Luftwaffen-Fibel des deutschen Jungen von Hermann Adler und Richard Schulz

Im Rahmen der nationalsozialistischen Propaganda wurde im Dritten Reich das Buch „Luftwaffen-Fibel des deutschen Jungen“ mit Unterstützung des Reichsluftfahrtministeriums von den Autoren Hermann Adler und Richard Schulz herausgegeben. Trotz der propagandistischen Färbung der Inhalte sind jedoch jene 80 Seiten höchst interessant, auf denen die Luftstreitkräfte sowie einzelne Einsätze beschrieben werden. Die sich anschließende Übersicht der Uniformen und Rangabzeichen dient Luftfahrthistorikern als gute Identifikationsmöglichkeit eigener Forschungen. Das Buch kann nachstehend als PDF-Dokument kostenlos heruntergeladen werden.

Luftwaffen-Fibel des deutschen Jungen von Hermann Adler und Richard Schulz

Luftwaffen-Fibel des deutschen Jungen
Autor/Herausgeber: Hermann Adler und Richard Schulz
PDF-Dokument, 81 Seiten, Dateigröße: 81.8 MB


Ergebnisse der elektronischen Texterkennung


Luftwaffen-Fibel des deutschen Jungen
Herausgegeben von Hermann Adler und Richard Schulz

INHALT

Die deutschen Luftstreitkräfte im Weltkrieg.
Die Notzeit der deutschen Luftfahrt
Die neue Luftwaffe
Aufbau und Aufgaben der Luftwaffe
Fliegertruppe
Flakartillerie
Luftnachrichtentruppe
Die Fallschirmtruppe
Die Panzer-Division „Hermann Göring“
Die Baueinheiten
Die Luftwaffe im Polenfeldzug
Der Luftkrieg über der Nordsee
Sprung nach dem Norden
Die Luftwaffe im Westfeldzug
Luftwaffe gegen britische Insel
Luftkrieg über dem Mittelmeer und Nordafrika
Die Luftwaffe im Balkanfeldzug
Die Eroberung Kretas
Rückblik und Ausblick
Die Waffen des Kriegsflugzeuges - Bordwaffen
Starre Bordwaffen
Bewegliche Bordwaffen
Anordnung der Bordwaffen
Abwurfwaffen
Bomben
Flugzeugtorpedos
Die Waffen der Flakartillerie
Schwere Flakgeschütze
Leichte Flakgeshütze
Richtungshörer
Scheinwerfer
Luftsperrmittel
Auf einem Feldflugplatz
Abzeichen
Tafel der Uniformen und Abzeichen
Luftwaffenwimpel

Die deutschen Luftstreitkräfte im Weltkrieg

Der Weltkrieg gab der Entwicklung des Flugwesens einen .gewalti-
gen Auftrieb. Die unter dem Zwang der Kriegsnotwendigkeit er-
 zielten Fortschritte hätten in Friedenszeiten eine wesentlich längere
Zeitspanne erfordert.

Der Zeitpunkt des Kriegsbeginns war für die deutsche Fliegerei in
verschiedener Hinsicht ungünstig. Das deutsche Militärflugwesen
war noch zu jung. Man war zudem gerade im Begriff, sich ent-
sprechend den Erfahrungen bei den letzten Wettbewerben von den
„lauben‘ auf Doppeldecker umzustellen. Vor allem aber war
sowohl die Zahl der vorhandenen Flugzeuge wie die Zahl der
ausgebildeten Flugzeugführer und -beobachter ungenügend. Etwa
300 deutschen Flugzeugen standen rund 1200 feindliche Flugzeuge
gegenüber.

Der Weg der technischen Entwicklung führte zunächst von den
Eindeckern mit dreißigpferdigen Motoren zu Tauben und Doppel-
deckern mit Motoren von 80 und sogar 100 PS. Solche Flugzeuge
wurden in den ersten Kriegsmonaten verwendet. Ihnen folgten
nach und nach Kriegsflugzeuge mit Motorenstärken von 120, 150,
180, 220 PS bis zu den mehrmotorigen Riesenflugzeugen mit einer
Motorenleistung von 1800 PS.

Die Bewaffnung der Flugzeuge bestand zunächst aus einer Pistole,
die wohl nur zum persönlichen Schutz bei Landung in fremdem
Gebiet bestimmt war. Die nächste Stufe der Bewaffnung stellte der
außenbords angeschnallte Mehrladekarabiner mit einem Magazin
für fünfundzwanzig Schuß dar. Darauf folgte das auf einem Dreh-
kranz angebrachte Maschinengewehr für den Beobachter. Dazu kam
‘dann das durch den Kreis der Luftschraube schießende, starr ein-
gebaute Maschinengewehr des Flugzeugführers. Schließlich hatten
die Jagdflugzeuge zwei oder drei starr eingebaute Maschinengewehre.
Groß- und Riesenflugzeuge hatten bis zu sechs bewegliche Maschi-
nengewehre. Bei Marineflugzeugen wurde z. T. eine Flugzeugkanone
6 Die deutschen Luftstreitkräfte im Weltkrieg

(Kaliber 2 cm) an Stelle desBeobachter-Maschinengewehrs verwendet.
Die Entwicklung der Abwurfmunition war nicht minder umwälzend.
Neben Fliegerpfeileri dienten „Fliegermäuschen‘ zur Bekämpfung
von Truppenansammlungen. Diese „‚Kleinstbomben“ waren Hand-
granaten von etwa 800 Gramm Gewicht. Sie wurden in Mengen

Aufklärungsflugzeug Aviatik C M/1915

abgeworfen. Ferner wurden Sprengbomben von 5, 10, 20 und 50

Kilogramm verwendet. Sie wurden teils mit, teils ohne Zielfernrohre

abgeworfen. Von 1916 ab wurden die bisherigen tropfenförmigen

Bomben abgelöst durch wirkungsvollere Bomben in Torpedoform,
mit Gewichten von 12!/e, 50, 100, 300 und 1000 Kilogramm.

Außerdem wurden Brandbomben verwendet.

Jagdeinsitzer Fokker D VII

Das Lichtbildwesen hatte bereits vor dem Kriege durch den Frei-.
ballonsport und durch Verwendung in Luftschiffen Anregungen er-
halten und Erfahrungen sammeln können. So wurde bei Kriegs-
anfang jede Feldfliegerabteilung mit zwei Bildgeräten von 25 cm
Brennweite ausgerüstet. Doch taten Karte und Bleistift zunächst
Die deutschen Luftstreitkräfte im Weltkrieg 7

bessere Dienste wegen der schnelleren Übermittlung der Erkun-
dungsergebnisse. Erst der Beginn des Stellungskrieges verschaffte
dem Luftbildwesen die ihm gebührende Beachtung. Von nun an
wurden neben den bisherigen Geräten auch Kammern mit größerer .
Brennweite und mit größeren Platten verwendet. Die Auswertung

Jagdeinsitzer Fokker Dr ]

der Lichtbilder machte Fortschritte. Es gelang, die feindlichen Stel-
lungen so genau festzulegen, daß eine planmäßige Bekämpfung
durchgeführt werden konnte. Durch den Austausch von Führer-
und Beobachtersitz (der Beobachter saß ursprünglich vor dem Flug-
zeugführer) wurde es nicht nur möglich, Kammern mit größeren

Seejagdeinsitzer Hansa-Brandenburg

Brennweiten zu verwenden, sondern auch sie senkrecht einzubauen.
Damit fiel das bisher notwendige ‚„Entzerren‘‘ der Aufnahmen fort.
Die Bilder konnten zu „Luftbildkarten‘‘ zusammengestellt werden,
die der Artillerie, der Infanterie und nicht zuletzt der Führung gute
Dienste leisteten. Nach und nach wurden Bildgeräte von 25, 30,
8 Die deutschen Luftstreitkräfte im Weltkrieg

50, 70 Zentimeter Brennweite, ferner Plattenreihenbildner und

schließlich die Rollfilmkammer eingeführt. j
Die anfänglichen Aufgaben der Flieger bestanden lediglich in der
Erkundung und Aufklärung. Die Fliegermeldungen haben während
des Bewegungskrieges im Osten und Westen der Truppenführung

 Großkampfflugzeug Gotha G V

wertvolle Unterlagen für ihre Entschlüsse geliefert. So sagte Hin-
denburg: „Ohne Flieger kein Tannenberg!‘“ Der Stellungskrieg
brachte neue Aufgaben, so z.B. Artillerieschießen mit Fliegerbeob-

Infanterie- und Schlachtflugzeug Halberstadt CLIV

achtung. Zur Übermittlung der Beobachtungsergebnisse stand zu-
nächst nur die Leuchtpistole zur Verfügung. Damit wurde die Lage
der Schüsse zum Ziel durch verschiedenfarbige Leuchtzeichen vom
Flugzeug zum Boden gemeldet. Dann erschienen die ersten Funk-
geräte für Flugzeuge an der Front. Sie gaben die Möglichkeit ge-
nauerer Nachrichtenübermittlung vom Flugzeug zum Boden, wäh-
Die deutschen Luftstreitkräfte im Weltkrieg 9

rend für Nachrichten von unten nach oben Sichtzeichen mit Hilfe

von Tüchern ausgelegt wurden. Schließlich wurde im letzten Teil

des Krieges der Funkwechselverkehr eingeführt. Das Flugzeug hatte

an Bord. nur einen Sender, sondern jetzt auch einen Empfänger
an Bor

Schlachtflugzeug Junkers-Fokker J1

Das nächste Betätigungsfeld der Flieger war der Bombenwurf. Die
Erfahrungen mit den Bombenwürfen bei Aufklärungsflügen führten
zur Bildung eines ersten Kampfverbandes. Er erhielt die Tarn-

SL
ES

\ 2 rn SUN

Aufklärungsboot Friedrichshafen Rs II

bezeichnung B.A.O., d.h. Brieftauben-Abteilung Ostende. Kurze
Zeit danach folgte die Aufstellung der: B.A.M., der Brieftauben-
Abteilung Metz.

* Aus den Bombenangriffen der feindlichen Kampfflieger erwuchs die
Notwendigkeit ihrer Bekämpfung. Die Erdabwehr durch Geschütze‘
versagte zunächst wegen deren geringer Zahl. Die Maschinen-

Luftwaffenfibel 2
10 Die deutschen Luftstreitkräfte im Weltkrieg

gewehre aber waren bei größeren Flughöhen wirkungslos. Es ent-
standen die Jagdflugzeuge. Sie wurden vorerst einzelnen Flieger-
abteilungen an Brennpunkten des Kampfes zugeteilt. Mit diesen
Einsitzern errangen Boelcke und Immelmann ihre ersten Lußisiege.
Die Entwicklung führte zur Bildung von Jagdstaffeln und später zur -
Zusammenfassung in Jagdgeschwadern.

Erst die Durchführung eines großzügigen Aufbauplanes konnte die
Fliegertruppe in die Lage versetzen, die gesteigerten Anforderun-
gen der Führung und der schwer ringenden Erdtruppe zu erfüllen.
Durch planmäßigen Einsatz der Industrie, durch Serienbau der
nach ihrer taktischen Verwendung verschiedenen Flugzeugarten,
durch Vermehrung der Fliegerschulen wurde das vom Feldflugchef
gesteckte Ziel erreicht. Ende 1915 standen 82 Feldfliegerabteilungen,
14 Artilleriefliegerabteilungen und 6 Kampfgeschwader (Bomben-
verbände) mit insgesamt 764 Flugzeugen und 40 Jagdeinsitzern zur
Verfügung. Außerdem wurden die Verbündeten (Österreich-Ungarn,
Türkei) mit Flugzeugen versorgt. Die Schlachten bei Verdun und
an der Somme waren Prüfungen, welche die erstarkte Fliegertruppe
in harten und verlustreichen Kämpfen siegreich bestand.

Die Kämpfe der Jahre 1917 und 1918 brachten den Luftstreit-
kräften gewaltige Erfolge, aber. auch die größten Verluste. Fern-
aufklärer, ausgerüstet mit neuen, schnellen Flugzeugen, mit ver-
vollkommneten Bild- und Funkgeräten, führten in großen Höhen
bis zu 7000 Meter im Einzelflug ihre Aufträge durch. Die Tätigkeit
der Artillerieflieger war für die Überwachung der gegnerischen
Artillerietätigkeit und für deren Bekämpfung nicht mehr zu ent-
behren. Feindliche Erdabwehr und Luftkämpfe konnten die Durch-
führung der Aufgaben wohl vorübergehend hemmen, niemals auf
die Dauer verhindern.
Der vom Kämpfer im Schützengraben am meisten geschätzte Helfer
war der Infanterieflieger. Wenn alle anderen Nachrichtenmittel ver-
‚sagten, brachte der in geringer Höhe fliegende Infanterieflieger Mel-
dung über die Lage der vorderen Linie. Bei drohendem Feind-
angriff forderte er zu dessen Abwehr Sperr- oder Vernichtungs-
feuer der Artillerie an. Durch heftige feindliche Erdabwehr und
Geschoßböen hindurch versorgte der Infanterieflieger die Truppe
aber auch mit Munition und Lebensmitteln.

Die Schlachtflieger (Zweisitzer) begleiteten als Schutzflugzeuge die
Artillerie- und Infanterieflieger. Schlachtstaffeln griffen im Tief-
Die deutschen Luftstreitkräfte im Weltkrieg 11

angriff in den Erdkampf ein. In der Erkenntnis ihrer Wirkung
wurden je vier Staffeln zu einem Schlachtgeschwader zusammen-
gefaßt. Diese Schlachtgeschwader wurden als fliegende Reserve den
Armeeoberkommandos unterstellt, um an Brennpunkten kampf-
entscheidend eingesetzt zu werden. .

Die Kampfflieger bildeten Geschwader zu drei oder sechs Staffeln.
Sie führten ihre Bombenangriffe bei Tag und Nacht durch bis weit
ins feindliche Hinterland. London und Paris hat immer wieder der
Besuch der Kampfgeschwader gegolten, neben vielen anderen mili-
tärisch wichtigen Zielen.

Über und zwischen allen anderen Fliegern aber war das Gebiet
der Jagdflieger. Obwohl sie fast an allen Fronten auf eine zahlen-
mäßige Übermacht der Gegner trafen, haben sie unter Führern wie
Richthofen durch rücksichtslosen Einsatz die Herrschaft in der Luft
immer wieder erkämpft.

Diese Aufzählung wäre unvollständig, wollte man nicht des stillen
Heldentums der Seeflieger gedenken. Sie versahen auf Flügen weit
über See einzeln oder zu zweien durch all die Kriegsjahre den Vor-
postendienst für die Flotte.

Deutsche Flieger im Osten wie im Westen, in Finnland wie über
England, in Italien wie auf dem Balkan, am Suezkanal und am
Euphrat, über Nord- und Ostsee wie über fernen Meeren taten
ihre Pflicht bis zum bitteren Ende. Die große Zahl der Opfer ist
ein Beweis für ihren Einsatz. Die Fliegertruppe verlor an Toten,
Verwundeten und Vermißten bis zum Kriegsende etwa 9000 von
insgesamt 17000 im Flugdienst ausgebildeten Offizieren, Unter-
offizieren und Mannschaften.

Die Leistung der deutschen Luftstreitkräfte aber und die Achtung,
die ihr die Gegner zollen mußten, belegt am eindringlichsten das
Schanddiktat von Versailles. Darin wurde Deutschland die voll-
ständige Vernichtung der gesamten Luftrüstung auferlegt und jede
‘ militärische Betätigung verboten. Auf Befehl des Feindes mußten
rund 15 000 Flugzeuge, 27000 Motoren, 16 Luftschiffe abgeliefert
oder vernichtet. werden. 37 Luftschiffhallen mußten zerstört, sämt-
liche Flugplätze umgepflügt werden.

Nur eins hatten die haß- und offenbar immer noch angsterfüllten
Urheber des Versailler Vertrages mit ihrem Vernichtungswillen
nicht erfaßt und auch nicht erfassen können: den Geist eines Boelcke,
den Geist eines Richthofen, den alten deutschen Fliegergeist.

2°
12

Die Notzeit der deutschen Luftfahrt

28. Juni 1919:

Diktat von Versailles:

Artikel 198: Deutschland darf Luftstreitkräfte
weder zu Lande noch zu Wasser als Teil seines

‚Heereswesens unterhalten.

Artikel 201: Deutschland ist die Herstellung oder
Einfuhr von Luftfahrzeugen für sechs Monate
verboten.

Artikel 202: Das gesamte militärische Luftfahr-
zeuggerät Deutschlands ist binnen drei Monaten
abzuliefern.

Artikel 210: Es wird eine Interalliierte Luftfahrt-
Überwachungskommission („„Schnüffelkommis-
sion‘) eingesetzt.

Artikel 313—320: Beschränkung der deutschen
Lufthoheit.

10. Januar 1920: Das Diktat von Versailles tritt in Kraft.

22. Juni 1920:

29. Januar 1921:

Ehe die im Versailler Diktat festgesetzte Sperr-
frist abläuft, fällt die Botschafterkonferenz in
Boulogne eine willkürliche Entscheidung. Danach
beginnt die Sperrfrist erst zu laufen drei Monate
nach der Ablieferung des gesamten. deutschen
Luftfahrtgeräts. Das bedeutet eine Hinauszöge-
rung auf unbestimmte Zeit. Deutsche Einsprüche
nützen nichts.

Der „Oberste Rat‘ zwingt Deutschland, die Ent-
scheidung der Boulogner Konferenz anzuerken-

“nen. Das Ziel ist die Knebelung der zivilen deut-

schen Luftfahrt. Es wird Deutschland verboten,
Polizeiflugzeuge zu halten.
14. April 1922:

5. Mai 1922:

24. Juni 1924:

22. Mai 1926:

Die Notzeit der deutschen Luftfahrt 13

Die Botschafterkonferenz übermittelt Deutsch-
land die „Begriffsbestimmungen“. Darin werden
Deutschland ‚bewaffnete oder irgendwie gepan-
zerte Flugzeuge“ verboten. Für deutsche Flug-
zeuge werden beschränkt: die Steigfähigkeit, die
Geschwindigkeit, der Flugbereich, die Nutzlast.
Ein Überwachungsverfahren für deutsche Fabri-
ken, Flugzeuge, Flugzeugführer, Flugschüler usw.
wird eingeführt.

Die „Interalliierte Luftfahrt-Überwachungskom-
mission‘ wird aufgelöst und — ersetzt durch
das „Luftfahrt-Garantie-Komitee‘‘. Das ist eine
Änderung des Namens zum Zwecke neuer Schi-
kanen und neuer Schnüffeleien.

Die Botschafterkonferenz gleicht die „Begriffs-
bestimmungen‘‘ dem technischen Fortschritt an.
Aus der Sprache der ‚‚Interalliierten‘ ins Deutsche
übersetzt, heißt das: weitere Erschwerung der
deutschen Luftfahrt. Denn die Zahlen der Flug-
zeuge, Motoren, Flugzeugführer, Flugschüler usw.
für den Bedarf der zivilen deutschen Luftfahrt
werden erneut begrenzt.

Die Pariser Luftfahrtvereinbarungen bringen die
Aufhebung der Baubeschränkungen für Luftfahr-
zeuge. Jedoch bleibt die geldliche Unterstützung
des deutschen Flugsports aus öffentlichen Mitteln
verboten. Ebenso wird das Verbot der deutschen
Militärluftfahrt’ aufrechterhalten.

Das Versailler Diktat und die Pariser Luftfahrtvereinbarungen blei-
ben „Oberstes Gesetz‘‘ — bis zum 30. Januar 1933.
14

Die neue Luftwaffe

Der Geburtstag der neuen deutschen Luftwaffe ist der 1. März 1935.
Mit Rücksicht auf die damalige außenpolitische Lage trat dieses
Ereignis in der Öffentlichkeit kaum in Erscheinung. Staaten mit
starker Rüstung hatten neue Pläne für eine weitere Aufrüstung
bekanntgegeben. Militärbündnisse waren entstanden. Frankreich
führte die zweijährige Dienstzeit ein. So war es eine Selbstver-
ständlichkeit, daß Deutschland die ihm so lange vorenthaltene
Gleichberehtigung in der Luft sich selbst wieder verschaffte.

„Die Luftwaffe ist als neuer Wehrmachtteil geschaffen. Sie knüpft
an die ruhmreiche fliegerische Tradition des Weltkrieges. Hell
leuchtet in ihr der Name des Rittmeisters Freiherrn von Richthofen
und seines Jagdgeschwaders. Seinen Sieges- und Kampfeswillen hat
als heiliges Vermächtnis der letzte Geschwaderkommandeur, der
Reichsminister der Luftfahrt, General der Flieger Göring, durch
Kampf und Not treu und unerschütterlich gehütet. Seine Tatkraft
ließ im Rahmen der neuen Luftwaffe ein erstes Jagdgeschwader er-
stehen. Diesem Jagdgeschwader übertrage ich heute die Fortführung
der Überlieferung des Jagdgeschwaders Richthofen und befehle
hierzu: Das Jagdgeschwader führt fortan die Bezeichnung: Jagd-
geschwader Richthofen.‘‘ — Erlaß des Führers und Obersten Be-
fehlshabers der Wehrmacht vom 14. März 1935.

Andere Geschwader erhielten Namen wie Boelcke und Immelmann
als ein äußeres Zeichen für ruhmreiche Vergangenheit und stolze
Überlieferung. Dem Geschwader, das aus den Sammlungen der SA.
erstand, wurde der Name Horst Wessel verliehen. Ein Sinnbild für
den Geist der neuen Luftwaffe, der Frontsoldatentum und Natio-
nalsozialismus in sich vereinigt.

