerstofflasche, V Reserve⸗sauerstofflasche, C Verbindungsrohr, d Reduzler⸗ Ventil. e Inhaltsmesser, t Durchlaßanzeiger, g Regulierschraube, h Absftell- schraube. i schlauch. K schlauchführung, I Maske, m Maskenhalter (spirale). Mechanische Verletzungen während der Fahrt kommen selten vor. Am ehesten entstehen sie noch beim Herablassen oder Wiedereinholen des schleppsei ls. Dieses übt beim Auslegen oder Wieder⸗ einholen über den Korbrand oft einen solchen Zug aus, daß erfahrungs⸗ gemäß selbst Knochenbrüche durch Einklemmung von Gliedern in eine sich bildende schlinge herbeigeführt wurden. Unfälle beim Auslegen sind leicht zu vermeiden, wenn das schleppseil, wie es bei Motorballons üblich ist, klar wie Bindfadenknäuel gewickelt, von vornherein außerhalb am 179 12* Wir Luftschiffer Korbe oder Ringe befestigt ist und sich nach Durchschneiden eines zusammenhaltenden Fadens von selbst abrollt. Diese Methode hat außerdem den Vorteil, bei unvorhergesehenen Landungen das schlepp⸗ seil sofort in Wirksamkeit treten zu lassen. Verletzungen bei der Landung bilden die häufigsten Luftschifferunfälle. Meist find fie bedingt durch Ungunst der Witterung oder des Landungsortes, oft aber auch durch den schneid der Unschuld, Leichtfertigkeit, Ungeschicklichkeit, schlechtes Ballonmaterial, Kosten⸗ ersparnis und vor allem Unorientiertheit über das Gelände. sturm von weit über 100 Kilometer Geschwindigkeit in der stunde schleuderte am 2. Februar 1902 den Hauptmann v. sigsfeld bei der Landung in der Nähe von Antwerpen aus dem Korbe und verletzte ihn durch schädelbruch tödlich. Nacht und wildzerrissene Gebirgslandschaft waren am 2. Februar 1909 die Ursachen, daß der Franzose Faure bei der Landung in der Montagne noire mit zertrümmertem schädel in dem Geäst einer steineiche hängen blieb. sonst betreffen die Verletzungen bei der Landung natürlicherweise meist die unteren Gliedmaßen, es find Verstauchungen und Quetschungen des Fuß⸗ und Kniegelenks, Knochenbrüche, namentlich der Knöchel. Doch wurden auch Verrenkungen oder Brüche von Arm und Becken beobachtet. Was die Landungsart betrifft, so sollte meines Erachtens zumeist der Ballon vor dem ersten Aufsetzen gerissen werden, wenn auch gelegentlich die Umstände ein anderes Verhalten erfordern mögen. Die Erschütterung des Körpers erfolgt dann nur einmal. Der Führer, der, wie die Erfahrung zeigt, Unfällen am ersten ausgesetzt wird, ist dann noch geistig und körperlich intakt, während nach harter Zwischenlandung Ruhe und Beherrschung der situation oft verloren geht, oder Ver⸗ letzungen die sichere Bedienung der Leinen oft schon rein physisch unmöglich machen. — Klare Leinen, genaue Kenntnis der Reiß⸗ vorrichtung, zweckmäßige Verteilung im Korbe und unbedingtes Ver⸗ harren an dem zugewiesenen Platze, ruhiges Erwarten des Aufstoßes auf die Erde mit federnd gekrümmten, niemals durchgedrückten Knieen sind des weiteren erforderlich und geeignet, mit Hilfe des schleppseils und der Reißvorrichtung die Landung fast stets zu einer gefahrlosen zu machen. Nach eingetretener schwerer Verletzung muß ein rnschädlicher Transport ins nächste Krankenhaus stets die erste sorge sein. Bei Hautabschürfungen, Quetschungen, Brüchen und Verrenkungen der oberen Gliedmaßen ist es gestattet, ohne ärztlichen Rat den Kranken mit Hilfe einer improvisierten Mitelle oder nach Verbinden der offenen Wunden mit einem reinen, geplätteten Taschentuche zu befördern. Bei 180 Mr. und Mrs. Grahams Unfall. London 1851. Vhot. Volant nach einer Der Ballon reikt beim sturze einen amin um. zeitgendssischen Zeichnung. Katastrophe des französischen Ballons „Zenith“ im Jahre 1875, bei dem sivel und Crocé⸗spinelli ihr Leben verloren. Wir Luftschiffer Verstauchungen und Quetschungen der unteren Gliedmaßen dagegen, mögen sie auch noch so gering sein, ist ärztliche Hilfe an Ort und stelle der Landung in Anspruch zu nehmen. Denn bei der geistigen Anspannung im Augenblick des Landens werden ebenso wie im Gefecht kleine Verletzungen, wie Verstauchungen und Quetschungen, die mit Zerreißung der Blutgefäße einhergehen, nur minimal empfunden. Die Gelandeten verpacken daher ahnungslos ihren Ballon und begeben sich meist noch zu Fuß zur nächsten Bahn⸗ station. Erst unterwegs werden zunächst kaum beachtete schmerzen stärker, oder leichte schwellungen machen auf die Verletzung auf⸗ merksam. Inzwischen hat sich aber das beim Landen zerrissene, meist nur kleine Blutgefäß nicht, wie es sonst in der Ruhe sehr bald zu geschehen pflegt, durch Blutgerinnsel geschlossen. Die dauernde Muskel⸗ bewegung beim Gehen hat im Gegenteil ein fortwährendes Nachsickern des Blutes in das Gelenk, die Muskulatur oder die Haut begünstigt. Ein erheblicher Bluterguß — meist ist das Kniegelenk betroffen — hebt jetzt die Dienstfähigkeit für vierzehn Tage bis drei Wochen auf, während bei rechtzeitiger Behandlung die kleinen Gefäßzerreißungen keinerlei funktionelle störungen zur Folge gehabt hätten. Auch Explosionen beider Landung infolge des Elettrizi⸗ tätsausgleiches zwischen Freiballon und Erde sind gelegentlich beobachtet. Der Freiballon ohne Erdleitung ist nach Durchschneiden ungleichmäßig verteilter spannungsgefälle über der Erde meist elektrisch geladen, und zwar entsprechend der negativen Erdelektrizität in seinen unteren Teilen positiv, in seinen oberen Teilen negativ. seine einzelnen Teile setzen sich aus guten und schlechten Leitern der Elektrizität zusammen. Zwischen guten Leitern, den Metallteilen des Ventils, des Ringes und Korbes befinden sich Netz und Hülle des Ballons als schlechte, deren Leit⸗ fähigkeit um so geringer wird, je mehr sie der Einwirkung der aus⸗ trocknenden sonnenbestrahlung unterliegen. Erhalten unter solchen Verhältnissen die guten Leiter bei schneller Höhenverschiebung des Ballons eine erhebliche Elettrizitätsladung, so können, nachdem sich die unteren Teile des Ballons durch Berührung mit der Erde entladen, sich auf dem durch den schlechten Leiter des Ballonstoffes isolierten Ventil solche spannungsunterschiede bilden, daß bei leitender Verbindung des Ventils mit der Erde Funken hervorgerufen werden, die das Knallgas entzünden. Bevor das Gas daher nicht vollständig entleert ist, darf unter keinen Umständen das Ventil berührt werden. — Die Verletzungen, die bei solchen Explosionen vorkommen, find oft Brand⸗ wunden schwersten Grades. Ersticken der Flammen an den brennenden Kleidern, am besten durch den Verpackungsplan, der stets auf dem 182 Der Arzt im Ballon Grunde des Korbes schnell zur Hand ist, muß die erste Maßnahme sein. Die Brandwunden bedecke man bei mangelnder ärztlicher Hilfe zunächst mit Eigelb oder Eiweiß und verbinde fie mit sauberen geplätteten Taschentüchern. Landungen im Wasser haben in den letzten Jahren bei fast allen Luftschiffahrt treibenden Nationen Opfer gefordert. In erster Linie waren solche Landungen fast stets ungewollte und meist Folgen falscher oder fehlender Orientierung bei Nebel oder Wolken. Es ist zwar möglich, auch bei bedeckter Erde mit Hilfe astronomischer Positions⸗ bestimmung sich bis auf mehrere Kilometer richtig zu projizieren. Die Methode ist noch wenig bekannt, sollte aber jedem Führer geläufig sein. ) Andere Hilfsmittel, sich zu orientieren, sind Verständigung durch Zuruf, die mit Leuten auf dem Felde, Bahnbeamten oder Arbeitern, Fischern usw. bis zu 500 Meter unschwer bewerkstelligt werden kann, ferner Fahrtrichtungsbestimmung mit Hilfe von Kompaß ) A. Marcuse, Ortsbestimmung im Ballon. Berlin 1909. sturz des Leutnants stach von Golzheim. Nach Zeugen des Unfalls. 183 Wir Luftschiffer und auf der Erde schleifendem seil. Um auch über Wasser die Richtung erkennen zu können, bedient man sich zweckmäßigst eines nicht unter⸗ tauchenden schleppseils, z. B. aus Kokosfasern. Wenn auch durch eine Zwischenlandung die Orientierung nicht gewonnen ist, sollte endgültig gelandet werden, bevor unter Zugrundelegung einer Geschwindigkeit von 100 Kilometer in der stunde die see erreicht sein kann. solange nicht gegen diese Regel verstoßen wird, lönnen unbeabfichtigte gefähr⸗ liche Landungen im Wasser kaum vorkommen. Das zeigt die Geschichte der Militärluftschiffahrt, wo Menschenleben durch Ertrinken nie ver⸗ loren gegangen sind, wohl aber bei Verstoß gegen die Vorschrift schwere Gefahren bestanden werden mußten. Ich erinnere nur an die viel⸗ erwähnte Fahrt zweier soldaten des preußischen Luftschiffer⸗Bataillons im Jahre 1906. sie stiegen in Berlin auf, zu gleicher Zeit mit einem von Offizieren geführten Ballon, der in der Nähe von stettin, unweit der Ostsee, landete. Anstatt, wie befohlen, rechtzeitig bei dem unfsich⸗ tigen Wetter zur Erkundung herunterzugehen, machten sie zu spät einen Zwischenlandungsversuch, überwarfen sich dabei aber mit Ballast und kamen in eine viel höhere Luftschicht mit erheblicher Wind⸗ geschwindigkeit. Bei ihrem zweiten Landungsversuch befanden sie sich zu ihrem schrecken schon über Wasser. Daß sie nach Auswerfen sämt⸗ lichen Ballastes, Abschneiden des Korbes und Wegwerfen der not⸗ wendigsten Kleidungsstücke noch glücklich auf der südspitze von schweden bei Karlskrona landeten, ist bekannt. Landungen im Wasser sind selbst bei voller Orientierung nicht aus⸗ geschlossen, es kann sich aber immer nur um mehr oder weniger große seen handeln, und dort hat der immer noch vorhandene Auftrieb des Gases stets erhebliche Unfälle abwenden können. Es ist zwar in Deutschland allgemein Brauch, mit einem offenen Füllansatz zu fahren, der vom Korbe aus nicht zu schließen oder wieder zu öffnen ist. Dies hat bezüglich der Verhinderung des Platzens der Ballonhülle infolge Ueberdrucks des Gases gewiß seine volle Berechtigung (vergl. Platzen des, Conqueror“ seite 175). Bei Landungen im Wasser wird jedoch, sobald der Korb eingetaucht ist, durch jeden erheblicheren Wind so viel Gas aus dem jetzt gefesselten und offenen Ballon herausgedrückt, daß es bald unmöglich wird, sich längere Zeit über Wasser zu halten. seit einer solchen Erfahrung und für derartige Fälle pflege ich stets vor der Fahrt eine Vorrichtung anzubringen, die gestattet, den Füllansatz vom Korbe aus zu schließen, jeder Drucksteigerung im Innern des Ballons aber durch Oeffnen wieder nachzugeben. Bei geschlossenem Füllansatz wird man dann im Falle der Not den Ballon erheblich längere Zeit schwimmen lassen können, zumal, wenn man den Korb hat verlassen 184 Der Absturz des Morellschen lenkbaren Riesenluftschiffes in Berkeley (Kalifornien). Das Luftschiff im Augenblick des Absturzes. Phot. Kester. Wir Luftschiffer 12 1 Verschluß des Füllansatzes für Wasserfahrten. a Leinen zum schliekßen des Füllansatzes. v Leine zum Oeffnen des Füllansatzes, C Relhieine d Ventilleine, ee Fuüllansatzleinen. und abschneiden müssen. schwimmwesten können nur selten helfen, wie der Untergang der russischen Offiziere im Juli 1907 und seitdem mancher anderer gezeigt hat. Auch ist es ebenso unzweckmäßig wie unsportmäßig, sein Luftschiff zu verlassen, so lange es überhaupt noch zu schwimmen vermag. Die Aussicht, von einem vorüberfahrenden schiffe erkannt zu werden, nimmt mit der Entfernung vom Ballon in demselben Maße ab, wie die Gefahr beim schwimmen mit der Dauer wächst. Verletzungen unbeteiligter Personen können im Bereich der Luftschiffahrt sehr leicht durch unxorsichtiges Auswerfen unerlaubten Ballastes oder das schleppseil herbeigeführt werden. Als Ballast darf deshalb nur Wasser oder gesiebter trockener sand benutzt werden, wo die klare Uebersicht auf die Einzelheiten der Erde ver⸗ schlossen ist. Unzulässig ist es ferner, nachts mit ausgelegtem schlepp— seil zu fahren. Bei 100 Meter Abstand setzt es auf die Erde auf und kann oft durch Ab- und Umreißen von Bäumen, schornsteinen, Dach⸗ ziegeln u. dergl. oder schon durch seine schwere und Geschwindigkeit Mensch und Tier in die größte Gefahr bringen, ohne daß die Insassen des Korbes bei der mangelnden Weitsicht davon etwas gewahr werden. Unfälle auf dem Gebiete der Luftschiffahrt find im allgemeinen selten. Ihre Anzahl betrug bei dem Berliner, dem größten deutschen 186 Der Arzt im Ballon Zerstörung des ersten Charles-Ballons durch Bauern 1783. Luftschiffer-Verein, im Jahre 1908 fünf. Wollte man diese Unfälle in ein Verhältnis zu den in diesem Jahre im Freiballon zurückgelegten Kilometern setzen, so würde der einzelne Luftschiffer dann von einem Unfall betroffen werden, wenn er 13 644 Kilometer der Erde im Ballon umfahren hätte, also etwa eine strecke von Berlin bis singapore. so selten werden die Unfälle aber nur dort bleiben, wo auf tadel⸗ loses Material und tüchtige Ausbildung des Führers der größte Wert gelegt wird. Das sind und bleiben auch auf dem Gebiete der Luft⸗ schiffahrt die besten Vorbeugungsmaßnahmen gegen alle Unfälle. 1 187 Eine Weltrekordfahrt. Von schaeck, Oberst im schweizerlschen Generalstab. Die Vorbereitungen zur Bennett ⸗ Wettfahrt 1908. Der start in schmargendorf bei Berlin. Fahrt nach süden und Drehung des Windes nach Westen. Auf die Nordsee hinaus. Drei Tage über den Wellen. Weitere Winddrehung nach Norden. Nebel und Wollen. Die Luftschiffersonne. In 4000 Meter Höhe. Endlich Land! Am schlepptau gefesselt. Landung und Rücklehr. ls ich den Plan faßte, an dem Gordon Bennett⸗Rennen der Lüfte A mit dem Ballon „Helvetia“ teilzunehmen, wußte ich, welch ein folgenschwerer Entschluß das war. Meine Erfahrungen für solche Dauerfahrten waren nicht groß, denn in der schweiz kann man wegen der Gebirge nicht weit gehen. Jedenfalls trat ich zu der Fahrt so gut vorbereitet wie nur irgend möglich an. Besonderen Wert legte ich auf die Beschaffenheit eines großen Korbes, der 15,60 Meter lang und 1,10 Meter breit war und bequemes Ruhen in der Nacht ermöglichte. Auch war das schlepptau, das wir, Oberleutnant Meßner und ich, auf der Fahrt mitnahmen, außergewöhnlich lang, um damit bequem das Gleichgewicht herstellen zu können. Die Füllung in schmargendorf ging dank der Hilfe geübter Offiziere und Mannschaften rasch vor sich, so daß wir schön aufsteigen konnten. Kurz vor unserem Ausstieg sahen wir, wie der Ballon „Con⸗ queror“ platzte und fiel, aber wir erfuhren auch noch, daß die Insassen selbst glücklich in Friedenau gelandet seien. Es war 4 Uhr nachmittags, als die „Helvetia“ in die Lüfte stieg und schnell hoch kam. Zunächst nahm die Orientierung unsere Auf⸗ merksamkeit in Anspruch. Wir stellten fest, daß wir in der Richtung nach südosten flogen und machten uns mit dem Gedanken vertraut, auf rtussischem Gebiet zu landen. Aber es kam anders, ganz anders. Unsere Geschwindigkeit war nicht groß, sie betrug etwa 40 Kilometer pro stunde. schwierig war es, den Ballon im Gleichgewicht zu halten. Infolgedessen mußten wir ihn bald fallen, bald steigen, bald wieder fallen lassen, und so fort. Unser Ballon nahm seine Fahrtrichtung nach südosten ein. Wir flogen über die Provinz sachsen, dann konstatierten wir, daß sich die Richtung geändert hatte. Der Wind ging erst eine Zeitlang nach süden und dann nach Westen. so wurden wir in eine Gegend getrieben, wo eigentlich nichts zu sehen war. Die vielen 186 Aufstieg von Oberst schaeck und Oberleutnant Meßner. Gordon Bennettfahrt 1908. Wir Luftschiffer Wälder, die nur spärlich vorhandenen Ortschaften brachten mich auf die Vermutung, es müßte die Gegend von Lübben sein, wo ich vor 17 Jahren an den Manövern teilzunehmen die Ehre hatte. Und in der Tat stellte sich meine Annahme als richtig heraus. Wir hatten uns für den ersten Fahrttag die Arbeit so eingeteilt, daß wir bis 10 Uhr abends zusammen unsere Beobachtungen machten. Dann habe ich bis 2 Uhr morgens geschlafen und meinen Gefährten darauf abgelöst. Der Ausblick wurde am Morgen durch Nebel sehr behindert. Immerhin war das landschaftliche Bild von unbeschreib⸗ lichem Reiz. Der Nebel war zeitweise so dicht, daß wir eigentlich nicht mehr wußten, wo wir waren. Wir fuhren nach Nordwesten. Das war unzweifelhaft. Wir hatten einen großen Fluß passiert. Das mußte die Elbe sein. Gegen 11 Uhr vormittags klärte sich das Wetter auf und der Nebel öffnete fich. Unter uns sahen wir einen großen Fluß und einen kleineren, der in ihn einmündete, eine Eisenbahnbrücke und eine große stadt: Magdeburg. Lange standen wir über der stadt, dann ging es über den sumpfigen Drömling. Hier fielen wir rasch, so daß wir viel Ballast auswerfen mußten. Gegen 5 Uhr abends waren wir über der Lüneburger Heide, über die wir am schlepptau flogen. Auf der Nordsee. Und weiter ging die Fahrt über Bremerhaven, über die Weser, den Jadebusen — auf das Meer zu. Können wir es wagen, über das Meer zu gehen? so fragten wir uns und berieten uns lange. schließlich einigten wir uns dahin: wir können es wagen, wenn die Verhältnisse sehr günstig sein sollten. Als wir in die Nähe der Nordsee kamen, hat Oberleutnant Meßner beschlossen, hinüber zu fahren. Ich selbst war den ganzen Tag wach geblieben und schlief gerade; als ich erwachte und fragte: „Wo sind wir?“, da antwortete mein Kamerad: „seit zwei stunden auf der Nordsee!“ Mein Gefährte hatte ganz recht daran getan und wußte, daß ich damit durchaus einverstanden sein würde. In fast völligem Gleichgewicht flogen wir in einer Höhe von zirka 700 Metern dahin, manchmal etwas tiefer, manchmal etwas höher. Die Richtung konnten wir genau konstatieren. Erst war es Nordwest, dann Nord. Nach dem Wellenschlag, den wir deutlich unter uns sahen und hörten, konnten wir die Richtung nicht bestimmen. Wir gingen bis an das schlepptau auf die Oberfläche herunter und konnten dann mit Hilfe des striches, den das Tau im Wasser zog, und des Kompasses genau die Richtung bestimmen. Unsere Geschwindigkeit war während der seefahrt sehr groß. Während der Nacht kamen wir aus dem Nebel überhaupt nicht heraus. Erst, als es wieder tagte, sahen wir ein stück 190 Eine Weltrekordfahrt Himmel und gewannen freien Ausblick. Nach Osten und Westen ließen uns große Ballen von Wolken Land vermuten. Nach Norden war die Aussicht frei. Unter Kälte hatten wir nicht zu leiden, denn die sonne hatte uns, nachdem sie den Nebel durchbrochen hatte, erwärmt. Erst am Nachmittag um 1 Uhr trat eine weitere Abkühlung ein und wir fielen nun langsam. Wir benutzten die Gelegenheit, um einige unnütze Dinge über Bord zu werfen. Vor allem lag uns daran, den sandvorrat zu schonen. Denn der war für uns am kostbarsten, weil wir ihn in kleinen und ganzen kleinen Mengen abgeben konnten. Einen Plan von 30 Kilo Gewicht hatten wir an Bord, um den Ballon nach der Landung zu ver⸗ packen. Er flog ins Meer, und wir stiegen in eine Höhe von 3700 Meter hinauf. Wir flogen nun scharf nach Norden. Da ich keine genauen Instrumente und Tabellen mit hatte, war ich darauf angewiesen, mit einfachen Hilfsmitteln zur Mittagszeit die sonnenhöhe zu bestimmen, die eine Breite von 67 Grad ergab. Die Methode, die ich bei dieser Berechnung anwandte, habe ich später in Bern kontrolliert und dabei nur Fehler von ein halb bis ein Grad festgestellt. Der dritte Tag. In der folgenden dritten Nacht hielten wir abwechselnd über den gleichmäßig unter uns rauschenden Wellen Wache. Zwischen 1 und 2 Uhr morgens bis sonnenaufgang übernahm ich die Wache. Eine Zeitlang machten wir, indes der Ballon wieder zu steigen begann, gemeinsame Beobachtungen, dann ruhten wir beide gleichzeitig, da jetzt nichis geschehen konnte. Ausruhen aber mußten wir uns, denn welche Anforderungen an Kraft und Ausdauer noch an uns herantreten würden, konnten wir nicht wissen. Mußten wir doch auf alles gefaßt sein! Wir konnten ins Meer fallen, oder an einer stelle landen, wo wir lange und anstrengende Märsche würden machen müssen. Darum hielt ich ferner auch darauf, daß wir von unserem reichlichen Proviant gut aßen, und in der Tat hat keiner von uns Ermüdung gespürt. Trotz⸗ dem aber geschah es, daß wir so an allerlei dachten, woran man sonst nicht denkt: an den Zweck des Lebens, an die Zukunft, die etwas bedroht zu sein schien — — Am Abend kamen wir wieder in eine Nebelschicht, die 600 bis 700 Meter dick sein mochte. Wir ließen den Ballon fallen, bis das schlepptau auf 30 bis 40 Meter Länge im Wasser war. Der Ballon näherte sich allmählich den Wellen. Der Korb durfte nicht ins Wasser fallen. Es gelang uns, dies zu vermeiden. Der Nebel verband die Wolken wie Täler und Höhen, und einmal kamen wir an den Rand 191 Wir Luftschiffer einer solchen Höhe. Da sahen wir den schatten unseres Ballons, deutlich, mit allen Details und im Kreise umgeben von den frischen Farben des spektrums. Die von unten heraufsströmende Wärme des Meeres hatte zur Folge, daß fich auch das Gas unseres Ballons erwärmte und wir wieder hoch und außerhalb der Nebelschichten kamen, so daß wir endlich einmal den sternenhimmel sehen konnten. Freilich bei der bald darauf eintretenden Abkühlung sank der Ballon wieder tiefer, und wieder schwammen wir, wenn auch im Gleichgewicht, so doch im Nebel, bis der neue. vierte Tag anbrach und die sonne wieder zum Vorschein kam. Da ging es nun wieder hinauf und bald waren wir 4000 Meter hoch. Endlich Landl Unsere situation hatte fich noch immer nicht geändert. Wir sahen Himmel und Nebel und hörten den Wellenschlag. 10 Uhr vormittags war's. Da sahen wir in weiter Ferne etwas, was uns lebhaft inter⸗ essierte: Land? schon mehrere Male hatten wir uns getäuscht. Bald hatten wir geglaubt, Glockenläuten zu hören, bald Küstengebirge zu erkennen, und nachher war es nur Gebilde des Nebels. Nun beobachteten wir gemeinsam und erkannten: es ist wirklich Land! Freilich war es weit von uns entfernt, mindestens 50 Kilometer, und wir selbst wurden abseits getrieben, aber es war bald genug deutlich zu sehen und wir reichten uns stumm die Hände! ... Wo es hinging, konnten wir nicht genau wissen, ob nach der norwegischen Küste oder an die westliche Küste von schottland. 5300 Meter Höhe zeigten unsere Apparate an. Wir bemühten uns, auf ein niedrigeres Niveau zu kommen, und plötzlich sahen wir ein schiff. Es kam von der Küste her und fuhr parallel mit uns. Wir riefen hin⸗ unter. Keine Antwort. Nun ließen wir den Ballon noch weiter fallen, bis ein Teil des schlepptaues fich wieder aufs Wasser legte. Dabei bemerkten wir, daß das Tau nicht hinter uns blieb, sondern durch die strömung seitlich bis senkrecht zur Fahrtrichtung getrieben wurde. so kamen wir dem schiffe näher. Wit baten die schiffsleute, uns ein stück zu begleiten. Auf unsere Anrufe, die wir ihnen in vier ver⸗ schiedenen sprachen gaben, hörten sie nicht. sie faßten das schlepptau und — banden es fest. Damit war unsere Fahrt eigentlich zu Ende. Auch auf unsere Frage, wo wir waren, gab man uns merkwürdigerweise keine Antwort. Die schiffer waren der Meinung, wir hätten die Not⸗ flagge gehißt. Das war nicht der Fall, und außerdem hatten wir eine solche gar nicht. Möglicherweise haben sie die schweizerische Flagge für eine Notflagge gehalten, was nicht verwunderlich ist, da die schweiz ihre Flagge bisher auf der Nordsee noch nicht gezeigt hat. Unser 192 Eine Weltrekordfahrt schlepptau sog kolossal viel Wasser ein. Fünf Wochen nach der Fahrt habe ich es wiegen lassen, da wog es statt ursprünglich 60 immer noch 95 Kilo. Das Wasser spritzte in den Ballon herein, und ich sprang deshalb auf das schiff hinüber. Nach zweistündiger schleppfahrt wurden wir in Burgset bei Molde an Land gebracht, die Reißleine wurde gezogen und der Ballon entleert. Wir waren 73 stunden in der Luft gewesen, viele stunden länger als je ein Freiballon zuvor. Es war eine Weltrekord⸗Dauerfahrt, und wir gewannen den Bennett⸗ Cup für unser Land. Wir selbst blieben in Burgset über Nacht. Am folgenden Tage fuhren wir über Christiansund, Drontheim nach Kopenhagen, wo wir überall sehr herzlich von den deutschen Konsuln empfangen wurden. Und dann reisten wir nach unserm startort Berlin zurück. Wider Willen am schleppseil eingebracht. air Lufischiffer 183 13, Im Fluge durch die Jahrhunderte. Ein historisches Kapitel von Dr. Hans Donalies. Die Vorläufer der Luftschiffahrt. Die frühesten Flugversuche. sage und Geschichte. Leonardo da Vinci als Flugtechniler. Lanas Lufttkugeln. Chinesische Papierballons. Die Exverimente von Gsuszmao und Cavallo. Die Gebrüder Montgolfier. Der Charles-⸗Ballon. Die ersten Luftreisen. Blanchard. Lentwersuche. Das Meusniersche Projett des ersten Dirigeable. Die Ballons von Giffard, Tupuis de Lome, Tissandier. Die ersten deutschen Lentbaren. Die Erfolge der La France). An der schwelle der Neuzeit. er sich für Luftschiffahrt interessiert, für das was ist, fragt W auch nach dem, was auf diesem Gebiete war. Die Geschichte — der Ballonschiffahrt ist wenig über hundert Jahre alt. Ihre Vorgeschichte geht bis ins Dunkel der sage zurück. Die luftschifferischen Ideen lagen der menschlichen spekulation von Anbeginn nahe. sie drängten sich ihr aus der Umwelt auf. schon unsere ältesten Vorfahren, die mit dem Vollrad über Land, mit dem Einbaum über Wasser fuhren, dürften es als eine sonderbare Fügung betrachtet haben, daß dem Menschen das dritte und größte Weltreich, das unermeßliche Gebiet der Luft ganz verschlossen sein sollte. Mit schmerzlichem Wundern mag der homo sapiens an niedriger stehenden Geschöpfen, an Insekten und Vögeln, die Fähigkeit des Fliegens be⸗ merkt haben, und was lag näher, als daß er mit dieser köstlichen Fähigkeit, sie zur absoluten Bewegungsfreiheit steigernd, auch die 194 Im Fluge durch die Jahrhunderte Wieland der schmied beim Verfertigen seiner künstlichen Flügel. Nach einem Gemalde von M. v. schwind in der schach. Galerie zu Manchen. Phot. Unlon. Wesen der unsichtbaren Welt, die Gestalten seiner religiösen Fantasie wie mit etwas selbstverständlichem begabte. Den ganzen heidnischen und christlichen Himmel müßte man entvölkern, wollte man alle Götter und Halbgötter, alle Engel und Geister aufzählen, die sich dort nach der Vorstellung der Gläubigen mit Hilfe von Wolken, Flügeln oder geflügelten Tieren, mit flatternden Gewändern oder auch ohne jedes äußere Fliegeattribut beliebig be⸗ wegten. Aber schon sehr alte sagen des Zentavest, des Talmud, der Edda, der persischen Hezar efsane, des Kerns der späteren arabischen Märchen von 1001 Nacht, wissen daneben auch von Menschen zu be⸗ richten, die das Bestreben zeigten, es den Ueberirdischen oder wenigstens 195 13 Wir Luftschiffer den Vögeln gleichzutun. Der fliegende Hanouman gehört dem indischen, der in den Wolken wandelnde Hic Tse dem altchinesischen, Wieland der schmied dem nordischen, Daedalus dem griechisch⸗römischen sagenkreis an. Ja, es scheint kein Volk zu geben, das nicht aus Ehrfurcht seine Götter, aus Furcht seine Dämonen, Zauberer und Hexen, aus poetischer Fabulierkunst diesen oder jenen gewöhnlichen sterblichen mit der Gabe des Fliegens ausstattete. Der gelehrte italienische Arzt und Naturwissenschaftler Borelli wies im 17. Jahrhundert, später der Engländer Pettigrew und zuletzt der Deutsche Helmholtz darauf hin, daß es nicht möglich ist, mit einem Paar allein von menschlicher Muskelkraft bewegten Flügeln einen freien Flug zu erzielen. Aber diese physische Unzulänglichkeit hat bis in die neuesten Zeiten die Menschen nicht davon abgehalten, immer wieder Versuche mit Flügelvorrichtungen zu unternehmen. Weshalb sollen daher nicht auch Wieland und Daedalus, deren außerordentliche Kunstfertigkeit in mechanischen Dingen ganz besonders betont wird, oder andere Vertreter jener Epochen etwas Aehnliches tatsächlich ver⸗ sucht haben, was jenen beiden die sage andichtet, um sich aus unerträg⸗ licher Tyrannei zu befreien. „Mögen Erde und Wasser verschlossen sein, das Luftreich steht offen!“ so spricht Daedalus, der Künstler und Erbauer des Labyrinths, bei Ovid zu seinem sohn Ikarus, als König Minos von Kreta sie nicht wieder ziehen lassen will. Der große seeadler, einer der kühnsten Wolkensegler, ist für Daedalus wie für Wieland das Vorbild zur Verfertigung der künstlichen Flügel. Hier wie dort gelingt die Flucht, doch scheint der kritischere römische Dichter durch den Todessturz des allzu keck zur sonne auffliegenden Ikarus zugleich den noch heute giltigen Grundsatz andeuten zu wollen, daß es der Kunst des Menschen wohl vergönnt ist, gleich den Unsterblichen dahinzuschweben, daß aber das Luftreich doch nur innerhalb gewisser Grenzen „offen steht“, die nicht ohne Gefahr und Tod überschritten werden. Modern gesprochen kann man Ikarus als das erste Opfer des dynamischen Fluges ansehen, den Magier simon, der zur Zeit Neros einen Apparat konstruierte, welchen sankt Peter während eines Fluges als Teufelswerk zerstört haben soll, als das zweite, den sarazenen, der vor dem Kaiser Michael Comnenus zu Konstantinopel sich bei einem Flugversuch alle Glieder brach, als das dritte Opfer. Der englische Benediktiner Olivier von Malmesbury, der italienische Mathematiker Giovanni Battista Dante, der franzöfische seiltänzer Allard, Besnier 196 Im Fluge durch die Jahrhunderte der schlosser, der deutsche Müller schweikart, der Marquis de Bacque⸗ ville, der 1742 in Paris mit zwei „veritabeln Engelsflügeln“ über die seine zu fliegen versuchte, der Abbe Des Forges und viele andere gehören in diese im ganzen recht wenig glückliche Reihe der Flügel⸗ flieger mit Antrieb durch die eigene Muskelkraft. Wieviel auf diesem unfruchtbaren Gebiet herumexperimentiert wurde, zeigt das Buch eines gelehrten Gärtners namens Agricola, der (1717) an die ganze Fliegerei nicht recht glauben will und nach einem Zitat in den Illustrierten Aeronautischen Mitteilungen, Juliheft 1908, also sich ausläßt: „sonderlich will man von dem bekannten Hautsch in Nürnberg viel reden, der ein instrument erfunden, womit er durch die Lufft hat fliegen wollen. Inzwischen aber war dieses das beste, das anstatt 17 2 Luftfahrt Alexanders des Großen. Illultratlon aus elner französtschen Handschrift von 1*20. 197 Wir Luftschiffer skizzen Leonardo da Vincis zu einem Flugapparat. fliegen Lügen heraus kam. Und ist es eben so gut, daß es nicht geglückt ist. Dann wie wollte man die bösen Buben erwischen? sie flögen alle über die stadtmauern .. . Inzwischen wolln doch einige scribenten affirmieren, daß solche fliegende Kunst ein schuster wahr⸗ haftig in Augspurg praestiret habe und gewaltig mit seinem schuster⸗ Leist herumgeflattert sein soll. so wollen auch andere behaupten, daß in Haag sich einer mit seinen gemachten Fittigen sehr mauficht in der Luft soll gemacht haben ...“ Grafen und schuster, Techniker und Laien, Geistliche und Welt⸗ kinder beschäftigten sich also mit praltischen Fliegeversuchen, und die Zahl der Theoretiker. zu denen man in gewissem sinne auch die Ver⸗ fasser phantaftischer Luftromane, wie den spanier Gonzales, die Fran⸗ zosen Rétif de la Bretonne und Cyrano de Bergerac, die Engländer P. Wilkins und swist, Jules Verne und Marc Twain rechnen kann, war unter den Gebildeten aller Zeiten, unter Philosophen, Mathe⸗ matikern, Phyfsikern nicht minder groß. Eine sonderstellung nimmt unter Praktikern und Theoretikern Leonardo da Vinci ein, der als Ingenieur und Mechaniker zum mindesten ebenso bedeutend war wie als Maler des Heiligen Abend⸗ mahls. Wie seine hinterlassenen Handschriften und Handzeichnungen 198 Im Fluge durch die Jahrhunderte beweisen, befaßte er sich mit dem Problem der Luftschiffahrt außer⸗ ordentlich eingehend. Eine ganze Reihe seiner skizzen nebst den dazu⸗ gehörigen, in spiegelschrift geschriebenen Randbemerkungen bezieht sich auf einen Flugapparat, bei welchem der Lenker in schräg horizontaler stellung mit Armen und Beinen zwei fledermausartige, genial kon⸗ struierte Flügel und ein schwanzsteuer in Bewegung setzen sollte. Der Künstler scheint aber selbst in dem Flügelapparat nicht das alleinige Mittel gesehen zu haben, der Luft ihr Tragegeheimnis zu entreißen. Denn einerseits muß er als theoretischer Erfinder des Fallschirms angesehen werden, den sein Landsmann Fauste de Veranzio vor 1617 zu Venedig zum erstenmal praktisch erprobt zu haben scheint, und andererseits ist Leonardo auch der erste, der an eine Hub⸗Luftschraube als Bewegungsmittel gedacht hat, eine solche zeichnete und deren Wirkung erörterte. Endlich aber haben spezialforscher wie Grothe festgestellt, daß Leonardo auch aerostatische Experimente ausführte, die für den großen und vielseitigen Mann zwar nichts mehr als technische spielereien waren, auf die aber mit allem Nachdruck hingewiesen werden muß. Grothe berichtet auf Grund des von ihm eingesehenen Hand⸗ schriftenmaterials, daß Leonardo, 1514 von Leo X., dem Lutherpapst, nach Rom berufen, im Anblick der dortigen herrlichen Arbeiten von Raphael und Michel Angelo monatelang nicht den Mut fand, mit den eigenen ihm aufgetragenen Arbeiten zu beginnen. Und in dieser Pause seines künstlerischen schaffens griff Leonardo, wie er das zu Der fliegende Daedalus. Relief am Campanile des Florentiner Doms. 199 Wir Luftschiffer tun pflegte, auf seine physilalischen und flugtechnischen Versuche zurück und verfertigte eine Anzahl tierischer und menschlicher Figuren aus Wachs oder wohl richtiger aus wachsgedichtetem Zeug, die er mit heißer Luft füllte und zu seinem und seiner Freunde Vergnügen hoch⸗ steigen ließ. Auch D. s. Mereschkowski geht in seinem interessanten biographischen Roman „Leonardo da Vinci“ (Leipzig 1903) auf Grund des Auellenmaterials auf diese genialen spielereien ein. sind die Berichte zutreffend, so hätten wir hier, fast 300 Jahre vor der Montgolfiere, die ersten europäischen Versuche mit Heißluft⸗ körpern, und es fragt sich, ob nach dem Wissen der damaligen Zeit ein solches Experiment sozusagen auf der Hand lag oder als Zufalls⸗ produkt einer außerordentlichen Künstlerlaune anzusehen ist. Die Kenntnis, daß Feuer die Luft verdünnt und dadurch eine hebende Wirkung auf leichte Körper ausübt, scheint älter zu sein als man denkt. Am Rauch ihrer Lagerfeuer haben schon die primitivsten Völker diese Wirkung beobachten können. Das Feuer und der Rauch des Opferherds war im ganzen Altertum das vornehmlichste Mittel, durch das die Menschen mit den Ueberirdischen in Verbindung iraten. Der Rauch trägt ihre Wünsche und Gebete empor, und schlägt er nieder, so find Opfer und Opferer, wie es in der Bibel heißt, „von Gott nicht gnädiglich angesehen“. Bemerkenswert ist eine sage bei den Wilden der Karolineninseln, unsern ozeanischen Reichsbrüdern, wonach einer ihrer Altvordern, als er die göttliche Abstammung seines Geschlechts erfuhr, von einer solchen sehnsucht nach seinem himmlischen Vater ergriffen wurde, daß er nach einem mißglückten Versuch, der ihn nur wenig hochbrachte, fich ein großes Feuer anzündete und mittels des Rauches dann ganz zu ihm auffuhr. Auch der Umstand, daß ein kleinasiatischer stamm zur Griechen⸗ zeit Kapnobaten, d. h. Rauchgänger, genannt wurde, weil seine Angehörigen die Kunst besessen haben sollen, mit Hilfe des Rauches in der Luft herum zu spazieren, läßt ebenso wie die Karolinen⸗ sage jedenfalls den schluß zu, daß die hebende Rauchwirkung weder bei Griechen noch bei Barbaren unbekannt war. sichern historischen Boden betreten wir mit den Berichten über die hölzerne Taube des Archytas von Tarent, die dieser um 360 v. Chr. lebende Pythagoreer mit einer „aura spiritus inclusa atque occulta“ zum Fliegen gebracht haben soll. Ist es auch angesichts des schweren Holzmaterials wahr⸗ scheinlicher, daß die Archytastaube ein rein mechanisches Kunstwerk gewesen ist. wie es ähnlich in späteren Jahrhunderten mehrfach von Regiomontanus, Pichoncourt usw. zustande gebracht wurde, so beweisen die von Favorinus, Aulus Gellius und andern gegebenen 200 Im Fluge durch die Jahrhunderte Einzelheiten doch so viel, daß die bewegende und hebende Kraft einer gewissen Luftart, die nach dem damaligen Kenntnisstand nur die erwärmte Luft sein konnte, nichts an sich Erstaunliches hatte. Im Mittelalter waren die Mönche die Träger der wissenschaft⸗ lichen Kultur. Ein solcher, Albert von sachsen, sagt in einem seiner vielen, um die Mitte des 14. Jahrhunderts geschriebenen Werke mit vollkommen richtiger physikalischet Anschauung, daß der Rauch, weil er warm ist, viel leichter wird als die Luft und infolge der durch das Feuer bewirkten Verdünnung der Luft darin aufsteigt. Der gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts lebende englische Gelehrte scaliger —— —— 36 Hono För AMs. — — — 22 — Der Fallschirm nach Fauste de Veranzio. 201 Wir Luftschiffer schlug in einer streitschrift vor, sich zur Nachahmung einer — durch . Warmluft bewegten — Archytas⸗ taube der zarten Haut zu bedienen, welche die Goldschläger bei ihren Arbeiten verwenden, und der gelehrte Pater Laure meinte, wenn man einen solchen künstlichen Vogel in ansehnlicher Größe haben wolle, müsse man gut vernähte säcke aus dünnen Häutchen anfertigen, und um sie zum steigen zu bringen, die Luft in ihnen unmittelbar durch Feuer verdünnen. In älteren Zeiten, insbesondere aber auch in den Jahrhunderten vor und nach Leonardo da Vinci war also die Hebekraft feuerverdünnter Luft bekannt, und die schwierigkeit bestand nur darin, geeignete Hüllen für das Einfangen solcher Heiß⸗ oder Rauchluft zu finden. Für das Genie Leonardos gab es offenbar auch diese schwierigkeit nicht, er fand in einer leichten, gewachsten Tuchart das, was er brauchte, und auch scaligers Hinweis auf die Goldschläger⸗ haut deutete einen durchaus brauchbaren Weg an, da diese zarte und kostbare Haut noch heute im Ballonwesen eine große Rolle spielt. Die Auffindung des nach ihm benannten Vacuums, der wissen⸗ schaftlichen Grundlage unseres heutigen Barometers, durch Evangelista Toricelli 1644 zu Florenz, und die Erfindung der Luftpumpe, 1654 durch den kurbrandenburgischen Rat und Bürgermeister von Magde⸗ burg, Otto von Guericke, gaben der luftschifferischen spekulation eine Zeitlang andere Bahnen. Der gelehrte Jesuit Francisco de Lana veröffentlichte 1670 zu Brescia eine schrift, in der er die Möglichkeit darzulegen suchte, eine Barke mit Hilfe von luftleeren Kugeln aus dünnem Metallblech in die Luft zu bringen und mit segel und Ruder darin zu steuern. Auf Grund des Euklidischen Lehrsatzes, daß die Oberfläche einer Kugel in doppeltem, ihr Inhalt in dreifachem Verhältnis zu ihrem Durchmesser wächst und auf Grund des statischen Prinzips des Archi⸗ medes, wonach ein spezifisch leichterer Körper in einem schwereren, falls dieser flüssig ist, auffteigt, berechnete Lana, daß seine luftleeren 202 Im Fluge durch die Jahrhunderte Kugeln bei einem Durchmesser von 24 Fuß imstande sein würden, zwei bis drei Menschen in die Höhe zu heben. Vier solcher Kugeln sollten seine Barke tragen — die Abbildung gibt deren Dimensionen viel zu klein an — und seine Ausführungen find so klar und über⸗ zeugend, daß viele Gelehrte, namentlich auch in Deutschland, seine Ideen übernahmen. Lana selbst hatte bedauert, daß seine geistliche Armut es ihm nicht gestatte, einhundert Taler auf die Ausführung seines Projektes zu verwenden, und einer seiner Nachbeter, der Deutsche Happelius, schließt seine zu Hamburg 1686 erschienenen Relationes curiosae mit dem Wunsch: „Ein großer Herr spendiere darauf und sehe zu, ob es nicht angehen wird.“ Aber bis heute hat weder ein großer noch ein kleiner Herr es versucht, die großen Lanaschen Vacuumkugeln in die Wirklichkeit umzusetzen, und die modernen Wissenschaftler leugnen überhaupt die Möglichkeit eines solchen Beginnens, da der Luftdruck, der mit der Kleinigkeit von 106330 Kilo auf jedem Quadratmeter Fläche lastet, die dünnen Kugelwände bei den ersten Zügen der Luftpumpe einfach zerknicken würde. Wie dem auch sei, es kann nicht geleugnet werden, daß der Lanasche Weg für die Entwicklung einer praktischen Luftschiffahrt nicht viel mehr als eine gelehrte sackgasse bedeutete, während die Kenntnis von der Hebekraft der feuerverdünnten Luft die direkte Richtung aufs Ziel wies. Aber war dieses Ziel nicht schon längst erreicht? Nicht in Europa, sondern in Asien, weit hinten im äußersten Osten, wo ein altes Kultur⸗ volk saß, Meister der Papierfabrikation und der Technik, auf die man fast immer stößt, wenn man der Vorgeschichte unserer Erfindungen nachspürt? Nach einem Bericht des franzöfsischen Missionars Vassou aus dem Jahre 1694 haben die Chinesen schon 1306 bei den Festlich⸗ keiten zur Feier der Thronbesteigung des Kaisers Fo⸗Kien einen Ballon steigen lassen. Vassou versichert, daß er das auf Grund offizieller Attenstücke berichtet, doch werden seine Angaben wohl so lange mit Grund oder Nichtgrund angezweifelt werden, bis eine Nachprüfung durch einen neuzeitlichen Geschichtsforscher erfolgt ist. Bei der Er⸗ findung des Drachens, des bekannten Kinderspielzeugs, mit dem Archytas von Tarent vor der Konstruktion seiner fliegenden Taube die Jugend seiner Vaterstadt erfreut haben soll und das heute, hauptsächlich durch Benjamin Franklin und andere Amerikaner, durch russische und deutsche Offiziere und Gelehrte zu einem wertvollen meteorologischen und militärtechnischen Hilfsmittel ausgebildet ist, kann die Rolle der 203 Wir Luftschiffer 1 Die phantastische Flugmaschine des portugiesischen Paters Bartelemy Lauren o. Chinesen jedenfalls nicht übersehen werden. sie verwandten den Papierdrachen zum signalisieren schon im zweiten Jahrhundert v. Chr. bei kriegerischen Operationen. Im Jahre 1736 stoßen wir endlich auf den ersten öffentlichen Heißluft⸗Ballonversuch. Der Vorgang ist nicht in allen Einzelheiten klargestellt, aber es kann nach den vorgängigen Experimenten Leonardos und den einschlägigen schriften des Mittelalters nicht überraschen, daß ein Fachmann, ein Physiker aus vornehmer Familie, der Portugiese de Guzmao, zu Lissabon einen Versuch mit einem Heißluftballon unternahm. Nach der am zuverlässigsten er⸗ scheinenden Quelle, den Recherches sur l'art de voler“ von Bourgeois, Paris 1784, bestand der Ballon aus einem mit Papier überzogenen länglichen Geflecht aus leichten Weidenruten und maß sieben bis acht Fuß im Durchmesser. Die treibende Krast war nach andern Quellen ein Feuer, das der Erfinder unter dem Ballon selbst erzeugte. Das Experiment soll so weit geglückt sein, daß der Ballon sich — wieder nach den Recherchen von Bourgeois — bis zur Höhe des Lissaboner Turms, etwa 200 Fuß erhob, um dann langsam zu fallen. Wie es nach einem Bericht des Portugiesen Feirreira scheint, machte Guzmao schon 1709 die ersten derartigen Versuche. selbst mit aufgestiegen ist er niemals. Die an sich durchaus wahrscheinlichen Vorgänge sind dadurch stark verwirrt worden, daß schon die Zeitgenossen den gelehrten Physiker mit dem ungefähr gleichzeitig mit einem verdrehten Luftschiff⸗ projekt hervorgetretenen Charlatan, dem Pater Bartelemy Laurengo vielfach verwechselten. Darauf weist der franzöfische Historiker Turgan 204 Joseph Montgolfier. Nach einem zeitgenössischen Gemälde von Boissteu. Wir Luftschiffer und sein deutscher Uebersetzer, Freiherr von Biedenfeld, hin, Tissandier wirft den Physiker aber wieder mit dem Pater in einen Topf, bis Lecornu die scheidung aufs Neue vornimmt. Der letztgenannte Praktiker und Historiker ist der Ansicht, Lauren go sei ein halber Erfolg mit seiner „wunderlichen Maschine, die hundertmal weniger vernünftig war als die fantastischen Projekte des Cyrano de Bergerac“ 1709 geglückt, während Guzmao 1736 ein Experi⸗ ment ausführte, dessen Details wir nicht kennen und über das sich der Bruder des Physikers später mit einem Bekannten nur scherzend unter⸗ hielt. Lecornu vergißt hinzuzusetzen, daß dies nach Bourgeois deshalb geschah, weil man das Experiment „einem Hexenmeister zuschrieb“, und er übersieht auch vollkommen, daß die Quellen für Lauren go weder einen halben noch überhaupt einen Flugversuch bezeugen. Wer das erhaltene Projekt der kuriosen Lauren goschen Maschine ansteht, wird das auch auf den ersten Blick verständlich finden. Lediglich durch die vage Behauptung, eine Maschine erfunden zu haben, mit der man „ebenso durch die Luft reisen kann wie auf der Erde und dem Wasser“ und durch die eindringliche Vorstellung aller Vorteile, die dem König daraus erwachsen würden, wenn er dem Erfinder gewissermaßen ein staatsmonopol auf die Konstruktion solcher Maschinen erteilen würde, hat es Laurengo unter Befür⸗ wortung durch den Rat erreicht, daß ihm König Don Juan V. nicht nur das erbetene Monopol bewilligte, sondern ihm auch eine ansehn⸗ liche Pension und die erste Professur der Mathematik an der Universität Coimbra in Ausficht stellte — „faisant les effets qu'il dit'. Dieses königliche Dekret datiert vom 17. April 1709. Es verspricht Professor Charles. 206 Im Fluge durch die Jahrhunderte dem Pater mehr, als der König je zu erfüllen brauchte. Denn mit seiner sonderbaren Vogel⸗Maschine, die durch Windröhren und Flügel betätigt werden sollte und bei der auch magnetopathischen Geheim—⸗ dingen wie Ambrastücken, Liebessteinen usw. eine Rolle zugedacht war, erreichte er keinen praktischen Effekt, und noch im August des gleichen Jahres 1709 fanden die ersten von Feirreira bezeugten „Globe“ Experimente Guzmaos in einem saal oder in einem Hof des Königs⸗ palastes statt. Erstmaliges Füllen eines Ballons mit Wasserstoffgas durch Charles und die Brüder Robert 1783. 207 Wir Luftschiffer Ein spanischer satiriker, Th. Brando, singt (nach Tissandier) im Jahre 1732 von dem fliegenden Menschen Guzmao, der zum Be⸗ dauern vieler Familien entflog, da er zur Verfertigung seinet Flügel so manche Leute gerupft hatte. Hier ist die Verwirrung bereits im schönsten Gange. Laurengo, nicht Guzmao, hatte einen Flügelapparat konstruiert, während es richtig ist, daß dieser, nicht jener, einen Flug⸗ erfolg erzielte. Die Verwirrung ging weiter, bis der Don Bartolomeo Laurengo de Guzmao fertig war, dem die über ihren Montgolfiers als Erfindern des Luftballons eifersüchtig wachenden Franzosen am liebsten gar nichts glauben möchten. Die Guzmao⸗Episode mag einige Widersprüche enthalten, die der genauen Nachprüfung bedürfen, aber es ist zum mindesten an der Tat⸗ sache eines 1736 zu Lissabon bewirkten Aufstiegs eines länglichen Heißluftballons aus papierüberklebtem Weidengeflecht nicht im ge⸗ ringsten zu zweifeln. sie wird für den geschickten Physfiker de Guzmao (oder Guzman), der durch den Beinamen O voador, d. h. Flugbewirker, von seinen Brüdern, einem vertrauten Granden des Königs und einem berühmten Kanzelredner, unterschieden wurde, schon allein durch die vorsichtigen Angaben von Bourgeois einwandsfrei belegt, die dieser in seinen „Recherches“ nach Mitteilungen aufzeichnete, welche ihm von einem „angesehenen Augenzeugen“ des Lissaboner Vorganges persönlich gemacht worden waren. Eine neue Möglichkeit der Entwicklung erhielten die luftschiffe⸗ rischen Bestrebungen durch die Entdeckung des Wasserstoffgases, die dem Engländer Cavendish 1766 glückte. Es ist das leichteste existierende Gas und 14mal leichter als gewöhnliche Luft, zu der sich erwärmte Luft nur etwa wie 1: 2 verhält. Die neue Entdeckung gab Anlaß zu vielen Experimenten in den Laboratorien. Der englische Theologe und Phyfiker Joseph Priestley edierte 1774— 77 in London ein drei⸗ bändiges Werk „Experiments and observations on different kinds of air', in dem er auch das Wasserstoffgas eingehend behandelte und das alsbald ins Französische, 1780 ins Deutsche übersetzt wurde, auch schon 1781 in England eine zweite Auflage benötigte. Der Engländer Dr. Black erörterte in seinen Edinburger Vorlesungen die Möglichkeit, das neue Gas zum Aufsteigen von leichten Blasen in die Luft zu ver⸗ wenden und beanspruchte später die Priorität der Ballon⸗Erfindung. Mehr Anspruch darauf würde der Physiker Tiberio Cavallo haben, der in England Anfang der achtziger Jahre derartige Wasserstoffgas⸗ Experimente praktisch vornahm. 208 Der Versailler Aufstieg einet Montgolfiere mit einem Korb als Anhänger, in dem sich Tiere befanden. Wir Luftschiffer 14 Wir Luftschiffer Er berichtet darüber in einer der königlichen Akademie zu London am 20. Juni 1782 präsentierten schrift, die unser größtes Interesse herausfordert. Er sagt darin: „Es handelte sich darum, ein Luftschiff oder eine Att Hülle zu kon⸗ struieren, die mit Wasserstoffgas gefüllt viel leichter als das gleiche Quantum gewöhnlicher Luft sein und infolgedessen ãhnlich wie Rauch in der Atmosphäre hochsteigen würde, denn man wußte genau, daß Wasserstoffgas spezifisch viel leichter als Luft ist. . . . Ich versuchte es mit den feinsten und größten Tier⸗ blasen, die ich mir besorgen konnte. Einige davon wurden mit großer sorg⸗ falt gereinigt, alle überflüssigen Häutchen von ihnen entfernt, ebenso die andern Materien soweit wie möglich beseitigt; aber trotz allen Vorbedachts fand es sich, daß die leichteste und größte dieser präparierten Blasen, als sie gewogen und die Berechnung angestellt wurde, mit Wasserstoff gefüllt noch mindestens 10 Gramm schwerer sein würde, als das gleiche Volumen gewöhn⸗ licher Luft, und infolgedessen fallen mußte, statt zu steigen. Wir fanden ebenso, daß die Blasen, welche die Fische zum schwimmen benutzen, zu schwer waren. Es wollte mir auch niemals gelingen, eine leichte und haltbare Kugel herzustellen, indem ich Wasserstoffgas in eine dicke Lösung von Gummi, dicken Lack oder Oelfarben hineinblies. Es waren schließlich die mit Wasser⸗ stoff gefüllten seifenblasen die alleinigen derartigen Dinge, die sich in die Luft erhoben; aber da sie leicht platzen und man sie nicht handhaben kann, erscheinen sie für phyfikalische Experimente ungeeignet. . . . Bei den ver⸗ schiedenen Versuchen .. verwendete ich auch apier ... besorgte mir sehr gutes chinesisches Papier und stellte sein Gewicht fest. Der Berechnung gemäß gab ich der Hülle eine zylindrische Form mit kurzen kugeligen Enden, und machte sie so groß, daß sie, mit Wasserstoff gefüllt, wenigstens 26 Gramm leichter als das gleiche Quantum gewöhnlicher Luft sein und daher wie Rauch in dieser aufsteigen mußte. Nachdem ich diese Papiermaschine mit gewöhn⸗ licher Luft erprobt hatte, tat ich in eine große Flasche Vitriolsãure, mit Wasser ver⸗ dünnt, und Eisenspäne, um dadurch Wasser⸗ stoffgas zu erhalten. Dies mußte im Augen⸗ blick seiner Entwicklung die Hülle anfüllen, die über der Flasche angebracht und mit ihr durch eine Glasröhre in Verbindung ge⸗ setzt war. Die gewöhnliche Luft hatte man aus der Papiermaschine durch Zusammen⸗ drücken entfernt, aber ich war sehr erstaunt, zu bemerken, daß trotz der rapiden Entwichk⸗ lung des Wasserstoffgases die Maschine sich durchaus nicht füllte, und daß das Gas andererseits einen sehr starken Geruch im Zimmer verbreitete.. . Der Wasserstoff — ging durch die Poren des Papiers hindurch Marquis d Arlande. wie Wasser durch ein sieb.“ 210 Im Fluge durch die Jahrhunderte M. Broussonet, der den Experimenten Cavallos beiwohnte, schrieb darüber später an M. Faujas de saint⸗Fond, der ein Buch über die ersten aerostatischen Versuche in Paris herausgab, einen Brief aus London, in welchem er alle diese Experimente bestätigt und hinzusetzt: „Er (Cavallo) war sodann von einem Erfolge überzeugt, wenn er einen sack von der Hautart verfertigte, deren sich die Goldschlãger bedienen, und die Häute aneinander leimte; ich denke aber nicht, daß er das Projekt jemals ausgeführt hat.“ Kann es nun nach den voraufgegangenen Versuchen Guzmaos und Cavallos sonderlich in Erstaunen setzen, daß im Jahre 1783 die Erfindung des Heißluft⸗ wie des Wasserstoffballons auf französischem Boden endgültig gelang? Ich glaube nicht. Beides konnte nur noch eine Frage kurzer Zeit sein. Und als müsse die geschichtliche Ent⸗ wicklung eingehalten werden, kam zuerst der Heißluft⸗, dann der Wasser⸗ stoffballon an die Reihe. Zwar hatten die Gebrüder Montgolfier, söhne eines wohl⸗ habenden Papierfabrikanten zu Annonay und mit Phyfik und Mathe⸗ mathik von Jugend auf wohlvertraut, zunächst fich auch mit Wasserstoff⸗ experimenten abgegeben. Der jüngere der beiden Brüder, stephan, war bei einer geschäftlichen Anwesenheit in Montpellier auf die Uebersetzung des erwähnten Priestleyschen Werkes gestoßen und brachte es seinem Bruder Joseph Michel — die deutschen Vornamen dürfen nicht verwundern, da die Familie aus Frankenthal bei Mainz stammte, wo sie im Mittelalter ansäsfig war — nach Hause mit. Die Experimente mißlangen ihnen aber ebenso wie Cavallo, und nun erzählt Tissandier, wie Joseph, als er in Geschäften in Avignon weilte und einen Plan von der Belagerung des eng⸗ lischen Gibraltar durch Franzosen und spanier (1779 - 92) zu Gesicht bekam, in seinem Zimmer überlegte, ob es nicht mög⸗ lich sei, der zu Wasser und zu Land be⸗ rannten, von Elliot tapfer verteidigten Felsenfestung durch die Luft beizukommen. Er sah den Rauch eines schornsteins auf⸗ steigen, beorderte sogleich seine Wirtin, ihm einige Ellen alten Taft zu besorgen, ver⸗ fertigte daraus einen kleinen Ballon und sah zu seiner nicht geringen Freude ihn mittels eines Rauchfeuers zur Decke seines Zimmers aufschweben. Pilatre de Rozier. 