Die deutsche Luftwaffe umschließt alles, was zur Verteidigung des
deutschen Luftraumes notwendig ist. So traten zur Fliegertruppe
als weitere Waffengattungen die Flakartillerie und die Luftnachrich-
tentruppe. In der Gewißheit dieses Schutzes konnte der Führer im
- März 1936 die Sicherung der deutschen Westgrenze durch Auf-
hebung der entmilitarisierten Zone verkünden. Deutsche Jagd-
staffeln überflogen den Rhein, um sich auf ihren neuen Horsten
niederzulassen. Flakartillerie rückte mit Verbänden des Heeres in
neue Standorte auf dem linken Rheinufer ein.
Aufbauund Aufgaben der Luftwaffe 15

In aller Stille wurde gehandelt. Der Aufbau und Ausbau der Luft-
waffe wurde fortgesetzt. Die Allgemeinheit erfuhr davon nur wenig.
Die Erfolge, die der Staatsführung des Dritten Reiches beschieden
waren, sind in ihrem ganzen Umfang und erst recht in ihren Aus-
wirkungen heute noch nicht zu übersehen. Klar vor aller Augen
aber liegt die Tatsache, daß die erfolgreiche deutsche Politik der
vergangenen Jahre nicht möglich war ohne den zielbewußten Auf-
bau und Einsatz der Wehrmacht durch den Führer. Im Rahmen der
Wehrmacht aber hat die Luftwaffe, die eigenste Schöpfung des
Reichsmarschalls Hermann Göring, eine entscheidende Rolle gespielt.
Am Kampf um die Freiheit des Großdeutschen Reiches hatte die
Luftwaffe entscheidenden Anteil. Die Wiedervereinigung der Ost-
mark mit dem Reich, die Befreiung des Sudetenlandes, die Errich-
tung des Protektorates Böhmen und Mähren, die Heimkehr des
Memellandes sind Meilensteine auf diesem Wege. Die Luftwaffe
bewies hierbei nicht nur ihre Daseinsberechtigung, sondern auch
ihren hohen Leistungsstand und ihre Einsatzbereitschaft.

Voller Stolz empfing in den letzten Maitagen des Jahres 1939 das
deutsche Volk die aus Spanien zurückkehrenden Freiwilligen der
Legion Condor. In den 32 Monaten des Krieges in Spanien haben
deutsche Soldaten unvergeßlichen Waffenruhm geerntet und der
Welt bewiesen, daß die junge deutsche Wehrmacht jedem Gegner
gewachsen ist. Flieger, Kanoniere der Flakartillerie und Funker der
Luftnachrichtentruppe kämpften zusammen mit Kameraden des
Heeres und der Kriegsmarine fern der Heimat. Die Empfindungen
der spanischen Nation brachte General Kindelan, der Befehlshaber
der spanischen Luftwaffe, zum Ausdruck, als er sagte: „Es wäre
ungerecht, wenn wir auch nur einen Augenblick bei der Erinnerung
an harte Zeiten und glücklich überwundene Schwierigkeiten den
unendlichen Dank vergessen würden, den wir unseren Verbündeten
schulden für den Beitrag ihrer unübertrefflichen Technik und ihres
beispiellosen Arbeits- und Opfergeistes. Gott schenkte uns die
besten Flieger der Welt als Helfer. In hundert Kämpfen standen wir
zusammen. Sie wichen keiner Gefahr, noch scheuten sie ein Opfer.“

Aufbau und Aufgaben der Luftwaffe.

Die Luftwaffe bildet zusammen mit dem Heer und der Kriegsmarine
die deutsche Wehrmacht. Dessen ungeachtet werden Teile der Luft-
waffe für Kriegsdauer oder für gewisse Zeitabschnitte und Zwecke
16 Die neue Luftwaffe

den Oberkommandos des Heeres oder der Kriegsmarine zur Ver-
fügung gestellt. Hierbei handelt es sich in erster Linie um Auf-
klärungsverbände. Aber auch Einheiten der Flakartillerie und der
Luftnachrichtentruppe können bei den anderen Wehrmachtteilen
eingesetzt werden. Die Masse der Fliegertruppe, der Flakartillerie
und der Luftnachrichtentruppe jedoch bildet die sogenannte opera-
tive Luftwaffe. Sie dient der selbständigen Führung des Luftkrieges
‚im Rahmen der Gesamtkriegführung.

Das Reichsluftfahrtministerium ist die oberste Verwaltungsbehörde
‘ der Luftfahrt, und im Frieden auch die oberste Kommandobehörde
der Luftwaffe. Während des Krieges besteht eine Sonderorgani-
sation für die oberste Kommandobehörde der Luftwaffe außerhalb
des Reichsluftfahrtministeriums.

Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe
ist Reichsmarschall Hermann Göring.

Dem Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luft-
waffe unmittelbar unterstellt sind die Luftflottenkommandos. Sie
vereinigen in sich die Befehlsgewalt über Fliegerkorps, Flakkorps
und Luftgaukommandos, also über Luftangriff, Luftverteidigung
und Bodenorganisation.

Taktische Einheiten der fliegenden Verbände sind die Staffel mit
etwa 9, die Gruppe mit etwa 30 Flugzeugen, während mehrere
Gruppen zu einem Geschwader, das einem Regimentsverband ent-
spricht, zusammengefaßt werden. Alle diese Einheiten sind im all-
gemeinen nur aus Flugzeugen einer Waffengattung, also Stukas,
Jägern usw., zusammengesetzt. Die in den OKW-Berichten immer
wieder genannten Flieger- und Flakkorps sind Einheiten der höhe-
ren Führung, die sich aus Verbänden der verschiedenen Waffenarten
zusammensetzen und einem Kommandierenden General unterstehen.
Neben den Fliegerkorps und Flakkorps bestehen im Reichs- und
im besetzten Gebiet, gleichfalls unter dem Befehl von Komman-
dierenden Generalen, die Luftgaukommandos. Ihnen sind die ge-
samte Luftverteidigung, die Bodenorganisation, das Nachschub-
wesen und die Ausbildungs- und Ersatzeinheiten ihres Befehls-
bereichs unterstellt.

Ebenso wie Heer und Kriegsmarine ist auch die Luftwaffe in ver-
schiedene Waffengattungen gegliedert, und zwar in die Flieger-
truppe, die Flakartillerie, die Luftnachrichtentruppe und - als jüngste
Sondereinheiten - die Fallschirmtruppen, die Division „Hermann |
Göring‘ und die Bautruppen. Die Waffengattungen unterscheiden
Fliegertruppe 17

sich durch die verschiedenen Waffenfarben. Innerhalb der Waffen-
gattungen gibt es verschiedene Waffenarten,*die jetzt im einzelnen
behandelt werden sollen.

Fliegertruppe.

Die Aufklärung wird von den Nah- und Fernaufklärern durch-
geführt, wobei die Nahaufklärer im allgemeinen für Zwecke. des
Heeres eingesetzt werden. Verhältnismäßig kleine, wendige Flug-
zeuge mit kurzen Lande- und Startstrecken erkunden die ihnen zu-
gewiesenen Geländestreifen entweder mit dem Auge oder mit
Handbildkammern aus niedrigen oder mittleren Höhen. Ihrer Be-
zeichnung entsprechend haben die Nahaufklärungsflugzeuge die
Aufgabe der sogenannten Gefechtsaufklärung und der taktischen
Erkundung im Kampfgebiet und dessen unmittelbarem Hinterland.
In gewissem Sinne kann man hier auch die auf größeren Kriegs-
* schiffen eingesetzten Bordflugzeuge nennen, die von den Schiffen
abgeschleudert, nach Rückkehr neben dem Schiff auf dem Wasser
niedergehen und mit Kranen wieder an Bord genommen werden.
Auf dem Lande werden als Nahaufklärer die Hochdecker wie
Hs 126, über See die He 114 zur Küstenüberwachung, an Bord der
Schiffe die Schwimmerflugzeuge Ar 196 verwendet. Die Besatzung
der Nahaufklärer besteht aus zwei Mann: einem Beobachter als
Kommandanten und einem Flugzeugführer. Der Beobachter be-
dient die Handbildkammer oder das eingebaute Bildgerät und das
drehbare MG., der Flugzeugführer etwaige starre Waffen. Selbst-
verständlich müssen die Beobachter mit den taktischen Belangen
des Heeres bzw. der Kriegsmarine besonders gut vertraut sein, um
ihre Aufgabe in deren Diensten erfüllen zu können. Meldungen
über Aufklärungsergebnisse können vorweg auch durch Funk oder
durch den Melde-Abwurf abgesetzt werden. Mit Funk arbeiten
auch die als Artillerie-Beobachter verwendeten Aufklärer.

Die Fernaufklärung ist im Laufe des Krieges zu größter Bedeutung
angewachsen. Sie beschafft Unterlagen für die höchste Führung
nicht nur der Luftwaffe, sondern auch des Heeres, der Kriegsmarine
und der gesamten Wehrmacht. Für die Fernaufklärung, insbesondere
für die bewaffnete Aufklärung, werden verschiedene Flugzeug-
muster eingesetzt. Bekannt ist das Mehrzwecke-Flugzeug Do 17,
der sogenannte „Fliegende Bleistift“, und sein Nachfolger, die
Do 215. Doch gelangen auch die He 111 und die Ju 88 als bewaff-

Luftwaffenfibel 3
18 Die neue Luftwaffe

nete Aufklärer zum Einsatz, während das viermotorige Muster
Fw 200 der bewaffneten Aufklärung über dem Atlantik dient.
Über See werden auch die Muster Do 18 und Do 26 verwendet.
Die Arbeit der Fernaufklärer ist angesichts der großen Räume,
über die sich ihr Tätigkeitsfeld erstreckt, eine besonders schwierige.
Die Erfüllung ihrer Aufgabe verlangt von der Besatzung gute Navi-
gation und Blindflugausbildung, um mit Sicherheit an das zu er-
kundende Ziel heranzukommen. Taktisch geschulter Blick, um
unterwegs unvermutet auftauchende Ziele in ihrer Bedeutung zu
erkennen und richtig anzusprechen ist ebenso notwendig wie gute
Funkausbildung, um gegebenenfalls eigene Kampfverbände schnell
heranzubringen. Gute Ausbildung am Bildgerät erfordert das wie
ein Filmaufnahmeapparat arbeitende Reihenbildgerät. Völlige Be-
herrschung des Flugzeuges und seiner Abwehrwaffen bei Angriffen
durch feindliche Jäger ist eine selbstverständliche Voraussetzung.
Endlih muß der Aufklärer, der seinen Auftrag fast immer im
Alleinflug durchführt, die Kaltblütigkeit besitzen, sich durch keinen
Zwischenfall von seiner Aufgabe abbringen zu lassen.

Für die Aufklärung gilt der Satz, daß sie das Auge der Führung
ist, die ohne sie blind wäre.

Die Kampfflugzeuge müssen ebenso wie die Fernaufklärer
eine möglichst große Reichweite, möglichst große Geschwindigkeit,
Tragfähigkeit und Gipfelhöhe haben. Da die Tragfähigkeit zwischen
Brennstoff und Bombenlast aufgeteilt werden muß, gibt die Ver- .
wendung von Zusatztanks und vielen Bombenaufhängevorrichtun-
gen einen Spielraum, der es gestattet, einmal die Bombenlast zu-
gunsten der Brennstoffmengen zu kürzen, das andere Mal um-
gekehrt zu verfahren. Dieser Umstand macht es erklärlich, daß
vielfach die gleichen Flugzeugmuster zur Fernaufklärung und zum
Bombenangriff verwendet werden. Da Führung, Ausbildung und
Nachschub erleichtert werden, wenn die Anzahl der verwendeten
Flugzeugmuster gering ist, wird von den oben angedeuteten Mög-
lichkeiten weitgehend Gebrauch gemacht. Voraussetzung hierzu
ist eine wohldurchdachte Konstruktion, die das Wechseln zwischen
Brennstoff und Bomben erleichtert. Die Besatzung eines Kampf-
flugzeuges und eines Fernaufklärers zählt drei bis fünf Mann; bei
den viermotorigen steigt sie bis auf sieben Mann. Die Aufgaben
der Besatzung sind: Kommandant,. Flugzeugführer, Bordfunker,
Bordmechaniker, Bombenschütze. Die geringere Wendigkeit der
schweren Kampfflugzeuge, die durch die große Tragfähigkeit be-
Fliegertruppe 19

dingt ist, erschwert die Verteidigung gegen einen Jagdangriff.
Derartige Flugzeuge haben deshalb Waffen, die den gesamten
Raum rings um das Flugzeug beherrschen. Die Waffen sind in einer
Bodenlafette, in einem Rumpf- oder Heckgefechtsstand und in der
- Kanzel beweglich angebracht. Darüber hinaus können weitere
starre Waffen eingebaut sein. Kampfflugzeuge führen im allgemei-
‚nen den Anflug gegen ein Ziel, meist auch den Abflug, in ge-
schlossenem Verband, in der Staffel zu etwa 9 Flugzeugen oder der
Gruppe zu etwa 2—3 Staffeln durch. Hierbei ist die Flugform so
gewählt, daß sich die Flugzeuge bei der Abwehr feindlicher Jäger
unterstützen können. Doch hat gerade der Luftkrieg gegen England
auch erfolgreiche Einzelangriffe deutscher Kampfflugzeuge gebracht.
Die bekanntesten deutschen Kampfflugzeugmuster sind die He 111,
ferner die Ju 88 und die schon genannten Do 17 und Do 215. Flug-
zeuge über See können statt Bomben auch Torpedos zum Angriff
gegen Schiffsziele tragen. Wichtigstes Gerät eines Kampfflugzeuges
ist neben der Blindflugeinrichtung das Bombenabwurfgerät bzw.
das Bombenvisier. Die Zielvorrichtung berücksichtigt die eigene
Flughöhe und Fluggeschwindigkeit (somit die Fallzeit und den
-Vorhaltewinkel für den Abwurf). Derartige Geräte müssen äußerst
genau arbeiten und einfach zu bedienen sein. Das gleiche gilt für
die Blindfluggeräte. Bekannt ist, daß die deutsche Luftwaffe neben
überaus wirksamen, ganz leichten Brandbomben von etwa Ikg
Gewidft und gegen Truppenziele verwendeten etwa 10 kg schweren
Splitterbomben mit rasanter Wirkung über Bomben schwersten
Kalibers verfügt.

Derartige schwerste Bomben werden auch von Sturzkampfflug-
zeugen gegen sogenannte Punktziele verwendet. Die deutschen
Stukas haben sich Weltruf erworben. Ihre Angriffe auf Schiffe aller
Art, auf Befestigungen, Brücken, Wasser-, Gas- und Elektrizitäts-
werke, Bahnhöfe usw. haben beim Gegner unendlichen materiellen
Schaden angerichtet. Die deutschen Stuka- Angriffe haben den
Durchbruch im Westen gemeinsam mit den Panzern erzwungen und
den Blitzkrieg ermöglicht. Der Rückzug der stärksten Seemacht
der Erde aus dem Wirkungsbereich der deutschen Bombenangriffe
begann bei den Shetland-Inseln, wiederholte sich vor Namsos, An-
dalsnes und Narvik und findet heute seine Fortsetzung im Mittel-
meer. Neben die alterprobte Ju 87 trat die Ju 88, gleich geeigriet
für den Bombenangriff aus dem Horizontal- wie aus dem Sturz-
flug. Das Auslösen der Bombe in geringer Höhe über dem. Ziel

gr

+
20 Die neue Luftwaffe

und das Abfangen des Flugzeugs aus dem Sturz bedeuten eine ge-
waltige Beanspruchung des Materials und der Besatzung. Es ist bis
heute noch keiner Macht gelungen, den deutschen Stukas Gleich-
wertiges entgegenzusetzen.

Träger des Luftkampfes „Mann gegen Mann“ sind die Jagdver-
bände. Überaus schnell, schneller als die Kampfflugzeuge, vor
allem kleiner, daher wendiger, aber mit stärkster Bewaffnung,
haben die Jagdflugzeuge sowohl beim Schutz von Kampfverbänden
als auch bei freier Jagd über Feindesland und im Abwehrkampf
über dem eigenen Gebiet große Erfolge erzielt. Neben das ein-
motorige einsitzige Jagdflugzeug ist der etwas schwerere und stär-
ker bewaffnete zweimotorige und zweisitzige Zerstörer getreten.
Me 109, He 112, Me 110 sind die bekanntesten Baumuster. Oft
haben diese Flugzeuge mit ihrer überaus starken Bewaffnung von
MG. und Kanonen auc in den Erdkampf eingriffen. Die Waffen:
sind in den Flügeln, im Motorengehäuse oder in der Luftschrauben-
welle angebracht und werden mit einem einfachen Druck auf einen
Knopf zum Feuern gebracht, wobei mit dem ganzen Flugzeug ge-
zielt wird. Die Nachtjagd ist das jüngste Betätigungsfeld dieser
Waffe. Außerhalb der eigentlichen Waffenarten stehen die Trans-
porteinheiten. In Norwegen haben Transportflugzeuge
den Kämpfern von Narvik erst das Durchhalten ermöglicht. Sie
haben auch Fallschirm- und Luftlandetruppen auf die Flugplätze des
riesigen, verkehrsarmen Landes, an wichtige strategische Punkte wie
Dombas, herangebracht und überdies, ohne Rücksicht auf Wetter,
einen ununterbrochenen Nachschub an Gerät, Brennstoff, Lebens-
mitteln, Munition usw. aufrechterhalten. Sie brachten die Kämpfer
nach der Festung Holland und Schwerverwundete in die Heimat.
Fallschirmjäger wurden über der Landenge von Korinth abgesetzt.
Nach Kreta trugen die Transportgeschwader Fallschirmjäger, Luft-
landetruppen und Nachschub.

Flakartillerie.

Die Flakartillerie ist die Trägerin der Luftverteidigung. Die leichten
Einheiten sind mit Maschinenkanonen von einem Kaliber bis zu
4cm ausgerüstet, die in Batterien und Abteilungen zusammen-
gefaßt sind. Die leichte Flakartillerie, die eine große Feuergeschwin-
digkeit hat, dient zur Abwehr von Sturz- und Tiefangriffen. Sie
wird nahe an dem zu schützenden Objekt eingesetzt, während die
Flakartillerie - Luftnachrichtentruppe | 21

schwere Flakartillerie in weiterem Umkreis um die zu schützenden
Gebiete aufgestellt wird. Diese Tatsache erklärt sich aus dem Ver-
lauf der Kurve, die eine aus einem hochfliegenden Flugzeug ab-
geworfene Bombe durchmißt. Infolge der Eigengeschwindigkeit des
Flugzeuges, die sich der Bombe mitteilt, fällt sie nicht senkrecht,
sondern - ähnlich wie ein Geschoß - in einer Parabel zur Erde. Die
waagerechte Entfernung des Aufschlagpunktes der Bombe vom Ab-_
wurfpunkt beträgt bei größeren Abwurfhöhen mehrere Kilometer.
Das Flugzeug muß deshalb vom Abwehrfeuer möglichst bereits vor
dem Augenblick, in dem es die Bomben auslöst, gefaßt werden.
Die Flakartillerie hat ihre Aufgabe weitgehend erfüllt, wenn sie
den Gegner zwingt, seine Bomben entweder vorzeitig oder schlecht-
gezielt abzuwerfen oder vor dem Ziel abzudrehen. Der deutschen
Flakartillerie ist es nach den Berichten des Oberkommandos der
Wehrmact in noc nicht einem Kriegsjahr gelungen, 1500 Feind-
flugzeuge zum Absturz zu bringen.

Der schweren Flakartillerie sind eigene Scheinwerferabteilungen bei-
gegeben, die mit ihren Flakscheinwerfern und Horchgeräten dem
Aufsuchen des Gegners bei Nacht dienen. Mehrere Geschütz- und
Scheinwerferabteilungen werden in Regimenter zusammengefaßt.

Außer in der Luftverteidigung wurde die Flakartillerie mit besonde-
rem Erfolg im Erdkampf zur Vernichtung stark ausgebauter Be-
festigungsanlagen und zur Panzerbekämpfung eingesetzt. Im Kampf
mit feindlichen Panzern haben sie Seite an Seite mit den mechani-
sierten Divisionen des deutschen Heeres Durhbruch um Durchbruch
erzwungen.

Luftnachrichtentruppe.

Eine Besonderheit der deutschen Luftwaffe ist ihre Führungstruppe,
die Luftnachrichtentruppe. Sie ist das Nervensystem, für die schnelle
Übermittlung der Befehle und Nachrichten innerhalb der Luftwaffe
. verantwortlich und durch ihre Ausbildung und ihr hervorragendes
Gerät für den Krieg der schnellsten Waffe besonders geeignet. In
ihren Reihen werden auch jene Nachrichtenmänner ausgebildet, die
später zum fliegenden Personal übertreten. Entsprechend den ver-
schiedenen Arten der Nachrichtenübermittlung gibt es Einheiten
für den Fernsprech-, Fernschreib-, Funkdienst. Neben der Nachrich-
. tenübermittlung obliegt dieser Truppe der gesamte Flugsicherungs-
und Flugmeldedienst. Jeder Fliegerhorst hat einen Nachrichtenzug
oder eine Nachrichtenkompanie, jedes Luftgaukommando und Luft-
22 u Die neue Luftwaffe

flottenkommando Luftnachrichtenregimenter, die in Abteilungen
gegliedert sind.

Das Nachrichtennetz der Luftnachrichtentruppe erstreckt sich zum
fernsten Feldflugplatz und Luftspäher, so daß den Einheiten jeder-
zeit Befehle übermittelt und Meldungen von ihnen empfangen
werden können, auch auf dem Marsch und während des Fluges. "
. Motorisierte Funkstellen ergänzen das feste System. Ober- und
unterirdische Kabel werden von Baukompanien verlegt, Funk-
feuer- und Peilstellen, Wetterdienststellen sind auf alle wichtigen
Punkte verteilt. Der Flugmeldedienst ist Tag und Nacht im ganzen
Reich und allen besetzten Gebieten tätig und überwacht den ge-
samten Flugverkehr von Freund und Feind. Seine Meldungen sind
die Grundlage für die rechtzeitige Alarmierung bei Feindeinflügen.

Die Fallschirmtruppe.

Die Fallschirmtruppen der Luftwaffe, die in diesem Kriege

zum ersten Male eingesetzt wurden, erhalten neben der Ausbil-
dung im Absprung eine an die der Infanterie angelehnte, für ihre
Sonderaufgaben bestimmte Ausbildung, bei der blitzschnelles Er-
fassen der Lage und rücksichtsloses Anpacken des Gegners, Höchst- -
leistung im Einzel- und Gruppenkampf im Vordergrund stehen.

Die Panzer-Division „Hermann Göring“.

Die Panzer-Division „Hermann Göring” ist eine voll
motorisierte Sondereinheit und kann zu besonderen selbständigen
Unternehmungen eingesetzt werden. Ihr Name wird immer mit
den heldenhaften Kämpfen in Afrika verbunden sein.
Eingestellt werden Freiwillige als: Panzergrenadiere,
Panzerjäger, Panzerspäher, Panzerpioniere, Panzermänner, Panzer-
fernsprecher, Panzerfunker, Panzersturmkanoniere, Kradschützen,
Panzerartilleristen, Flakartilleristen und Nachrichtensoldaten.

Die Baueinheiten.

Die Baueinheiten der Luftwaffe haben zusammen mit dem
Reichsarbeitsdienst in den besetzten Gebieten eine Bodenorgani-
sation geschaffen, die so vielseitig und aufgelockert ist, daß der
Führung weitgehende Berücksichtigung des Wetters und der Tar-
nung gegenüber dem Gegner ermöglicht wird.
Die Luftwaffe im Polenfeldzug 23

Die Luftwaffe im Polenfeldzug.

Am 1. August 1939, dem Tage der Wiederkehr des Kriegsbeginns
vor 25 Jahren, erließ der Oberbefehlshaber der Luftwaffe einen
Tagesbefehl, der mit den folgenden Worten schloß: ‚Geboren aus
dem Geiste der deutschen Flieger des großen Krieges, verschworen
der Idee unseres Führers und Obersten Befehlshabers, - so steht
heute die deutsche Luftwaffe, bereit, jeden Befehl des Führers blitz-
schnell und mit ungeahnter Stoßkraft durchzuführen. Unser Geden-
ken gilt heute dem Tage vor fünfundzwanzig Jahren, unser Blick
ist vorausgerichtet in die Zukunft unseres ewigen Deutschlands.‘
Der durch England irregeleitete polnische Staat hat die in diesen
Worten liegende Warnung ebensowenig ernst genommen, wie er
sich über die Vorschläge der Reichsregierung glaubte hinwegsetzen
zu können. So zog in den Herbsttagen des Jahres 1939 wie Heer
und Kriegsmarine auch die Luftwaffe aus, um, dem Befehl des
Führers folgend, das Reich vor den sich ständig mehrenden und
verstärkenden Bedrohungen durch Polen zu schützen und dessen
Angriffsabsichten zunichte zu machen. In dem nun folgenden Feld-
zug der 18 Tage hat die Luftwaffe die in sie gesetzten Erwartungen
bestens erfüllt. Aufklärer im Verbande des Heeres oder als „Späh-
trupp‘‘ der Kampfgeschwader brachten von ihren Flügen, die sich
oftmals bis an die Grenze der Sowjet-Union und über fünf Stunden
und mehr ausdehnten, Meldungen von entscheidender Bedeutung.
Kampfflieger und Sturzkampfflieger bewiesen ihre Schlagkraft.
Jäger und Zerstörer erkämpften und hielten die Luftherrschaft.
Transportstaffeln brachten Munition nach vorn, Verwundete in
die Heimat. Flakartillerie wirkte sowohl gegen den Feind in der
Luft als auch im Erdkampf. Die Männer der Luftnachrichtentruppe
sorgten dafür, daß die Verbindungen über weite Strecken schnell
hergestellt wurden und zuverlässig arbeiteten.

Über den Einsatz der Luftwaffe sagte der Schlußbericht des OKW.:
„Nach den Befehlen des Generalfeldmarschalls Göring (Chef des
Generalstabes Generalmajor Jeschonnek) wurden zwei starke Luft-
flotten unter den Generalen der Flieger Kesselring und Löhr ge-
bildet und zur Führung des Luftkrieges gegen Polen eingesetzt.
Diese beiden Luftflotten haben die polnische Fliegertruppe restlos
zerschlagen, den Luftraum in Kürze beherrscht. In engster Zusam-
- menarbeit mit dem Heere haben in ununterbrochenen Einsätzen
Schlacht- und Sturzkampfflieger Bunkerstellungen, Batterien, Trup-
24 Die neue Luftwaffe

penansammlungen, Marschbewegungen, Ausladungen usw. ange-
griffen. Durch ihre Todesverachtung haben sie dem Heer unendlich
viel Blut erspart und zum Gesamterfolg in höchstem Maße bei-
getragen. Die Flakartillerie nahm den deutschen Luftraum unter
ihren Schutz und wirkte besonders im Anfang des Feldzuges mit
an der Vernichtung der polnischen Fliegertruppe. Im ganzen sind
rund 800 Flugzeuge vernichtet oder vom Heere erbeutet, ein letz-
ter Rest außer Landes geflüchtet und interniert.“

Nach Beendigung des Feldzuges in Polen richtete Generalfeldmar-
schall Göring in einem Tagesbefehl vom 27. September 1939 an.
die Soldaten der Luftwaffe Worte der Anerkennung für die Leistun-
gen und zugleich als Richtschnur für dte Zukunft:

„Als wir in diesen Krieg für Deutschlands Freiheit zogen, wußte
ich, daß ich mich auf meine Luftwaffe verlassen konnte. Kame-
raden, wie ich euch allen im Geiste ins Auge sah, als wir diesen
uns aufgezwungenen Krieg begannen, um euch zu verpflichten, das
Letzte für Volk und Vaterland zu geben, so drücke ich jedem von
euch jetzt die Hand, als Oberbefehlshaber meinen Soldaten, als
Kamerad meinen Kameraden. Nach deutscher Soldatenart binden
wir jetzt nach errungenem Sieg den Helm fester. Welche Aufgaben
uns auch erwachsen mögen, welche Befehle uns auch unser Führer
und Oberster Befehlshaber gibt: ‚Vorwärts für unser ewiges
Deutschland ‘“

Der Luftkrieg über der Nordsee.

In den letzten Tagen des Monats August 1939 versicherte das
britische Reich abermals und ausdrücklich, daß es den Polen „zu
Lande, zu Wasser und in der Luft“ Hilfe leisten würde. Danach
und nach dem Bündnisvertrag mit Polen mußte eigentlich erwartet
werden, daß die in London sitzenden Urheber des Krieges ihrem
polnischen Bundesgenossen in irgendeiner Form zu Hilfe kommen
würden. Tatsächlich aber blieb jegliche Hilfe aus. Die Tätigkeit
der britischen Luftwaffe im polnischen Schicksalsmonat September
war so geringfügig, daß sie als Entlastung für den Bundesgenossen
nicht gewertet werden kann.

Die Briten begannen ihren Krieg mit dem versuchten Einflug eines
Verbandes englischer Kampfflugzeuge am 4. September 1939. Diese
etwa 20 bis 25 Flugzeuge machten den Versuch, Wilhelmshaven
- und Cuxhaven sowie die in den Flußmündungen liegenden deut-
Der Luftkrieg über der Nordsee 25

schen Kriegsschiffe anzugreifen. Durch Flakartillerie und Jäger
wurde der Angriff auf Cuxhaven vereitelt, während die Wilhelms-
haven zugedachten Bomben ins Wasser fielen. Die Hälfte der An-
greifer wurde abgeschossen. In diesem völlig mißlungenen, dafür
später aber in einem Film „The lion has wings‘‘ besonders groß
aufgezogenen Unternehmen bestand die britische „Hilfe“ für Po-
len. Denn bis zum Ablauf des achtzehntägigen Feldzuges in Polen
machte England auch nicht den kleinsten Entlastungsversuch zu-
gunsten seines polnischen Verbündeten. Die hin und wieder er-
folgenden nächtlichen Einflüge einzelner Flugzeuge nach Nord-
westdeutschland und die bei dieser Gelegenheit abgeworfenen Flug-
blätter können schlechterdings nicht als eine Unterstützung der
Polen in ihrem Kampf aufgefaßt werden. Das Ergebnis dieser Flüge
und einer ziemlich geringfügigen Luftaufklärung der Briten über
der Nordsee hatte immerhin das eine Ergebnis, daß die bmwitische
Luftwaffe im September 1939 bereits 27 Flugzeuge im Luftkampf
und durch Erdabwehr verlor.

Die bis dahin von der deutschen Luftwaffe durchgeführte Über-
wachung der Nordsee ist von den Engländern offenbar falsch be-
urteilt worden. Sonst hätten sie es wohl bei aller ihnen eigenen
Überheblichkeit unterlassen, starke Seestreitkräfte in die mittlere .
Nordsee zu entsenden, um damit die britische Seeherrschaft in die-
sem Raume unter Beweis zu stellen. Dieser Versuch der Engländer
forderte zu dem nunmehr beginnenden Kampf der deutschen Luft-
waffe gegen die englische Flotte heraus.

Den Auftakt bildete gewissermaßen die Versenkung eines briti-
schen Flugzeugträgers durch ein deutsches U-Boot und der bald
danach erfolgreich durchgeführte Bombenangriff auf einen zweiten
Flugzeuträger sowie die Beschädigung des Schlachtschiffes ‚‚Hood“
durch Bombentreffer deutscher Flieger. Es folgte der Bombenwurf
auf einen englischen Kreuzer bei der Insel May. Dann griffen im
Zusammenwirken mit Einheiten der Kriegsmarine unsere Flugzeuge
feindliche Seestreitkräfte sowohl vor der norwegischen Westküste
wie im nördlichen Teil der Nordsee an. Wenig später erschienen
deutsche Kampfflugzeuge über der Bucht von Scapa Flow und
brachten dem britischen Schlachtschiff „Iron Duke“ schwere Treffer
bei. Überraschend erfolgte ein Luftangriff im Firth of Forth auf die
Kreuzer „Southampton“ und ‚Edinburgh‘ sowie den Zerstörer
„Mohawk“. Dagegen war der Versuch der Engländer, Wilhelms-
haven und Cuxhaven mit Bomben zu belegen, ein vollkommener

Luftwaffenfibel 4
26 Die neue Luftwaffe

Fehlschlag. Von zwölf anfliegenden Flugzeugen wurden fünf ab-
geschossen.

Die durch diese Kampfhandlungen geschaffene Lage beleuchtet der
amtliche Bericht vom 11. Oktober, in dem es zum Schluß heißt:
„Die fortdauernden Maßnahmen der Kriegsmarine mit dem Ziel
der Kontrolle des Handelsverkehrs durch die Nordsee und der Ver-
hinderung der Banngutversciffung nach den Feindländern, der er-
neute Vorstoß deutscher Luftstreitkräfte in die nördliche Nordsee
haben bewiesen, daß die Nordsee ein Seegebiet ist, in dem die See-
und Luftherrschaft in deutscher Hand liegen, und daß der Gegner
in diesem Gebiet sich jederzeit schwersten Schlägen aussetzt. Weiter
hat sich bestätigt, daß die Reichweite der deutschen Luftwaffe über
die Nord- und Westgrenze Englands hinausgeht und der Feind im
gesamten Gebiet der Nordsee gestellt werden kann, wo immer er
sich zeigt. Daß darüber hinaus deutsche Flieger die englische Flotte
in dem von ihr angeblich beherrschten Raum mit größtem Erfolg
angreifen konnten - an einem Ort und zu einem Zeitpunkt, den
die Deutschen bestimmten -, hat vor aller Welt offenbart, daß die
Zeit der unbeschränkten britischen Seeherrschaft in der Nordsee
ein für allemal vorüber ist.‘

Diesen eindeutigen Feststellungen hatte der Erste Lord der briti-
schen Admiralität die Behauptung entgegengestellt, daß künftig
deutsche Angriffe nicht mehr möglich sein würden. Dies versuchte
er glaubhaft zu machen, indem er darlegte, daß zu dieser Winters-
zeit die englische Insel durch Nebel, Regen und schlechtes Wetter
geschützt sei. Es war eine Täuschung. Am Tage nach dieser Rede
wurde von einem deutschen Kampffliegerverband ein Angriff gegen
die Shetlandinseln durchgeführt. Hierbei wurden zwei feindliche
Flugboote zerstört. Ein vermutlicher Treffer gegen einen englischen
Kreuzer konnte mit Sicherheit nicht beobachtet werden. Der wenige
Tage später von drei englischen Flugzeugen gemachte Versuch,
Wilhelmshaven anzugreifen, wurde durch rechtzeitig einsetzende
Abwehr vereitelt. Bomben wurden nicht abgeworfen. Die deutsche
Luftwaffe aber setzte ihre täglichen Aufklärungsflüge nicht nur
über Frankreich fort, sondern auch über England, und zwar bis
nach Schottland, Scapa Flow und über die ganze Nordsee. Am
25. November griffen deutsche Kampfverbände englische Seestreit-
kräfte in der nördlichen Nordsee an. Dabei wurden vier Volltrefier
erzielt, einer davon auf einem Kreuzer der „Aurora“-Klasse.
Wiederholte Versuche britischer Flugzeuge, die deutsche Küste mit
Der Luftkrieg über der Nordsee 27

Bomben zu belegen, mißlangen, auch wenn der Anflug über hol-
ländisches Gebiet erfolgte. Ein am 3. Dezember unternommener
Angriff englischer Kampfflugzeuge gegen Helgoland hatte Außer
einem Treffer auf einem kleinen Fischlogger kein Ergebnis. Die
nächsten englischen Flüge galten dann - abermals ohne Bomben-
wurf - Schleswig-Holstein, wobei diesmal wiederum dänisches
Hoheitsgebiet überflogen wurde. Alle diese Bemühungen der
Briten aber konnten nicht verhindern, daß der Schnelldampfer
„Bremen‘‘ am 12. Dezember unter dem sicheren Geleit deutscher
Flugzeuge in die Heimat zurückkehrte.

Im Zusammenhang mit der Rückkehr der ‚Bremen‘ flogen in den
folgenden Tagen wiederholt britische Flugzeuge in die Deutsche
Bucht ein. Daraus entwickelte sich am 14. Dezember im Gebiet der
nordfriesischen Inseln ein Luftkampf größeren Umfanges. Von
zwanzig Angreifern schossen deutsche Jäger zehn Flugzeuge ab.
In den frühen Nachmittagsstunden des 18. Dezember versuchten
mehr als fünfzig der neuesten britischen Kampfflugzeuge einen
Einbruch in den deutschen Luftraum. Sie flogen in großer Höhe
und kamen auf einem ungewöhnlichen Kurs. Trotzdem gelang es
ihnen nicht, unbemerkt an die deutsche Küste heranzukommen.
Vor der Küste lagen die Sprengwolken der Flakbatterien wie eine
Sperrmauer, als die deutschen Jäger genügende Höhe gewonnen
hatten und zum Angriff ansetzten. Was ihnen nicht sogleich zum
Opfer fiel, geriet in das Abwehrfeuer der Flakartillerie und mußte
abdrehen, um abermals von Jagd- und Zerstörerflugzeugen gefaßt
zu werden. Einzelne sich wieder sammelnde Staffeln der Briten
wurden bis weit hinaus auf die Nordsee verfolgt, zum Kampf ge-
stellt und vernichtet. Nur wenige entkamen. - „Vierunddreißig
britische Flugzeuge wurden nach hartem Kampf abgeschossen. Wir
verloren zwei Flugzeuge.‘ - So meldete der Bericht des Oberkom-
mandos der Wehrmacht vom 19. Dezember. Die Verluste der Bri-
ten erhöhten sich noch um zwei weitere Flugzeuge, so daß in dem
bis dahin größten Luftgefecht dieses Krieges insgesamt 36 Kampf-
flugzeuge des damals modernsten englischen Baumusters ‚‚Vickers-
Wellington‘ abgeschossen wurden.

Aber nicht nur Jäger und Zerstörer waren so erfolgreich. In den
folgenden Tagen führte die deutsche Luftwaffe unter schwierigsten
Wetterverhältnissen Erkundungen und Angriffe gegen Seeziele in
der Nordsee durch. Vier Schiffe britischer leichter Seestreitkräfte
wurden durch Bombentreffer zerstört. Ferner berichtet das Ober-

3°
28 Die neue Luftwaffe

kommando der Wehrmacht am 20. Dezember: ‚In den letzten drei
Tagen hat die deutsche Luftwaffe 23 Schiffe der britischen Vor-
postenstreitkräfte vernichtet.‘

Am letzten Tag des Jahres 1939 versuchten englische Flugzeuge,
die deutsche Nordseeküste anzufliegen. Sie wurden frühzeitig er-
kannt und abgewehrt. Beim Rückflug aus der Deutschen Bucht
flogen sie - wie schon so oft - in niederländisches Hoheitsgebiet
ein. Die deutsche Luftwaffe unternahm am Neujahrstage Auf-
klärungsflüge gegen die Shetland- und Orkney-Inseln. Bei dem
am 2.Januar versuchten Einflug in die Deutsche Bucht wurden
drei britische Vickers-Wellingtöon-Bombenflugzeuge von Messer-
schmitt-Flugzeugen - ohne deutsche Verluste - abgeschossen. Eine
norwegische Zeitung konnte nicht umhin, festzustellen, daß die
Vickers-Wellington-Flugzeuge wohl für Langstreckenflüge geeignet
erschienen, daß aber die neuen Messerschmitt-Flugzeuge außer-
ordentlich gefährliche Maschinen sein müßten.

Am Vor- und Nachmittag des 9. Januar unternahmen deutsche
Kampfflugzeuge einen Erkundungsvorstoß gegen die englische und
schottische Ostküste. Hierbei wurden vor der Norwichküste vier
bewaffnete Kriegs- und Handelsschiffe, nämlich Vorpostenfahr-
zeuge, angegriffen und versenkt. Vor der schottischen Küste wurde
von vier bewaffneten Handelsschiffen das Feuer auf die Flugzeuge
eröffnet. Bei der Abwehr dieses Angriffes wurden die Dampfer
versenkt. Der folgende Tag brachte den Versuch von neun Bristol-
Blenheim, die deutsche Küste mit Bomben anzugreifen. Sie wurden
von vier deutschen Flugzeugen gestellt, die drei britische Flugzeuge
abschossen und ein weiteres so stark beschädigten, daß es vermut-
lich seinen Heimathafen nicht mehr erreichte. Am 11. Januar wur-
den vor der schottischen Küste drei Vorpostenboote und ein be-
waffneter Handelsdampfer, der das Feuer auf die deutschen Auf-
klärer eröffnete, versenkt. Ferner wurde im Luftkampf ein briti-
scher Jäger abgeschossen. Einzelne nächtliche Einflüge der Eng-
länder erfolgten am 12. Januar wieder unter Verletzung der hol-
ländischen Neutralität. Ein Bristol-Blenheim wurde gesichtet und
abgeschossen. Bei einem Einflug von acht britischen Bombern in die
Deutsche Bucht konnten nur zwei - und ohne Erfolg - ihre Bomben
werfen. Der eine wurde abgeschossen, der zweite beschädigt, wäh-
rend die übrigen sechs Briten unter der Wirkung der Abwehr vor-
zeitig abdrehten. Inzwischen führten deutsche Aufklärer ihre Er-
kundungstätigkeit mit größter Regelmäßigkeit gegen Großbritan-
Ber Luftkrieg über der Nordsee 29

nien und Frankreich durch. Feindliche Flugzeuge flogen mehrere
Male einzeln und nachts - so am 18. und 19. Januar - nach Nord-
westdeutschland über holländisches Gebiet ein und aus.
Demgegenüber konnte das OKW. am 30. Januar bekanntgeben:
„im Rahmen der Aufklärungsflüge der Luftwaffe in der Nordsee
wurden am 29. Januar, wie schon durch Sondermeldung bekannt-
gegeben, feindliche Geleitzüge bewaffneter Handelsdampfer und
Vorpostenboote angegriffen. Trotz stärksten feindlichen Abwehr-
feuers und der Gegenwehr britischer Jagdverbände wurden sieben
feindliche bewaffnete Handelsschiffe und zwei Vorpostenschiffe
vernichtet. Ein feindlicher Jäger wurde bei Hartlepool abgeschossen.
Sämtliche eigenen Flugzeuge sind wohlbehalten zurückgekehrt.”
Der nächste Tag hatte das gleiche Ergebnis: Deutsche Fliegerver-
bände wurden auch im Laufe des 30. Januar zur Aufklärung über
der Nordsee und der englischen Küste von den Orkneys bis zur
Themsemündung eingesetzt. Hierbei wurden wiederum sieben be-
waffnete Handelsdampfer versenkt, ein weiterer schwer und mehrere
andere leicht beschädigt. Außerdem wurden zwei britische Vor-
postenboote zum Sinken gebracht.

Eine Sondermeldung berichtete am 3. Februar von der trotz
stärkster Jagd- und Flakabwehr durchgeführten Versenkung eines
Minensuchbootes, von vier Vorpostenbooten und neun Handels-
dampfern durch die deutsche Luftwaffe. Es folgt am 9. Februar die
Versenkung von sechs britischen oder im britischen Geleit fahren-
den Schiffen mit einer Gesamttonnage von 15000 Tonnen sowie
von zwei britischen Vorpostenbooten.