211 145 Wir Luftschiffer rieten aus dem Häuschen, daß ein Vorgang von solcher Bedeutung sich in einem kleinen Provinznest, nicht in ihrer Mitte abgespielt hatte. Es war das Paris, das 1783 den Frieden von Versailles sah, welcher die unter tätiger französischer Beihilfe errungene Unabhängigkeit der Vereinigten staaten von dem ehemaligen Mutterland England be⸗ stätigte; das den berühmten Benjamin Franklin, den Erfinder des Blitzableiters, als Gesandten Amerikas bei sich hatte, das, von Rousseau, Voltaire und den Enzyklopädisten befruchtet, die geistige superiorität über die ganze Welt beanspruchte und andererseits durch die staatliche Mißwirtschaft auch trotz Neckers sparsamkeit genötigt war, sozusagen aus der Hand in den Mund zu leben; das Paris der politischen und sozialen sensationen, die sich in seinem Bauche vor⸗ bereiteten, des guten Louis XVI. und des kecken sieyes, die stadt der Bildung und des Proletariats, hungrig auf jede Neuigkeit und bereit, sobald seine Erwartung auch nur ein wenig getäuscht wurde, das zuvor heiß Gewünschte mit ätzendem spott zu begießen; das Paris der eleganten geistigen Evolution, der die blutigen schrecken der politischen Revolution auf dem Fuße folgen sollten. Wie eine Bombe muß die Annonayer Kunde in diese stolze, neidische, queckfilberige seinestadt eingeschlagen sein. Die Brüder Montgolfier wurden zwar von der Akademie sogleich eingeladen, auf staatskosten das Ballonexperiment in Paris zu wiederholen, aber bis sie wirklich kamen, verging für die allgemeine Ungeduld doch zuviel Zeit. Der schon erwähnte Faujas de saint⸗Fond, Professor am Jardin des Plantes, eröffnete eine subskription zur Beschaffung der Mittel für den Bau eines Luftballons, ein Komitee bildete fich, die Gebrüder Robert, die als geschickte Mechaniker galten und sich durch Herstellung des in Paris auch sonst schon mehrfach fabrizierten gummierten seiden⸗ stoffes bekannt gemacht hatten, wurden mit der Materialienlieferung und der junge. männlich schöne und geistreiche Phyßiker Professor Jacques Alexandre Cosar Charles, zu dessen interessanten Vorlesungen und groß⸗ artigen Experimenten im Louvre sich tout Paris drängte, mit der Leitung des Ganzen beauftragt. Da die Annonayer Berichte nichts über die verwendete Luftart verrieten, Charles aber die Eigenschaften des Wasserstoffgases bekannt waren, entschloß er sich, mit diesem einen mit aufgelöstem Caoutchouc imprägnierten Taftballon von zwölf Fuß und zwei Zoll Durchmesser zu füllen, dessen unteres Ende mit einem durch einen Hahn abschließ⸗ baren Ventilansatz versehen war. Das Gas bereitete er in dem kleinen sof des Robertschen Etablissements aus einer Mischung von Eisen⸗ — 214 Im Fluge durch die Jahrhunderte J. P. Blanchard. spähnen, schwefelsäure und Wasser in einer Tonne, die durch eine kurze Röhre mit dem Ventileinlaß direkt in Verbindung stand. Am 23. August begann die Füllung unter mancherlei schwierig⸗ keiten, am 25. war der Ballon halb voll und riß bereits an den Halte⸗ stricken, und man begnügte fich nun, ihn durch geringe Nachfüllung in diesem stand zu halten, da der öffentliche Versuch erst für den 27. August auf dem Marsfeld angesetzt war. In der Nacht zuvor wurde er in feierlichem Zug dorthin per Wagen transportiert und auf dem Felde selbst zu Ende gefüllt. Um 3 Uhr nachmittags begann die Menge herbeizuströmen, und um 5 Uhr wurde der kugelrunde Ballon, der von den Roberts praller gefüllt worden war, als es Charles' Absichten entsprach, in Gegenwart von 300 000 Menschen, das heißt des halben damaligen Paris, aufgelassen. Trotz des strömenden Regens stieg der Ballon rapid und ver⸗ schwand in Höhe von 488 Toisen (2 9656 Meter) in den Wolken, um später sehr viel höher noch auf einen Augenblick fichtbar zu werden. Zu prall gefüllt, platzte er am oberen Teil und fiel bei Gonesse auf die Erde, einem bei Le Bourget gelegenen Dorf in der weiteren Umgebung von Paris, dessen Bewohner über den „vom Himmel ge⸗ fallenen dunkeln Mond“ mit Forken und Dreschflegeln herfielen und die Reste an den schwanz eines Pferdes banden, um den Teufels⸗ spuk vollends zu Tode zu schleifen. stephan Montgolfier, der jüngere und weltstädtischere, der Paris schon aus der Zeit kannte, da er als Architekteleve dort tätig gewesen war, hatte sich inzwischen in der Hauptstadt eingefunden und dem Marsfeldaufstieg von Weitem zugesehen. Er machte sich alsbald an 215 Wir Luftschiffer den Bau einer 78 Fuß hohen und 45 Fuß breiten länglich eiförmigen Maschine, die aber sturm und Regen zerstörten, und dann an ein kugelförmiges Ungetüm von 57 Fuß Höhe und 41 Fuß Durchmesser, die er am 19. september 1783 im schloßhof von Versailles in Gegen⸗ wart des ganzen Hofes und einer großen Menschenmenge glücklich zum Aufstieg brachte. An einer Kette hing unter dem Ballon ein Käsig mit einem Hammel, einem Hahn und einer Ente, die auf diese Weise die Ehre chatten, die ersten Luftschiffer der Welt zu werden. Man fand den Hahn nach der schon nach zehn Minuten in einem Gehölz erfolgten Landung an einem Flügel verletzt, und es entspann sich ein lebhafter Gelehrtenstreit darüber, welche atmosphärischen Ein⸗ flüsse diese Verletzung verursacht haben mögen. Von der Beschaffen⸗ heit der oberen Luftschichten machte man sich damals trotz aller Auf⸗ klãrung noch recht seltsame Vorstellungen. Man konnte sich vor allem nicht erklären, weshalb im Hochsommer Hagelschauer niedergehen. Der gelehrte Dominikanerpater Galien, der 1757 in einem zu Avignon edierten Buch für ein phantastisches Luftschiffprojekt eingetreten war, huldigte noch der Ansicht, daß es eine sogenannte „Hagelregion“ gäbe. die zwei spezifisch verschiedene Luftschichten ziemlich scharf trennt. Die elektrischen Eigenschaften von Luft und Wolken, die inzwischen durch Franklin und andere näher bekannt geworden waren, machten die unerforschte Atmosphäre wohl nur noch unheimlicher. Erstickung war das, was man schon unterhalb der Wolken für lebende Wesen be⸗ fürchtete, und man ließ die Analogie der Luft auf hohen Bergen nicht gelten, da hier die, Erdausstrahlung“ günstigere Bedingungen für den Menschen schaffen sollte. Daher der komische streit um den Hahn, obwohl die Montgolfiere nur eine geringe Höhe erreicht hatte, und die Verletzung am Flügel auf ganz natürliche Weise durch einen Tritt von seinem Fahrtgenossen, dem Hammel, zu erklären war; daher auch der sonderbare Befehl des Königs, als Montgolfier eine neue Riesenmaschine im Garten seines Freundes, des Papierfabrikanten Reveillon in der Vorstadt saint Antoine, hergestellt hatte, die 70 Fuß hoch und 46 Fuß breit war und auf einer Galerie Menschen emportragen sollte, daß zwei schwere Verbrecher zu diesem ersten bemannten Versuch genommen werden sollten. Der junge und kühne Edelmann Pilatre de Rozier wollte sich jedoch die Ehre des ersten Aufstiegs nicht entgehen lassen, und da die ersten Fesselaufstiege mit dem Ballon im Ganzen glatt verliefen und der Infanteriemajor Marquis d' Arlande sich in einer Audienz beim König bereit erklärte, selbst mitzufahren, so gab Louis XVI. schließlich nach. 216 X 2. 1 . — 237 69 ar n — e 211 * * Die Riesen⸗Montgolfiere von Lyon. Wir Luftschiffer Der Ballon wurde nach La Muette geschafft, einem kleinen schloß des jungen Dauphin im Westen von Paris. Von hier ging die Abfahrt am 21. November vor sich, und die erste menschliche Luftreise endete nach dreiviertelstündiger Dauer mit einer glatten Landung bei ein paar Mühlen an der südöstlichen Peripherie von Paris. Die Maschine, bei welcher der bisher stets zurückgebliebene Feuerrost an Ketten im Innern befestigt und von den beiden Passagieren unterwegs mit stroh und Wolle zu bedienen war, hatte eine höchste Höhe von etwa 3000 Fuß erreicht und einen guten Teil der stadt überflogen. In der Zwischenzeit waren auch Charles und die Gebrüder Robert nicht müßig gewesen. sie hatten bald nuch dem Marsfeld⸗ experiment einen Aufstieg in einem seidenballon von zwei Personen angezeigt und eine Baukostensubskription über 10 000 Francs eröffnet, die umgehend gezeichnet wurden. Am 26. November war der neue, mit einem Klappenventil versehene Kugelballon von 26 Fuß Durch⸗ messer fertig, wurde in drei Tagen mit Wasserstoffgas in der Haupt⸗ allee des Tuileriengartens gefüllt, und am 1. Dezember stiegen Charles 218 Im Fluge durch die Jahrhunderte und ein Robert in der an einem Netz befestigten Gondel trotz mancher Hindernisse und bis zuletzt durch ein Verbot des Königs bedroht, glücklich auf. Montgolfier wohnte dem start bei, und man haile sogar die Aufmerksamkeit, ihn den Faden des kleinen Piloiballons durchschneiden zu lassen, der zur Feststellung der Windrichtung vorher . doch . Tn, de. 22 . — m . weer fee Auffahrt R 1 kö teme bau . rr mn. G arne r in * *. ö * 8 . e . ü e me,, = e. * . von-. Ge . 8 , 1. — n 2 . 5751 2 2 — ö * 1. n. nn, 2 * * 2 . *. 83 an,, ö 1 — 3 . s 8 . 6 e, ] 9 . 66 ö 4— ö X Titelseite einer Luftschiffahrts⸗Broschüre aus dem Jahre 1805. Vhot. Westheim. aufgelassen wurde. Diese zweite Fahrt „à ballon perdu“ — heute sagen wir „Freifahrt“, wobei der Ballon nur selten perdu geht — dauerte zwei stunden fünf Minuten und ging nicht über 1500 Fuß Höhe hinaus. Die Landung erfolgte neun Lieues, etwa 5x deutsche Meilen, von Paris in nordnordwestlicher Richtung entfernt in der Ebene von Nesle. Hier fand sich bald der Herzog von Chartres nebst den Edel⸗ 219 Wir Luftschiffer leuten Fitz James und Lord Farrer ein. sie waren von mehr als 100 Kavalieren allein übrig geblieben, die dem Ballon zu Pferde von der stadt aus gefolgt waren. Es war nur eine Zwischenlandung, bei der die Passagiere in der Gondel sitzen blieben, und die wohl nur möglich war, weil nur ganz wenig Wind herrschte. Wie unterwegs verabredet, stieg Robert dann aus, und Charles machte sich zu einer Alleinfahrt bereit. Man hat behauptet, daß Charles diesen halbstündigen soloaufstieg, den er nun als erster Mensch vollführte, sehr unvorsichtig ins Werk setzte, da er nicht an die Gewichtsverminderung durch das Aussteigen von Robert gedacht habe. Nichts davon ist zutreffend. Charles sagte in seinem Vortrag, den er über die Fahrt bald danach vor der Akademie der Wissenschaften hielt, wörtlich: „Dreißig Landleute, die um die Gondel standen und sich darauf stützten, indem sie ihre Oberkörper weit in das Innere hineinlehnten, verhinderten den Ballon am Entfliehen. Ich verlangte Erde, um Ballast zu haben, da ich nur noch drei bis vier Pfund besaß. Man ging einen spaten suchen, der jedoch nicht kam. Ich verlangte steine, es gab aber auf der Wiese keine. Ich sah die Zeit verrinnen, die sonne untergehen. Ich berechnete schnell die vermutliche Höhe, bis zu der mich die Gewichts verminderung von 130 Pfund hinauftragen könnte, mit der ich durch das Aussteigen von Robert zu rechnen hatte, und ich sagte zu dem Herzog von Chartres: „Durchlaucht, ich steige auf,“ und zu den Landleuten: „Freunde, laßt alle zugleich den Bord der Gondel los, sobald ich ein Zeichen gebe und aufsteigen will.“ Ich klatschte in die Hände, sie ließen los, ich entschwebte wie ein Vogel. In 10 Minuten befand ich mich über 1500 Toisen (— 2900 Meter) hoch, unterschied keine Gegenstände mehr auf der Erde und sah nur noch die großen Umrisse der Natur. Von Beginn des Aufftiegs ab hatte ich jedoch Vorsichtsmahregeln getroffen, um der Gefahr einer Explosion des Ballons zu begegnen, und machte mich nun bereit, die beabsichtigten Beobachtungen anzustellen.“ Also nur, weil er den nötigen Ersatzballast nicht so schnell, wie es erforderlich war, bekommen konnte, setzte er sich einer rapiden Auf⸗ fahrt aus und zog sofort von Zeit zu Zeit das Ventil, sobald er bemerkte, daß das sich schnell ausdehnende Gas durch den Ansatzschlauch pfeifend und dampfend ausströmte, „um ihm zwei Ausgänge auf einmal zu geben“. Kühner und zugleich exakter kann man in der Tat nicht ver⸗ fahren, und der kolossale Jubel, mit dem Charles bei seiner Rückkehr von den Parisern empfangen wurde, war in jeder Beziehung gerechtfertigt. Hie Montgolfier, hie Charles — hie air dilatè, hie gaz inflammable, das waren die schlachtrufe, die alle Enthusiasten der jungen, nun 220 Im Fluge durch die Jahrhunderte 1 . 1. 141 n 4 ö 23 96 ä x 2 . . . . I — . Aufstieg von Charles und Robert aus dem Tuileriengarten am 2. Dezember 1783. endgültig für die Menschheit gewonnenen Luftschiffahrt in zwei große Lager teilte. Während die einen Verse machten, wie die folgenden: Un espace infini nous séparait des cieux, Mais grace au Montgolfier, que le genie inspire, Laigle de Jupiter a perdu son empire Et le faible mortel peut s'approcher des dieux. sangen die andern zum Ruhm der Gegenpartei: Vraiment chacun s'embrasse D'honorer Charles en ces lieux; sans nous il a marquè sa place Entre les hommes et les dieux. Und auch die spötter übten ihren Witz an den schwächen und kleinen Blößen der Gegner. Als Joseph Montgolfier sich im Januar 1784 in Lyon bereit fand, einen Koloß von 126 Fuß Höhe und 1066 Fuß Durchmesser zu bauen, die riesenhafteste aller Montgolfieren, und als dieser Ballon durch die Ungunst des Wetters mehrfach beschädigt und mit der starken Belastung von sieben Mitfahrern keinen sehr groß⸗ artigen Flug vollführte, fand man alsbald im Pariser Journal d'un ohservu teur die spottyerse: Vous venez de Lyon., parlez-nous sans mystere: Le Globe est-il parti? Le sait est-il certain? Je Fai vu. — Dites nous: allait-il bien grand train? s'il allait! ... Oh, monsieur, il allait ventre à terre! 221 Wir Luftschiffer Charles warf man in erster Linie vor, daß er nie eine zweite Auffahrt gemacht und nichts dazu beigetragen hat, die wichtige Ballon⸗ schiffahrt weiter zu fördern. Man erzählte, Charles habe nach seiner rapiden Alleinfahrt beim Verlassen der Gondel geschworen, „fich solchen gefährlichen Fahrten niemals mehr auszusetzen“, und die Revue des deux mondes bemerkte ironisch, hierher eigene fich zweifellos das berühmte Witzwort des großen Condé: „Er hatte eben an diesem Tage Mut.“ Indessen man vergißt, daß Joseph Montgolfier nur die eine mäßige Lyoner Auffahrt mitmachte und daß stephan Montgolfier sich nie der Galerie einer seiner Maschinen persönlich anvertraut hat. Man wirft Charles auch vor, daß er versuchte, den Montgolfiers den Ruhm als Erfinder des Ballons streitig zu machen. Wir haben gesehen, daß das sachlich durchaus berechtigt war. Der Heißluftballon war schon vor den Montgolfiers durch Leonardo da Vinci und Guzmao praktisch erfunden worden, nur war dort die Laune, hier die Zeit der Fruktifizierung der an sich gelungenen Experimente ungünstig. Und wenn Charles behauptete, er hätte sich vor dem ersten öffentlichen Versuch der Montgolfiers schon mit der Frage eingehend beschäftigt, wie man das leichte Wasserstoffgas zum Hochlassen von Ballonkörpern verwenden könne, so klingt das nicht unglaubhaft, wenn man bedenkt, daß dieser geschickte Physiker auf die erste Montgolfier⸗Kunde hin nur zehn Wochen brauchte, um das Annonayer Rauchluftexperiment mit einem sehr viel schwierigeren Wasserstoffgasballon nachzumachen, und daß er es fertig bekam, nach dem ersten bemannten Montgolfier⸗ Versuch vom 21. November sogar schon nach neun Tagen, am 1. Dezember 1783, seine eigene Luftreise in einem geradezu vollendeten Aerostaten à hydrogène anzutreten. Die Montgolfiers hatten das Glück, unter lokalen und zeit⸗ lichen Umständen an die Oeffentlichkeit zu treten, die ihrem Ballon⸗ experiment die denkbar größte Beachtung zuwenden mußten. Aber wenn sie glaubten, die elektrische Rauchluft aus verbranntem stroh und Wolle sei es, die ihren Maschinen den Auftrieb gab, so befanden sie sich in einem groben phyfikalischen Irrtum, da nur die erwärmte und verdünnte Luft, trotz Wolle und Rauch, das Agens war. Und auch die Entwicklungsmöglichkeit ihrer feuergefährlichen, aus Taft und Papier hergestellten Riesenballons war von vornherein beschränkt. Mehr als einmal ging eine Montgolfiere schon bei der Füllung in Flammen auf, und der tödliche Unfall eines Pilatre de Nozier, des ersten Helden und ersten Märtyrers der Luftschiffahrt, bei Boulogne am 16. Juni 1785 mitsamt seinem Gehilfen Romain, des Franzosen Olivart, dessen Maschine bei Orlsans am 25. November 1802 222 Im Fluge durch die Jahrhunderte in der Luft Feuer fing, des Deutschen Bittorf und des italienischen Grafen Zambeccari 1812, der mehrere tollkühne Fahrten machte, bis seine Montgolfiere bei einem Aufstieg in Bäumen hängen blieb und Feuer fing, und der Luftschiffer halb verbrannt aus der Galerie zu Tode stürzte, sind der unzuverlässigen Konstruktion von Heißluftballons aufs Konto zu setzen. Die Montgolfieren verschwinden seitdem voll⸗ ständig aus dem Gebrauch — nur Eugene Godard baute 1864 noch . 19 — 1 Der erste lãngliche Ballonet⸗Ballon der Gebrüder Robert. eine Riesenmontgolfiere aus persönlicher Liebhaberei — während der Wasserstoffgasballon von Charles seinen siegeszug immer mehr durch die Welt ausdehnte. Gewiß, auch Charles kann nicht als Erfinder des Luftballons bezeichnet werden. Und selbst nicht der Wasserstoffgasballon war sein alleiniges geistiges Eigentum, da Cavallo in London vor ihm ganz nahe daran war, ihn zu erfinden. Aber anders wie bei den Montgolfiers und den Heißluftballons gehört ihm der Ruhm, den ersten Wasserstoffgasballon mit praktischem Erfolg konstruiert und den ersten bemannten Ballon dieser Art mit so ingeniösen Einrichtungen versehen zu haben, daß die Nachwelt nichts Wesentliches mehr hinzu⸗ zufügen hatte. Charles erfand das Netz aus stricken und die daran aufgehängte Gondel aus Weidengeflecht, er erfand das Klappenventil, den Ansatzschlauch, den Ballonanker, und er verwendete als Erster auch den sand als Vallast und das Barometer als Höhenmesser. Und alles dies in der knappen Frist von sechs Wochen! Will man den Montgolfiers das Verdienst nicht bestreiten, einer Entwicklung, die im 223 Wir Luftschiffer doppelten sinne „in der Luft lag“, den letzten Anstoß gegeben zu haben, so muß man Charles doch allein den Vater des modernen Frei⸗ ballons nennen. Nach Privatpapieren, die Tissandier benutzt, gibt Charles selbst als Grund seines Rückzuges aus der Oeffentlichkeit den Neid und die Mißgunst an, die ihn bald nach seinem ersten Aufstieg, als der Rausch von Glück und Ruhm vorüber war, aufs Aeußerste degoutierten. „Was ich am höchsten in dieser Welt schätze,' sagt er in diesen notes intimes als Philosoph, der aus seinem kostbaren Laboratorium im Louvre die Entwicklung der Dinge nur noch als resignierter Beobachter verfolgte, „das ist der Wert des Friedens, und ich habe auf meine Kosten er—⸗ fahren, daß es hier ein reines und dauerhaftes Glück nur in der stille und Zurückgezogenheit gibt.“ so sehr aber der Pariser Parteigeist, der wenige Jahre später seine tollsten Orgien feiern sollte, diesem genialen Mann und vor— nehmen Charakter die praktische Betätigung verleidete, so unparteiisch häufte König Ludwig XVI. sowohl auf die Montgolfiers, auf Pilatre de Rozier und Marquis d'Arlande, wie auf Charles und die beiden Roberts allerlei Ehren und Geldgeschenke. Und was immer die Parteien trennte, in einem Punkt war der Enthusiasmus von ganz Frankreich über die neue Luftschiffahrt einig, in der Freude über die Möglichkeit, nun ein brauchbares Kriegsmittel zu bekommen, um über das verhaßte England herfallen zu können. Wird die Weltgeschichte in lauter Parallelen geschrieben? Kommen die gleichen situationen zwischen den Völkern immer wieder vor? Fast muß man es glauben, wenn man sich die englische Furcht vor der Invasion durch die Luft in unsern Tagen der Motorballons und Flugmaschinen vergegenwärtigt. Damals, an der Wiege der modernen Luftschiffahrt, charakterisierte die allgemeine stimmung in Frankreich ein frohlockender Vierzeiler wie dieser: „Les Anglais, nation trop fière, Larrogent Fempire des mers; Les Frangais, nation legere, semparent de celui des airs!“ Das war der stolz und die Hoffnung des damaligen Frankreich, die französische Herrschaft in der Luft, um der englischen Herrschaft auf dem Meere ein Ende zu machen, und phantasievolle Zeichner gaben dieser Hoffnung einen bildlichen Ausdruck, welchen die Wirklichkeit allerdings bis zum heutigen Tage noch nicht erfüllt hat. Immerhin steuerte man ziemlich unverblümt auf das Ziel los, und Pilatre de Rozier wurde 224 Die Erfindung der Luftschiffahrt durch die Brüder Montgolfier Ullegorie von Clodion Im Fluge durch die Jahrhunderte * . . — — 2 — . Eine französische Luftlandung in England. Karikatur aus der Revolutionszeit. vom Pariser Ministerium reichlich mit Geld ausgestattet, um den Versuch zu machen, von Boulogne aus den Kanal zu überfliegen. In—⸗ folge ungünstiger Winde wurde der Aufstieg monatelang hinaus— gezögert, und als der tolllühne Pilatre endlich mit seiner halb invaliden, von den Ratten zernagten, vom Wetter vermorschten Maschine, einer wenig glücklichen Kombination von Montgolfiere und Charliere, den Flug wagte, bei dem er und sein Begleiter den Tod finden sollten, war ihm ein Glücklicherer bereits zuvorgekommen, Blanchard, der kleine Mechaniker von einst, der den Parisern mit der Konstruktion eines unmöglichen Fallschirm- und Ruderflugschiffs viel satirischen stoff geliefert und sich dann mit klugem Geschäftssinn auf die neuen Ballons geworfen hatte. Er überflog am 7. Januar 1785 den Kanal von Dover aus in Begleitung des Anglo⸗Amerikaners Dr. Jeffries glücklich in zweieinhalbstündiger Fahrt, und der Jubel über diese erste seefahrt im Ballon war allgemein. König Ludwig empfing Blanchard in Audienz und setzte ihm eine Pension aus, die Wir Luftschiffer. 225 15 Wir Luftschiffer stadt Calais ernannte ihn zum Ehrenbürger, kaufte sein Luftschiff an und stellte es in der Hauptkirche als Ehrendenkmal auf, der Ort Guines errichtete an der stelle seiner Landung eine Denksäule — und die Pariser spötter, die auch bei den schönsten Erfolgen nie fehlten, verliehen ihm den Beinamen „Don Quichotte de la Manche“. „Da dieser Mechaniker bereits eine Menge von Dingen ver—⸗ sprochen hat, die er nicht halten konnte, so hat man bis jetzt nicht viel Vertrauen zu ihm fassen können, ihm aber gleichwohl gestattet, Unter⸗ schriften zu 3 Livres zu sammeln.“ Mit diesen Worten kündigte ein Pariser Journal die Absicht Blanchards an, seinen ersten Versuch mit einem Wasserstoffballon zu unternehmen. Er setzte diesen einfach über sein altes Flugschiff, das so endlich wirklich zum Fliegen kam. Der Der „Lenkballon“ von Blanchard. 226 Im Fluge durch die Jahrhunderte Kanalflug machte ihn dann berühmt, und in den folgenden Jahren schlachtete er diese Berühmtheit durch eine große Reihe von Aufstiegen in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland nach Möglichkeit aus. Von einer größeren stadt zur andern zog dieser kleine und schmächtige Mann, der nur 110 Pfund wog, mit einem 43 Zentner Modell eines Dirigeable von Lagleize. schweren Wagen, der alle zu Aufstiegen benötigten Materialien trug. Im Jahre 1787 betrat er zum erstenmal deutschen Boden, stieg in Leipzig auf und traf Mitte Oktober in Nürnberg ein. „Ein Hochlöblicher Rath der des H. R. R. freyen stadt Nürnberg“ erließ ein ausführliches obrigkeitliches Mandat, wie die guten Nürn⸗ berger zu dem Ausstiegsplatz, auf dem sogenannten Judenbühl außerhalb der stadtschanzen, hinausfahren, hinausgehen und zurückkehren sollen, welche Tore offen und welche geschlossen bleiben, wo die „reutenden Zuschauer“ sich zu placieren haben, und ermahnte die Bürger, „daß niemand sich durch unartiges Geschrey oder andern Unfug, auch durch Verletzung und Besteigung der Bäume oder Verderbung der Felder auf und um den Judenbühl herum sträflich betrage, da er ansonst ohne Ansehen der Person arretiert und empfindlich bestraft werden solle.“ Auch ist für alle Fälle dafür gesorgt worden, „einen Chirurgum nebst Gesellen und Verbindzeuch auf den sogenannten schallershof zu bestellen, damit Niemand wegen Entfernung von der stadt verwahrloset werde.“ 227 18 Wir Luftschiffer schließlich wird verkündet, „damit niemand ohne Not sich allzulange der freyen Luft aussetzen dürfe,ů“ daß zwei stunden vor dem Ausstieg 3 Böller, eine stunde davor 2, eine halbe stunde vorher 1 und im Augenblick des Aufstiegs 4 Böller gelöst werden sollen. „Wonach sich also zu richten, und vor schaden, Nachteil und strafe zu hüten, jeder⸗ männiglich wohlmeynend gewarnet und erinnert.“ Blanchard landete nach kurzer Fahrt. Bei seiner Rückkehr per Wagen, spannte ihm das „vom Freudentaumel frohlockende Volk“ die Pferde aus und zog ihn durch die ganze stadt zum Roten Roß, seinem Absteigequartier. Bei gedrängt vollem Hause wurden dann im schauspielhaus zwei Lustspiele und ein Ballett „Das Fest der Winde“ gegeben, wonach es zu „Tafel und Mascarade“ wieder ins Rote Roß ging, „welche sich früh den 13. November endete.“ An diesem Tage benutzte Blanchard das im Ballon noch verbliebene Gas. um einen kleinen Ballon mit einem „seidenbudel“ steigen zu lassen, wozu der Zuschauer⸗Platz durchgängig 36 Kreuzer kostete. Der Hund, welcher der Frau Obristin Freyfrau von Redwitz gehörte, landete, wie der Chronist, schriftsteller und Kupferdrucker Johann Meyer aus Regensburg, versichert, gleichfalls glücklich und unversehrt. so wirkte der Bürger von Calais und anderer städte durch Aufnahme, Pensionair seiner allerchristlichsten Majestät und mehrerer Akademieen Korrespondent“ und verbreitete das Interesse für die neue Kunst wie kein anderer zu seiner Zeit. Blanchard eröffnete die große Reihe der Berufsluftschiffer, seine Frau die der Berufsluftschifferinnen. Aufsstiege zu Pferde, mit korblosem Ballon, Fallschirmabstürze und ähnliche Akrobatenkunststücke waren in der Folgezeit nichts seltenes. Kein höfisches Fest, kein Kongreß, keine Jahrmarktsmesse schließlich, wobei nicht ein Ballon zum Ergötzen eines verehrlichen Publitums aus stadt und Umgegend hochstieg und der Berufsmann im Korb für allerlei Kurzweil sorgte. Während sich so die junge Ballonschiffahrt auf der einen seite ins geschäftsmäßige Gauklertum verlor, verfolgte man auf der andern seite doch auch von Anbeginn die ernsten Werte, die in ihr lagen. Der französische Gelehrte Gay Lussac inaugurierte die wissenschaftliche Er⸗ forschung der Atmosphäre, die Franzosen Coutelle und Conts die mili⸗ tärische Verwendbarkeit des Fessel⸗Ballons und schon im ersten und zweiten Jahre dachte und arbeitete man auch daran, dem Aerostaten eine Lenkbarkeit zu rerleihen, die ihn unabhängig von der Windrichtung machen sollte. 228 Im Fluge durch die Jahrhunderte Die weitgehenden Hoffnungen, die man in letzterer Hinsicht dem Kinde in der Wiege entgegenbrachte, haben erst sehr viel spätere Jahre zu erfüllen begonnen. Unter der Fülle von phantastischen Projekten und drolligen Versuchen, mittels Rudern und segeln ein Luftschiff nach dem Vorbild des Wasserschiffs zu schaffen, ist jedoch nicht zu übersehen, daß die grundlegenden und noch heute maßgebenden Ideen der Lenk⸗ barkeit schon sehr bald nach dem Auftreten von Montgolfier und Charles erkannt und ausgesprochen worden sind. Der Akademiker Brisson las vor den „Unsterblichen“ am 27. Januar 1784 eine Abhandlung über die Lenkfähigkeit von Aerostaten, in welcher er für einen länglichen zylinderförmigen Ballon mit konischen Enden eintrat und sich für die Notwendigkeit einer motorischen Kraft zur Ueberwindung des Windes aussprach. „Aber,“ fügte er nach Lecornu hinzu, „wo werden wir diese Motorkraft finden? Ich muß gestehen, ich beginne zu verzweifeln.“ Brisson schlug vor, die verschiedenen Luft— strömungen der verschiedenen Höhen zu einer relativen Direktionsfähig⸗ keit des Ballons zu benutzen und dabei zur Vermeidung von Gas—⸗ verlusten die Meusniersche Lufttasche zu verwenden. Der Vorschlag ging offenbar in der Hauptsache auf Montgolfiersche Ansichten zurück. Fallschirm von sebastien Lenormand. 229 Wir Luftschiffer Joseph wenigstens hatte seinem Bruder stephan Montgolfier als Re⸗ sultat seines Nachdenkens über die Lenkbarmachung des Ballons ge⸗ schrieben: „Ich sehe als wirksames Mittel zur Lenkbarkeit nur die Kenntnis der verschiedenen Luftströmungen, die man studieren muß; sie sind in den verschiedenen Höhen selten nicht verschieden.“ Das Ganze war natürlich ein wenig fruchtbarer Notbehelf. Wichtiger war die Nebensache, die Meusniersche Lufttasche, das heutige Ballonet, dessen Erfindung also schon in das erste Jahr der Ballonschiffahrt fällt. Der Leutnant des Pariser Geniekorps, Meusnier, hatte 1783 zu den wissenschaftlichen Beobachtern gehört, die der Akademie über den Flug des ersten Charles⸗Ballons zu berichten hatten. sein Bericht fiel ganz außerordentlich eingehend aus und zeigt das glühende Interesse, das dieser hochbegabte Wissenschaftler in Uniform der neuen Materie ent⸗ gegenbrachte. Inwieweit Brisson bei seinem Akademie⸗Vortrag eigenen Ideen Raum gab, geht daraus nicht hervor, die Erwähnung Meusniers als Erfinder des Ballon⸗Luftsacks läßt aber vermuten, daß beide mit⸗ einander gut bekannt waren. Und wenn wir nun Meusnier in der Richtung des länglichen Ballonet⸗Ballons weiterarbeiten sehen, wenn die Gebrüder Robert, wohl sicher auf seine Veranlassung und mit Unterstützung der Akademie, einen solchen ersten länglichen Aerostaten bauen, am 15. Juli und 19. september 1784 mit ihm Ausstiege unternehmen, und wenn dann am 13. November desselben Jahres ein Meusniersches Referat in der Akademie der Wissenschaften über das Ergebnis der Arbeiten verlesen wird, die in ihrem Auftrag zur Verbesserung der aerostatischen Maschinen gemacht worden waren, so ist es wohl sicher, daß weder Brisson noch die Roberts selb⸗ ständige Ideen produzierten, sondern daß der Genieoffizier Meusnier sowohl der Erfinder des Ballonets und der länglichen Ballonform wie auch der Urheber der sehr richtigen sehnsucht nach einer motorischen Fortbewegungskraft war. Die Roberts arbeiteten zwar noch mit Rudern, aber Meusnier selbst faßte später das Projekt zu einem länglichen Riesenballon, das er eingehend in mehreren Arbeiten begründete und wobei als Antriebs⸗ kraft drei zwischen Gondel und Ballon angeordnete, zweiflüglige schrauben gedacht waren, die von zwei Dutzend und mehr Menschen in Bewegung gesetzt werden sollten. Die schraubenidee ist nicht Meus⸗ niers originelles Eigentum. Wir sahen sie bei Leonardo angedeutet und sehen sie durch die Pariser Mechaniker Bienvenu und Launoy an einem kleinen Apparat ausgeführt, bei dem durch spannung eines Bogens zwei Flügelpaare an den Enden eines stabes in entgegen⸗ gesetzte Drehung versetzt werden, so daß das ganze spielzeug in die 230 Im Fluge durch die Jahrhunderte l — 0g HW Un Ballonprojekt des General Meusnier. Luft hochschnellt. Am 28. April 1784 führten die Erfinder ihren Apparat der Akademie vor, und zu den Kommissaren, die über diesen ersten schraubenflieger ein wissenschaftliches Gutachten abzugeben hatten, gehörte Meusnier selbst. Die schraubenidee war damit für sein Riesenballonprojekt gegeben. Zuverllässige Einzelheiten find über dieses bisher wenig bekannt geworden. Die Meusnierschen Originalschriften sind in den stürmen der Revolution verloren gegangen und die Copien, die van ihnen existieren, werden von der franzöfischen Regierung noch heute als Geheimpapiere behandelt. Man weiß aber, daß die Dokumente außer dem erwähnten Memoire vom 13. November 1784 drei spezialarbeiten zu dem Riesen-Ballonprojekt enthalten, das wegen seiner Kostspielig⸗ keit niemals zur Ausführung gekommen ist. Es sind eine Arbeit über die Gewichte verschiedener Teile eines Aerostaten, der 30 Menschen während 60 Tagen tragen kann, ein Kostenanschlag und ein stabilitäts⸗ nachweis. Des weiteren gehörte zu dem Projekt ein Atlas mit 16 Zeich⸗ nungen und acht Berechnungstafeln. Drei andere Memoires sind analoge Arbeiten für einen kleineren Ballon, der nur sechs Personen tragen sollte, aber ebenfalls nicht zur Ausführung kam. Von all diesen ist nur die photographische Reproduktion der Hauptzeichnung aus dem 231 Wir Luftschiffer Atlas bekannt geworden, die den Meusnierschen Riesenballon im ganzen darstellt. Im Jahre 1888 wurde in Tours ein Denkmal für Meusnier enthüllt, der 1793 als General von einer preußischen Kugel bei der Belagerung von Mainz getötet wurde. Mons. Janssen, der Präsident der Akademie der Wissenschaften, hielt bei der Enthüllung die Festrede und erwähnte darin, daß Meusnier bei seinem Riesenballon nicht ein reguläres Ballonet wie bei dem Robertschen Ballon verwenden, sondern um den länglichen Gasballon herum eine zweite parallele Hülle anordnen wollte, die mittels Blasbälgen aufgeblasen werden sollte. Die Luft sollte sich also da befinden, wo sich bei den Ballonet⸗Luftschiffen das Gas befindet, zwischen den beiden Hüllen. Welche Vorteile sich Meusnier von dieser, wie man sagen könnte „umgekehrten Ballonet⸗ Anordnung“ versprach, wäre interessant von ihm selbst zu hören. Die Geheimdokumente schweigen jedoch und nur die Zeichnung redet. sie allein sagt aber mit aller Deutlichkeit, daß das lenkbare Prall⸗Luftschiff von länglicher Form, mit langgestreckter, an einem Ballongurt auf⸗ gehängter Gondel, mit Ventilatoren (Blasebälgen), steuer und schraubenantrieb im Prinzip von einem ingeniösen französischen Offizier schon an der schwelle der modernen Luftschiffahrt erfunden worden ist. Wie der geniale Charles den heutigen Freiballon mit allen wesentlichen Einzelheiten gewissermaßen auf Anhieb in die Welt setzte, so überließ der geniale Meusnier, bei dessen Leichenbegängnis der König von Preußen den Geschützdonner auf den Mainzer Wällen einzustellen befahl, der Nachwelt in bezug auf den modernen Lenk⸗ ballon im Grunde nur die eine Brissonsche Frage zu lösen: Woher nehmen wir die genügende motorische Kraft zum Antrieb der schrauben? Es war eine Frage, die fich weniger an die Luftschiffer als an die Maschineningenieure richtete. Ein Maschineningenieur, der in Paris geborene Henri Giffard, war es denn auch, der im Jahre 1852 den ersten reellen Fortschritt in das schwierige und vielversuchte Problem der Lenkbarkeit brachte. Dieser einfache Angestellte in den Werkstätien der ersten französischen Eisenbahn zu saint Germain profitierte dabei von einem wohlgelungenen Experiment, das Jullien 1850 im Pariser Hippodrom mit einem langgestreckten Modell eines Dirigeable anstellte, dessen schrauben am vorderen Teil des fisch⸗ artigen Tragkörpers angebracht und von einem Uhrwerk in schnelle Drehung versetzt wurden. Dieses für Versuche im Großen untaugliche 232 Im Fluge durch die Jahrhunderte Federuhrwerk ersetzte Giffard, der dem Modellexperiment beigewohnt hatte, durch eine von ihm konstruierte kleine Dampfmaschine von drei Pferdekräften und nur 45 Kilo Gewicht. Am 24. september 1852 unternahm Giffard mit einem spindel⸗ förmigen Ballon von 44 Meter Länge und 12 Meter größter Breite, dessen Netzwerk in einem langen Kielbalken endete, welcher seinerseits die Gondel mit der Dampfmaschine und der dreiflügligen schraube sensons Flugmaschine. Das erste Vehikel der Londoner Aerial Transit Comp. 1813. trug, den ersten Aufstieg vom Hippodrom. Er verlief glücklich und der Ballon zeigte eine Eigengeschwindigkeit von zwei bis drei Metern in der sekunde. Giffard hatte sich das Geld zum Bau des Ballons von zwei Freunden geborgt. Er warf sich in der Folgezeit auf die Kon⸗ struktion kleiner schnellaufender Dampfmaschinen, erfand den nach ihm benannten Injektor, konstruierte Riesenfesselballons und erwarb ein Vermögen von mehreren Millionen. sein Projekt, einen Dirigeable⸗ Koloß von 50 000 Kubikmetern Inhalt und 20 sekundenmeter Eigen⸗ geschwindigkeit mit dem Aufwand von einer Million Francs zu bauen, blieb jedoch unausgeführt, und der „Fulton der Luftschiffahrt“, wie man Giffard genannt hat, vergiftete sich schließlich, erblindet und um⸗ nachtet, mit Chloroform. 233 Wir Luftschiffer s wrrrffs]! / M. 1616 6M ./ÿ . Der erste wirklich Lenkbare von Giffard mit kleiner Dampfmaschine. Der Lenkballon des schiffsingenieurs Charles Dupuy de Loöme, der 1870 in Paris zum „Komits der Verteidigung“ gehörte, sein von der Akademie der Wissenschaften genehmigtes Projekt aber erst 1872 zur Ausführung brachte, bedeutete gegenüber der Giffardschen Kon⸗ struktion eher einen Rückschritt als einen Fortschritt. Denn statt des maschinellen Antriebs wurde die neun Meter lange zweiflügelige schraube durch die Armkraft von elf Menschen mittels einer winden⸗ artigen Vorrichtung in Umdrehung gesetzt, und verlieh mit 21 Touren in der Minute dem Fahrzeug bei seinem Aufstieg am 2. Februar 1872 nur eine Eigengeschwindigkeit von 2,,. Metern. Die Aufhängung der Gondel an den in einem Punkt gekreuzten Netzstricken und einer Anzahl direkter Auslaufleinen war immerhin originell und soll dem Ballon eine große stabilität verliehen haben. Einen kleinen Fortschritt brachte der Ballon der Gebrüder Albert und Gaston Tissandier, die zum schraubenantrieb einen siemensschen Elektromotor von eineinhalb Pferdestärken und 45 Kilo Gewicht benutzten. Im Oktober 1883 unternahmen sie von ihrer Werkstatt in Auteuil den ersten, am 26. November desselben Jahres einen zweiten Aufstieg, wobei die schraube mit 200 Touren in der Minute arbeitete und dem spindelförmigen Dirigeable eine Eigengeschwindigkeit von vier Metern in der sekunde ermöglichte. Es gelang ihnen, wiederholt gegen den schwachen Wind anzufahren, aber erst den Kapitainen 234 Im Fluge durch die Jahrhunderte Renard und Krebs sollte es im Jahre darauf vergönnt sein, mit ihrem Lenkballon „La France“ nach fast halbstündiger Fahrt eine Landung am Aufstiegsort zu bewerkstelligen. Der mit einem Ballonet versehene Tragkörper dieses Ballons ähnelte dem langgestreckten, vorne dickeren fischartigen Jullien⸗Modell. Er war 50,42 Meter lang bei einem stärksten Durchmesser von 8,4 Meter. seine lose aufgehängte Gondel war 33 Meter lang, 14 Meter breit und trug im Gegensatz zu allen früheren Kon⸗ struktionen die zweiflüglige schraube an der vorderen spitze. Die gie, , 77 n, n,, c , . Von Menschenkraft angetriebener Lenkballon von Dupuy de Löme. Antriebskraft lieferte wie bei Tissandier ein Elektromotor, nur bedeutend stärker, von 8,5 Pferdekräften. Ueber ein Jahr hatte der Bau in Chalais⸗Meudon gedauert, und mehr als drei Monate warteten die Kapitaine, bis sie am 9. August 1884 um 4 Uhr nachmittags bei windstillem Wetter die erste Fahrt wagten. Die schraube wurde erst in gewisser Höhe angelassen, der Dirigeable gehorchte dem steuer, doch wurde schon bei Villacoublay mit einer großen schleife gewendet, 235 Wir Luftschiffer — —— —— — — — — — ——— — — L Der von einem Elektromotor angetriebene Dirigeable der Gebrüder Tissandier. nach 293 Minuten der Aufstiegsplatz wieder erreicht und glatt mittels Ventilzugs gelandet. Die weiteren Fahrten der „La France“, deren Baugelder im Betrage von 200 000 Francs übrigens das Kriegsministerium abgelehnt hatte und die dann mit Hilfe Gambettas aufgebracht worden waren, gestalteten sich nicht alle zu vollen Erfolgen. Immerhin gelang es bei im ganzen fieben Exkursionen fünfmal zum startplatz zurückzukehren und dabei eine Eigengeschwindigkeit zu erreichen, die durch Verbesse⸗ rungen am Motor von 4,8 auf 6,z und 6,5 gesteigert wurde. Bei den beiden letzten Ausfahrten am 21. und 23. september 1885 wurde ein Teil des südöstlichen Paris überflogen. Die praktische Verwendbarkeit des Lenkballons war mit diesen Versuchen bewiesen und seine weitere Vervollkommnung nut eine Frage der weiteren Verbesserung der motorischen Antriebskraft. Ehe nicht wenigstens 14—15 Meter Eigengeschwindigkeit erreicht wurden, konnten die Dirigeables nur bei ruhigem Wetter sich aus ihren Hangars wagen. Die Gasmaschine, die der deutsche Ingenieur Haenlein bei seinen leider wenig beachteten Versuchen verwendete, war noch nicht die gesuchte motorische Verbesserung, wohl aber der Benzinmotor, den als erster der deutsche Konstrukteur eines durch Unvorsichtigkeit ver⸗ 236 * Im Fluge durch die Jahrhunderte unglückten Luftschiffes, Dr. Wölfert, verwandte. Er hatte nach einigen Vorversuchen gelegentlich der Berliner Gewerbe⸗Ausstellung 1896 einen ersten gelungenen Aufstieg unternommen, der zum startplatze zurück⸗ führte. Bei einem zweiten Aufstieg auf dem Tempelhofer Feld am 12. Juni 1897 entzündete fich aber das durch schnelles steigen stark ausströmende Gas an der Zündung des zu nahe der Hülle angebrachten —=— Flugbahn des Ballons Tissandier beim Aufstieg am 26. Npvember 1883. und mit keinerlei schutzvorrichtungen versehenen Daimler⸗Motors und zerstörte den Ballon durch Explosion in Höhe von mehreren hundert Metern. Dr. Wölfert und sein Mechaniker Knabe stürzten zu Tode. Trotz dieses tragischen Unfalls war der Benzinmotor das Wunder⸗ Werkzeug deutscher Herkunft, das der Welt der Bewegungsmittel in kurzen Jahren ein neues Gesicht verlieh. Er schuf den Motorwagen, das Motorboot, das Motorrad und half nicht nur den Aerostatikern, sondern auch den Aerodynamikern endgültig auf die Beine. Alle flugtechnischen Anstrengungen, die seit der Wende des neun⸗ zehnten Jahrhunderts, seit Meerwein und Degen mit Flächen- und schraubenfliegern gemacht worden waren, zeitigten keinerlei praktische Resultate, höchstens niedliche spielereien. Die Modelle flogen, die Maschinen versagten oder brachten es wie die Einflächenflieger des Engländers Henson (1843) und des Franzosen Ader (1899) auf ihren Rädergestellen nur zu kurzen wertlosen Hopsern. Der Zweiflächen⸗ flieger, den der Deutsche Lilienthal vorübergehend bei seinen motor— losen Kunst⸗Gleitflügen anwandte, wurde von dem Amerikaner Chanute als brauchbarster Fliegertyp der schwerer als die Luft-⸗Apparate erkannt und seinen schülern Wilbur und Orville Wright überliefert. 237 Wir Luftschiffer Aber weder mit den leichten Dampfmaschinen Hensons oder Hiram Maxims noch mit den Kohlensäure⸗Motoren, die Lilienthal, Pilcher und Hofmann ins Auge gefaßt hatten, wäre ihnen ein wesentlicher Fortschritt gelungen. Erst da sie den leichten Benzinmotor verwendeten, der ihnen aus ihrer Radfahrfabrik bei Motorrädern geläufig war, konnten sie die „fliegenden Brüder“ werden, die ihre französische Kon⸗ kurrenz, die Dumont, Farman, Delagrange weit in den schatten stellten. seit dem Wölfertschen Vorangang bedienten sich alle nachfolgen⸗ den Konstrukteure von Motorballons des Benzin⸗Explosionsmotors als Antriebskraft, und die sorge um das treibende Agens wurde schließlich so gering, daß man weniger an den besten Motor als an den besten Typ des fliegenden Ganzen seine Erfindungsgabe zu verschwenden hatte. Bei den Aviatikern spitzte sich die Frage auf Monoplan oder Biplan zu, bei den Luftschiff⸗Erbauern auf unstarres, halbstarres oder starres system, die von den Namen Parseval, Julliot (Gebrüder Lebaudy) und Zeppelin repräsentiert werden. Es ist ein Kampf um die Form, nicht um das Wesen. Im wesentlichen hat unsere Zeit erfüllt, was alle Zeiten zuvor geträumt und gesucht haben. Der Freiballon hat in Konstruktion und Aus⸗ rüstung eine Vervollkommnung erfahren, die kaum noch zu übertreffen ist. Der Motorballon brachte es auf Eigengeschwindigkeiten bis zu 15 sekundenmetern und auch die Flugdauer ist mit 38 stunden ununterbrochener Fahrt nicht mehr zu gering. Die Flugmaschine hat mit mehr als zweistündiger Fahrt, allerdings in der Meisterhand Wilbur Wrights, Leistungen gezeigt, die noch vor zwei Jahren undenkbar erschienen. Die Atmosphäre ist bis in Höhen von 20 Kilometern erforscht, und den Geheimnissen der Wetter- und Windbildung wird eifrig auf den Leib gerückt. Die Eroberung der Luft ist in der ersten Dekade des zwanzigsten Jahrhunderts keine Phrase mehr. Zum mindesten hat sie allen Ernstes begonnen, und wir stehen vor einer Erweiterung des menschlichen Machtgebiets, die viele alte Werte umwerten und viele neue Gesichts⸗ punkte und Einrichtungen zur Folge haben wird. s WMI 238 Der sturz des Icarus. Nach einem stich des XVIII. Jahrhunderts. Die drei systeme. Von N. Basenach. Oberingenieur des Luftschifferbatalllons Die Wertschäpung der drei systeme im allgemeinen. Die Zeppelin Luftschiffe Modell 1907 und 1808. starrheit von Gerippe und Gondeln. Der Parseval⸗Ballon. Keinerlei Versteifungsteile. Das Kippmoment bei Motorballons. Das halbstarre system. Das Bersuchs - Fahrzeug des Luft- schifferbataillons. Das Militär⸗Luftschiff von 1908. Retordfahrt von 18 stunden. Tie franzö. sischen Halbstarren. Der La⸗France⸗ Ty. Nulli selundus 1 und 11. Andere fremdlaändische Motorballons. Vorzůge und Nachteile der verschiedenen systeme. Betriebssichexheit, Geschwin⸗ digleit und Nutzlast. Noch leine Beherrschung des Luftmeeres. elches ist aber schließlich das beste system, das einzig Richtige? MW Das starre, das Unstarre oder das Halbstarre? Wer ist auf dem richtigen Weg, Zeppelin, Parseval oder das Luftschiffer⸗ Bataillon in Berlin? Die ewige, immer wiederkehrende Frage. In den Tageszeitungen, am Biertisch, in der Werkstätte, hinter dem Zeichenbrett und hinter dem Pfluge, kurz, überall wo Menschen deut⸗ scher Zunge zusammenkommen, immer wieder taucht die Frage nach dem besten system auf. Eine Frage von hohem, aktuellen Interesse sagen die Redaktionen und senden flinke Berichterstatter zu den wochenlang vorher ange⸗ kündigten Aufstiegen des neuen Zeppelins oder Parsevals. spalten⸗ lange Telegramme berichten dann jedes Detail der neuen Aufstiege, die gemuimaßten Geschwindigkeiten, wie es steuerte, horizontal und vertikal, wie es Kurs nahm in der Richtung auf so und so, kurz, kaum haben die Insassen wieder festen Boden unter den Füßen, dann können sie bereits schwarz auf weiß alles Mögliche lesen, wovon fie bis dahin selbst noch keine Ahnung hatten. Der geehrte Leser aber, dessen Interesse durch die vielen Ankündigungen aufs höchste erregt worden ist und der dabei in einen Zustand gelinder Nervosität geraten ist, liest den er⸗ sehnten Bericht mit einem Aufatmen der Erleichterung, liest von Auf⸗ stiegen, Abstürzen, Dauerfahrten, Höhenfahrten, Werkstattfahrten, Ab⸗ nahmefahrten, warum dies system besser sei als jenes, warum jenes jedoch wieder diesem vorzuziehen sei, liest, diskutiert, mit naiver Be⸗ geisterung, mit zurückhaltender skepfis, mit schlichter sachlichkeit je 2490 Die drei systeme Zeppelin Modell 1908 landet auf dem Wasser. Phot. Weyer. nach seinem Temperament und seiner sachkenntnis, liest und ganz all⸗ mählich bildet er sich seine Meinung über den Fall. so ganz leicht wurde es ihm wahrhaftig nicht gemacht, aber nun weiß er endlich Be⸗ scheid, weiß, auf welches system er zu schwören hat, ist fertig mit seinem Urteil. Zwar weiß er in den meisten Fällen nicht, wodurch sich sein „system“ von den andern unterscheidet, kennt weder die tatsächlichen Leistungen des bevorzugten noch die der andern systeme, ist sich auch nicht so recht klar darüber, nach welchem Bewertungsmaßstab er sein Urteil eingerichtet hat, aber das schadet nichts, derartige Ueber⸗ zeugungen wachsen aus dem Gefühl heraus, aus Tiefen, die von des Gedankens Blässe noch nicht angekränkelt sind. Im Ernst, wenn heute eine Volksabstimmung darüber herbeigeführt würde, welches system das richtige und deshalb ausschließlich weiter zu bilden sei, so wäre hundert gegen eins zu wetten, daß das sogenannte „starre system“ des Grafen Zeppelin eine überwältigende Mehrheit finden würde. selbst in Ingenieur- und Luftschifferkreisen, bei Leuten, denen die Grundlagen für ein sachlich begründetes Urteil keineswegs fremd find, trifft dies zu. Die Gründe dieser für die berufenen Vertreter der andern systeme etwas betrüblichen Tatsache sind, soweit ich die situation überblicke, zur Hauptsache wohl in der allgemeinen sym⸗ pathie für die verehrungswürdige Person des Grafen Zeppelin, des Wir Luftschiffer. 241 16 Wir Luftschiffer tapferen, zähen, aufopfernden Organisators und Erfinders, der trotz aller Hemmnisse, trotz anfänglicher Mißerfolge, trotz abfälliger Urteile von Fachleuten und Gelehrten den Glauben an die Ausführbarkeit seiner Ideen nicht aufgab, bis es ihm nach jahrzehntelanger, ange⸗ spanntester Tätigkeit, nach ungeheuren finanziellen Opfern im Jahre 1907 endlich gelang, ein Luftschiff von großer technischer Vollendung zu schaffen, dessen Fahrten die ganze gebildete Welt in Erstaunen setzten. Das tragische Unglück in Echterdingen kurz nach der anfangs so er⸗ folgreichen und südwest⸗Deutschland in einen Begeisterungstaumel ver⸗ setzenden Dauerfahrt vom 4. August 1908 rief im ganzen Deutschen Reich eine ungeheure Erregung hervor, die ihm mitten im tiefssten Unglück nicht nur die aus einmütiger Hilfsbereitschaft erstandene Nationalspende, sondern auch die sympathie und die Bewunderung aller Deutschen eintrug. Mit Recht. Daß diese im Gefühl der Masse wurzelnde Wertschätzung seiner Person fich dann auf sein Werk, auf sein „system“ übertrug, ist leicht erklärlich. Ein zweiter Grund ist der Fachleute und Laien bestechende äußere Eindruck, das imposante, über⸗ wältigende schauspiel des mächtigen Fahrzeuges mit seinen leichten und anscheinend stets zielsicheren Bewegungen und Wendungen. Der äußere Eindruck! Ich will nicht kritisieren, aber ich möchte doch gleich an dieser stelle schon feststellen, daß die Fahrzeuge des unstarren und des halbstarren systems im äußern Eindruck gegen das Zeppelinsche schiff stark abfallen, obwohl sie in Wirklichkeit mindestens ebenso schnell, ebenso zielsicher und ebenso wendig sind. Wodurch die Ver⸗ schiedenartigkeit des äußern Eindrucks zu erklären ist? In der Haupt⸗ sache ist wohl das starre, elegante schnurgerade Linien aufweisende Gerüst, mit den beiden dicht darunter liegenden pontonartigen Gondeln und den mächtigen, weit ausladenden und trotzdem fest und zuverlässig aussehenden stabilisierungsflächen die Ursache dieses günstigeren All⸗ gemeinbildes. Beim unstarren und halbstarren system bietet der meistens etwas verbogen und plump aussehende gelbe Trageballon mit der ziemlich tief, anscheinend zusammenhanglos, an dünnen stahlseilen darunter hängenden Gondel nicht den gleichen gedrtungenen, technisch reifen Anblick, wie der Zeppelinballon. Doch man darf den Wert des schöneren Allgemeinbildes nicht überschätzen. Hier handelt es sich nicht um ein schaustück, sondern um ein Instrument, ein Mittel zur Er⸗ reichung militärischer und verkehrstechnischer Zwecke. Eine der sache gerecht werdende Beurteilung hat sich demnach nicht um den äußeren Eindruck zu kümmern, sondern fich nur darnach zu richten, wie weit die schiffe der drei systeme die zur Erfüllung ihrer Erbauungszwecke als 242 Parseval J bei der Landung. Wir Luftschiffer notwendig erkannten Fähigkeiten be⸗ sitzen. Wer dabei dieses oder jenes schiff gebaut hat, ist gleichgültig. In erster Linie handelt es sich also um Aufstellung eines klaren Bewertungs⸗ maßstabes. Hierzu ist es aber er⸗ forderlich, daß wir zunächst die drei systeme selbst und ihre Leistungen etwas näher kennen lernen. Beginnen wir mit dem „starren system“ Mod. 1907. Ein starres, aus dünnen Aluminiumträgern zusammen⸗ genietetes, käfigartiges Gerippe von 128 Meter Länge und 11,66 Meter Durchmesser, vom Querschnitt eines sechzehnecks, mit elliptisch abgerun⸗ Diplomingenieur Kober. deten Enden. Das Ganze mit baum⸗ Ein um die Aonftruntion spez. des ersten wollenem stoff bespannt. In diesem sepoelt e enn erlernter mächtigen Hohlzylinder liegen hinter— einander geschachtelt 17 voneinander unabhängige, zylinderförmige Einzelballons aus gummiertem Baum⸗ wollstoff, j ed er mit einem selbsttätigen Ueberdruckventil am Bauche und teilweise auch mit einem Manövrierventil am scheitel aus⸗ gestattet. Damit haben wir den eigentlichen Tragekörper. An diesem sind hinten die weitausladenden 4 stabilisierungsflächen angebracht, die das Luftschiff im Fluge stabilifieren sollen, also einen ähnlichen Zweck haben wie die Befiederung beim Pfeil. Zwischen diesen Flächen liegen auf jeder seite des schiffs mehrere vertikale Flächen, die beweglich sind und als seitensteuer für die Kursänderungen in der Horizontalen dienen. Am Bauch des Trage— körpers sind vorn und hinten auf jeder seite jaloufieartige, um eine horizontale Achse be— wegliche Flächen angebracht, die bei ent—⸗ sprechender schrägstellung als Höhensteuer wirken und durch die Drachenwirkung des langen Tragekörpers das schiff je nach der stellung der spitze steigen oder sinken lassen. Unter dem Tragekörper entlang läuft ein durch die beiden Gondeln zweimal unter⸗ brochener Kiel von dreieckigem Querschnitt, Oberingenieur Dürr. 244 Die drei systeme der die Längsfestigkeit des Trägergerippes er⸗ höhen und außerdem als Verbindungsgang für den Personenverkehr zwischen den Gondeln dienen soll. Im Innern dieses Kiels bewegt sich auf schienen ein mit allerlei Landungsgerät und Reserveteilen beschwertes Laufgewicht, das ebenfalls ermöglicht, die Neigung der schiffs—⸗ längsachse zu verändern. Die vollständig aus Aluminiumblech gebauten, in der äußeren Form Pionierpontons gleichenden, geräumigen Gondeln sind durch Aluminiumstangen und stahldraht⸗ seile starr mit dem Tragekörper verbunden. Die Entfernung zwischen Gondel und Tragekörper beträgt ca. 14½ Meter. In dem hinteren Teile jeder Gondel befindet sich ein s Ps. Daimler⸗ 4 Zylinder⸗Motor, der vermittels Kegelrad⸗ getriebe und stahlwellen die an den seiten des Tragekörpers befestigten 3 flügelartigen Pro⸗ peller antreibt. Der Durchmesser dieser Treib⸗ propeller beträgt ca. 241 Meter. sie sind aus Aluminiumblech mit stählernen Naben ange⸗ fertigt. Der Vortrieb eines jeden Propellers in voller Fahrt beträgt ca. 120 Kilogramm, welche Zahl gleichzeitig ein Viertel des zu überwinden— den Luftwiderstandes des schiffes bei voller Fahrt darstellt. Die Führung des schiffes ge⸗ schieht aus der vorderen Gondel. Von hier aus find alle Organe der Führung, die Manövrier—⸗ ventile, die auf der ganzen Länge des schiffes verteilten Ballastsäcke, Höhen- und seitensteuer, das Laufgewicht usw. zu betätigen. Hier be⸗ finden sich auch die zur Navigation des Luft— schiffes erforderlichen Apparate: Kompaß, Baro⸗ graph, Barometer, statoskop usw. Zur Bedienung des schiffes sind wenigstens er— forderlich: ein Führer, ein steuer⸗ 863 mann für das seitensteuer, ein 8g Ingenieur, zwei Maschinisten und 3 ein Matrose in der vorderen * Gondel sowie zwei Maschinisten e 4 und ein Befehlsvermittler, bei u ß 245 8 2 8 O 686 2* M . 8 Konstruktion des 3. I. a Tragnörper, d Verstärkungskhlel und Laussteg, C vordere Gondel, 4 hintere Gondel, e Propeller, 1 Angriffspunnt des schleppsells, g seltensteuerung. h stabilisierungsflossen, i Quertrãger, K Laängetrager. Wir Luftschiffer Zeppelin Modell 1907, die Halle verlassend.. Phot. Weyer. Ausführung militärischer Erkundungsfahrten noch ein oder zwei Be⸗ obachter. Das schiff kann bei frischer Gasfüllung Betriebsstoffe und Ballast für ca. 24 stunden Fahrtdauer mit sich führen. Das ist in großen Zügen die Konstrultion des Zeppelinschen Luft⸗ schiffes Mod. 1907. Das am 5. August 1908 bei Echterdingen ver⸗ unglückte Fahrzeug Mod. 1908 war etwas größer, es hatte 15 000 Kubik⸗ meter Gasfüllung statt 13 000 Kubikmeter bei Mod. 1907, Länge 136 Meter, Durchmesser 13 Meter und dementsprechend auch stärkere Motoren, 2 stück 4 Zylinder⸗Daimler⸗Motoren von je 110 Ps. Außer⸗ dem unterschied sich noch das Luftschiff durch ein großes am Heck angebrachtes seitensteuer mit davorliegenden vertikalen Leit⸗ flächen von Mod. 1907. Wie aus dem Gesagten und ganz besonders aus den Abbildungen deutlich hervorgeht, verdient die Konstruktion durchaus die Bezeichnung „starres system“. Alles ist daran so starr wie möglich. Unstarr sind lediglich die im Innern des Tragekörpers liegenden 17 Gasballons. Diese werden schlaff und faltig, wenn das Luftschiff fällt, wie ein fallender Freiballon, dehnen sich aus, bis sie prall sind, wenn das Luftschiff bis zum Prallniveau steigt und stoßen Gas durch die Ueberdruckventile aus, wenn diese Höhe überschritten wird, in dem Maße, wie der Gasinhalt sich infolge des größeren oder geringeren Luftdruckes in den verschiedenen Höhen zusammenzieht oder ausdehnt. Man hat so oft in den Tageszeitungen als Hauptvorzug 246 Die erste Landung des Z. Lauf festem Boden. Phot. schwarz. Wir Luftschiffer des Zeppelinschen Luftschiffes seine Fähig⸗ keit hervorgehoben, ohne Gasverlust, ledig⸗ lich durch Hilfe seiner Höhensteuer fallen oder steigen zu können. Das ist aber ein Vorzug, den alle 3 systeme ziemlich mit demselben Recht für sich in Anspruch nehmen können, wie wir später sehen werden. Aus ganz andern Erwägungen und Konstruktionsgrundsätzen heraus ist das Parsevalsche Luftschiff, das sogenannte „un⸗ starre system“, entstanden. Bei dem Bau dieses Luftschiffes war der leitende Grund⸗ Diplomingenieur gedanke „so unstarr wie möglich“, d. h. Graf Ferd. von Zeppelin. möglichste Vermeidung aller starren Teile, 1 mit Ausnahme der gedrungenen und äußerst soliden Gondel, mit dem Zweck, das Luft⸗ schiff leicht transportabel, leicht zusammensetzbar und auseinander⸗ nehmbar, den Aufstieg und die Landung von besondern an den Ort gebundenen Einrichtungen vollständig unabhängig zu machen und ferner das tote Gewicht des Fahrzeugs nach Möglichkeit zu verringern. Wie weit dieses seinem Konstrukteur Major v. Parseval gelungen ist, wie weit ferner diese Gesichtspunkte sich mit dem für alle 3 systeme gültigen Bewertungsmaßstab vertragen, werden wir später sehen. Zunächst eine kurze Beschreibung des Parsevalschen Luftischiffs an Hand der schematischen skizze, geltend für die Modelle 1907 und 1908. Der Tragekörper A hat keinerlei starre Versteifungsteile, weder innen noch außen. Er stellt lediglich eine ca. 60 Meter lange und ca. 10 Meter dicke Gashülle aus normalem „diagonal-dubliertem“ Ballonstoff dar, die lediglich durch den innern Gasdruck prall erhalten wird, ähnlich wie die auf den Jahrmärkten herumschwebenden kleinen Kinderspiel— zeuge. Der stoff der Gashülle besteht aus zwei stofflagen eines sehr feinen und gleichmäßig gewebten Baumwollengewebes, die durch eine Zwischenlage von ca. 140 Gramm Gummi pro Meter so aufeinander gewalzt wurden, daß die Fäden der einen Lage mit den Fäden der andern einen Winkel von 45 Grad bilden. Die Festigkeit dieses stoffes ist sehr groß, ca. 1200 bis 1300 Kilogramm auf den Meter stoffbreite. Die Beanspruchung des stoffes bei dem zur Prall— erhaltung des Tragekörpers erforderlichen inneren Ueberdruck, ungefähr re Atmosphäre, ist annähernd 125 Kilogramm auf den Breitemeter, 248 Die drei systeme 2 (. . . O . — 3 7 A 5 srw ce Y dσ.., 42 2 & Gre * 2. 