In dieser Weise wurde die bewaffnete Aufklärung während des
Monats Februar 1940 mit Erfolg fortgesetzt. Trotz starker Ab-
wehr traten keine oder nur unbedeutende Verluste ein. Die Ant-
wort der Briten auf die deutsche Luftkriegführung über der Nord-
see war schwach. So konnte nach einer Kriegführung von sechs
Monaten in der Luft das OKW. am 2. März 1940 als militärisches
Ergebnis u.a. feststellen:

„Die deutsche Luftwaffe war an der siegreichen Entscheidung des
polnischen Feldzuges in hervorragender Weise beteiligt. Gleich-
zeitig mit dem Zerschlagen der polnischen Luftwaffe sicherte sie
mit anderen Teilen den deutschen Luftraum im Westen. Ihre Über-
legenheit hinsichtlich der Einsatzbereitschaft der Besatzungen und
der Güte des Materials trat immer wieder in Erscheinung. Die auch
bei ungünstigen Witterungsverhältnissen gegen England und Frank-
30 Die neue Luftwaffe

reich durchgeführten Erkundungsflüge ergänzten die vorhandenen
Unterlagen über die Maßnahmen des Gegners. In der Aufklärung
gegen England gelangten die deutschen Flugzeuge trotz feindlicher
Gegenwehr immer wieder bis zu den Orkney- und Shetland-Inseln.
Wiederholt wurden Angriffe auf feindliche Seestreitkräfte, be-
waffnete Handelsschiffe und Geleitzüge durchgeführt. Es wurden
65 Schiffe mit rund 75 000 BRT. versenkt. Es handelt sich hierbei
in der Mehrzahl um feindliche oder mit Banngut für England
fahrende neutrale Handelsschiffe sowie um einige Schiffe brifischer
leichter Seestreitkräfte.‘

Diesem Ergebnis entsprah auch die Luftkriegführung über der
Nordsee im Monat März. Immer wieder unternahm die deutsche
Luftwaffe erfolgreiche Vorstöße gegen die britische Ostküste in
ihrer gesamten Ausdehnung, gegen die Orkney- und Shetland-In-
seln. Britische und in britischem Geleit fahrende Handelsschiffe
wurden trotz starker Gegenwehr immer wieder gefaßt, angegriffen
und ihnen erhebliche Verluste beigebracht. Die britischen Seestreit-
kräfte wurden in ihren Verstecken aufgesucht und ebenfalls an-
gegriffen. Bei einem Vorstoß nach Nordwesten wurden hierbei am
16. März 1940 in Scapa Flow mindestens vier Kriegsschiffe durch
Bomben getroffen und beschädigt. Die britische ‚Vergeltung‘ be-
stand auch jetzt noch ausschließlich in gelegentlichen Einflügen in
die Deutsche Bucht, die fast ausnahmslos unter Verletzung neutra-
len Hoheitsgebietes durchgeführt wurden. Die bei diesen Flügen
hin und wieder abgeworfenen Bomben fielen fast ohne Ausnahme
buchstäblich „ins Wasser‘. Deutsche Jagdflugzeuge und Flakartil-
lerie erzielten hierbei eine ganze Reihe von Abschüssen.

Wenn man den Zeitabschnitt von Beginn des Krieges bis etwa
Anfang März 1940 überblickt, kommt man zu folgenden Festste)-
lungen: Die deutsche Luftwaffe ist von der reinen Aufklärung zur
bewaffneten Aufklärung übergegangen. Während der ganzen Zeit
und nirgends ließ sich die deutsche Luftwaffe das Gesetz des Han-
delns vorschreiben.

Sprung nach dem Norden.

Die Unternehmungen, die zur Besetzung von Dänemark urd Nor-
wegen führten, sind ein Schulbeispiel für die Zusammenarbeit der
drei Wehrmachtteile: Heer, Kriegsmarine und Luftwaffe. Nur durch
das ausgezeichnet aufeinander abgestimmte Zusammenwirken der
Sprung nad dem Norden 31

Waffengattungen aller drei Wehrmachtteile war der erzielte Er-
folg überhaupt möglich.

Die Eigenart der Luftwaffe, die darin liegt, daß sie große Ent-
fernungen in sehr kurzer Zeit zurücklegen und an weitab liegenden
Punkten überraschend auftreten kann, war beim Einsatz im Norden
von besonderer Bedeutung. Man kann auf Grund der Wehrmacht-
berichte mit Recht sagen, daß dieses Moment der Überraschungen
in vielen Fällen für den Ausgang der einzelnen Unternehmungen
entscheidend war.

An den Erfolgen haben alle Waffengattungen der Luftwaffe ihren
Anteil. Aufklärer und Kampfflieger, Jagdflieger und Flakartillerie,
Verbände der Luftnachrichtentruppe, die umfangreiche Bodenorgani-
sation und der Flugsicherungsdienst wie die Einheiten, die den
Nachschub durch die Luft durchführten, haben - jeder an seinem
Platz - zum Gelingen beigetragen. Die in harter Friedensarbeit
betriebene Ausbildung und die Erfahrungen aus mehr als sieben
Kriegsmonaten haben zusammen mit der Einsatzfreudigkeit jedes
einzelnen Mannes den Erfolg verbürgt.

Die Unterlagen für den Einsatz der Streitkräfte der Kriegsmarine,
der Luftwaffe und des Heeres lieferten die Aufklärungsverbände.
Sie waren bei der Vorbereitung und Durchführung des Unter-
nehmens wahrhaft das Auge der Führung. Planmäßig und sorgfältig
überwachten Aufklärer den weiten Seeraum zwischen den britischen
Inseln und den Küsten von Norwegen und Dänemark.
Ungünstiges Wetter und die unübersichtliche Küste Norwegens
konnten die Arbeit der Aufklärer wohl erschweren, aber nicht ver-
hindern. Ununterbrochen wurden sowohl die schottischen Häfen
als auch die Inseln und Fjorde der norwegischen. Küste überwacht
und nach den dort stehenden Teilen der englischen Flotte abgesucht.
Jeder Flug brachte durch Funkmeldungen und Luftbilder wertvolle
Feststellungen.

Eine weitere, wenn nicht die wichtigste Aufgabe der Luftaufklä-
rung bestand darin, die Standorte der britischen Seestreitkräfte
aufzuspüren, sie zu melden und nach Möglichkeit am Feind zu
bleiben, um die darauf angesetzten Kampfverbände fortlaufend
über den Weg des Feindes zu unterrichten. Zahlreiche Kampf-
fliegereinheiten wurden auf dänische und norwegische Flughäfen
verlegt. Von dort aus unternahmen sie unverzüglich. ihre Angriffe
gegen die durch die Luftaufklärung gemeldeten Einheiten der briti-
schen Flotte. Als Erfolg hatten die Berichte des Oberkommandos
32 Die neue Luftwaffe

der Wehrmacht immer wieder schwere Treffer auf feindlichen
Kriegs- und Transportschiffen zu verzeichnen.

Die neuen Stützpunkte der Kampfflieger in Norwegen und Däne-
mark wurden durch Jagdflieger und Flakartillerie gegen feindliche.
Luftangriffe geschützt. Die aus den Kämpfen in Polen, im Westen
und über der Nordsee zur Genüge bekannten deutschen Jagdflug-
zeuge haben ihre Überlegenheit auch im Norden wieder bewiesen.
In gewohnter Schnelligkeit und Einsatzbereitschaft haben deutsche
Jäger die Herrschaft im Luftraum über Dänemark und Norwegen
angetreten.

Bei der Abwehr feindlicher Luftangriffe wurden die Jäger erfolg-
reich unterstützt durch zahlreiche Verbände der Flakartillerie, die
sowohl in Dänemark als auch besonders an der norwegischen West-
_ küste eingesetzt wurden. Alle für den Feind wichtigen Ziele stehen
nun bei Tag und Nacht unter dem Schutz von Batterien aller Ka-
liber, deren Treffsicherheit bei nächtlichen Anflügen durch Flak-
scheinwerfer wesentlich gefördert wird.

Das auf dem Luftweg überführte Personal der Bodenorganisation
hat alle mit den fremden Flughäfen verbundenen Schwierigkeiten
schnell und reibungslos überwunden, und so die sofortige Einsatz-
bereitschaft der fliegenden Verbände sichergestellt. Für die Her-
stellung der für die Führung des Luftkrieges unumgänglich not-
wendigen Nachrichtenverbindungen über weite Strecken sorgte die
Luftnachrichtentruppe. Ihre Aufgabe war die Herstellung von Ver-
bindungen zwischen den einzelnen Teilen der Luftwaffe durch Ver-
stärkung des vorgefundenen Fernsprechnetzes, Übernahme vor-
handener Funkstellen und vor allem Sicherung der Verbindung
mit den in der Luft befindlichen fliegenden Verbänden. Die Durch-
führung aller dieser Aufgaben und dazu das Aufrechterhalten der
Verbindung mit der Heimat wurden trotz schwieriger Verhältnisse °
einwandfrei gelöst.

Was von den „schwarzen -Männern“ der Bodenorganisation und
von den Nachschubeinheiten geleistet wurde, kann man sich nur
vorstellen, wenn man einen Begriff davon hat, was alles zum
reibungslosen und erfolgreichen Einsatz fliegender Verbände not-
wendig ist. Tatsächlich standen nicht nur Treibstoff, Munition und
Bomben aller Kaliber zur Verfügung, sondern auch jeder Splint
und jede Schraube, deren Vorhandensein für die sichere Durch-
führung der Flüge nötig ist. Gerade in dieser Hinsicht haben
Organisation, Nachschub und fachmännisches Können des techni-
Sprung nach dem Norden 33

schen Bodenpersonals die Voraussetzungen für die immer wieder
gemeldeten Erfolge geschaffen.

Die knappen Sätze der Berichte des Oberkommandos der Wehr-
macht geben nur wenige nackte Tatsachen wieder. Aber auch där-
aus kann man bereits den entscheidenden Anteil ablesen, den die
deutsche Luftwaffe in dem siegreihen Ausgang auch während die-
ses Blitzfeldzuges gehabt hatte. Sie hatte sich in erster Linie als
überlegenes Aufklärungsmittel erwiesen. Schon ehe das britisch-
französische Expeditionskorps bei Namsos und Andalsnes landete,
war sein Anmarsch und die ungefähre Stärke bekannt. Kampf-
flugzeuge konnten daher die britische Transportflotte bereits auf
haher See angreifen und ihr schwere Verluste zufügen. Noch ver-
lustreicher aber wurde dann das Landungsunternehmen für die
Briten, obwohl sie an den beiden ausgesuchten Plätzen die Gunst
aller geographischen und der Wetterverhältnisse sowie vor allem
die aktive Unterstützung durch die norwegischen Behörden auf
ihrer Seite hatten.

Aus englischen Eingeständnissen ist inzwischen bekannt geworden,
daß nicht nur 40 Panzerkampfwagen durch deutsche Bombentreffer
auf den Boden der Nordsee geschickt worden waren, sondern daß
große Verpflegungs- und Nachschubläger nach Angriffen deutscher
Flugzeuge in Flammen aufgingen. Infolgedessen geriet schon vor
der ersten Gefechtsberührung zwischen deutschen Truppen und
britischen Verbänden die Versorgung der Engländer spürbar in
Unordnung, zumal die Norweger nicht in der Lage waren, Ersatz
zu stellen.

Am unmittelbarsten aber wurde der Anteil der Luftwaffe in den
letzten Apriltagen spürbar, als es galt, die in Eilmärschen von
Süden und Norden vordringenden Einheiten des deutschen Heeres
im Gulbrandsdal und bei der Eroberung von Dombaas zu unter-
stützen. Deutsche Kampfflugzeuge brachen jeden Widerstand, setz-
ten feindliche Artillerie außer Gefecht, verhinderten durch Zer-
störung der Wege und Bahnanlagen auch den letzten Nachschub,
ja, sie griffen auch unmittelbar in den Infanteriekampf ein, wo es
zur Vernichtung feindlicher Maschinengewehrnester usw. erforder-
lich war. So konnte das kühne Unternehmen der Vereinigung des
von Oslo und Drontheim aus operierenden deutschen Heeres mit
einem Mindestmaß an eigenen Verlusten und einem Höchstmaß
an Einbuße gegnerischer Kampfkraft siegreih zu Ende geführt
werden. Zusammenfassend ist zu sagen, daß der entscheidende An-

Luftwaffenfibel 5
34 Die neue Luftwaffe

teil der Luftwaffe an dem raschen Sieg in Norwegen im wesentlichen

auf folgende Tatsachen zurückzuführen ist:

1. Beherrschung des Luftraumes über Norwegen und der Nordsee,
die dem Gegner jeden Einblick in die deutschen Operationen
verwehrte, während die eigene Aufklärung lückenlos sofort aus-
wertbare Ergebnisse brachte.

2. Wirkungsvolle Bekämpfung der britischen Transportflotte und
ihrer Sicherungskräfte auf hoher See und bei den Landungs-
manövern, wodurch nicht nur die Zahl der zum Einsatz bestimm-
ten Verbände stark vermindert wurde, sondern auch erhebliche
Mengen an Kampfgerät, Munition, Lebensmitteln usw. vernich-
tet werden konnten.

3. Zerstörung wichtiger Hafenanlagen durch Bomben, wodurd die
Ausladungen beträchtlich verlangsamt wurden.

4. Vernichtung von Munition und Verpflegungslagern, was erheb-
liche Versorgungsschwierigkeiten beim Feind verursachte.

5. Ständige Störung der rückwärtigen Verbindungen und dadurch
Verhinderung eines geordneten Nachrichtenwesens sowie not-
wendiger Nachschubtransporte.

6. Unmittelbare Beteiligung an Kampfhandlungen durdı Bomben
und MG., also Vernichtung feindlicher Widerstandsnester und
Erschütterung des Gegners.

7. Versosgung der Kampfgruppe Narvik aus der Luft.

Wenn man abschließend feststellt, daß sich dieser gesamte Einsatz

unter teilweise ungünstigen geographischen und klimatischen Be-

dingungen vollzog, so kann man der Tapferkeit und ständigen

Einsatzbereitschaft der deutschen Luftwaffe nur höchste Achtung

bezeugen. Die Auswirkungen des skandinavischen Unternehmens

aber sind im Hinblick auf den weiteren Verlauf des Krieges von
ganz besonderer Bedeutung.

Die Luftwaffe im Westfeldzug.

In der großen Schlacht in Flandern und im Artois, dieser größten
Vernichtungsschlacht aller Zeiten, ist besonders erstaunlich das
Zeitmaß, in dem der Angriff vom ersten bis zum letzten Tage
durchgeführt wurde. Diese überraschende Schnelligkeit der Bewe-
gung wurde ausgelöst durch die Panzertruppe und vor allem die
Luftwaffe. Diese beiden neuen Waffen erzwangen den Einbruch in
die feindlichen Befestigungen mit einer bisher unvorstellbaren
Wucht, und sie schrieben gleichzeitig das Zeitmaß für die Ent-
Die Luftwaffe im Westfeldzug 35

wicklung der Kämpfe vor. Sie haben der deutschen Infanterie die
Wege geebnet und ihr kostbares Blut erspart. — Diese Erfolge be-
weisen die enge Zusammenarbeit zwischen der Luftwaffe und dem
Heer. Sie hat sich in allen Abschnitten der Schlacht bewährt.

Die der Luftwaffe im Verlaufe der Schlacht gestellten Aufgaben
dienten stets - wenn auch nur mittelbar - der Unterstützung der
Erdtruppe. In der zeitlichen Reihenfolge war dies zuerst der Kampf
um die Luftüberlegenheit. Darauf folgte eine unmittelbare Unter-
stützung des Heeres. Dann richtete sich der Kampf der Luftwaffe
gegen die rückwärtigen Verbindungen des Feindes. Mit der fort-
schreitenden Einkreisung der feindlichen Armeen galt der Einsatz
der Luftwaffe der Zermürbung des Feindes. Schließlih war das
Kampfgebiet der Luftwaffe der Kanal zur Umfassung des flüchten-
den Feindes aus der Luft. Neben diesen großen Aufgaben liefen
zahlreiche Sonderaufträge. Sie bestanden im wesentlichen in der
unmittelbaren Unterstützung von Angriffen des Heeres auf be-
sonders wichtige und schwierige Punkte sowie vereinzelt auch in
der Abwehr feindlicher Gegenangriffe,

Die Erringung der Überlegenheit in der Luft ist die Voraussetzung
für den Sieg. Sie gewährt dem Heere die Freiheit des Handelns und
sichert die Erdtruppe vor feindlichen Überraschungen aus der Luft.
Deshalb begannen bereits am Morgen des 10. Mai rollende An-
griffe gegen die feindlichen Flughäfen. Sie erfaßten die in der Nähe
der Front befindlichen Flugplätze der Heeresaufklärungsverbände
und der Jagdflieger sowohl als die Flughäfen der Kampfverbände
weit im Innern Frankreichs. In Hoch- und Tiefangriffen wurden die
Bodenanlagen getroffen und zahlreiche feindliche Flugzeuge auf
Rollfeldern und in den Hallen zerschlagen oder.im Luftkampf ab-
geschossen. Als Ergebnis meldeten die Wehrmachtberichte in den
ersten drei Tagen der Schlacht besonders hohe Zahlen vernichteter
Feindflugzeuge. Zu gleicher Zeit wurden Verbände der Fallschirm-
und Luftlandetruppe im Rücken der feindlichen Sperrlinien ab-
gesetzt. Ihre Aufgabe bestand darin, wichtige und schwierige Ab-
schnitte durch Angriffe von rückwärts zu nehmen und für den
weiteren Vormarsch wertvolle Brücken zu nehmen und zu halten.
Ihr Einsatz war von entscheidender Bedeutung bei der Einnahme
des Sperrforts Eben Emael und bei der Bezwingung der Festung
Holland. Ebenfalls vom ersten Angriffstage ab wurden Teile von
‚Jagd- und Kampfverbänden zur unmittelbaren Unterstützung der
Erdtruppe eingesetzt.

5*
36 Die neue Luftwaffe

Zur Erzwingung des Übergänges über die Maas und zum Durch-
“ bruch durch die Maginotlinie am 13. und 14. Mai wurde der Schwer-
punkt für die Masse der Kampf- und Jagdverbände unmittelbar vor
die Front der angreifenden Erdtruppe verlegt. Dadurch gelang es,
Befestigungen von neuzeitlichster Bauart und Bewaffnung in kurzer
Zeit zu Fall zu bringen. Die Wirkung der Angriffe unserer Sturz-
kampfflugzeuge trat besonders hervor. Feindliche Luftstreitkräfte
versuchten durch Masseneinsatz den Durchbruch durch die Maginot-
linie zu verhindern. Ihnen traten Jagdflieger und Flakartillerie
wirkungsvoll entgegen. Die sich daraus ergebenden Kämpfe im
Raume von Sedan endeten mit einem Verlust von 70 abgeschosse-
nen Flugzeugen für den Feind.

Nach Abweisung der letzten Gegenangriffe des Feindes war die
oben geschilderte unmittelbare Unterstützung des Heeres nur noch
in wenigen Fällen erforderlich. Deshalb wurde etwa ab 16. Mai der
Einsatz der Kampfverbände auf die rückwärtigen Verbindungen
des Feindes verlagert. Die Hauptziele waren nunmehr Bahnen und
Straßen, auf denen der Feind Reserven auf das Kampffeld führen
wollte. Ferner fielen Munitions- und Verpflegungslager sowie
Tankanlagen den Luftangriffen zum Opfer. Die vom Feinde heran-
geführten Reserven kamen infolge der Einwirkung der deutschen
Luftwaffe verspätet oder gar nicht zum Einsatz. Diese Reserven
erlitten bereits weit hinter der Front schwere Verluste. Der Nach- .
schub von Munition, Verpflegung und Treibstoff wurde empfindlich
getroffen. So wirkten sich die Angriffe der Luftwaffe mittelbar und
doch schnell zum Vorteil des Heeres aus.

Nachdem durch den Vorstoß zur Küste der Ring um die feindlichen
Armeen geschlossen war, griff die Luftwaffe nunmehr den immer
mehr einschrumpfenden Raum des Feindes an. Sie zermürbte ihn
und hinderte die Ordnung seiner Verbände. Die zum Durchbruch
angesetzten Feindkräfte wurden mit Bomben und Maschinen-
gewehrfeuer aus der Luft zersprengt.

Dem Versuch des Feindes, sich aus der tödlichen Umk

über den Kanal zu retten, wurde durch Umfassung aus der Luft in
Richtung auf den Kanal und die Kanalhäfen begegnet. In vielen
Luftkämpfen, besonders am 29. 5. und 1. 6., wurden inı Raume von
Dünkirchen zahlreiche feindliche Flugzeuge abgeschossen, Kampf-
und Sturzkampfverbände versenkten Kreuzer, Zerstörer und Trans-
portschiffe, andere wurden in Brand geworfen. Die dabei dem Feinde
zugefügten Verluste wirdman in vollem Umfange erst später erfahren.
Die Luftwaffe im Westfeldzug 37

Seit dem 10. Mai meldeten die Berichte des OKW. rund 3500 ab-
geschossene und auf dem Boden zerstörte feindliche Flugzeuge.
Davon fielen etwa 619 der Flakartillerie zu. Auch sie hatte an den
Erfolgen also einen entscheidenden Anteil. Das beweist schon der
12. Mai, an dem durch Flak im Raume von Maastricht bei der Ab-
wehr englischer Luftangriffe 25 Flugzeuge abgeschossen wurden.
So schützte die Flakartillerie die vorderen Linien des Heeres gegen
feindliche Luftangriffe und verwehrte zusammen mit Jagdfliegern
der feindlichen Luftaufklärung den Einblick. Darüber hinaus griffen
Batterien aller Kaliber in den Erdkampf ein. Insgesamt hat die
Flakartillerie in diesen Wochen 125 feindliche Panzerkampfwagen
zur Strecke gebracht. Ja selbst englische Kriegsschiffe wurden im
Kanal vom Feuer deutscher Flakbatterien gefaßt und versenkt.
Wie in Polen so auch in Flandern und Nordfrankreich hat die Luft-
nachrichtentruppe das Nachrichtennetz eingerichtet und ausgebaut.
Ihr rücksichtsloser und schneller Einsatz war auch hier wieder eine
Voraussetzung für den Erfolg der fliegenden Verbände. In gleicher
Weise haben die Bodenorganisation der Fliegertruppe und die Nach-
schubverbände hervorragenden Anteil an dem Erfolg. Transport-
verbände bewiesen wiederum ihre Unentbehrlichkeit für die neu-
zeitliche Kriegführung.
Wirken und Wirkung der Luftwaffe im Westkrieg fanden die beste
und schönste Würdigung in der großen Rede des Führers vor dem
Großdeutschen Reichstag am 19. Juli 1940:
„im Rahmen des Heeres fochten dieses Mal aber auch Teile der
Flakartillerie unserer Luftwaffe. In der vordersten Front halfen sie
mit, die feindliche Widerstands- und Angriffskraft zu brechen. Über
ihre Wirkung kann erst später berichtet werden.
Die Luftwaffe selbst. Als der Morgen des 10. Mai dämmerte, senk-
ten sich Tausende von Kampfflugzeugen und Sturzkampfflugzeugen,
gedeckt durch Jäger und Zerstörer, auf die feindlichen Lufthäfen.
In wenigen Tagen war die restlose Luftherrschaft erkämpft. Sie
wurde in keinem Augenblick des Kampfes mehr aus der Hand ge-
geben. Nur dort, wo sich vorübergehend keine deutschen Flieger
zeigten, konnten feindliche Jäger oder Bomber für kurze Augen-
blicke in Erscheinung treten. Im übrigen blieb ihr Wirken in die
Nacht verbannt. Der Einsatz der Luftwaffe in diesem Kampf er-
folgte unter dem Befehl des Generalfeldmarschalls. Ihre Aufgabe war:
1. die feindliche Luftwaffe zu vernichten bzw. vom Firmament zu
entfernen:
38 Die neue Luftwaffe

2. die kämpfende Truppe direkt und indirekt durch ununterbrochene
Angriffe zu unterstützen;

3. dem Feinde die Elemente der Führung und der Bewegung zu zer-
stören;

4.die feindliche Moral und Widerstandskraft zu zermürben und
zu brechen.

Die Art ihres operativen Einsatzes im großen sowie ihre Anpas-

sung an die taktischen Erfordernisse des Augenblicks waren her-

vorragend. Wenn ohne die Tapferkeit des Heeres niemals die er-

rungenen Erfolge hätten erreicht werden können, dann wäre ohne

den heroischen Einsatz der Luftwaffe alle Tapferkeit des Heeres

doch nur eine vergebliche gewesen.“

Luftwaffe gegen britische Insel.

Nach dem Zusammenbruch Frankreichs trat im Westen scheinbar
Ruhe ein. Tatsächlich entfaltete sich eine umfangreiche und rast-
lose Tätigkeit, die der Vorbereitung des Kampfes gegen die britische
Insel diente. Die ganze Last dieses Kampfes lag naturgemäß auf der
Luftwaffe und der Kriegsmarine.

Die in den besetzten Gebieten vorhandenen Flugplätze wurden
ausgebaut, neu angelegt. Der Flakschutz wurde eingerichtet. Mit
der Einteilung des weiträumigen Operationsgebietes in einzelne
Abschnitte galt es, den Nachschub an Treibstoff und Munition zu
organisieren. Als etwas Neues kam hinzu, daß Vorkehrungen für
die Sicherheit der über See fliegenden deutschen Flugzeuge getrof-
fen werden mußten. Zu diesem Zweck wurden die Verbände mit
Schwimmwesten und Schlauchbooten ausgerüstet. Der Seenotdienst
wurde erweitert. Hierzu wurden neben Schwiinmerflugzeugen im-
mer mehr schnelle, kleine Seefahrzeuge eingesetzt. Später kamen
die Seenotbojen hinzu, die in großer Zahl eingesetzt wurden.

Die Luftwaffe begann mit ihren Angriffen auf kriegswichtige Ziele
auf der Insel und auf den Geleitzugverkehr durch den Kanal. Auf-
klärer überwachten nicht nur den Schiffsverkehr, sondern auch die
ganze britische Insel. Die englischen Häfen, die das Ziel der über
See kommenden Zufuhren bildeten, wurden fortgesetzt mit Bom-
ben beworfen und vermint. Als Begleitschutz der Kampfverbände
fliegende Jäger errangen in Luftkämpfen mit englischen Jagdflug-
zeugen große Erfolge.

Der Kampf gegen die britische Handelsschiffahrt wurde aber nicht
Luftwaffe gegen britische Insel 39

nur im Kanal und an den englischen Küsten geführt, sondern
ebenso weit draußen auf dem Atlantik. Fernkampfflugzeuge grif-
fen mit steigendem Erfolg in den Handelskrieg ein. Diese Einsätze
erstreckten sich von Gibraltar bis zum Nordkap und reichten weit
nach Westen auf den Atlantik. Einer der beachtenswertesten Er-
folge war die Vernichtung des gewaltigen Transportschiffes „Em-
press of Britain‘ von 40000 BRT. durch Fernkampfflugzeuge im
Zusammenwirken mit einem U-Boot.

Die deutsche Luftwaffe besckränkte sich bei ihren Angriffen auf die
Bekämpfung kriegswichtiger Ziele. Im Gegensatz dazu hörten die
Engländer nicht auf, die Wohnviertel deutscher Städte mit Bomben
zu bewerfen. Infolgedessen begannen in der Nacht zum 7. Septem-
ber 1940 großangelegte Vergeltungsangriffe der deutschen Luft-
waffe. Es wurden bereits in den ersten drei Nächten Bomben aller
Kaliber von mehr als 1 Million Kilogramm auf das Hafen- und
Industriegebiet an der Themse, auf Handelsschiffe, Docks, Speicher,
Versorgungs-, Betriebs- und Verkehrsanlagen geworfen. Weitere
Angriffe richteten sich gegen Öllager und Dockanlagen von Thames-
haven, gegen Sprengstoffabriken und andere Anlagen der Rüstungs-
industrie. Die Hoffnung der Engländer, daß das Wetter die Fort-
setzung der Angriffe auf die Insel und die Handelsschiffahrt ver-
hindern würde, erwies sich als trügerisch. Die Zahl der in der Zeit
von November 1940 bis Februar 1941 durch die Luftwaffe ver-
senkten Handelsschiffe belief sich auf 513 000. BRT. Hinzu kom-
men noch die im einzelnen nicht feststellbaren Verluste durch Mi-
nen. In der gleichen Zeit errangen viele der bekanntesten Jagd-
flieger wie Mölders, Galland, Wick zahlreiche Luftsiege. Flakartil-
lerie und Nachtjäger fügten den in das Reichsgebiet einfliegenden
Feindverbänden schwere Verluste zu.

Luftkrieg über dem Mittelmeer und Nordafrika.

Nachdem dem Bestreben der Briten, im Norden und Nordwesten
Europas Fuß zu fassen, der Erfolg versagt geblieben war, richteten
sie ihre Anstrengungen auf den Süden. Man glaubte, eine schwache
Stelle der Achsenmächte in Nordafrika entdeckt zu haben, die es
auszunutzen galt, um von hier aus einen Druck gegen Italien aus-
zuüben. Deshalb und um den weiteren Vormarsch der Armee
Grazianis gegen Ägypten aufzuhalten, wurden dem britischen Ober-
befehlshaber, General Wavell, Truppen und Material in großem
Ausmaß zur Verfügung gestellt. Mit diesen überlegenen Kräften
40 . Die neue Luftwaffe

stießen die Briten in die Vorbereitungen zu einer Offensive der
Italiener hinein und erzwangen die Räumung der Cyrenaika. Die-
sen-Anfangserfolg trachteten die Briten auszunutzen und sahen sich
bereits auf dem weiteren Vormarsch nach der Westküste Afrikas.
Während im Kampf gegen die britische Insel italienische Verbände
zusammen mit deutschen Kampfgeschwadern geflogen waren, griff
nun die deutsche Luftwaffe zur Unterstützung der italienischen
Wehrmacdt ein. Am 10.Januar 1941 trafen starke Verbände der
deutschen Luftwaffe in Süditalien ein. Schon bald danach trafen die
Bomben deutscher Flugzeuge den Flugzeugträger „Illustrious“ und
den Kreuzer „Southampton“. Es folgten Angriffe auf Malta, die
den in den Häfen liegenden Schiffseinheiten und den Flugplätzen
auf der Insel galten. Dann griffen die deutschen Verbände zum
erstenmal den Feind in Afrika an. In der Nacht zum 18. Januar 1941
bombardierten deutsche Kampfflugzeuge die militärischen Anlagen
im Gebiet des Suezkanals.

Inzwischen war der Angriff der Briten von Derna aus an der Küste
entlang bis nach Bengasi vorgetragen worden. Die zähe italienische
Abwehr wurde nunmehr erfolgreich unterstützt durch die Angriffe
deutscher Sturzkampfflugzeuge gegen die für den feindlihen Nach-
schub wichtigen Hafenstädte Bardia und Sollum. Die erste Ge-
fechtsberührung' mit dem deutschen Afrikakorps geschah am 26. Fe-
bruar 1941, und schon einen Monat danach befand sich der Feind
auf der ganzen Linie in der Rückwärtsbewegung. Bengasi wurde
zurückerobert. In diesen Erfolg teilen sich Panzer- und Luftwaffen-
verbände.

Während die Hauptkräfte des Afrikakorps sich noch im Anmarsch
befanden, hatten die Verbände der Luftwaffe bereits ihre Angriffe
auf den bis auf 500 km an Tripolis vorgestoßenen Gegner gerichtet.
Nunmehr begann ein enges Zusammenarbeiten zwischen Erdtruppe
und Luftwaffe, das eine wesentliche Voraussetzung für die weiteren
Erfolge bildete.

Der Einsatz der deutschen- Luftwaffe unter den schwierigen Ver-
.hältnissen des afrikanischen Kriegsschauplatzes stellte besondere
Anforderungen. Die Besatzungen mußten mit Tropenausrüstun-
gen versehen werden. Die Triebwerke der Flugzeuge. bedurften
eines besonderen Schutzes gegen den feinen Wüstensand. Die Aus-
rüstung des Flugzeuges wurde ergänzt durch Zelt, Wasserbehälter,
Verpflegung und Buschmesser, um für den Fall einer Notlandung
Vorsorge zu treffen. Alle diese Schwierigkeiten wurden gemeistert.
Staatssekretär Luftflotte

Fliegerkorps, Flakkorps Division

Luftnachrichten-Regiment Geschwader (Fliegertruppe)

Flakregiment Gruppe (Batl.) Fliegertruppe

Flakabteilung Staffel (Fliegertruppe)
I Generolteldmorschall im Feldanzug - 2 Major [Flakartillerie) im Parodeonzug - 3 Leutnant (Luffnach
richlentruppe) im Feldanzug - 4 Stabsfeldwebel (Fliegertruppe) im Dienstanzug - 5 Unteroffizier (Fall-
schirmjöger) mit Sonderbekleidung - 6 Oberleutnant (Fliegertruppe) mit Fliegerschutzanzug - 7 Hauptmann
[Fliegertruppe) mit Mantel - 8 Wehrmachtbeamter mit Umhang [im Ofliziersrang] - #9 Generalfeldmarschall
- 10 Generolöberst - 11 General der Flieger - I2 Generolleutnont - 13 Generolmojor - 14 Öberst (Flieger:
ruppe) - 15 Öberstleuinont [Flakartilleriel - 1& Major [Lufinachrichtentruppe] - 17 Hauptmann (Flieger-
truppe) - 18 FI-Öberingenieur (Ingenieurkorps der Luftwaffe) - 19 Assistenzoret - M) Stabsfeldwebel
[Fliegertruppe) - 21 Öberfeldwebel (Regiment General Göring) - 22 Unterwachtmeister (Flokartillerie)
23 Unteroflizier (Fliegertruppe) - 24 Obergefreiter (Fliegertruppe) - 25 Gefreiter (Unteroflizieranwärter)
24 Flieger - 27 Sonderführer im Öffiziersrang - 33 Amtigehilfe (Wehrmachtbeomter im Feldwebelrang)]
49

Tatigkeitsabreichen für Mannschaften und Unterofliziere (am linken Unterörmel des Woflenröcs):
24 Verwoltungsunteroffizier 3% Gerötererwalter für Kraftfahrzeuggeröt - 31 Gerötevrerwalter für Flug:
zeuggerät- 32 Geröteverwalter für Scheinwerfergeröl - 33 Geröteverwolter für Luftnachrichlengerät -
34 Geprüfter Fernsprecher - 35 Geprufter Fernsprechunteroffizier - 3% Geprüfter Fernschreiber - Ge-
prüfter Fernschreibunteroffizier - 38 Kroftfohrergersonol - 39 Flugmeldepersonal - 40 Geprüfter Funker -
di Geprüfter Funkunteroflizier - 42 Geprüfter Peiltunker - 43 Geprüfter Horchfunkerunteroffizier - 44 Trup-
pennochrichtenpersonal 45 Feuerwerker 46 Woflenunterofliziere der Fliegertruppe und Luffnachrichten-
ruppe - 47 Woflaenunteroffiriere der Flokartillerie und Regt. General Göring - 48 Sanitätspersonol -
#7 Anwürlerobzeichen (hier für Geräteverw. Kfz. - 5 Fliegende: Personal - 51 Fliegertechn, Personal -
5? Flakörtillerieobzeichen - 53 Seemännisches militärische: Bocthpersonal
—
Le #
ee u m (Ei

Bi
[|

| „

| ’

= m a 7
ee ee u a —.

Er eh El

u FE EEE; Ta A ee u aa

Reichsmarscall

= Führer

Flakartillerie

A
|
A|
.z|

|

mn

Regiment Göring Luftnachrichtentruppe
Luftkrieg über dem Mittelmeer und Nordafrika 41

Während die Briten über Verbände verfügten, deren Besatzungen
im Kolonialdienst geschult, also mit den klimatischen Bedingungen
vertraut waren, mußten sich die deutschen Soldaten erst diesen
neuen Verhältnissen anpassen. Die britischen Luftstreitkräfte hatten
in Ägypten eine Grundlage für ihren Nachschub, während die deut-
schen Verbände Personal und Material auf dem Wege über das
Mittelmeer ersetzen und ergänzen mußten. Um so höher ist der
Erfolg zu werten, den die deutsche Luftwaffe im Verein mit dem
Afrikakorps und den italienischen Verbündeten gegen den in jeder
Hinsicht begünstigten Feind errangen.

Die Luftwaffe im Balkanfeldzug.

Zu Beginn des Feldzuges gegen Serbien und Griechenland wurde
die Luftwaffe zur Erkämpfung der Luftherrschaft eingesetzt. Bereits
am ersten Angriffstage meldete der Bericht des Oberkommandos
der Wehrmacht zahlreiche Angriffe auf serbische Flugplätze. Das
Ergebnis wurde mit dem Abschuß von 24 und der Zerstörung am
Boden von 44 feindlichen Flugzeugen verzeichnet. Damit hatte
bereits die an sich nicht sehr starke serbische Luftwaffe einen emp-
findlichen Schlag erhalten. Vom zweiten Angriffstage an unterstütz-
ten Teile der Luftwaffe das Vorgehen des Heeres durch Angriffe
gegen feindliche Ansammlungen, Kolonnen, Stellungen und Ver-
kehrsmittel. Gleichzeitig gingen die Angriffe auf die feindlichen
Flugplätze weiter. Bei einem Verlust von 7 eigenen Flugzeugen
wurden innerhalb der ersten zwei Tage rund 100 feindliche Flug-
zeuge vernichtet. Das beweist, daß in dieser kurzen Zeit die Luft-
überlegenheit bereits errungen war. An dieser Tatsache ändert es
auch nichts, daß der Feind am nächsten Tage den Versuch machte,
ungarische Streitkräfte anzugreifen, wobei er im übrigen 9 Flug-
zeuge im Luftkampf und durch Flakartillerie verlor. In der Zeit
vom 8. bis 13. April richtete sich die Wirkung der Kampfverbände
egen die mittlerweile nach Osten und Nordosten ausgewichenen
Teile der feindlichen Luftwaffe und ihrer Bodenorganisation. Als
Ergebnis verzeichnet der OKW.-Bericht vom 13.4. z.B. wieder
39 am Boden zerstörte feindliche Flugzeuge. Und doch liegt gerade
in dieser Zeit der Schwerpunkt für den Einsatz der Luftwaffe in der
Unterstützung des Heeres. Der Bericht vom 9.4. erwähnt u.a., daß
Sturzkampfflugzeuge und Flakartillerie bei der Durchbrechung der
Metaxaslinie mitwirkten. Das Vorgehen gegen Belgrad von Nor-
den her wurde durch die Luftwaffe vorbereitet, indem sie Ver-
42 Die neue Luftwaffe

kehrswege im Gebiet der Save zerschlug. Die aus der Steiermark
vorgehenden deutschen Heeresteile wurden in gleicher Weise unter-
stützt. Angriffe von Kampfverbänden erzielten Treffer in Trans-
portzügen und sperrten in den entscheidenden Tagen das Bahnnetz
für Truppenverschiebungen des Feindes. Am 13.4. richteten sich
vernichtende Angriffe von Jagd-, Kampf- und Sturzkampfverbän-
den gegen feindliche Marschkolonnen, die sich der Umklamme-
rung Belgrads entziehen wollten. An den folgenden beiden Tagen
wurden durch Luftangriffe schwere Zerstörungen in Truppenlagern
und Bahnanlagen von Sarajewo angerichtet.

Während so der Schwerpunkt des Einsatzes in der Zeit vom 6. bis
18. April über Serbien lag, wurde doch außerdem der Durchbruch
durch die Metaxaslinie am 9.4. von Sturzkampfflugzeugen und
Flakartillerie unterstützt. Zweifellos hat die Tätigkeit der Luft-
waffe auch für den so überraschend schnellen Vormarsch auf Salo-
niki eine ausschlaggebende Rolle gespielt. Erst verhältnismäßig
spät erscheinen in den Berichten Angaben über das Auftauchen
britischer Flugzeuge. Am 15.4. wurde der Abschuß von 6 Bristol-
Blenheim in der Nähe des Presba-Sees und ein Angriff auf einen
Flugplatz bei Athen gemeldet. Am folgenden Tage wurden 3 feind-
liche Flugzeuge im Luftkampf und weitere 17 am Boden zerstört.
Von nun an werden fast täglich im Luftkampf abgeschossene oder
am Boden zerstörte Feindflugzeuge gemeldet. Insgesamt belaufen
sich die Verluste der britischen und der griechischen Luftwaffe in
der zweiten Hälfte des Monats April auf etwa 160 Flugzeuge.
Während dieses Kampfes gegen die feindliche Luftwaffe wirkte auch
in Griechenland die deutsche Luftwaffe zur Unterstützung des Heeres.
Nach dem Bericht vom 20.4. waren Kampf- und Sturzkampfflug-
zeuge an den Einnahmen von Larissa und Trikkala beteiligt. Wäh-
rend am 15. 4. Truppenansammlungen bei Deskati zersprengt
wurden, brachten am 17.4. Sturzkampfflugzeuge dem bei Servia
zurückgehenden Feind schwere Verluste bei. Am 19. 4. wurden
feindliche Kolonnen in der Gegend von Larissa und Janina an-
gegriffen. So wird der Feind auch in der Luft verfolgt bis auf den
Peloponnes. Am 27.4. erfolgt ein Angriff auf feindliche Truppen
im Raume von Argos und Tripolis. Diese Kampfhandlung steht
offenbar im Zusammenhang mit dem Einsatz deutscher Fallschirm-
jäger an der Landenge von Korinth. Das Ergebnis dieser über-
raschenden Landung von Fallschirmtruppen war die Besetzung des
für die Verteidigung besonders geeigneten schmalen Übergangs
Die Luftwaffe im Balkanfeldzug 43

zum Pelöponnes und 900 Briten sowie eine große Zahl von schwe-
ren und leichten Geschützen als Beute. *

Da von Anfang an mit dem Bestreben der Engländer, wieder auf
ihre Schiffe zu gehen, gerechnet werden mußte, richteten sich Auf- .
‚klärung und Angriffe besonders auf die Häfen an der griechischen
Ostküste. Der Piräus, der Hafen von Athen und die Reede von
Salamis waren hierfür von besonderer Bedeutung. Luftangriffe am
9,, 12., 15. und 16. April erzielten Treffer in britischen Treibstoff-
lagern, setzten eine große Mühle in Brand und versenkten zahl-
reiche Kriegs- und Handelsschiffe. In der Zeit vom 9. bis 16. April
wurden 1 Zerstörer und 16 Handelsschiffe, die der Flucht der Briten
dienen sollten, allein im Hafen von Piräus vernichtet. Am 17. und
19. April wurden erfolgreiche Angriffe an anderen Teilen der grie-
chischen Ostküste und im Hafen von Chalkis gemeldet.

Die bereits in den Ebenen Polens, Hollands, Belgiens und Frank-
reichs bewährte Luftwaffe hat sich auch unter den volkommen an-
deren Verhältnissen des Balkans bewährt. Sie hat in engen Ge-
birgstälern und Schluchten den Erdtruppen den Weg für den Vor-
marsch geöffnet. Die Luftaufklärung hat alle Verstecke an der
buchtenreichen griechischen Küste ausgespäht. So gelang die Nie-
derwerfung der Feinde und die Verjagung der letzten Briten von
. europäischem Boden durch die wirksame Unterstützung des
Heeres durch die Luftwaffe innerhalb einer unvorstellbar kurzen
Zeitspanne.

Die Eroberung Kretas.

Die Trümmer des in Griechenland geschlagenen britischen Expe-
ditionsheeres hatten sich nach Kreta geflüchtet. Kreta sollte die
britische Stellung im östlichen Mittelmeer sichern. Alle taktischen
und strategischen Vorteile vereinigten sich hier auf seiten der Bri-
ten. Aus Ägypten waren große Mengen frischer und wohlaus-
gerüsteter Infanterie, Artillerie jeden Kalibers und Panzer aller
Art herübergebracht worden. Verbände der britischen Luftstreit-
kräfte hatten die Flugplätze bezogen. Bereit stand auch die britische
Mittelmeerflotte. Von Kreta aus sollte - einem Tagesbefehl des
neuseeländischen Generalmajors Freyberg zufolge - ganz Griechen-
land wieder erobert werden.