7. ett. e ce m. & te Gre M g- t 2Mwate- s. alte see- 3 s Derr Konstruktion des Parseval JI. also nur ie dessen, was der stoff aushält. Die Gefahr des Platzens der stoffhülle ist demnach hierbei nicht in Betracht zu ziehen, allerdings muß dafür gesorgt werden, daß dieser Innendruck nicht erheblich überschritten wird. Um dies bei der durch steigen des Ballons oder starke sonnenbestrahlung hervorgerufenen Ausdehnung des Füll⸗ gases zu verhüten, ist das am scheitel des Ballons angebrachte Manövrierventil durch eine sinnreiche Verbindung mit den Ballonet⸗ wänden so eingerichtet, daß nach einer gewissen Entleerung der bei der Abfahrt ungefähr zur Hälfte gefüllten Ballonets die Verbindungs⸗ leinen zwischen Ballonetwänden und Ventil in Zug geraten und das Mansvrierventil geöffnet wird. Hierdurch wird ein besonderes Ueber⸗ druckventil erspart. Zieht sich jedoch das Füllgas beim sinken des Fahrzeuges oder bei eintretender Abkühlung zusammen, dann wird der erforderliche innere Ueberdruck durch Einblasen von Luft in die Ballonets vermittelst des von dem Hauptmotor durch seilübertragung angetriebenen Ventilatotrs PF und der vom Ventilator aufsteigenden und sich am Kiel des schiffes bis zu den Ballonets entlangziehenden Luftschläuche aufrechterhalten. Die Frage des stetigen inneren Ueberdrucks ist bei den Parsevalschen Luftschiffen von größter Bedeutung, da bei finken⸗ dem Innendruck der Traglörper seine pralle Form und damit seine Festigkeit gegenüber den schiefen seilzügen und infolge der 219 Wir Luftschiffer sich unter dem Winddruck an der stirnseite bildenden ev. starken Einbuchtungen auch seine steuerfähigkeit verliert. Keineswegs ist jedoch hierdurch das Luftschiff zur schleunigen Landung gezwungen, wie das oft in den Tageszeitungen und auch hin und wieder in Fachzeitschriften zu lesen ist. Der Ballon muß nun allerdings bis zur Reparatur eines etwaigen Maschinenschadens als Freiballon weiter⸗ gefahren werden, kann jedoch, sofern dem Führer daran gelegen ist, seine pralle Form auch ohne Ventilator leicht durch steigen und die hierdurch eintretende Ausdehnung des Füllgases wieder erlangen. Liegt dagegen nur eine Havarie der Ventilatoranlage vor, bei intaktem Fort⸗ bewegungsmechanismus, dann ist eine Unterbrechung der Fahrt über⸗ haupt nicht notwendig, da der erforderliche Ueberdruck im Tragekörper sich infolge des langsamen durch den Benzinverbrauch der Betriebs⸗ maschine bedingten steigens des Luftschiffs ganz von selbst erhält. Allerdings ist das schiff bei havariertem Ventilator auch seines dynamischen Höhensteuers beraubt, da Parseval seine Höhensteuerung durch Umpumpungen von Luft aus dem einen in das andere Ballonet bewirkt. Die hierdurch bewirkte schrägstellung der Ballon längsachse genügt bei vollem Lauf des Motors, um das Luftschiff innerhalb der Grenzen von C- 600 Meter beliebig fallen oder steigen zu lassen. Wichtig ist dieses beispielsweise bei der Auffahrt, bei der es sich, besonders bei coupiertem Terrain, darum handelt, möglichst schnell aus der Gefahrzone, d. h. aus der Nähe der Erdoberfläche zu kommen. Hierbei wird die spitze des Ballons (siehe die Abbildung s. 253) durch Einblasen von Luft in das hintere Ballonet etwas aufwärts gerichtet, die Antriebsmaschine angeworfen und der Propeller eingekuppelt, worauf der Ballon auch ohne statischen Auftrieb (d. h. Auftrieb ohne Eigenbewegung des Fahrzeugs) schnell bis zu der vom Führer des schiffs gewünschten Höhenlage steigt, wo alsdann so viel Luft vom hintern in das vordere Ballonet gepumpt wird, daß kein weiteres steigen mehr stattfindet. Zurückkehrend zur Beschreibung des Fahrzeugs ist zu bemerken, daß die einzigen an dem Tragekörper befestigten starren Teile die stabili⸗ sierungsflächen am schwanzende des schiffs, und zwar je eine auf jeder seite, F 1, und eine unten, F 2, vor dem um eine vertikale Achse dreh⸗ baren seitenrichtungssteuer R sind. Diese Flächen sind leicht abnehm⸗ bar und werden beim Transport des Fahrzeuges teilweise zerlegt. Die Gondel M, die den Motor trägt, ist vermittelst mehrerer systeme von Leinen an dem Tragekörper aufgehängt. sie ist aus stahlträgern 250 Die drei systeme Phot. Dühr h oop. me, e,, gebaut und kann auch recht kräftige stöße bei scharfen Landungen vertragen. Der Antriebsmotor ist ein Vier-Zylinder⸗Mercedes der Daimlermotorengesellschaft mit einer Leistung von 85 EPs bei Mod. 190 und 110 Ps bei Mod. 1908. Die Kraftübertragung auf die ca. 2½ Meter über der hinteren Gondel parallel zur Motorachse liegende Propellerachse erfolgt vermittelst senkrechter Welle und zweier Kegelradgetriebe. Die Bauart des Propellers ist originell. Die vier Flügel bestehen aus kräftigem segeltuch, das durch eingenähte und entsprechend gebogene Eisenstangen beschwert ist. Die bei stillstehendem Motor lose herunterhängenden Flügel stellen sich, in Rotation versetzt, unter dem Einflusse der Zentrifugalkraft sofort in die vom Konstrukteur gewollte Lage ein. (siehe Abb.) Zweifellos ist ein derartiger „schlaffer“ Propeller bei einer strandung des schiffes weniger gefährdet als ein Propeller mit festen Flügeln. Erwähnens—⸗ wert an dem Parsevalschen schiff ist ferner noch die eigenartige ver⸗ 251 Wir Luftschiffer schiebbare Aufhängung der Gondel, um das durch die tiefe Lage des Propellers bedingte Kippmoment aufzuheben. Dieses Kippmoment ist gleich null, wenn der Angriffspunkt des vortreibenden Propellerschubes zusammenfällt mit dem Widerstandsmittelpunkt, das heißt, mit dem Angriffspunkt der resultierenden aller dem Propellerschub entgegen⸗ wirkenden Luftwiderstandskräfte, wie dieses Beispiel bei dem Zeppelin⸗ schen Luftschiff durch die hohe Lage der Propeller annähernd erreicht ist. Dieses Kippmoment spielt in den meisten pseudo⸗wissenschaftlichen Auseinandersetzungen über die drei systeme eine große Rolle und wird den Parsevalschen Luftschiffen gewöhnlich als bedeutendes Manko angerechnet, trotzdem Major von Parseval bereits in vielen Vorträgen und Abhandlungen auf das Irrtümliche dieser Auffassung hingewiesen hat. Allerdings hat es, wenigstens für die oberflächliche Betrachtung, zunächst den Anschein, als ob der schub des tief, dicht über der Gondel liegenden Propellers zusammen mit dem entgegengesetzt wirkenden, etwas unterhalb der Mitte des Tragekörpers angreifenden Luftwider⸗ standes ein Aufkipven der spitze des Luftschiffs ergeben müßte. In Wirklichkeit ist die sache jedoch ganz anders und das ominöse Kipp⸗ moment gerade beim Parseval vollständig ausgemerzt. Dies ist in einfachster Weise dadurch erreicht, daß die Gondel sich unter Ein⸗ wirkung des Propellerschubes gegenüber dem Tragekörper etwas nach vorne verschieben kann, und zwar genau soviel, daß die hierdurch bewirkte Verschiebung der schwerpunktslage nach vorne ein die spitze nach unten ziehendes Moment ergibt, das gleich und entgegengesetzt gerichtet dem aufwärts strebenden Kippmoment des hoch angreifenden Luftwiderstandes ist. Das erste Parsevalsche Luftschiff hat im Jahre 1906 und 190? eine große Anzahl von Fahrten gemacht. Die hierbei gewonnenen Erfahrungen wurden bei der Konstruktion des für die Militärbehörde bestimmten zweiten Parsevalschen Luftschiffs aus⸗ genützt und ermöglichten den Bau eines betriebssichern und militärisch brauchbaren Luftschiffs, was seine im Laufe des sommers 1908 stattgehabten Erprobungen durch eine vom Kriegsministerium ein— gesetzte Kommission bewiesen haben. Anfang dieses Jahres hat ein erheblich vergrößertes drittes Parsevalsches schiff seine Probefahrten aufgenommen, das im Unterschied von seinen Vorgängern zwei Motoren à 100 Ps und zwei Propeller besitzt. Ueber die Ergebnisse dieser Probefahrten kann vorläufig noch nichts veröffentlicht werden. Es erscheint jedoch nicht ausgeschlossen, daß dieses interessante Fahr⸗ zeug bald auch in seinen Einzelheiten allgemeiner bekannt wird. 252 Die drei systeme . * ea Parseval II. Der Grundgedanke des halbstarren systems, zwischen Gondel a und den unstarren Tragekörper b ein starres Gerippe c zu legen, um dadurch dem Tragekörper eine größere Festigkeit der Längs—⸗ achse zu geben, stammt von dem französischen Ingenieur Julliot, dem Konstrukteur der von den Gebrüdern Lebaudy erbauten schiffe „Le Jeaune“, „La Patrie“, „La République“. Auf dieser Konstruktions—⸗ grundlage wurde im Jahre 1906 beim Luftschifferbataillon in Reinickendorf bei Berlin ein in der übrigen Konstruktion von den französischen schiffen jedoch vollständig abweichendes kleines Versuchs⸗ schiff gebaut, das seine Probefahrten im April 1907 aufnahm und bereits im sommer desselben Jahres den Rekord in der Fahrtdauer von su stunden für das Jahr 1907 aufstellte. Die Propeller sind an das Versteifungsgerüst hinaufgelegt und dadurch dem Widerstands— mittelpunkt nahegerückt. Der Motor, ein 24 Ps Gaggenau⸗Automobil⸗ motor, sitzt im hintern Teile der Gondel quer zur Längsachse des schiffes und treibt die Propeller durch seilantrieb. Die Geschwindig⸗ keit dieses Versuchsluftschiffes war in Anbetracht des schwachen Antriebsmotors nur gering, ca. 8! Meter in der sekunde, genügte jedoch, um die Fragen der Betriebsbedingungen eines derartigen Fahr— zeuges unter verschiedenen Wetterlagen eingehend zu studieren. Es machte in den Jahren 1907 und 1908 über 60 Fahrten, wobei es stets den Ausgangspunkt mit eigner Kraft wieder erreichte. Auf Grund der mit diesem schiffe gemachten Erfahrungen wurde im Jahre 19608 beim Luftschifferbataillon ein größeres Luftschiff nach dem halbstarren 253 Wir Luftschiffer system erbaut (fiehe Abbild.), das in demselben Jahre seine Probe⸗ fahrten aufnahm. Durch Einbau zweier 75 Ps Körtingmotoren wurde die Geschwindigkeit des schiffes ganz erheblich gesteigert. Der seil⸗ antrieb wurde beibehalten. Die beiden Motoren können nach Wahl einzeln oder zusammen auf eine doppelte seilscheibe arbeiten, von der je ein Triebseil nach den oberhalb der Gondel am Versteifungsgerüst angebrachten dreiflügeligen Propellern führt. Das Versteifungsgerüst ist aus konstruktiven Gründen in drei gelenkig miteinander verbundene Teile zerlegt. Die beiden hintern Teile sind durch Drahtseilverspan—⸗ nungen zu einem festen Ganzen vereinigt. An dem vorderen Teile des Versteifungsgerüstes ist ein kastenförmiges Höhensteuer angebracht. Die Aufrechterhaltung der prallen Form des Tragekörpers bei Gas—⸗ verlust wird durch zwei Ballonets ermöglicht, die durch einen im Mittelteil des Versteifungsgerüstes angebrachten Zentrifugalventilator aufgeblasen werden können. Am 21. september 1908 gelang es diesem schiff, bei windigem Wetter eine Dauerfahrt von über 13 stunden ohne Zwischen⸗ landung auszuführen, welche Fahrtdauer bisher von keinem Konkurrenten erreicht wurde.“) Das zweite nach diesem Typ erbaute schiff wurde im Frühjahr 1909 fertiggestellt und hat am 26. April 1909 seine Probefahrten aufgenommen. Damit haben wir die in Deutsch⸗ land vorhandenen schiffe der drei systeme kennen gelernt. Bei unsern Nachbarn in Frankreich sind bisher nur schiffe nach dem halbstarren system gebaut worden. Ge⸗ brauchsfertig sind zurzeit der alte als schulfahrzeug die⸗ Major Groß. nende „Le Jeaune“, und das im A ommandeur des Luftschifferbatalllons. — Mit Genehmigung von E. Bieber. rergangene n Jahre sertigge⸗ sospyhotograph, Berlin u. Hamburg. stellte schiff „La République . „) Inzwischen hat Graf Zeppelin diesen Rekord durch seine glänzende 38 stündige Fabrt nach Bitterfeld, Pfingsten 1909. und zutück bis Göppingen weit übertroffen. 254 Die drei systeme Militãrluftschiff II. vhot. Zacob. Beide Konstruktionen stammen von Julliot und find in den Werkstätten der Gebr. Lebaudy erbaut. Außer diesen beiden im eigentlichen sinne des Wortes halbstarren schiffen besitzt die französische Militär⸗ verwaltung noch die in Verdun stationierte, von dem Ingenieur Kapferer konstruierte Ville de Paris“. Von demselben Kon— strukteur stammt der „Clsment-Bayard“ und die „Ville de Bordeaux“. Die drei letztgenannten schiffe find nach dem Vor⸗ bild des ersten erfolgreichen französischen Luftschiffs, der von dem franzößsischen Kapitän Renard bereits 1884 erbauten „La France“, kon⸗ struiert, und stellen einen zwischen dem „unstarren“ und dem „halb⸗ starren“ system liegenden Typ dar, den man wohl am besten als „La France⸗Typ“ bezeichnet. sie unterscheiden fich von den nach dem halbstarren system erbauten schiffen in der Hauptsache dadurch, daß der zwischen Gondel und Tragekörper liegende Versteifungsträger fort⸗ fällt und dafür die Gondel selbst zu einem langgestreckten Fachwerk⸗ träger ausgebildet worden ist, an dem vorne der zweiflügelige Pro⸗ peller (mit fünf Meter Durchmesser), die kastenförmigen Höhensteuer und hinten das große trapezförmige seitensteuer angebracht find. Der mittlere Teil des Trägers ist außen verkleidet und enthält den Maschinenraum sowie den Führerstand. Charakteristisch für diese drei Ausführungen des La France⸗Typs find die am Hinterteile des Trage⸗ 255 Die drei systeme Oberingenieur Basenach vom Luftschifferbataillon. Konstrunteur des Versuche luftschifses und der Mintar⸗ Luftschiffe 1 und II. Phot. Elite. körpers befindlichen, als Hohlkörper ausgebildeten und mit Gas gefüllten vier stabilisierungsflossesl. Eine andere Ausführung dieses Typs ist der von der Gesellschaft Zodiac erbaute Miniaturlenkballon „Le Petit Journal“, Inhalt 700 Kubikmeter, der so konstruiert ist, daß er leicht demontiert und per Wagen oder Bahn zurück⸗ transportiert werden kann, falls er seine Halle mit eigener Kraft nicht mehr zu erreichen in der Lage ist. Halbstarr im eigentlichen sinne des Wortes sind ferner noch das kleine sportluftschiff von Mons. Jacques Faure, das vor einiger Zeit bei seinen ersten Fahr— versuchen scheiterte, und das Luftschiff von Mons. Mallecot, das sich mit Hilfe seiner großen Drachenflächen erst nach Erreichung einer be⸗ stimmten Fahrgeschwindigkeit hebt, deshalb eine Zwischenstufe von Drachenflieger und Lenkballon darstellen soll. Die Engländer haben bisher an ihren von Herrn Cody kon— struierten Luftschiffen „Nulli⸗secundus J und II“ wenig Freude er⸗ lebt. Nachdem das erste schiff im Jahre 1907 gelegentlich eines 256 Konstruktion des Lebaudy. a Gondel, b Tragekõrper, c Lerstefungagerust, d Propeller. LI Wir Luftschiffer Lebaud. Phot. Rol. kleinen Ausfluges nach London durch überlegenen Gegenwind ge⸗ zwungen wurde, im Garten des Crystall Palace niederzugehen, um dort dann bald darauf durch starken Wind vollständig zerstört zu werden, hat sein Nachfolger „Nulli⸗secundus II“ bisher nicht ver⸗ mocht, die scharte auszuwetzen. Er wurde vielmehr bei einer Ver⸗ suchsfahrt im August vorigen Jahres ebenfalls stark beschädigt. Die Hülle des dem halbstarren system angehörigen schiffes ist aus Goldschlägerhaut, dem Blinddarm des Hammels, gefertigt und hat eine auffallend plumpe Formgebung. Das darunter liegende Gerüst ist vollständig mit stoff bespannt und trägt vorn —— La Patrie. Phot. Rol. 258 Die drei systeme Ville de Paris. Phot. Rol. ein Höhensteuer, hinten das zweiflächige seitensteuer und darüber große, horizontale stabilisierungsflächen. Die beiden Propeller, 2½ Meter Durchmesser, befinden sich auf beiden seiten der Gondel und werden durch einen 50 Ps. Antoinette⸗Motor angetrieben. Unterhalb der Gondel ist nach dem Vorbilde der Lebaudyschen Fahrzeuge eine als schraubenschutz dienende Pyramide angebracht. Die ganze Kon⸗ struktion macht einen unbeholfenen und wenig vertrauenerweckenden Eindruck. Zu erwähnen wäre noch das von der amerikanischen — l Clẽment⸗Bayard. Phot. Rol. 259 170 Wir Luftschiffer Militärbehörde angekaufte Baldwinsche Luftschiff, dem La France⸗ Typ angehörend, und das halbstarre, elegante, schlanke Linien bietende italienische Militärluftschiff. Das spanische, halbstarre Luft⸗ schiff „Torres⸗Quevedo“, sowie das unstarre russische, von dem Kapitän schabsky konstruierte Luftschiff waren anscheinend ziem⸗ lich verunglückte Versuchsstücke, die keinerlei Erfolge zu erzielen ver⸗ mochten. Hiermit wäre die Reihe der hauptsächlichsten Ausführungen der verschiedenen systeme erschöpft, so daß wir zu der Abwägung der einzelnen systeme gegeneinander übergehen können. Man wird mir zu einer objektiven Beurteilung der systeme vielleicht die Grundbedingung, die Uninteressiertheit, absprechen, da ich, in Diensten des Luftschifferbataillons stehend, die Aufgabe habe, das halbstarre system technisch weiter zu bilden. Man wird auch bei wohlwollendster schätzung meines ehrlichen Willens zur Objektivität mir scheuklappen vorwerfen, die fich naturgemäß jeder Mensch durch die intensive Beschäftigung mit einer begrenzten Aufgabe, — und welche ist nicht begrenzt, — auf dem fraglichen Gebiete anarbeitet. Nicht mit Unrecht, denn ich bin tatsächlich interessiert und habe infolge der ein⸗ seitigen Beschäftigung in gewissem sinne auch scheuklappen vor den Augen, aber ich beabsichtige gar nicht, meine persönliche Meinung hier kundzugeben, ich bin mir vielmehr wohl bewußt, daß diese nur von geringem allgemeinen Interesse und, wenn auch noch so eingehend begründet, wenig überzeugend wäre. Ich gestehe dies gern zu, habe aber auch die Genugtuung festzustellen, daß ebensowenig wie meine Meinung hierüber, die Ansicht irgendeines Vertreters der anderen systeme Anspruch auf Objektivität besitzt. Es braucht sich niemand darüber zu grämen, dem es ornstlich um das beste, technisch Erreichbare und nicht nur um die Anerkennung seines systems zu tun ist, denn; wir Ingenieure haben das Glück, einen objektiven, streng sachlichen, unbeirrbaren und unerbittlichen Richter für unsere Werke zu besitzen, den technischen Erfolg. Der entscheidet technische streit⸗ fragen, bewertet die verschiedenen eingeschlagenen Wege, systeme und Konstruktionen ganz selbsttätig, begünstigt das sachlich Richtige unter Ausscheidung des Fehlerhaften, findet das Gute und Zweckmäßige in jeder Idee und schweißt es zu neuen Formen, neuen systemen zu⸗ sammen. Im Kampf ums Dasein auf technischen Gebieten, dieser Grundbedingung aller technischen Entwicklung, fiegt das Zweckmäßige, das Bessere wächst aus dem Guten und die endgültige Entscheidung liegt beim Erfolge. Den Erfolg auf diesem Gebiete aber klar und einwandfrei festzustellen ist meine Absicht. Hierzu gehört zunächst die 260 Die drei systeme Das erste englische lenkbare Militärluftschiff Nulli secundus JI bei einem Aufstieg in Aldershot. Phot. Toptcal. Feststellung der anzustrebenden Zwecke und gehören dann die bisher erzielten Leistungen der einzelnen schiffe in ihrem Konkurrenzkampfe. Diesen unpersönlichen, streng sachlichen und unter den gleichen Bedingungen für alle Konkurrenten stattfindenden Wettkampf zu er⸗ möglichen und herbeizuführen, ist die Pflicht jedes ehrlich das sachlich Beste Wollenden, des Produzenten wie des Konsumenten. Als Kon⸗ kurrenten kommen nun zurzeit in Frage die schiffe des „starren“, des „halbstarren“, des „unstarren“ systems und des La France⸗-Typs, die schiffe Zeppelins, des Luftschiffer-⸗Bataillons und der Juillots, Parsevals und Kapferers. Die anzustrebenden Zwecke sind in der Hauptsache militärische und verkehrstechnische, wissenschaftliche kommen erst in zweiter Linie in Frage und sollen hier außer Betracht bleiben. Von militärischer seite aus lauten die Aufgaben: Erkundung, strate⸗ gische und taktische, Niederkämpfen der feindlichen schiffe, Beunruhi⸗ gung und Zerstörung rückwärtiger Zufuhrstraßen, Eisenbahnbrücken, Depots usw., in geringerem Maße Angriff auf Festungen, Biwaks, schiffe und zusammengedrängte Truppenteile. Als Verkehrsmittel hätten die schiffe wohl in absehbarer Zukunft nur die Beförderung 261 Wir Luftschiffer einer verhältnismäßig geringen Anzahl von zahlungskräftigen Passa⸗ gieren, nicht aber dem Massen⸗ oder Gütertransport zu dienen. Außer⸗ dem wäre auch noch die Anwendung von Luftschiffen als sportfahr⸗ zeug zu nennen. Was nun die aus den verschiedenen Verwendungs⸗ zwecken sich ergebenden Anforderungen an die Fahrzeuge betrifft, muß für die Erfüllung der militärischen Zwecke gefordert werden in erster Linie Betriebssicherheit, Geschwindigkeit, Höhen⸗ leistung und große Fahrtdauer, in zweiter Linie Wendigkeit in der Horizontalen und Vertikalen, Angriffs- und Ver⸗ teidigungsmittel im Kampfe mit feindlichen schiffen, Geräuschlosig⸗ keit der Fahrt, Bequemlichkeiten für die Besatzung, gutes Verhalten gegenüber atmosphärischen und elektrischen Einflüssen, große Lebens⸗ dauer, Fähigkeit zur Aufstellung funkentelegraphischer stationen, Landungs⸗ und Verankerungsmöglichkeit auf festem Boden, Transport⸗ fähigkeit im ungefüllten Zustande, geringer Herstellungspreis usw. Für die zu verkehrstechnischen Zwecken gebauten schiffe sind als technische Anforderungen in erster Linie zu nennen: Betriebssicherheit, Geschwindigkeit und möglichst großer Nutzauftrieb zur Aufnahme von Passagieren, in zweiter Linie die gleichen Anforderungen, wie hierfür bereits genannt, hinzukommend vielleicht noch Bequemlichkeit für Besatzung und Passagiere. Die Not⸗ wendigkeit des Einbaus einer funkentelegraphischen station, die Angriffs- und Verteidigungsmittel, sowie die bei den für militärische Zwecke gebauten schiffen in erster Linie zu verlangende Höhen⸗ leistung, d. h. die Fähigkeit des schiffes, längere Zeit in einer Höhe von mindestens 1500 Meter fahren zu können, fällt bei dieser Kate⸗ gorie von schiffen fort. Betrachtet man sich die sache jedoch etwas näher, so findet man, daß die bei den für verkehrstechnische Zwecke gebauten schiffen geforderte große Nutzlast für Passagieraufnahme sachlich genau das gleiche bedeutet wie bei den Militärluftschiffen: Höhenleistung und große Fahrtdauer, denn Höhenleistung ist eine Frage des verfügbaren Ballastes und große Fahrtdauer hängt von der mitzuführenden Menge Benzin ab, läuft also ebenfalls auf große Nutzlast hinaus. Man kann also für beide Kategorien geltend in erster Linie nennen: Betriebssicherheit, Geschwindig⸗ keit und große RNutzlast. Die Nutzlast jedoch nicht in ihrer absoluten Größe, sondern im Verhältnis zur Größe des schiffes ge⸗ messen. Betrachtet man nun die tatsächlichen Leistungen der ver⸗ schiedenen schiffe in Hinsicht auf die genannten Forderungen, so kann man zunächst feststellen, daß die Betriebssicherheit, soweit sie durch 262 Höhensteuer des Z. J. Vhot. scholl u. sohn. Frledelchs alen. Z. L wird aus der Halle gebracht. Phot. scholl u. sohn, Friedrichs haken. Wir Luftschiffer Tatsachen d. h. große Fahrten belegt ist, bei den schiffen des starren, halbstarren und unstarren systems in Deutschland ungefähr die gleiche ist.) Das starre system besitzt insofern einen Vorteil, als das Be⸗ dienungspersonal nicht auf die Aufrechterhaltung des Innendrucks in den Gashüllen zu achten braucht und die Ventilatoranlage ent⸗ behren kann. Dieser Vorteil darf jedoch nicht überschätzt werden, da einerseits die beim unstarren und halbstarren system erforderliche Ventilationsanlage verhältnismäßig leicht betriebssicher zu gestalten ist und anderseits die Aufrechterhaltung des erforderlichen Betriebs⸗ drucks keineswegs große Ansprüche an das Fahrpersonal stellt. Ueber die von den deutschen Fahrzeugen bei den militärischen Erprobungen erzielten Geschwindigkeiten kann ich aus naheliegenden Grũnden keine präzisen Angaben machen. sagen darf ich aber, daß die erzielten Geschwindigkeiten sich nur um wenige Zehntel Meter pro sekunde unterscheiden und zwar zugunsten der halbstarren und unstarren schiffe. Das Verhältnis von Nutzlast und Gesamtauftrieb ift bei den Zeppelinschen schiffen ungefähr 6, bei den Ausführungen der beiden anderen systeme ungefähr 3 bis „, also wesentlich besser. Der Grund hiervon ist das geringere tote Gewicht dieser schiffe. Was die erst in zweiter Linie in Betracht zu ziehenden Anforderungen an⸗ betrifft, so muß noch gesagt werden, daß diese durchaus nicht als gleich⸗ wertig zu betrachten sind. so muß beispielsweise größerer Wert auf rasche steuerwirkung in der Horizontalen und Vertikalen einer⸗ seits und gutes Kurshalten anderseits, auf die Möglichkeit der Aufstellung von funkentelegraphischen stationen, besonders bei militärischer Verwendung der schiffe, auf Landungs- und Verankerungsmöglichkeit auf festem Boden, auf Transportfähigkeit im ungefüllten Zustande (wichtig für Verkehrsfahrzeuge und für Militär⸗ luftschiffe in Friedenszeiten nach Havarielandungen oder stran⸗ dungen) und ferner auf große Lebensdauer gelegt werden. Ich gebe aber zu, daß bei dem heutigen stande der Frage noch eine höhere oder geringere Bewertung der einzelnen Punkte, je nach dem stand⸗ punkte des Beurteilers, gerechtfertigt erscheinen mag. Jedenfalls ist es zurzeit schwer, wenn nicht unmöglich, hinsichtlich dieser fünf in ) Dies trifft jetzt nach der alles bisher Geleistete weit übertreffenden letzten Tauerfahrt des ‚ Z. II“ nicht mehr zu. Das starre system kann zunächst, gestützt auf diesen Erfolg, die größere Betriebssicherheit und mögliche Dauerleistung für sich in Anspruch nehmen, und zwar so lange, bis einer seiner Konkurrenten dasselbe geleistet hat. 2 64 Die drei systeme zweiter Linie genannten Anforderungen in summa einem der systeme oder vielmehr der ausgeführten schiffe eine entscheidende Ueberlegen⸗ heit zuzusprechen. Die Vorteile und Nachteile dürften sich hierbei zu⸗ nächst wohl noch die Wage halten. so ist das Zeppelinsche schiff bei⸗ spielsweise den andern etwas überlegen in der schnelligkeit der Höhensteuerwirkung und in gutem Kurshalten in der Horizontalen. unterlegen jedoch in der seitensteuerwirkung, vielleicht auch etwas überlegen in der Lebensdauer, da die Gashüllen nur geringen Druck auszuhalten haben. schwierigkeiten dürften jedoch noch bei Auf⸗ stellung von Funkenstationen auf den Zeppelinschen schiffen erwachsen, während diese Frage für die andern systeme als gelöst zu betrachten ist. Ganz unmöglich erscheint dagegen bei der jetzigen Ausführung der Zeppelinschen schiffe der Transport des schiffes in un— gefülltem Zustande, während dies bei den Parsevalschen und halbstarren schiffen nach Havarielandungen oder strandungen verhältnismäßig einfach zu bewerkstelligen ist, so daß hierbei das Material gerettet werden kann, wie dieses durch die verschiedenen Zeppelin 1907 und Parseval Jim Vergleich zum Kölner Dom und zur siegessäule in Berlin. Phot. Berl. Ill. Ges. 265 Wir Luftschiffer Landungen der schiffe mit nachfolgender Entleerung der Hülle und Rücktransport zur Genüge dargetan worden ist. Ueberlegen scheinen mit auch die schiffe des unstarren und halbstarren systems in der Landung auf festem Boden, trotz der in der letzten Uebungsperiode des Zeppelinschen schiffes Mod. 19607 wiederholt, auch einmal bei ungünstigen Verhältnissen, durchgeführten Landlandungen, während die Verankerungsmöglichkeit für alle drei systeme wohl dieselbe ist. Jeden salls hat das Militärluftschiff schon verschiedentlich unter ähn⸗ lichen Verhältnissen, wie fie bei der denkwürdigen Landung des Zeppelinschen schiffes bei Dingolfing herrschten, gelandet, fest⸗ gehalten und durch schwierige Passagen transportiert werden müssen. Da die Fesselung der Militärluftschiffe der bewährten Fesselung des für Beobachtungszwecke, auch bei stürmischem Wetter, geeigneten Drachenballons nachgebildet ist, besteht meines Dafürhaltens kein Zweifel, daß diese schiffe auch eine Verankerung bei starkem Wind ohne schaden zu nehmen aushalten würden. Alles in allem, eine klare, einwandfreie Ueberlegenheit des einen systems über das andere läßt sich aus den Leistungen der bisher aus⸗ geführten schiffe nicht erschließen, ihre Leistungen halten sich vielmehr ungefähr die Wage. sicher ist jedoch schon heute, daß die gleichen Leistungen von den unstarren und den halbstarren schiffen mit weitaus geringeren Mitteln erreicht wurden, was zweifellos eine ökonomische Ueberlegenheit dieser schiffe über die nach dem starren system erbauten Fahrzeuge bedeutet. Darüber müssen wir uns aber klar werden, von einer Beherrschung des Luftmeeres in dem sinne beispielsweise, wie der Ozean durch die modernen Dampfer beherrscht wird, kann zurzeit noch keine Rede sein. Mit den bisher erzielten Eigengeschwindigkeiten lassen fich nur bei ruhiger Atmosphäre Entfernungen von einigen 100 Kilo⸗ meter zurücklegen. Bei Windstärke 4 der Beaufort⸗skala, 10 Meter per sekunde, können die schnellsten schiffe noch kürzere Entfernungen bis zu 50 Kilometer gegen den Wind mit einiger sicherheit erreichen, bei Windstärke 5, das sind 12,5 Meter per sekunde, können fie noch dagegen ankommen, aber ohne Terrain zu gewinnen, während bei stärke 6 oder 15 Meter per sekunde auch die schnellsten vorhandenen schiffe hilflos zurückgetrieben werden. Das ist keine Beherrschung des Luftmeeres. Von unten sieht die sache für den Unkundigen ja meistens ziemlich imponierend aus, besonders bei dem Zeppelinschen schiffe, auch bei starkem Wind. Für den Führer des Luftschiffes ist die situation in solchen Fällen weniger imponierend, besonders wenn er sich dabei 266 i 1 2 —— —— — — ——— 2 —— — ir ü . . 8 * 7 — — 2 Die vom Grafen Zeppelin genehmigte Form einer runden Luftschiffhalle. Entwurf der Gute soffnungshuütte in Ober hausen (Rhld.). Lichter Durchmesser der Halle 180 m, aleinste Höhe 20 m. Es sind 1 Tore von 20 2 m llchte roh vorgesehen und so angeordnet, daß sie unabhängig voneinander benutzt werden konnen. Die Umfassungswände werden in Eisenfachwerk mit steinausmauerung ausgeführt. Wir Luftschiffer auf der Leeseite seiner Bergungshalle befindet. Wir stecken eben noch in den Entwicklungsanfängen der Luftfahrzeuge. Wohin sie uns führen, was sie uns schließlich bringen werden, wer will das im Ernste voraussagen? Der Dichter mag es unternehmen. Der nüchterne, das Erreichbare ermessende und ausführende und schrittweise zu immer höherer Vollendung führende Techniker wird diese Frage getrost einer weiteren Zukunft überlassen dürfen. 268 Mit Graf Zeppelin 1900 — 1908. Von Dr. Hugo Eckener. Die Bersönlichleit des Grafen. Jugend⸗ und Leutnantszeit. Kein Mathematiler. Die „General. stabsidee / in seinem Motorballon. Weshalb starres spstem. Ablehnung des ersten Projelts durch den staat 1894. Die seppelinsche Altiengesellschaft zur Förderung der Luftschiffahrt 1898. Der erste sepypelin⸗Ballon von 1900 und seine Zertrümmerung. Widerlegte Befürchtungen. Der „ ver⸗ rũckte schwaben. Lotteriehilfe. Das zweite Fahrzeug von 19056. Vom sturm vernichtet. Die An⸗ gehörigen als Retter in der Nm. Der dritte Lufttreuzer von 1906. Die ersten siege. Der Zev⸗ velin⸗ Ballon von 1907. Die glänzende schweizersahrt und die Katastrophe von Echterdingen. Tiefste Trauer und höchste Erhebung. Die sechs ⸗Millionen⸗ spende und der Ankauf der Lust⸗ lrenzer durch das Reich. ine ganz ungewöhnliche Erscheinung in der Geschichte unserer Tage E ist die Person des Grafen Zeppelin. Was er plante, was er dafür litt und erlebte, was er schließlich errang — alles trägt den stempel des Außerordentlichen und Großen. Wie ein Roman in unserer nüchternen Zeit mutet die Kette seiner Geschicke an, die er wie ein Held trug und bezwang, die ihn durch dunkelste Tiefen bis zu den sonnigsten Glückshöhen menschlichen Erlebens führten. Welch ein Wechsel des Geschickes von jenen trüben stunden, wo er hoffnungslos als ein gedemütigter „Narr“ den Ingenieurtag in Kiel verließ, wo er sich von seinem obersten Kriegsherrn geflissentlich übersehen fand, bis zu den triumphierenden Momenten, wo eine deutsche Hochschule nach der andern ihm das Ehrendoktorat verlieh, wo sein Kaiser ihn mit dem höchsten deutschen Orden und mit brüderlicher Umarmung auszeichnete! Von jenem bittern Augenblick, wo er verhöhnt, gebrochen an den Trümmern seines zweiten Luftschiffs stand, bis zu den seligen Tagen, da er, ein stolzer sieger, die internationalen Fremdenzentren der Nordschweiz und das festlich prangende Rheintal überflog?! Vor großen schicksalen, vor Menschenseelen, die prometheisch strebten und litten, verneigt die Welt sich stets in bewundernder Ehr⸗ furcht. Die Kraft und ritterliche Art vollends, in der Graf Zeppelin seinen Weg sich durchkämpfte, haben ihm Herz und Liebe des deutschen Volkes im sturm erobert. Wenn nach der Katastrophe von Echter⸗ dingen die Millionen dem Grafen aus Hütten und Palästen zu⸗ strömten, ibenn er wie ein neuer Volksheld, wie eine lichte Idealgestalt in unerquicklichen Zeiten von den Massen bejubelt wurde, wenn in 269 Wir Luftschiffer sang und Prosa in hundert schriften sein Werk gefeiert wurde, so ist ohne Zweifel der Zauber, der von seiner charaktervollen Persönlichkeit und von der vorbildlichen Art seines Arbeitens und Ringens ausging, hierfür ebenso bestimmend gewesen als der sachliche Erfolg, so populär das Problem des Lenkballons auch sein mag. Ganz und gar nicht in den herkömmlichen Gleisen und nach der schablone war auch der Lebensabschnitt des Grafen Zeppelin verlaufen, der vor seinen Erfinderjahren lag. Das lebhafte Temperament, das tatkräftige, zielbewußte Wesen, dessen er später zur Durchsetzung seines Lebenswerkes bedurfte, mußte sich naturgemäß auch hier schon zeigen. Es trieb den jungen Leutnant, der nach einer frisch und froh verlebten, Körper und Geist stählenden Jugendzeit kaum die Kriegsschule ver⸗ lassen hatte, zu militärischen studien in den amerikanischen sezessions⸗ krieg hinaus und verlockte ihn hier zu abenteuerlichen Expeditionen in unbekannte Reviere. Es spornte ihn zu manchem bravourösen Reiter⸗ stück im deutschen Kriege und vor allem zu seinem verwegenen Pairouillenritt, durch den er sich zu Beginn des franzöfischen Feld⸗ zuges Verdienst und Namen erwarb. Und es ließ ihn nicht müßig ruhen, als er nach glänzender Karriere in diplomatischem und mili⸗ tärischem Dienst im Jahre 1891 als Generalleutnant seinen Abschied nahm, sondern hieß ihn. mit ganzer Energie sich auf eine Arbeit werfen, durch die er, mit seinem Pfunde wuchernd“, wie er einmal meinte, seinem Vaterlande zu dienen sich vornahm. Wie kam der ehemalige Reiteroffizier dazu, sich an dem Problem des lenkbaren Luftschisfs zu versuchen? Technische Veranlagung und Neigung zu praktischen Arbeiten be⸗ zeugte Graf Zeppelin schon in seinen Knabenjahren, als er selbst mit Eifer in Garten und Werkstatt allerhand nützliches und spiel⸗Gerät fich zusammenschreinerte und ⸗zimmerte. seine großzügige konstruktive Phantasie und seinen eminent praltischen scharfblick für technische Projekte und Möglichkeiten kann man jederzeit in Gesprächen an ihm bewundern, wenn er es selbst auch am entschiedensten ablehnt, in exatt mathematischer Weise als durchgebildeter Ingenieur die Pro⸗ bleme zu durchrechnen. Dazu kam, daß er von Kindesbeinen an sich auf Feld und see offnen Auges getummelt hatte und mit den Kräften der Elemente und dem, was darin fich bewegt und regt, auf vertrautem Fuße stand. Noch heute erzählt er gern, wie er als Erster ein wetter⸗ tüchtiges segelboot auf den Bodensee gebracht und darin sich hinaus⸗ gewagt habe, wenn selbst die Dampfschiffe den Hafen im Föhnsturm nicht zu verlassen wagten. so mußte sich ihm mit Notwendigkeit die Idee eines lenkbaren Luftschiffes aufdrängen, als er im deutsch⸗ 270 Mit Graf Zeppelin 1900 - 1908 franzöfischen Kriege vor Paris wiederholt den Flug der aus der Festung entschwebenden Freiballons verfolgte. Ihm, dem Patrouillenführer par excellence und weitblickenden Generalstäbler, war der militärische Wert eines solchen Instrumentes ganz besonders bewußt. Der Gedanke verließ ihn nicht mehr seit jenen Tagen vor Paris. Die Versuche, die Krebs und Renard ein Dutzend Jahre später mit der „La France“ anstellten, gaben ihm neue Nahrung. seine energische. selbsttätige Natur, die aufs Praktische und Konstruktive gerichtete Art seines Geistes trieben ihn, die Idee in die Wirklichkeit zu überführen. Ende der achtziger Jahre war er bereits im vollen Planen begriffen, und als er im Jahre 1891 nach seiner Verabschiedung mehr Muße bekam, da reifte der Entwurf seines Luftschiffes schnell heran und die Berechnung im einzelnen begann. Die Konzeption des Grafen Zeppelin ist unverkennbar die eines soldaten, die des weitausschauenden Truppenführers. sie stellte von Anbeginn an in Hinsicht auf militärische Verwendbarkeit ein Ideal auf und gab der Technik und Aeronautik harte Nüsse zu knacken. „Es muß Generalstabsidee in einem lenkbaren Militärballon sein,“ sagte er uns einmal gesprächsweise. so erwuchs ihm wie von selbst der Gedanke an ein Luftschiff, das viele Personen zu Beobachtungszwecken Friedrichshafen a. B. aus 1000 Meter Höhe. 271 Wir Luftschiffer tragen sollte, das in mehrtägigen Fahrten viele hundert Kilometer über Land oder see zu weitausholender Aufklärung zurücklegen könnte, das stets von seinem Hafen ausfliegen und ebendorthin zurückkehren müßte, um den Train der Feldarmeen nicht weiter zu vermehren. Ein so leistungsfähiges Luftfahrzeug mußte außerordentlich große Dimensionen und eine hervorragende Betriebssicherheit bei glänzenden Flugeigen⸗ Katastrophe im Allgäu. schaften aufweisen. Graf Zeppelin kam zu der Ueberzeugung, daß nur ein „siarres“ Luftschiff, d. h. ein Fahrzeug mit starrem, metallischem Gerippe, diese Qualitäten würde aufweisen können. Denn nur an einer festen Metallkonstruktion schienen sich die mannigfachen steuer⸗ und Triebkräfte an den theoretisch richtigen, wirksamsten Punkten an⸗ bringen lassen zu können, nur das starre Gerüst schien die Form⸗ erhaltung des dahinfliegenden schiffes unter allen Umständen zu gewährleisten. Es entstand also nach mancherlei Vorversuchen an Modellen usw. das bekannte Aluminiumschiff, das, um genügende Tragkraft für Nutz⸗ last zu erhalten, eine Länge von 126 Meter bei einem Durchmesser 272 Mit Graf Zeppelin 1900 — 1908 von 11,B7 Metern und einem Rauminhalt von 11 500 Kubikmetern auf⸗ weisen mußte, das nahe unter dem schiffskörper zwei Gondeln mit je einem Motor trug und unmittelbar am Rumpf die vier kleinen Propeller und allerlei steuerorgane zeigte. Diesen Entwurf legte er im Jahre 1894 einer vom Kaiser berufenen Kommission von sach⸗ verständigen vor. Die Kommission anerkannte die konstruktiven Vor⸗ züge des Fahrzeugs vor früheren Modellen, konnte sich aus mancherlei Gründen aber nicht entschließen, die Ausführung des Riesenschiffs zu empfehlen. Mit dieser Ablehnung des Projektes durch die staatlichen Instan zen begann die bittere Kampf⸗ und Leidensgeschichte des kühnen Konstrukteurs. Es hieß jetzt, private Faktoren für die sache zu interessieren und zu diesem Behufe den Entwurf nach seiner technischen und finanziellen seite noch einmal gründlich und gewissenhaft durchzuarbeiten. Es vergingen dar⸗ über ein paar Jahre eifrigen Experimentierens, und nun gelang es nach vielen vergeblichen Bemühungen dem Grafen Zeppelin, unter Befürwortung seines Unternehmens durch einige einsichtsvolle In⸗ genieure endlich im Jahre 1898 eine „Aktiengesellschaft zur Förderung der Luftschiffahrt“ mit einem Grundkapital von 800 000 Mark, wovon Der Hohentwiel. Phot. scholl. Wir Lufischiffer. 278 18 Wir Luftschiffer 4 ĩ 2 . 2 g. 2 2 2 7 2 1 Konstruktionsskizze des ersten Zeppelin 'schen Luftschiffmodells (1900). Von der spitze aus verlaufen die A Längsträger, die durch die 16 Querringe — Fy fest verbunden sind. Unterhalb des Mitischiffs verläuft eine verstelfende Gitterträger⸗ onstruntion. In den durch die Querringe abgegrenzten Abteilungen liegt je ein Gasballon. Fünf derselven stnd mit den Mandverlerventilen 1. 2, 3 ufw. ausgestattet. Der Ballast ist in 5 sachen a. b, C usw. enthalten. s bezeichnet das vordere seitensteuer. V die einzlge damals vorhandene söhensteuerfläche. W ist das auf der schiene L bewegliche Laufgewicht. das zur Balanzierung und schrägstellung des Fahrzeugs dienen sollte. M ist die Gondel mit dem Motor, von dem aus die schrauben P bewegt werden. er selbst freilich einen erheblichen Bruchteil zeichnete, ins Leben zu rufen. Der Bodensee wurde als Uebungsfeld für die Versuche aus⸗ ersehen und darauf eine schwimmende Ballonhalle gebaut. Im Juli 1900 stand das erste Fahrzeug fertig in der Halle. Am 2. Juli und dann wieder am 17. und 21. Oktober fanden die ersten Ausstiege statt. Man hatte vielerlei Bedenken gegen das starre Aluminiumschiff geäußert. Man fürchtete, daß das Gerüst sich in der Luft unter der Last der Gondeln verbiegen oder gar knicken würde, daß es das Auflanden auf das Wasser nicht vertragen könnte, daß das Fahrzeug, dessen schwerpunkt sehr hoch lag, fich im Fliegen überschlagen würde, daß die kleinen schrauben ihm keine nennenswerte Geschwindigkeit verleihen könnten, daß die steuerung unwirksam sein werde und ähnliches. Die Versuchsfahrten straften diese Prophezeiungen Lügen. Das Gerippe knickte nicht in sich zusammen, das schiff flog, ohne fich zu überschlagen, es gehorchte den steuern und erreichte eine Geschwindigkeit von etwa 8 Metern in der sekunde. Graf Zeppelin und seine Getreuen, darunter der inzwischen verstorbene Hauptmann von sigsfeld, weinten vor Freude über das günstige Resultat. Zwar waren kleine Unvollkommen⸗ heiten zutage getreten; die Festigkeit des schiffskörpers konnte etwas größer sein, die Geschwindigkeit höher, die Höhensteuerung und stabili⸗ sietung vollkommener — aber man sah, wie es zu verbessern war. Voll guter Zuversicht reiste daher Graf Zeppelin im Juni des nächsten Jahres zum Ingenieurtag nach Kiel, um sich dort Unter⸗ stützung zur Fortführung seines Unternehmens zu sichern. Denn die Geldmittel waren erschöpft, und man brauchte moralische Unterstützung seitens der technischen Autoritäten, um weitere Fonds zusammen⸗ zubringen. Nie wurde ein Erfinder grausamer enttäuscht! Man behandelte ihn wie einen schulbuben, ließ ihn gar nicht zu Worte 274 Mit Graf Zeppelin 1900 - 1908 sei mir gegrüßt mein Berg Mit dem rötlich strahlenden Gipfel. (schiller.) kommen und sagte ihm mit dürren Worten, daß sein „Monstrum“ abgetan sei. Ohne Hoffnung im Herzen, tief gedemütigt reiste der 63jãhrige alte Hert an seinen Bodensee zurück. Und hier schienen sich auch die Elemente gegen ihn verschworen zu haben. Ein sturm riß die Ballonhalle von ihrer Verankerung und warf sie auf den strand. Ein wüster Haufen von Trümmern und Gebälk erinnerte an das hohe Tor, aus dem das schiff der Zukunft hatte hervortauchen sollen. Graf Zeppelin gab sein spiel nicht verloren. Er setzte sich hin und arbeitete an der Verbesserung seines Fahrzeugs, und er begann unermüdlich im Lande für seine sache zu agitieren und Anhänger zu werben. Es wollte zunächst nicht glücken. Im Jahre 1903 erließ er einen „Notruf zur Rettung der Luftschiffahrt“. Er brachte ganze 15 000 Mark ein. Tausend Demütigungen und Abweisungen mußte der „verrückte schwabe“ vergeblich hinnehmen. Die Gunst seines Königs und ein Wechsel im preußischen Kriegsministerium brachten ihm endlich Hilfe. Es wurde ihm eine Lotterieveranstaltung zum Besten seines Unternehmens konzessioniert, ein Aluminiumfabrikant lieferte ihm „leihweise“ das benötigte Metallgerüst und andere Gaben kamen hinzu zu dem, was er selbst aus eignen Mitteln aufbringen 275 18 Wir Luftschiffer konnte. Nun wurde das zweite schiff gebaut. Im November 19605 war es fertig. Aber es schwebte ein Unglücksstern über ihm. Als es am 30. November zur Probefahrt die Halle verließ, brach infolge eines Mißgeschicks sofort das vordere steuer und ein böiger Wind trieb es hilflos an das schweizer Ufer hinüber, wo es mit knapper Not vor der strandung bewahrt wurde. Am 17. Januar 1906 war der schaden repariert und es wurde ein neuer Versuch gemacht. Er schien zunächst einen glänzenden sieg zu versprechen. Das schiff stieg stabil auf und begann mit erheblicher Geschwindigkeit, die man auf 13—14 Meter in der sekunde schätzte, in ruhiger Gleichgewichtslage zu fliegen und sicher dem steuer zu gehorchen. Da trat ein Defekt an der Achse eines seitensteuers ein, die gestörte Vorwärtsbewegung rief starke Pende⸗ lungen des Fahrzeugs hervor, infolge deren sich eine Verbindung am vorderen Motor löste, und man mußte den steuerlosen Ballon von dem heftigen südwest in das Allgäu hinauftreiben lassen. Hier landete man trotz der steuerlosigkeit ganz glatt und glücklich auf dem über⸗ eisten Boden, aber ein bald darauf einsetzender Wintersturm knickie das Fahrzeug in der Mitte durch. Alles schien nun verloren. Wie betäubt stand Graf Zeppelin vor dem traurigen Wrack. Mit großer selbstbeherrschung leitete er noch die Aufräumungsarbeiten am schiff, das mit Aexten und sägen schleunigst zertrümmert wurde. „Nie baue ich wieder ein Luftschiff,“ meinte er dabei resigniert einem alten Bekannten gegenüber, der ihn auf der Unglücksstätte besuchte. Dann aber brach er zusammen. Wer ihn in den nächsten Wochen sah, kannte ihn kaum wieder. Um 20 Jahre schien er plötzlich gealtert. Denn mit dem Traum seines Lebens schien ihm gleichzeitig auch die materielle Grundlage seiner Existenz zu ent⸗ schwinden, da in Livland, wo seine Besitzungen lagen, die Revolution ihm Hab und Gut vernichtete. Er mußte einen Wiederaufbau seines Luftschiffes für ausgeschlossen halten. Zwar war er durch den ver⸗ heißungsvollen Anfang der Unglücksfahrt mehr denn je von der Vor⸗ trefflichkeit seiner Konstruktion überzeugt worden. Aber wen konnte er sonst davon zu überzeugen hoffen? Er wollte den Versuch gar nicht erst machen. „Die Welt soll gar nicht wissen, wie gut mein Luftschisf ist!“ rief er uns gegenüber einige Tage nach der Katastrophe aus. In diesen düstersten Tagen waren es die Gattin und die Tochter des Grafen, die als „gute Kameraden“, als Helfer in der Not sich be⸗ währten. sie bestimmten ihn zur Wiederaufnahme seiner Arbeiten, an denen er mit allen Fasern seines Herzens hing. sie erklärten fich unbedenklich bereit, den gewohnten Lebenskomfort auf ein Minimum 276 Mit Graf Zeppelin 1900-1908 zu beschränken, um den Wiederaufbau des schiffes, an das sie glaubten, zu ermöglichen. Nach einigem Zögern willigte Graf Zeppelin ein. Er fühlte selbst, daß Weiterleben für ihn Weiterarbeiten bedeutete. Wir besuchten ihn in diesen Tagen in seinem Hotelzimmer in Friedrichs⸗ hafen. Wir brauchten nur einen Blick auf ihn zu werfen, um zu wissen, wie die sache stand. .Es wird also doch weitergebaut, Exzellenz?“ meinten wir statt aller weiteren Begrüßung. „Jawohl, es wird weitergebaut!“ rief er, und sein ganzes Wesen war strahlender sonnenschein. Das zweite Modell war, wie wir schon sagten, erheblich besser als das erste gewesen. Durch ein neues Versteifungsverfahren hatte das Gerüst eine erheblich größere Festigkeit erhalten, das Laufgewicht unter dem schisfskörper, vermittels dessen man die schrägstellung des Ballons regeln wollte, hatte eine bessere Lage bekommen, der steuer⸗ apparat unter dem schiff war wirksamer ausgebaut, und vor allen Dingen hatte das Fahrzeug zwei Motoren von je 85 Es statt solcher von nur 15 Ps gehabt. Das alles hatte sich bewährt, und das dritte Modell wurde deshalb genau nach dem Muster des zweiten konstruiert. Nur eine wichtige Verbesserung kam hinzu: Um die Pendelbewegungen, die bei ungleichmäßiger Fahrt und beim Gebrauch des Höhensteuers eintraten, zu dämpfen, wurden ein Paar sogenannter stabilifierungs⸗ flächen am Hinterende des Rumpfes neuangebracht. Die verfügbaren Mittel waren gerade aufgezehrt, als am 9g. Oktober 1906 das neue schiff flugbereit in seiner Halle lag. An ihm hing die letzte Hoffnung. Eine recht nachdenkliche stimmung herrschte in dem kleinen Kreise der wenigen Getreuen, mit denen Graf Zeppelin in seinem Boot zur Werft hinausfuhr. Würde es diesmal glücklich gehen? Der alte Graf war scheinbar am gleichmütigsten. Er scherzte unterwegs über allerlei Nichtigkeiten, traf Anordnungen für diese und jene Nebensächlichkeiten, gerade als ob es nicht das Geschick seiner Erfindung, seines weiteren Lebens wäre, was sich in den nächsten stunden entscheiden sollte. Es ging jetzt! Mit einer wunderbaren Ruhe und sicherheit zog am g9. und 10. Oktober das Luftschiff in mehrstündigen Fahrten seine Bahn über den Bodensee, ein gehorsames Instrument in der Hand seines Meisters. Nichts versagte auf den beiden Versuchsfahrten. Die Geschwindigkeit erzielte den bisher unerreichten Betrag von 14 sekundenmetern. Die ganze Welt der Fachleute verfolgte mit spannung und höächstem Interesse diese Glanzleistungen. 277 Wir Luftschiffer Graf Zeppelin schien sieger zu sein. Aber er war es vorerst nur moralisch. Materiell gesichert war sein Unternehmen auch jetzt noch nicht. selten sahen wir ihn niedergeschlagener als in den ersten Tagen nach jenen siegesflügen, die ihn mit höchster Triumphstimmung hätten erfüllen müssen. seine Mittel waren so erschöpft, daß er nicht das Gas für eine dritte Versuchsfahrt beschaffen konnte. Die ganzen Anlagen waren so beschränkt und unzulänglich, daß das Ein⸗ und Ausbringen des Luftschiffes jedesmal wie ein gewagtes Unterfangen erscheinen mußte, das bei der Ausfahrt am 10. Oktober fast übel ausgegangen wäre. Die Militärverwaltung hatte sich bisher äußerst zurückhaltend gegenüber dem Grafen gezeigt; der oberste Kriegsherr war, wie man wußte, durchaus voreingenomnien gegen das starre system. Woher konnte jetzt schnelle Hilfe kommen? Wie konnte der greise Konstrukteur vollends darauf hoffen. die Hunderttausende, die er seiner Idee geopfert hatte, je wieder zurückerstattet zu erhalten? Aber die Hilfe kam nun doch, wenn auch zögernd. Das Reichsamt des Innern, in dem vornehmlich der Geheime Oberregierungsrat Dr. Lewald fich warm der sache Zeppelins annahm, trat zuerst hervor. Es beschloß, dem Grafen aus Reichsmitteln eine geeignete schwimmende Halle zu erbauen. Und der preußische Kriegsminister folgte nach. Wenn er sich auch nicht entschließen konnte, das starre Fahrzeug an⸗ zukaufen und mit eigenen Mitteln weiter auszubauen, so trat er doch ein für die Gewährung einer Lotteriekonzession an den Grafen Zeppelin, um ihm die Mittel zum Weiterarbeiten zu verschaffen. so konnte allmählich fortgeplant werden für die Kampagne 1907. Gegen Ende september lag ein verbessertes Modell zu neuen Versuchs⸗ fahrten bereit. Mit ungeheurer Erwartung sah die Welt den Fahrten entgegen. Zu Tausenden kam das Publikum per Bahn und schiff und Wagen nach Friedrichshafen, als die Kunde vom Beginn der Aufstiege sich verbreitete. Der Name Zeppelin war von einem seltsamen Zauber. Der große Generalstab, das Reichsmarineamt, das Kriegsministerium und andere Behörden hatten Kommissare entsandt, welche den Ver⸗ suchen anwohnen sollten. Zu wahren Festtagen wurden die Tage der Vorführungen. Das neue Luftschiff war im Gerüst das gleiche wie im Vorjahr, nur die steueranlage war insofern verändert, als sie von unten an die seiten des schiffskörpers verlegt war. Am neuen Platze wirkte sie noch kräftiger, und die Leistungen des Fahrzeuges erregten nunmehr hohe Bewunderung. Besonders in der Vertikalebene ließ sich 276 Mit Graf Zeppelin 1900 1908 das schiff mit größter Leichtigkeit und sicherheit meistern, wenn es mit 14 bis 15 Meter Geschwindigkeit die Luft durchschnitt oder zum Landen oder Aufsteigen gebracht wurde. In der Woche vom 24. bis zum 30. september machte der Graf eine Reihe von glänzenden Parade⸗ fahrten, eine schöner wie die andere, auf denen er seine alten Freunde und die Reichskommissare nach einander in die Gondel nahm und über das herrliche Bodenseegestade im Fluge hinweg⸗ trug. Eine achtstündige Fahrt., die weit nach Oberschwaben hinauf und Eine Erinnerung von der schweizer Fahrt. Rndeinsaul bei schasshausen. mehrfach über die ganze Länge des sees führte und erst mit Eintritt völliger Nachtdunkelheit ihr Ende fand, beschloß die serie der Versuche. Der äußere Erfolg für den Grafen Zeppelin bestand darin, daß das offizielle Deutschland jetzt endlich der Frage näher trat, die starren schiffe als „Luftkreuzer“, wie iht Konstrukteur es stets gewollt hatte, für das Reich zu erwerben. Der Reichstag bewilligte eine summe von reichlich 2 Millionen Mark, worin eine persönliche Entschädigung an den Grafen einbegriffen war, zum Ankauf des fertigen und eines noch zu erbauenden zweiten schiffes, unter der Bedingung, daß dieses eine 24stündige Dauerfahrt machen werde. Ob diese Verklausulierung, die „skeptiker“ wünschten, richtig war, darüber kann man rechten. 279 Wir Luftschiffer sicherlich muß das starre Riesenschiff über ein langes Flugvermögen verfügen, um sich behaupten zu können. Man konnte aber aus den letzten Fahrten rein rechnerisch erweisen, daß es wenigstens Z30stündige Flüge auszuführen imstande sei. Etwaige Bedenken, ob der motorische Apparat zuverlässig genug arbeite und stark genug sei, um die atmosphärischen Einflüsse dynamisch zu überwinden, mußte ein objektiver Beobachter im Hinblick auf die wunderbare Entwicklung der Motorbautechnik gering achten. so zwang man den Grafen Zeppelin. um endlich aus der ewigen Geldklemme herauszukommen, so schnell wie möglich eventuell unter ungünstigsten äußeren Bedingungen, die Fernfahrt zu versuchen und damit das Luftschiff, das uns ein wert⸗ voller nationaler Besitz sein mußte, auf das spiel zu setzen. Infolge mancher Verzögerungen wurde es wirklich heißester Hoch⸗ sommer, bis das neue 15 000⸗Kubitmeter⸗schiff flugbereit in der Halle lag. Der Kriegsminister mit verschiedenen höheren Offizieren, die Reichskommissare und ein zehntausendköpfiges Publikum eilten an den Bodensee, um dem Lösungsversuch der gestellten Aufgabe zuzuschauen. Man mußte enttäuscht wieder abziehen. Die seitensteuerung hatte sich als verfehlt erwiesen. Das neue Fahrzeug gehorchte nicht. Aber während man den Grafen noch mit Experimenten zur Verbesserung der steuerkonstruktion beschäftigt glaubte, wurde die Welt plätzlich durch die Meldung verblüfft, daß sein Luftschiff über dem Vierwald⸗ stätter see kreuze und das internationale Fremdenpublikum am Quai von Luzern in Exstase versetze. Als Graf Zeppelin spät am Abend dieses Tages, des 1. Juli, nach zwölfstündiger glänzend ver⸗ laufener Fahrt über die ganze Nordschweiz in seine Halle zurückkehrte, da war er, ohne es selbst zu wissen, sieger in jeglicher Hinficht. Das ganze Deutschland, vorab das engere Heimatland des Grafen, erhob ihn entschiedener als je zu seinem Helden, den es, unter Umständen selbst gegen die offiziellen Faktoren, mit allen Kräften zu stützen ge⸗ sonnen war. Irgend eine skepsis gegenüber dem starren system — davon konnte man sich auf schritt und Tritt überzeugen — gab es im Volke nicht mehr. Es schadete dem Grafen Zeppelin gar nichts, daß er Mitte Juli, beim zweiten Versuch die Fernfahrt anzutreten, eine schwere Havarie an seinem Fahrzeug erlitt. Und ruhig durfte er denn zu Anfang August heimlich, ohne Hinzuziehung der Reichs⸗ kommissare und staatlich bestellten Begutachter, sich auf die große Prüfungsfahrt begeben, ohne sorgen über die Aufnahme dieses schrittes durch die Reichsinstanzen. Dies war wenigstens die Auf⸗ fassung, die im Friedrichshafener Kreise herrschte. 