Unter diesen Umständen ist es verständlich, daß nicht nur Deutsch-
land, sondern die Welt aufhorchte, als das Oberkommando der
Wehrmacht bekanntgab: „Deutsche Fallschirmjäger und Luftlande-
44 Die neue Luftwaffe

truppen stehen seit den frühen Morgenstunden des 20. Mai auf der
Insel Kreta im Kamp£ gegen Teile des britischen Heeres. In kühnem
Angriff aus der Luft eroberten sie, unterstützt durch Jagd-, Zer-
störer-, Kampf- und Sturzkampffliegerverbände taktisch wichtige
Punkte der Insel. Nach weiterer Verstärkung durch Verbände des
‚Heeres gingen die deutschen Truppen zum Angriff über. Bald war
der Westteil der Insel fest in deutscher Hand. Die deutsche Luft-
waffe zerschlug den Versuch der britischen Flotte, in die Entschei-
dung um Kreta einzugreifen, vertrieb sie aus dem Seegebiet nörd-
lich Kreta, versenkte und beschädigte eine große Anzahl feind-
licher Kriegsschiffe und errang die Luftherrschaft über dem gesam-
ten Kampfraum!“

Der Inhalt dieses Wehrmachtberichts ist das Ergebnis eines sorg-
fältig durchdachten und vorbereiteten Planes, in dem die unermüd-
liche und aufopferungsvolle Arbeit der Fernaufklärer eine be-
deutende Rolle spielte. Als in der Morgendämmerung die deut-
schen Kampf- und Sturzkampfverbände vom griechischen Festland
zum Angriff gegen Kreta starteten, wußte jeder Flugzeugführer
genau, welches Ziel er anzufliegen hatte, wie es aussah und mit
welcher Abwehr zu rechnen sein würde. Über das Ägäische Meer
brausten an jenem 20. Mai die Verbände der deutschen Kampf-
flieger. Die Sturzkampfflugzeuge stürzten sich mitten hinein in das
Trommelfeuer der wild schießenden britischen Flakbatterien an
Kretas Küste. Dann zeigten gewaltige Rauchpilze, Explosionen und
Feuerschein von der Wirkung der schweren Bomben. Kaum war
die erste Welle vorüber, so war der Himmel abermals voller Flug-
zeuge. Ungeheuer war ihre Zahl. Sie drückten herab und brausten
im Tiefflug auf die Insel zu - deutsche Transportmaschinen, dicht
besetzt mit Fallschirmjägern. Die englische Flakartillerie feuerte
aus allen Rohren. Aber die Transporter kehrten sich nicht daran,
sondern flogen gleichmäßig weiter, verlangsamten dann ihren Flug,
um den Fallschirmjägern den Absprung zu erleichtern. Ganze Wol-
ken von weißen Fallschirmen senkten sich auf die Erde nieder.
Noch während sie herabschwebten, warfen die Fallschirmjäger
Handgranaten und feuerten aus ihren Maschinenpistolen. Der Erd-
kampf begann. Während die deutschen Truppen in erbittertem
Kampf Stück um Stück des bergigen Geländes an sich rissen, führten
die Transportflugzeuge immer neue Verstärkungen heran. In letzter
Stunde setzte England seine Mittelmeerflotte ein. Nördlich Kreta
wurde deren Entlastungsvorstoß von deutschen Kampf- und Sturz-
Die Eroberung Kretas 45

kampffliegerverbänden abgefangen. Zahlreiche Kriegsschiffe wurden
versenkt. Dieser Schlag vernichtete den Glauben an die Unbesieg-
barkeit und unterhöhlte das Vertrauen in den Schutz durch eine
starke Kriegsflotte.

Nach einer Woche war in engem’ Zusammenwirken zwischen flie-
genden Verbänden einerseits und Gebirgsjägern, Fallschirmjägern .
und Luftlandetruppen andererseits der Feind aus seinen Stellungen
bei Canea geworfen. Der Versuch der Briten, sich von der Haupt-
stadt aus zurückzuziehen, wurde durch die Luftwaffe verhindert,
der es gelang, in der Suda-Bucht 4 Transporter zu versenken und
2 weitere schwer zu beschädigen. Am 1.Juni, 13 Tage nach dem
ersten Absprung deutscher Fallschirmjäger über Kreta, wurde
- nachdem sich kurz zuvor deutsche und italienische Truppen die
Hand gereicht hatten - der letzte Stützpunkt der geschlagenen Bri-
ten, der Hafen Sfakia, besetzt. Damit war die ganze Insel vom
Feinde frei.

Rückblick und Ausblick.

Der Aufbau der neuen Luftwaffe ist als unmittelbare Folge des
politischen Weitblicks des Führers anzusehen. Als erste Macht hat
Deutschland die kampfentscheidende Bedeutung einer starken Luft-
waffe erkannt und danach gehandelt.
Die neue Luftwaffe ist das Schulbeispiel einer Gemeinschaftsleistung.
Wissenschaftler und Forscher erzielten in unermüdlichem Fleiß
wertvolle Erkenntnisse als Voraussetzungen für den Aufbau der
Luftwaffe. Die Rüstungsbetriebe mit ihren Ingenieuren und Tech-
nikern, mit ihren Einfliegern und dem Heer der Facharbeiter liefer-
ten Flugzeuge, Waffen, Gerät und Ausrüstung in beispielloser Güte
und Menge. Flieger-HJ. und NS.-Fliegerkorps sorgten für vor-
militärische Ausbildung und für Nachwuchs. Alte und junge Sol-
daten, Ingenieure und Beamte, Angestellte und Arbeiter halfen in
eiserner Pflihterfüllung, den dritten Wehrmachtteil zu dem Werk-
_ zeug zu gestalten, dessen Großdeutschland in dem ihm aufgezwun-
genen Kampf um sein Recht und sein Dasein bedarf. Das beweist
der bisherige Ablauf des jetzigen Krieges.
Wohl haben auch Heer und Kriegsmarine im Vergleich zum Welt-
krieg ihre Kampfverfahren geändert und erweitert. Allein die Luft-
. waffe hat sich von einer Hilfswaffe des Heeres, die sie im Weltkrieg
46 Die neue Luftwaffe

war, zu einem selbständigen Wehrmachtteil entwickelt, der aus
sich heraus in der Lage ist, den Kampf allein und entscheidend zu
führen. Ein Vergleich der Leistungen und Zahlen der Fliegertruppe
des Weltkrieges mit denen der neuen Luftwaffe im jetzigen Kriege
ist mit Rücksicht auf die grundlegende Änderung der Verhältnisse
nicht möglich. Es genügt aber auch, die Erfolge der Luftwaffe im
jetzigen Kriege rückschauend zu betrachten, um daraus auf ihre
weitere kriegsentscheidende Wirkung schließen zu können.

Nachdem Polen, Norwegen, Holland, Belgien, Frankreich, Serbien
und Griechenland niedergeschlagen wurden, steht die Luftwaffe
gemeinsam mit Heer und Kriegsmarine im harten aber siegreichen
Kampf gegen Sowjet-Rußland. Danach hat die deutsche Luftwaffe
nur noch ein Ziel: Britannien. So fliegen nach wie vor deutsche
Kampf- und Sturzkampfgeschwader, Jagd- und Zerstörerverbände
gegen England und seine Stützpunkte und Schiffe. Vernichtete Flug-
platzanlagen, am Boden zerstörte und im Luftkampf abgeschossene
Flugzeuge sind das für die britischen Luftstreitkräfte schmerzliche
Ergebnis. Darüber hinaus gehen die Luftangriffe auf die für den
Feind kriegswichtigen Hafenanlagen und Rüstungsbetriebe weiter.
Die dauernde Versenkung von Schiffsraum und die Vernichtung
von Vorrats-, insbesondere Betriebsstofflagern, beeinträchtigen
wirksam den feindlichen Nachschub. Im Eismeer ebenso wie weit
draußen im Atlantik führen Fernkampfflugzeuge im Zusammen-
wirken mit Unterseebooten und anderen Streitkräften der Kriegs-
marine den Kampf gegen die Überseeverbindungen des britischen
Reiches. Deutsche Bomben und Bordwaffen treffen den Feind im
Mittelmeer und in Afrika, wo immer sie ihn finden.

Die deutsche Luftwaffe wird mit Heer und Kriegsmarine auch den
Zusammenbruc des letzten Feindes erzwingen.
47

Die Waften des Kriegsflugzeuges

In der Frühzeit seiner Entwicklung bildete das Kriegsflugzeug mit
seiner Bewaffnung noch keine vollkommene Einheit. Das Flugzeug
war zuerst entstanden mit dem einzigen Zweck, sich im Luftraum
bewegen zu können, und erst später hatte es, nachdem seine mili-
tärische Bedeutung feststand, Waffen als erwünschte Beigabe er-
halten. Heute bilden das Kriegsflugzeug und seine Waffen eine
unlösbare Einheit. Bauform des Flugzeuges und Bewaffnung sind
aufeinander abgestimmt; das Wichtigste sind die Waffen, das Flug-
zeug selbst ist nur das Mittel, um sie an den Feind zu bringen.
Grundsätzlich sind zu unterscheiden: Bordwaffen und Abwurf-
waffen. Erstere sind Schußwaffen, die der Bekämpfung von Luft-
und Erdzielen dienen; zu den letzteren zählen in der Hauptsache
die Bomben mit den dazugehörigen Abwurfeinrichtungen.

Bordwaffen.

Als Schußwaffen für Flugzeuge sind nur selbsttätig arbeitende
Maschinenwaffen tauglich. Da infolge der hohen Fluggeschwindig-
keiten das Schießen vom Flugzeug aus auf ein bestimmtes Ziel
sich im allgemeinen in sehr kurzer Zeit abspielt, kann die ge- _
wünschte Feuerwirkung nur durch hohe Feuergeschwindigkeit und
eine Vielzahl von Waffen erreicht werden. Besonders starre Waffen
werden daher meist in mehrfacher Anzahl angeordnet, und auch
bewegliche Waffen werden neuerdings immer häufiger in Mehrfach-
lafetten zusammengefaßt eingebaut, um die Feuerwirkung zu ver-
vielfachen.

Als Bordwaffen finden Verwendung luftgekühlte Maschinen-
gewehre (MG.) bis zu einem Kaliber von rund 8 mm und über-
schwere Mg.s bis zu einem Kaliber von etwa 13,7 mm. Diese
Maschinenwaffen verfeuern Vollgeschosse mit einer Feuergeschwin-
digkeit von 1000 bis 1200 Schuß je Minute.

Zum Überprüfen der Schußlage ist es üblich, in die Munition in
regelmäßigen Abständen Leuchtspurgeschosse einzustreuen. Die
Wirkung der kleinkalibrigen Maschinenwaffen ist gegen lebende
Ziele ausreichend, aber nicht immer gegen tote Ziele, wie z.B.
Fahrzeuge und Flugzeuge.
48 Die Waffen des Kriegsflugzeuges

Aus diesem Grunde ist man bereits im Weltkriege dazu über-
gegangen, Maschinenkanonen (MK.) als Bordwaffen heranzu-
ziehen, und zwar überwiegend. vom Kaliber 20 mm. Diese Kanonen
verfeuern mit empfindlichen Aufschlagzündern versehene Spreng-
geschosse, die beim Auftreffen zerspringen und weitaus stärkere
Zerstörungen anrichten als Treffer kleinkalibriger Vollgeschosse.
Flugzeuge, die von solchen Sprenggeschossen getroffen werden,.
erleiden mindestens schwere Beschädigungen, wenn sie nicht sofort
der Vernichtung anheimfallen. Seitdem die zunehmenden Abmes-
sungen der Kampfflugzeuge in Verbindung mit dem Übergang zur
Ganzmetallbauweise die Wirkung kleinkalibriger Vollgeschosse
immer mehr herabgesetzt haben, ist die Flugzeugkanone in den
Vordergrund getreten. Sie bildet besonders bei Jagdflugzeugen,
deren wichtigste Aufgabe die Bekämpfung feindlicher Kampfflug-
zeuge ist, die Hauptbewaffnung. Bei Beginn dieses Krieges verfügte
die deutsche Luftwaffe fast allein über Jagdflugzeuge mit Kanonen-
ausrüstung; ihr britischer Gegner ist erst sehr viel später zur Ver-
wendung von Flugzeugkanonen übergegangen.

Starre Bordwaffen.

Die ersten Waffeneinbauten bei Flugzeugen waren behelfsmäßiger
Art. Man versuchte, zuerst mit einfachen Handfeuerwaffen und
später mit drehbar angeordneten, beweglichen Maschinengewehren
den Gegner in der Luft zu bekämpfen. Es zeigte sich sehr bald und
wird auch durch die Überlegung bestätigt, daß die Treffgenauigkeit
beim Schießen vom Flugzeug aus dann am größten ist, wenn Flug-
richtung und Schußrichtung zusammenfallen; in diesem Falle näm-
lich braucht beim Zielen die Eigengeschwindigkeit nicht berück-
sichtigt zu werden, die sonst, etwa beim Schießen seitwärts zur
Flugrichtung, das Treffen erheblich erschwert.

Am einfachsten wird also das Schießen aus dem Flugzeug, wenn
eine Waffe fest in der Flugzeuglängsachse oder parallel dazu ein-
gebaut ist. Der Schütze kann dann nicht mehr mit der Waffe selbst
zielen, sondern muß das ganze Flugzeug auf das Ziel richten; mit
anderen Worten, der Schütze muß gleichzeitig Flugzeugführer sein.
Dementsprechend sind starre Waffen immer in Flugrichtung schie-
ßend angeordnet und werden vom Flugzeugführer selbst bedient,
der dadurch zielt, daß er sein Flugzeug unmittelbar auf das Ziel
zusteuert. Starre Bordwaffen sind daher ausgesprochen für den
Angriff brauchbar.
Starre Bordwaffen . 49

Die natürliche Stelle für den Einbau starrer Bordwaffen im Flug-
zeug liegt in der Nähe der Flugzeuglängsachse, d.h. im Rumpf.
Bevor jedoch an die praktische Verwendung im Rumpf starr ein-
gebauter MG.s bei einmotorigen Flugzeugen üblicher Bauart zu
denken war, blieb die Aufgabe zu lösen, wie die Waffen vom
Rumpf aus nach vorn feuern können, ohne dabei die davorliegende,
schnell umlaufende Luftschraube zu treffen.

Diese Aufgabe wurde bereits im Weltkriege in Deutschland gelöst
und das Ergebnis später von allen kriegführenden Staaten über-
nommen. Um das Schießen von Maschinengewehren durch den
Luftschraubenkreis ohne Gefahr für die Luftschraube selbst zu er-
möglichen, werden die Waffen derart gesteuert, daß ein Schuß
nur dann freigegeben wird, wenn gerade kein Luftschraubenblatt
vor der Gewehrmündung steht. Eine solche Steuerung kann vom
Motor her entweder über eine Steuerwelle auf mechanischem Wege
erfolgen, oder auch mit Hilfe hydraulischer, pneumatischer oder
elektrischer Einrichtungen.

Wiewohl sich die Steuerung starrer Bordwaffen auf das beste be-
währt hat und auch heute noch in großem Umfange angewendet
wird, ergaben sich doch mit der fortschreitenden Leistungsverbes-
serung der Flugzeuge gewisse Schwierigkeiten. Wenn nämlich im
Luftkampf Sturzflüge ausgeführt werden, so haben diese unter Um-
ständen eine erhebliche Steigerung der Luftschraubendrehzahl zur
Folge. Bei gesteuerten Maschinenwaffen muß nun aber die erhöhte
Drehzahl zwangsläufig eine schnellere Schußfolge herbeiführen;
können die Waffen jedoch eine erhöhte Schußleistung nicht mehr
aufbringen, so treten naturgemäß Störungen auf. Außerdem ist die
Anordnung mehrerer Waffen im Rumpf und die Unterbringung
eines genügenden Munitionsvorrates begrenzt; mehr als 2 MG.s
sind beispielsweise beim einmotorigen Flugzeug nur schwer ein-
zubauen. Deshalb ist man im Kriegsflugzeugbau dazu übergegan-
gen, die starren Bordwaffen teilweise oder ganz außerhalb
des Luftshraubenkreises im Flügel einzubauen und un-
gesteuert feuern zu lassen. Letzteres ist beispielsweise bei den
englischen Jagdflugzeugen vom Muster „Spitfire‘ und „Hurricane“
der Fall. deren Flügel auf jeder Seite 4 MG.s trägt. Nur bei
zwei- oder viermotorigen Flugzeugen besteht hierzu keine Ver-
anlassung, weil der freie Rumpfbug genügend Raum für mehrere
starre Bordwaffen bietet und die Luftschrauben der Flügelmotoren
nicht stören.
50 Die Waffen des Kriegsflugzeuges

Für Flugzeugkanonen ist ein Einbau im Rumpf und ein Schießen
durch den Luftschraubenkreis überhaupt nicht möglich. Die Gefahr
eines Versagens der Waffensteuerung ist naturgemäß nie ganz
auszuschalten. Trifft aber einmal ein Sprenggeschoß einer Kanone
ein Luftschraubenblatt, so wird dies zu einer schweren Beschädi-
gung des Flugzeuges und mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem
Absturz führen. Daher werden Flugzeugkanonen grundsätz-
lich so eingebaut, daß sie ungesteuert und nicht zwiscien den
umlaufenden Luftschraubenblättern hindurchschießen. Vielmehr
werden sie bei Einmotorenflugzeugen entweder im Rumpf in Ver-
bindung mit einem sogenannten Kanonenmotor eingebaut oder im
Flügel außerhalb des Luftschraubenkreises. Beim Anbau an einen
Kanonenmotor feuert die Kanone durch eine hohle Luftschrauben-
welle, also mitten durch die Luftschraubennabe. Der Motor selbst
ist, um dies zu ermöglichen, so ausgebildet, daß seine Kurbelwelle
über ein Getriebe die gesondert angeordnete und über oder unter
dem Motorgehäuse liegende Luftschraubenwelle antreibt. Diese
Art einer Motorkanone ist bisher nur bei Triebwerken in Reihen-
bauart verwirklicht worden.

Vor ihrer Verwendung im Flugzeug müssen starre Bordwaffen
sorgfältig eingerichtet werden, damit sie genau in Flugrichtung
feuern. Da viele Flugzeuge mehrere starre Waffen besitzen, die
nicht alle in der Längsachse, sondern nur parallel dazu eingebaut
werden können, werden diese so ein-
gerichtet, daß sich ihre Schußgarben
in einem bestimmten Punkt vor dem
Flugzeug kreuzen. Auf diese Weise
wird für die günstigste Schußenttfer-
nung eine zusammengefaßte Feuer-
wirkung erreicht. Die Munitions-
zuführung bei starr eingebauten
Flugzeugwaffen erfolgt in der Regel
mit Hilfe von Gurten, die es gestat-
ten, einen beträchtlichen Vorrat an
Munition unterzubringen. Das A us-
lösen der Waffen erfolgt im allge-
meinen durch Betätigung von Druck-
knöpfen an der Steuersäule im Führer-
Reflexvisier für Jagdflugzeug raum des Flugzeuges. Bei neuzeit-

Bewegliche Bordwaffen 51

lichen Einbauten ist die Bedienung der Waffen, z.B. Behebung von
Ladehemmungen, auch dann möglich, wenn die Waffen vom Flug-
zeugführer nicht unmittelbar zu erreichen sind. Hierzu gibt es
Fernbetätigungsanlagen, mit deren Hilfe auch im Flügel eingebaute
Waffen bedient werden können.

Für das Zielen mit dem ganzen Flugzeug, wie es bei der Verwen-
dung starrer Bordwaffen erforderlich ist, bedient sich der Flugzeug-
führer besonderer Visiereinrichtungen. Die früher üblich gewesenen
einfachen Visiere sind heute meist durch hochwertige optische
Geräte, wie z.B. Reflexvisiere, ersetzt.

Bewegliche Bordwaffen.

Obwohl starre Bordwaf-
fen große Vorteile bie-
ten, so läßt sich doch
auf bewegliche Waffen
nicht verzichten. Denn
mit starren Waffen kann
man wohl angreifen, aber
sich im Luftkampf nicht
verteidigen. Flugzeuge,
die sih dem Angriff
des Gegners durch über-
legene Geschwindigkeit
oderbessereSteigleistung Flugzeug-MGC. in Kuppellafette für Bugstand
nicht entziehen können,

wie z.B. Kampfflugzeuge oder solche, die ihren Flug zur Erfül-
lung ihres Auftrages unbeirrt fortsetzen müssen, wie z.B. Auf-
klärungsflugzeuge, werden daher mit beweglihen Abwehr-
waffen ausgerüstet.

Als solche finden überwiegend Maschinengewehre Verwendung.
Maschinenkanonen werden nur selten, und zwar bei größeren
Kampfflugzeugen, eingebaut, die in der Lage sind, die erforderliche
schwere Kanonenlafette aufzunehmen.

Die beweglihen Maschinenwaffen ruhen in Lafetten, die ein
Bewegen der Waffen über einen bestimmten Bereich ermöglichen;
meist genügt es, wenn von den Waffen ein beschränktes Schußfeld
bestrichen werden kann. Von den verschiedenen Lafettenarten sind
als wichtigste zu nennen die Drehkränze und die Schwenklafetten.

52 Die Waffen des Kriegsflugzeuges

Die Drehkränze werden in der Regel auf dem Rumpfrücen ein-
gebaut und gestatten ein Drehen der dazugehörigen Waffe nach
den Seiten. Bei den Schwenklafetten sind die Waffen gewöhnlich
in einem beschränkten Bereich um einen Zapfen nach allen Rich-
tungen drehbar. Besondere Lafettenbauarten finden sich beispiels-
weise im Rumpfboden großer Kampfflugzeuge; es sind die soge-
nannten Bodenlafetten (Bolas), die das Schießen nach unten, also
auch den Angriff auf Erdziele, ermöglichen.

Bei neuzeitlichen Flugzeugen mit hoher Geschwindigkeit ist es er-
forderlich, die Schützen dem starken Flugwind zu entziehen. Daher
sind die Waffenstände mehr oder minder durch Hauben oder
Kuppeln abgedeckt. Vielfach sind diese Windschutzverkleidun-
gen mit den Lafetten der beweglichen Waffen vereinigt und bilden
dann z.B. die sogenannten Kuppel- oder Linsenlafetten.

Eine besondere Art von beweglichen Waffeneinbauten hat sich im
englischen Flugzeugbau herausgebildet. Dort sind bei größeren
Kampfflugzeugen motorgetriebene Kupellafetten, auch MG.-Türme
genannt, in Gebrauch, die bis zu 4 Maschinengewehre vereinigen
und sich vom Schützen mit Hilfe von Elektromotoren oder Druck-
ölantrieb bewegen lassen. Besonders als Heckstände am Rumpf-
ende sind derartige motorgetriebene Kuppeln üblich.

Tede bewegliche Bordwaffe oder jede in einer Mehrfachlafette zu-
sammengefaßte Gruppe von Waffen muß von einem besonderen
Schützen bedient werden. Je nachdem, wo die Waffe eingebaut ist,
muß der Schütze die Waffe stehend, kniend oder liegend bedienen.
Gezielt wird entweder über Visiere mit Kreiskorn oder über
optische Visiere, die eine Berücksichtigung der Ziel- und Eigen-
bewegung gestatten. Die Munitionszuführung bei beweglichen
Waffen erfolgt in der Regel aus Trommeln, kann jedoch auch durch
Gurte vorgenommen werden, die durch bewegliche Zuleitungs-
schläuche laufen.

Anordnung der Bordwaffen.