280 Mit Graf Zeppelin 1900 - 1908 Der Ausgang, den die Dauerfahrt nach Mainz nahm, sollte ein ganz merkwürdiger und außerordentlicher werden. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich rheinabwärts die Kunde, daß Graf Zeppelin auf großer Fahrt unterwegs wäre. Im Triumphe ging es über die reichen Gaue des stromes hin. Wohin das stolze schiff kam, krachten die Böller, flatterten die Fahnen und Wimpel, winkte und jauchzte das Volk zu Zehntausenden, zu Hunderttausenden. Der Messias der Lufteroberung Zürich vom Z. JL aus. war für alle da, auf den man seit des sagenhaften Dädalus Zeiten ge⸗ harrt hatte. In seinen kühnsten Träumen hatte Graf Zeppelin nicht erwartet, sich und sein Werk je als Gegenstand so begeisterter Kund⸗ gebungen zu sehen. Bis hinter Worms ging die Reise ungestört vonstatten. Ein Motordefekt und infolge der starken sonnenbestrahlung entstandener Gasverlust zwangen dann gegen Abend bei Nierstein zu einer Zwischen⸗ landung, um zu reparieren und das schiff zu entlasten. Gegen Mitter⸗ nacht war man wieder flott, erreichte Mainz und hoffte in der Frühe des nächfsten Morgens wieder am Bodensee zu sein. Da zwang ein neuer Motordefekt südlich von stuttgart bei Echterdingen zu einer zweiten Zwischenlandung. Während man reparierte, erhob sich ein Gewittersturm, riß das Fahrzeug los und verursachte eine Explosion. 281 Wir Luftschiffer Wie ein Donnerschlag traf diese Kunde die Nation, die sich eben noch an dem Gedanken berauscht hatte, das beste Luftschiff der Welt zu besitzen. Und Graf Zeppelins nähere Freunde fragten sich nieder⸗ geschmettert im ersten schrecken, ob jetzt wohl alles aus wäre, ob der greise Konstrukteur, so nahe am Ziel seines strebens, resignieren müsse. In Friedrichshafen, wo man zum Empfange des heimkehrenden schiffes alles festlich bekränzt hatte, schien man dieses zu befürchten. Die Fahnen wurden eingezogen, jegliche Musik verstummte, und wie eine große Trauerversammlung stand die Einwohnerschaft schweigend vor der Wohnung des Grafen, stundenlang, auf authentische Nach⸗ richten wartend. Graf Zeppelin erzählte später, daß er nicht einen Augenblick die Befürchtung gehabt habe, als ob es nun mit seinem Luftschiffern zu Ende sein könne. Und er behielt Recht. Er durfte fich getragen fühlen von der Liebe und dem Vertrauen des ganzen Vaterlandes zu ihm und seinem Werk. Wie ein Mann regte sich das deutsche Volk in einer beispiellosen Opferfreudigkeit, aus Hütten und Palästen strömten die Gaben herbei, die dem kühnen Manne die Fortführung seines Arbeitens ermöglichen sollten. so kurios es klingt: ein Freudentag in Friedrichshafen war schon der nächste, der auf das Unglück folgte, und Freudentage waren die weiteren. Denn in stößen liefen die Tele⸗ gramme ein, die Tausende, ja, Zehntausende dem Grafen zur Ver⸗ fügung stellten. Vierundzwanzig stunden nach der Vernichtung des Luftschiffes waren schon 900 000 Mark dem Grafen persönlich über⸗ wiesen und nach einigen Wochen waren es 6 Millionen. Das be⸗ klagenswerteste Unglück schlug aus zum höchsten Glück. Das deutsche Volk gewährte in rührendem Vertrauen dem alten Herrn auf das Freigebigste die Mittel, unbehindert endlich seine Ideen zu ver⸗ wirklichen. Im Herbste schon nahm Graf Zeppelin seine Versuche wieder auf mit dem umgeänderten Modell 1907. Und mit diesen Fahrten, bei denen er eine Reihe deutscher Fürsten wie in einem altbewährten Verkehrsinstrument mit durch die Lüfte trug, erreichte er nunmehr auch sein letztes Ziel, sein schiff als militärisch verwendbares Fahrzeug anerkannt zu sehen. In frischer Erinnerung steht die eigenartige Begrüßungsfahrt, die er mit dem deutschen Kronprinzen in der Gondel nach Donaueschingen hin unternahm, wo der Kaiser gleichzeitig im Hofzuge einlaufen sollte. Der unmittelbare Erfolg dieses gelungenen stückleins war die Abnahme des Luftschiffes durch die Militär⸗ 282 Mit Graf Zeppelin 1900 1908 Der Jubel in straßburg i. E. verwaltung. Drei Tage darauf besuchte der Monarch sodann den Grafen Zeppelin in Friedrichshafen. Er ließ sich das Luftschiff vor⸗ führen und bekannte sich mit Wärme als überzeugten Anhänger des starren systems. Am schlusse seines Besuchs verlieh der Kaiser dann dem Grafen den hohen Orden vom schwarzen Adler als sichtbares 283 Wir Luftschiffer Zeichen seiner Huld, die der Gefeierte in seinem tiefloyalen soldaten⸗ sinn so lange schmerzlich entbehrt hatte. Die vergangenen acht Jahre, und besonders das letzte, haben den Grafen Zeppelin durch Höhen und Tiefen des menschlichen Erlebens gefũhrt, wie selten sie ein sterblicher erfährt. Ueberreichlich hat zuletzt das Glück sein Füllhorn über ihn ausgeschüttet. Mögen weitere bittere Erfahrungen ihm künftig erspart bleiben, und mag es ihm vergönnt sein, noch lange im Dienste seines Vaterlandes weiterzuschaffen. Eine Genugtuung. Der Besuch des Kaisers beim Grafen Zeppelin. 284 Wilitär und Luftschiffahrt. Von Ewald v. Kleist, Hauptmann im Luftschiffer-⸗Batalllon a. D. Trachenballon sigsfeld⸗Parseval. Aufgaben der Tallonerkundung im Kriege. Die deutschen Mili— trmotorballons von Parseral, Zeppelin und Groß. Französische Artegsluftfchiffe von Zulliot und Clément. Die maßgebenden Eigenschaften bei Motorballons im Heeres dienst. Ballongeschünge Das Luftschiff ald Triegs waffe. ür den Heerführer ist rechtzeitig umfassende Kenntnis von den F Absichten und Maßnahmen des Gegners von der größten Be— deutung. Er sucht sich diese Kenntnisse mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu verschaffen. Der Armee, um Tagemärsche vor— geschoben, sucht die Reiterei Einblick in die Verhältnisse beim Feinde zu gewinnen, der aber seinerseits mit allen Kräften danach strebt, dies zu verhindern. so werden Patrouillen häufig nur in der Lage sein, die Anwesenheit feindlicher Kräfte zu melden, ohne Angaben über die stärke bringen zu können. Was hinter der Front des Gegners vorgeht, entzieht sich meist gänzlich der Kenntnis. Die schwierig— keiten der Erkundung haben sich mit dem gewaltigen Anwachsen der Heere, der zunehmenden Ausnutzung und Anpassung an das Gelände gesteigert. Mehr noch die schwierigkeiten für die Führung, sich aus den zahlreichen, oft nicht ausreichenden und sich häufig wider— sprechenden Meldungen ein zutreffendes Bild der Gesamtlage zu machen. Daher muß der Kriegsführung jedes neue Mittel willkommen sein, welches verspricht, ihr die schwere Aufgabe zu erleichtern. so lag es nahe, auch den Luftballon in den Dienst des Heeres zu stellen. Tatsächlich geschah dies schon wenige Jahre nach seiner Erfindung durch die franzöfische Regierung in den Revolutionskriegen. Im Jahre 1794 wurde auf ihren Befehl eine Luftschifferabteilung gebildet. sie war mit einem Fesselballon von etwa 300 Kuhitmetern ausgerüstet, der an einem seile hochgelassen wurde. Das zur Füllung erforderliche Wasserstoffgas wurde an Ort und stelle erzeugt. Das dabei an⸗ gewendete Verfahren war ziemlich umständlich und zeitraubend, daher ließ man den Ballon solange als möglich gefüllt und führte ihn unter n 28 Wir Luftschiffer unendlichen Mühen und Beschwerden auch auf Märschen in diesem Zustande mit. Zur Erkundung wurde er mehrfach benutzt, besonders erfolgreich sollen die Beobachtungen in der schlacht bei Fleurus und später bei der Belagerung von Mainz gewesen sein. Jeden⸗ falls befriedigten die Erfahrungen, denn man bildete eine zweite Luftschifferkompagnie. Beide Abteilungen nahmen an den folgenden Feldzügen teil, wurden aber nach der Expedition nach Aegypten aufgelöst. Für fast 100 Jahre verschwindet der Luftballon aus den Heeren, nur vereinzelt wird er verwendet und hat, da die Truppenteile immer erst im Bedarfsfalle gebildet wurden, meist wenig befriedigt. Nur in den sezessionskriegen hat man ausgiebig Gebrauch von ihm gemacht und gute Erfolge erzielt. Eine Aenderung in der Bewertung der Ballons brachten erst die Erfahrungen bei der Belagerung von Paris. Von aller Verbindung mit dem Lande abgeschlossen, entsandte die belagerte Hauptstadt mehr als 60 Ballons mit Nachrichten und Brieftauben und stellte, trotz des eisernen Ringes der deutschen Heere auf dem freigebliebenen Wege durch das Luftmeer einen Nachrichtenaustausch mit der Provinz her. In allen Ländern widmete man sich nunmehr eifrig den Ver⸗ suchen, die Luftschiffahrt in den Dienst der Kriegsführung zu stellen, und in den meisten Heeren wurden in den achtziger Jahren ständige Truppenteile aufgestellt, denen die weitere Ausbildung des neuen Kriegsmittels übertragen wurde. Diese Luftschifferabteilungen waren zuerst mit Kugelfesselballons ausgerüstet, welche, wie die jetzt gebräuch⸗ lichen Freiballons, aus einer Hülle von seiden⸗ oder Baumwollenstoff bestanden. Zur Dichtung wurde anfangs allgemein Firnis verwendet. Erst später benutzte man, zuerst bei der preußischen Luftschifferabteilung, Gummidichtungen, zu deren schutz gegen Zersetzung durch das sonnen⸗ licht der stoff gelb gefärbt wurde. In jahrelangen, mühevollen Arbeiten wurden diese deutschen Ballonstoffe weiter ausgebildet und werden jetzt überall dort gebraucht, wo an Dichtigkeit und Festigkeit besonders hohe Anforderungen gestellt werden. Ueber der Hülle liegt ein Netz, seine Leinen laufen nach einem kräftigen Ring, an dem der Korb aufgehängt ist. An dem Ring wird das Haltekabel befestigt. Es besteht aus Hanfseil oder stahldraht und trug früher eine Fern⸗ sprechleitung. Da diese aber bei starkem Kabelzug sehr bald schadhaft wurde, führt man fie jetzt als besondere Leitung vom Korb zur Erde. Das Haltekabel ist auf der Trommel einer fahrbaren Dampfwinde angebracht. Zur Füllung des Ballons diente Wasserstoffgas, das in fahrbaren Erzeugern entweder aus Eisen und schwefelsäure oder durch Erhitzung 286 Französischer Fesselballon in der schlacht gegen die Oesterreicher bei Fleurus 1794. Wir Luftschiffer Zeichen seiner Huld, die der Gefeierte in seinem tiefloyalen soldaten⸗ sinn so lange schmerzlich entbehrt hatte. Die vergangenen acht Jahre, und besonders das letzte, haben den Grafen Zeppelin durch Höhen und Tiefen des menschlichen Erlebens gefũhrt, wie selten sie ein sterblicher erfährt. Ueberreichlich hat zuletzt das Glück sein Füllhorn über ihn ausgeschüttet. Mögen weitere bittere Erfahrungen ihm künftig erspart bleiben, und mag es ihm vergönnt sein, noch lange im Dienste seines Vaterlandes weiterzuschaffen. Eine Genugtuung. Der Beluch des Aalsers beim Grasen Zevvelln. 284 Wilitär und Luftschiffahrt. Von Ewald v. Kleist, hauptmann im Luftschiffer · Vatalllon a. D. Trachenballon sigsfeld⸗Parseval. Aufgaben der Ballonerlundung im Kriege. Die deutschen Mili⸗ türmotorballons von Parseval, Zeypelin und Groß. Französische Kriegsluftschiffe von Julliot und Clement. Die maßgebenden Eigenschaften bei Motorballons im Heeresdienst. Ballongeschutze. Das Luftschiff als Kriegswaffe. ür den Heerführer ist rechtzeitig umfassende Kenntnis von den F Absichten und Maßnahmen des Gegners von der größten Be⸗ deutung. Er sucht sich diese Kenntnisse mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu verschaffen. Der Armee, um Tagemärsche vor⸗ geschoben, sucht die Reiterei Einblick in die Verhältnisse beim Feinde zu gewinnen, der aber seinerseits mit allen Kräften danach strebt, dies zu verhindern. so werden Patrouillen häufig nur in der Lage sein, die Anwesenheit feindlicher Kräfte zu melden, ohne Angaben über die stärke bringen zu können. Was hinter der Front des Gegners vorgeht, entzieht sich meist gänzlich der Kenntnis. Die schwierig⸗ keiten der Erkundung haben sich mit dem gewaltigen Anwachsen der Heere, der zunehmenden Ausnutzung und Anpassung an das Gelände gesteigert. Mehr noch die schwierigkeiten für die Führung, sich aus den zahlreichen, oft nicht ausreichenden und sich häufig wider⸗ sprechenden Meldungen ein zutreffendes Bild der Gesamtlage zu machen. Daher muß der Kriegsführung jedes neue Mittel willkommen sein, welches verspricht, ihr die schwere Aufgabe zu erleichtern. so lag es nahe, auch den Luftballon in den Dienst des Heeres zu stellen. Tatsächlich geschah dies schon wenige Jahre nach seiner Erfindung durch die französische Regierung in den Revolutionskriegen. Im Jahre 1794 wurde auf ihren Befehl eine Luftschifferabteilung gebildet. sie war mit einem Fesselballon von etwa 300 Kubikmetern ausgerüstet, der an einem seile hochgelassen wurde. Das zur Füllung erforderliche Wasserstoffgas wurde an Ort und stelle erzeugt. Das dabei an⸗ gewendete Verfahren war ziemlich umständlich und zeitraubend, daher ließ man den Ballon solange als möglich gefüllt und führte ihn unter 285 Wir Luftschiffer Ein schweres Hindernis für den kugelförmigen Fesselballon war der Wind, der ihn hin- und herwarf und oft ganz zu Boden drückte. Durch diese schwankungen, die sich dem Korbe mitteilten, wurde die Erkundung natürlich außerordentlich erschwert; sie stellte an den Be⸗ obachter große körperliche Anforderungen und wurde bei Wind⸗ geschwindigkeiten von mehr als 10 Meter in der sekunde überhaupt unmöglich — also an ungefähr 100 Tagen im Jahr. Die Einführung des Drachenballons erhöhte die Leistungsfähigkeit der Luftschiffer⸗ abteilungen ganz wesentlich. selbst bei Windgeschwindigkeiten bis zu 20 Meter in der sekunde steht der Drachenballon verhältnismäßig ruhig und ermöglicht dem geübten Beobachter eine Erkundung. Die Tage, an denen man wegen zu starken Windes einen Drachenballon nicht mehr verwenden kann, sind fast als Ausnahmen anzusehen und werden im Laufe eines Jahres die Zahl 10 kaum übersteigen. Auf Anregung des durch sein Motorluftschiff belannten bayerischen Majors a. D. von Parseval konstruierte zu Beginn der 90er Jahre der spätere Hauptmann im preußischen Luftschifferbataillon Hans Bartsch von sigsfeld den ersten Drachenballon. Die längliche Hülle ist mit Gas gefüllt, besitzt aber am unteren Teil eine Abteilung, das sogenannte Ballonet, in welche durch eine Oeffnung der Wind hineinbläßt. Da⸗ durch füllt sich das Ballonet in dem Maße mit Luft als Gas verloren geht und erhält die Hülle in ihrer Form, welche sonst durch den Wind verloren ginge. Damit sich der Ballon mit seinem Kopf stets in den Wind einstellt, ist an seinem hinteren Ende eine sackartige Ver⸗ breiterung angebracht, der steuersack. Ebenso wie das Ballonet wird auch er durch den Wind aufgeblasen. Um die Wirkung des steuersacks zu verstärken und damit der Ballon noch ruhiger steht, ist gleichfalls am hinteren Ende der schwanz befestigt, ähnlich wie ein Drachen⸗ schwanz an einem Kinderdrachen. Rings um die Hülle läuft ein Gurt mit stoffösen, von welchen die Leinen nach dem Fesselkabel und dem Korbe führen. Da der Ballon schräg liegt, hebt ihn der Wind wie einen Drachen. Nach langen Versuchen wurde er 1896 zuerst im deutschen und bald darauf in den meisten anderen Heeren eingeführt, so daß er jetzt sast ausschließlich verwendet wird. Die Ausstattung der Luftschifferabteilung ist beinahe in allen staaten gleichartig und beruht auf der Verwendung des Drachenbullons und von verdichtetem Gas zur Füllung. Im einzelnen finden sich natür⸗ lich zahlreiche Abweichungen, die aber nicht von Belang sind. Im Kriege wird einer Armee oder auch einzelnen Armeekorps — je nach der vorhandenen Zahl — eine Luftschifferabteilung zugewiesen. sie führt auf ihren Fahrzeugen die nötigen Füllungen und Ballons mit. 290 Militär und Luftschiffahrt Weitere Füllungen folgen auf den Gaskolonnen und der Bahn von der Heimat aus, wo das Gas in besonderen Fabriken oder als Nebenprodukt gewonnen und verdichtet wird. Die allgemeine Aufklärung bleibt der Kavallerie überlassen, der Fesselballon vermag sie nur zu ergänzen. Erst wenn die Fühlung mit dem Feinde hergestellt ist, kann im allgemeinen eine Erkundung mit ihm von Nutzen sein. In diesem Fall wird die Luftschifferabteilung an das Ende der Vorhut vorgenommen. Ihr Führer reitet in der Nähe des kommandierenden Generals, um sich auf Grund der eingehenden Meldungen über die Lage auf dem Laufenden zu halten und nötigen⸗ falls Vorschläge über die Verwendung der Ballons zu machen. Die Wahl des Zeitpunktes, zu welchem der Ballon eingesetzt wird, ist von größter Wichtigkeit für das Gelingen der Erkundung. Kommt der Ballon zu früh zum Aufsstieg, so verrät er leicht durch sein Erscheinen die Anwesenheit größerer Truppenmassen, die dem Feinde bisher viel⸗ leicht verborgen waren, und gibt ihm einen Anhalt über die Verteilung der Kräfte, ohne daß der Ballon selbst wegen der zu großen Ent⸗ fernung in der Lage wäre, ergiebig zu erkunden. Wird der Ballon zu spät eingesetzt, so kann er meist nur wenig mehr melden, als was schon durch das Gefecht selbst bekannt ist. sobald der Befehl zur Verwendung des Ballons gegeben ist, zieht der Führer seine Abteilung in beschleunigter Gangart nach einem freien Platz seitlich der Marschstraße vor. Die Gaswagen fahren zur Füllung dicht nebeneinander auf und werden durch schläuche mit dem Ballon verbunden, der inzwischen ausgepackt und ausgebreitet wird. Die Füllung selbst dauert nur wenige Minuten, und „ stunde nach dem Abbiegen der Abteilung von der straße steigt der Ballon mit dem Beobachter im fertig ausgerüsteten Korb an dem stählernen Haltekabel Registrierballon fertig zum Aufstieg. Phot. Tellgmann. 291 195 Wir Luftschiffer des Windewagens auf 600-1000 Meter auf. Eine Fernsprechleitung verbindet den Erkundungsoffizier mit der Erde und der Kom⸗ mandostelle. Die Größe der Beobachtungsentfernung hängt vom Wetter ab. sie beträgt aus 600-1000 Meter Höhe etwa 7— 10 Kilometer, wird vergrößert durch gute Beleuchtung, verringert durch Beobachtung gegen die sonne, durch dicke Luft, Regen, Nebel und die Bodenbedeckung. Der Laie neigt zu der Annahme, daß man vom Ballon aus „alles“ sehen könne, in Wirklichkeit sieht man nur seht wenig. Denn die Reichweite der feindlichen Geschosse zwingt den Ballon 6 Kilometer von der feind⸗ lichen Artillerie entfernt zu bleiben. Auf diese Entfernung schon ent⸗ ziehen Dörfer, Wälder, steile Abhänge und sogar einzelne Baum⸗ reihen selbst große Truppenmassen der sicht und die durch Boden⸗ bedeckung oder Erhebung nicht einzusehenden Räume wachsen mit der Entfernung. Zu einer erschöpfenden Erkundung ist große Gewöhnung vom Ballon aus zu sehen neben gründlicher taktischer schulung er⸗ forderlich. Die Hauptaufgaben der Ballonbeobachtung sind beim Be⸗ gegnungsgefecht: Anmarsch des Gegners: Dabei ist die Zahl, die stärke und die Zusammensetzung der einzelnen Kolonnen von Wichtigkeit, sowie die Angabe, wo sich die spitzen zu bestimmten Zeiten befinden. Ausdehnung der feindlichen stellung, besonders der Flügel. stellung und Ausdehnung det feindlichen Artillerie. Aufstellung und Verschiebung der Reserven. Vor⸗ oder Zurückgehen beim Gegner. Beim Kampf um vorbereitete stellungen sind durch den Fessel⸗ ballon zu erkunden: Ausdehnung der feindlichen stellung. Befestigungsanlagen und ihre stärke. Aufstellung und Ausdehnung der feindlichen Artillerie. Aufstellung und Verschiebung der Reserven. Vor⸗ oder Zurückgehen beim Gegner. Beobachtung des schießens der eigenen Artillerie, besonders gegen verdeckte Ziele. Nach erfolgreichem Gefecht muß der Rückzug des Gegners fest⸗ gestellt werden, vor allem Zahl, stärke und Zusammensetzung der ein⸗ zelnen Kolonnen sowie ihre Abmarschrichtung. Die Beobachtung wird erleichtert durch stellung bestimmter Auf⸗ träge und dadurch, daß der Ballon möglichst nahe seiner Kommando⸗ stelle gehalten wird. Zwar ist man wohl in der Lage mit dem hoch⸗ 292 Militär und Luftschiffahrt gelassenen Ballon, an der Winde oder an der Hand von Mannschaften, selbst längere strecken zurückzulegen; aber die Marschgeschwindigkeit wird durch Gegen⸗ oder seitenwind, durch Tele⸗ graphenleitungen und andere Hinder⸗ nisse verzögert, so daß beim Vormarsch die Beobachtungsentfernung leicht zu groß wird. Infolge der großen Ent⸗ fernung der zu erkundenden Gegen⸗ stände und der verhältnismäßig kurzen Beobachtungsgrenze sind die dem Ballon zufallenden Aufgaben durchaus nicht leicht zu lösen. Luftschifferabtei⸗ lungen werden im Felde nur Vorteil bringen, wenn ihr Personal schon im Frieden sorgfältig ausgebildet ist und wenn auch die Führung mit ihrer Verwendung vertraut ist. 1 8 Im Festungskriege wird sich bis zur X Einschließung des Platzes die Verwen⸗ dung des Fesselballons ähnlich ge⸗ stalten wie im Feldkriege. Besonders wichtig ist die rechtzeitige Feststellung * der Angriffsfront, auf welche man aus der stärke des Verkehrs auf be⸗ stimmten Bahnlinien schließen kann. Infanterie in Zugkolonne. Der Zugverkehr ist verhältnismäßig leicht zu beobachten, denn bei Tag ist er durch die weithin sichtbaren Rauchwolken der Lokomotiven auch über 10 Kilometer hinaus sichtbar und nachts verrät er sich durch zahlreiche Lichter. Dies ist zugleich einer der wenigen Fälle, in denen eine nächtliche Erkundung vom Fessel⸗ ballon Erfolg haben kann. Die Anlagen der Artillerie und Ingenieur⸗ Belagerungsparks geben einen weiteren Anhalt für die geplante An⸗ griffsfront. später ist die Anlage der Batterien, im besonderen für steilfeuergeschütze die Hauptbeachtungsaufgabe. Häufig wird sie der Fesselballon nicht lösen können, da diese Batterien meist durch unmittel⸗ bar davor liegende Wälder, Ortschaften oder steilabhänge der sicht entzogen werden. Ueber ihre Lage werden Motorballons oder bei ge⸗ eigneter Windrichtung Fahrten von Freiballons allein Ausschluß 2893 Wir Luftschiffer bringen können. Während des Geschützkampfes kann die Ballon— erkundung die Artillerie durch Beobachtung der schußwirkungen unter⸗ stützen. Der Angreifer wird seinen Fesselballon in ungefähr gleichem sinne verwenden. Mit dem größten Vorteil wird man sich auf beiden seiten der Freiballons bedienen. Der Verteidiger kann bei günstiger Wind- richtung, über das Angriffsfeld hinwegfliegend, die vom Fesselballon Kruppsches Ballongeschütz in Feldlafette. nicht zu sehenden Batterien und Anlagen des Belagerers erkunden. sowie Nachrichten und Personen aus der Festung hinausbefördern. Der Angreifer hat den Vorteil, daß er bei jeder Windrichtung seine Freiballons zur Beobachtung über die Festung senden kann. Auch in Zukunft wird man sich dieses wichtigen Erkundungsmittels nicht be⸗ geben, das bei verhältnismäßig geringen Kosten wertvolles leisten kann. Nach Vervollkommnung des Benzinmotors durch die Automobil⸗ industrie ist es in den letzten Jahren gelungen, die Eigengeschwindigleit und Fahrtdauer des Motorballons derartig zu steigern, daß Luftschiffe für eine Verwendung im Kriege in Betracht kommen. Um festzustellen, wie weit das möglich ist, muß man die bisherigen Leistungen der erfolgreichsten Konstruktionen zugrunde legen. Nachdem in den 294 Panzer⸗Automobil mit Ballongeschütz der Firma Ehrhardt. Wir Luftschiffer Luftschiffer⸗Kompagnie beim Verladen. Uusstellung in Mailand. Jahren 1906 und 1907 gute Erfahrungen mit dem unstarren Luftschiff des Majors von Parseval gemacht waren, erbaute die Motorluftschiff⸗ studiengesellschaft im Jahre 1907 ein zweites Luftschiff derselben Art. Die Hülle hat die Form eines Zylinders und läuft an beiden Enden in spitzen aus. sie faßt bei g,5 Meter Durchmesser und 58 Meter Länge 3300 Kubikmeter. Dieses Luftschiff wollte die Militärverwaltung übernehmen. wenn es solgende Bedingungen erfüllt: 1. Wenigstens 10 stunden ununterbrochene Fahrtdauer. 2. Wenigstens einstündige Fahrt in 1500 Meter Höhe. 3. Wenigstens 11—12Meter Eigengeschwindigkeit in der sekunde. 4. Füllen und Fertigmachen zur Fahrt im Freien. 296 Militär und Luftschiffahrt Parseval Jin voller Fahrt. Die erste Forderung erfüllte es durch eine Fahrt von 11½ stunden bei der etwa 230 Kilometer zurückgelegt wurden. Bei einer späteren Fahrt brach die seitliche Flosse, das Holz des Rahmens durchlöcherte die Hülle und zwang das Luftschiff zu einer Landung im Grunewald. Bei der Ausbesserung wurde die Hülle um 300 Kubikmeter vergrößert. Der zweiten Bedingung, wenigstens eine stunde lang in 1500 Meter Höhe zu fahren genügte es im Herbste 1908 und stieg Dabei die ersten 1000 Meter ohne Ballast, allein durch schrägstellung des Ballons. schwierig war es, den Fall vor der Landung genügend abzuschwächen. Dieser Vorgang beweist, daß selbst für unstarre Luft⸗ schiffe ein großer Inhalt nötig ist, wenn sie große Höhen erreichen müssen. Die verlangte Eigengeschwindigkeit von 11 —12 Meter in der sekunde wies es gleichfalls nach, indem es bei gewöhnlicher Fahrt 11, und bei verstärkter Fahrt 13 Meter in der sekunde zeigte. Die vierte Forderung, das schiff im Freien zu füllen und zur Fahrt fertig zu machen, gelang bei windstillem Wetter in 4½ stunden. Bei Wind wird dies erheblich schwieriger. Die Zeit der Füllung läßt sich bei einiger Uebung vielleicht auf 2 stunden abkürzen. Das Fahrzeug ist nun in den Besitz der Militärverwaltung über⸗ gegangen. Nach einer weiteren Vergrößerung um 200 Kubikmeter kann es außer vier bis fünf Personen für 20 stunden Betriebs— mittel tragen. 297 Wir Luftschiffer Nach dem günstigen Verlauf der Fahrten des Grafen Zeppelin im Herbst 1907 erklärte fich der staat bereit, ein starres Luftschiff zu übernehmen, wenn es folgende Leistungen vollbringen könnte: 1. Ununterbrochene Fahrt von 24 stunden. 2. Wenigstens 700 Kilometer Fahrtstrecke. 3. Erreichung eines bestimmten Ziels. 4. Landung auf festem Boden. Für diesen Zweck erbaute der unermüdliche Konstrukteur sein viertes Fahrzeug, das bei 136 Meter Länge und 13 Meter Durchmesser 15 000 Kubikmeter faßte. Die Form der Hülle wurde wie bei den früheren Fahrzeugen durch ein Aluminiumgerüst gesichert, das mit stoff überzogen war und in seinen 16 Abteilungen die Gashüllen barg. Im Juni 1908 legte das Luftschiff in 12stündiger Fahrt etwa 300 Kilometer zurück und trat am 4. August seinen großen Flug nach Mainz und Echterdingen an. Hier verbrannte es am Nach⸗ mittage bei einem Gewittersturm. Daraufhin wurde das dritte Luft⸗ schiff von 11 800 auf 12500 Kubikmeter durch Einbau einer weiteren Abteilung vergrößert, so daß ein streckungsverhältnis von 1:12 ent⸗ stand. Im Laufe des Herbstes führte Graf Zeppelin mit diesem Fahrzeug mehrere wohlgelungene Flüge aus, auf Grund deren es in Parseval J verläßt seine Halle in Reinickendorf. 298 Militär und Luftschiffahrt Z. JL vor der schwimmenden Reichs⸗Ballonhalle. den Besitz des Reiches überging. Es hat eine Eigengeschwindigkeit von etwa 12 Meter in der sekunde und kann außer 8-10 Personen für 20 stunden Betriebsmittel mitführen. Im März 1909 landete er bei Friedrichshafen auf festem Boden und hatte bei einer andern Fahrt 26 Personen bei stark vermindertem Ballast an Bord. Weitere Beweise für die Möglichkeit, das schiff auf dem Lande eine Zeitlang im Freien zu verankern, lieferte die Fahrt nach München und Dingolfing, sowie die nach Bitterfeld⸗Göppingen Ende Mai 1909. Als sich im Jahre 1906 die preußische Heeresverwaltung selbst zum Bau eines Luftschiffes entschloß, schienen das Parsevalsche und Zeppelinsche Luftschiff noch nicht genügend leistungsfähig und betriebs- sicher. Man wählte daher den halbstarren Typ, mit welchem in Frank⸗ reich bedeutende Erfolge errungen waren. Auf Grund der Er⸗ fahrungen mit einem kleinen Versuchsschiff wurde im Jahre 19608 ein wesentlich größeres Fahrzeug konstruiert. Die Form wurde erhalten 299 Wir Luftschiffer durch Ballonets und unterstützt durch ein unter der Hülle liegendes Gerüst aus Aluminiumröhren, welches gleichzeitig zur Anbringung der steuer und schrauben diente. In der Gondel waren zwei Motoren von 75 Ps. Die Kraft wurde durch seilantrieb auf die beiden schrauben übertragen. Die Konstruktion hat sich in zahlreichen Fahrten bewährt; allerdings blieben auch diesem Luftschiff wie allen anderen Unfälle nicht erspart. Es hat u. a. eine dreizehnstündige Fahrt zu verzeichnen, welche über Rathenow, stendal, Magdeburg, Potsdam, Berlin führte. Außer 5 Personen vermag es 400 Kilogramm Ballast sowie Benzin und Oel für 24 stunden zu tragen. In Frankreich hatte man sich nach den großen Erfolgen der Julliotschen Luftschiffe entschlossen, weitere Versuche anzustellen, die die Einführung derartiger Fahrzeuge in das Heer zur Folge hatten. Es war beabsichtigt, die großen Festungen der Ostfront mit diesen Luftschiffen auszustatten. Nach Verlust der „Patrie“ bestellte man für Toul die „République“. Ihr Inhalt beträgt 3600 Kubikmeter. Bei einer Fahrt im september 1908 wurden 200 Kilometer in 6m stunde zurückgelegt. Trotzdem scheinen diese Ergebnisse nicht recht befriedigt zu haben, denn die „République“ ist bisher nicht nach ihrem Be⸗ stimmungsort Toul überführt worden. Ueberhaupt hat diese Bauart wohl nicht ganz den in fie gesetzten Erwartungen entsprochen, denn das Bautempo für die in Aussicht genommenen Luftschiffe wurde nicht inne⸗ gehalten und man hat vor kurzem ein Fahrzeug von dem Typ des „Clsment Bayard“ bestellt. Dies stellt eine verbesserte Konstruktion der „Ville de Paris“ dar, welche von dem Grohßindustriellen Deutsch de la Meurthe der französischen Regierung nach Verlust der „Patrie“ zum Geschenk ge⸗ macht wurde. Die „Ville de Paris“ ist ein unstarres Luftschiff von 3200 Kubikmeter Inhalt bei 62 Meter Länge und 10,5 Meter Durch⸗ messer. Die Eigengeschwindigkeit beträgt etwa 10 Meter in der sekunde. Wesentlich günstigere Ergebnisse brachte der verbesserte Typ, welchen die französische Luftschiff⸗Aktien⸗Gesellschaft Astra mit dem „Clsment Bayard“ geschaffen hat. Dieses Fahrzeug faßt 3500 Kubik⸗ meter, ist 46,25 Meter lang und hat 1058 Meter Durchmesser. Bei einer fünfstündigen Fahrt legte das Fahrzeug 200 Kilometer zurück. Ein zweites schiff gleicher Art von 3000 Kubikmeter Inhalt, die „Ville de Bordeaux“, ist fertiggestellt, ein drittes Fahrzeug, „Colonel Renard“, hat die französische Heeresverwaltung in Auftrag gegeben. 300 Militär und Luftschiffahrt Die zahlreichen anderen Luftschiffe, welche in Frankreich und anderen Ländern konstruiert wurden, bleiben hier unerwähnt, da ihre Leistungen nichts Besonderes bieten. Für die Beurteilung eines Kriegsluftschifes find folgende Ge⸗ sichtspunkte maßgebend: Tragfähigkeit. Eigengeschwindigkeit. Betriebssicherheit. Transportfähigkeit in ungefülltem Zustande. Unabhängigkeit von festen Anlagen. Vorbereitungszeit für die Fahrt. Die Tragfähigkeit hängt ab von der Größe des Gasraumes und der Konstruktion. Eine steigerung ist also in erster Linie durch Ver⸗ größerung der Gasmasse zu erreichen. Im Lause der Entwicklung hat das Volumen eine stetige Zunahme erfahren; wieweit man darin noch gehen kann, läßt sich nicht übersehen. Das Verhältnis zwischen Größe und Nutzlast ist am günstigsten bei unstarren Luftschiffen, weil sie O Cn k e N Das Militärluftschiff II von vorn gesehen, rechts oben Parseval J. Phot. Jacob. 301 Wir Luftschiffer keine festen Teile zur Erhaltung der Form bedürfen; am ungünstigsten bei starren, da das versteifende Gerüst ein großes Gewicht dar—⸗ stellt. Zwischen beiden Konstruktionen halten sich die Fahrzeuge halb⸗ starrer Bauart. Der Tragfähigkeit entsprechen Fahrtdauer und Höhe. Die längste ununterbrochene Fahrt hat mit 38 stunden das Luft— schiff des Grafen Zeppelin erreicht. Die besten Leistungen der anderen Konstruktionen bleiben bisher weit dahinter zurück, doch wird es wohl möglich sein, auch bei ihnen die Fahrtdauer wesentlich zu erhöhen. Für die militärische Verwendung sind wenigstens 10 stunden zu fordern. Die Fahrthöhe richtet sich nach dem Wirkungsbereich der Geschütze. sie muß wenigstens 1500 Meter betragen, dementsprechend ist der Inhalt des Ballonets zu bemessen. Mit Einführung besonderer Geschütze gegen Motorballons wird es indessen nicht möglich sein, dem Artilleriefeuer nach oben hin auszuweichen. Die höchste Eigengeschwindigkeit erzielte Graf Zeppelin mit 15 Meter in der sekunde. Bei weiterer Vervollkommnung läßt sich das Motorgewicht und der Benzinverbrauch herabsetzen. Hierdurch wird es möglich, kräftigere Maschinen einzubauen. Eine weitere steigerung der Eigengeschwindigkeit läßt sich durch geeignete schraubenkonstruktionen erreichen, so daß 18 Meter in der sekunde nicht ausgeschlossen sind. Bei längeren Flügen könnte man aber auch dann nur auf eine Gebrauchsgeschwindigkeit von 15 Meter in der sekunde rechnen, während jetzt etwa 12 Meter in der sekunde der Durchschnitt sind. so unentbehrlich fich der Benzinmotor durch seine großen Leistungen bei geringem Gewicht erwiesen hat, haftet ihm bis jetzt eine große Betriebsunsicherheit an, ein Mangel, der in seiner Eigenart begründet ist. Mit fortschreitender Entwicklung wird sich auch dieser Nachteil verringern lassen. Es hat sich als zweckmäßig herausgestellt, das Motorgewicht nicht übermäßig zu erleichtern und lieber auf eine Verringerung des Benzin- und Oelverbrauchs hinzuarbeiten. Der ge⸗ ringen Zuverlässigkeit der Motoren trägt man beim Reubau von Luft⸗ schiffen dadurch Rechnung, daß man — m i mehrere Motoren und schrauben einbaut, 2. * welche unabhängig von einander arbeiten. e, e, . Ein Luftschiff gewinnt an militärischer Ce me,, , mme, Brauchbarkeit, wenn es in ungefülltem t . che, Zustande leicht zu transportieren ist, zu . ö. . seiner Füllung keiner besonderen schutz⸗ Ballonbrief wände oder Hallen bedarf und nur wenig aus dem belagerten Paris. Zeit erfordert, um gefüllt und für die 302 Militär und Luftschiffahrt — — — — — — — n 8 Flugbahn eines raucherzeugenden gegen Ballons verwendeten Brandgeschosses. Fahrt fertig gemacht zu werden. Hinderlich für den militärischen Ge⸗ brauch ist ein großer Inhalt, weil dann besondere Maßregeln nötig werden, um die gewaltigen Gasmengen herbeizuführen. Diesen Forde⸗ rungen entspricht ein unstarres Luftschiff am besten, weil es nach der Landung wie ein gewöhnlicher Freiballon verpackt und abtransportiert werden kann, doch ist auch sein Inhalt schon so groß, daß zur Füllung der Gasvorrat einer Feldluftschifferabteilung nicht ausreicht. Am meisten angewiesen auf feste Anlagen sind starre Luftschiffe. Ein Luftschiff mit einer Eigengeschwindigkeit von 15 Meter in der sekunde kann an etwa 2650 Tagen im Jahre mit einer Geschwindig⸗ keit von wenigstens 5 Meter in der sekunde oder 18 Kilometer in der stunde gegen den Wind anfahren. sein Aktionsradius würde in diesem Falle 300 Kilometer betragen und es würde 16 stunden 40 Minuten zur Hin- und 3 stunden 20 Minuten zur Rückfahrt in gerader Linie gebrauchen. Von Toul aus könnte es demnach zu Er⸗ kundungsfahrten in folgendem Bereich herangezogen werden: Köln, Koblenz, Hanau, Würzburg, Ulm, Lindau und st. Gotthard. Die Beobachtung des Ausmarsches einer Armee wird sich als sehr schwierig herausstellen und nur möglich sein, wenn das Luftschiff längere Zeit über der zu erkundenden Gegend kreuzt oder lange strecken der Bahn⸗ linien entlang fährt. Nur dann kann es Angaben über den Zugverkehr, die Hauptausschiffungspunkte sowie Mitteilungen über die Zahl der 303 Wir Luftschĩiffer beförderten Truppen bringen. Auf erschöpfende Meldungen über Auf⸗ marsch und Versammlung ist demnach nicht sicher zu rechnen. Leichter und sehr wertvoll wird die Beobachtung des feindlichen Anmarsches. Dem Luftschiffer wird es wohl gelingen, die stärke der auf den verschiedenen Wegen heranmarschierenden Kolonnen sicher festzustellen, während die Kavallerie meist nur die Anfänge sehen kann. Zur schlachtenaufklärung muß man die Luftschiffe mit der Bahn oder mit besonderen Kolonnen möglichst nahe an die Front der Heere heranführen. sonst geht die für die Aufklärung wichtigste Zeit des Anmarsches durch Füllung, Vorbereitung zur Fahrt und die Anfahrt zu den Beobachtungszielen verloren. Während des Kampfes werden Luftschiffen dieselben Aufgaben zufallen wie den Fesselballons, nur in weiterem Umfange. Ebenso im Festungskriege. Die Aufgaben werden aber für das Luftschiff leichter zu lösen sein. Bei Belagerungen werden fie mit Vorteil zum Abfangen von Freiballons verwendet werden können. Im seekriege versprechen sie nur im Bereich der Küsten Aus⸗ sicht auf Erfolg. Infolge der geringen Tragfähigkeit können Motorballons nur kleine Mengen Munition mitführen, wenn die Fahrtdauer nicht sehr erheblich abgekürzt werden soll. Ersetzt nian einen Teil des Ballastes und der Betriebsmittel, im ganzen etwa 400 Kilogramm, durch Ge⸗ schosse, so kann man etwa 10 wirksame Granaten an Bord nehmen. Die Möglichkeit, bestimmte Ziele zu treffen, ist vorhanden, doch ist hierzu Uebung, Kenntnis der eigenen Geschwindigkeit und Fahrt⸗ richtung, der Windstärke und Richtung, der Fallzeit und des eigenen standpunktes zum Ziele nötig. Aussicht zu treffen, ist nur bei großen 2 — 4 . Reichsballonhalle in Metz. Berliner Ill. Ges. 304 jetzige Kasernements des Luftschifferbataillons in Reinickendorf bei Berlin. Militär und Luftschiffahrt Zielen vorhanden, z. B. Truppenansammlungen. Bei Nacht wird die Wirkung gering, da die Ziele schlecht oder gar nicht sichtbar sind. Besser sind die Aussichten im Festungskriege. Zwar wird es kaum gelingen, Panzertungen durch Bewerfen mit Luftbomben zu zerstören, wohl aber kann man Magazine und gewerbliche Anlagen vernichten, die dem Artilleriefeuer entzogen sind. Die Wirksamkeit der Luftschiffe als Waffe würde bedeutend ge⸗ steigert durch leichtere und doch wirksame Geschosse. Hierzu müßte der schwere Metallmantel fortfallen, wodurch man allerdings auf die Wirkung durch sprengstüde verzichtet. Ob sich dieser Nachteil durch Verwendung hochbrisanter sprengstoffe nach Art des Dynamit ersetzen läßt, ist nur durch Versuche festzustellen. Für die Artillerie ist es ein Leichtes, einen Fesselballon innerhalb des Brennzünderbereiches zu treffen, sehr gering dagegen ist ihre Wirkung gegen Freiballons und Motorluftschiffe. Große Waffen⸗ fabriken haben für diesen Zweck besondere Geschütze konstruiert, mit denen man sehr wohl in der Lage ist, Luftfahrzeuge zu erreichen. Diese müssen daher versuchen, das Erkundungsobjekt nachts zu er⸗ reichen, um mit Tagesanbruch die Beobachtungen anzustellen und das Ergebnis funkentelegraphisch zu melden und zurückzukehren. Nach dem heutigen stande werden Luftschiffe im Kriege der Führung manche Dienste leisten können, weniger als Waffe, als bei der Aufklärung. Ihre Leistungen lassen sich innerhalb gewisser, aller⸗ dings ziemlich enger Grenzen steigern, aber sie sind und bleiben vom Wetter im hohen Grade abhängig. Daher muß man sich hüten, ihren Wert zu überschätzen, denn die Entscheidung des Kampfes und des Feldzuges liegt nicht in der Luft, sondern nach wie vor auf der Erde. Es wäre aber ein schweres Versäumnis, wollte man die begonnenen Versuche abbrechen. Auch muß man die weitere Entwicklung der höchst aussichtsvollen Flugmaschinen eifrig fördern, wenn sie auch zurzeit wegen der kurzen Flugdauer militärisch noch nicht verwendbar sind. 1 Die Mainzer Fernfahrt und das Unglück von Echterdingen. Von Graf Zeppelin. Die 24⸗stunden⸗Fahrt von Friedrichshafen nach Mainz und zurück. Auftrieb zunterschiede bis go0 Kilogramm. Die erste Zwischenlandung auf dem Rhein. Fahrt mit einem Motor. Auftommen⸗ der starler Gegenwind. Die zweite Zwischenlandung. Die sturmlatastropbe. Die Ursachen der Motordefette und des Losreißens aus der Beranterung. Bermeidbare Fehler. Die spende des deutschen Volles. s sei mir gestattet, hier in kurzen Worten die wohl noch heute E von allen seiten begehrte Auskunft über die Lehren und Folge⸗ rungen zu geben, die fich aus meiner Fahrt am 4. und 5. August vorigen Jahres ableiten ließen. Die Ausfahrt vollzog fich unter günstigen Bedingungen. Das Fahr⸗ zeug hatte durch die zwölfstündige schweizerfahrt gezeigt, daß alle seine Organe nach Wunsch funktionierten; die Witterungsverhältnisse waren relativ günstig. Ich sage relativ, weil im Hochsommer erhebliche Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht herrschen. Es wurde auch von der Nachtkühle in die Tageswärme hineingefahren, und die erneute Nachtkühle trat erst ein, nachdem man inzwischen sehr viel Gewicht durch Verbrennung von Betriebsmaterial verloren hatte. soweit die Fahrt programmäßig verlaufen ist — es sollten in vierundzwanzigstündiger Fahrt ohne Unterbrechung Mainz erreicht und mindestens 700 Kilometer zurückgelegt werden — kann man sagen, daß fie die Quittung auf unsere Rechnung war. Doch auch in ihrem progtrammwidrig verlaufenen Teil hat die Fahrt die Richtigkeit meiner Annahmen in anderer Beziehung bestätigt, nämlich durch die beiden. nicht beabfichtigten Landungen. Es ist stets angezweifelt worden, daß man mit einem solchen starren Fahrzeug vollkommen sficher wie auf Wasser, auch auf festes Land heruntergehen kann. Die Landung bei Echterdingen hat fich auf ausgesuchter stelle so ruhig vollzogen, daß man das Aussetzen der Gondel kaum wahrnahm. Wenn das Programm gestört wurde durch zwei unbeabsichtigte Landungen, so muß man, um das richtig beurteilen zu können, sich die Ursachen dafür vergegen⸗ wärtigen. 307 20 Wir Luftschiffer Es ist vor allem diese: mit dem Eintreten der Tageswärme, der Bestrahlung des Fahrzeuges entstand ein größerer Auftrieb, während gleichzeitig der Ballast durch den Betriebsmittelverbrauch, der in jeder stunde rund 60 Kilogramm betrug, stark vermindert wurde. Wollte man fich diesem Auftrieb ganz preisgeben, so würde man dadurch sehr viel Gas verlieren, weil bei dem mit zunehmender Höhe abnehmenden Luftdruck das Gas sich ausdehnt und, soweit es in den Zellen nicht mehr Platz hat, diese durch die sicherheitsventile verläßt. Wenn man dann später, wenn wieder Abkühlung eintritt, in die tiefen schichten herunterkommt, so fehlt das Gas, und man hat nicht mehr genügend Auftrieb. Diese Auftriebsunterschiede können überwunden werden durch dynamische Kraft, falls die Tragwirkung des schräggestellten Fahrzeuges oder der Höhensteuer eine genügende ist. Ein Unterschied von 1 Grad Wärme zwischen der Gastemperatur und der Außen⸗ temperatur veranlaßt bei meinem schiff einen Mehr⸗ oder Minder⸗ auftrieb von ungefähr 60 Kilogramm, und da man Unterschiede von 15 Grad sehr leicht haben kann, so handelt es sich hier gleich um 900 Kilogramm. Es ist also eine bedeutende Kraft, die überwunden werden muß. Das gelang auf der schweizer Fahrt und auch jetzt ganz gut, so lange beide Motoren im Gange waren. sobald ein Motor gestoppt werden mußte, z. B. um Benzin nachzufüllen, oder etwas nachzusehen, oder infolge irgendeiner störung, war die Bewegung nicht mehr rasch genug, und dann führte der Auftrieb das Fahrzeug in die Höhe, bis es seine natürliche schwebehöhe erreicht hatte. Bei diesem Hochsteigen hat man nun recht viel Gas verloren. . . . Als man sich dann am spätnachmittag dem Rhein unweit Oppenheim näherte, trat eine sehr schnelle Abkühlung des Gases ein, und da gerade nur ein Motor im Gang war — der andere war durch den Bruch eines Rädchens, dessen Ersatz im kritischen Augenblick zu lange dauerte, unbrauchbar geworden so konnte man den nun eintretenden Abtrieb nicht dynamisch über⸗ winden. Es war kein Halten mehr und man mußte vollends auf den Rhein herunter gehen. Es wurde die stelle so geeignet als möglich gewählt, und die Landung ist vollkommen gelungen. Um die Fahrt fortsetzen zu können, mußten zwei Dinge geschehen, es mußte soviel als möglich entlastet und die Nachtkühle erwartet werden. sobald beides geschehen war, wurde die Fahrt fortgesetzt. sie ging über Mainz hin und zurück bis wieder über Mannheim, wo dann der vordere Motor vollständig versagte. Es war ein Lager ausgeschmolzen, und es konnte von da ab nur mit einem Motor gefahren werden; aber Benzinvorrat 308 Die Mainzer Fernfahrt war reichlich vorhanden, auch für eine noch viel längere als vierund⸗ zwanzigstündige Fahrt. Die Nacht war sehr dunkel, aber es gelang doch, sich zu orientieren und die Fahrt so einzurichten, daß man auf kürzestem Wege dem Reiseziel näher kam. Es war zwar nicht zu ver⸗ meiden, daß man auch jetzt, mit nur einem Motor, in sehr große Höhen getrieben wurde, da der Betriebsmaterialverbrauch das Fahrzeug beständig sehr entlastete. Bei der Erreichung von 18090 Meter Höhe wurde Gas entlassen, um nicht noch höher zu steigen, aber nur so viel, daß man mit der vorhandenen dynamischen Kraft wieder herunter— konnte. so ging die Fahrt über stuttgart hin, immer noch in ziem— licher Höhe. Da, südlich von stuttgart, in den Fildern, machte sich eine bedeutend stärkere Luftströmung bemerkbar, und wir erkannten, daß mit dem einen Motor, der noch im Gange sich befand, nicht mehr vorwärts zu kommen war. Wir würden anstatt vorwärts zu kommen zurück gekommen sein. Das wollten wir nun doch nicht und beschlossen die Landung. nachdem wir vorerst weiter heruntergegangen waren, um zu sehen, ob da nicht eine weniger starke Luftströmung herrsché Das war auch bis zu einem gewissen Grade der Fall, und man hoffte, daß es nun wieder vorwärts gehen würde. Aber auch da wurde die Gegenströmung bald so stark, daß kaum mehr vorwärts zu kommen war. Das veranlaßte uns, abermals zu landen, um nach Wiederherstellung des gestörten Motors mit Hilfe der nahen Daimlerfabrik und Bezug weiteren Füll⸗ gases aus Manzell die Fahrt fortzusetzen. Es ist bekannt, daß auch diese Landung sich vollständig glatt vollzog, ohne die geringste Beschädi⸗ gung irgend eines Teiles des Fahrzeuges. Dann trat das Unglück ein, daß eine plötzlich anhebende sturm— welle seitlich herkam und das Fahrzeug fortriß. Es machte einen sprung von einem Kilometer Länge. Während dieses sprunges wurden von einem der in dem Luft— schiff befindlichen Leute Ventile gezogen, um das Fahrzeug schneller wieder zur Erde zu bringen. Der herausgerissene und nun herab⸗ hängende Anker schlug noch einmal ein und faßte so fest, daß nicht etwa eine Fesselung abriß oder irgend etwas am Fahrzeug, sondern daß der eiserne Anker in zwei stücke zerrissen wurde. Dann ging das Fahrzeug noch ein stück weiter, bis es sich in einer Baumgruppe, schon brennend, festfuhr. Es handelt sich nun darum, zu wissen, ob diese unglüqch⸗ lichen Vorkommnisse zu vermeiden waren oder nicht. sie waren es ganz gewiß. Wenn wir so viele Erfahrungen gehabt hätten wie heute, 309 Wir Luftschiffer so hätten wir gewußt, wie wir auch mit einem Motor recht gut unsere Höhe hätten halten und damit den Gasverlust vermeiden lönnen, welcher zur Rheinlandung nötigte; fiel aber diese weg, so wäre selbst mit nur einem Motor Friedrichshafen erreicht worden, bevor der die Fahrt bei Echterdingen aufhaltende sturm eintrat. Wir hatten die Erfahrung noch nicht von der ungleichen Er⸗ wärmung vorne und hinten und von anderen Momenten, deren Aus⸗ führung hier zu lang sein würde. solche ungleiche Auftriebe vorne und hinten lassen fich leichter durch reichlichere Verlegung von Lasten im Luftschiff als nur durch Hin- und Herführen des Laufgewichtes aus⸗ gleichen. Die bisher festgelegten Lasten, Benzintanks und dergleichen werden künftighin leicht transportabel gemacht, so daß man damit alle vorkommenden Gewichtsunterschiede ausgleichen kann. Ein Mittel, um den durch Erwärmung und den Verbrauch von Betriebsmitteln erlangten zu starken Auftrieb statisch anstatt dynamisch zu überwinden, ist das Aufnehmen von Lasten während der Fahrt, womöglich von Wasserballast. Wir kannten das in der Theorie schon und hatten es auch über dem see bereits probiert, aber wir waren noch nicht erfahren genug, um es bei dieser Rheinfahrt schon anzuwenden. Es ist das ein zweckmäßiges Hilfsmittel, um lange Fahrten zu machen, aber durchaus nicht eine Notwendigkeit; es läßt sich alles mit dynamischen Mitteln machen. Aus welcher Ursache der eine Motor den Defekt erlitten hat, ist nicht aufgeklärt. Man hat vermutet, daß dies von der dauernden schrägstellung des Fahrzeuges gekommen, wodurch das Lager weniger schmierung zugeführt erhalten hätte. Das ist aber schwerlich der Fall gewesen; denn die vorausgegangene Fahrtstrecke von Oppenheim über Mainz bis nach Mannheim war bei ziemlich wagerechter Lage des Luftschiffes durchlaufen worden. Man ist jetzt dabei, noch eine bessere schmierung einzuführen, und es ist zu hoffen, daß jenes Vorkommnis nicht wieder eintritt. Nun die Gründe, warum das Fahrzeug sich losgerissen hat von seiner Verankerung bei Echterdingen. Die Mittel zur Verankerung, die mitgeführt werden, find im ganzen sehr reichlich; es sind zwei Kettenanker, namentlich auch eine Anzahl von Erdbohrern, die nötigen Taue und stahltrossen usw. Aber wir waren ja genötigt, alles irgend⸗ wie Entbehrliche bei det Landung am Rhein zurückzulassen. Es war also, wenn ich mich so ausdrücken darf, nur eine Garnitur von solchen Mitteln vorhanden, aber auch diese hätte vollständig ausgereicht, das Fahrzeug gegen einen meht gegen die spitze wirkenden sturm fest⸗ zuhalten. Es ist auch tatsächlich nicht ein seil, nichts gerissen, sondern 310 Die Mainzer Fernfahrt das Luftschiff hat sich in der Weise losgemacht, daß es von der wegen der Aufstellung der Zuschauer seitwärts eingedrungenen Windwelle von unten heraufgehoben wurde, und nun, wie ein schiff seinen Anker erst losbekommt, wenn es gerade darüber ist, seine Veranke⸗ rungen aus der Erde herauszog und fie mitnahm. Der Aufdruck ist dabei so gewaltig gewesen, daß die an den beiden Gondeln befindlichen Mannschaften, die sich zum Teil haben hochheben lassen — es find un⸗ gefähr je 30 Mann gewesen — nicht imstande waren, diesem Aufdruck zu widerstehen. Das ist auch eine sache, die sich wohl kaum wieder⸗ holen wird. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß, wenn man das seitliche Eindringen einer Bö unter das Luftschiff vermeidet, dieses unter allen Umständen zu fesseln ist. Man könnte sagen: Es war leichtsinnig, mit so wenig Erfahrungen überhaupt solche Fahrten zu unternehmen. Ich muß das vollständig zugeben. Es find eine Reihe von Fragen, die wir praktisch noch nicht beantwortet hatten. Aber ich bin gedrängt worden durch die Lage. Meine Mittel waren erschöpft; um weitermachen zu können, mußte ich es dahinbringen, daß mir möglichst bald die Fahrzeuge abgenommen wurden, das vorhandene und das beschädigte; auch um Raum zu bekommen zum Weiterbauen. Die andere schwierigkeit — die der mangelnden Mittel — ist durch die hochherzige spende des deutschen Volkes beseitigt und, wie ich es darzulegen versucht habe, darf man der Ueberzeugung sein, daß das deutsche Volk damit die schnelle Entwicklung der Luftschiffahrt zu einem außerordentlich nützlichen Kulturfattor ermöglicht hat. Im sinne obiger Ausführungen habe ich mich schon bald nach dem Unfall in einem Vortrag geäußert, den ich bei meiner Wahl zum Vorsitzenden des Vorstandsrates des „Deutschen Museums“ in München gehalten habe. Heute glaube ich es aussprechen zu dürfen, daß meine damaligen Ausführungen und Folgerungen durch die Fernfahrt von Friedrichshafen nach München⸗Dingolfing und Leipzig⸗LFitterfeld durchaus bestätigt worden find. s— XI 311 Aders Flugmaschine. Erfinder⸗schicksale im Gebiete der Flugtechnik. Von Regierungsrat a. D. J. Hofmann ⸗Genf. Flugtechnische Erfindungen und Erfinder. Blanchard und Lalande. Fallscbirmlünstler. Cockings Todessturg. Degens Glück und Unglück. Maxim und das amerilanische Patentamt. Lilienthal und Bilcher. Langley. Wie man um einen Drachenflieger kommen kann. Kreß im Wasser. Die schick⸗ sale Aders. h önnen wir Hanuman, dem Inder, und Ikarus, dem Griechen, ; G dem verdienten skythen Abaris und simon, dem Zauberer ; Neros, die wohlverdiente Ruhe und sehen wir uns gleich im Mittelalter um, so treffen wir zunächst auf einen englischen Benediktinermönch Oliver von Malmesbury, der mit Flügeln von einem Turm herabsprang, sich beide Beine brach und starb, 1060. (Essay sur l'art du vol asrien, par Mongez, Lyon 1773.) Bei einem Besuch, den der türkische sultan dem Kaiser Emanuel Kommenos in Konstantinopel abstattete, stieg ein sarazenischer Zauberer, mit großem, weitem, durch Weidenruten in spannstellung gehaltenem Rocke angetan, auf den Turm des Hippodroms, um die Rennbahn zu überfliegen. Er brach sich aber die Knochen, und „man beklagte ihn nicht“. Im 14. Jahrhundert übte ein Mathematiker Johann Bapt. Dante aus Perugia den Vogelflug über dem Trasimenischen see, und bei Gelegenheit der Hochzeit des venezianischen Generals Alviano wollte er dieses Ereignis durch einen Flug verherrlichen. Da aber die Lenk⸗ stange eines Flügels beim Versuche entzweiging, so fiel er auf das Dach der Kirche des heiligen Marcus, brach sich ein Bein und wurde dafür Professor der Mathematik in Venedig. 1781 baute ein Mechaniker Blanchard, der den Parisern bereits durch einen segelwagen bekannt geworden war, mit dem er bei Wind in den Elysäischen Feldern herumfuhr, eine Flugmaschine, bestehend aus einem kreuzförmigen Rumpf und zwei Paar Flügeln, wobei er 312 Erfinder⸗schicksale im Gebiete der Flugtechnik — n a — Degens Mißerfolg, Paris 1812. die Hubkraft ganz planmäßig feststellte, indem er mit seiner Maschine in einer Art Galgen durch ein Gegengewicht sich tragen ließ. Es ist auch glaubhaft, daß er mit den Flügeln kräftig schlagend schließlich nur mehr ein Gegengewicht von 20 Pfund zur schwebehaltung brauchte, wenn man bedenkt, daß ein Mensch auf kurze Zeit ganz gut mehr als eine Pferdekraft leisten kann. Aber seine Versuche wurden jäh unter⸗ brochen durch einen Brief des Akademikers Lalande, veröffentlicht im Journal de Paris, 23. Mai 1782. worin es heißt, daß nur ein Dumm⸗ kopf solche Versuche machen könne; denn es sei durch die Arbeiten von Coulomb bewiesen, daß man zum Heben eines Menschen Flügel von 12000 bis 15 000 Fuß nötig hätte, die mit einer Geschwindigkeit von drei Fuß in der sekunde bewegt würden. (so steht es in meiner Quelle, Lecornu, La Navigation asrienne, Paris 19603, seite 37. Es sind aber wohl 12000 bis 15 000 Quadratfuß gemeint.) Lalande erklärte noch weiter: Die Unmöglichkeit, fich mit Flügel⸗ schlägen in der Luft zu halten, ist eben so sicher, wie die Unmöglichkeit, sich durch das spezifische Gewicht luftleerer Körper emporzuheben.