Flugzeuggattungen, die in der Hauptsache dem Angriff auf Luft-
ziele dienen, also Jagd- und Zerstörerflugzeuge, sind ganz oder
überwiegend mit starren Bordwaffen ausgeri.stet.

Jagdeinsitzer haben gewöhnlich 2 bis 8 starre MG.s, von
denen 2 im Rumpf eingebaut sein können. Für Jagdeinsitzer, die
mit Kanonen bestückt sind, ist üblich eine Anordnung, die ent-
weder 1 ungesteuerte Motorkanone und 2 ungesteuerte Flügel-
Anordnung der Bordwaffen - Abwurfwaffen | 53

MG.s zeigt, oder gesteuerte MG.s im Rumpf und 2 ungesteuerte
Kanonen im Flügel.

Zerstörer (oder Jagdmehrsitzer) haben als Zweimotorenflugzeuge
sämtliche starren Waffen im Rumpfbug angeordnet. Üblich. sind
2 Kanonen und mindestens 2 MG.s; dazu kann auf dem Rumpf-
rücken für die Verteidigung ein bewegliches MG. oder Doppel-MG.
kommen.

Aufklärungsflugzeuge werden vielfach mit 1 bis 2 gesteuer-
ten starren MG.s im Rumpf und einem beweglichen MG. zur Ver-
teidigung nach hinten ausgerüstet. Ähnlich pflegt die Bordbewaff-
nung von anderen Zweisitzern zu sein, z.B. von Sturzkampf-
flugzeugen.

Anders verhält es sich mit den Flugzeugen, die ausschließlich dem
Angriff auf Bodenziele dienen und einen Luftkampf nur in der
Verteidigung führen können. Sie sind durchwegs nur mit beweg-
lichen Waffen ausgerüstet.

Zu ihnen rechnen in erster Linie die Kampfflugzeuge. Diese
zeigen eine Vielfalt von Waffenanordnungen; am häufigsten ist.
eine Bewaffnung, die aus je einem MG. oder Doppel-MG. im
Rumpfbug, auf der Rumpfoberseite und an der Rumpfunterseite
besteht; die Waffen auf und unter dem Rumpf sind vielfach auch
zu einem Heckstand am Rumpfende hinter dem Leitwerk zusam-
mengefaßt. Mit dieser Bewaffnung ist grundsätzlich eine Verteidi-
gungsmöglichkeit nach allen Richtungen gegeben.

Die beweglichen Bordwaffen des Kampfflugzeuges, die im Bug und
unter dem Rumpf angeordnet sind, dienen außer zur Verteidi-
gung gegen Jagdangriffe auch zum Beschuß von Erdzielen, ebenso
wie andererseits Jagd- und Zerstörerflugzeuge mit ihren starren
Waffen neben Luftzielen auch Bodenziele sehr wirkungsvoll an-
greifen können.

Abwurfwaffen.

Als die Bedeutung des Flugzeuges zum gezielten Abwurf von
Sprengkörpern erkannt worden war, entstanden hierfür zunächst
verhältnismäßig sehr einfache und wenig wirkungsvolle Bomben.
Erst allmählich wurde dann die nach strömungs- und waffentech-
nischen Grundsätzen entwickelte Bombe zu dem Kampfmittel, wie
es in diesem Kriege in größtem Maße Verwendung findet. Nach
der Bombe wurde der Flugzeugtorpedo geschaffen und in jüngster
Zeit die aus dem Flugzeug über See abgeworfene Mine.
2)

BEWESLICHES M@. rn
MUNITIONSTROMMELN j

__ y
STARRES M®. urENUUGUESSEEE S \

STERNMOTOR
STROMERZEUGSER

Aufklärungsflugzeug Henschel Hs 126
as

BEWEGLICHES MY. \

VBRSTELL-"
LUFTSCHRAUBE

LANDEKLAPPE

WASSERKÜHLER
BOMBE IN ABWURFLAGE

FEDERBEIN

BOMBEN UNTER DEM ELÜGEL
. STURZFLUGBREMSE .

Sturzkampfflugzeug Junkers Ju 87

SS
. i = Verstellbares Luft- Nr. 11 = Gepanzerte Wind- Dr 20 = Gashebel

schraubenblatt schutscheibe: r.21 = Einschiebbare

. 2 Luftschraubenkappe Nr. 12= Schiebehaube Einstiegleiter

. 3== Luftschraubennabe (abwerfbar) ° Nr. 22 = Hauptholm

. 4= Lüfterrad Nr. 13 = Antenne Nr. 23 = Motor BMW 801

. 5 = Panzerringu. Olkühler Nr. 14 = Seitenflosse Nr. 24 = Kanone

. 6 = Staurohr Nr. 15 = Seitenruder Nr. 25 = Einschwenkbares
Nr. 7=MG Nr. 16 = Höbenruder Fahrgestell

. 8= Querruder Nr. 17 = Höhenflosse Nr. 26 — Bremsrad

. 9= Trimmkante Nr. 18 = Spornrad Nr. 27 = Positionslicht

.10>= Motortraggerüst Nr. 19 = Führersit Nr. 28 = Randkappe

85
Abwurfwaffen 59

Bomben.
Ihrer Zweckbestimmung nach gibt es verschiedene Arten von Bom-
ben. Die wichtigsten sind: die Sprengbombe und die Brandbombe;
von untergeordneter Bedeutung, weil nur ein Hilfsmittel beim
Bombenwurf, ist die Leuchtbombe.
An Sprengbomben verwendet jede Luftwaffe im allgemeinen
verschiedene Arten und Kaliber, Bei der deutschen Luftwaffe wird
außerdem noch unterschieden zwischen Splitterbomben und Minen-
bomben.
Die Splitterbombe, gewöhnlich im Gewicht von 10kg, wird
gegen lebende Ziele eingesetzt. Bei verhältnismäßig großer Wand-
stärke enthält sie nur eine kleine Sprengstoffmenge, zerlegt sich
aber in sehr viele kleine Splitter.
Die größeren Bombenarten, die bei der deutschen Luftwaffe im
Gewicht von 50kg, 250kg, 500kg und mehr üblich sind, zählen
zu den Minenbomben. Bei diesen beträgt der Anteil des Spreng-
stoffs-am Gesamtgewicht etwa die Hälfte; der Mantel ist nur so
stark bemessen, daß er beim Eindringen der Bombe in die Erde der
Beanspruchung standhält. Minenbomben werden gegen tote Ziele
eingesetzt und wirken in der Hauptsache durch den von der hohen
Sprengladung erzeugten starken Druck. Schwere Bomben sind im-
stande, auch größte Bauwerke, Befestigungsanlagen, gepanzerte
Fahrzeuge und Schiffe zu vernichten.
Brandbomben sind fast durchwegs verhältnismäßig kleine Ab-
wurfkörper von etwa 1
bis 10 kg. Beim Auf- —
schlag auf den Boden zer-
springen sie nicht, son-
dern verbrennen einige

Minuten lang unter Ent-

wicklung sefir großer h

Hitze. Vielfach findet o

als Brandsatz für Brand-

bomben Thermit Ver-

wendung, das nicht mit /

Wasser, sondern nur mit B00Kg 2350xg S5OKg 10Kg Ikg
jand a en Bomben der deutschen Luftwaffe.

den Brandbomben in grö- Links: Minenbomben ; rechts: 10-kg-Splitter-

ßeren Mengen zugleich bomben und 1-kg-Brandbombe
60 Die Waffen des Kriegsflugzeuges

abgeworfen, um möglichst viele Brandherde entstehen zu lassen.
Leuchtbomben dienen nicht der Zerstörung, sondern der Er-
hellung des Erdbodens, damit der Kampfflieger bei Nacht sein Ziel
finden und zum Bombenwurf anfliegen kann. Eine Leuchtbombe
besteht im allgemeinen aus einem zylindrischen Blechkörper mit
einem Leuchtsatz, der unter starker Lichterscheinung abbrennt.
Damit die Leuchtbombe nur langsam zu Boden schwebt und mög-
lichst lange ihr Licht verbreitet, hängt sie an einem Fallschirm,
der sich nach dem Abwurf entfaltet.

Zur Entzündung werden Bomben durch Aufsclagzü nder ge-
bracht, deren Eigenart darin besteht, daß sie vor dem Abwurf
vollkommene Sicherheit bieten; dies ist notwendig, weil die Bom-
ben beim Abflug oder gegebenenfalls auch bei einer Landung
starken Stößen und Erschütterungen ausgesetzt sind. Von einem
guten Bombenzünder muß daher verlangt werden, daß er erst dann
scharf wird, wenn die Bombe das Flugzeug verlassen hat. Bei der
deutschen Luftwaffe sind elektrische Zünder im Gebrauc. Ihre
Wirkungsweise beruht darauf, daß beim Abwurf ein Speicher-
kondensator im Zünder aus der Bordbatterie elektrisch aufgeladen
wird; wenn die Bombe bereits das Flugzeug verlassen hat, fließt
‚von diesem Speicherkondensator ein elektri-
scher Strom im Verlaufe einiger Sekunden zu
dem eigentlichen Zündkondensator, der dann
beim Auftreffen auf den Boden die Zündung
auslöst. Damit ist jede Möglichkeit einer ver-
frühten Zündung ausgeschaltet. Je nach Bedarf
können Bombenzünder vor dem Abwurf so
eingestellt werden, daß die Entzündung des
Sprengstoffes mit oder ohne Verzögerung er-
folgt. Die Einstellung mit Verzögerung wird
gewählt, wenn eine Bombe zur Vergrößerung
ihrer Minenwirkung vor dem Zerspringen tief
in das Erdreich eindringen soll, oder bei Tief-
angriffen, damit das Flugzeug nicht mehr von
den Sprengstücken der Bombe getroffen wird.
Als Besonderheit sind ferner die sogenannten
Langzeitzünder zu erwähnen, die die Zündung

500-kg-Minenbomben.mit 2 Seitenzündern im Schnitt
Abwurfwaffen . 61

der Bombe erst nach Stunden oder gegebenenfalls erst nach Tagen
auslösen. .

Die Unterbringung von Bomben im Flugzeug kann auf ver-
schiedene Art und Weise erfolgen. Kleinere Bomben können in
Magazinen gelagert werden, die sich im Rumpfinnern befinden
und mehrere Bomben zugleich aufnehmen. Größere Bomben werden
vielfach einzeln imRumpfanAufhängegeschirren befestigt, und
sehr große Bomben werden gegebenenfalls unter dem Rumpf auf-
gehängt. Auch unter dem Flügel ist bei manchen Flugzeugmustern
die Befestigung von Bomben möglich.

Die Bomben-Aufhängevorrichtung muß eine sichere Befestigung
und Auslösung ermöglichen. Bei neuzeitlichen Flugzeugen lassen
' sich die Bomben einzeln oder in regelmäßigen kurzen Abständen
hintereinander (Reihenwurf) auslösen. Zur Ausführung von Reihen-
würfen gibt es besondere Abwurfgeräte, die sogenannten Reihen-
abwurfautomaten, die selbsttätig eine Bombe nach der anderen in
Bruchteilen einer Sekunde zum Abwurf bringen.

Die beim Bombenwurf verwendeten Zielgeräte, die früher von
einfachen mechanischen Visieren gebildet wurden, sind heute zu
sehr leistungsfähigen optischen Geräten weiterentwickelt worden.
Diese unter der Bezeichnung Bombenfernrohre oder ‚Lotfernrohre‘
bekannten Zielgeräte arbeiten weitgehend selbsttätig. Sie bestim-
men, wenn sie einmal auf den Zielpunkt eingestellt sind, von
selbst den notwendigen Vorhaltewinkel und lösen gegebenenfalls
auch selbsttätig den Bombenabwurf aus. Die mit derartigen Bom-
benzielgeräten erreichte Treffgenauigkeit ist außerordentlich hoch.

Flugzeugtorpedos.

Die erstmalig im jetzigen Krieg in größerem Umfange zur Ver-
wendung gekommenen Flugzeugtorpedos dienen ausschließlich zum
Angriff auf Seefahrzeuge. Der aus dem Flugzeug abgeworfene
Torpedo unterscheidet sich in seinem grundsätzlichen Aufbau nicht
von dem bei der Kriegsmarine verwendeten: Im Wasser befindlich,
läuft er mit eigener Kraft in der gleichen Richtung weiter, in der
er in das Wasser eingetaucht ist. Eine Seiten- und Tiefensteuer-
vorrichtung sorgt dafür, daß er die beim Abwurf gewählte Rich-
tung und die vorbestimmte Lauftiefe einhält.

Dementsprechend erfolgt der Angriff eines Torpedoflugzeuges so,
daß dieses das angegriftene Seefahrzeug unter dem von Geschwin-
digkeit des Zieles und Abwurfentfernung abhängigen Vorhalte-
62 | Die Waffen-der Flakartillerie

winkel anfliegt. Aus der vorherbestimmten Entfernung wird dann
aus niedriger Höhe der Torpedo gelöst und taucht nach kurzem
Fall in Angriffsrichtung in’ das Wasser ein.

Die Waffen der Flakartillerie

Die Entwicklung besonderer Waffen zur Bekämpfung von Flug-
zielen wurde in Deutschland bereits längst vor dem Weltkriege
aufgenommen. Weil damals das Flugzeug als Waffe noch keme
Bedeutung besaß, sollten die in jener Zeit geschaffenen Sonder-
‘ waffen vorzugsweise der Bekämpfung von Ballonen und Luftschif-
fen dienen; sie trugen daher auch die Bezeichnung „Ballonabwehr-
kanonen“. Als Grundlage dienten die beim Heer verwendeten
leichten Feldgeschütze, denen durch besondere bauliche Ausgestal-
tung ein größeres Seiten- und Höhenrichtfeld gegeben wurde.
Aus diesen ersten Ballonabwehrkanonen entstanden später als voll-
kommen neue Waffen Flakgeschütze leichten und schweren Ka-
libers (Flak = Flugabwehrkanone). Bereits Ende des Weltkrieges
waren leistungsfähige Flakwaffen vorhanden, die als unmittelbare
Vorläufer der heute verwendeten Geschütze anzusprechen sind.
Die grundlegenden Anforderungen an die Waffen der Flakartillerie
sind: Leichte und schnelle Richtbarkeit nach allen Seiten, um den
Bewegungen der heute sehr schnell fliegenden Flugziele nachkom-
men zu können; hohe Geschoßgeschwindigkeit, um die Flugzeit
bis zum Ziel möglichst gering zu halten, damit das beschossene
Ziel nur geringe Ausweichmöglichkeiten hat; hohe Feuergeschwin-
digkeit, damit in der kurzen Zeit, während derer ein vorbeifliegen- .
des Ziel beschossen werden kann, möglichst viele Schüsse abgegeben
werden können. Außerdem muß leichte Beweglichkeit gefordert
werden, damit der Feuerschutz gegen Luftangriffe schnellstens da
eingesetzt werden kann, wo es notwendig ist.

Schwere Flakgeschütze.

Die Hauptwaffe der Flakartillerie ist das schwere Flakgeschütz. Es
dient zur Bekämpfung hochfliegender Flugzeuge, d.h. von Flug-
zielen, die sich in Höhen von etwa über 1000 m bewegen.

Die schwere Flakartillerie der deutschen Luftwaffe ist in diesem -
Kriege auch vielfach im Erdkampf eingesetzt worden, vor allem zur
Abwehr von Panzerkampfwagen und zur Niederkämpfung von Be-
Schwere Flakgeshütze - Leichte Flakgeschütze 63

festigungsanlagen. Hierzu sind die neuzeitlichen Flakgeschütze
wegen ihrer hohen Feuergeschwindigkeit, der gestreckten Flugbahn
“ und großen Durchschlagskraft ihrer Geschosse vorzüglich geeignet.
Die deutsche Flakartillerie verfügt in der Hauptsache über Ge-
schütze vom Kaliber 8,8 cm. Diese unterscheiden sich von den bei
der Heeresartillerie verwendeten Waffen vor allem dadurch, daß
sie nach allen Seiten und nach oben bis zur Senkrechtstellung ge-

richtet werden können. Mit Ausnahme von ortsfesten oder auf

'Kriegsschiffen befindlichen Flakgeschützen ist die schwere Flak-
artillerie voll motorisiert. Ihr Gerät wird von geländegängigen
Zugmaschinen, die zugleich die Bedienungsmannschaften befördern,
gezogen. Nach dem Abprotzen in Feuerstellung steht das schwere
Flakgeschütz auf einer Kreuzlafette. In der Regel bilden vier Ge-
schütze eine Batterie mit gemeinsamer Feuerleitung.

Schwere Flakgeschütze feuern im Einzelschuß. Sie werden mittelbar
nach den Angaben eines sogenannten Kommandogerätes gerichtet;
nur im Erdkampf werden Bodenziele unmittelbar anvisiert. Als

Munition werden je nach Zielart Granaten mit Zeitzünder, Auf-
schlagzünder oder Panzergranaten verwendet; Geschoß und Kar-
tusche mit Treibladung sind, um schnellstes Laden zu ermöglichen,
zu einer Patrone vereinigt. Bei sehr hoher Geschoßgeschwindigkeit
werden Schußhöhen von über 10000 m erreicht. Infolge der Schwie-
rigkeiten, die für die schwere Flak bei der Bekämpfung schnell-
fliegender Flugzeuge bestehen, sind Volltreffer nur unter günstig-
sten Bedingungen möglich. Die Flakgranate besitzt deshalb eine
große Sprengwirkung, die, sofern die Granate in unmittelbarer
Nähe des Flugzeuges detoniert, erhebliche Beschädigungen des

"Flugzeuges und damit auch seinen evtl. Absturz bewirken kann.

Leichte Flakgeschütze.

Zur Abwehr tieffliegender. oder im Sturzflug angreifender Flug-
zeuge dienen in der Hauptsache leichte Flakgeschütze. Auch sie
werden gelegentlich im Erdkampf eingesetzt, z. B. zur Panzerabwehr
und zur Niederkämpfung schwerer Infanteriewaffen.

Bei der deutschen Flakartillerie finden leichte Flakgeschütze vom
Kaliber 2cm und 3,7 cm Verwendung. Ihre Lafetten lassen eine
besonders leichte und schnelle Richtbarkeit zu, um auch sehr tief-
fliegenden und sich daher sehr rasch durch das Gesichtsfeld be-
wegenden Zielen folgen zu können. Es gibt leichte Flakgeschütze,
64 Die Waffen der Flakartillerie

bei denen mehrere Rohre in einer Lafette vereinigt sind. Derartige
Zwillings- oder Vierlingsgeschütze besitzen eine außerordentlich
hohe Feuerkraft.

Leichte Flakgeschütze sind Maschinenwaffen, die Reihenfeuer ab-
geben und kleine Granaten verfeuern. Die Geschosse sind mit
empfindlichen Aufschlagzündern versehen, die sich, wenn sie ihr
Ziel verfehlen, nach einer bestimmten Flugzeit von selbst zerlegen; _
hierdurch wird vermieden, daß sie beim Wiederauftreffen auf den
Boden Schaden anrichten. Die Ziele werden durch optische und
mechanische Visiereinrichtungen unmittelbar anvisiert, wobei das
auf Grund der Entfernung des Zieles und seiner Fluggeschwindig-
keit ermittelte Vorhaltemaß zu berücksichtigen ist. Da die Geschosse
mit einem Leuchtsatz versehen sind, lassen sich ihre Flugbahnen

Entfernungsmesser
für leichte Flakgeschütze

an der Leuchtspur mit dem Auge verfolgen, so daß notfalls die
Visiereinstellung verbessert werden kann.

Auch die leichten Flakwaffen sind mit wenigen Ausnahmen motori-
siert. Sie werden im Kraftzug, d.h. an geländegängige Kraftwagen
angehängt, fortbewegt. In Sonderfällen sind leichte Flakgeschütze
auch unmittelbar auf Kraftfahrzeugen aufgebaut (Selbstfahrlafetten).

Kommandogerät.

Das Verfahren, nach dem das Schießen der schweren Flakartillerie
erfolgt, ist anders, als es bei der Artillerie des Heeres üblich ist.
Kommandogerät . 65

Ein Flugzeug, das sich mit großer Geschwindigkeit im Raum be-
wegt, kann nicht unmittelbar mit einem Geschütz anvisiert werden,
da es sich während der Flugzeit des Geschosses unter Umständen
einen Kilometer und mehr fortbewegt. Es bleibt auch keine Zeit
zum Einschießen auf das Flugziel, d.h. zum Verbessern der Richt-
werte der Geschütze auf Grund der beobachteten Trefferlage, weil
beim raschen Vorbeiflug ohnehin nur Zeit für die Abgabe weniger
Schüsse vorhanden ist. Die Grundlage für das Schießen der schwe-
ren Flakgeschütze muß vielmehr eine genaue Zielvermessung bieten.
Hierzu und zur Ausrechnung der Angaben, nach denen die Geschütze
gerichtet werden müssen, dient das Kommandogerät.

Die Vermessung eines Flugzieles erfolgt laufend, und zwar durch
immer wiederkehrende Messung der Entfernung, der Seiten- und
Höhenrichtung des Zieles zum Geschütz bzw. zur Batterie. Nach
diesen als „‚Ortungswerte‘ bezeichneten Meßwerten kann ein Flak-
geschütz jedoch nicht gerichtet werden, vielmehr muß es auf den
Punkt im Raum feuern, an dem sich das Ziel nach Ablauf der
Geschoßflugzeit befinden wird. Dieser Punkt wird ‚Vorhaltepunkt“
genannt. Die hierfür notwendigen Werte sind die Schußwerte.
Die Ermittlung der jeweiligen Entfernung des Flugzeuges von deı
Batterie erfolgt u.a. mittels eines großen Entfernungsmeßgerätes
durch einen Entfernungsmeßmann (E-Meßmann). Die Umwandlung
dieser Werte (Ortungswerte = Werte für Entfernung, Seitenwinkel
und Höhenwinkel) in die für den Vorhaltepunkt gültigen ‚„Schuß-
werte‘ (Seitenwinkel, Rohrerhöhung und Zünderstellung) besorgt
das Kommandogerät, das grundsätzlich eine Art Rechenmaschine
darstellt und die Durchführung notwendiger Rechenoperationen in
kürzester Frist ermöglicht. Das Endergebnis dieser Rechnung sind
die für das Richten der Geschütze erforderlichen Angaben über
Rohrerhöhung und Seitenrichtung sowie über die Zünderlaufzeit.
Alle diese Werte werden laufend auf elektrischem Wege an jedes
Geschütz der Batterie gegeben. Das Kommandogerät berücksichtigt
sogar die durch Wettereinflüsse bedingten Verbesserungen der
"Schußwerte.