“ 313 Wir Luftschiffer Ein Jahr darauf stiegen die Brüder Montgolfier mit dem ersten Ballon in die Luft. Auf der Flugtechnik aber saß der Hieb fest, wie später nur noch einmal, als Helmholtz 1872 die Möglichkeit des menschlichen Fluges verneinte. Und doch. Wenn man die Behauptungen von Lalande genau anfieht, so hatten damals alle Teile recht, wie 1872 alle Teile recht hatten, sofern man sich nur streng an das hielt, was Helmholtz behauptete. Also mit den Versuchen von Blanchard war es aus, und ein Regen von spottbildern und spottgedichten träufelte auf ihn nieder. Ihren Höhepunkt erreichte diese Bewegung, als Blanchard von der Dynamik zur statik umgesattelt hatte und 1784 mit den Mitteln, die er erst zum Fliegen hatte brauchen wollen, versuchte, den Ballon lenkbar zu machen. stolz hatte er sein Ziel angegeben; aber der Wind trieb ihn von Paris gerade in der verkehrten Richtung, und da unglücklicherweise auf seinem Ballon der Wahlspruch zu lesen war: „sie itur ad astra“, so machten die Pariser das Liedchen: Au ehamp de Mars il s'envola; Au champ voisin il resta la; Beaucoup d'argent il ramassa; Messieurs, sie itur ad astra. Als jedoch Blanchard am 7. Januar 1785 von England aus mit Dr. Jeffries den Kanal überflog, da wurde der Verspottete mit einem schlag der volkstümlichste Mann von Frankreich. selbst die Königin setzte für ihn auf eine Karte und händigte ihm den Gewinn ein. Im Jahre 1783 hatte fich bereits der Physiker sebastian Lenor⸗ mand mit seinem Fallschirm vom großen Turm des Observatoriums in Montpellier herabgestürzt, ohne fich zu verletzen. Als nun gar Jacques Garnerin 1799 in 1000 Meter Höhe sich einem Fallschirm anvertraute, und das Wagnis gut ablief, da wiederholte Blanchard den Versuch mit Glück überall, wohin er kam, 3. B. auch in Hamburg und Berlin. Im Jahre 1836 sprang Coding in London mit seinem Fallschirm vom Ballon ab. Der Fallschirm war aber, um die oft gefährlichen schwankungen der regenschirmartig gehaltenen Apparate zu vermeiden, gerade umgekehrt eingestellt, so daß er einen Kegel mit der spitze nach unten bildete. Diese Einstellung, über die viel gehöhnt wurde, die aber, wie man fich mit jedem Blatt Papier überzeugen kann, viel stabiler ist als die mit der spitze nach oben, verlangte nur eine ent⸗ sprechende Aussteifung unter Berückfichtigung der Knidkfestigkeit der gedrückten Teile. Diesen Punkt hatte Cocking wohl übersehen. Denn 314 Erfinder⸗schicksale im Gebiete der Flugtechnik als Green, der den Ballon führte, in 1000 Meter Höhe über London den Fallschirm mit Cocking abschnitt, klappte der schirm sofort zu⸗ sammen und stürzte in anderthalb Minuten zur Erde. Dicht neben der stelle, wo der Körper ausschlug, befand sich eine Kneipe „Zum Tigerkopf“, deren Wirt durch das Ereignis jedenfalls nicht aus der Fassung gebracht wurde. Denn er schleppte Fallschirm und Leiche eiligst in sein Haus, und für drei Pence konnte jedermann den schirm, für sechs Pence aber auch Cocking sehen. Letour in Paris hatte 1854 einen Fallschirm konstruiert, mit einer ganz schwach konkaven Tragfläche, mit zwei von Hand zu be— Flugmaschine Letours. wegenden Flügeln oder Rudern und einem steuer, also einem richtigen Gleitflieger im sinne der späteren Lilienthalschen Apparate, deren Bahn durch Flügelschläge gestreckt werden sollte. Am 27. Juni 1854 ließ er sich in Tottenham (England) vom Ballon eines Mr. Adam in die Höhe nehmen, an dessen Gondel er sich mit drei Tauen befestigt hatte. Zwei davon konnte er abschneiden, das dritte aber verwickelte sich in den Apparat. Mittlerweile fiel der Ballon, und für Letour begann eine schleiffahrt, die ihm innere Verletzungen brachte, an denen er bald nach der Landung starb. Ehe ich nun auf neuere schicksale von Flugtechnikern eingehe, möchte ich noch ein paar Worte dem Uhrmacher Jacob Degen widmen, der in Wien 1812 die Bekanntschaft von Blanchard machte und eine ähnliche Flugmaschine baute, wie sie Blanchard in Paris gebaut hatte. Das Gegengewicht ersetzte er durch einen kleinen Wasserstoffgasballon; 315 — Wir Luftschiffer und so gelang es ihm einmal bei windstillem Wetter, mit seiner Maschine auf und ab und auch ein bißchen vorwärts und rückwärts zu fliegen. Kurz, dieses systéäme mixte sah nach etwas aus, und der Kaiser von Oesterreich gab ihm 4000 Gulden. Leider ließ sich Degen ver⸗ leiten, nach Paris zu gehen. Denn dort wurde es für ihn „windig“ in jeder Beziehung. Nach einem unglücklichen Versuch wurde er ver— hauen, und im Theater machte man aus dem Uhrmacher einen Pasteten⸗ bäcker Vol-au-Vent. Des schneiders von Ulm, Berblinger, der 1811 in die Donau fiel, und des schuhmachers de Groof, der sich 1874 in Chelsea den schädel zerschmetterte, darf man sich voll Mitleids erinnern und dennoch zu ihren Nachfolgern sagen: Bleibt bei eurer Nadel oder eurem Leisten! solche Opfer nützen der Wissenschaft nichts. Im Leben und im Tode schadet ihr nur der Flugsache. Das Verständnis des Fluges kommt nicht angeflogen über Nacht, sondern erfordert recht viel physikalische und technische Vorkenntnisse. selbst wenn ihr nur Reiter sein wollt für die neuen Luftpferde, so bedenkt, daß auch das Reiten eine Kunst ist, die gelernt sein will. Geht man die Geschichte der Flugtechnik durch, so kam die eigent⸗ liche Förderung immer von Physikern, Technikern und Aerzten, die selbst mit Bohrer und Feile umzugehen wußten, oder die sich mit Mechanikern, Uhrmachern, schlossern zum gleichen Zweck verbanden. Borelli, der schon 1680 in seinem Werke de motu animalium die Flugart mit Flügelschlägen richtig erklärte, über die man noch im letzten Jahrzehnt mit „spannung und Entspannung“ sich herum⸗ stritt, und die heute noch fälschlich ‚„Ruderflug“ genannt wird, war Mathematiker und Physiologe. Pettigrew, Marey, der die Richtigkeit der Theorie Borellis durch photographische Momentaufnahmen nach⸗ wies (Le vol des oiseaux, le mouvement), Hureau de Villeneuve. Helmholtz waren Aerzte des gleichen Zuschnittes. Langley, Koeppen, Ahlborn zählen zu den Phyfikern; du Temple, Pénaud, die beiden Renard, Fullerton, Ferber, v. sigsfeld zu den Offizieren technischer Waffen; Henson, Maxim, v. Loessl, Jarolimeck. Wellner, Kreß, Phillips, Hargrave, Ader, Lilienthal, Chanute, Tatin, Levavasseut, Esnault⸗Pelterie und je einer der Brüder Voisin und Wright sind Ingenieure odet Mechaniker. Wegen der Namen, die ich hier nicht genannt habe, weil mir hier in Genf leider die Hilfsmittel zu einer einigermaßen vollständigen Arbeit nicht zur Verfügung stehen, beziehe ich mich zur Entschuldigung gegenüber allen, die es angeht, auf Lecornu, La Navigation asrienne, Paris 1963, wo seite 407 folgendes 316 Erfinder⸗schicksale im Gebiete der Flugtechnik Flugmaschine mit Dampfbetrieb von du Temple. nette Geschichtchen zu lesen ist: Als sir Hiram Maxim 1889 seinen großen Drachenflieger baute, konnte man nach der Haltung der eng⸗ lischen Blätter fast meinen, daß Maxim der Erfinder dieser Flug—⸗ maschinenart wäre. Da unterzog sich das amerikanische Patentamt der Aufgabe, die sache richtig zu stellen, indem es Maxim eine große Anzahl von Vorerfindern nannte und das beantragte Patent ver— weigerte. Und das kam so: das Patentamt in Wasphington verlangte ein „working model“, ein Modell, das wirklich flöge. Ja, antwortete Maxim, meine Maschine arbeitet nur im großen. Ein kleines Modell meines systems käme nicht vom Boden weg. Darauf kommt es uns nicht an, schrieb das Patentamt, schicken sie uns demnach ein großes Modell! Aber ein großes Modell, erwiderte Maxim, müßte minde⸗ stens drei Menschen tragen und einen Motor von 300 Pferden haben; das würde ungefähr 2000 Kilogramm wiegen, 30 Meter lang, 31 Meter breit und 10 Meter hoch sein. Wie soll ich das mit der Post von London nach Washington schaffen? Ach, schrieb das Patentamt, wer spricht von der Post? Kommen sie nur mit Ihrer Maschine auf dem Luftwege zu uns! — so kamen beide nicht zusammen, das Wasser war viel zu tief. J Also, wer im Zweifelsfalle sich und andere geschichtlich in das richtige Fach bringen will, der melde nur bei einein Patentamt mit Vorprüfung seine Erfindung an; wer aber wissen will, was seine Erfindung wert ist, der baue ein Modell, groß oder klein, wenn es nur frei fliegt. schon mit Papierschmetterlingen (Joseph Pline, 1855), mit Platten- und Postkarten-Versuchen lassen fich wichtige Ein⸗ blicke in das Wesen des Fluges gewinnen. 317 21 Wir Luftschiffer Die Maximsche Maschine ist nie frei geflogen, sondern 1892 und 1893 immer nur zwischen einem unteren und einem oberen schienen⸗ gleis gelaufen. sie zeigte allerdings genügenden Auftrieb, zerbrach auch bei ihrem letzten Versuch eine o be re schiene, entgleiste und wurde im Falle zerstört. Uebrigens befinde ich mich in der Wertschägung von Modell⸗ versuchen wohl in Uebereinstimmung mit Kreß und vielen anderen, dagegen im vollen Gegensatz zu Lilienthal. Für Lilienthal gab es sit Hiram Maxims Flugmaschine. Modell. spezlalaufnahme der British Aeronautical soclety. nur den persönlichen Kunstflug. Von Versuchen mit kleinen Maschinen wollte er, nachdem sich seine ausgestopften Vögel immer überschlagen hatten, nichts wissen, und der Drachenflieger paßte ihm überhaupt nicht. Wer das nicht glaubt — Lilienthal wird ja von vielen seiten direkt als Vater des Drachenfliegers hingestellt — der lese nur 3z. B. in Moedebecks Taschenbuch für Flugtechniker und Luftschiffer, Berlin 1904, seite 314, was Lilienthal selbst dort geschrieben hat. Lilienthals Verdienste liegen in den Versuchen über Kraftschöpfung aus dem Winde, über die Frage der stabilität, namentlich aber in dem guten Beispiel, das er durch seine Fallflüge in der Zeit der größten Entmutigung gab, wodurch auch andere Ingenieure, wie Pilcher, Chanute, zur Mitarbeit angeregt wurden und zur Klärung der Frage beitrugen. 318 Lilienthal zum Fluge bereit. ilchers Flugmaschine. spezialautfnahme der vritisy Aeron. socletvy. Wir Luftschiffer Da über Lilienthal an anderer stelle dieses Buches berichtet wird, kann ich gleich auf Pilcher übergehen. Dieser junge englische Ingenieur machte nicht Freiflüge im Wind, sondern schaffte sich den Wind selbst, indem er sich mit seinem schirm von einer lustigen Knabenschar, die den Berg hinunterlief, drachenartig in die Luft heben ließ. Wenn er etwa 20 Meter über dem Boden erreicht hatte, knipste er die schnur ab und schwebte nun frei im Gleitflug nieder. solche Versuche machte er von 1896 bis Oktober 1899. Er hatte auch bereits zur streckung der Flüge einen vierpferdigen Benzinmotor bestellt und eine neue Maschine angefangen, als er bei einem letzten Versuche vor eingeladenen Zu⸗ schauern und in windigem Wetter durch den Bruch eines Apparatteiles aus zehn Meter Höhe herabstürzte und 35 stunden später starb. Obwohl, streng genommen, nicht hierhergehörig, sei noch auf den Todessturz Maloneys mit dem wieder vom Ballon abgelassenen Gleit⸗ flieger Montgomerys in san José (Kalifornien) 1905 hingewiesen. Nun gibt es aber außer Tod und Krüppelhaftigkeit noch andere schicksalsschläge, die auf die Nieren gehen. Als Langley nach dem prächtigen Flug seines zwölf Kilogramm schweren Maschinchens am 6. Mai 1896 einen großen Drachenflieger gebaut hatte, und dieser gleich beim ersten Versuch, 1903, mit Professor Manley ins Wasser fiel und beim Auffischen zerstört wurde, da wiesen zwar viele wieder auf die Nutzlosigkeit von Vorversuchen mit kleinen Modellen hin; in Wirklichkeit war an dem Unglück aber nicht ein Fehler in der stabilität des Drachenfliegers, sondern die unselige Abwurf⸗ vorrichtung schuld, von der Langley sich nicht trennen wollte. Mit diesem Unfall versiegten für Langley die Geldquellen. Mir selbst wurde ein gut vorbereiteter Versuch in folgender Art vereitelt. Ich hatte im Jahre 1894 nach längeren Modellversuchen in der Fabrik und mit dem Gelde des Herrn F. Gaebert in Berlin einen zu bemannenden Drachenflieger gebaut und in einem leeren stande eines Lokomotivschuppens der Anhalter Bahn zusammen⸗ gestellt und zog eines schönen Morgens im sommer 1895 aus, um zu fliegen. Die Tragfläche war starr am Gestell befestigt, weil ich mich bei den Versuchen vorläufig auf gutes Wetter beschränken und so Kosten sparen wollte. Ich stellte daher den Drachenflieger auf einen Roll⸗ wagen, beschwerte ihn durch sandsäcke, und obwohl die Luft ganz ruhig war, stellte ich noch zwei Mann auf ' den Wagen, um den Drachen⸗ flieger nötigenfalls seitlich zu halten. Die Vorbereitungen hatten von früh bis mittag gedauert, und mittags ging nun die Reise los auf einer Weichenstraße, die von der Hauptwerkstätte zu einem Fabrik⸗ gebäude von Ravens am Fuß des Rauhen Berges hinlief. Dort wollte 320 1 ** . 1 P . Cr 2 wi Panzerfregatte, Radetzki“ der K. K. Marine beim Aufklärungsdienst. Vhot. Beer. Erfinder⸗schicksale im Gebiete der Flugtechnit Modell des Langleyschen Aeroplans. ich von einem sturzgerüst. von dem ich früher schon abgesprungen war, den ersten Versuch machen. Auf dem Wege hatte das schicksal eine Bude hingepflanzt, in der man eine „stulle“ oder auch eine „Weiße mit Luft“ bekommen konnte. Ich hatte den ganzen Vormittag nichts zu mir genommen und spürte beim Anblick der Bude plötzlich Hunger. trat ein, bestellte mir ein Butterbrot, das eiligst hergerichtet wurde, und das ich in der Hand mitnahm. Ich mochte etwa anderthalb Minuten in der Bude verweilt haben; als ich aber heraustrat, sah ich nichts mehr von meinem Drachenflieger. Ich sah nur, wie Leute in einer bestimmten Richtung liefen, und lief mit. Und nun kam die Be⸗ scherung: der Drachenflieger lag kopfüber auf einem Ferngleis der Anhalter Bahn, und insofern war noch ein großes Glück beim Unglück, daß es uns schnell gelang, die Hauptgleise frei zu machen. Aber was war geschehen? Der Vorarbeiter, der den Transport zu überwachen und die Weichen aufzuschließen hatte, beorderte in meiner kurzen Ab⸗ wesenheit einen der beiden Arbeiter, die auf dem Rollwagen standen, zu einer Weiche ab; mittlerweile kam ein kleiner Windstoß, dem der eine Arbeiter nicht gewachsen war; der Drachenflieger flog vom Wagen ab, schräg über mehrere Gleise der Anhalter Vahn hinweg und stürzte herunter. Ueber die Art, wie der Absturz vor sich gegangen war, stritten sich die Leute untereinander. Damit waren meine Arbeiten jäh unterbrochen, und ich nahm sie erst 1897 wieder im kleinen auf, nachdem ich mir in meiner Wohnung selbst eine Werkstätte eingerichtet hatte. Eine ähnliche Ausschaltung getroffener Vorsichtsmaßregeln erlebte Kreß 1901; nur war sie für diesen noch brenzlicher. Nachdem Kreß das nötige Geld für Herstellung eines bemannten Drachenfliegers erhalten und 1900 den Motor eingebaut hatte, kam er endlich zu einem Wir Luiischiffer 321 21 Wir Luftschiffer richtigen Versuch auf dem Tullner see. Der auf schwimmern an⸗ laufende Drachenflieger zeigte immer größere Geschwindigkeit und stärkeres Herausheben der schwimmer aus dem Wasser, als Kreß be⸗ merkte, daß er dem Wehr des seeabflusses bedenklich nahe war. Er machte notgedrungen eine Wendung und kenterte dabei. Der Mann aber, den Kreß für alle Fälle mit einem Kahn am Ufer aufgestellt hatte, ließ den im Wasser Zappelnden schreien, ohne sich heranzuwagen, so daß Kreß am Ertrinken war, als ihm sein Mechaniker im letzten Augenblick zu Hilfe kam. Als dann Kreß einen neuen Drachenflieger bis auf die Tragflächen erbaut hatte, erhielt er zum Weiterbau und zum Umzug an den Neusiedler see keine Mittel mehr, dafür aber Ratschläge, genau wie ich, nachdem die nach den gelungenen Ver—⸗ suchen von 1900,01 mir zugegangenen summen vor Vollendung der Maschine erschöpft waren. : scl an- Ansirt 1 2 Konstruktion des auf dem Transport verunglückten Hofmannschen Drachen⸗ fliegers von 1894-95. 322 Erfinder⸗schicsale im Gebiete der Flugtechnik Modell des Hofmannschen Drachenfliegers Die hohen ständer sind Vogeldeinen nachgebilder Diese Aehnlichkeit des schicksals muß auch anderen aufgefallen sein. Denn als im vorigen Jahre in der Allgemeinen Automobil⸗ zeitung, Nr. 17, von einem österreichischen Luftschifferoffizier gleich zwölf Ratschläge auf einmal gegeben wurden und ich auf den achten, — der da hieß: „Zur Vornahme der Versuche sind zwei Freunde oder Brüder, geschickte Monteure und mindestens 200 000 Kronen nötig“, mir die Frage erlaubte (Nr. 27 der Allg. Aut-Ztg. 08), was mit diesem Ratschlag ein Flugtechniker, der schon auf der Welt ist, anfangen soll, da wurde ich in Nr. 34 wie folgt belehrt: „Gar nicht an⸗ fangen soll er zu konstruieren, bevor diese summe nicht vorhanden ist . .. Kreß und Hofmann sind die typischen Beispiele dafür, wie nur die mangelhafte sicherstellung einer größeren Geldsumme den wahrscheinlichen Erfolg vereitelt hat. sie hatten zum schaden auch noch den spott zu tragen.“ Das letztere ist ganz sicher wahr. Gott, was wurde mir nicht allles gesagt und geschrieben, und wie seelenvoll wurde ich oft angeblict! Wenn ich nur etwas über zwei Jahre zurüdgehe, so sinde ich z. B. 323 . — Wir Luftschiffer im Jubiläumsbericht des Berliner Vereins für Luftschiffahrt (Illustr. Aeronaut. Mitteilungen, Oktober 1906, seite 375) meiner in nach⸗ stehender Weise gedacht: „.. und der noch einzige Flugtechniker des Vereins, Regierungsrat J. Hofmann, baut unentwegt weiter an seinem Drachenflieger.“ Dieser spott war gewiß mild und hat in meinen persönlichen Beziehungen nichts geändert; aber die Wirkung auf Geld— leute ist oft unberechenbar. Heute könnte ich selber spotten. Denn in der Zwischenzeit haben so viele ihr flugtechnisches Herz entdeckt, daß ich in der Menge fast verschwinde. Leider hat es vielfach den Anschein, als ob das Verständnis für die Aufgaben, die neben dem eigentlichen Fliegen im Flugproblem stecken, ungefähr auf demselben Fleck stehen geblieben wäre wie zu der Zeit, als ich noch der einzige war. Uebrigens hat auch Frankreich solch einen kaltgestellten Flug⸗ techniker Mons. Ader, von dem die heutigen Pariser Aeroplanerbauer nur lernen könnten. Diesem hat aber wenigstens von 1891 bis 1897 die sonne geschienen, als ihm das franzöfische Kriegsministerium einen Kredit von 500 000 Francs einräumte. Mit seinem Drachenflieger „Avion Nr. 3“ hat Ader zweifellos einige Freiflüge gemacht, bei deren letztem die Maschine zerstört wurde. Ader hatte zum Bau des „Avion Nr. 3“ fünf Jahre verwendet. Ebenso habe ich an meinem letzten unvollendet gebliebenem Drachenflieger drei Jahre gebaut, ehe ich Motor⸗ und Propellerversuche machen konnte. Von diesen sorgen wissen die neueren Flugtechniker gar nichts mehr. sie gehen einfach Kreßsche Flugmaschine auf dem Wasser in voller Fahrt. Momentaufnahme. Die Lustschraube A und B erscheinen verschwommen, da sie in sehr rascher Bewegung find. C Keil. - Luftuiel. E- vertikales steuer. 324 Erfinder⸗schicksale im Gebiete der Flugtechnik in eine Fabrik, bestellen sich einen leichten Motor von so und so viel Pferdestärken und bauen ihn mit mehr oder weniger Aerger ein; aber es geht schließlich immer. Und wenn die Maschine Nr. 12 nicht geht, so fängt man die Maschine Nr. 13 an, während früher verlangt wurde. daß sofort alles klappt. Klappte es nicht, dann wurde man als sünden⸗ bock in die Wüste geschickt. so ging es Ader in Frankreich, Kreß in Oesterreich und in Deutschland mir. socios habuisse malorum ist aber zu allen Zeiten und unter allen Himmelsstrichen ein schlechter Trost. Plus lourd que l'air. Französische Karinatur auf die Technik der Flugmaschinen. 325 Flugmaschinen. Von Ingenieur E. Rumpler, Geschaftsführer der Luftfahrzeug G. m. b. s., Berlin. Leichter und schwerer als Luft. Drachenflieger, JItuderflieger und schraubenflieger. Die Apparate von Maxim, Kreß und Lilienthal. santos Dumont als Aviatiler. Die Voisin⸗Maschinen. Die Monoyplane von Bleriot, Ferber, Esnault⸗Pelterie. Antoinette⸗Flugmotoren. Der Drachenflieger der Gebrüder Wright. Verschiedene startmethoden. Der Apparat von Howard Wright. Flug⸗ leistungen. Ausblick in die Zutunft. 1. Allgemeines. z ie Wege, welche die Erfinder gegangen find, um das Luftmeer D zu erobern, haben fich von Anfang an geteilt, so daß sich 1... heute, wie allgemein bekannt, die systeme „Leichter als Luft“ und schwerer als Luft“ unterscheiden lassen. Die öffentliche Mei⸗ nung, die von der Durchführbarkeit des ersten systemes durch die fich seit einigen Jahren stets mehrenden Erfolge mit Motorluftschiffen bald überzeugt war, zweifelte dennoch längere Zeit an dem system „schwerer als Luft“. Erst das Jahr 19608 mit den glücklich und genial ausge⸗ führten Flügen eines Wright, Farman, Delagrange, Blériot hat den Erfolg gezeitigt, daß die vorher ablehnende Haltung der öffentlichen Meinung in das direkte Gegenteil umgewandelt wurde, und daß das Interesse sich Flugapparaten „schwerer als Luft“ in erhöhtem Maße zuwendet. Es ist demgemäß leicht begreiflich, daß nicht nur in sportkreisen, sondern auch von der finanziellen Welt der Flugtechnik nunmehr ein großes Zutrauen entgegengebracht wird, so daß man jetzt überall mit dem Bau von Flugmaschinen beginnt. Einzelne Konstruktionen haben sich auch bereits durchzusetzen vermocht, während andere wie Eintags⸗ fliegen auftauchen um gleich darauf wieder zu verschwinden. Trotz der grohen konstruktiven Verschiedenheit der einzelnen Flug⸗ maschinen lassen sich drei Hauptgruppen unterscheiden, und zwar: 1. Aeroplane oder Drachen flieger. sie ähneln im Prinzip einem gewöhnlichen Drachen, indem sie ihre Tragflächen nach vorne ansteigend in einem spitzen Winkel gegen die Luftmassen stellen und sich gegen diese bewegen; dadurch rufen sie eine Hubwirkung hervor, welche gleich dem Eigengewicht des Apparates samt Belastung sein muß. Die Vorwärtsbewegung wird durch eine oder mehrere motorisch 326 Flugmaschinen angetriebene Luftpropellerschrauben bewirkt. Der Drachenflieger ist heute entschieden der am weitesten vorgeschrittene Flugapparat. seine wichtigsten Teile sind: die Tragflächen, das Traggestell, die motorisch angetriebenen Luftschrauben, die steuerorgane und der Motor. Die Tragflächen werden entweder einfach nebeneinander oder übereinander angeordnet. Die Nebeneinander⸗Anordnung ergibt größere Wirkungsgrade, die Uebereinander⸗Anordnung gestattet die Anwendung größerer Flächen ohne gleichzeitig zu große Gewichte zu bedingen. Die Rahmen der Tragflächen werden entweder aus stahlrohr oder aus Holz hergestellt und bestehen fast immer aus einem oder mehreren Hauptträgern, welche quer zur Bewegungsrichtung stehen und aus mehreren Querrippen, welche in der Bewegungsrichtung liegen. Das Traggestell oder der Rumpf dient zur Verbindung der einzelnen Hauptstücke, zur Aufnahme des Motors und des eventuell notwendigen Getriebes sowie zur Lagerung der Luftpropellerschrauben; gegen die Mitte zu ist das Gestell zu einem Führersitz ausgebildet, von . Bloriot auf der Reise. Aug. Automobil- Itg. 327 Wir Luftschiffer welchem aus alle Teile des Motors und der Lenkung zu bedienen sind. Ferner muß das Traggestell mit Rädern, schlittenkufen oder der⸗ gleichen ausgerüstet sein, welche den ganzen Apparat befähigen, am Boden zu stehen, beziehungsweise Anlauf zu nehmen und zu landen. Das Gestell wird neuerdings vielfach aus autogen geschweißten stahl⸗ rohren angefertigt. Die motorisch angetriebenen Luftschrauben sind eines der allerwichtigsten Elemente eines Drachenfliegers. Gerade über dieses wichtige Detail herrscht noch eine arge Unklarheit. Man sieht ebenso oft rotierende, dreieckig geformte Flächen wie löffelartig gewölbte Flächen oder sonstige phantastische Gebilde. Als Material wendet man zumeist elastisches Holz oder stahlrohr in Verbindung an. Zu den steuerorganen zählt man das Höhensteuer, das seiten⸗ steuer und das Kurvensteuer. Das Höhensteuer soll die Bewegung des Fahrzeuges im vertikalen sinn beeinflussen und besteht in der Regel aus einer nach unten gewölbten Fläche, welche um eine horizontale, quer zur Flugrichtung liegende Achse schwingt. Das seitensteuer besteht meist aus einer ebenen Fläche, welche um eine vertikale Achse schwingt. Die Ausbildung des Kurven⸗ steuers ist außerordentlich verschieden; meistens aber wird entweder durch direktes Verwinden der Flächen (wie bei Wright) oder durch Hinzufügen von meist dreieckigen Zusatzflächen (wie bei Ferber) an die Haupttragflächen gesteuert. Anschließend an die Drachenflieger sollen die Gleitflieger nicht unerwähnt bleiben, da sie gleichsam die erste Entwicklungsstufe der Drachenflieger darstellen und als motorlose Drachenflieger betrachtet werden können. Die Gleitflieger ermöglichen eine überaus nützliche und angenehme Vorübung für den Motorflug; die Erhaltung des Gleich⸗ gewichts und der Einfluß der Luftbewegungen kann an ihnen sehr gut erprobt werden. Tatsächlich haben die bedeutendsten Flugtechniker wie Lilienthal und Wright jahrelang Gleitflüge ausgeführt, bevor sie zum Motorflug übergingen. 2. Die zweite Hauptgruppe der Flugapparate sind die Ruder⸗ flieger. sie lehnen sich am meisten unter allen Flugsystemen an die in der Natur gegebenen Beispiele an und kopieren die Vögel in der Weise, daß durch vogelflügelartig geformte Tragflächen, die eine auf⸗ und abwärtsgehende Bewegung machen, sowohl Hebewirkung als Vorwärtsbewegung erreicht wird. Diese Bewegung ergibt schwierig⸗ keiten, die größere Konstruttionsgewichte und geringere sicherheit be⸗ dingen. Andererseits ist es mehr als wahrscheinlich, daß eine vogel⸗ 328 Flugmaschinen flügelartig gebaute und vogelflügelartig auf- und niederbewegte Fläche sehr günstige Wirkungsgrade ergibt. Die Zukunft wird es zweifellos zeigen, ob die Komplikation der Bewegung einerseits und der größere Wirkungsgrad andererseits eine allgemeine Verwendung der Ruderflieger rechtfertigen. 3. Die dritte Hauptgruppe, die schraubenflieger benutzen zwei oder mehrere schrauben mit vertikaler Achse, welche die not⸗ wendige Hubkraft erzeugen. Wenn die Achsen dieser schrauben ein 1 nnn ni Zweiflächenflieger von Henri Farman. Phot. Rol & Co. wenig schräg gestellt werden, findet nicht nur Heben, sondern auch gleich⸗ zeitig Vorwärtsbewegung statt. Die Nachteile bestehen darin, daß der Wirkungsgrad von schrauben ein schlechterer ist als der von Trag— flächen und daß außerdem die erzielbaren horizontalen Geschwindig— keiten, auf die es doch ankommt, im allgemeinen nur sehr gering sind. Bei den beiden letztgenannten Gruppen, den schraubenfliegern und den Ruderfliegern, besteht der Hauptvorteil darin, daß man sich ohne Anlauf vom Erdboden erheben kann. Beim Versagen des Motors findet aber, falls man nicht schutzvorrichtungen anbringt, direkter Absturz statt, was bei den Drachenfliegern nicht der Fall ist. Der große Aufschwung der Flugtechnik ist in erster Linie den Drachenfliegern zuzu—⸗ schreiben; nach diesetr Richtung hin dürfte die Entwicklung des dyna— mischen Fliegens vorläufig auch weiter fortschreiten. Tatsächlich haben die Drachenflieger bereits eine gewisse technische Vollendung erreicht. 329 Wir Luftschiffer 2. Beschreibung der wichtigsten Aeroplane. Es soll zunächst darauf hingewiesen werden, daß bereits seit langem mittels der Aeroplane wichtige, die Erfolge des letzten Jahres gewissermaßen vorbereitende Flüge stattgefunden haben. Es seien hier nur die Apparate der drei in einem anderen Kapitel bereits erwähnten Vorkämpfer der Flugtechnik, Hiram Maxim, Wilhelm Kreß und Lilien⸗ thal, kurz erwähnt. Die Tragflächen des Maximschen Drachenfliegers waren derart angeordnet, daß sich zu beiden seiten je eine große und noch zehn kleinere befanden, deren Größe insgesamt 360 Quadratmeter betrug. Die Antriebskraft wurde durch eine Dampfmaschine erzeugt. Das Gewicht des Fliegers inklusive Dampflessel und Dampfmaschine betrug 3600 Kilogramm. Diese Flugversuche mißlangen bekanntlich. Der auf dem Tullnerbacher staubecken bei Wien von Wilhelm Kreß erprobte Drachenflieger besaß drei hintereinander angeordnete Tragflächen und zwei gegenläufige schrauben. Der Flieger war auf zwei schmalen Aluminiumbooten aufgebaut, die ihn befähigen sollten, auf der Wasseroberfläche die nötige Abflugsgeschwindigkeit zu erzielen. Kreß war nicht erfolgreich. Ursache des Kreßschen Mißerfolges war der zu schwere Motor. Vorbildlich für eine Reihe von Flugapparaten war der Gleit⸗ flieger von Lilienthal. Er bestand aus zwei übereinander an⸗ geordneten gewölbten Tragflächen von fast 28 Quadratmeter Trag⸗ fläche und einem kreuzförmigen schwanzsteuer. Die stabilität im Fluge versuchte Lilienthal durch Verschiebung seines Körperschwer⸗ punktes zu erreichen. Von seinem in Groß⸗Lichterfelde bei Berlin erbauten Hügel von 15 Meter Höhe führte er zahllose Gleitflüge aus. Die in seinem vortrefflichen Werk „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“ veröffentlichten, klassisch zu nennenden Luftwiderstands⸗ messungen sind heute noch wertvolle Behelfe. Einige Jahre später erzielte der Brasilianer santos Dumont mit seinem Flugapparat die ersten Flugerfolge in Frankreich. Er hatte seine Flugmaschine aus Hargrave⸗Drachen zusammengesetzt und mit motorischem Antrieb versehen. Mit ihr gelang es ihm am 23. Oktober 1906, einen Flug von etwa 50 Meter Länge in drei bis fünf Meter Höhe auszuführen. später führte santos Dumont mit demselben Apparat Flüge bis zu 220 Meter aus. Nachdem die Gebrüder Voisin mit Gleitfliegern (system Chanute) ausgedehnte Versuche angestellt hatten, schritten sie zum Bau 330 Flugmaschinen Flugmaschine von santos Dumont. eines Drachenfliegers, der mit motorischem Antrieb versehen war. Dieser Flieger bestand aus zwei übereinander angeordneten großen Tragflächen von je 10 Meter Länge und 2 Meter Breite, ferner aus einem rückwärtigen seitensteuer und einem vorderen Höhensteuer. Der vorn zugespitzte Tragkörper aus Holz und die Tragflächen sind unter⸗ einander durch spanndrähte versteift. Hinter dem Führersitz befindet sich der Antoinette⸗Motor, welcher bei 1200 Touren ca. 40 Es leistet. Die zweiflügelige schraube ist direkt auf der Motorwelle montiert und hinter den großen Tragflächen eingebaut. Beide steuer werden durch dasselbe Handrad betätigt, und zwar das Höhensteuer durch achsiales Vor⸗ und Zurückschieben, das seitensteuer durch Drehen. Der Apparat läuft auf abgefederten Rädern, um beim Landen den Außsstoß zu mildern. Blsriot war einer der ersten, der in großem Maßstabe Ver— suche mit Eindecker⸗Drachenfliegern aufnahm, die sich in ihret Form an das von dem Amerikaner Langley geschaffene freifliegende Modell an⸗ lehnten. Nach Erprobung verschiedener Konstruktionen gelangte Blériot zu einer Form, welche vielen Eindeckern mehr oder weniger als Vorbild diente. Dieser Monoplan hat vorn eine große Tragfläche und rückwärts zwei kleinere steuerflächen. Er macht den Eindruck einer fliegenden Heuschrecke. Die vordere Fläche hat 11A Meter spannweite und ca. 26 Quadratmeter Tragfläche. Die rückwärtigen steuerflächen find voneinander unabhängig beweglich und dienen als Höhensteuer und als seitensteuer. Bei seinen später gebauten Drachen⸗ 351 Wir Luftschiffer fliegern hat Blériot das seitensteuer hinter das Höhensteuer gesetzt. Die beiden Enden der großen Tragfläche sind beweglich und dienen als Kurven-steuer. sie sind mit dem rückwärtigen seitensteuer durch Kabel derart verbunden, daß beide steuerorgane gleichzeitig in Tätig⸗ keit kommen. Diese Anordnung für seitensteuerung und stabilitäts⸗ erhaltung hat günstige Resultate ergeben. Der Tragkörper des Flug⸗ apparates ist aus Holz hergestellt und trägt an der spitze den Motor. der die vierflügelige schraube direkt antreibt. Bemerkenswert ist noch der Kühler, der sich unten an den Tragkörper anschmiegt, wodurch er nicht nur durch den natürlichen Luftzug beim Fahren, sondern auch durch den vermehrten Luftzug der schrauben getroffen wird. Das Fahr— gestell besitzt drei um vertikale stützrohre schwenkbare, gefederte Räder. Die Länge des Fliegers beträgt fast 14 Meter. Auch die Motorenfabrik „Antoinette“ hat mit dem Bau von Drachenfliegern begonnen und nach den Erfahrungen des Hauptmanns Ferber einige Monoplane ausgeführt, mit welchen namentlich Gastam— bide und Mengin günstige Resultate erzielt haben. Antoinette baut stark gewölbte Tragflächen, die in den hinteren Enden zur Erhaltung der seitlichen stabilität verstellbare Flächen in Dreiecksform besitzen. Dadurch erzielt Antoinette beim Wenden und Kurvenfahren ähnliche Wirkungen, wie es durch Verwinden der Tragflächen bei den Wright—⸗ schen Fliegern der Fall ist. Der 12 Meter lange, im Querschnitt drei⸗ eckige Tragkörper trägt rückwärts das seiten- und Höhensteuer, von welchen das erstere oberhalb des Tragkörpers zwischen zwei dreieckigen stabilisationsflächen eingebaut ist. An der spitze befindet sich der s⸗Zylinder⸗Motor Antoinette, Paris. 332 Flugmaschinen Blériots Flugmaschine wird startbereit gemacht. Aug. Automobil Itg. 30 Ps. Motor, welcher die zweiflügelige schraube direkt antreibt. Der Motor hat Wasserkühlung, der Kühlapparat besteht aus einer großen Anzahl sehr dünner flacher Rohre, die zu beiden seiten des Tragkörpers in einer Fläche ausgebreitet übereinander liegen und dem Luftzug frei ausgesetzt sind. Zwei hintereinander angeordnete, durch Luftdruck abgefederte Räder dienen für den Ablauf, während der Zerstörung durch Wippen durch zwei seitlich befindliche ebenfalls gefederte stützen vorgebeugt wird, die beim Landen als Bremsen wirken. Die Motoren dieser Fabrik, die namentlich am Anfang des Jahres 1908 von den französischen Flugtechnikern sehr stark begehrt wurden, waren die ersten hervorragend leichten Flugmotoren. Die Gewichts⸗ erleichterung wurde hauptsächlich durch Anwendung der klassisch ge⸗ wordenen 8 Zylinder⸗V⸗Form, durch Anwendung von Aluminium⸗ Zylinder⸗Köpfen, durch Zulassung besonders hoher Material⸗ beanspruchungen und durch Wegfall eines schwungrades erreicht. Das Gewicht des Motors pro Ps nimmt mit der Leistung ab. Ein 50 EPs⸗ Motor wiegt betriebsbereit ca. 120 Kilogramm. Auch der Ausgleich der freien Kräfte, die bei schwingenden und rotierenden Massen ent— stehen, ist beim 8-Zylindermotor in befriedigender Weise erreicht. Die Zylinder sind unter 45 Grad gegen die Horizontale beziehungsweise 90 Grad gegeneinander geneigt. Die Pleuelstangen von je zwei ein— ander gegenüberliegenden Zylindern greifen an demselben Kurbel—⸗ zapfen an. Mit Motorkonstruktionen, wie auch mit Drachenfliegern hat Robert Esnault⸗Pelterie berechtigtes Interesse erregt. sein Monoplan besitzt ein Paar Tragflächen von nur 16 Quadratmeter 333 Wir Luftschiffer Fläche. Höhen⸗ und seitensteuer sind rückwärts eingebaut. Der wie. die Tragflächen mit gefirnißter seide überzogene Körper läuft rückwärts in eine obere und untere stabilisationsfläche aus und hat vorn den Motor, auf dessen Welle die ziehende, vierflügelige schraube montiert ist. Für die seitenstabilisierung hat Esnault-Pelterie die Enden der Tragflächen so gestaltet, daß sie durch einen seilzug entsprechend ver⸗ krümmt werden können. Das Gewicht des Apparates beträgt inklusive des nur 47 Kilogramm schweren 35 Ps starken Motors 240 Kilogramm. Hervorzuheben ist, daß Esnault⸗Pelterie im Laufe seiner Versuche die Belastung pro Quadratmeter immer mehr steigerte, so daß auf einen Quadratmeter Tragfläche jetzt 25 Kilogramm kommen. Dieser Mono⸗ plan hat bereits Geschwindigkeiten von 70 bis 80 Kilometer pro stunde erreicht. Der Esnault⸗Pelterie⸗Motor ist aus den sogenannten stern⸗ motoren hervorgegangen, indem die unteren Zylinder nach oben ge⸗ klappt wurden. Dieser aufgeklappte sternmotor hat 5 oder 7 Zylinder, welche auf eine zweimal unter 180 Grad gekröpfte Kurbelwelle arbeiten und zwar wirken 3 bezw. 4 Zylinder einer Ebene auf einen Kurbel⸗ zapfen, während die übrigen 2 bezw. 3 Zylinder, deren Ebene natürlich um die Entfernung der Mittel der beiden Kurbelzapfen gegen die Ebene der ersten verschoben ist, auf den zweiten Kurbelzapfen wirkt. Zentral im Zylinderkopf jedes Zylinders ist ein Doppelventil angeordnet; die Ventile einer Zylinderreihe werden von einer gemeinsamen Nocken⸗ scheibe gesteuert. Der Drachenflieger der Brüder Wright, über welchen schon lange vor seinen öffentlichen Flügen in Frankreich die abenteuerlichsten c s⸗ Zylinder ⸗Motor Esnault⸗Pelterie. 334 Flugmaschinen Gerüchte verbreitet waren, hat bisher die größten Erfolge zu verzeichnen. Dieser Drachenflieger ist ein Doppeldecker von 450 Kilogramm Gewicht; er hat 12 Meter Breite, und nur 5, Meter Länge. Die Tragflächen haben eine Breite von 2,5 Meter und bestehen aus Baumwollstoff, der über das Holzgestell gespannt ist. Nach vorn ausladend ist das Höhen⸗ steuer angebracht, das aus zwei Flächen von je 4,5 Meter Breite und nur o, ʒ5 Meter Länge besteht, zwischen welchen in 1,8 Meter Entfernung 2 halbmondförmige vertikale Flächen eingebaut sind. Das seitensteuer ist rückwärts angeordnet und besteht ebenfalls aus zwei Flächen, die um vertikale Achsen drehbar sind. Die Abmessungen dieser Flächen sind 1,s und 0,6 Meter, die Entfernung von einander 0.5 Meter. Zwecks steuerung und stabilisierung hat Wright die Enden der Trag⸗ flächen durch ein system von stahldrähten verbunden; durch diesen seilzug lassen sich die Tragflächen so verwinden, daß sich das eine Ende nach oben, das andere nach unten verwindet. soll der Flieger eine Kurve nach links beschreiben, so wird die hintere Kante des linken Flächen⸗ endes nach oben, die auf der rechten seite nach unten gebogen. Die Luft hebt dadurch rechts und drückt links den Flieger nieder, so daß in der Kreisbahn die Resultante aus Fliehkraft und schwerkraft annähernd normal zu den Tragflächen steht und ein Kippen vermieden wird. Diese Konstruktion, welche direkt dem Vogelflügel nachgebildet ist, hat hauptsächlich dazu beigetragen, die großen Erfolge der Brüder Wright Einflächenflieger von Esnault⸗Pelterie. 335 Wir Luftschiffer herbeizuführen. Das Verwinden der Flügel wurde und wird denn auch von fast allen Konstrukteuren mit mehr oder weniger Glück unter Um— gehung der Wrightschen Patente nachzuahmen versucht. Die Voll— kommenheit der Wrightschen Anordnung ist aber bisher noch nicht er— reicht, geschweige denn übertroffen worden. Zwischen den Tragflächen und zwar rechts vom Führer, befindet sich der von Wright selbst gebaute Motor. Es ist ein Vierzylinder, der bei 90 Kilogramm 25 P entwickelt. Von der Motorwelle aus werden durch Kettenantrieb zwei entgegengesetzt rotierende schrauben betätigt. Die schraubenflügel sind aus Holz, von 2, Meter Durchmesser und rotieren sehr langsam mit 450 Touren in der Minute. Originell ist die Art des Abfluges. Der Apparat ist nicht auf Räder, sondern auf einen von zwei Kufen gebildeten schlitten gestellt. Vermittels unterlegter Querleisten, die mit je einer kleinen Laufrolle versehen sind, ruht dieser schlitten auf einer ca. 20 Meter langen Holz⸗ schiene. Der schlitten ist nun durch ein seil, welches oberhalb der schiene über eine vorn angebrachte Rolle und dann unter der schiene zurück zu einem katapultartigen Gerüst führt, mit einem hochgezogenen Fallgewicht von 700 Kilogramm verbunden, so daß dieses fallende Gewicht in entsprechend übersetzter Form auf den Flieger zur Wirkung kommt. Wird nämlich bei angelassenem Motor der Halt des Gewichtes gelöst, so schnellt der Flugapparat unter dem Einfluß des herabfallenden Gewichtes auf der schiene nach vorn, wobei das seil am Ende der schiene abgleitet, wodurch der schlitten stehen bleibt und der Wrightsche Flugapparat mit der nötigen Geschwindigkeit aufsteigt. Diese startmethode, welche von den Franzosen sehr angefochten wird, . ermöglicht aber die Anwendung eines kleinen ͤ Motors, da die großen, nur zum Anlauf der Flug⸗ 8 maschine dienenden Kräste in Wegfall kommen. Wrights Flugmaschine mit Ablaufgerüst. hot. Topical Preb. 336 Flugmaschinen Wilbur Wright im Fluge. Als letzter Flugapparat sei der von Howard Wright erwähnt. Dieser englische Konstrukteur, der trop der Namensgleichheit in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis zu den erfolreichen Amerikanern Gebr. Wright steht, hat einen Flugapparat gebaut, der eine Kreuzung zwischen der Konstruktion von Voisin und der der Gebr. Wright darstellt. An Voisin erinnert der zur Aufnahme des Motors, der schrauben und des vorne befindlichen Höhensteuers dienende Tragkörper, sowie der lange nach rückwärts ausladende schwanz mit dazwischen befindlichen seitensteuern. Unterschiedlich von Voisin ist, daß auf der Motorwelle statt einer zweiflügeligen schraube deren zwei unter 90 Grad versetzte schrauben befestigt find. Den Brüdern Wright nachgebildet ist die Anordnung der Tragflächen, welche jedoch wohl aus patentrechtlichen Gründen nicht verwunden werden, sondern starr sind, und welche an den äußersten rückwärtigen Enden um horizontale Achsen bewegliche Tragflächen besitzen. Der Flugapparat von Howard Wright unterscheidet sich ferner von Voisin und Gebr. Wright, deren Tragflächen vorwiegend aus Holz konstruiert sind, dadurch, daß ersterer sich bei seiner Gesamtkonstruktion in hervor⸗ ragendem Maße des stahlrohres bedient. Von den vielen zu einem Flugapparat gehörigen wichtigen Teilen sei zum schluß noch auf die Luftschrauben und auf die Trag⸗ flächen hingewiesen. Erstere sind vielfach noch aus stahlrohren Wir Luftschisfer 337 22 Wir Luftschiffer hergestellt, an deren Enden sich Aluminiumblechflügel befinden. Als vornehmster Vertreter dieser Konstrultionsmethode ist Voisin zu bezeichnen. Im Gegensatz hierzu wendet Wright mit größtem Erfolge Holzschrauben an, welche aus einem einzigen langfaserigen stück her⸗ gestellt sind. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Methode, schrauben aus solz herzustellen, an Verbreitung zunehmen wird, da das Holz vermöge seines geringen spezifischen Gewichtes und vermöge seiner Elastizität speziell zur Anwendung von schrauben besondere Eignung befitzt. Von den vielen Konstruktionen für Tragflächen sei nur eine einzige besonders charakteristische, welche bei dem short Aeroplan angewendet wird, erwähnt. sie besteht darin, daß über zwei quer zur Fahrtrichtung stehende, als Haupttragkörper dienende Träger furnierartige, mit der Längsrichtung des Fahrzeuges zusammenfallende Rippen befestigt werden. Um diesen Rippen die nötige Absteifung zu geben, werden sie untereinander mittels durchbohrter Holzklötzchen ver⸗ bunden. Ueber das Ganze wird dann eine geeignete stoffbekleidung gespannt. 3. Besondere Flugleistungen. An einer Zusammenstellung der erreichten Flugleistungen lassen sich die Erfolge und die Fortschritte der Aeroplane am besten ersichtlich machen. Farman legte am 13. Januar 1908 zum erstenmal vor Zeugen in geschlossenem Kreisfluge 1 Kilometer zurück, wodurch er den Grand Prix d'Aviation von 50 000 Fres. gewann. Wilbur Wright startet mit einem Passagier. hot. Theodorestu. 338 Flugmaschinen Howard Wrights Maschine. Phot. Toyical. Delagrange gewann am 16. März 1908 den Preis des Aero⸗Club de France. Am 6. Juli 1908 flog Farman in 20 Minuten 20 sekunden die * strecke von 20,4 Kilometer, welche Leistung ihm den Armenggud⸗Preis in Höhe von 10 000 Francs eintrug. Dann erschien Wilbur Wright in Frankreich, dem es gleich bei seinen ersten kürzeren Flügen gelang, die Aufmerksamkeit der Aviatiker auf sich zu lenken. Längere Flüge über 20 Minuten folgten jetzt rasch aufeinander, wobei er auch eine Höhe von 30 Meter erreichte. Robert Esnault⸗Pelterie und Blériot erreichten Höhen von 30 bezw. 12 Meter. Am 29. september 1908 gelang es Farman, einen Distanzrekord von 39 Kilometer aufzustellen. Am 21. september 1908 legte Wright 66 Kilometer in 1stunde 31½ Minuten zurück. Darauf flog Farman am 28. Oktober 1908 das erstemal mit einem Passagier über 2 Kilometer und am 30. Oktober 1908 führte Farman die erste wirkliche Luftreise von Chalons nach Reims aus, wobei er alle Hindernisse ohne schwierigkeit in 50 Meter Höhe spielend überflog und die 27 Kilometer lange Distanz in 17 Minuten zurüdlegte. 339 2 Wir Luftschiffer Blériot erzielte eine ähnliche Leistung, als er bei seiner Rund⸗ fahrt über stadt und Land von Toury nach Artenay und zurück gegen 30 Kilometer mit einer stundengeschwindigkeit von 85 Kilometer durch⸗ flog. Besonders hervorzuheben sind seine Zwischenlandungen, die er lediglich mit eigenen Mitteln ohne fremde Hilfe und ohne Rücksicht auf das Gelände durchführte. Wright lenkte erst am 18. Dezember 1908 mit einem Fluge von 99 Kilometer in 54 Minuten und einem Höhenflug von etwa 110 Meter die Aufmerksamkeit wieder auf fich. seine größte Leistung, die bisher unübertroffen ist und die ihm den Michelinpreis von 20 000 Freés. ein⸗ trug, war die am 31. Dezember 1908. In geschlossenem Rundfluge um⸗ kreiste Wright in Le Mans in 2 stunden 20 Minuten 44 sekunden das durch drei Fahnen abgesteckte Dreieck 56mal, so daß die gemessene Länge 124,3 Kilometer ergibt. Da er aber die geraden Linien des Dreiecks nicht einhalten konnte, betrug die in Wirklichkeit zurückgelegte strecke mehr als 150 Kilometer. Mit diesem glänzenden Rekord fand das für die Flugfortschritte so bedeutsame Jahr seinen Abschluß. 4. Ausblicke. soweit es sich jetzt übersehen läßt, wird das Tempo der Ent—⸗ wicklung der Luftschiffahrt dasselbe wie bisher bleiben, und es kann daher angenommen werden, daß die Flugmaschine einen ähnlich raschen Werdegang durchmachen wird wie das Automobil. Allerdings darf man fich nicht verhehlen, daß ebenso wie das Automobil lange Zeit hindurch ein reines sportfahrzeug blieb, auch die Flugmaschinen noch einige Zeit nur schönwettermaschinen bleiben werden, welche geeignet sind, sport⸗ lichen Tatendrang zu befriedigen und sportlichen Genuß zu verschaffen; der Zeitpunkt jedoch, bis zu welchem die Flugmaschinen so außerordent⸗ lich vollkommen sein werden, daß sie auch als Nutzfahrzeug in Betracht kommen und mit den bestehenden Beförderungsmitteln in Konkurrenz treten können, soll nicht in zu große Nähe gelegt werden. Zunächst wird die Flugmaschine nur auf einzelnen Gebieten in das Verkehrsleben ein⸗ greifen. Hat fie fich jedoch in ihrem nicht mehr aufzuhaltenden Triumph⸗ zug die ihr gebührende stellung errungen, dann wird sie wohl wie kein anderes Produkt menschlichen Geistes umwälzend auf das gesamte Kulturleben der Erde wirken. Ungeheuer und folgenschwer werden die durch die Flugmaschine hervorgerufenen Umwandlungen auf allen Ge⸗ bieten sein. Es ist hier nicht der Platz für Betrachtungen, wie sich das zukünftige menschliche Kulturleben unter dem Einfluß gebrauchsfähiger 340 Flugmaschinen Wilbur Wright bei einem gegen Abend unternommenen Flug in Pau. Rüchkehr zum startplatz. Flugmaschinen gestalten wird, und es ist auch ein undankbares Be⸗ ginnen, bezüglich der Entwicklung derartig hervorragender Kultur⸗ probleme den Propheten zu spielen. Deshalb sei hier nur auf einige wenige Punkte hingewiesen, so auf die Entwicklung der Industrie, auf die gänzlich geänderten Zufuhr⸗ und Abfuhrverhältnisse, auf die Aende⸗ rung der bisherigen Zollverhältnisse und schließlich auf die Erschwerung der heutigen Kriegführung. Die Lösung des Flugproblems, des ältesten und vielleicht heißesten Wunsches der Menschheit, wirkt also friedensfördernd und würde ihr schon aus diesem Grunde zum wahren segen gereichen. . Flugbewegungen einer Möwe. Wie ich den Deutsch⸗Preis gewann. Eindrücke im Motorballon. Von santos Dumont. Die ersten Versuche und Eindrücke im Motorballon. seeschiff und Lustschiff. In der dritten Dimension. Der Ballon Nr. 6. Die Eiffelturm⸗Fahrt am 19. Ostober 1901. 5 Kilometer in neun Minuten. schwierige Rückfahrt gegen Wind. Der Ballon bäumt sich auf. Tie verschiebbaren Gewichte. Glücklich an der Abfahrtstelle. Vierzig setunden über eine halbe stunde. Tie Zu⸗ ertennung des 125 000⸗Francs⸗Preises. Das erlenntliche Vaterland. Notwendigleit unauf⸗ hörlicher Uebung zum Luftschisf⸗Kapitän. itte september 1898 war ich bereit für einen Versuch in freier M Luft. Es hatte sich unter den Pariser Luftschiffern, dem zukünf⸗ tigen Kern des Aero-Klubs, das Gerücht verbreitet, daß ich in meiner Gondel einen Petroleummotor mitnehmen wolle. sie wurden auf⸗ richtig beunruhigt durch das, was fie meine Tollkühnheit nannten; und einige von ihnen drangen in freundschaftlicher Weise in mich, um mich von der ständigen Gefahr eines derartigen Motors unter einem mit einem hervorragend entzündlichen Gase gefüllten Ballon zu über⸗ zeugen. sie bestanden darauf, ich solle als weniger gefährlich an seiner stelle einen elektrischen Motor wählen. 342 Antoinette⸗Flugmaschine. Henry Farman unterwegs. Vhot. Vranger. Wir Luftschiffer Ich hatte meine Anordnungen getroffen, um meinen Ballon im Jardin d' Acclimatisation zu füllen. Dort war bereits ein Fesselballon installiert mit allem, was für ihn täglich erforderlich war. Dieser Umstand gestattete mir, ohne schwierigkeit zum Preise von einem Franken für den Kubikmeter die 180 Kubikmeter Wasserstoffgas zu erhalten, deren ich bedurfte. Am 18. september lag mein erstes Luftschiff, der „santos⸗ Dumont Nr. 1 — wie er später zum Unterschiede von denen, die ihm folgten, genannt wurde — auf dem Rasen zwischen den schönen Bäumen des Gartens. Ich stieg von der stelle auf, und in der gleichen sekunde noch sollte mein Luftschiff, wie ich es befürchtet hatte, sich an den Bäumen zerreißen. Ich verlor keine Zeit mit Bedauern. Zwei Tage später, am 20. september, stieg ich von demselben freien Felde auf, diesmal aber, nachdem ich mir selbst die stelle für die Abfahrt ausgesucht hatte. Ich stieg ohne Unfall über die Wipfel der Bäume empor und begann sofort um sie herumzufahren, um den in Menge herbeige⸗ strömten Parisern mein Luftschiff zu demonstrieren. Ich gewann da⸗ mals, wie es später unaufhörlich der Fall war, ihre sympathie und ihren Beifall, denn meine Bestrebungen haben in dem Pariser Publikum stets einen entgegenkommenden und begeisterten Zeugen gefunden. Mein erster Eindruck beim Durchschiffen der Luft war, wie ich gestehen muß, Erstaunen. Erstaunen, zu verspüren, wie das Luftschiff sich geradeaus bewegte, Erstaunen, den Wind mir in das Gesicht wehen zu sehen. Bei der Fahrt im Kugelballon geht man mit dem Winde und merkt es nicht. Allerdings verspürt der Luftschiffer an Bord eines Kugelballons beim Aufsteigen und auch beim Absteigen die Reibung der Atmosphäre, wie auch die Vertikaloszillation die Fahne wehen läßt; allein bei der Horizontalbewegung scheint der gewöhnliche Ballon stehen zu bleiben, während die Erde unter ihm verfinkt. Während daher mein Luftschiff mit seinem Vorderteil die Luft durchschnitt, schlug der Wind mir ins Gesicht, und mein Jackett flatterte hinter mir her wie auf der Brücke eines transatlantischen Dampfers. In anderer Hinsicht würde es übrigens exakter sein, die Luftschiffahrt mit der schiffahrt auf einem Flußdampfer zu vergleichen. sie hat keine Aehnlichkeit mit der segelschiffahrt, und wenn man von dem „Lavieren“ spricht, will das nichts besagen. Wenn der geringste Wind weht, weht er in einer gegebenen Richtung; die Aehnlichkeit mit einer 344 Wie ich den Deutsch⸗Preis gewann Flußströmung ist voll⸗ ständig. Wenn über⸗ haupt kein Wind geht, dann wird die Luft⸗ schiffahrt mit der schiffahrt auf den glatten Fluten eines sees vergleichbar. Das muß man , wohl er—⸗ fassen. Nehme man an, daß mein Motor und meine Propellerschraube mir in der Luft eine Ge— schwindigkeit von 20 Meilen in der stunde verleihen. Dann bin sölzerne schrauben für Flugmaschinen. ich in der Lage, in der Phot. Jip Kester. ein Kapitän auf einem Flußdampfer sich befindet, dessen schraube sowohl bei der Berg⸗ wie bei der Talfahrt eine Triebkraft von 20 Meilen in der stunde ent⸗ wickelt. stelle man fich nun vor, daß die strömung zehn Meilen in der stunde betrage. Wenn der Dampfer gegen den strom fährt, macht er, wenn er sich an das Ufer hält, zehn Meilen in der stunde, obgleich er im Wasser eine Geschwindigkeit von 20 Meilen entwickelt. Wenn er mit dem strom geht und fich an das Ufer hält, macht er 30 Meilen, obwohl er an sich im Wasser keine so große Geschwindigkeit entfaltet. Es ist das einer der Gründe, die die Abschätzung der Ge— schwindigkeit eines Luftschiffes so schwierig machen. Es ist das auch die Ursache, weshalb die Kapitäne von Luft— schiffen es stets vorziehen werden, wenn sie zu ihrem Vergnügen fahren, das bei ruhigem Wetter zu tun, und weshalb sie, wenn sie auf eine Gegenströmung stoßen, suchen werden, ihr durch schräges Auf⸗ oder Niedersteigen auszuweichen. so machen es auch die Vögel. Der Vachtsman sehnt sich auf dem Meer nach einer Brise, denn er vermag nichts ohne sie; auf dem Flusse wird der Dampsschiffskapitän sich immer möglichst an das Ufer halten, um die strömung zu vermeiden, und die Talfahrt lieber mit der Ebbe als mit der Flut machen. Wir schiffer der Luft find Kapitäne von Dampfern und nicht von segel— yachten. 345 Wir Luflschiffer Der Luftschiffer hat vor dem sonstigen schiffer nur einen Vorzug voraus, der aber groß ist: er kann die strömung nach Belieben wechseln. Die Luft ist voll von veränderlichen strömungen. Wenn er aufsteigt, wird er entweder eine Brise oder eine windstille Region antreffen. Es find das nur praktische Erwägungen, die nichts damit zu tun haben, daß das Luftschiff imstande sein muß, gegebenenfalls gegen die Brise anzukämpfen. ; Vor dem Ausstieg legte ich mir bei meiner ersten Fahrt die Frage vor, ob ich wohl die seekrankheit bekommen werde. Ich sah voraus, daß das Auf⸗ und Absteigen in schräger Richtung durch die verschieb⸗ baren Gewichte eine unangenehme Empfindung hervorrufen werde. Ich dachte namentlich an das „stampfen“, wie man an Bord der schiffe zu sagen pflegt. Ich würde jedenfalls weniger von Roll⸗ bewegungen verspüren. Die beiden Empfindungen würden bei der Luftschiffahrt etwas Neues sein, da der Kugelballon absolut keine Be⸗ wegungsempfindungen hervorruft. Gleichwohl verspürte ich bei meinem ersten Luftschiff, bei dem die Aufhängevorrichtung sehr lang war und der eines Kugelballons ähnelte, selbst von Rollbewegungen nur wenig. Ich muß überhaupt gestehen, daß ich, obwohl man gesagt hat, daß bei einzelnen meiner Fahrten mein Luftschiff beträchtlich geschwankt habe, vom ersten Tag an nichts von seekrankheit verspürt habe. Es mag das daher kommen, daß ich schon auf see diesem Uebel nur sehr wenig unterworfen war. Bei meiner Ueberfahrt von Brasilien nach Frankreich und von Frank⸗ reich nach den Vereinigten staaten habe ich alle Arten von Wetter gehabt. Einmal, im Verlauf der Rückfahrt nach Brafilien, hatten wir ein derartiges Unwetter, daß der Musikflügel sich losriß und einer Dame das Bein zerschmetterte. Trotzdem wurde ich nicht krank. Ich weiß wohl, daß das Unangenehmste, was man auf dem Meer auszustehen hat, nicht sowohl die Bewegung wie der kleine stillstand des schiffes vor dem „stampfen“ ist, sowie die sich daran anschließende niederträchtige Ab⸗ oder Aufwärtsbewegung, die nicht immer ganz die gleiche ist, die Erschütterung, die entweder im Wellental oder auf dem Wellenberge erfolgt. Zu alledem treten dann noch als er⸗ schwerende Umstände der Farbe⸗, Firnis⸗ und Teergeruch, vermischt mit dem Küchendunst, der heißen Ausströmung der Kessel, dem übeln Geruch des Rauchs und der Ausdunstung, die aus dem Kielraum aufsteigt. An Bord eines Luftschiffs kennt man teine üblen Gerüche. Alles ist rein und sauber. selbst das stampfen geht ohne Erschütterung vor⸗ über, es gibt nichts dem stillstand der schiffe im Meer ähnliches. Die 346 Wie ich den Deutsch⸗Preis gewann Bewegung gleicht einem sanften Dahingleiten, jedenfalls weil die Luftwellen weniger Widerstand entgegensetzen. Weniger häufig als auf see erfölgt das stampfen auch weniger jäh; das Hinabgehen voll⸗ zieht sich ohne plötzlichen stillstand; man kann in Gedanken das Ende der Kurve absehen, und es gibt keinen plötzlichen stoß, der dem Magen das seltsame Gefühl der Leere verliehe. Das ist aber noch nicht alles. An Bord eines Ozeandampfers rühren die Erschütterungen hauptsäch⸗ lich daher, daß das Vorder- und Hinterteil des schiffskolosses sich ab⸗ wechselnd aus dem Wasser erhebt, um wieder darin unterzutauchen. Das Luftschiff verläßt niemals sein Element, die Luft, in der es sich lediglich hin⸗ und herwiegt. Diese Betrachtung bringt mich auf den bemerkenswertesten von allen Eindrücken der Luftschiffahrt. Bei meiner ersten Fahrt wurde ich davon förmlich ergriffen. Ich meine das vollständig neue Gefühl, sich in einer Ergänzungs⸗Dimension zu bewegen. Der Mensch hat nie etwas kennen gelernt, was der freien verti⸗ kalen Existenz gliche. An die Oberfläche des Bodens gebannt, macht er kaum einmal eine Bewegung „nach unten“, außer wenn er von einem kurzen, verwegenen sprung „nach oben“ wieder zur Oberfläche Tragflächen in Arbeit. Phot. Filip Kester. 347 Wir Luftschiffer des Bodens zurückkehrt. Unser Geist verläßt niemals die ebene Fläche, selbst wenn unser Leib sich über sie erhebt; es ist das so wahr, daß der von einem Kugelballon einhergetragene Luftschiffer keine Bewegungs⸗ empfindung hat, sondern den Eindruck empfängt, als versänke die Erde unter ihm. Bezüglich der Kombination vertikaler und horizontaler Bewe⸗ gung ist der Mensch absolut ohne alle und jede Erfahrung. Da dem⸗ nach unsere sämtlichen Bewegungsempfindungen sich praktisch auf nur zwei Dimensionen erstrecken, besteht die außerordentliche Neuheit, die der Flug mit dem Luftschiff uns gebracht hat, darin, daß er uns die Bekanntschaft selbstverständlich nicht mit der vierten Dimension, wohl aber mit etwas vermittelt hat, das tatsächlich eine Ergänzungs⸗ Dimenfsion, die dritte ist: und dementsprechend ist das Wunder. Ich weiß wirklich nicht, wie ich das Erstaunen, die Freude, den Rausch beschreiben soll, den diese freie schrägbewegung nach vorn uns sowohl beim Aufflug wie beim Abstieg in Verbindung mit den plötzlichen horizontalen Richtungsänderungen verschafft, wenn das Luftschiff einer Drehung des steuers folgt. Den Vögeln muß es ähnlich zu— mute sein, wenn sie ihre weiten schwingen regen und ihr Flug sich gen Himmel richtet... * Por mares nunca d'antes navegados! (Durch Meere, nie zuvor durchschifft.) Der Vers unseres großen Dichters tönte mir seit meiner Kindheit in den Ohren. Nach der ersten meiner Ausfahrten ließ ich ihn auf meine Fahne schreiben ... Der neue Ballon (Nr. 6) hatte die Gestalt eines verlängerten Ellipsoides. Er maß in seiner größten Achse 33 Meter, in seinen kleinsten Achsen sechs Meter und endete vorn und hinten kegelförmig. Ich verwandte diesmal die größte sorgfalt auf die Bestandteile, die bestimmt waren, dem Ballon seine starrheit zu erhalten. Wenn ich auf das Dach des Trocaderohotels abgestürzt war, so hatte das an einem Fehler des kleinsten und unbedeutendsten Teiles meiner Maschinerie gelegen — einem lahmgewordenen Ventil, das Gas ent⸗ weichen ließ. In ganz ähnlicher Weise hatte der Absturz meines ersten Luftschiffes seine Veranlassung in dem Defektwerden einer kleinen Luftpumpe gehabt! 348 Wie ich den Deutsch⸗Preis gewann Außer bei dem Ballon von der gedrungenen Gestalt meiner Nr. 3 hatte ich stets stark auf den ausgleichenden inneren Ballon gerechnet, der entweder durch eine Luftpumpe oder einen rotierenden Ventilator gespeist wurde. Wie eine geschlossene Tasche in den Boden des Innern des großen Ballons eingenäht, sollte er flach und leer bleiben, solange der große Ballon selbst durch das Gas gespannt gehalten werde. sollte ab und zu der Wechsel in der Höhe eine Kondensation des Wasserstoffs herbeiführen, so sollte die durch den Motor getriebene Luftpumpe den ausgleichenden Ballon zu füllen beginnen, so daß er, im Innern des großen Ballons aufgeblasen, diesen gespannt hielte. In das Innere meiner Nr. 6 ließ ich daher einen Kompensations⸗ ballon von 60 Kubikmetern Fassungsvermögen einnähen. Der zu seiner santos Dumont mit einem Flügel seines Drachenfliegers. 349 Wir Luftschiffer speisung dienende Ventilator bildete praktisch einen integrierenden Bestandteil des Motors. sich unaufhörlich drehend, wenn der Motor ginge, sollte er beständig Luft in den ausgleichenden Ballon pumpen. ganz gleich, ob dieser sie zu fassen vermöge oder nicht. Die Luft, die er nicht fassen könne, sollte der Kompensationsballon durch ein verhältnis⸗ mäßig schwaches, mit der äußeren atmosphärischen Luft durch seinen Boden, der zugleich ja auch der des großen äußeren Ballons war, in Verbindung stehendes Klappenventil austreiben ... Der Raumgehalt meines neuen Ballons betrug 630 Kubikmeter, was eine absolute Aufstiegskraft von 690 Kilo ergibt. Aber das stärkere Gewicht des Motots und der Maschinerie reduzierte das Gewicht des verfügbaren Ballastes auf 110 Kilo. Der Motor war ein „Vier⸗ Zylinder“ von zwölf Pferdekräften, der automatisch durch Wasserspülung um das Kopf⸗ und das Fußende abgekühlt wurde. Obwohl der Kühl⸗ apparat die Traglast vermehrte, war ich doch froh, daß ich ihn hatte, denn er gestattete mir, ohne daß ich unterwegs eine Ueberhitzung oder eine Zusammenziehung zu befürchten gehabt hätte, die volle Kraft des Motors auszunutzen, der imstande war, dem Propeller eine Traltions⸗ kraft von 66 Kilo zu verleihen. Meine täglichen Uebungen mit dem neuen Luftschiff endeten am 6. september 1901 mit einem leichten Unfall. Der Ballon wurde für den 15. neu gefüllt. Vier Tage später warf eine zu jähe Wendung ihn auf einen Baum. Ich habe stets die Unfälle dieser Art in sehr philosophischer Weise aufgenommen; ich erblicke darin eine Art Garantie gegen viel schlimmere. Wenn ich denjenigen, die Fahrten in einem Lenkbaren machen, einen Rat zu geben hätte, würde ich ihnen sagen: „Bleibt in der Nähe der Erde.“ Der Ort eines Luftschiffs ist nicht in großen Höhen. Es ist besser, daß man in den Kronen der Bäume hängen bleibt, wie ich es im Bois de Boulogne tat, als daß man sich ohne den geringsten praktischen Vorteil den Gefahren der oberen Regionen aussetzt. Nachdem am 19. Oktober 1901 der „santos⸗Dumont Nr. 6“ rasch wieder instand gesetzt war, versuchte ich von neuem die Wettfahrt um den Deutsch⸗Preis, und ich gewann ihn. Tags vorher war das Wetter erbärmlich. Ich hatte trotzdem die Kommission auf telegraphischem Wege einberufen. Das Wetter besserte sich während der Nacht, allein die atmosphärischen Verhältnisse waren um 2 Uhr nachmittags, der für den Versuch festgesetzten stunde, immer noch so ungünstig, daß von den 25 Mitgliedern, aus denen die 350 Wie ich den Deutsch⸗Preis gewann Kommission sich zusammensetzte, nur fünf kamen: Herr Deutsch de la Meurthe, Herr de Dion, Herr de Fonvielle, Herr Besangon und Herr Aimè. Das in diesem Augenblick telephonisch befragte meteorologische Zentralbureau signalisfierte einen mit der Geschwindigkeit von sechs Metern in der sekunde wehenden südostwind in der Höhe des Eiffel⸗ turms. Wenn ich bedenke, zu welcher Genugtuung mir die nach meiner und meiner Freunde Berechnung mit meinem ersten Luftschiff im Jahre 1898 erzielte Geschwindigkeit von sieben Metern in der selunde gereichte, muß ich mich jetzt immer noch darüber wundern, welche Fort⸗ schritte in den drei nächstfolgenden Jahren gemacht worden waren: stand ich doch im Begriff, eine Fahrt innerhalb einer engbegrenzten Frist bei einem Winde zu wagen, dessen stärke beinahe der hächsten von mir mit meinem ersten Luftschiffe erreichten Geschwindigkeit gleichkam. Ein schlimmer sturz. 351 Wir Luftschiffer Die offizielle Abfahrt fand 2 Uhr nachmittags statt. Obgleich der Wind mich von der seite traf mit dem Bestreben, mich links am Eiffelturm vorbeizutreiben, hielt ich doch die direkte Richtung nach ihm ein. Im Weiterfahren ließ ich das Luftschiff fich zu einer Höhe von zehn Metern über seinem First erheben. Dieses Manöver kostete mich Zeit, allein es ficherte mich in weitestem Maße gegen jede Gefahr, mit dem Turme in Berührung zu kommen. Nachdem ich mich über den Turm erhoben hatte, wendete ich mich mit einer jähen steuerbewegung, und das Luftschiff beschrieb im Ab⸗ stande von etwa 50 Metern einen Halbkreis um den Blitzableiter. Es war 2 Uhr 51 Minuten. In neun Minuten hatte ich eine strecke von fünf und einem halben Kilometer zurückgelegt und meine Drehung ausgeführt. Der Rückweg war lang. Bis zu dem Turme hatte der Motor sich gut gehalten, allein als ich ihn etwa 500 Meter im Rücken hatte, drohte er zu versagen. Einen Augenblick blieb ich in bedenklicher Ungewißheit. Es mußte ein rascher Entschluß gefaßt werden. Auf die Gefahr hin, aus der Richtung zu geraten, verließ ich auf einen Augenblick das steuer, um meine Aufmerksamkeit auf den Handgriff der Karburators und den Hebel, der den eleltrischen Funken über⸗ springen ließ, zu konzentrieren. Der Motor, der fast stehen geblieben war, fing wieder an zu gehen. Ich war beinahe am Bois. Da begann nach einer allen Luftschiffern wohlbekannten Erscheinung die von den Bäumen ausgehende Luft⸗ strömung meinen Ballon nach und nach zu erschlaffen. In einem ärger⸗ lichen Zusammentreffen von Umständen ging der Motor in diesem Augenblick wieder langsamer, so daß das Luftschiff sank, während die Bewegungskraft geringer wurde. Um dem Abstieg entgegenzuwirken, mußte ich das Leitseil und die verschiebbaren Gewichte rückwärts richten. Das Luftschiff stellte sich schräg aufwärts, und das, was dem Motor von Kraft übriggeblieben war, ließ es beständig steigen. Ich war an der Rennbahn von Auteuil angelangt. Ich flog über das Publikum hinweg, das Vorderteil des Luftschiffes schon sehr hoch gerichtet, und ich hörte den Beifall der ungeheuren Menge, als mit einem Male mein launenhafter Motor seine volle Geschwindigkeit wiedererlangte. Durch die plötzliche Beschleunigung vermehrte die Luft⸗ schraube, die sich beinahe unterhalb des Luftschiffes befand — so sehr hatte dieses fich in die Höhe gerichtet — noch die schrägstellung. Den Beifallskundgebungen folgten jetzt Rufe der Beängstigung. Ich meines⸗ teils war ohne Furcht; ich befand mich über den Bäumen des Bois, und man weiß, daß diese mich mit ihrem sanften Grün immer beruhigt haben. 352 Wie ich den Deutsch⸗Preis gewann Das alles war sehr rasch vor sich gegangen, bevor es mir möglich gewesen wäre, durch das spielenlassen des Leitseils und der verschieb⸗ baren Gewichte meine horizontale Lage wiederzugewinnen. Ich befand mich in einer Höhe von 150 Metern. Wohl—⸗ gemerkt, ich hätte den schrägaufstieg des Luftschiffs aufhalten können, wenn ich den Gang des Motors, der es in die Höhe trieb, verlangsamt hätte. Allein die Zeit für den Probeflug war ge⸗ messen. Ich ließ dem Motor seine Geschwin⸗ digkeit. Ich erreichte denn auch alsbald wieder die horizontale Lage, als ich das Leitseil und die verschiebbaren Ge— wichte nach vorwärts brachte. Wenn ich mich auf diese Einzelheiten einlasse, geschieht es, weil damals mehrere meiner Freunde sich einbildeten, es müsse mir etwas schreckliches begegnen. Uebrigens hatte ich keine Zeit mehr, vor dem Er—⸗ reichen der Ankunfts⸗ kontrolle auf dem Terrain des Aero⸗ Klubs eine niedrigere Höhe zu nehmen — was mir durch eine Ver—⸗ langsamerung der Ge⸗— schwindigkeit meines Wir Luftschiffer — — . * 16 — öjĩ — * 6 n 2 [ — —— — ö — santos Dumont umfährt den Eiffelturm und gewinnt den Deutsch⸗Preis. 353 23 Wir Luftschiffer Motors leicht möglich gewesen wäre. Es ist das der Grund, weshalb ich so hoch über den Köpfen der Preisrichter daherflog. Bei der Fahrt nach dem Eiffelturm hatte ich nicht ein einziges Mal auf die Dächer von Paris herabgesehen. Ich schwamm in einem blauweißen Meere dahin und sah nichts als das Ziel. Auf der Rück⸗ fahrt wendete ich den Blick nicht von dem Grün des Bois de Boulogne und dem silberband der seine an dem Punkte, wo ich sie zu kreuzen hatte. In einer Höhe von 150 Metern und mit voller Kraft der Propellerschraube fuhr ich über Longchamps dahin, überschritt die seine und setzte meinen Weg mit ungeminderter Geschwindigkeit über die Köpfe der Preisrichter und der auf dem Terrain des Aero⸗Klubs ver⸗ sammelten Zuschauermenge fort. Es war in diesem Augenblick 3 Uhr 11 Minuten und 30 sekunden, was eine genaue Zeit von 29 Minuten und 30 sekunden ergab. Von seinem Elan getragen, flog das Luftschiff dahin, wie ein Pferd an dem Ziel vorübersaust, eine Jacht über die Linie hinaus⸗ schießt und wie ein Automobil noch dahinfliegt, wenn bereits der Preis⸗ richter seine Zeit notiert hat. Dann machte ich wie der Jockei mit seinem Rennpferde kehrt und fuhr nach dem Aerodrom zurück. Nachdem mein Leitseil ergriffen war, landete ich um 3 Uhr 12 Minuten und 40 sekunden oder 30 Minuten 40 sekunden nach meiner Abfahrt. Ich wußte meine genaue Zeit nicht mehr. Ich rief: „Habe ich gewonnen?“ Worauf die Menge mir antwortete: „Ja!“ Es gab Leute, die behaupteten, es hätte mir die ganze Zeit bis zu meiner Rückkehr nach dem Aerodrom und nicht nur bis zu dem Augenblick, wo ich, vom Eiffelturm zurückkommend, über die Köpfe der Preisrichter dahinfuhr, angerechnet werden müssen; und ich konnte einen Augenblick glauben, es sei schwieriger, mir den Preis zuerkennen zu lassen, als ihn zu gewinnen. Der Preis belief sich auf 125 000 Franken. Da es mir nicht beifiel, diese summe für mich zu behalten, teilte ich sie in zwei ungleiche Teile, von denen ich den größeren, 75 000 Franken, dem Polizeipräfekten für die Armen von Paris überwies; den Rest verteilte ich unter mein Personal, das mir seit so langer Zeit seine Hilfe geliehen und dem ich froh war, dieses Zeichen der Erkenntlichkeit für seine Anhänglichkeit geben zu können. Ich erhielt um dieselbe Zeit noch einen andern großen Preis, der für mich ebenso schmeichelhaft war wie er mir unerwartet kam — die summe von 100 Contos (125 000 Franken), die mir die Regierung 354 Wie ich den Deutsch⸗Preis gewann meines Heimatlandes zuerkannte. Neben dem Gelde wurde mir eine goldene Medaille großen Formats überreicht, die sehr schön und in Brasilien entworfen, geschnitten und geprägt worden war. Die Vorder⸗ seite stellte meine Wenigkeit dar, von einer Viktoria geleitet und von einer geflügelten Fama mit Lorbeer bekränzt. Auf der Rüchseite ist eine aufgehende sonne dargestellt mit der leichten Veränderung, die ich mir mit dem Verse des Camoäns gestattet hatte, der in dieser Gestalt auf dem langen, von meinem Luftschiffe herabwehenden Wimpel prangt: Por ceus nunea d'antes navegados! Die Rückseite trägt folgende In⸗ schrift: „Der Präsident der Vereinigten staaten von Brasilien, Dr. Manoel Ferraz de Campos⸗sellas, hat diese Medaille zu Ehren Alberto santos Dumonts schneiden und prägen lassen. — 19. Oktober 1901.“ Ich hatte den Deutsch⸗Preis nicht im Auge, als ich Luftschiffe zu bauen begann, und hatte daher, nachdem ich ihn gewonnen, keinen Grund, meine Versuche zu unterbrechen. Mein erstes Luftschiff war schon vom stapel gelassen, als es noch keinen Aero⸗Klub und noch keinen Deutsch⸗Preis gab. Beide hatten durch ihr unerwartetes Ins⸗ Auf dem Rückweg vom Eiffelturm. 355 23* Wir Luftschiffer lebentreten und das berechtigte Aufsehen, das sich an sie knüpfte, das Publikum plötzlich vor das Problem der Luftschiffahrt gestellt, in der Tat so plötzlich, daß ich mich nicht in der Lage. befunden hatte, binnen einer bestimmten Frist mich an eine derartige Probe heranzuwagen. Von dem natürlichen und sehr lebhaften Verlangen nach einem siege getragen, hatte ich mich bemüht, auf meine Kosten und auf meine Gefahr rasch neue Modelle herzustellen. Ich konnte mir nunmehr die volle Zeit nehmen, die ich nötig hatte, um mich methodisch in der Luft⸗ schiffahrt weiter auszubilden. Nehme man an, man wolle sich eine neue Bicyclette oder ein neues Automobil kaufen. Man erhält alsdann eine tadellose Maschine, ohne auch nur im geringsten etwas von der Mühe des Erfinders und Erbauers auf fich genommen und etwas von ihren Enttäuschungen, mißglückten Versuchen und immer wieder erneuerten Arbeiten erlebt zu haben. Nun wohl, trotz all dieser Vorteile wird man fich bald davon überzeugen können, daß der Bestitz einer tadellosen Maschine nicht not⸗ wendigerweise die Gewißheit einschließt, daß man mit ihr nach Belieben auf den straßen wird einherfahren können. Man kann aus Mangel an Erfahrung von der Bichyclette fallen und mit dem Automobil stürzen. Die Maschine ist tadellos, aber man muß lernen, sie zu lenken. Um die moderne Bichyclette ihrer Vollendung entgegenzuführen, sind seit 25 Jahren Liebhaber, Erfinder, Ingenieure und Fabrikanten tätig gewesen, unablässig neue Erfindungen probierend, von denen fie den größeren Teil nacheinander verwarfen, und nach unzähligen Nieder⸗ lagen nach und nach durch halbe Erfolge zur Vollkommenheit des Mechanismus gelangten. Ebenso geht es heute mit dem Automobil. Denke man nur ein⸗ mal daran, mit welcher Mühe und mit welchen finanziellen Opfern die Ingenieure und Fabrikanten es schritt für schritt bis zu den Rennmodellen der Probestrecke Paris Berlin gebracht hatten — eben in dem Jahre 1901, in dem der einzige lenkbare Ballon den Deutsch⸗ Preis gewann trotz einer Beschränkung in der Zeit, die vielen Leuten seinen sieg als ein Ding der Unmöglichkeit erscheinen ließ. Von den 170 vervollkommneten Automobilen, die sich für das Rennen Paris — Berlin einschreiben ließen, legten indes nur 1069 die strecke des ersten Tages gänzlich zurück, und von diesen 109 erreichten schließlich nur 26 das Ziel. Alles in allem waren daher von 170 eingeschriebenen nur 26 im⸗ stande, das Rennen vollständig mitzumachen! Und wieviel, glaubt man wohl, daß von diesen 23 Automobilen die Fahrt ohne ernstlichen Unfall zurückgelegt hätten? Vielleicht kein einziges! 356 Wie ich den Deutsch⸗Preis gewann Und das war der völlig normale Verlauf der Dinge. Darauf verlasse man sich. Unter diesen Umständen nur entwickelt fich eine große sache. steuere ich auch durch die Luft, so kann ich daran doch nichts ändern. Und das sollte jedermann wissen. Wenn ich daher, rückwärts schauend, meine Fortschritte seit dem Tage des Jahres 1898 betrachte, an dem mein Ballon über dem Felde von Bagatelle zusammenklappte, muß ich mich darüber wundern, mit welcher schnelligkeit ich mich durch die Aufmerksamkeit der Welt und meinen eignen Eifer in einer schließlich doch etwas gewagten sache hatte fortreißen lassen. Auf die Gefahr hin, mir den Hals zu brechen, und unter Aufopferung einer nicht wieder einbringlichen bedeutenden summe Geldes hatte ich den Deutsch⸗Preis gewonnen. Ich hätte zu den gleichen Ergebnissen durch ein weniger gewaltsames und vernünf⸗ tigeres Fortschreiten gelangen können. Ich war alles zusammen ge⸗ wesen, Erfinder, Besteller, Maschinenbauer, Liebhaber, sowie Maschinist und Kapitän eines Luftschiffs. Und jede einzelne dieser Eigenschaften genügt, um einem Arbeit und Ansehen in der Automobilwelt zu ver⸗ schaffen. Inmitten aller meiner sorgen fand ich mich häufig im Kampfe mit der Kritik, weil ich mir ruhiges Wetter zu meinen Versuchen aus⸗ suchte. Indes, wer, der Experimente über Paris anstellt — wie ich es bei meinen Vorübungen für den Deutsch⸗Preis tun mußte — möchte wohl zu den natürlichen Ausgaben und Gefahren sich auch noch die Be⸗ lästigungen durch Gott weiß was für Prozesse auf den Hals laden, weil er die schornsteine einer Weltstadt auf eine Bevölkerung von Fußgängern herabgeworfen habe! Ich sondierte nacheinander die Ver⸗ sicherungsgesellschaften. Keine wollte mir einen Tarif für den schaden aufstellen, den ich an einem stürmischen Tage anrichten könne. Keine wollte mir einen Tarif aufstellen für die Versicherung meines Luft⸗ schiffs, wenn ich es einbüßen sollte. Da schien es mir, das, was mir am meisten not tue, sei einfach und unabweislich, mich in der Luftschiffahrt zu üben. Ich hatte fort⸗ während die Geschwindigkeit meiner Luftschiffe gesteigert, das heißt ich hatte mich nur mit dem Bau beschäftigt und meine Heranbildung zum Kapitän vernachlässigt. Ein schiffskapitän erhält sein Patent erst nach jahrelangen studien und praktischen Uebungen in untergeord⸗ neten stellungen. Der Chauffeur für straßenfahrten ist genötigt, fich zur Erlangung seiner Lizenz einer Prüfung vor spezialrichtern zu unterziehen. In der Luft, wo alles neu ist, genügt es zur sichern Führung eines lenkbaren Ballons nicht, daß man mit der Erfahrung eines Kugelballon⸗Aeronauten diejenige eines Automobil⸗Chauffeurs 357 Wir Luftschiffer verbinde; allein in seiner Gondel muß der Kapitän über kaltes Blut, scharfsinn, raschen Entschluß und die besondere Art von Instinkt ver⸗ fügen, die nur lange Gewohnheit verleiht. Weil ich das wohl bedachte, bestand meine Hauptbeschäftigung während des Herbstes 1901 darin, einen Ort ausfindig zu machen, wo ich mich so, wie ich es wünschte, in der Luftschiffahrt üben könne. Mein schnellstes und bestes Luft— schiff, der santos Dumont Nr. 6“, befand sich im besten Zustande. Am Tage, nachdem ich den Deutsch⸗Preis gewann, fragte mich mein Maschinenmeister, ob ich wünsche, daß er es noch etwas mit Wasser⸗ stoff nachfülle. Ich sagte ja, als er aber den Wasserstoff nachfüllen wollte, machte er eine eigentümliche Entdeckung: der Ballon konnte keinen mehr aufnehmen! Er hatte auch nicht einen einzigen Kubik—⸗ meter verloren! Die Gewinnung des Deutsch-Preises hat mich nur einige Liter Petroleum gekostet. Die santos Dumont von seinem Heimatland Brasilien gewidmete Plakette. 358 Dynamischer Aufstieg des 3. J. Phot. Weyer. Aeber die Führung von Freiballons und Motor⸗ Luftschiffen. Von C. von Krogh, Hauptmann im Luftschiffer⸗Bataillon a. D. Die Führeraufgaben bei Frei⸗ und Motorballons. Kenntnis des Materials und der Meteorologie. Prüfungen vor der Fabrt. Führungsfehler beim ersten Zeppelin⸗Luftschiff. Verhalten des Piloten während der Fahrt. Maßregeln bei vertitalen Luftströmungen und Gewittern. Der Führer bei der Landung. Größere Anforderungen beim Motorballon. s dürfte wohl einleuchtend sein, daß der Führer eines Motor⸗ E luftschiffes als notwendige Grundlage zunächst die Führung des Freiballons beherrschen muß. Der vollendetste Freiballonführer muß sich jedoch darüber klar werden, daß er, um die Beherrschung eines Motorballons zu erlernen, ein ganz neues studium beginnen muß. Auch ist es durchaus nicht gesagt, daß sich jeder Freifahrer zum Motor⸗ luftschiffer eignet. Gibt es doch eine Anzahl von Luftschiffern, die bei⸗ spielsweise bei sturm im Fesselballon aus körperlichen Rücksichten gänzlich versagen und dennoch vollkommen tüchtig in der Führung eines Freiballons sind. Diese Freifahrer würden bei den Bewegungen eines gegen schweres Wetter kämpfenden Motorballons wahrscheinlich ebenso schnell versagen wie im Fesselballon. Auch erfordert die Führung eines lenkbaren Luftschiffes ein so ungleich größeres Maß an Ausdauer, Körper⸗ und Nervenkraft, als dies selbst bei großen Dauerfahrten im Freiballon erforderlich ist, daß man wohl unter der großen Anzahl tüchtiger Freiballonführer immerhin nur einen geringen Prozentsatz von Menschen finden wird, die den strapazen einer längeren Führung eines Motorluftschiffes gewachsen sein würden. Ebenso gut wie der Freiballonführer in erster Linie sein Material vollkommen kennen muß, ist natürlich diese Materialkenntnis eine der vielen Vorbedingungen für den Motorluftschiffer. Nun dürfte es 359 Wir Luftschiffer bei einigem Verständnis ein Leichtes sein, sich über die einfachen Ein⸗ richtungen eines Freiballons, die Instrumente, das Funktionieren des Ventiles, der Reißbahn, des schlepptaus, die Montage aller Teile usw. klar zu werden. Bedeutend höher sind aber die Anforderungen, die in dieser Beziehung an den Motorluftschiffer gestellt werden. Neben allen angedeuteten Gegenständen, deren Kenntnis zur Führung des Freiballons von Wichtigkeit ist, und außer der meist viel schwierigeren Montage, kommt noch eine ganze Anzahl wichtiger Materialteile hinzu, deren Kenntnis durchaus nötig ist. Abgesehen von der Orientierung über die Eigenschaften der Ballonhülle, die eventuellen Ballonets, die Luft⸗ und Gasventile, sowie die gesamte Takelung bezw. Verbindungen zwischen Gondel und Tragkörper, muß sich der Motorluftschiffer zunächst ganz besonders mit seiner Maschine vertraut machen. Der oder die Motoren auf seinem Luftschiffe müssen ihm, wenn er sie auch nicht selbst bedient, doch soweit bekannt sein, daß er sie zur Not selbst bedienen kann, daß er genau ihre Leistungsfähigkeit, ihren Benzin- und Oelverbrauch kennt und diesen regulieren kann, je nach dem Zweck der Fahrt und nach dem zu erstrebenden Ziele. Ferner muß er die Leistungsfähigkeit seiner Propeller bei verschiedenen Tourenzahlen kennen, d. h. er muß wissen, welche Eigengeschwindigkeit sein Fahrzeug bei einer bestimmten Tourenzahl des Motors und der dieser entsprechenden Tourenzahl des Propellers erreicht. Ist weiterhin schon für einen Freiballonführer eine genügende Kenntnis der Physik der Atmosphäre und gute meteorologische Vor⸗ bildung ein notwendiges Erfordernis, so bedarf der Motorluftschiffer dieser Kenntnis womöglich in noch größerem Maße. Während z. B. der Freiballon, die nötigen schutzräume zur Füllung voraus⸗ gesetzt, bei entsprechender Anzahl von Bedienungsmannschaften bei jedem Wetter fahrfähig ist, ist der Motorballon je nach seiner Größe und schnelligkeit mehr oder weniger vom Wind und Wetter abhängig und wird es bis zu einem gewissen Grade auch immer bleiben. Genügt für den Freiballonführer schon eine allgemeine Kenntnis der zur Fahrzeit herrschenden Wetterlage, so muß der Motor⸗ ballonführer nicht nur diese besitzen, sondern er muß auch über die Richtung und stärke der Windströmungen in den von ihm gewählten Fahrhöhen genau unterrichtet sein. Am zweckmäßigsten geschieht dies — was die örtlichen Windströmungen anbetrifft — durch einen mittelst Fesselballon bis zu der gewollten Höhe hochgelassenen Anemometer mit elektrischem Kontakt zur Erdstation. Ueber die Wind⸗ strömungen in den zu erstrebenden Gegenden und in den betreffenden 360 Ueber die Führung von Freiballons Höhen muß er sich am besten von meteorologischen stationen, die in der Nähe liegen, telegraphischen Bescheid einholen. Den Frei⸗ ballonführer kann und muß, abgesehen von Gewitterbildung, auch ein drohender bedenklicher Wetterumschlag in der Fahrtrichtung nicht stören, während ein solcher für den Motorluftschiffer unter Umständen äußerst bedenklich werden kann. Die Reyision sämtlicher Ballonteile ist natürlich beim Motor⸗ luftschiff noch bedeutend umfangreicher und wichtiger als beim Frei⸗ ballon. Der Führer eines solchen lenkbaren Luftschiffes hat die Pflicht, nicht nur sämtliche Teile des Tragkörpers und des eventuellen Trag⸗ gerüstes, der Takelung usw. zu untersuchen, bezw. untersuchen zu lassen, sondern seine Revision hat fich ganz besonders auf das richtige Funk⸗ tionieren der Motoren, Propeller, Ventilatoren und sonstiger maschi⸗ neller Einrichtungen zu erstrecken. Auch überzeugt er sich am besten persönlich von der Mitnahme des erforderlichen Benzin⸗ und Oel⸗ quantums, der nötigen Reserveteile, Werkzeuge, von dem Funktionieren der Kühler, dem Vorhandensein des nötigen Kühlwassers, der Ballast⸗ vorrichtung des schlepptaus usw. Bei längeren Fahrten empfiehlt es sich, ebenso wie im Freiballon, Vorrichtungen für astronomische Orts⸗ bestimmung mitzunehmen. Ein ganz besonderes Augenmerk ist bei Prallballons auf die Druckleitungen zu den Ballonets zu richten; von dem richtigen Ineinandergreifen und Funktionieren der Maschinenteile hat man sich vor Antritt der Fahrt durch einen kurzen Probelauf dieser sämtlichen Teile zu überzeugen. sehr wichtig ist die Revision der steuer leinen, des steuerrades und des Ruders, sowie der analogen Teile etwa vorhandener Höhensteuerungen. Ist zur Unterstützung dieser letzteren ein Laufgewicht vorhanden, so ist natürlich auch dieses in bezug auf seine Betriebssicherheit sorgfältig zu prüfen. Zu den im Freiballon gebräuchlichen Instrumenten treten bei den meisten Lenkballons noch eine oder mehrere Wasserwagen zur Kontrolle der Lage der Längsachse, ein Geschwindigkeitsmesser, sowie ein fester Kompaß, der besonders bezüglich seiner Aufhängung und Kompen⸗ sation zu revidieren ist. Landungsorgane, wie Fangleinen, schlepp⸗ taue usw. sind genau auf klares Ablaufen zu untersuchen. Ganz besonders sorgfältiger Prüfung bedürfen die Manometer, welche den Druck im Ballon anzeigen. Aus dem bisher Gesagten wird schon zur Genüge hervorgehen, daß zur Bedienung selbst eines mittleren Motorballons am besten mehrere erprobte Ballonführer vorhanden sind. selbstverständlich ist es erforderlich, daß einer von ihnen gleichsam als Kapitän lediglich das 361 Wir Luftschiffer Kommando über das Fahrzeug übernimmt, während seine Hilfs⸗ mannschaften Höhen⸗ und seitensteuerung sowie die Motoren bedienen. Der Kapitän bestimmt und leitet die Abfahrt und Landung, schreibt den zu nehmenden Kurs nach Karte und Kompaß vor, gibt die inne⸗ zuhaltende Höhenlage des Ballons an, beaufsichtigt die Bedienung der Motoren und befiehlt die gewünschte Fahrgeschwindigkeit. Während sich beim Freiballon die Mitnahme des Ballasts nach den Auftriebsverhältnissen entsprechend der Belastung des Korbes regelt, ist es unter Umständen beim Motorluftschiff möglich, ohne Auftrieb lediglich mit dynamischer Kraft hochzufahren, ja es ist sogar angängig, mit Uebergewicht den Motorballon durch Drachenwirkung hoch zu bringen. Dies gelang zum ersten Male bei der ersten Fahrt des Parseval JL im Mai des Jahres 196 in der Weise, daß das am Boden schleifende 160 Kilogramm schwere schlepptau, an dem der Ballon in 50 Meter Höhe ausbalanciert war, durch schrägstellen der Hülle bis zu einer Höhe von über 260 Meter mit hochgehoben wurde. selbstverständlich ist für Motorballons als Ballast lediglich Wasser, dem man bei Kälte zum schutz gegen Gefrieren ein gewisses Quantum Glycerin zusetzt, anzuwenden, da ein Ausschütten von sand große Gefahren für die Motoren in sich birgt. Bei der Abfahrt eines Freiballons ist, nachdem durch Abhängen von sandsäcken genügender Auftrieb hergestellt ist, lediglich darauf zu achten, daß der Aerostat in einem Augenblicke abgelassen wird, wo fich der rechtzeitig geöffnete Füllansatz senkrecht über dem Korbe befindet. sollte durch Mangel an Auftrieb bezw. absteigende Luftströme der Ballon — wie es häufig vorkommt — kurz nach der Abfahrt herunter⸗ gedrückt werden, so ist diesem Falle durch rechtzeitige und genügende Ballastausgabe leicht begegnet. Die Abfahrt eines Motorballons geschieht, gleichgültig, welchem system er angehört, am sichersten und besten gegen den Wind. sie gestaltet sich je nach den Umständen im allgemeinen auf zwei ver⸗ schiedene Arten: entweder man gibt dem Luftschiff etwas Auftrieb und setzt Motoren und Propeller gleich nach erfolgtem Loslassen in Be⸗ wegung, oder aber man gibt dem Luftschiff eine schrägstellung nach oben, deren Größe sich nach dem zur Verfügung stehenden Abfahrtsraum, der Höhe und Nähe der entgegenstehenden Hindernisse richtet, und fährt mit geringem oder ohne Auftrieb vom Boden schtäg aufwärts in die Luft. sollte die Abfahrt vom Wasser aus erfolgen und das 362 Ueber die Führung von Freiballons Luftschiff, wie z. B. das Zeppelinsche, fich nicht durch Ballonets schon auf der Ab⸗ fahrtsfläche schrãg stellen lassen, so wird das schräge Aufwärts⸗ fahren durch schräg⸗ aufwärtsstellung der Höhensteuer bewirkt. Ein Fehler, der von alten Freiballon⸗ führern beim An⸗ lernen in der Füh⸗ rung des Motor⸗ ballons leicht gemacht wird, ist der, daß fie selbst bei schräg auf⸗ wärts gestellten Ballon bei Annäherung an ein Hindernis dieses durch Ausgabe von Ballast zu überwinden versuchen. Ist ein Motorballon in Fahrt und hat bei Erreichung eines Hindernisses noch nicht die genügende Höhe, um es zu über⸗ fliegen, so ist eine Ballastausgabe in diesem Falle ohne Er ⸗ —— folg. Der Ballon⸗ schlechte Führung. führer muß immer ver⸗ suchen, sich mit dynamischen Mitteln in solchen Fällen aus der Affäre zu ziehen, indem er also entweder dem Hindernis durch Umlegen des Ruders seitlich ausweicht, oder es durch recht— zeitige Einstellung der Höhensteuer vertikal zu überwinden versucht. Erfolgt die Höhensteuerung, wie z. B. beim unstarren Ballon, durch Umfüllung von Luft aus einem Ballonet in das andere, so würde sie wohl in dem vorliegenden Falle nicht schnell genug funltionieren 363 Wir Luftschiffer und das seitliche Ausweichen mittelst des Ruders vorzuziehen sein. Geschieht dagegen die Vertikalsteuerung durch Flächen, so ist bei deren rechtzeitigem Einstellen auch ein Ueberwinden des Hindernisses in vertikaler Richtung zu bewerkstelligen. Bei den ersten epochemachenden und doch von der Außenwelt so steptisch angesehenen Versuchen des Grafen Zeppelin im Jahre 1900 wurde bei der mangelnden Erfahrung in der Führung von Motor⸗ ballons, die naturgemäß sämtlichen Beteiligten anhaftete, viel zu viel Wert auf die aerostatische Führung gelegt. Auch war man sich bei den, wenn auch langsam, doch mit großen Ausschlägen sich zeigen⸗ den stampfbewegungen des langen Ballonkörpers nicht genügend darüber klar, daß die Gründe zu diesen stampfbewegungen nicht in einer ungleichmäßigen Belastung des Fahrzeuges lagen, sondern in einem Mangel an stabilität, der bei dem gänzlichen Fehlen von horizontalen stabilisierungsflächen ganz natürlich war. Man ver⸗ suchte daher fälschlich, das Gleichgewicht in der Längsachse dieses Luft⸗ schiffes durch Kurbeln des Laufgewichts und Ballastausgabe aus dem vorderen bezw. hinteren Teile des Fahrzeugs herzustellen, was natur⸗ gemäß nicht nur nicht den gewünschten Erfolg hatte, sondern die Unstabilität des Luftschiffes nur noch erhöhte und einen ungewollten größeren Auftrieb ergab. sobald ein Freiballon seine erste Gleichgewichtslage erreicht hat, kommt es für seinen Führer, abgesehen von der Orientierung, nur darauf an, sein Fahrzeug möglichst in dieset zu halten, oder es in eine neue höhere Gleichgewichtslage zu bringen. sobald hin⸗ gegen der Motorballon, wie es meist geschieht, mit schrägstellung den Boden verlassen hat, kommt es darauf an, ihn in der gewollten Höhe wieder in horizontale Lage zu bringen; bei Höhensteuerung durch Flächen geschieht dies sehr einfach und schnell durch deren Horizontal⸗ stellung, während sie bei der Höhensteuerung durch Ballonets wie beim Parsevalballon rechtzeitig durch Füllen von Luft aus dem hinteren in das vordere Ballonet zu bewerkstelligen ist. Während bei der weiteren Fahrt nun beim starren system der Ueberdruck, der durch Erreichung größerer Höhen und durch sonnen⸗ strahlung sich bei dem Füllgase geltend macht, sich von selbst durch die Ueberdruckventile jedes Gasabteils reguliert, ist beim Prallballon permanent mit großer sorgfältigkeit darauf zu achten, daß der zur Formerhaltung der Hülle nötige Ueberdruck von meist 20 Millimeter Wassersäule erhalten bleibt, daß also bei steigendem Druck sofort ge⸗ nügend Luft aus den Ballonetts herausgelassen wird, während bei 364 Ueber die Führung von Freiballons 117511155 24 111511 178 567 . 1 — i n ,. . 7 — 0 iftfff w 5 — 67 7766s — mnie — r = 3 — ie — 1 — 1 wrd mn 1 1111 stellung des Zeppelin⸗Ballons bei vertikalen Luftströmungen von oben resp. unten. Funktionieren der Ballonets beim Parseval⸗ Ballon. nachlassendem Druck ihnen schleunigst genügende Luft durch Venti⸗ latoren zugeführt werden muß. sind in größeren Höhen die Ballonets leer, so reguliert fich beim Prallballon der Druck ebenfalls durch selbst⸗ tätig abblasende Gasventile, was bei schnellem steigen noch durch ihre Betätigung von Hand unterstützt werden kann. Die Erhaltung des Drucks bei Prallballons erfolgt meist durch Ventilatoren in Verbindung mit Regulierventilen, welche automatisch funktionieren und nötigenfalls auch durch Zug betätigt werden können. Was die steuerung in der Horizontalen anbetrifft, so ist diese durchaus nicht einfach, da der Wind bekanntlich fast nie konstant ist. Jede stärkere Böe ist imstande, den Motorballon aus seiner Richtung zu drängen, und es bedarf der ganzen Aufmerksamkeit des steuer⸗ manns, diesen Gegenströmungen durch rechtzeitiges schärferstellen oder Umstellen des Ruders zu begegnen. Es herrscht vielfach die An⸗ sicht, daß man, wie mit einem segelschiff, mit dem Motorballon gegen den Wind aufkreuzen könne; das ist natürlich ausgeschlossen, da sich der letztere in ei nem Medium bewegt, während das segelschiff durch Kiel und Ruder einen Widerstand im Wasser findet, welcher es befähigt, durch entsprechende Ruder⸗ und segelstellung in schräger Richtung gegen den Wind aufzukreuzen. Der Motorballon kann gegen den Wind nur mit vorausgestellter spitze fahren. Ist er gezwungen, 365 Wir Luftschiffer mit seitlichem Wind zu kämpfen, so ist auch dann immer die spitze gegen den Wind gestellt und das Luftschiff bewegt sich mit ent⸗ sprechender Ruderstellung seitwärts gleichsam schließend auf das Ziel zu. Man hat also im Lenkballon immer Wind von vorn, was bei kaltem Wetter, Regen und schnee naturgemäß die Insassen ganz be⸗ deutend mehr angreift und die niedrige Temperatur bedeutend empfindlicher gestaltet, als diese sich bei der immer gleichbleibenden Ruhe des sanft dahinschwebenden Freiballons dem Luftschiffer fühlbar nacht. Bei böigem Wind kommt es häufig vor, daß das Motorluft⸗ schiff trotz seiner stabilisierungsflächen, die nunmehr als notwendiger Bestandteil von jedem Konstrukteur eingeführt sind, stampf⸗ bewegungen macht; der Führer muß mit dieser Erscheinung vertraut sein und sich ja nicht verleiten lassen, sie durch Umstellung der Höhen⸗ steuerung, Gewichtsverlegung oder gar Ballastwurf ausgleichen zu wollen. Vertikale Luftströme, die besonders im sommer nicht selten sind, bedingen auch für den Freiballonführer erhöhte Aufmerksamkeit. Treten sie in größeren Höhen auf, sind sie zwar unbedenklich, jedoch muß man ihnen bei größerer Annäherung an den Erdboden, falls sie ab⸗ wärts führen, durch Ballastausgabe begegnen; während aufsteigende Luftströme dem Freiballon nur Gasverlust bereiten. Gerät aber der Motorballon in einen aufsteigenden Luftstrom, und will sich der Führer dem Gasverlust entziehen, der durch das schnelle steigen nach Ent⸗ leerung des Ballonets sehr bald eintritt, so muß er versuchen, mit abwärts gestelltem Fahrzeug und forcierter Motorkraft dieser Vertikal⸗ strömung entgegenzuarbeiten; bei abwärts gerichtetem Luftstrom um⸗ gekehrt mit aufwärts gerichtetem Fahrzeug. In der Nähe von hügeligem oder gebirgigem Boden sind bei scharfem Wind die verti⸗ kalen Luftströmungen besonders heftig und störend; der Motorluftschiffer tut also gut, wenn er unebenes Gelände in größeren Höhen überfliegt. Gewitterbildungen sind sowohl dem Freiballon wie dem Motor⸗ luftschiff gefährlich, und während es am besten ist für den Freiballon⸗ führer, dem Kampfe mit dem Gewitter durch rechtzeitige Landung aus dem Wege zu gehen, bleibt dem Motorluftschiffer nur Ausweichen oder Umkehren, oder falls dies nicht möglich, ebenfalls Landung übrig, falls es nicht angängig ist, einen schützenden Hafen zu erreichen. Bezüglich der Landung hat es der Freiballonführer verhältnis⸗ mäßig einfach; er sucht sich am besten seinen Landungsplatz nach der Karte, möglichst in der Nähe einer Eisenbahn, im günstigsten Gelände aus und hat sein Augenmerk hauptsächlich darauf zu richten, daß er mit genügendem Ballast, auch mit einer Reserve, die ihm noch das 3656 Ueber die Fũhrung von Freiballons söhensteuerstellung des Zeppelin⸗Ballons bei Auf⸗ und Abstieg. Das hintere Höhensteuer ist beim Aufstieg abwärts, beim Ubstieg aufwärts gestellt, um das seben resp. senken des Ballonvorderteils zu erleichtern. Ueberfliegen kleinerer unvorhergesehener Hindernisse ermöglicht, zur Landung schreitet. Bei schwerem Wetter empfiehlt es sich, wenn möglich hinter einem Berge oder einem Walde oder auch gar im Walde zu landen; der Landungsplatz ist unter allen Umständen so zu wählen, daß bei einer zu erwartenden schleiffahrt genügend freies Gelände in der Fahrtrichtung vorhanden ist. Der Ballon wird dann bekannt⸗ lich am schleppseil abgefangen und durch rechtzeitiges Aufreißen entleert. Der Motorballon wird bei normalem Funktionieren ja meist an seine Abfahrtstelle zurücklehren. Er muß dann, sobald er in die Nähe der Landungsstelle gekommen ist, rechtzeitig dynamisch tiefer gebracht werden, wobei darauf zu achten ist, daß er auch dicht über der Erde (in schleppseilhöhe) entweder durch das schleppseil ab⸗ gefangen, oder aber durch die Höhensteuerung nochmals in horizontale Lage gebracht wird. Es empfiehlt sich, zur Landung wiederum die spitze des Ballons gegen den Wind zu stellen und das schlepptau erst l 1 J — e . * . en,. ,. e, e, . n,, e,, . X. schema der steuerung eines Lenkbaren. 367 Wir Luftschiffer dann zu werfen, wenn keine Wendungen in der Horizontalen mehr beabsichtigt oder nötig sind. Die Motortourenzahl ist dann so zu regulieren, daß der Ballon entweder nur sehr langsam fährt oder möglichst mit seiner Eigengeschwindigkeit der des Windes gleichkommt, also stehen bleibt. sobald dann das ausgeworfene schlepptau bezw. eine Fangleine von den bereitgestellten Mannschaften sicher erfaßt ist, werden die Propeller ausgekuppelt, während man die Motoren zur Bedienung der Ventilation zwecks Formerhaltung des Ballons laufen läßt (beim Prallballon), der dann an dem oder den ausgeworfenen seilen zur Erde gezogen wird. Ein vorzeitiges Auswerfen des schlepptaus hat den Nachteil, daß eine Aenderung der Fahrtrichtung durch seitensteuerung wegen der Reibung des Taues am Boden einen sehr großen Radius erfordert, den wohl die meisten Landungsplätze nicht gewähren, so daß unter Umständen ein Hängenbleiben in Bäumen usw. eintreten kann. Fällt aus irgend einem Grunde, sei es durch starke Abkühlung, sei es durch absteigende Luftströme, das Luftschiff stärker, als es mit der sicherheit für Personal und Material vereinbar ist, so muß entweder durch schleunige Aufwärtsstellung der spitze und stärkeres Laufenlassen der Motoren der Abwärtsbewegung entgegengetreten werden, oder aber durch Abstoppen der Motoren, Auswerfen des schlepptaues und starke Ballastausgabe gebremst werden. Die letztere Maßregel ist natürlich ein Notbehelf. und bei genügender Uebung und Aufmerksamkeit wird es meist gelingen, das Motorluftschiff ohne sie dicht über der Erde abzufangen. Während die Landung des Freiballons mit dem Aufreißen und dem Abschluß der eventuellen schleiffahrt beendet ist, darf der Motor⸗ luftschiffer sie erst dann als vollendet ansehen, wenn sich sein Luft⸗ schiff in der schützenden Halle befindet oder verankert ist. Bei un⸗ günstigem Wetter können beim Transport von der Landungsstelle in den Hafen immer noch Fälle eintreten, welche Luftschiff und Insassen gefährden, so daß es in diesem Falle durchaus notwendig ist, daß alles an Bord bleibt, bis das Fahrzeug verankert bezw. in seinen Hafen gebracht ist. Aus allem diesen dürfte zur Genüge hervorgehen, daß die Führung eines Motorballons sich wesentlich von der eines Freiballons unterscheidet und ungleich höhere Anforderungen an Führer und Be⸗ dienungsmannschaften bezüglich sachkenntnis, Erfahrung und Aus⸗ dauer stellt, als eine noch so lange Freifahrt fie verlangt. Bei einer Freifahrt treten für den Führer und die Insassen nach der Abfahrt 366 Ueber die Führung von Freiballons viele stunden absoluten Ausruhens ein, so daß auch bei langer Dauer alles zu der nur kurze Zeit in Anspruch nehmenden Landung mit fast ungeschwächter Leistungsfähigkeit gelangt. Für den Motorluftschiff⸗ führer gibt es keinen Moment der Ruhe. Er muß während der ganzen Fahrt angespannt aufpassen und arbeiten und dennoch zu der oft komplizierten und längere Zeit dauernden Landung alle Kraft und Kaltblütigkeit, die für seines Fahrzeugs sicheres Landen und Bergen nötig sind, noch zur Verfügung haben. Daedalus und Ikarus. hot. Aveniacar. Antikes Relief in der Villa Albani. Rom. Wir Luftschiffer 369 Berner Alpen aus 5000 Meter Höhe, von Luzern aus aufgenommen. Im Ballon über die Alpen. Von Victor de Beauclair. Die Wichtiagleit günstiger Windströmungen bei Alpenfahrten. sondierung der Atmosphäre durch Pilotballons. Vollständige und teilweise Alpenüberfliegung. Tie erste Hochgebirgs— fahrt von spelterini 18898. Die bisherigen Alvenfahrer. Der erste Flug über das Mont—⸗ blanc⸗Massiv von Usuelli 1906. Die Jungfraufahrt des „Cognac vom Juni 1905. Die Gefahren bei Hochalpenfahrten. Wafferstoff⸗ und Leuchtgasfüllung. Grauen einflößte. seitdem hat man gelernt, in den Alpen die wunder⸗ barste Formation auf unserer Erde zu erblicken, und nur wenige dürfte es geben, die den gewaltigen Eindrücken des Hochgebirges ohne inneres Erschauern gegenübertreten. Man mag sich nun darüber streiten, welcher Weg zur vollendetsten Erkenntnis dieser Erdenwunder führt; in der beispiellosen fortgesetzten Vermittlung vollkommenster Rundpanoramen wird der Luftballon allen anderen Mitteln weit überlegen sein, weil er uns in einem Blicke alle Hochgebirgswunder vereint zeigt, die wir unten, auf dem Boden kriechend, nur nach und nach und immer nur in viel beschränkterem Maße erblicken können. Denn eine derartige Vielseitigkeit an Nahblicken, wie sie durch das wiederholte Fallen oder steigen des Ballons beim Fluge über stark eingeschnittene Hochgebirgstäler und Kämme hervorgerufen werden, bald Bilder malerischster Wirkung, bald die denkbar wildesten und großartigsten szenerien hervorzaubernd, ist auf andere Weise un⸗ möglich zu schauen. Die Wirkung ist dieselbe, als ob in wenigen stunden Tausende von Gipfeln bestiegen worden wären! Eine Fülle herrlichster Eindrücke, die in Worten kaum zu beschreiben und mit keinen anderen Naturgenüssen, ihrer unfaßbaren Menge wegen, zu vergleichen sind! 370 Im Ballon über die Alpen Heute, wo der Alpenballon⸗ sport anfängt, sehnsucht der meisten ballon⸗ fahrenden Bergsteiger zu * werden, dürfte es ein besonde⸗ res Interesse haben, die bis⸗ herigen Erfolge und die gesam⸗ melten Erfah⸗ rungen dem zu⸗ künftigen Al⸗ penflieger vor⸗ zulegen. Die Die Fluglinie des Pilotballons am Tage der Auffahrt hehre Aufgabe, des Cognac. das hochgebirge mit dem Ballon zu überfliegen, ist nämlich eine ganz verschiedene, je nachdem die vollständige Ueberfliegung des Alpenmassivs von der Ebene der einen seite des Alpenkammes aus zur jenseitigen Ebene geplant wird, oder ob nur einzelne sekundäre Kämme aus einem Hochgebirgszentrum heraus überflogen werden sollen. Daß das erstere ein sportlich viel höher stehendes und schwierigeres Problem ist, dürfte ohne weiteres klar sein; denn aus einem Hochgebirgs⸗ zentrum — wie z. B. st. Moritz — führt jeder Wind über einen Alpenkamm zur Ebene. Anders aber, wenn der Aufstiegsort in der Peripherie des Alpenmassivs liegt, wo normalerweise die Winde nicht über, sondern längs der Alpenkette wehen. Da früher die exakte Bestimmung der Richtung und Geschwindig—⸗ keit der Luftströmungen über die Alpen, wenn nicht ganz unmöglich, so doch außerordentlich schwierig war, so find alle Versuche, die Alpen in einer vorher bestimmten Richtung zu überfliegen, viel schwieriger gewesen wie heute, wo man in der Pilotballonverfolgung mit dem de Quervain'schen spezialtheodoliten ein außerordentlich sicheres Mittel besitzt, um bei klarem Wetter bis zu den höchsten in Betracht kommenden Höhen Windrichtung und Windgeschwindigkeit genau zu messen und so die Flugrichtung und die geeignete Flughöhe vorausbestimmen zu können. 8 a .˖ Wir Luftschiffer Früher mußte man sich mit den Prognosen aus der allgemeinen Wetterlage abfinden, die aber praktisch im allgemeinen kaum genügen, da sie viel zu spät zum Aufstiegsort gelangen, um von ihnen noch ratio⸗ nellen Gebrauch machen zu können; oder man griff, um einigen Anhalts⸗ punkt zu haben, zu den völlig ungenügenden Kinderballons. Dieser Mangel an einer rechten Methode, die Windströmungen in höheren schichten bestimmen zu können, ist der wesentliche Grund, warum die vielen bekannten Bemühungen des Berufsaeronauten spelterini, des ersten, der die Alpen zu überfliegen versuchte, mehr oder weniger vollkommen fehlschlugen. Denn erst bei seiner sechsten Alpenfahrt von Interlaken aus gelang es ihm, seine ursprünglich gestellte Aufgabe, den Hauptkamm der schweizer Alpen zu überfliegen, durchzuführen, ein Resultat, das allerdings ohne vorherige sondierung der Luft— strömungen, trotz des schönen Erfolgs größtenteils dem Zufalle zuzu⸗ schreiben ist. Wie unbedingt nötig solche sondierungen sind und wie sicher sie zum Ziele führen, bewies die Cognac-Fahrt von der station Eiger⸗ gletscher der Jungfraubahn über die Jungfrau nach Italien. Trotz⸗ dem nämlich die allgemeine Drucklage nördlich und südlich der Alpen für einen erfolgreichen Versuch zu sprechen schien, konnte durch täglich mehrmals erfolgte sondierungen bis auf 8: bis 10 000 Meter Höhe ein⸗ wandsfrei nachgewiesen werden, daß diese Voraussetzung fehlerhaft war und die Ueberfliegung zu jener Zeit nicht gelungen wäre: immer wehte nämlich der Wind genau in der Längsrichtung des Hauptalpen⸗ kammes. Da trat nach mehrtägigem, geduldigem Warten, zum ersten Male am 29. Juni, eine Aenderung ein. statt wie bisher direkt vom Aufstiegsort aus kontinuirlich nach südwesten zu fliegen, kam der Pilot- ballon erst auf 5500 Meter Höhe in diese Richtung, indem der Wind bis auf 4000 Meter östlich, dann bis auf 5000 Meter direkt nördlich wehte, um dann allmählich zur Hauptrichtung nach südwesten überzugehen. Um 6 Uhr morgens erfolgte hierauf die zweite son— dierung, die schon wesentlich günstigere Verhältnisse aufwies, und als der dritte Pilot, um? Uhr morgens aufgelassen, zwischen 4000 und 5000 Meter schon die ersehnte Richtung direkt über den höchsten Teil der Jungfraugruppe zeigte und in dieser Richtung bis auf 10 000 Meter verfolgt werden konnte, da war natürlich aller Zweifel über etwaige lokale Einflüsse geschwunden, und mit größter Ersolgficherheit konnte der Entschluß zum Füllen und Aussteigen gefaßt werden. Natürlich tut man gut daran, um ganz sicher zu gehen, diese Lokalsondierungen mit der allgemeinen Druckverteilung in der Atmosphäre in Einklang zu bringen. Leider wird aber die barometrische 372 R ö Die schleppfahrt des Cognac auf dem Aletschgletscher. Aus Guyer: Im Ballon über die Jungfrau nach Itallen. Vereinigte Verlagsanstalten Gustav Braundeck u. Gutenberg Druckerei A. s5. Berlin. Wir Luftschiffer Karte Europas mit Angabe der Druckverteilung nach den Morgen⸗ beobachtungen erst gegen Abend fertig, also zu einer stunde, wo der Ballon schon längst in der Lust sein sollte. Man wird daher bis auf weiteres darauf angewiesen sein, aus der Druckverteilungskarte der vorhergehenden Tage seine schlüsse zu ziehen und damit die Resultate der sondierung der Atmosphäre zu vergleichen. Da bei den Alpentraversierungen in erster Linie die oberen Winde von 3000 bis 6000 Meter maßgebend sind, so gilt zur Festlegung der Windrichtung der satz, daß diese mit den Isobaren parallel läuft, und zwar immer so, daß das Minimum zur Linken und das Maximum zur Rechten liegt. Demnach müssen als die chancenreichsten Tage zur totalen Ueberfliegung des Alpenmassivs diejenigen gelten, an welchen die Isobare des Aufstiegsortes das Hochgebirge in der gewünschten Ueberfliegungsrichtung durchschneidet. Je nach Lage des Ausstiegs⸗ ortes und nach der Richtung, in welcher geflogen werden soll, wird also auch die Verteilung der Druckzentren über Europa verschieden sein. Leider sind diese günstigen situationen relativ selten, und oft nur von sehr kurzer Dauer, so daß meistens sehr große Geduld, Ausdauer und Aufmerksamkeit zur rechtzeitigen Ausnutzung gehört. Um z. B. von der Po⸗Ebene über die Walliser und Berner Alpen nach der schweiz zu fliegen hat Burgatti im Bolletino della societa Aeronautica Italiana die folgende statistik der nach den oben ent⸗ wickelten Prinzipien chancenreichen Tagen aufgestellt: Monat 1902 1903 190 1905 13. 20. 18. 19. 9. 10. 2a. 4. 16. 6. Juni ...... (2s. 29) 6. 10. 20) (286) 29. 30. 16. 16. 17) 2a. 25. 61. Juli. ...... 28 16. 28. E89) (4. 18) 1. 61) 6. 16. 17. 6. 4) August ...... 19 20. 8. . 4. 07) 28. 26. 2. 22. 25. 28. (6. 19. 28) .... 2. ls. i6. september 3. 1. 4. 8. 230. 29. 8. 2. 28. 2 Die eingeklammerten Daten entsprechen Tagen mit weniger aus⸗ gesprochener Isobarenrichtung über die Alpen, die also eine weniger sichere Prognose für die Windrichtung zulassen. 374 Im Ballon über die Alpen Man sieht aus diesem Beispiele, wie selten die günstigen situationen eintreffen und wie ganz besonders selten ihre Dauer länger wie 24 stunden währt. Ebenso ungünstig sind auch die Mög⸗ lichkeiten, in anderer Richtung den Alpenkamm zu überfliegen. Das Problem der vollständigen Alpenüberfliegung ist also keine leichte Auf⸗ gabe; es erfordert, wenn nicht der Zufall allein maßgebend sein soll, genaues studium der Wetterlage, der Methoden der sondierung der Atmosphäre und eine gute Organisation, die eine möglichst schnelle Füllung und Fertigstellung des Ballons ermöglicht. Nur wer schnell handelt kann bei der kurzen Dauer der günstigen Windsituationen zu den gewünschten Resultaten gelangen. Man steige also nicht an einem beliebig außerhalb der Alpen gelegenen Ort auf, sondern dort, wo eine sehr schnelle Füllung möglich ist und wo der am häufigsten vorkommende Gutwetterwind seine Richtung über die Alpen hat. Diese schwierigkeiten fallen natürlich alle weg, wenn man als Auf⸗ stiegsrt einen zentral im Hochgebirge liegenden Ort wählt, und sich dabei keine spezielle Flugrichtung über die den Ort allseitig umgebenden Alpenkämme vorschreibt. Ueberall da, wo keine Zeit zum Abwarten der günstigen Windsituation vorhanden ist, sind daher die Aufstiege aus alpinen Zentren entschieden vorzuziehen. Von diesen Erwägungen ausgehend, wurde auch die erste Alpen⸗ fahrt im Luftballon nicht von der Peripherie des großen Alpenzuges — Ballon⸗startplatz auf der Eisbahn in Davos. V. de Beauclair vbot. 375 Wir Luftschiffer aus, sondern von der mitten zwischen den beiden mächtigen Ketten der Walliser und Berner Alpen liegenden stadt sitten geplant und auch durchgeführt. Diese erste Alpenfahrt fand am 3. Oktober 1898 mit dem 3300 cbm großen Ballon „Wega“ unter Führung des schweizerischen Berufs⸗ Aeronauten spelterini statt. Ueber die schwierigkeiten, die fich zu jener Zeit noch einem derartigen Unternehmen entgegenstellten, mögen die Angaben genügen, daß allein zur Wasserstofferzeugung, außer der schaffung der nötigen Fabrikationsanlagen, 30 000 kg schwefel— säure und über 20 000 kg Drehspäne von Weicheisen gebraucht wurden. Dabei beanspruchte die Gasherstellung über eine Woche Zeit, während welcher der Ballon nach und nach gefüllt wurde und stets im Freien gefesselt blieb. so kam es, daß der bei Beginn der Füllung günstige Wind, der den Ballon über die höchsten Erhebungen der Berner Alpen geführt hätte, während der achttägigen Füllungsarbeit sich vollstãndig veränderte, so daß nur die Ueberfliegung des westlichen Zipfels der Berner Alpen, der 3251 Meter hohen Diableretsgruppe gelang. Der Verlauf dieser als erste Alpenüberfliegung denkwürdigen Fahrt sei mit der trefflichen schilderung‘) des meteorologischen Teil⸗ nehmers der Fahrt, Herrn Direktor Maurer, wiedergegeben: „Ein tiefblauer, sonniger Himmel lacht am Morgen des 3. Oktober über sitten; dumpf dröhnen vom Arsenal her Kanonenschüsse, ein weit⸗ hin schallendes Zeichen, daß der Aufstieg der „Wega“ stattfinden wird. 10 Uhr 45 Minuten! Die Gondel ist frei und wird noch an den Leinen von zehn Mann gehalten. Zum letztenmal drückt man sich die Hände, es ist ein feierlicher Augenblick, der auf die zahlreiche Zuschauermenge einen tiefernsten Eindruck macht — es ist stille wie in einer Kirche. Lachez tout! .. . . Langsam sinkt die Mutter Erde unter uns zurück und tausendstimmige Zurufe dringen herauf. Welch wunderbare Pracht! Keiner von uns ist eines Wortes fähig. Unter uns liegt das ganze herrliche Rhonetal, die flankierenden Höhenzüge sind stellen⸗ weise in wundervoller Klarheit sichtbar, weiter draußen gegen süden die savoyer Berge in lückenhaftem Wolkenmeer, die tiefblaue schale des Genfer sees grüßt zu uns hinauf. „Trinkt, o Augen, was die Wimper hält von dem goldenen Ueberfluß der Welt“; das arme Wort ist nicht imstande, auch nur ein schwaches spiegelbild zu geben von all der großartigen schönheit, die sich von Moment zu Moment dem trunkenen Auge entrollt. Nut die rapid fallende Linie des Registrier⸗ barometers läßt die rasch steigende Bewegung des Ballons erkennen, die mit beispielloser sanftheit unter völliger Abwesenheit jeglicher Neue Zürcher Zeitung, 1898, Nr. 280. 376 Im Ballon über die Alpen Luftbewegung, eine unendlich angenehme Ueberraschung bietet. Die „Wega“ hat fast genau nordwestliche Richtung. 11 Uhr 43 Minuten. Das Barometer markiert bereits 4500 Meter Höhe und die Lufttempe⸗ ratur ist auf — 10 Grad Celsius gesunken; trotzdem durchaus kein Frost- oder Kältegefühl! senkrecht unter uns liegt der Glacier de Zanfleuron der Diablerets (3251 Meter), wieder ein prachtvolles Bild. Die „Wega“ fliegt weiter nordwestwärts, direkt über den Rocher de Naye gegen Chatel st. Denis. 12 Uhr 15 Minuten. Wir sind schon weit Ueber dem Pfitschertal in den Zillerthaler Alpen. über Montblanc-5öhe nahe 6000 Meter, und es fängt an, kälter zu werden; — 16 Grad Celsius gibt mein Thermometer an! Doch höher! Wir überblicken fast die ganze nördliche schweiz bis hinaus zum säntis durch lückenhaftes Wolkenmeer, ein gut stück über das letztere ragen Rigi, Pilatus und säntis hervor. Die Berner Oberländer Riesen Jungfrau, Mönch und Finsteraarhorn sind teilweise in Wolken, aber doch erkennbar. 12 Uhr 45 Minuten: 6400 Meter! Wir stehen über Moudon, das Thermometer zeigt auf — 20 Grad Celsius und das Baro— meter markiert kaum noch 340 Millimeter Luftdruck. In dieser enormen Höhe treiben wir eine volle stunde lang dahin. Ich fühle, daß ich zu— sehends schwächer werde, zeitweise befällt mich eine starke schlafsucht, aus 377 Wir Luftschiffer der ich mich energisch aufraffen muß. Leichtes Herzklopfen stellt sich ein, ich fühle einen stechenden Kopfschmerz, die schon stark verdünnte Luft fordert gebieterisch ihre Rechte. Es ist deshalb eine unerläßliche Forde⸗ tung, genügenden sauerstoff zur Einatmung in so großen Höhen mit hinauf zu nehmen. Ich setze einen langen Gummischlauch an das Ventil und sauge das belebende Gas in langen, gierigen Zügen in die Lungen. Der lästige Kopfschmerz, das zeitweise leichte Herzklopfen nehmen sofort ab und ich fühle unmittelbar die erfrischende belebende Wirkung des Gases auf den geschwächten Körper. Die „Wega“ zieht ruhig ihres Weges gen Nordwest; 1 Uhr 10 Minuten stehen wir über Yverdon, dann über st. Croix, dem Jura, fliegen weiter gen Besangon, das wir in steilem Absturze in ungefähr 2500 Meter Höhe halb drei Uhr erreichen. Der Ballon hebt sich neuerdings in raschem Fluge aufwärts, um halb vier — über Gray — gelangt er in die maximale Höhe zwischen 6700 und 6900 Meter. Also Ventil los! Die „Wega“ wird durch Gasverlust rasch zum Fallen gebracht. Jetzt erst merke ich — trotz der starken sonnenstrahlung am tiefblauen Himmel — die heillose Kälte, die mir die Finger fast zum Erstarren gebracht. Ein, zwei säcke Ballast werden hinausgefeuert und überschütten alle Insassen und Instrumente mit einem dichten staubregen, denn unsere „Wega“ fällt weit rascher als der fein geschlemmte Flußsand der Rhone, der unsere Ballastsäcke füllte. Doch wo sind wir? Weite strecken Wald mit kleinen Lichtungs⸗ flecken sind erkennbar. Da heißt es höchste Vorsicht. Wir machen uns zur Landung klar, die wegen des ziemlich starken Unterwindes durchaus nicht leicht erscheint. Die Erde kommt uns in rasender Eile immer näher, scheint auf uns zuzufliegen; das scharf spähende Auge des Kapitäns hatte ein günstiges Brachfeld entdeckt; der Anker fällt. Ich berge noch mit Blitzesschnelle, so gut es geht, meine mobilen Instru—⸗ mente im Korbe. Achtung! Klimmzug! Da schlägt die Gondel mit Gewalt auf den Boden auf, die Ballonkugel erhebt fich noch einmal und schleift ein stück weiter. Zum zweiten Male ein starker Anstoß, dann ein kräftiger Zug, der Anker hat fest gefaßt, der Ballon neigt sein stolzes Haupt und schmiegt sich der Erde an. Wir waren bei dem kleinen Dörfchen Riviere um halb 5 Uhr niedergegangen, auf der Grenze der Haute Marne und des Departements Cote d'Or, zwischen Dijon und Langres. Damit endete für die Teilnehmer eine großartige Episode, die zeit⸗ lebens uns allen in unauslöschlicher Erinnerung bleiben wird.“ Aehnliche Fahrten von zentral in den Bergen gelegenen Auf⸗ stiegsorten wurden seitdem zu verschiedenen Malen ausgeführt, so wiederum durch spelterini von Zermatt aus über den 4505 Meter 378 Im Ballon über die Alpen Partie von der Brennerstraße. Die Höhe des im Vordergrund befindlichen Hügels differiert um ca. 0 m gegen die der Talsohle. hohen Dom und die Weismiesgruppe nach Bignasco im Tessin, und von Andermatt aus über den Gotthardt und die Tessiner Berge nach Ber⸗ gamo; durch Dr. Broedelmann zweimal aus Innsbruck, das eine Mal über den Tuxerkamm und die Zillertaler Alpen nach Luttach im Ahrn⸗ tal, das andere Mal über den Brenner nach Brixen; durch Ingenieur Frischknecht von Davos aus über den Piz Kesch und zwischen der Bernina und der Ortlergruppe nach Boladore im Addatal; ferner durch Erbslöh von st. Moritz im Engadin aus über die Berninagruppe nach Italien und weiter nach Ungarn und endlich vom Verfasser dieses Aufsatzes, das eine Mal von Chur aus über den westlichen Rhätikon, das andere Mal im Winter von Davos aus über den östlichen Rhätikon, die Lechtaler Alpen und das Wettersteingebirge. Bedeutend größere Anforderungen stellen aber, wie schon darge⸗ legt, die Versuche, die Alpen von ihrer Peripherie aus zu überfliegen. Viel Geduld und sehr viel Zeit sind dazu nötig, und schon manche Expe⸗ dition ist an dieser Aufgabe gescheitert. so mußte der schreiber dieser Zeilen vor Jahren nach einer fruchtlosen Wartezeit von fünf Wochen zwischen Altdorf und Flüelen am Vierwaldstätter see mit Ballon samt den schweren Bombenbatterien von komprimiertem Wasserstoff unver⸗ richteter Dinge per Bahn wieder abziehen, ohne aufsteigen zu können. 379 Wir Luftschiffer Aehnlich erging es spelterini sowohl in Engelberg, wo er auch nicht zum Aufsteigen kam, als auch auf dem Rigi und dem Eigergletscher, wo er beide Male nicht über, sondern nur längs dem Hauptkamme flog. In die gleiche Versuchskategorie gehört auch die sonst glänzende Fahrt des Italieners Usuelli von Mailand aus über die Bernina und Ortlergruppe nach Oberbozen. Die ersten gelungenen Alpenfahrten „aus der Peripherie“ sind in den österreichischen Alpen zu verzeichnen, wenn dabei auch nur ihre östlichsten Ausläufer überflogen wurden. so gelang es am 16. April 1902 dem Erzherzog Leopold salvator und Hauptmann Hinterstoisser von salzburg aus mit dem 1300 cbm großen „Meteor“ mit Leuchtgasfüllung das Dachsteingebirge und die Niederen Tauern zu überfliegen und in Weißenkirchen bei Judenburg zu landen. Ganz in der Nähe von Judenburg, bei st. Georgen, beendigte ungefähr in gleicher Richtung 6 Jahre später Hauptmann von Abercron eine in Gersthofen bei Augsburg begonnene Fahrt, welche dadurch ganz besonders bemerkenswert ist, als die Fahrt in einem bloß 380 cbm Wasserstoff fassenden Ballon als solofahrt durchgeführt wurde. Eine andere bemer⸗ kenswerte Fahrt aus der „Peripherie“ der Alpen war die als Alpen⸗ fahrt unbeabsichtigte wissenschaftliche Hochfahrt Professor Emdens von München über die Kitzbühler Alpen und zwischen den Hohen und Niederen Tauern hindurch nach Rennweg im Liesental in Kärnten. Die erste vollständige „periphere“ Ueberfliegung des Hochalpen⸗ kammes in seiner ganzen Breite gelang aber erst am 11. November 19166 den beiden Italienern Usuelli und Crespi von Mailand aus, wobei der König der Alpen, der 4810 Meter hohe Montblanc, von Italien nach Frankreich überflogen wurde. Dem Fahrtenbericht über diese glänzende sportleistung sind folgende interessante Angaben“) zu entnehmen: „Unter den der Mailänder sektion der „società Aeronautica Italiana“ gehörigen Hüllen wurde die „Citta di Milano“ gewählt, die aus Baumwolle gefertigt ist und 2000 ebm Inhalt hat. Der Ballon trug nicht die eigene, sondern eine ganz kleine, eigentlich für den Ballon „Condor“ von goo cbm Inhalt konstruierte Gondel, die 26 kg wiegt,. und war mit einem 90 m langen, 36 kg wiegenden schlepptau ver— sehen. Die Gondel enthielt außer zwei vollständigen Alpenausrüstungen für eine lange Winteralpenpartie noch ein mit Manometer, Gummi—⸗ schläuchen und Röhren versehenes, 1200 Liter komprimierten sauerstoff enthaltendes Gefäß, ein Fortins Quecksilberbarometer bis 100 mm, ein Aneroid, ein Richardsches statoskop, ein Minimum-Thermometer, ein Ventilations⸗ Thermometer und einen photographischen Apparat. ) Nach Prof. Dr. A. Pochettino, Ill. Aeron. Mitt. 1907, s. 16. 380 Im Ballon über die Alpen schroffen der Amthorspitze. Um die unteren Luftschichten möglichst rasch zu durchfahren, wurden in den Ballon nur 1300 ebm Leuchtgas eingefüllt, und so viel Ballast⸗ säcke an die Gondel gehängt, daß der Ballon um 10.50 vormittags am 11. November mit 2710 kg verfügbarem Ballast (in säcken von je 15 kg) und mit einem Auftrieb von rund 84 kg rasch sich in die Höhe erhob. Nach 40 Minuten erreichte der nun vollkommen pralle Ballon seine Gleichgewichtslage in einer Höhe von 4900 m; nach der Ent⸗ lastung von einem sack Ballast stieg der Ballon von neuem; um 10.35 wurde der Ticino bei Tornavento in einer seehöhe von ungefähr 5000 m und bei einer Temperatur von — 140 gekreuzt. Die Fahrt bewahrte die west-nordwestliche Richtung, die sie gelegentlich der Abfahrt hatte. Indem der Ballon langsam weiter aufstieg, strich er an der nördlichen seite der Biella⸗Gegend vorüber und näherte sich allmählich der Alpenkette. Das inzwischen sich außerordentlich auf⸗ klärende Wetter ermöglichte den beiden Luftschiffern eine vorzügliche Fernsicht: Hunderte von Hochgipfeln, unter denen ganz in der Nähe der Monte Rosa, das Matterhorn im Norden und der Gran Paradiso in südwestlicher Richtung, Tausende von Gletschern grüßten zu den beiden Luftschiffern hinauf bis weithin nach den im süden sich empor— hebenden Alpi Marittime. 381 Wir Luftschiffer Die riesig ausgedehnte, vollständig vom frisch gefallenen schnee bedeckte Gletscheroberfläche ließ nun die drohende Gefahr einer Berg⸗ landung unter diesen Verhältnissen deutlich erkennen. Nichtsdesto⸗ weniger ließen sich die beiden kühnen Mailänder Luftschiffer nicht ent⸗ mutigen und sie entschieden sich dafür, jede Gefahr herauszufordern, um das Unternehmen zur Vollendung zu bringen. Es kam zum Beschluß, um jeden Preis die Reise fortzusetzen. Gegen 12 Uhr waren die infolge der Höhe (5250 m) und Kälte ( 159) auftretenden Beschwerden bei den beiden Luftschiffern noch nicht sehr bedeutend, doch ziemlich fühlbar, besonders bei Herrn Crespi, der nach wenigen Minuten die sauerstoffatmung unbedingt beginnen mußte; während der Regulierung des Atmungsapparates zerbrach aber eine der Atmungsröhren, so daß nur einer der Reisenden sich deren weiter bedienen konnte; glücklicherweise beschränkte sich das Unwohlsein bei Herrn Usuelli während der ganzen Fahrt nur auf ein leichtes, infolge der Anstrengungen bei der Arbeit der Ballonführung verursachtes körperliches Unbehagen, das, nach den Beobachtungen des Herrn Usuelli selbst, durch eine kurze Atmung des aus dem Behälter herausfließenden sauerstoffes immer sofort beseitigt wurde. Es muß erwähnt werden, daß Herr Usuelli ein kühner und gewandter Bergsteiger ist, welcher zum Beispiel im Mai 1903 an verschiedenen Bergpartien auf den Chim— borasso (6562 Meter seehöhe) teilgenommen und damals neun Nächte auf dem Gletscher in einer Höhe von 5700 m zugebracht hat. Nach einer halbstündigen Fahrt längs der M. Rosa⸗ und Matter⸗ horn⸗Kette, gerade gegenüber der Grand⸗Combin⸗Gruppe, in einer see⸗ höhe von 5600 m und bei einer Temperatur von — 229, lenkte der Ballon plötzlich von der früheren west⸗südwestlichen Flugrichtung nach süden ab und den beiden Korbinsassen schien somit der Erfolg der Reise sehr aufs spiel gesetzt zu werden. Da ausgeworfene, mit ein wenig Ballast beladene Papierstücke ent⸗ schieden gegen süd flogen, entschloß sich Herr Usuelli, noch höher zu steigen; dazu mußten 4 sack Ballast (also ungefähr 60 kg) in zwei Malen geworfen werden; damit aber begann der Ballon wieder auf⸗ zusteigen, kam über 60060 m und nahm die frühere west⸗nordwestliche Richtung wieder auf. Noch immer emporsteigend, wurden die Luftschiffer zu ihrer großen Freude gewahr, daß der Ballon gerade nach dem König der Alpen, dem Montblanc, zu flog; um 1.10 nachmittags fuhr der Ballon über den kleinen Combal⸗see und zehn Minuten später, um 1.20, in einer seehöhe von 6800 m und bei einer Temperatur von — 34 Grad hing das 3582 Im Ballon über die Alpen schwierige Gebirgslandung. Vhot. Irl. Ballon Cognac am Wetterstein. 24. Marz 190. schlepptau gerade in lotrechter Richtung über dem Montblanc⸗Gipfel, in wenigen Minuten wurde die Alpengrenze überschritten und somit die Ueberfliegung der Alpen vollendet. Es wurden noch zwei vollkommen gefrorene sandsäcke hinaus⸗ geworfen, so daß nur noch 45 kg Ballast für den Abstieg zur Verfügung blieben. Es wurde weiter das Isere⸗Tal im Norden von Albertsville gekreuzt; tief im Norden erschien der Annecy⸗see, im Westen der Bourget⸗see, im Osten die mächtige Alpenkette, im süden endlich die Alpi Marittime und fern — das deutlich erkennbare Mittelländische Meer. Nach der letzten Oszillation stieg der Ballon nun langsam bis zu einer seehöhe von 6400 m herab; um 2.40 nachmittags, in einer Höhe von 5350 m, überzeugte sich Herr Usuelli davon, daß der Ballon, wenn er sich selbst überlassen würde, zu langsam herabstiege, was ihn direkt in den Bourget-see gebracht hätte. Darum zog der Führer wiederholt die Ventilleine, wodurch der Ballon in rascheren Fall geriet. In einer Höhe von ungefähr 150 in vom Boden wurden 383 Wir Luftschiffer Winterbild aus der Ferval⸗Gruppe. V. de Beauclair phot. Vom Cognac aus 2800 m söhe. zwei sack Ballast mit einem Mal ausgeworfen; der Ballon fiel noch ge⸗ geschwind bis zu 45 m vom Boden, dann verringerte sich allmählich seine Geschwindigkeit, so daß die Gondel nur ganz leicht den Boden streifte; ein langer Ventilleinenzug brachte nun definitiv den Ballon in der Nähe von Aix⸗les-Bains zum stehen; es war 2.55. Die Länge der ganzen Fahrt beträgt ungefähr 300 km, die in zirka 4 stunden zurückgelegt wurden; der Abstieg von 5200 m erfolgte in nur 14 Minuten; der Abstiegsort liegt 85 km in westlicher Richtung vom Montblanc.“ Mit dieser Fahrt erwarben sich die beiden kühnen Fahrer den Wander⸗ preis, den die Königin-Witwe Margherita von Italien für eine vollständige Ueberfliegung der Hochalpen ausgesetzt hatte. Noch blieb aber das großartigste alpine Luftschifferproblem ungelöst, die beiden mächtigsten Alpenketten Europas, die Berner Oberländer und die Walliser Viertausender Riesen, zu überfliegen. Die Haupt—⸗ richtung dieser Kämme von XO. nach sW. entsprechend der Richtung der regelmäßigen XG. oder sW.-Winde in dieser Gegend, erklären die Abweisung der mehrfach unternommenen Versuche. Endlich, am 29. Juni 1908s, sollte die Aufgabe gelöst werden, indem der „Cognac“ unter Führung des Verfassers das schönste Alpengebiet überhaupt, die 364 Im Ballon über die Alpen schimmernde Welten. V. de Beauclair phot. silvretta⸗ Gruppe im Winter. Vom Cognac aus 3500 m Höhe. Jungfraugruppe, nach Italien überflog. Diese von der station Eiger⸗ gletscher der Jungfraubahn nach stresa am Lago Maggiore unter— nommene Ballonfahrt wurde noch ganz besonders reizvoll, weil beinahe während der ganzen Fahrt Gewitter bis in die nächste Nähe heran⸗ zogen, die unbeschreiblich schöne Wolkenbildungen hervorzauberten und das Hochgebirge in großartigster Weise umrahmten. Die vollendeten Aufnahmen Gebhard Guyer's in seinem Buche „Im Ballon über die Jungfrau nach Italien“, geben in selten künst— lerischer Vollkommenheit diese herrlichen stimmungen wieder, und müssen hier“) als Zeugen der Pracht einer solchen Hochgebirgsfahrt be— sondere Erwähnung finden. Alpin ausgerüstet, stiegen wir damals zu viert, meine Freunde Geb⸗ hard Guyer und Frau, Konrad Falke und ich — mit zirka 640 kg Ballast um 1 Uhr mittags von der station Eigergletscher der Jungfraubahn auf, überflogen den südwestgrat des 4105 m hohen Mönch nahe seinem Gipfel und blieben dann bis zum Konkordiaplatz, in zirka 14800 m Höhe zwischen den Oberländer Viertausenderriesen, Jungfrau, Finster⸗ aarhorn, Aletschhorn, Grünhorn, Fiescherhorn und wie sie alle heißen, „) siebe Bild s. 387, 389 und das Toppelbild. Wir Luftschiffer 385 25 Wir Luftschiffer dahin schwebend. Ueber dem Konkordiaplatz fing es an zu donnern, wir fielen und machten dann eine 12 km lange schleppfahrt über den großen Aletschgletscher bis zu seinem Ausfluß in die tiefe und enge Massaschlucht hinein, die wir in halber Höhe durchflogen. Das war das Interessanteste der ganzen Fahrt. Langsam wurde hierauf die alte Höhe wieder erreicht und das Rhonetal bei Brig überflogen. Die Windrichtung führte in der Höhe gegen Zermatt; leider waren auch dort alle hohen Gipfel in drohende Gewitterwolken gehüllt, so daß wir wieder tiefere Regionen aufsuchen mußten, um von dieser gefahr⸗ bringenden Richtung durch den Unterwind abgelenkt zu werden. Ueber simpeln kamen wir nochmals ans schlepptau, dann ging's über die süd⸗ liche simplongruppe und über die italienischen Alpen, während eine pech⸗ schwarze Gewitternacht, die nur durch die fortwährenden Blitze in der Ferne erhellt wurde, unmittelbar hinter uns nachrückte. Am frühen Morgen befanden wir uns über der Po⸗Ebene bei Coggiola, wo wir zur Orientierung ans schlepptau hinuntergingen. Unser Ueberfliegungsplan war damit vollständig gelungen; noch⸗ mals trieb es uns aber in die Höhe, um von den Bergen Abschied zu nehmen. Bei 5950 m erreichten wir unsere Maximalhöhe, von wo wir ein unbeschreibliches Panorama über die ganze Alpenwelt genossen. Um 10 Uhr erfolgte die Landung bei Gignese, einige Kilometer westlich von stresa am Lago Maggiore. Drei Monate später gelang spelterini eine ähnliche Traversierung, indem er von Interlaken aus aufstieg, beim Lauterbrunner Breithorn das Berner Oberland überflog und mit einem großartigen Flug über das Visptal und den Lyskamm die Fahrt beendete. Die Landung erfolgte gleichfalls in Italien, auf einer Alp oberhalb Brusson. Endlich ge—⸗ lang am 1. Januar 1909 wiederum Usuelli eine Traversierung, indem er von Mailand aus den 3843 in hohen Monte Viso überflog und bei Fréjus in südfrankreich landete. Außer diesen hier stizzierten bedeutenderen Alpenfahrten sind speziell vom schweizerischen Aero⸗Club verschiedene kleinere Fahrten in die Alpen gemacht worden; so wurde der säntis überflogen und verschiedene Male im Vorarlberg und in den schweizer Voralpen ge⸗ landet. Auch Professor Hergesell überflog bei einer solchen kleineren Fahrt mit Dr. stolberg, von Friedrichshafen aufsteigend, die Zugspitze. Aehnliches wurde auch in der Dauphin sé und in den italienischen Alpen geleistet, und es besteht kein Zweifel, daß jetzt, wo genügend Er—⸗ fahrungen vorliegen, diese Fahrten zu einem besonderen sport sich aus⸗ wachsen werden. 386 8c In eisigen Höhen. Jungfrau und umgebende Riesen des Berner Oberlandes. G. A. Guyer phot. aus 1800 m Höhe. Wir Luftschiffer Es ist daher angebracht, hier auch einiges über die Gefahren zu sprechen. Wer im Hochgebirge den Ballonsport betreiben will, muß zum voraus über die Gefahren, die ihn bedrohen können, ganz im klaren sein; denn deren Kenntnis schreibt ihm das Verhalten in schwierigen situationen und die für Hochalpenfahrten spezielle Aus— rüstung vor. Gleichzeitig beantwortet fich dadurch ganz von selbst die Frage, wer in den Alpen überhaupt Ballon fahren darf. Denn alle Gefahren, die das gewöhnliche Ballonfahren in der Ebene bedrohen, haben natürlich auch für die alpinen Flüge Geltung, nur daß sie im Hoch⸗ gebirge einen viel ernsthafteren Charakter bekommen, da das Hoch⸗ gebirge als solches schon bedeutende Gefahren in sich birgt und trotz aller erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen, die der kundige Ballonführer ge⸗ troffen haben mag, mit der Möglichkeit einer erzwungenen Landung stets zu rechnen ist. Wenn diese dann auch nur relativ selten (Gewitter!) eintreten dürfte, so muß doch als oberster Grundsatzʒ des alpinen Ballonsports gelten, daß nur erprobte Bergsteiger in den Alpen die verantwortlichen Ballonführer sein dürfen. Nur ein solcher kann bei mißlichen Verhältnissen im Hochgebirge eine gefahrlose Lan⸗ dung herbeiführen und somit allein die richtige Verantwortung für ein solches Unternehmen tragen. Ebenso selbstverständlich ist aber dann auch die Forderung, daß auch die Passagiere alle Berg—⸗ steiger und für den Abstieg nach der Landung im Hochgebirge alpinistisch ausgerüstet sein müssen. Wer segelt oder rudert, muß doch auch schwimmen können! Man hat bereits versucht, diese unumgänglichen Forderungen dort, wo der Ballonführer keine Hoch⸗ gebirgskenntnis besaß, zu umgehen, indem Bergführer in dem Ballon als „Berater“ mitgenommen wurden. Nach erfolgter Landung im Hochgebirge wären diese Bergführer sehr am Platz und von größtem Wert, um den Ballonführer und die anderen unerfahrenen Ballon⸗ insassen heil ins Tal zu bringen, während der Fahrt selbst hätte der Bergführer aber gar keinen Wert. Denn wie soll selbst der erstklassigste Bergführer, der gar keine Ahnung vom Ballonfahren hat, im mißlichen Falle beurteilen können, ob diese und jene Kette noch genommen werden kann oder soll, ob die Fahrt zu unterbrechen ist oder nicht und wo dann der geeigneteste oder überhaupt mögliche Landungsplatz zu suchen ist? Im Gegenteil, er, der nichts von der Aeronautik versteht, wird in den meisten Fällen den unschlüssigen und ratlosen Ballonführer nur noch mehr irre führen, und während der ganzen Fahrt wird kaum der richtige Genuß aufkommen können, da jeder sich der unzulänglichen Führung und der eventuellen Folgen bewußt ist. Und wie schnell 388 Im Ballon über die Alpen Westflanke des Eiger (3974 m). G. U. Guner phot. Vom Cognac aus 3800 m Höhe. kann im Hochgebirge sich das Wetter ändern, wie unvermittelt können die günstigen Verhältnisse sich in die ungünstigsten verwandeln, so daß eine Landung im Hochgebirge selbst erzwungenermaßen eintreten muß! In dieser Hinsicht ist der größte Feind des alpinen Ballon— sportes, der alle Vorausberechnungen über den Haufen wirft, das Gewitter, vor welchem jeder Ballonführer im Hochgebirge durch rechtzeitige Landung stets wird kapitulieren müssen. Inmitten von hohen Felsen und Eisgipfeln und abschüssigen felsen- und gletscher— durchfurchten Hängen kann man mit dem Ballon keine Gewitterstudien machen oder Versuche anstellen, ob der Ballon ebenso wie in der Ebene von den wild durcheinander auf- und absteigenden Vertikalströmungen 389 Wir Luftschiffer Blick auf Innsbruck. Im Vordergrund der Berg Isel. herumgezerrt wird und die Karambolagen mit dem Hochgebirgsterrain verträgt. Da muß unbedingt rechtzeitig zur Landung geschritten werden, und nur der Ballonführer wird zielbewußt handeln können, der neben den aeronautischen Erfahrungen auch über solche hochalpiner Art in großem Maße verfügt. Zum Glück ist das herannahende Ge—⸗ witter immer leicht zu erkennen, und man wird alle Muße haben, seine Entschlüsse zu fassen. Läßt man außerdem die gewöhnlichen Hindernisse, wie andauerndes Regenwetter, schnee usw., die auch ohne Hochgebirge eine Luftfahrt meistens unmöglich machen, unberücksichtigt, so dürften bei richtiger Ausrüstung nur die eben besprochene Gewittergefahr und die absolute Windstille die einzigen Faktoren sein, die eine vorzeitige Landung, bevor das Hochgebirge überflogen ist, herbeiführen können. Die sehr seltene absolute Windstille wird aber kaum so lange dauern und solche schwierigkeiten bieten, daß nicht mit der Zeit doch noch eine günstige Landung zu vollziehen wäre. Der Ballon muß nur groß genug, und falls man ganz sicher gehen will, mit Wasserstoff gefüllt sein, um die Fahrtdauer so zu verlängern, daß mit der Zeit jedes Hindernis überwunden werden kann. Leuchtgas im Hochgebirge zu verwenden ist daher nur bei ganz günstigen Verhältnissen zulässig, da diese aber speziell im Hochgebirge sich so schnell ins Gegenteil verwandeln können, sollte man von seiner Ver⸗ wendung ganz absehen. Besonders die große Empfindlichkeit der Leuchtgasfüllung gegen die durch wechselnde Bestrahlung hervorgerufenen 390 Im Ballon über die Alpen Dolomitberge aus 1200 m Ballonhöhe gesehen. Auftriebschwankungen machen es, besonders bei bewölktem Himmel, ganz unbrauchbar. Außerdem müssen ja bei einer Alpenüberfliegung beträchtliche Höhen erreicht werden, für die der Wasserstoffballon wiederum viel geeigneter ist. Letzteres ist auch der Grund, warum hei Alpenfahrten vorsichtshalber sauerstoff zum Atmen in größerer Höhe mitgenommen werden sollte. Im allgemeinen wird man ihn nicht unbedingt nötig haben, er wird aber schon in Höhen zwischen 1000 und 5000 Meter sehr gute Dienste leisten, da er sehr erfrischend wirkt und so auch die kleinste Höhenwirkung, die man sonst wohl ganz gut ertragen kann, gleich bei ihrem Auftreten zum schwinden bringt. Der Genuß der Reise kann dadurch nicht unwesentlich gehoben werden. Der größere Wasserstoffballon hat auch den angenehmen Vorzug, daß man über das eigentliche Hochgebirge fliegend stets noch genügend Manövrierballast besitzt, um gelegentlich den Ballon in die Gletscher— und Felsentäler fallen zu lassen und dort die reizendsten Fahrten am schlepptau auszuführen. Der Genuß einer solchen schleppfahrt ist ein unbeschreiblicher und die Eindrücke müssen besonders bei einer Mondscheinfahrt feenhaft sein. Diese Manöprierausgiebigkeit in der Vertikalen, die nur beim Wasserstoffballon wegen seines größeren Ballastvorrats möglich ist, ge⸗ stattet auch bis zu einem gewissen Grade außer den Oberwinden auch die in der Richtung der Täler wehenden Unterwinde auszunutzen und 391 Wir Luftschiffer so den Ballon bis zu einem gewissen Grade über die gewählte beste Route hinüberzuführen oder vor Hindernissen abzulenken. Auf der Cognac⸗ Fahrt des Verfassers über die Jungfrau nach Italien konnte z B. der große, die ganze Nacht hindurchtobende Gewitterherd in den Zermatter Bergen, durch Ausnutzung des Unterwindes umgangen und so eine vor⸗ zeitige Landung vermieden werden. Dieses Aufsuchen der verschiedenen Windströmungen ist für den Alpenballonsport von so großem Wert, daß die Ballonet⸗Ballons von besonderem Vorteile sind. Die kleine Anzahl der meistens bei günstigen Verhältnissen ausgeführten Alpenfahrten lassen überhaupt noch manche praktische Frage offen, die erst durch zukünftige Erfahrungen beant⸗ wortet werden kann. so dürfte zum Beispiel der Anker wahr⸗ scheinlich in den Alpen wieder zu Ehren kommen, um bei stark ge—⸗ neigten Halden eine sichere Landung zu ermöglichen oder auch um vor einem größeren Hindernis den auftrieblosen Ballon zum stillstand zu bringen. Denn im Hochgebirge wird oft eine langsame Entleerung des Ballons der plötzlichen, durch Aufreißen des Ballons hervor⸗ gerufenen, vorzuziehen sein. Ohne Gefahren sind die Alpenflüge also nicht, aber es find dies Ge⸗ fahren, die vollständig auf das Maß der gewöhnlichen Freiballon⸗ fahrten reduziert werden können, wenn man sich mit dem geeignetften Material ausrüstet, immer genügend Manövrier⸗ und Landungs⸗ Ballast vorrätig hält und nur geeignete sportsleute sich an solche Unternehmungen hexranmachen. Anders ist's mit dem Ballonmaterial. Eine Landung hoch oben in den Alpen braucht nicht im mindesten Gefahren für die Passagiere mit sich zu bringen, für das Ballonmaterial wird sie aber fast immer sehr nachteilig sein, und nicht geringe Unkosten dürfte der Transport verschlingen. Wiederum ein triftiger Grund, der für Vermeidung der viel unsichereren Leuchtgasfahrten in den Alpen spricht. Neben dem überwältigenden Naturgenuß solcher Alpenfahrten bilden aber diese nur vom Kundigen zu besiegenden Gefahren einen be⸗ sonderen sportlichen Reiz, der dem alpinen Ballonsport auch dann volle Daseinsberechtigung geben wird, wenn die „Lenkbaren“, die auf solche Höhen praktischerweise kaum gelangen dürften, den Freiballonsport im Tale zur Rarität gemacht haben werden. s WI 392 Wir Luftschiffer Um 1 Uhr war alles ʒur Auffahrt bereit. Blanchard und Doktor Jeffries hatten ihre sitze eingenommen, und mit größter Kaltblütig⸗ keit und weithin schallender stimme befahl nun Blanchard, die letzten stricke zu lösen. Unmittelbar vor der Auffahrt herrschte unter den Zuschauern die tiefste stille, aber kaum erhob sich der Ballon in die Lüfte, da ertönte unten ein ungeheures Freudengeschrei, und man überließ sich den törichtesten Ausbrüchen einer unbezähmten Freude. Es war ein großartiger, überwältigender Anblick, den stolzen Luftball majestätisch über die unermeßliche Meeresfläche dahinschweben zu sehen. Blanchard blickte nun auf die frohlockenden Zuschauer zurück und grüßte mit einer Fahne. Wir verloren den Ball schon fast aus dem Gesichte, als wir ihn plötzlich sinken sahen. Uns schauderte bei dem Gedanken an das bevorstehende Unglück, aber alsbald erhob sich der Ball wieder in die Lüfte und trieb mit größter schnelligkeit dahin.“ — Ueber den weiteren Verlauf der Fahrt gibt Doktor Jeffries in einem Briefe aus Calais, d. 8. Januar folgende lebendige schilderung: „Der Himmel hat unser kühnes Unternehmen mit glänzendem Erfolg gekrönt. Ich kann Ihnen die Pracht und schönheit unserer Reise nicht genug schildern. Als wir in der Mitte über dem Kanal dahin— schwebten, genossen wir, da wir sehr hoch in der Luft segelten, über das benachbarte Frankreich und England eine Aussicht, die keine Feder Ueberquerung des Kanals durch Blanchard und Jeffries 1785. Phot. Bolak nach zeitgenössischem sich. 394 Wasserfahrten zu schildern vermag. Wir hatten schon zwei Drittel unserer Fahrt über das Meer glücklich zurückgelegt, aber auch allen Ballast über Bord geworfen. Als wir noch ungefähr 2 Meilen von der Küste Frankreichs entfernt waren, sank der Ballon immer mehr. Blanchard fing nun an, die Gondel aller Zieraten zu entblößen. Als dies nichts nützte, warfen wir unsere beiden Anker ab, dann unsere Instrumente, sogar die Kleider am Leibe und endlich die Hosen. Wir waren nur mehr 12 Fuß über der Oberfläche des Meeres und zogen nun unsere Wamse von Kork an, um uns über dem Wasser so lange zu halten, bis uns eines der vielen kleinen englischen Fahrzeuge, die unsere Fahrt verfolgten, zu Hilfe kommen würde. Da hieß es nun wahrhaftig „Per aspera ad astra“. Denn bei unserem drohenden Unglück fing plötzlich das Barometer zu sinken an, und sogleich stieg wieder unser Ball. Um 3 Uhr erreichten wir glücklich die Küste und hielten in Frankreich, freilich ohne Beinkleider, einen prächtigen Einzug. Das ganze Ufer war mit Menschen bedeckt, deren Jubelgeschrei zu uns heraufdrang. Wir setzten unseren Flug noch 4 Meilen weit fort, bis wir ganz sachte in der Mitte des Waldes von Felmore, unweit von Guisnes, von allem entblößt, auf Bäumen herunterkamen, indem wir weder seil, noch Anker, noch andere zur Landung nötige Gegenstände mehr zur Hand hatten.“ schon vor der so glänzend verlaufenen Fahrt Blanchards hatte sein Rivale Pilatre de Rozier von der französischen Regierung den Auftrag erhalten, „einen Versuch über das Meer zu machen“. Nach langen Vorbereitungen wurde endlich am 15. Juni 1785 die Fahrt von Boulogne aus angetreten, endigte aber mit dem tragischen Tode Roziers und seines Begleiters Romain. Kaum war der von den jubelnden Zurufen einer unermeßlichen Zuschauermenge begleitete Ballon einige Hundert Meter gestiegen, als er landeinwärts ge— trieben wurde, einen Riß bekam und mit ungeheurer schnelligkeit zur Erde stürzte. Die Körper der unglücklichen Insassen waren bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. In neuerer Zeit gehören Fahrten über den Kanal nicht mehr zu außergewöhnlichen Ereignissen, obgleich tragische Ausgänge nicht selten sind. Merkwürdigerweise sind die Fahrten vom Festland nach England weit häufiger als umgekehrt, obgleich die Gefahr, ins Meer abgetrieben zu werden, bei einer Fahrt nach England größer ist, als bei einer Fahrt in umgekehrter Richtung. Bei einer Fahrt von Calais würde ein Abtrieb von 45 Grad den Ballon schon ins offene Meer treiben, während umgekehrt eine Abdrehung des Windes von 90 Grad dem Ballon noch die Richtung aufs Festland sichern würde. 395 Wir Luftschiffer Auch Damen haben den gefährlichen Flug gewagt. so schildert Miß Asheton Harford im „Ballooning and Aeronautics“ mit einer von echt sportlichem Geiste getragenen Lebendigkeit die Großartigkeit ihrer Eindrücke von zwei Kanalüberfliegungen, die sie im sommer 1907 unternahm. — Bei der ersten Gordon Bennettfahrt im Herbst 1906 von Paris aus landete die Mehrzahl der Teilnehmer in England, leider kein Deutscher. Höchst bedeutende Fahrten nach England sind aber den Gebrüdern Dr. Wegener, unseren rühmlichst bekannten deutschen Aexronauten und Meteorologen mit dem Ballon „Ziegler“ gelungen, das eine Mal von Bitterfeld aus unter Ueber⸗ fliegung eines großen Teils der Nordsee, das andere Mal von Rhein— felden bei Basel aus. Beide Fahrten zeichneten fich durch die Aus⸗ nutzung reicher meteorologischer Kenntnisse und Erfahrungen aus. Auch die Ostsee hat schon häufig kühne Luftschiffer über fich gesehen. Die Fahrten, soweit Deutschland in Betracht kommt — wohl durchgängig von Berlin aus — haben sich meist in der Richtung über die Kieler Bucht bewegt, also über verhältnismäßig kleine Wasserflächen und mit der Wahrscheinlichkeit, auch bei einer Drehung des Windes nach Osten noch nicht durch eine Meereslandung gefährdet zu werden. Gefährlich war die unfreiwillige Ueberfahrung der Ostsee durch zwei Leute der preußischen Luftschifferabteilung, die am 24. März 1906 nach einer Fahrt über den Wolken pläötzlich entdeckten, daß sie sich über der Ostsee befanden. Es gelang ihnen, unter Opferung des schleppseiles, des Korbes und eines Teils ihrer Kleidung den Ballon so lange zu halten, bis sie in schweden in der Gegend von Karlskrona glücklich — landen konnten. schwe⸗ — dische und russische Luft— schiffer haben schon ihren Tod in der Ostsee ge— funden. Lattenabte Der französische Graf w Aus A oede bei. Aetonautisches Taschenbuch. einen Ballon konstruieren lassen, mit dem er über das Mittelmeer von Europa nach Afrika gelangen wollte. sein Luftschiff war mit sinnreichen Vor⸗ richtungen versehen für Gleich⸗ Zellenabtreibanker. gewichtserhaltung, Ablenkbarkeit, system Hervé — de la Vaulz. Hemmungsmöglichkeit usw. seine Aus Moedebeck, Aero⸗ . 2. n Versuche, bei denen er übrigens von 396 . . e. 9 der n, Wm. — 1 — — — — — — — — — — Ausstattung des Andréeschen Ballons. Wasserfahrten einem schiff begleitet war, verliefen aber ergebnislos. Dagegen ist den spanischen Luftschiffern Emile Herrera und Fernandez Duo am 2. April 1906 eine für alle Chancen und Gefahren einer Meeresfahrt ausgezeichnet vorbereitete Fahrt von Barcelona über das Mittelmeer nach Frankreich gelungen, wo sie nach 15stündiger Fahrt, nachdem sie über den Golf von Lyon beinahe bis Marseille gekommen und dann wieder nach Westen abgetrieben waren, bei salces (süd⸗Westfrank⸗ reich) landeten. — Erwähnt sei endlich in diesem Zusammenhang die Landung eines aus Paris während der Belagerung im Jahre 1870 aufgeflogenen Ballons in Norwegen nach 18stündiger Fahrt. Eine ungeheure Wasserfläche glaubte der schwede Andrse im Dienste der Polarforschung mit dem Ballon überfahren zu können. Am 29. Juli 1895 trug Andrée auf dem Internationalen Geographen⸗ Kongreß in London seinen Plan vor, von spitzbergen aus im Luft⸗ ballon den Nordpol zu erreichen beziehungsweise zu überfliegen, be⸗ gegnete dabei aber einer skeptischen Auffassung. Auf Grund reichen meteorologischen Beobachtungsmaterials, insbesondere auch gesammelt bei einem einjährigen Aufenthalt in spitzbergen ging Andrée davon aus, daß im Hochsommer in spitzbergen kräftigere südlichere Winde über das Gebiet des Nordpols zu wehen pflegen. Ich besitze eine Polar⸗ karte, in der mir Andrée seinen voraussichtlichen Weg gerade nach Norden über den Pol nach Alaska oder nahe am Pol vorbei nach dem östlichen sibirien eingezeichnet hat. Andree hoffte seinen Weg über die längste in Betracht gezogene strecke (3700 Kilometer) in ungefähr sechs Tagen zurückzulegen. sein Ballon von 4500 Kubikmeter Raum⸗ inhalt war von dem bekannten Pariser Ballonfabrikanten Lachambre aus chinesischem seidenstoff gefertigt, der in sieben aufeinandergepreßten Lagen eine solche stoffdichtigkeit gewährleisten sollte, daß Andrée über⸗ zeugt war, seinen Ballon dreißig Tage flugfähig erhalten zu können. Als ich in der sonnenklaren Polarnacht zum 22. Juni 1896 mit dem norwegischen schiffe „Erling Jarl“ bei der im Nordwest—⸗ winkel spitzbergens gelegenen Däneninsel anlangte, um der Auf—⸗ fahrt Andrées beizuwohnen, war der in einer gewaltigen achteckigen oben ungedeckten Halle liegende Ballon schon zur Hälfte gefüllt. Das Wasserstoffgas wurde unweit der Halle aus schwefelsäure mit Meer⸗ wasser gemischt und Eisenfeilspänen hergestellt und in seidenen schläuchen zum Ballon geleitet. Andrée empfing uns mit außer— ordentlicher Liebenswürdigkeit und wurde nicht müde, uns mit über⸗ zeugender siegesgewißheit in die Einzelheiten seiner sorgfältigen Vor⸗ bereitungen einzuführen. seine ganze Fahrt war als schleppfahrt geplant. Er führte zu diesem Zwecke drei schleppseile von ungefähr 398 Wasserfahrten 400 Meter Länge mit, die durchschnittlich 150 Meter lang am Boden schleifen sollten, so daß er stets in einer durchschnittlichen Höhe von 250 Metern fahren wollte. Er glaubte, daß diese schleppseile als fich selbst regulierender und unverlierbarer Ballast durch die Vermehrung oder Verminderung des Gewichts beim steigen oder Fallen wirken würden. Mit Hilfe dieser schleppseile sollte aber auch eine relative Lenkbarkeit des Ballons erzielt werden. Die drei schleppseile waren am obersten Ende vereinigt, und zwar so, daß ihr Ansatzpunkt vermittels einer sinnreichen, leicht zu handhabenden Vorrichtung willkürlich verschoben werden konnte. Der Zug der am Erdboden nachschleifenden schleppseile sorgt dafür, daß ihr Ansatzpunkt am Ballonring während der Fahrt stets der hinterste Punkt bleibt. An dem Ballon waren und zwar auf der Basis einer durch den Ballonring gehenden nach beiden seiten weit über ihn hinausgehenden Bambus⸗ stange segelflächen angebracht, die mittels der schleppseilvorrichtung in verschiedenen Winkeln gegen die Windrichtung eingestellt und in ihr erhalten werden konnten. Andrée glaubte auf diese Weise eine Ablenkbarkeit von der Windrichtung um mindestens 27 Grad ermöglichen zu können. Der Korb hatte zwei Etagen, die untere, als schlafraum gedacht, die obere balkonartig, fast ganz frei zur Beob⸗ achtung für den Wachenden. Nahrungsmittel für Monate und ein kleines Boot waren in dem Netzwerk zwischen Ballon und Ring angebracht. Keiner von uns, die wir damals aeronautisch unerfahren den Flug des kühnen schweden erleben wollten, zweifelten an dem Gelingen des Unternehmens. Aeronautische Erfahrungen würden uns wohl bedenk⸗ licher gestimmt haben. Die Voraussetzung Andrées von einer Flug⸗ fähigkeit seines Ballons auf Wochen hatte angesichts der Tatsache, daß die damals bekannte längste Flugzeit eines Ballons nur 18 stunden betrug (heute 72 stunden) keine Berechtigung und mußte von vornherein das Gelingen seines Unternehmens in Frage stellen. Wir haben 14 Tage lang mit Andrée auf südwind gewartet. Als die unerwarteten starken Nordwinde unverändert fortdauerten, hielt Andrée die Jahreszeit für seinen Flug zu weit vorgeschritten. Der Ballon wurde entleert und nach Tromsö zurückgebracht. Im nächsten Jahre waren die Windverhältnisse günstiget. Am 20. Juni 1907 verließ der Ballon die Halle. Er bewegte sich nach Norden, bald den Blicken der zurückgebliebenen entschwunden, — eine Taubenpost aus den nächsten stunden. Das war das letzte Zeichen von Andrée und von seinem Ballon. — Ob der Lenkbare einst Andrses Traum erfüllen wird? Wellmans Versuch, genau 10 Jahre später, an dessen 399 . Wir Luftschiffer Andree und seine Getreuen. Ernsthaftigkeit manche Zweifel laut geworden sind, endete bekanntlich nach kurzem Flug mit einer Landlandung auf spitzbergen, unweit der Aufflugstelle. Die bedeutendste Wasserfahrt, die jemals ausgeführt ist, knüpft sich an den Namen des schweizerischen Oberst schaeck, der bekanntlich bei Gelegenheit der Gordon Bennettfahrt im Jahre 1908 in 72 stunden von Berlin über Mitteldeutschland und die Nordsee nach Burgset bei Molde in Norwegen gelangte. Er spricht sich an anderer stelle dieses Buches über seine Fahrt aus. Auch ich hatte bei dieser internationalen Wettfahrt als Führer des Ballons ‚„Busley“ vom Kölner Klub für Luftschiffahrt mit det nahen Möglichkeit einer Wasserfahrt, als welche vor allem die Ueberquerung der Ostsee in Betracht kam, gerechnet und dementsprechende Vorbereitungen getroffen. Der Korb war von außen mit abnehmbarer Korkwandung versehen, schwimmgürtel und Wasseranker waren an Bord, eine strickleiter führte zum Füllansatz, 400 Verloren auf see. De * Wasserfahrten um ihn erforderlichen Falls schließen zu können. Als jedoch der noch am 10. Oktober ausgesprochen südwestliche Wind am Abfahrtstage einem kräftigen Nord⸗West Platz gemacht hatte und die Meteorologen Beständigkeit dieser günstigen Windrichtung prognostizierten, entledigte ich mich im letzten Moment, als ich mit Herrn Hans Hiedem ann aus Köln den Korb schon bestiegen hatte, des Korkschutzes, des schwimm⸗ gürtels und Wasserankers. Diese Maßnahme erklärt sich durch die räumliche Beschränktheit unseres im Interesse der Gewichtsersparnis äußerst kleinen Korbes, in dem wir beide knapp Platz hatten und jede Raumschaffung eine Erleichterung für uns bedeutete. Um 3 Uhr 20 Minuten startete der ‚Busley“ mit 45 sack Ballast, durchschnittlich zu je 20 Kilo, und nahm südöstlichen Kurs. Nach Mitteilung der meteorologischen Observatorien sollte sich die Windstärke mit zu⸗ nehmender Höhe steigern. Gleichwohl beschlossen wir, möglichst niedrig zu bleiben aus der Erfahrung, daß der etwaige Rückstand in der Ent⸗ fernung am Ende durch die Ballastersparnis reichlich wettgemacht würde. so strichen wir in der Nacht so dicht über den spreewald hin⸗ weg, daß wir mehr als einmal mit den Baumkronen in Kollision ge⸗ rieten. Etwa um 3 Uhr in der Nacht — also zwölf stunden nach der Abfahrt — stellten wir eine Aenderung unseres Kurses fest. Der Wind drehte nach süd⸗West und im Laufe des folgenden Tages weiter nach West und Nord⸗West. sofortiger Wechsel der Höhenlage ergab, daß in höheren Lagen dieselbe Winddrehung stattgefunden hatte. Mit Tagesanbruch stellten wir fest, daß wir die Orientierung nicht ver— loren hatten. Unsere Fahrt ging über das Königreich sachsen und mit allmählich immer mehr nach Nordwest drehendem Kurs über Halle a. s., Magdeburg der Nordsee zu. Mit Anbruch des Abends befanden wir uns über der Lüneburger Heide in vollkommener Gleichgewichtslage in ca. 700 Metern, während unsere höchste Höhe am Tage 2500 Meter gewesen war. Lüneburg, Hamburg blieben nicht weit östlich von uns im Lichterglanz; mit dem Glase sahen wir deutlich die lichterreiche Umrahmung des Alsterbassins. Immer näher rückten wir dem Meeres—⸗ ufer in der Richtung auf Cuxhaven zu. Die Windstärke war auf 50 Kilometer und stunde zu schätzen. Wohin führte er uns? Durch Opferung kleiner Ballastmengen ermittelten wit seine Richtung in verschiedenen Höhenlagen und stellten als Mittel einen konstanten auf das mittlere England zuführenden süd⸗-Ost fest. Um nach England zu gelangen, mußten wir allerdings eine Meeresfläche von 600 Kilo—⸗ metern überfahren. Und wenn der Wind während dieser Fahrt weiter nach Norden drehte? Dann waren die schottische Küste und äußersten Falls die shetlands⸗Inseln zu erreichen, — in diesen Fällen Wir Lustschiffer 401 26 Wir Luftschiffer war allerdings die gewaltige strecke von ca. 900 Kilometern Meeres⸗ fläche zu überfliegen. Alle diese Möglichkeiten und schwierigkeiten erwogen wir sorgsam an der Hand unseres Kartenmaterials. Eine Ueberficht über unseren Ballastvorrat ergab, daß wir noch über zirka 500 Kilo Ballast verfügten, nicht gerechnet die Reserven des schleppseils, der Instrumente usw. Damit konnten wir die Fahrt noch mindestens eine dritte Nacht fortsetzen. Es galt etwas sportlich Bedeutungsvolles im internationalen Wettkampf, sollten wir da nicht alles daran setzen, den sieg an Deutschlands Fahne zu heften? Der Entschluß war gefaßt: wir wagen es! Um 12 Uhr Mitternacht verließen wir etwa zehn Kilometer östlich von Cuxhaven die Küste. Während in der Lüneburger Heide heller Mondschein uns begleitet hatte, lagerte auf dem Meere eine leichte Nebelschicht. Ohne ein Körnchen Ballast zu opfern, behielten wir in 200 Meter über dem Meere eine vollkommene Gleichgewichtslage, trotz der Beule, die unser abgekühlter Ballon nach innen aufwies. Wir hielten den auf dem Festland ermittelten Kurs; die leichte Wellen⸗ bewegung im Vergleich zum schleppseil ermöglichte auch — wie wir fortgesetzt durch unabhängig von einander gemachte und stets über⸗ einstimmende Beobachtungen feststellten — die genaue Bestimmung unserer Richtung. Die der Küste vorgelagerten Feuerschiffe leuchteten gespenstig zu uns hinauf; schwarze schiffskörper durchfurchten unter Andre es Ballonhalle auf spitzbergen und Dampfer Virgo. 402 Wasserfahrten uns das durch die leichte Nebeldecke nur schwach vom Monde angelichtete Meer. Helgolands Lichter werden rechts von uns sichtbar. Dann nur noch weite Meeresfläche. Plötzlich stutzten wir beide. Was ist das? Nach Norden? Hiedemann, — welche Richtung haben wir? Nein, das kann nicht sein. Wir haben uns geirrt. Nochmals in aller Ruhe, jeder für sich beobachtend. Noch bang von sich selbst einen Irrtum hoffend, lautet unser beider Ergebnis: Wir fahren nach Norden, — vorbei an England, — vorbei an schottland, — vorbei an den shetlandsinseln, hinein ins offene weite Polarmeer! so geht es weiter — stund auf stund, — in gedankenreichem schweigen, — die Blicke aufs weite Meer gerichtet. Da ein schiff, deutlich hebt sich das Licht vom Mast, bald auch der dunkle schiffskörper von der Meeres—⸗ fläche ab. Unser Luftschiff nähert sich ihm mehr und mehr. Laut klagen unsere signalpfeifen und Hilferufe. — Beide beugen wir uns mit unsern elektrischen Lampen über den Korb hinaus. Wir sind bemerkt, das schiff ändert seinen Kurs, steuert auf uns zu. Wir verdoppeln unsere Hilfssignale. Nach kurzer Zeit gibt das schiff die Verfolgung auf und überläßt uns unserem schicksal! Wieder umgibt uns nur dunkele Nacht, — das Meer rauscht unter uns, — mit größerer Geschwindigkeit treiben wir unaufhörlich gen Norden. Viel zu weit sind wir westlich gelangt, um hoffen zu können, die norwegische Küste zu erreichen. Bald müssen wir die letzte schiffslinie, Hamburg — Edinburgh oder England —Norwegen, über⸗ schritten haben, — der Tagesanbruch muß uns in hoffnungsloser Lage finden. Einsilbig geht jeder seinen Gedanken nach. Da — es ist 4 Uhr in der Nacht — leuchtet etwas auf, näher und näher scheint das Licht zu kommen, in Wirklichkeit kommen wir ihm näher, da werden schon die Konturen des schiffsrumpfes unterscheidbar. Mit verzweifelter Anstrengung lassen wir unsere signalpfeifen ertönen, — setzen wir unsere Lampen in schwingende Bewegung. Ein lautes Gegensignal von der Dampfpfeife des schiffes, nochmals eine lang⸗ gezogene Dampfpfeifenantwort. Nach Minuten befinden wir uns fast über dem schiff. Hastig greife ich nach der Ventilleine und in Teilen von einer Minute klatscht der Korb ins Wasser; einen flüchtigen Moment werden wir ganz ins Meer untergetaucht, — dann beginnt eine rasende schleiffahrt durch die salzige Flut. Der Wind, dessen stärke jetzt wohl 50-60 Kilometer betragen mochte, fegt in den ein Riesensegel darstellenden Ballon und schleift uns, bis an die Brust im Wasser, willenlos voran. Der Dampfer faucht hinter uns her, — wir hatten den zutreffenden Eindruck, daß er seine Kraft daran setzte, uns zu erreichen. Aber von Minute zu Minute vergrößerte sich die 403 26* Wir Luftschiffer Entfernung zwischen ihm und uns, — mußten wir ihm auch immer unerreichbarer werden. Es war ein Kohlendampfer, der mit Voll⸗ dampf 15 Kilometer in der stunde zurücklegen kann; wir wurden auch im Wasser noch mit einer Geschwindigkeit von 30 40 Kilometer voran—⸗ getrieben. so war also eine Rettung aussichtslos. Noch konnten wir den Ballon seinem Element, der Atmosphäre, wiedergeben; das Los⸗ schneiden einiger der am Ringe hängenden Ballastsäcke mußte ihn wieder frei machen. Was war damit gewonnen? Wir wären ins uferlose Meer weiter getrieben, — kein rettendes schiff war mehr in dieser Nordlinie zu erwarten. — Mein Entschluß war schnell gefaßt. Wo ist die Reißleine? sie flattert im Netzwerk über dem zum Glück tief angebrachten Ring. Ich klettere ins Netzwerk und zerre mit kräftigem Ruck die Reißleine. Da wird es still. Der „Busley“ haucht sein Leben aus und legt sich wie ein Riesenpilz auf die Meeresfläche. In demselben Augenblick verlieren wir auch den Korb unter den Füßen; er wird in die Tiefe gezogen, und wir liegen nun im freien Meer, das Netzwerk des Ballons umklammernd. Die situation kam uns nicht überraschend. Wir hatten uns deshalb vorher unserer stiefel und Kleidung bis auf das Notwendigste entledigt. Mehr und mehr ent—⸗ leerte fich der Ballon durch die offene Reißbahn, schwamm aber noch wie ein mächtiges Laken auf der Meeresfläche. Wir versuchten auf die Ballonhülle zu gelangen, in der Hoffnung, uns da zu halten, bis das schiff uns erreichte. Von Masche zu Masche kletterten wir in dem Netzwerk empor, und mit jeder stufe sanken wir wieder ins Meer zurück. Ein Blick rückwärts von Zeit zu Zeit überzeugte uns, daß das Licht des schiffes sich uns wieder näherte; es konnte nicht mehr lange dauern, bis es uns rettend aufnahm. Nach etwa einer halben stunde hörten wir dicht hinter uns das schnaufen der Maschine. Aber, — um des Himmels willen, — was war das? schon ist der Dampfer dicht hinter uns, da lief er rechts von uns aus und steuert, scheinbar mit Volldampf — an uns vorbei! Nun sind wir verloren. Das schiff hatte uns aufgegeben, — glaubte uns wohl schon in der Tiefe, oder hielt eine Rettung im Dunkel der Nacht wohl für ausgeschlossen, — hielt weiteren Zeitverlust für schmerzlicher, als den Verlust von Menschenleben. solche und ähnliche Gedanken durchzuckten das Gehirn; unsere Hilferufe gingen unter im Getose der Meereswogen. Das vorbeigeeilte schiff war bald im Nebel verschwunden. Mit ihm jede Hoffnung auf Rettung. — Noch einmal reichten wir uns die Hand zum letzten Lebewohl und erwarteten dann schweigend den Augenblick, in dem die Hülle mit uns in die Tiefe finken würde. Nach einiger Zeit höre ich ein Glucksen meines treuen Kameraden Hiedemann, das 404 Wasserfahrten unheimliche Geräusch eines — wie ich glaubte — Ertrinkenden. Ich wage nicht, den Blick hin zu wenden und kämpfe mit dem Entschluß, ein Ende zu machen. schon erlahmen die Kräfte, — was soll auch die Verlängerung der Qual. Da — es mochten zwanzig Minuten bis eine halbe stunde vergangen sein, seit dem schrecklichen Moment, in dem das schiff unseren Blicken entschwunden — höre ich dicht neben mir menschliche stimmen, — fremdartige Laute und doch so wundersam vertraut. Ich glaube erst, ein Phantasiegebilde hat mich umgaukelt. Aber nein, — noch mal, noch näher: „Hei sind se, — fot de Remen an!“ Hastig, mit dem letzten Reste der Kraft, greife ich nach dem Ruder eines dicht neben mir liegenden Bootes; da verlassen mich auch die Kräfte, — starke Arme ziehen mich ins Boot, wo ich halbbewußtlos niederfinke; nach kurzer Zeit folgt in gleicher Weise Hiedemann. Kräftig holten die wackeren seeleute aus, um uns zu dem auf dem Weg nach Edingburgh begriffenen Hamburgischen Kohlendampfer „Prinz Wilhelm“ zu bringen, dessen trefflicher Kapitän schacht zielbewußt unsere Rettung bewirkt hatte, indem er in verständiger Ueberlegung den Ballon umfahren hatte, um uns nicht zu überfahren und das schiff durch mögliche Verwicklungen der schraube mit dem Ballonnetz zu gefährden. Am schiff angelangt, wurden wir hinaufgezogen, mit Kleidung versehen und vortrefflich gepflegt. In schwerer mehrstündiger Arbeit brachte die schiffmannschaft noch unser Fahrzeug an Bord, und in der Frühe um 9 Uhr konnte die Fahrt nach Edingburgh fort— gesetzt werden. Wie schon erwähnt, fehlten uns bei dieser gefahrvollen Wasser⸗ fahrt alle sondervorbereitungen. Daß wir trotzdem durch Vergleich von schleppseil und Wellenbewegungen in keinem Augenblick über unsere jeweilige Richtung im Zweifel blieben, mag Zufälligkeiten zu danken sein. Im allgemeinen ist die Kursfeststellung bei einer Fahrt über dem Meere ebenso erschwert wie bei einer Fahrt über den Wolken. Ein praktisches Mittel zur Herstellung eines festen Punktes auf dem Meere nachts ist das Hinabwerfen von Phosphor⸗Calcium. Es leuchtet auf dem Wasser hell auf; nach dem dadurch entstandenen Richtpunkt läßt sich die Richtung des Ballons unschwer bestimmen. Die wohl noch wich—⸗ tigere Ermittelung der geographischen Lage des Ballons über dem Meere ist nur möglich durch astronomische Ortsbestimmung, deren instrumentelle und methodische Grundlage durch Dr. Marcuse-Berlin ausgebildet ist. Wichtige Hilfsmittel für Wasserfahrten sind die von dem Eng— länder Green schon im Jahre 1837 vorgeschlagenen, später von dem Franzosen L'Hoste bei Fahrten über den Kanal erprobten und von dem 405 Wir Luftschiffer Grafen de la Vaulx für seine Mittelmeerversuche weiter ausgebildeten „Abtriebvorrichtungen“. sie bestehen aus einem Holzrahmen, in dem treppenartig eine Anzahl Holzplatten in Zwischenräumen hinter⸗ einander angebracht sind. Dieses im Wasser schleifende Gestell ist durch stricke mit dem Ballon verbunden, durch die man die vertikalen Flächen des Rahmens senkrecht, schräg oder parallel zur Flugrichtung stellen kann. Durch den Druck, welchen dabei das Wasser auf die Flächen ausübt, kann eine Abweichung des Ballons von seiner natürlichen Richtung und damit eine gewisse Lenkbarkeit erzielt werden. selbst bei der Möglichkeit einer Wasserfahrt sollte ein Wasser⸗ anker niemals am Ballonkorb fehlen. Er besteht aus einer großen Tüte aus Leinenstoff und ermöglicht im Wasser schleifend eine Ver⸗ langsamung der Fahrt bei Annäherung an ein schiff. Freilich hat bei einer Differenz der schiffs- und Ballongeschwindigkeit, wie sie bei der von mir geschilderten Fahrt gegeben war, der Wasser⸗ anker keine nennenswerte Wirkung. — Mit Erfolg haben insbesondere Herrera und Duro stabilisatoren zur Vermeidung von Höhen⸗ schwan kungen bei Temperatureinwirkungen verwandt. Dem gleichen Zwecke dienen wasserdichte Reservoirs zur Füllung mit Meereswasser, vermittelst deren Gasverluste durch unnötiges Aufsteigen infolge Gaserwärmung vermieden werden können. — Marinefernrohre mit Telemeter, eine Liste der Leuchttürme der in Betracht kommenden Küsten, ein nautischer Almanach und selbstverständlich Rettungs⸗ gürtel sind weitere zweckmäßige Ausrüstungsgegenstände für größere Wasserfahrten. Wenn der Korb durch Korkwandungen schwimmbar gemacht werden soll, wird es notwendig sein, um ein Umkippen zu vermeiden, längs der oberen Ränder des Korbes Luftkissen anzu⸗ bringen. sie werden aus gummiertem Ballonstoff gefertigt und können in kurzer Zeit durch ein kleines Ventil aufgeblasen werden. Hert Hauptmann v. Abercron hat im 24. Heft der, Illustrirten aero⸗ nautischen Mitteilungen“ „Vorschläge für das Niedergehen von Ballons in Gewässern“ gemacht und deren Aufnahme als Zusatz in den offi⸗ ziellen Führerbüchern empfohlen. Diese Vorschläge enthalten neben selbstverständlichen Dingen Ratschläge, die ich für bedenklich halte. Er empfiehlt unter anderem als notwendige Maßnahme „wenn auf dem Wasser gelandet werden muß“: „Füllansatz zubinden“, — „Keines⸗ falls Ballon aufreißen.“ Das Zubinden des Füllansatzes wird fich gewiß unter manchen Umständen empfehlen, sowohl beim schweben des Ballons über dem Meere unter gewissen Temperatur⸗ und Witterungsverhältnissen, wie vor allem dann, wenn der Ballon bezw. der Korb unfreiwillig im Meere fährt. Aber unter allen 406 Wasserfahrten Umständen? Der zugebundene Füllansatz behindert den freien Gebrauch der Ventilleine und der Reißleine, wenn er ihn nicht gar unmöglich macht. seine sofortige Wiederöffnung ohne Anwendung der strick⸗ leiter vom Korb aus ist unzuverlässig. Man stelle sich vor: eine Fahrt in der Nacht, bei der mit spannung nach einem rettenden schiff aus⸗ gespäht wird. Kommt es endlich erst in unmittelbarer Nähe des Ballons, wie in unserem Falle, in sicht, und gilt es nun schleunigst durch Ventilzug aufs Meer zu kommen, dann ist keine Zeit zu ver⸗ lieren mit dem Aufbinden des Füllansatzes; dann sind sekunden kost⸗ bar. Da gilt es, mit schnellem Entschluß ohne Zögern handeln. Hätten wir in unserem Falle diese Zeit verlieren müssen, dann wären wir längst wieder vom schiff außer sicht gewesen. Die vorgeschlagene Maßnahme läßt sich nur dann bedingungslos empfehlen, wenn der Füllansatz vom Korb aus zuverlässig zu schließen und zu öffnen ist. Herr stabsarzt Dr. Flemming bespricht an anderer stelle dieses Buches eine von ihm zu diesem Zwecke erfundene Einrichtung. Noch bedenklicher ist die kategorische Vorschrift: „Keinesfalls Ballon auf⸗ reißen“. Gewiß ist es ein schwerer Entschluß, den letzten Halt unter den Füßen freiwillig preiszugeben und sich gewissermaßen in die Fluten zu stürzen. Aber nur diesem Entschluß haben wir unser Leben zu ver⸗ danken. Hätten wir den Ballon nicht aufgerissen, so wären wir un—⸗ weigerlich von dem uns nacheilenden schiff fortgetrieben, und davor hätte uns auch nicht, wie ich geschildert habe, der starke Anker, den wir selbst mit dem Korbe und den Ballastsäcken bildeten, gerettet. selbstverständlich kann unter anderen Umständen ein Aufreißen des Ballons verfehlt sein. Das Verhalten des Führers bei Wasser⸗ landungen richtet sich ganz nach den Umständen des Falles. Nur eine einzige Vorschrift ist berechtigt und geboten: Ruhiges Blut behalten!“ 407 Die Erreichung des Nordpols im Luftschiff. Von Major von Parseval und Dr. Elias. Die Möglichleit, im Luftschiff den Nordpol zu erreichen. Die Entfernungen zum Pol. Wind⸗ verhältnisse. Berioden rubigen Wetters. Keine Windzunahme nach oben uber dem Polareis. Er⸗ trägliche Temperaturen. Berschiedene Arten der Orientierung. Das brauchbarste Fahrzeug. Ein großer unstarrer Ballon von 14000 Kubilmeter erforderlich. Zwei schrauben und zwei Motoren a 100 EP8. sechs Mann in zwei Gondeln. Vier Tonnen Benzin und Oel. Fahrt in mäßiger Höhe, aber nicht am schleyntau. Zwischenlandung am Wasseranter. Die schwierigkeiten des Wetters. Ein Jahr Vorbereitungssahrten nmötig. Die Polentdeckung mehr ein heißerstrebter Relord als von wissenschaftlichem Nutzen. I. Plan einer Nordpol⸗Expedition mittels Parseval⸗Ballon. Von Major von Parseval. Witterungsverhältnisse ähnlich denen Mitteleuropas im Auge hatte, und so beantwortete ich denn die Frage zunächst mit einem runden „Nein“. Nun aber setzte man mir auseinander, daß die Wetterverhältnisse im sommer in jenen arktischen Breiten ganz andere, viel günstigere seien als in Mitteleuropa, und in der Tat konnte ich mich dem Gewicht der vorgebrachten Gründe nicht entziehen. Denn nicht nur fällt am Pol der Wechsel von Tag und Nacht fort, es liegt auch Meer und Land auf weite strecken unter einer zusammenhängenden Eisdecke, was eine bei uns nicht gekannte Gleichförmigkeit der Verhältnisse zur Folge hat. so ist es wohl denkbar, daß der sommer in jenen Gegenden regel⸗ mäßig längere Perioden von Windstille mit fich führt und daß die stärke der Winde überhaupt eine sehr geringe ist. Freilich muß ich die Verantwortung für die Richtigkeit dieser Darstellung den Wetter⸗ kundigen überlassen, die an Ort und stelle die Verhältnisse studiert haben. Wenn sich aber tatsächlich die Dinge so verhalten, dann muß ich meine Ansicht ändern, dann ist der Gedanke keine Utopie und die Erreichung des Pols im Luftschiff ist möglich. 408 Die Erreichung des Nordpols im Luftschiff Allgemeiner Plan der Expedition. Zur Ausreise muß man einen dem Pol möglichst nahe gelegenen startplatz aufsuchen, und ist hierbei nicht auf die Insel spitzbergen beschränkt. Vielmehr kann das Expeditionsschiff im Eise bis etwa an den 82. Breitengrad vordringen. Hier soll das Luftschiff auf einem der gewaltigen Eisfelder gefüllt und in Gang gesetzt werden. Man hätte dann zum Pol ca. 900 Kilometer, ein Weg, der zweimal zurück⸗ gelegt werden muß. Am Pol selbst muß eine entsprechende Zwischen⸗ landung möglich sein. Bauart des Luftschiffes. Für die Aufgabe kann nur ein unstarres Parseval-⸗Luftschiff in Frage kommen. Nur ein solches läßt sich bequem transportieren und auf dem Eise in wenigen stunden füllen und montieren, und so möchte ich denn kurz skizzieren, wie sich die Konstruktion und der Betrieb gestalten müßten. Bei einem schiff, das etwa die Größe des Zeppelinschen Ballons bekommen muß, ist der wichtigste Punkt die Wahl der Motoren. Es hat sich gezeigt, daß man mit einem Motor von 100 Ps ein so großes schiff in der Vertikalen nur ungenügend beherrscht. Des⸗ halb sind 2 Motoren à 100 Ps gewählt. Da aber die schwächere sonnenstrahlung am Pol und der Fortfall des Wechsels von Tag und Nacht dem schiff eine gleichmäßigere Tragkraft sichert, wird man auch mit einem Motor längere Zeit eine gleichmäßige Höhe halten können, so daß man einen Motor zeitweise still setzen und ihn nachsehen kann. Mit seinen 200 Ps wird das schiff eine Höchst⸗ geschwindigkeit von ca. 50 Kilometer pro stunde erreichen, so daß die Expedition bestenfalls in etwa 2 Tagen ausgeführt werden könnte. Der mitgenommene Benzinvorrat ist auf das 1fache der zu leistenden Entfernung bemessen. Die Wellmansche Idee, einen kleinen Motor von geringem Benzinverbrauch zu nehmen, ist nicht zweckmäßig, da die Möglichkeir, eine günstige Wetterlage auszunützen und das Ziel zu erreichen, um so größer wird, in je kürzerer Zeit die Expedition beendet sein kann. Das Hauptbestreben muß sein, den Zeittaum, während welchem das schiff den Zufälligkeiten der Reise ausgesetzt ist, möglichst abzukürzen. Man könnte daher versucht sein, noch stärkere Motoren anzuwenden, um noch schneller zu fahren. Das ergibt aber einen viel größern Brenn—⸗ materialverbrauch und ganz ungefüge Ballons. Der Gewinn an Ge⸗ schwindigkeit ist dabei verhältnismäßig gering. 409 Wir Luftschiffer Man muß sich daher mit einer Geschwindigkeit begnügen, welche der⸗ jenigen der Zeppelinschen Luftschiffe ungefähr gleich⸗ kommt. Diese ist mit . 8 23 ⸗ s X ̃ sicherheit erreichbar und — * d genügt bei günstigem 8 — Wetter vollkommen. 8 3 ö Die Bauart des schiffes 1 : 8 lehnt sich an die Type B der 8 Motorluftschiff⸗studien⸗ gesellschaft in Reinickendorf an, die sehr befriedigende Resultate ergeben hat. Die Motorgondel dieser Type könnte direkt herüber ge⸗ nommen werden. sie be⸗ sitzt zwei Motoren Aà 1600 Ps und zwei Lust⸗ schrauben, und man kann entweder beide Motoren mit den beiden schrauben oder nur einen Motor mit einer schraube oder endlich eine schraube mit den zwei Motoren laufen lassen. Hierbei kann die steigung der schrauben der verfügbaren Kraft⸗ leistung entsprechend ein⸗ gestellt werden. Da aber ganz bedeu⸗ tende Lasten an Mund⸗ vorräten, Ausrüstung usw. mitgeführt werden müssen, ist es — wie beim starren ; system auch — unver⸗ 13 — meidlich, die Last auf 2 Gondeln zu verteilen, die durch einen Gang 6X . Ofbaton gon At. Konstruktionsstizze des für eine Nordpol⸗Expedition zu bauenden Parseval⸗Ballons. 410 Die Erreichung des Nordpols im Luftschiff verbunden sind. Die hintere Gondel enthält die Motoren nebst Propellern, die vordere ist Führergondel und enthält die wissenschaft⸗ lichen Instrumente, sowie die bei der Fahrt nicht gebrauchten Vorräte an Waffen und Lebensmitteln. Benzintanks befinden sich in beiden Gondeln. An besonderen Einrichtungen sind noch vorhanden: ein Ventilator in der Motorgondel, welcher die Luftsäcke speist und ein Reserve⸗ Ventilator in der Führergondel, welcher von einem besonderen Motor angetrieben wird. Letzterer betreibt gleichzeitig eine Funkenstation. Wenn es auch nicht möglich sein wird, bis ganz zuletzt in Funkenspruch⸗ Verbindung mit dem Dampfer zu bleiben, so ist doch auch eine be⸗ schränkte Verbindung äußerst wichtig. Die nebenstehende Abbildung gibt das betreffende Luftschiff wieder, das Bild s. 253 zeigt die Type A, das auf s. 415 die Type B der Motorluftschiff⸗studiengesellschaft, erstere mit 1 Motor, letztere mit 2 Motoren à 100 Ps und 2 schrauben. Zur Bedienung genügen 6 Mann: Ein Expeditionsführer, ein aeronautischer Führer, ein Assistent, drei Maschinisten. Als Gewicht des schiffes ergibt sich: 6 Mann.. . 0.5 Tonnen Vorräte, Waffen, Austrüstung .. 1,pF „, Motorgondel ... . . 3.7 „ Benzin, Oel... 4,0 Vordere Gondel nebst Gang.. O,6 „ schleppseile, Wasseranker ... 0,5 „ Ballast für Zwischenlandung .. 1, „ Ballon mit Zubehör... . 3.5 15,4 Tonnen Dies bedingt einen Ballon von 14 000 Kubikmeter Inhalt, dessen Länge 105 Meter, dessen Durchmesser 14,5 Meter beträgt. Durch den Verbrauch an Benzin und Oel (stündlich 50 — 60 Kilo⸗ gramm) wird das schiff fortdauernd leichter. Um diesen Gewichts⸗ verlust auszugleichen, muß mit der Zeit eine bedeutende Menge Gas ausgelassen werden, das im Innern des Ballons durch Luft ersetzt wird. Zu diesem Zweck sind mehrere große Luftsäcke im Ballon ange⸗ bracht, die anfangs, wenn der Ballon mit Gas gefüllt und betriebs⸗ bereit ist, nahezu leer sind, aber sich um so mehr füllen, je mehr Gas ausgelassen werden muß. sie müssen eine Luftmenge von ca. 5000 Kubikmeter fassen können. 411 Wir Luftschiffer Betrieb des Luftschiffes. Um das Luftschifs in Betrieb zu setzen, muß der Transport— Dampfer an dem gewählten Eisfeld festmachen. Der Ballon wird ausgelegt, die erforderlichen Ballastsäcke (ca. 12 Tonnen) ringsherum aufgestellt, ebenso die Gondeln in betriebsfertigem Zustande. Nun⸗ mehr muß gutes Wetter abgewartet werden. Hält man den richtigen Zeitpunkt für gekommen, so wird der Ballon direkt aus den im schiffs⸗ raum lagernden stahlbehältern mittels eines langen schlauches gefüllt und montiert, was innerhalb weniger stunden geschehen kann. Die wichtigste Vorbedingung für das Füllen im Freien ist Wind— stille. Unbequem ist der große Bedarf an Bedienungsmannschaften. Bei der Fahrt handelt es sich zunächst darum, das Luftschiff dauernd in mäßiger Höhe zu halten. Die Anwendung von schlepp— seilen nach dem Vorgange Wellmans ist unnötig und unvorteilhaft, da schleppseile die Fahrtgeschwindigkeit vermindern, die steuerfähig⸗ keit beeinträchtigen und durch Festklemmen in Eisspalten Gefahren für das Luftschiff herbeiführen können. Bei aufmerksamer Bedienung bietet die Einhaltung der Höhe keine schwierigkeit. Hierzu muß dem schiff lediglich durch entsprechende Füllung der Ballonets eine solche Neigung gegeben werden, daß die Drachenwirkung des Langkörpers den entsprechenden Auf- oder Abtrieb erzeugt. Wird z. B. das Luftschiff durch den Brennmaterialverbrauch er— leichtert, so ist eine geringe Abwärtsneigung der spitze nötig. Genügt das nicht, so wird der Ballon von selbst langsam steigen, bis durch die Expansion des Gases in der dünneren Luft so viel Gas aus den Ventilen entwichen ist, daß der überschüssige Auftrieb verschwindet. Der Parseval⸗Ballon Ein Zeugnis für seine 412 Die Erreichung des Nordpols im Luftschiff Will man das Luftschiff nicht so hoch steigen lassen, so muß man das Gas vorher auslassen. Hat das Luftschiff aber einmal eine größere Höhe erreicht, so braucht es nur geringe Kraft, um wieder herunter zu kommen und um später die ursprüngliche Höhe wieder zu erreichen. Unterhalb dieser größten Höhe ist das schiff also in der Vertikalen leicht bewegungsfähig und kann sich sein Fahrniveau wählen. Der Führer wäre demnach in der Lage, einen günstigen Luftstrom in größerer Höhe aufzusuchen und zum schnellen Vorwärtskommen zu verwerten. Dabei kommt er aber mit der Rücksicht auf die Orientierung in Konflikt. Hierin liegt eine ernste schwierigkeit; denn die üblichen astro⸗ nomischen Hilfsmittel, sowie die Magnetnadel sind in der Nähe des Poles nicht anwendbar. Es ist daher notwendig, fortwährend die Geschwindigkeit und Fahrtrichtung über dem Boden zu beobachten und danach den Ort des schiffes zu bestimmen. Eine gute Messung ist aber um so schwieriger, je höher das Luftschiff fährt, und deswegen muß die ganze Fahrt nahe dem Boden vor sich gehen. Ein großer Feind der Orientierung ist auch der Nebel, er kann zur Zwischenlandung geradezu zwingen, sofern eine solche den Wind⸗ verhältnissen nach ohne fremde Hilfe möglich ist. Doch schon ein schwacher Wind gestaltet eine Zwischenlandung schwierig. Er übt Kräfte auf den großen Ballon aus, die weit größer sind, als die der paar Männer in der Gondel. Am ehesten ist eine Zwischenlandung auf offenem Wasser möglich, indem man das schiff am Wasseranker festlegt. Es wird dadurch die Möglichkeit geschaffen, das Fahrzeug vollends herabzuziehen und es, wenn nötig, unter Mithilfe der Motoren gegen auf zwei Wagen verpackt. leichte Transportfähigkelt. 413 Wir Luftschiffer den Wind zu halten. Unter günstigen Verhältnissen können dann einzelne Personen auf einem Nachen das schiff verlassen. Eine Zwischen⸗ landung auf dem Eise ist nur bei Windstille ausführbar. Um aber das schiff genügend festzulegen, müßte ziemlich viel Gas ausgelassen werden, und dann ist das Weiterkommen fraglich. Die Hauptschwierigkeit liegt im Wetter. Nebel und Wind sind die mächtigen Gegner. Um sie mit Erfolg zu bekämpfen muß man nicht nur Glück haben, sondern in erster Linie ein tüchtiges schiff mit einer wohlgeübten Bemannung. Beides kann aber nur in systematischer gründlicher Vorarbeit geschaffen werden. Vorbereitung der Expedition. Während eines Jahres müßten schiff und Mannschaft in einer größeren Anzahl Fahrten unter wechselnden Wetterverhältnissen aus⸗ gebildet werden, bis alle technischen Fehler beseitigt und die nötigen Erfahrungen gewonnen sind. Eine Dauerfahrt von 24 stunden, die Zwischenlandung, die Füllung im Freien müßten in das Programm einbezogen sein. Nur durch eine solche Vorbereitung kann die unerläß⸗ liche Betriebssicherheit und die zur Führung nötige Erfahrung ge⸗ wonnen werden. Der Führer muß die Geschwindigkeit des Fahrzeugs und seine Manövrierfähigkeit genau kennen; er muß namentlich das Tempo seiner Höhensteuerung im Gefühl haben und die Tragfähigkeit seines schiffes zu beurteilen verstehen. Mit einem Wort — er muß durch eine reiche Erfahrung mit dem schiff verwachsen sein. Ohne einen guten Führer wird der Raid mißlingen. Es handelt sich also nicht eigentlich um ein wissenschaftliches Problem; denn der Ertrag für die Geographie wird nicht bedeutend sein, sondern um einen von allen Völkern mit heißer sehnsucht er⸗ strebten Rekord, um ein Unternehmen, bei dem Geschick, Kühnheit und Glück Hand in Hand gehen müssen, das, wenn es gelingt, einen ge⸗ waltigen Eindruck auf die Völker der Erde machen wird. Dürfen wir hoffen, daß diese Konquistadoren⸗Idee bei der deutschen Nation Anklang finden wird, daß der Ehrgeiz, einmal etwas ganz Besonderes zu leisten, sowie er in Amerika gezündet hat, auch bei uns die nötigen Mittel bereitstellen wird? Wer kann es wissen? Eins aber ist sicher: den Hauptvorteil würde die Deutsche Luftschiffahrt haben, die fich vor eine überaus groß⸗ artige und dankbare Aufgabe gestellt sieht, und das Luftschiff würde nicht nur für Polarfahrten, sondern auch für näher liegende, greifbarere Aufgaben von allergrößter Bedeutung sein. 414 2 n — M r — 2 n = — 0 2 2 1 5 P 1 — ** —— 2 — * * wr w 2 — * — — X R * D ö * g 1 . * J = — 6 . n 9 ö . — — — — * 89 — —— — Parseval II aussteigend. Die Propeller der zwei Motoren sind der raschen Umdrehungen wegen nur verschwommen sichtbar. Gondel des Parseval II mit den zwei Motoren à 100 Ps. Wir Luftschiffer Il. Die Erreichung der Pole. Von Dr. Elias, Chefredahteur der Illustrierten Ueronautischen Mitteilungen. Die Erreichung der Pole hat die Menschheit von alters her be—⸗ schäftigt. Zu schiff und zu schlitten, im Ballon und im Luftschiff hat man sie versucht, große Opfer an Menschenleben und Geld hat man gebracht und wird sie auch weiterhin bringen. Was will man nun am Pol? Früher glaubte man, rätselhafte freie Wasserstrecken dort zu finden, man dachte sogar daran, daß durch die intensive sonnen— strahlung während eines halben Jahres fruchtbare Länder vorhanden sein könnten. Die Neuzeit hat diesem Traum ein Ende gemacht. Es ist nach allem, was wir wissen, in allerhöchstem Grade unwahrscheinlich, man kann sogar sagen, ausgeschlossen, daß es am Pol selbst anders ist als in sehr hohen Breiten. Die Wissenschaft hat heutzutage nichts mehr von dem endgültigen Betreten des nördlichsten Punktes zu erwarten. Es müssen also noch andere Gründe sein, die dorthin ziehen. Und diese Gründe sind die Erreichung des Poles selbst, die Erreichung eines Punktes, der bisher allen Anstrengungen der Menschheit Widerstand entgegengesetzt hat. Die Aufgabe reizt uns, die Lösung ist selbstzweck, die Erreichung des Poles ist ein sportproblem. Für die Luftschiffahrt hat nun die endliche Lösung eine ganz be⸗ sondere Bedeutung. Wenn sie gelänge, so würde das neue Beförde⸗ rungsmittel zeigen, daß es allen andern überlegen ist. Die praktische Wichtigkeit von derartigen Versuchen geht daraus hervor, daß Luft⸗ schiffe für sehr lange Fahrten gebaut werden müssen, die zuverlässig während der ganzen Zeit arbeiten, und solche Luftschiffe sind auch in unserer Heimat, es sei nur an militärische Zwecke erinnert, im höchsten Grade erwünscht. Hier geht wieder der sport als Pionier vor, er leistet dadurch, daß er eine selbstgestellte Aufgabe zu lösen nersucht, mehr, als der Gebrauch im Lande von ihm erfordert, und fördert somit den Gebrauchsgegenstand in weit höherem Grade, als es durch die ge⸗ wöhnliche tägliche Anwendung geschehen würde. Die beiden Versuche, im Ballon bezw. Luftschiffe den Nordpol zu erreichen, sind bekannt. Andrée wagte sich vor etwa 12 Jahren im Freiballon ohne genügende Kenntnisse der Witterung, insbesondere des Windes, auf das Eis hinaus. Wellman versuchte dasselbe im Luft⸗ schiff, das aber seine Leistungsfähigkeit nicht erwiesen hatte, und errang ebenfalls keinen Erfolg. Ehe man sich also an unsere Aufgabe heran⸗ wagt, muß man sowohl ein genügend zuverlässiges Luftschiff befitzen, als auch anderseits über die Luftschichten, welche man durchfahren will, ausreichend orientiert sein. Man muß ferner wissen, in welcher Weise 416 Die Erreichung des Nordpols im Luftschiff man seinen Weg nach dem Pol und zurück findet, man muß mit andern Worten sich über die Orientierung im hohen Norden klar geworden sein. Inwieweit die Technik des Luftschiffes in Frage kommt, ist die Aufgabe in dem vorhergehenden Kapitel beleuchtet worden, hier sollen nur die Witterungsbedingungen und die Frage der Orientierung, d. h. also die geographischen, meteorologischen und astronomischen Fragen gestreift werden. . Was zuerst die Entfernungen anbelangt, die auf der Luftreise zurückzulegen find, so kämen als Ausgangspunkte Franz⸗Josephsland und die Nordwestecke von spitzbergen in Betracht. Das erstere ist nicht in jedem Jahre eisfrei und kann daher als zuverlässige Operations⸗ basis nicht angesehen werden, dagegen ist die Nordwestecke spitzbergens, von welcher aus bereits Andrée und Wellman abfuhren, in jedem Jahre mit sicherheit —3 Monate lang zu erreichen, und die Amster⸗ daminsel oder die Virgobucht geben einen guten startplatz für eine Reise nach dem hohen Norden. Die genannten stellen liegen unter etwa 80 Grad Nordbreite, von da bis zum Pol find also 10 Breiten⸗ grade in geradester Richtung zurückzulegen oder 600 seemeilen. Die Rechnung nach seemeilen empfiehlt fich in diesem Falle besonders, weil die Geschwindigkeit von 2 seemeilen pro stunde (2 * 1850 Meter) fast genau der Geschwindigkeit von 1 Meter pro sekunde entspricht, so daß also beispielsweise bei einer schnelligkeit des Luftschiffes von 10 Meter pro sekunde s 20 seemeilen pro stunde die 600 seemeilen in 30 stunden zurückgelegt werden könnten. Von spitzbergen zum Pol und zurück find also 1200 seemeilen zu überfliegen. Denkt man jedoch in gleicher Richtung weiter zu fahren, so käme als Endpunkt der Fahrt das nördliche Alaska oder das östliche sibirien in Betracht, die beide etwa unter 70 Grad Nordbreite liegen, so daß von spitzbergen bis dorthin der Weg etwa 1800 seemeilen beträgt. Vorteilhaft dürfte es nicht sein, dorthin zu fahren, denn die Nordküsten dieser beiden Länder sind sehr schwach bevölkert und die Rückkehr von dort zu zivili⸗ sierten Gegenden ist bereits wieder eine Expedition. Allerdings würde die Fahrt über völlig unerforschtes Gebiet führen, denn von der Gegend zwischen dem Pol und dem nördlichen Alaska ist bisher gar nichts bekannt, und aus diesem Grunde wäre event. die Weiterfahrt in der einmal angefangenen Richtung zu empfehlen. Das wichtigste meteorologische Element für die Luftschiffahrt ist bekanntlich der Wind, denn zu starker Wind ist imstande, alle Fahrten mit Motorluftschiffen zu verhindern. Nun ist glücklicherweise durch Nansens schiff „Fram“ während ihrer langen Fahrt im Eise festgestellt worden, daß die Windgeschwindigkeiten in der Nähe des Pols, wir Wir Lustschiffet 417 27 Wir Luftschiffer betrachten vorläufig nur die unteren schichten, recht gering sind. Die mittleren Geschwindigkeiten in Metern pro sekunde über drei Jahre verteilt, gibt die folgende kleine Tabelle, aus welcher man ersieht, daß während der Monate, die überhaupt in Frage kommen können, Juni bis August, die mittleren Geschwindigkeiten 5 Meter entweder bei weitem nicht erreichen oder sie nur sehr wenig übersteigen. Auch die schlitten⸗ expedition, der große Vorstoß Nansens und Johannsens gegen den Pol, Mittlere Windgeschwindigkeit in m pro sek. im Eismeer nach Messungen der Fram “ 1894 1895 1896 Brelte m p. sen. Breite my. sen. Br ite m p. sen. Wai... 810 5 14 84 19 0 4,87 840 4,89 Juni.... 811, 3. 84 8a is 5.73 83 4, 12 Juli.... . 811 / 4,35 sal / 5, 030 82 3, 81 August .... 81 3,49 b 5, 01 suduch do 4, 42 september.. 81 4. 60 85 4.68 zeigt ähnliche Verhältnisse. Im Mai 1895, wo sich die Forscher unter etwa 835 ½ Grad Nordbreite und etwa 70 Grad östlicher Länge be⸗ fanden, wurden beobachtet: kein Tag mit mehr als 10 Meter pro sek. Windgeschwindigkeit, q Tage mit mehr als 8 Meter pro sek., 13 Tage mit 6 Meter pro sek. und darüber; unter 6 Meter pro sek. blieben 18 Tage. Es sei hier besonders erwähnt, daß an jedem Tage min⸗ destens eine Messung mit dem Anemometer gemacht wurde und daß, sobald der Wind stark war — und 6 Meter pro sek. wird bei tiefen Temperaturen schon unangenehm als Wind empfunden, — daß dann immer mehrfach die Windgeschwindigkeit gemessen wurde. Im Juni waren die Verhältnisse noch günstiger, über 10 Meter kein Tag, über 8 Meter zwei, 6 Meter und darüber 9 und unter 6 21, im Juli wurde kein Tag über 8 Meter gefunden, 6 Meter und darüber wurde nur an 2 Tagen gemessen, an 29 Tagen war die Windgeschwindigkeit dauernd geringer als 6 Meter pro sek. Wenn schon diese kleine Uebersicht uns zeigt, daß in hohen Breiten mit sehr geringen Windgeschwindigkeiten gerechnet werden kann, so kann sie doch noch nicht überzeugend wirken, denn wenn beispielsweise an einigen Tagen die Geschwindigkeit sehr gering ist und es folgt dann auch nur ein Tag, an welchem es stark weht, dann würde dieser eine Tag, sofern der Wind ungünstig ist, die Fahrt des Luftschiffes schon in bedeutendem Maße hemmen. Aller⸗ dings sei darauf hingewiesen, daß 10 Meter pro sek., bei welcher Windgeschwindigkeit es für unsere modernen Luftschiffe überhaupt erst anfängt, gefährlich zu werden, ja während der Monate Mai bis Juli überhaupt nicht gefunden wurden. 418 Ausblick über das Eis. Ill. Aeronaut. Mitte:. Nach Aufnahme von Prof. von Drygalshis südpolar-⸗Expedition. Eisberge in der Antarktis. Wir Luftschiffer Von Wichtigkeit für die Luftschiffahrt sind vor allen Dingen lange Perioden ruhigen Wetters, und wenn ein Forschunggsluftschiff eine solche Periode von nur 4 oder 5 Tagen faßt, dann kann es in dieser Zeit von spitzbergen zum Pol und zurückgeflogen sein und seine Auf⸗ gabe gelöst haben. Bei der schlittenexpedition, von der vorher die Rede war, wurden nun vielfach solche windstillen Perioden gefunden. Unter der Annahme, daß Perioden unter 4 Tagen für das Forschungs⸗ luftschiff wertlos sind und weitzrhin, daß ein erfolgreiches Arbeiten und Vorwärtskommen nur bei Winden, die 6 Meter pro sek. und weniger schnell blasen, möglich ist, ergibt fich, daß im Mai 1895 unter 83 Grad Nordbreite eine Periode mit 12 und eine mit 4 solcher windschwachen Tage gefunden wurde. Im Juni desselben Jahres wurden 2 Perioden mit 8 und eine mit 9 derartigen Tagen gefunden. Der Juli war, wie vorher schon gesagt wurde, so still, daß kein Tag eine Windgeschwindigkeit von über 6 Meter aufwies. Diese Zahlen bezogen sich nur auf die schlittenexpedition, und da diese nur 3 sommermonate lang in hohen Breiten tätig war, so kann mit Recht uesagt werden, daß diese 3 Monate eines Jahres noch kein genaues Bild über die Windverhältnisse im Norden geben können. Es find deswegen die Perioden mit 6 Meter und weniger Windgeschwindig⸗ keit im folgenden tabellarisch zusammengestellt. Diese Zahlen er⸗ strecken fich über 3 Jahre und sind auf der Trift der ‚Fram“ gewonnen worden. Die Beobachtungen sind dort mit der größten sorgfalt an⸗ gestellt worden und alle zwei stunden wurden Anemometermessungen vorgenommen. Perioden über 4 Tage, an denen die Windgeschwindigkeit gleich oder geringer als 6 m p. sek. war (nach Messungen der Fram “) Mai Zuni Juli ͤ Au gust seytember Mittlere Breite.. 810 811 811 81 81 1884 Mittiere Länge.. 1270 Ost 1221/9 8st 123. bft 12516. Ost 124 9st Verioden Tage.. is, /z 2/ io /g sas z Mittlere Breite... ga / ga 14 84 1) gan / 85 1895 Mittlere Lange.. E61, Ot 78 Ost 5 Ost 761, Pt 78 Ost Perioden Tage... 1ss 1/ g 1m 5. 15, 1 Mittiere Breite.. 84 83 82 1896 Mittiere Länge.. 129 Ost 12 Ost 121, Ost . Perloden Tage... 1s, 1/22 1 / g. IMs. 1s10 Bei der Auszählung der Perioden für den vorliegenden Zweck wurde in der Weise vorgegangen, daß, sobald auch nur einmal eine Windgeschwindigkeit von mehr als 6 Meter pro sek. gefunden 420 Die Erreichung des Nordpols im Luftschiff Typische Eismeerwolken. wurde, die ganze Periode als unterbrochen galt. In vielen Fällen traten besonders in den Vormittagsstunden kleine Böen auf, die 6—7 Meter pro sek. erreichten und die dem Fortgange eines Luft⸗ schiffes ernstlich nicht hinderlich sein können. Um aber vollständig gegen eine etwa zu günstige Auffassung des beobachteten Materials geschützt zu sein, wurde, wie schon gesagt, die Periode mit dem vorher⸗ gehenden Tage als beendet angesehen. In der Tabelle fällt vor allem auf, daß der August auffallend lange windstille Zeiten aufwies. Man wird also diesen Monat als den günstigsten ansehen müssen, und er liegt auch deswegen sehr bequem, weil spitzbergen im allgemeinen Anfang Juli eisfrei wird und man dann den ganzen Monat Juli für die Vorbereitung zur Fahrt haben wird. Was wir bisher über die Windgeschwindigkeit ausführten, be⸗ zieht fich nun aber lediglich auf die allerunterste Luftschicht, und da man in der Meteorologie vor Ueberraschungen nie sicher ist, so können, wenn unten Windstille ist, auch im Polargebiet in höheren schichten nicht unbeträchtliche stürme wehen, die den Plan der Erreichung des Nordpols per Luftschiff illusorisch machen. Es sei gleich hier betont, daß die hohen Luftschichten über den allerweitesten im Norden liegenden Gegenden, die bisher je von Menschen erreicht sind, naturgemäß noch nicht erforscht sind. Aber wir haben bei etwa 80 Grad Nordbreite 421 Wir Luftschiffer Die magnetischen Deklinationen am Nordpol. Beobachtungen bis zu einigen tausend Metern schon in recht großer Zahl und diese im Zusammenhang mit einigen Ueberlegungen, die wir im folgenden anstellen wollen, geben uns schon einen recht sicheren An⸗ halt über die wahrscheinliche Bewegung der Luft. starke Winde oder eigentlich überhaupt Winde können nur ent⸗ stehen, wenn zwischen zwei Punkten Temperaturdifferenzen vorhanden sind. Diese können die verschiedensten Ursachen haben; entweder ist bei gleicher sonnenbestrahlung ein Teil der Erdoberfläche von Land, ein anderer von Wasser umgeben, dann erwärmt sich das Land schneller als das Wasser, die Temperaturdifferenz ist da und es entstehen Winde, die in diesem Falle, wie vielen Lesern nicht unbekannt sein dürfte, vom Wasser her nach dem Lande als sogenannte seewinde blasen. Aehn⸗ liche Temperaturdifferenzen können zwischen Berg und Tal entstehen, auch zwischen dauernd besonnten und beschatteten Gegenden ist das Auf⸗ 422 Die Erreichung des Nordpols im Luftschiff treten von Wärmeunterschieden und damit die Entstehung von Winden denkbar. sehen wir uns nun eine Polarkarte an, so finden wir, daß das ganze große Gebiet von etwa 80 Grad Nordbreite bis zum Pol von Eis eingenommen ist; auf eine Entfernung von über 2000 Kilo⸗ meter ist also keine Möglichkeit gegeben für Wärmeunterschiede soweit die verschiedene Gestaltung der Erdoberfläche in Betracht kommt. Auch Tag und Nacht, die sonst ja auf verschiedenen seiten der Erdkugel ge⸗ waltige Wärmeunterschiede hervorbringen, treten in diesem ganzen Gebiete nicht in Erscheinung, denn im sommer, der nur für die Fahrt in Frage kommt, ist die sonne dauernd über dem Horizont. Große Windgeschwindigkeiten find also schon theoretisch in der Nähe des Pols nicht zu erwarten und treten auch, wie die Beobachtungen zeigen, nicht auf. Nun zu den etwaigen Windunterschieden zwischen den höheren und den niederen schichten. Wenn die ganze Oberfläche der Erde glatt wie ein spiegel wäre, so wäre für Winddifferenzen zwischen oben und unten keine Ursache gegeben. Da nun aber unsere Erde mit Wäldern, städten, Bergen bedeckt ist und auch das flache Land der darüber streichenden Luft durch seine Reibung einen ziemlich großen Wider⸗ stand entgegensetzt, so wird die Luftbewegung in der Nähe der Erde verzögert, und es wird über dem Festlande sich eine Windzunahme von unten nach oben bemerkbar machen, eine Erscheinung, die jeder Luft⸗ schiffer oft wahrgenommen hat. Ueber dem Meere ist nun diese Reibung bedeutend geringer, infolgedessen wird auch über dem Meere die Zunahme des Windes nicht so beträchtlich sein; auch dies ist durch Beobachtungen einwandfrei festgestellt. Das Polareis stellt im all⸗ gemeinen eine große flache Ebene dar und die Reibung von Luft auf dem schnee ist nicht sehr stark, so daß wir über dem Polarkreis ebenso wie über dem Wasser nur eine ganz geringe Zunahme des Windes erwarten können. Nun find dem Verfasser bisher 3 Expeditionen zur Erforschung der höheren Luftschichten im hohen Norden zugänglich ge⸗ wesen. Bei all diesen hat sich in Uebereinstimmung mit unseren theoretischen Ueberlegungen, abgesehen von vereinzelten windstarken Tagen, die ja überall und in jedem Klima vorkommen können, gezeigt, daß die Windzunahme, wie sie in Europa beobachtet wird, über dem Polargebiet nicht vorhanden ist. Im Gegenteil, es ist bei 28 Drachen⸗ und Ballonaufstiegen, die Verfasser zwischen 7 und 82 Grad Nord⸗ breite ausführte, gefunden worden, daß die bewegte schicht nur zweimal über 300 Meter hinaufreichte und daß darüber dann fast Windstille war. Wir können also mit großer sicherheit darauf rechnen, im hohen Norden wenig Wind zu finden. 423 Wir Luftschiffer Wellmans „Amerika“ von der seite gesehen, nebst Ballonhalle. Illustrierte Aeronautische Mitteilungen. Unter Berücksichtigung dieser Tatsachen haben die Wind⸗ richtungen wenig Bedeutung. Im folgenden sind kleine Windrosen dargestellt, welche die Häufigkeit der Windrichtungen in den ver— schiedenen Monaten zeigen. Man kann aus ihnen unmittelbar ab⸗ lesen, wie oft in jedem Monat ein bestimmter Wind beobachtet wurde, also beispielsweise zeigt sich, daß der südostwind im Juli an zwei Tagen auftritt. Im allgemeinen ergibt sich, daß für die Monate, welche in Frage kommen, also Juli und August, die Winde, welche aus südlichen und westlichen Richtungen kommen, am häufigsten sind. Das ist nun für das Luftschiff nicht ungünstig, denn die südliche Komponente treibt zum Pol. Allerdings wird sie später die Rückfahrt in demselben Maße hindern, wie sie bei der Hinfahrt förderlich war, aber, wie gesagt, bei den geringen Geschwindigkeiten spielen die Richtungen keine große Rolle. Die „Fram“ hat nun auch den Wolkenzug während der hellen Zeit beobachtet und fand, daß die unteren Wolken, welche uns ja nur interessieren, im Mittel aus Nord 60 Grad West zogen, die mittlere Windrichtung unten dabei war süd 23 Grad Ost. Es würde sich hieraus ergeben, daß man bei der Hinfahrt das Luftschiff recht tief halten muß, und es liegt ja gar keine Veranlassung vor, mit dem Luft⸗ schiff höher zu gehen, als daß die Gondeln gerade über dem Erdboden hinwegstreichen, während man bei der Nückfahrt höhere schichten, etwa die Höhe der unteren Wolken aufsuchen muß, um schneller nach dem 424 Juli september 6 2 August 4 6 Die erfahrungsgemäßen Windströmungen am Nordpol, Mai bis september. nm mm — Wir Luftschiffer Andrée prüft die Haltbarkeit seines Ballons. süden zu kommen. Das läßt fich auch aus dem Grunde verhältnis⸗ mäßig leicht machen, weil durch den dauernden Benzinverbrauch das Luftschiff erleichtert wird und von selbst die Neigung hat, je länger die Fahrt dauert, um so höher zu gehen, so daß die Windrichtung oben und unten geradezu darauf eingerichtet zu sein scheint, eine Fahrt im Luftschiff nach dem Nordpol zu unterstützen. Interessant ist es noch, daß die kältesten Winde aus der Gegend zwischen Nord und Ost her⸗ kommen und im sommer Temperaturen von etwa — 2 Grad bringen können. Die wärmsten Winde sind sämtlich südwinde und die Luft⸗ temperatur beträgt dabei etwa 0 Grad. Von wenig Bedeutung für die Fahrt sind die Temperaturen, soweit sie nicht so niedrig sind, daß sie den Aufenthalt von Menschen draußen erschweren. Das ist nun während der sommermonate nicht der Fall, denn wie man aus der folgenden Tabelle, in welcher die Maxima und Minima während der sommermonate der Jahre 1894, 1895 und 1896 angegeben sind, erfieht, sind im Juli Temperaturen von — 3 Grad schon selten, im August kann die Temperatur bis auf etwa — 8 Grad heruntergehen, sie kann auch auf etwa * 3 Grad steigen. 426 X — 6 * . n 40 νι * i 8. 2 . . X ,, , , . nana 3 * . n 2 8 * * * * B * 4 — * ö 1 Ee / M , — Andrées eigenhändige Einzeichnungen seiner eventuellen Flugwege auf einer Polarkarte. Erstmalige Veröffentlichung. Nach dem Original im Besitze des Herrn Rechtsanwalt Dr. Niemeyer, Essen. Wir Luftschiffer Wellmans „Amerika“ von der seite gesehen, nebst Ballonhalle. Illustrierte Aeronautische Mitteilungen. Unter Berücksichtigung dieser Tatsachen haben die Wind⸗ richtungen wenig Bedeutung. Im folgenden sind kleine Windrosen dargestellt, welche die Häufigkeit der Windrichtungen in den ver⸗ schiedenen Monaten zeigen. Man kann aus ihnen unmittelbar ab⸗ lesen, wie oft in jedem Monat ein bestimmter Wind beobachtet wurde, also beispielsweise zeigt sich, daß der südostwind im Juli an zwei Tagen auftritt. Im allgemeinen ergibt sich, daß für die Monate, welche in Frage kommen, also Juli und August, die Winde, welche aus südlichen und westlichen Richtungen kommen, am häufigsten sind. Das ist nun für das Luftschiff nicht ungünstig, denn die südliche Komponente treibt zum Pol. Allerdings wird sie später die Rückfahrt in demselben Maße hindern, wie fie bei der Hinfahrt förderlich war, aber, wie gesagt, bei den geringen Geschwindigkeiten spielen die Richtungen keine große Rolle. Die „Fram“ hat nun auch den Wolkenzug während der hellen Zeit beobachtet und fand, daß die unteren Wolken, welche uns ja nur interessieten, im Mittel aus Nord 60 Grad West zogen, die mittlere Windrichtung unten dabei war süd 23 Grad Ost. Es würde fich hieraus ergeben, daß man bei der Hinfahrt das Luftschiff recht tief halten muß, und es liegt ja gar keine Veranlassung vor, mit dem Luft⸗ schiff höher zu gehen, als daß die Gondeln gerade über dem Erdboden hinwegstreichen, während man bei der Rückfahrt höhere schichten, etwa die Höhe der unteren Wolken aufsuchen muß, um schneller nach dem 424 a1aquajdas sig jz j0daiorß uv uaßunugail dug; uagyuaßs suna vlas az G Wir Luftschiffer een ö. . R 22 58 81 X Andrée prüft die Haltbarkeit seines Ballons. süden zu kommen. Das läßt fich auch aus dem Grunde verhältnis⸗ mäßig leicht machen, weil durch den dauernden Benzinverbrauch das Luftschiff erleichtert wird und von selbst die Neigung hat, je länger die Fahrt dauert, um so höher zu gehen, so daß die Windrichtung oben und unten geradezu darauf eingerichtet zu sein scheint, eine Fahrt im Luftschiff nach dem Nordpol zu unterstützen. Interessant ist es noch, daß die kältesten Winde aus der Gegend zwischen Nord und Ost her⸗ kommen und im sommer Temperaturen von etwa — 2 Grad bringen können. Die wärmsten Winde sind sämtlich südwinde und die Luft⸗ temperatur beträgt dabei etwa 0 Grad. Von wenig Bedeutung für die Fahrt sind die Temperaturen, soweit sie nicht so niedrig sind, daß sie den Aufenthalt von Menschen draußen erschweren. Das ist nun während der sommermonate nicht der Fall, denn wie man aus der folgenden Tabelle, in welcher die Maxima und Minima während der sommermonate der Jahre 1894, 1895 und 1896 angegeben sind, ersieht, sind im Juli Temperaturen von — 3 Grad schon selten, im August kann die Temperatur bis auf etwa — 8 Grad heruntergehen, sie kann auch auf etwa * 3 Grad steigen. 426 1 RE K.. F N I *: OI. MM RHE. 11 5 R 1. 8 oL*tYM . 7 12* . x 2 nnn 8 8 r 8 3 8 *. . w XV. n . w . eM, R . 7 *. , . ( m, Andres eigenhändige Einzeichnungen seiner eventuellen Flugwege auf einer Polarkarte. Erstmalige Veröffentlichung. Nach dem Original im Besitze des Herrn Rechtsanwalt Dr. Niemeyer, Essen. Wir Luftschiffer Temperatur⸗ Extreme: 1894 1895 1896 Minima Maxima Minima Maxima Minima J Maxrlma J Mal ..... .. — 21.2 — 01 — 2631 — 2.4 — 28.4 42.2 Juni .... . .. — 10.3 3.9 — 106.9 1.5 — 7.0 4.0 Juli . . . . . . . . — 3.8 3.5 — 3.4 22 — 2.6 2.7 August ...... — 7 „f 25 — 8.2 1.9 september — 23.75 40.1 1 — 26.9 410 Derartige Temperaturen dürften eine dauernde störung für das Wohl⸗ befinden von Menschen in der Gondel eines Luftschiffes nicht ver—⸗ ursachen, sofern sie sich gut mit Pelzen usw. versehen haben. In einigen hundert Metern über dem Meeresniveau muß man im sommer die Temperaturen noch um 2-3 Grad niedriger annehmen, aber auch diese sind noch nicht so tief, daß sie unangenehm wirken können. Die Bewölkung ist für ein Luftschiff von untergeordneter Be⸗ deutung. Beim Freiballon kürzt ja bekanntlich wechselnde Bewölkung die Fahrt sehr ab, ein Motorballon dagegen, der dauernd von Luft umspült wird, ist nicht so empfindlich gegen wechselnde sonnen⸗ strahlung. Es sei deswegen nur kurz erwähnt, daß im Juni etwa su Zehntel, im Juli etwa 9 Zehntel und im August wieder etwa siu Zehntel des Himmels von Wolken eingenommen sind. störend kann Nebel wirken, und es kommen im sommer im hohen Norden recht viel Nebeltage vor, besonders im Juli, in welchem während der 3 Jahre, in der die Fram unterwegs war, 20 Nebeltage im Mittel beobachtet wurden, im August fand man deren nur 16. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, daß der Nebel in den Polargegenden nie so dicht ist, daß man nicht von einem Luftschiff die Oberfläche des Eises wird sehen können, was, wie später ausgeführt wird, zur Orientierung genügt. Der Nebel wird demnach auf die Fahrt keinen großen Ein⸗ fluß haben. Regen und schnee können schwere Belastungen des Luftschiffes hervorrufen und wenn nicht genügender Ballast vorhanden ist, unter Umständen zu einer voreiligen Landung zwingen. Wenn man von einem einzigen Tage, dem 29. Juli 1895, absieht, an welchem es ununterbrochen regnete und an dem schließlich 19,7 Millimeter Regen fiel, also schon eine recht beträchtliche Menge, so wurden im Juli 1894 7.6 Millimeter, im Juli 1895 9,4 Millimeter Regen gemessen. Im August der beiden Jahre betrug die Regenmenge im ganzen nur wenig über 2 Millimeter. Zum Vergleiche sei angeführt, daß im Mittel in Berlin während des ganzen Juli 75, während des August 56 Millimeter 428 Die Erreichung des Nordpols im Luftschiff Regen fallen, den geringsten Niederschlag hat der Februar mit Z8 Millimeter. Auch was die Niederschläge anbetrifft, ist also die Polargegend für die Fahrt von Luftschiffen als nicht ungünstig anzu⸗ sehen. Wenn nun auch Wind und Wetter einer Fahrt nach dem Nordpol nicht nur keine schwierigkeiten bieten, sondern sie im Gegenteil zu unterstützen, ja geradezu herauszufordern scheinen, so kann man das gleiche nicht von der Orientierung im hohen Norden sagen. Die Be⸗ stimmung des Ortes, über dem man sich gerade befindet, nach Karten, wie es gewöhnlich bei Fahrten über dem europäischen Festlande ge⸗ schieht, ist naturgemäß, da Karten vom Polareise nicht existieren können, in der Nähe des Poles ausgeschlossen. Es bleibt also nur die astronomische Orientierung, d. h. diejenige nach der Messung der Höhe von Gestirnen und eine Art nautischer Orientierung, das Fahren nach Kurs und Besteck, wie es der seemann nennt, übrig. Die letztere Methode besteht, wie wohl allgemein bekannt ist, darin, daß man die Richtung nach dem Kompaß und die Geschwindigkeit auf irgend eine beliebige Weise, beispielsweise nach dem Log, bestimmt und durch Auftragen auf eine seekarte jederzeit den Ort hat, an dem sich das schiff gerade befindet. Die erstgenannte astronomische Orientierung befindet sich augenblicklich gerade in den ersten praktischen Anfängen Packeis im nördlichen Polarmeer. 429 Wir Luftschiffer und verspricht für späterhin recht brauchbar, vielleicht sogar unent⸗ behrlich zu werden. Die zweite Methode ist bisher bei Fahrten über⸗ haupt noch nicht versucht worden. Bei dieser ist ein Kompaß zur Kenntnis der Richtung unbedingt erforderlich, bei der ersten, wie später gezeigt werden wird, in hohem Grade erwünscht. Nun ist aber der Kompaß im hohen Norden ein recht schwierig zu handhabendes Instru⸗ ment. Es braucht nicht darauf hingewiesen zu werden, daß die Kompaß⸗ nadel nicht genau nach Norden zeigt, sondern daß sie eine gewisse Ab⸗ weichung von der Nord⸗südrichtung hat. Diese Abweichung ist schon in Europa an verschiedenen Punkten, besonders wenn man nach Ost oder West geht, nicht unbedeutenden Aenderungen unterworfen, in viel höherem Grade ist dies im hohen Norden der Fall. schon auf der Breite von spitzbergen ändert sie sich auf fünf Längengrade um volle 5 Grad, und diese 5 Längengrade entsprechen nun durchaus nicht etwa einer großen strecke, sondern sie haben nur die Länge von etwa einem Breitengrade, d. h. etwas über 100 Kilometer. Bei je 20 Kilometer nach Ost oder West also ändert die Magnetnadel dort ihre Richtung um einen vollen Grad. Ist somit der Ort des Luftschiffes auf eine größere Erstreckung unbekannt, so versagt der Kompaß und man ist vollständig ohne jede Orientierung, was zu Katastrophen führen kann. Ein ideales Instrument wäre der Kreiselkompaß, der neuerdings auf schiffen eingeführt werden soll und darauf beruht, daß die Achse von schnell rotierenden Körpern ihre Richtung nicht ändert. Besitzt man einen einmal eingestellten Kreiselkompaß, dessen Achse genau nach dem Himmelspol, also angenähert dem Polarstern, zeigt, so braucht man dieser nur nachzufahren und man gelangt sicher zum Pol. Dabei hat man auch noch die erfreuliche Erscheinung, daß durch Verbindung mit einem senkel, der ja nach dem Erdmittelpunkt zeigt, die geographische Breite unmittelbar abgelesen werden kann, so daß man in jedem Augenblick ohne irgend welche anderen Messungen weiß, wo man sich befindet. Leider ist ein derartiger Kompaß vorläufig für Luftschiffahrtzwecke noch zu schwer und für diese Zwecke auch noch gar nicht ausgebildet worden, aber in späterer Zukunft wird er wohl eine Rolle zu spielen berufen sein. Die astronomische Orientierung kann nur durch Messen der sonnenhöhe erfolgen. Im sommer, der nur für die Fahrt in Betracht kommt, sind Mond und sterne nicht sichtbar. Auch die sonne ist leider recht oft verdeckt, denn wie wir vorher sahen, sind wolkenfreie Tage im hohen Norden nicht allzu häufig. Die Messung der sonnenhöhe gibt aber auch nur die angenäherte Kenntnis der geographischen Breite. Längenmessungen, die darauf beruhen, daß die Ortszeit im 430 Die Erreichung des Nordpols im Luftschiff 1 3 . 1. * 4) 1— Wellmans „Amerika“ von unten gesehen. Ill. Aer. Mitt. Das herabhängende Tau ist ein mit stählernen Widerhanen versehener und im hohlen Innern mit Proviant gefüllter Retarder. Moment der Messung bestimmt wird, wozu also schnelle Aenderungen der Höhe des Gestirns notwendig sind, haben im hohen Norden wenig Aussicht auf Erfolg, denn die sonne läuft in fast gleicher Höhe über dem Horizont um den ganzen Himmel herum, und ihre Aende⸗ rungen im Lauf des Tages sind im hohen Norden sehr gering, am Pol selbst Null. Man kann sich mit der Beobachtung eines Gestirnes dann begnügen, wenn man die Höhe des Gestirnes und das Azimut, d. h. den Winkel zwischen Gestirn und Nord-südlinie messen kann, dann ist die Berechnung des wirklichen Ortes eine Kleinigkeit. Leider ist hierzu wieder der Kompaß nötig und wir sahen schon vorher, daß man sich auf diesen nicht allzu sehr verlassen darf. Die astronomische Orientierung wird also nach allem keine sicherheit bieten. Wir müssen demnach noch auf die Orientierung von Kurs und Besteck zurückgreifen, die, wie gleich vorweggenommen werden soll, fast immer möglich sein wird, da die Erde resp. das Eis dauernd sichtbar bleibt, weil das Luftschiff nicht gezwungen ist, über die Wolken zu gehen. Für die Richtung bleibt das vorher vom Kompaß Gesagte bestehen mit der Einschränkung, daß, wie aus dem folgenden hervor— gehen wird, der Ort sich zu jeder Zeit mit verhältnismäßig großer sicherheit bestimmen läßt und demnach auch die Kenntnis der 431 Wir Luftschiffer Abweichung der Magnetnadel keine schwierigkeit bietet. Was nun die Messung der Geschwindigkeit des Luftschiffes über dem Erdboden anbelangt, so ist sie, sobald die Höhe bekannt ist, leicht aus der Geschwindigkeit, mit welcher sich der Anvisierungswinkel eines über⸗ flogenen Gegenstandes ändert, leicht zu messen. Für die Bestimmung der Höhe gibt es nun verschiedene Methoden: 1. Man ruft zum Erd⸗ boden herunter und bestimmt die Zeit, welche vom Anruf bis zum Zurückkommen des schalles von der Erde vergeht; da der schall bekannt⸗ lich 330 Meter in der sekunde zurüclegt, so hat man die Anzahl der gemessenen sekunden nur mit 165 zu multiplizieren, und man erhält recht genau die gewünschte Höhe. Die Messung der Zeit auf fünftel sekunden ist schon mit der gewöhnlichen stopuhr ausführbar, mit etwas besseren Hilfsmitteln bietet die Bestimmung von zehntel sekunden keine schwierigkeiten. Auf diese Weise ist demnach die Messung der Höhe bis auf 16, Meter genau leicht auszuführen, d. h. also, wenn sich das Luftschiff in 165 Meter Höhe befindet, bis auf zehn Prozent und demnach auch die Bestimmung der Geschwindig⸗ keit auf zehn Prozent, was vorläufig als genügend anzusehen ist. Diese Methode der Höhenmessung wird schon heute vielfach im Freiballon bei ganz dunklen Nächten angewendet, wenn man glaubt, sich der Erde zu nähern und ohne jede Ahnung ist, wie hoch man sich noch befindet. Ihre Ausführung am Tage bietet naturgemäß keine schwierigkeit. Weiter läßt sich die Höhe mit irgend einem Entfernungsmesser, beispielsweise mit dem neuerdings eingeführten Infanterie⸗Ent⸗ fernungsmesser leicht bestimmen. Als dritte Methode für diesen Zweck kommt noch die Fallzeit eines aus dem Korbe oder der Gondel heraus⸗ geworfenen Gegenstandes bis zum Auftreffen auf die Erde in Betracht. Die Geschwindigkeit direkt läßt sich bei einem langen Luftschiffe, ähnlich 3. B. dem Zeppelinschen, dadurch messen, daß aus der vorderen Gondel ein Gegenstand geworfen wird und die Zeit bis zum Passieren der zweiten Gondel über diesem Ort gemessen wird, aus der Entfernung der beiden Gondeln und der Zeit ist die Geschwindigkeit ohne weiteres bestimmbar. Für größere Höhen, bei welchen alle diese Methoden, vielleicht abgesehen von der Messung der Höhe durch den Entfernungs⸗ messer, versagen würden, ist noch eine weitere Bestimmung der Richtung und Geschwindigkeit durch Fahren mit zwei verschiedenen Geschwindig⸗ keiten bezw. mit zwei Kursen vom Verfasser vorgeschlagen worden, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll. Alle die genannten Methoden zur Messung der Geschwindigkeit find, wie schon vorher gesagt, bisher nicht praktisch versucht worden, aber es ist in hohem 482 Die Erreichung des Nordpols im Luftschiff Grade wahrscheinlich, daß eine, vielleicht auch mehrere zum Ziele führen, so daß eine Fahrt nach dem Nordpol nach Kurs und Besteck ausführbar erscheint. Durch Vorversuche muß natürlich die beste und brauchbarste herausgesucht werden. Die schwierigkeiten, die die Nordpolargegend bietet, sind also nicht unüberwindbar, dagegen dürfte es kaum gelingen, im Luftschiff zum südpol vorzudringen. Die Expeditionen, welche sich mit der Erreichung dieses Poles besonders in letzter Zeit befaßten, stellten alle einen großen Kontinent um den südpol fest, mit Gebirgen, die bis über 4000 Meter hinaufreichten. Das wird man einem Luftschiff, da schon andere schwierigkeiten genug vorhanden sind, kaum zumuten können, daß es auch noch diese Hochfahrt unternimmt, die bisher noch keines von ihnen geleistet hat. Die Erreichung des Nordpols ist heutzutage nicht unmöglich. Zur Erreichung des südpols muß sich unsere Luftschifftechnik noch bedeutend vervollkommnen. Die Gauß im Eise. Ill. Aer. Mitt. Nach Aufnahme von Prof. von Drygals nis sudpolar⸗Expedition. 433 Wir Luftschiffer Abweichung der Magnetnadel keine schwierigkeit bietet. Was nun die Messung der Geschwindigkeit des Luftschiffes über dem Erdboden anbelangt, so ist fie, sobald die Höhe bekannt ist, leicht aus der Geschwindigkeit, mit welcher sich der Anvisierungswinkel eines über⸗ flogenen Gegenstandes ändert, leicht zu messen. Für die Bestimmung der Höhe gibt es nun verschiedene Methoden: 1. Man ruft zum Erd⸗ boden herunter und bestimmt die Zeit, welche vom Anruf bis zum Zurückkommen des schalles von der Erde vergeht; da der schall bekannt⸗ lich 30 Meter in der sekunde zurüdlegt, so hat man die Anzahl der gemessenen sekunden nur mit 165 zu multiplizieren, und man erhält recht genau die gewünschte Höhe. Die Messung der Zeit auf fünftel sekunden ist schon mit der gewöhnlichen stopuhr ausführbar, mit etwas besseren Hilfsmitteln bietet die Bestimmung von zehntel sekunden keine schwierigkeiten. Auf diese Weise ist demnach die Messung der Höhe bis auf 16, Meter genau leicht auszuführen, d. h. also, wenn sich das Luftschiff in 165 Meter Höhe befindet, bis auf zehn Prozent und demnach auch die Bestimmung der Geschwindig⸗ keit auf zehn Prozent, was vorläufig als genügend anzusehen ist. Diese Methode der Höhenmessung wird schon heute vielfach im Freiballon bei ganz dunklen Nächten angewendet, wenn man glaubt, sich der Erde zu nähern und ohne jede Ahnung ist, wie hoch man sich noch befindet. Ihre Ausführung am Tage bietet naturgemäß keine schwierigkeit. Weiter läßt sich die Höhe mit irgend einem Entfernungsmesser, beispielsweise mit dem neuerdings eingeführten Infanterie⸗Ent⸗ fernungsmesser leicht bestimmen. Als dritte Methode für diesen Zweck kommt noch die Fallzeit eines aus dem Korbe oder der Gondel heraus⸗ geworfenen Gegenstandes bis zum Auftreffen auf die Erde in Betracht. Die Geschwindigkeit direkt läßt sich bei einem langen Luftschiffe, ähnlich 3. B. dem Zeppelinschen, dadurch messen, daß aus der vorderen Gondel ein Gegenstand geworfen wird und die Zeit bis zum Passieren der zweiten Gondel über diesem Ort gemessen wird, aus der Entfernung der beiden Gondeln und der Zeit ist die Geschwindigkeit ohne weiteres bestimmbar. Für größere Höhen, bei welchen alle diese Methoden, vielleicht abgesehen von der Messung der Höhe durch den Entfernungs⸗ messer, versagen würden, ist noch eine weitere Bestimmung der Richtung und Geschwindigkeit durch Fahren mit zwei verschiedenen Geschwindig⸗ keiten bezw. mit zwei Kursen vom Verfasser vorgeschlagen worden, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll. Alle die genannten Methoden zur Messung der Geschwindigkeit find, wie schon vorher gesagt, bisher nicht praktisch versucht worden, aber es ist in hohem a82 Die Erreichung des Nordpols im Luftschiff Grade wahrscheinlich, daß eine, vielleicht auch mehrere zum Ziele führen, so daß eine Fahrt nach dem Nordpol nach Kurs und Bestech ausführbar erscheint. Durch Vorversuche muß natürlich die beste und brauchbarste herausgesucht werden. Die schwierigkeiten, die die Nordpolargegend bietet, sind also nicht unüberwindbar, dagegen dürfte es kaum gelingen, im Luftschiff zum südpol vorzudringen. Die Expeditionen, welche sich mit der Erreichung dieses Poles besonders in letzter Zeit befaßten, stellten alle einen großen Kontinent um den südpol fest, mit Gebirgen, die bis über 4000 Meter hinaufreichten. Das wird man einem Luftschiff, da schon andere schwierigkeiten genug vorhanden sind, kaum zumuten können, daß es auch noch diese Hochfahrt unternimmt, die bisher noch keines von ihnen geleistet hat. Die Erreichung des Nordpols ist heutzutage nicht unmöglich. Zur Erreichung des südpols muß sich unsere Luftschifftechnik noch bedeutend vervollkommnen.