Mit Hilfe des Kommandogerätes ist es möglich, die Flakgeschütze
laufend gerichtet zu halten, so daß beim Feuerbefehl die Kanoniere
lediglich die Patronen aus der Zünderstellmaschine zu nehmen, in
‘das Rohr zu schieben und abzufeuern haben. Die während dieser
Handhabung verstreichende Zeit wird bei der Angabe der Schuß-
werte bereits im vorhinein berücksichtigt.

>
66 Die Waffen der Flakartillerie

Richtungshörer.

Zum Flakschießen bei Nacht werden Flugziele mit Scheinwerfern
angeleuchtet, damit sie vom Kommandogerät angemessen werden
können. Erfahrungsgefiäß ist es sehr schwierig, ein hochfliegendes
Flugzeug mit dem Scheinwerfer sofort zu erfassen. Daher ist als
Hilfsmittel für das schnelle Erfassen eines Flugzieles mit dem Schein-
werfer der Richtungshörer entwickelt worden, der das Flugziel an-
peilt, noch bevor es in Reichweite des Scheinwerfers gekommen ist.
Das menschliche Gehör ist an sich in der Lage, die Richtung zu
einer Schallquelle zu bestimmen, aber im wesentlichen nur genau
genug nach der Seite und weniger gut nach der Höhe. Die Richt-
empfindlichkeit des menschlichen Gehörs beruht auf dem Vorhan-
densein von zwei Ohren. Wendet man den Kopf nicht genau der
Schallquelle zu, so hat der Schall zu dem einen Ohr einen etwas
größeren Weg zurückzulegen als zu dem anderen. Der geringe Zeit-
unterschied, mit dem infolgedessen die Schallwellen ankommen,
genügt, um die menschlichen Sinnesorgane zu beeinflussen und
einen Eindruck von der Schallrichtung hervorzurufen.

Die für die Flakartillerie geschaffenen Richtungshörer bedeuten
nichts anderes als eine Vergrößerung des menschlichen Gehörs mit
dem Zweck einer besseren Richtungsempfindlichkeit. Beim Rich-
tungshörer ist sozusagen der Ohrenabstand vergrößert, außerdem
sind zwei Paar Ohren (Trichter) vorhanden, von denen ein Paar
nach den Seiten und das andere Paar nach der Höhe peilt. Das
Ergebnis ist eine bessere Richtgenauigkeit, als sie das menschliche
Gehör aufweist, und infolge der vergrößerten Horchmuscheln eine
beträchtliche Hörweite.

Die deutsche Flakartillerie verwendet ein als „Ringrichtungshörer“
bezeichnetes Horchgerät. Seine 4 Horchtrichter sind nämlich in
Form eines Ringes angeordnet. Jedes Trichterpaar wird von einem
Horcer bedient. Der ganze Ringtrichter kann nach allen Seiten
geschwenkt werden.

Die Werte, die ein Richtungshörer liefert, sind ungenau, weil der
Schall sich nur mit einer Geschwindigkeit von 330m in der $e-
kunde fortpflanzt, so daß sich bis zum Ankommen der Schallwelle
das Flugzeug bereits sehr weit von dem Punkt entfernt hat, den
der Richtungshörer anpeilt. Deswegen sind neuzeitliche Richtungs-
hörer mit einem Schallverzugsrechner ausgerüstet, der laufend
diesen Fehler ausgleicht. |
Scheinwerfer - Luftsperrmittel 67

Zu jedem Scheinwerfer gehört ein Richtungshörer. Nach dessen
Angaben wird der Scheinwerfer gerichtet und dann in Tätigkeit
gesetzt. In den meisten Fällen wird er das Flugziel auf Grund der
Angaben des Richtungshörers sofort erfassen; wenn nicht, genügt
meist ein kurzes Suchen.

Scheinwerfer.

Bei der deutschen Flakartillerie werden überwiegend Scheinwerfer
von 60 cm oder 150 cm Spiegeldurchmesser verwendet. Ihre Licht-
stärke ist außerordentlich groß und beträgt beim großen Schein-
werfer etwa 1100 Millionen Hefner-Kerzen, was bei entsprechen-
den Witterungsverhältnissen eine Leuchtweite bis zu 16 km ergibt.
Die Lichtquelle des Scheinwerfers wird von einer Gleichstrom-
bogenlampe gebildet. Zum Bündeln der Lichtstrahlen dient ein
Parabolspiegel aus Glas. Der elektrische Strom zur Speisung der
Bogenlampe wird von einem besonderen Maschinensatz aus ge-
liefert, der aus einem Verbrennungsmotor mit angekuppeltem
Gleichstromerzeuger besteht.

Luftsperrmittel.

Der deutschen Flakartillerie angegliedert sind Luftsperreinheiten,
die zum Schutz besonders wichtiger Ziele eingesetzt werden.

Das wichtigste Luftsperrmittel ist der Sperrballon. Mit seiner
tropfenförmigen Hülle und Steuerwülsten sieht der Sperrballon
äußerlich ähnlich aus wie der für Aufklärungszwecke verwendete
Fesselballon. Er kann bis zu mehreren tausend Metern Höhe stei-
gen und bildet mit seinem Haltekabel ein gefährliches Hindernis
für Flugzeuge.

Bei sehr starkem Wind macht die Verwendung von Sperrballonen
Schwierigkeiten, weil die Gefahr eines Abreißens der Ballone
von ihren Haltekabeln sehr groß ist. In diesem Falle wird der
Sperrballon durh den Sperrdrachen ersetzt, der bei ent-
sprechenden Windverhältnissen ebenfalls bis in große Höhen auf-
gelassen werden kann.
68

Auf einem Feldflugplatz

Am dämmrigen Himmel der Bretagne beginnt der erste Stern zu,
flackern, als die „Jot-Dora‘“ in den Feldflugplatz einer Kampf-
fliegergruppe einschwebt. Sie ist das letzte Flugzeug, das zurück-
erwartet wird. Vor vielen Stunden war sie hier gestartet mit dem
Kurs Nordnordwest und dem Auftrag: Bewaffnete Fernaufklärung
über den Gewässern der englischen Südwestküste.

Während der Flugmeldeposten durch den Fernsprecher zum Grup-
pengefechtsstand seine Meldung durchgibt: „Jot-Dora soeben ge-
landet“, rollt das Flugzeug holpernd zu seinem Liegeplatz. Noch
einmal dröhnen kurz die Motoren auf, einige matte Umdrehungen
der Luftschrauben, dann fällt die Einstiegklappe. Steif vom langen
Eingezwängtsein auf dem engen Sitz, klettert als erster der Kom- _
mandant des Kampfflugzeuges aus dem Rumpf. Bordschütze, Funker
und Flugzeugführer folgen.

Im PKW. wird die Besatzung zum Gefechtsstand gebracht. Der Ein-
satz, der hinter ihr liegt, war ohne besondere Ereignisse. Ein
paar kleine Frachter, die durch die Dünung des St.-Georgs-Kanals.
dümpelten, wurden gesichtet, ein englischer Jäger hatte sie bei Cap
Lizard erwischt, aber nur einige belanglose Treffer im linken Flügel
anbringen können. Ihre Bomben war die ‚„Jot-Dora‘ auf ein Vor-
postenboot losgeworden, das ihr mit seinem Flakgeschütz mehr
schlecht als recht einige Granaten entgegengesandt hatte.

Auf dem Gefechtsstand - eine niedrige, tief im Boden stehende
Baracke, die unter Gebüsch und Tarnnetzen fast verschwindet -
wird knapp und sachlich Meldung erstattet, dann geht es zum wöhl-
verdienten Abendessen mit den Staffelkameraden.

Für den Gruppenkommandeur und seinen Adjutanten ist der Ar-
beitstag noch nicht zu Ende. Die Besatzung, die sich soeben zurü-
gemeldet hat, war zwar die letzte für heute, aber der Einsatz für
morgen früh muß noch vorbereitet werden. Der Geschwaderbefehl
ist der gleiche wie gestern: Bewaffnete Fernaufklärung in den Plan-
quadraten X, Y, Z.
Auf einem Feldflugplatz 69

Wie wird das Wetter sein? Aus dem Hörer des Fernsprechers klingt
die timme des Meteorologen von der Wetterwarte: „Also gegen
Mittag wird die Regenfront bis an das Einsatzgebiet herangerückt
sein!“ Dann ist es zweckmäßig, die ersten Starts in die frühen
Morgenstunden zu verlegen, um das gute Wetter noch auszunutzen.
In wenigen Minuten ist dem Adjutanten der Rahmenbefehl für
den Früheinsatz diktiert. Einzelheiten sind nicht notwendig, denn
die Besatzungen 'kennen Aufträge dieser Art schon zur Genüge.
Schnell werden noch die Startzeiten festgelegt.

Vom FeindAug zurück

Der Technische Offizier der Gruppe erscheint. Er meldet, daß bis
3 Uhr früh sämtliche Flugzeuge startklar sein werden. Schäden
besonderer Art hatte es ja heute nicht gegeben. Die „Cäsar“ hatte
einige Schrammen von Flaksplittern mitgebracht, die „Jot-Dora“
einige MG.-Treffer im Flügel, ein anderes Flugzeug hatte eine
leichte Motorenstörung und ein unklares Funkgerät gemeldet. Es
sind also nurKleinigkeiten, die inder Nahtbehoben werden müssen.
In der Messe, die geschickte Hände zu einem freundlichen Aufent-
haltsraum gestaltet haben, sitzen die Besatzungen beisammen, so
70 Auf einem Feldflugplatz

wie sie im Flugzeug zuein-
ander gehören. In der einen
oder anderen Ecke werden
die Erlebnisse des vergange-
nen Tages ausgetauscht, hier
wird noch gegessen, dort
sitzen einige Gruppen beim
Schachspiel zusammen oder
lesen. Früh, sehr früh, geht
es in die Unterkünfte. Sehr
zeitig am nächsten Morgen
schon werden die ersten
Besatzungen wieder starten.
Für die Männer, denen die
Pflege der Flugzeuge und
Waffen anvertraut ist, hat
der Arbeitstag eine andere
Einteilung. Ihr Dienst hat
mit dem Augenblick wie-
der begonnen, als das erste

Kaum ist ein Flugzeug vom Feind zurück,
gehen die Flugzeugwarte an die Arbeit

Eine Luftschraube wird
überprüft

Kampfflugzeug vom Feindflug zurückkam;
jetzt, während die fliegenden Besatzungen
Ruhe haben, sorgen sie dafür, daß die
Kampfgruppe am neuen Tage bis zum letz-
ten Flugzeug einsatzbereit steht.

Jedes Flugzeug wird von einigen dieser
„schwarzen Männer‘ betreut, wie sie ihrer
Schutzkleidung wegen genannt werden. Sie
stehen zwar nicht unmittelbar am Feind,
wie die eigentlichen Flieger, aber ihre Tä-
tigkeit ist wie die des gesamten Boden-
personals mit kampfentscheidend. Diese
Männer kennen „ihr‘‘ Flugzeug in- und
auswendig. Sie hören schon am Klang der
Motoren, ob sie einwandfrei arbeiten, und

"sie kennen all die kleinen Launen, die auch

ein Flugzeug oder ein Motor haben kann.
Ihre ganze Fürsorge gilt „ihrem“ Flugzeug
und „ihrer‘‘ fliegenden Besatzung, für deren
Sicherheit und Leben sie zu einem großen
Auf einem Feldflugplatz 71

Teil verantwortlich sind. Kaum ist ein Flugzeug von seinem Flug
zurückgekehrt, und noch sind die Motoren heiß vom stunden-
langen Lauf, da beginnen schon die Warte mit ihrer Arbeit. Sind
von der Flugzeugbesatzung besondere Schäden gemeldet, so werden
. diese zuerst untersucht und, wenn es mit den Mitteln eines Front-
flugplatzes möglich ist, behoben. Im übrigen sind gewisse, regel-
mäßig nach jedem Flug wie-
derkehrende Durchsichten ünd
Überprüfungen vorzunehmen.
Es ist der höchste Ehrgeiz des
Wartungspersonals, die Flug-
zeuge bis zum nächsten Ein-
satz wieder startklar melden
zu können.

Vielfältig ist die Arbeit des
Flugzeugwarts. Er untersucht
Flügel und Rumpf. Leichte
Schußverletzungen können an
Ort und Stelle behoben wer-
den, auf jeden Fall aber muß
der Wart feststellen, ob nicht
wichtige Bauteile beschädigt
sind und die Flugsicherheit be-
einträchtigen. Ruder sind auf
ihre Gängigkeit zu prüfen, und Waffenwart bei der Arbeit

die Steuerung muß nachgesehen

werden. Viele Griffe sind zu tun, bis das Flugzeug startklar ge-
meldet werden kann.

Auch Kleinigkeiten dürfen nicht übersehen werden. Selbst klare
Scheiben der Besatzungsräume sind wichtig, sonst ist der Flieger
in der Sicht behindert und kann im Luftkampf den Gegner viel-
leicht in der entscheidenden Sekunde zu spät erkennen. Überhaupt
ist Sauberkeit des Flugzeuges außen und innen für den Wart eine
Selbstverständlichkeit.

Viel Arbeit nimmt auch die Pflege der hydraulischen und elektri-
schen Anlage an Bord eines Flugzeuges in Anspruc. Viele Kilo-
meter von Leitungen sind in einem neuzeitlichen Kampfflugzeug
verlegt, und überall kann ein Bruch entstehen, wenn nicht gar ein _
Treffer ein ganzes Bündel von Leitungen zerreißt. Hier müssen Öl-
leitungen auf ihre Dichtigkeit geprüft werden, dort ist ein Kurz-

72 Auf einem Feldflugplatz

schluß in einem elektrischen Netz zu beseitigen, kurzum, die War-
tung dieser unentbehrlichen Einrichtungen erfordert nicht nur viel
fachliches Können, sondern auch äußerste Zuverlässigkeit. In der
kurzen Zeit, die zwischen zwei Einsätzen oft nur zur Verfügung
steht, bedeutet die Beseitigung von Beschädigungen oder das Aus- .
wechseln einzelner Bauteile eine gewaltige Arbeitsleistung.

Ein Schlauchboot wird nachgesehen

Gegenstand ganz besonderer Pflege und Wartung sind naturgemäß
die Triebwerke des Flugzeuges, von deren zuverlässigem Arbeiten
die Erfüllung des Kampfauftrages und schließlich das Leben der
Flugzeugbesatzung in entscheidendem Maße abhängt. Wenn bei
anderen Dingen die tägliche Durchsicht nicht immer erforderlich
ist, so ist es beim Flugmotor eine Selbstverständlichkeit, daß er
vor jedem neuen Flug nachgesehen wird. Nicht etwa, daß er aus-
gebaut und auseinandergenommen wird; dies geschieht nur zu fest-
gelegten Überholungszeiten oder wenn eine schwere Beschädigung:
festgestellt ist. Es gibt aber eine Reihe von Arbeiten, die unerläß-
lich ist, wenn, der Motor stets zuverlässig arbeiten soll. So z:B.
sind Kraftstoff- und Schmierstoff-Filter zu reinigen, Zündkerzen
auszuwechseln, Leitungen zu überprüfen, u.a.m. Oft sind es nur
Auf einem Feldflugplatz 73

. Kleinigkeiten, die daran schuld sind, wenn ein Flugmotor nicht
einwandfrei laufen will, aber in jedem Fall muß die Ursache in oft
stundenlanger Arbeit erst gesucht und dann beseitigt werden.
Mit gleicher Sorgfalt wollen auch die Lufischrauben gepflegt wer-
den, besonders ihre Verstelleinrichtungen. Es gehört viel Ver-
ständnis und Erfahrung dazu, die Aufgaben eines Luftschrauben-
warts zu erfüllen.

Oft ist ein Motor krank und die Zeit einer Nacht nicht ausreichend,

Flüssiger Sauerstoff wird nachgefüllt j

um ihn wieder betriebsfertig zu machen. Dann sind die schwarzen
Männer des Bodenpersonals gezwungen, den ganzen Motor aus-
 zuwechseln. Einen solchen Triebwerksaustausch mit den auf einem
Feldflugplatz zur Verfügung stehenden Mitteln in wenigen Stunden
durchzuführen, ist nicht leicht, aber eine eingespielte Mannschaft,
die jeden Handgriff kennt, wird auch damit fertig. Mit Hilfe von
Hebezeugen wird der Ausbau des beschädigten und der Einbau des
neuen Motors meist in überraschend kurzer Zeit durchgeführt.
Viele Flugzeuge wären täglich nicht einsatzbereit, wenn nicht der
Austausch eines Triebwerkes von den erfahrenen Männer des Bo- .
denpersonals in höchster Vollkommenheit beherrscht würde.
74 Auf einem Feldflugplatz

Feinere, aber deswegen nicht weniger wichtige Arbeit verrichten .
die Instrumentenwarte. Sie kennen all die vielfältigen Instrumente
vom Kompaß bis zum Wendezeiger, mit denen ein Kriegsflugzeug
von heute ausgerüstet ist; sie verstehen es auch, die Ursachen
dieser oder jener kleinen Störung zu finden, die oft unvermeidlich
sind. Vor allem aber hat der Instrumentenwart zu prüfen, ob die
Geräte nach den Beanspruchungen eines Feindfluges noch richtig

Beladen mit Bomben

anzeigen. Nicht das Versagen eines Instrumentes allein ist gefähr-
lich, viel größeren Schaden kann ein falsch arbeitendes Instrument
herbeiführen. Dem Instrumentenwart ist daher eine große Ver-
antwortung übertragen.

In ähnlicher Weise will auch die Funkanlage gepflegt sein. Viele
der hierzugehörenden Geräte sind sehr empfindlich und bedürfen
einer regelmäßigen Überwachung durch gutausgebildete Fachleute,
wenn sie im entscheidenden Augenblick nicht versagen sollen.
Schließlich gehört zur Kameradschaft der schwarzen Männer auch
der Waffenwart. Für ihn gibt es sehr selten eine Nacht oder einen
Tag, an denen er nicht seiner Tätigkeit nachgehen muß. Selbst
Auf einem Feldflugplatz 75

wenn die Bordwaffen des Flugzeuges während eines Feindfluges
nicht eingesetzt werden mußten, müssen sie doch stets peinlich
sauber gehalten werden. Das bedeutet, daß Maschinengewehre und
Kanonen häufig ausgebaut, gesäubert, eingebaut und wieder ein-
gerichtet werden müssen. Auch Bombenmagazine und die dazu-
gehörigen Abwurfgeräte bedürfen der laufenden Überwachung.
Von der Einsatzbereitschaft der Waffen hängt der Erfolg eines
Kampfauftrages in erster Linie ab. Für jeden Waffenwart ist es der

Tanken

höchste Ehrgeiz, daß ‚seine‘ MG. und „seine‘‘ Kanonen im Kampf
niemals eine Ladehemmung oder eine andere Störung haben.
Stunde um Stunde vergeht so von der kurzen Nacht, die die Rück-
kehr des Kampfflugzeuges von dem neuen Start trennt. Fleißige
Hände und wache Augen haben jedes Flugzeug der Kampfflieger-
gruppe untersucht, aber wenn der letzte Handgriff getan ist und
die letzte Motorhaube sich geschlossen hat, ist die Gruppe noch
längst nicht startbereit.

Wenn die Sternbilder des Himmels die nahe Dämmerung ankündi-
gen, rollen die Tankwagen zu den Liegeplätzen der Flugzeuge. Viele
76 Auf einem Feldflugplatz

hundert Liter Kraftstoff werden in die leeren.Behälter gepumpt. Die
Tankwarte, die dicke Schläuche in die Einfüllöffnungen gesteckt
haben, kennen ihren Auftrag. Soundso viel Liter Kraftstoff und
eine bestimmte Menge Schmierstoff müssen getankt werden, nicht
mehr und nicht weniger.

Dann kommt die Versorgung mit Münition. Die starren Bordwaffen
erhalten die ihnen zustehenden langen Gurte mit der endlosen
Reihe von Patronen. Für die beweglichen Bordwaffen wird Trom-
mel auf Trommel verstaut. Schwere Bombenkarren rollen heran,
und kräftige Männerfäuste schieben die leichteren Brocen in die
Magazine; die schweren Bomben werden dagegen zu den Auf-
hängegescirren hochgehebelt oder emporgewunden. Es ist schwere
Arbeit, das Bombenladen, und den Männern, die eine Maschine
nach der anderen beladen, wird warm dabei.

Noch immer ist nicht alles an Bord, was vorhanden sein muß, wenn
gestartet wird: der Mundvorrat für die Besatzungen; aber auch
dies ist nicht vergessen. Wenn die Flugzeuge an den Start rollen,
werden die Mannschaften aus der Küche erscheinen, die Arme
voller Thermosflaschen mit heißen Getränken, in Körben sorgsam
bereiteten Mundvorrat und den Notproviant, ohne den kein Ein-
satz über See geflogen wird.

Während noch die Flugzeugwarte ihrer Arbeit nachgingen, sind
die Besatzungen der zuerst startenden Flugzeuge geweckt worden.
Rechtzeitig natürlich, damit sie ohne Hast sich fertigmachen und
frühstücken können.

Auf dem Gefechtsstand der Gruppe sitzt schon wieder der Kom-
mandeur an der Arbeit. Soeben hat er die Frühwettermeldungen
durchgesehen; sie bestätigen die Vorhersage des Abends.

In einer halben Stunde also werden die ersten drei Flugzeuge der
zweiten Staffel starten. Ihr Auftrag ist der gleiche wie gestern, die
Besatzungen brauchen daher nicht mehr besonders eingewiesen zu
werden. Da treten die Männer auch schon zur Einsatzbesprechung
ein. Mit kurzen Worten erläutert der Kommandeur an Hand der
großen Karte nochmals den Auftrag: Bewaffnete Fernaufklärung;
lohnende Schiffsziele können dabei mit Bomben angegriffen werden.

Die Wetterlage macht keine Schwierigkeiten.
„Alles klar?“
„Zu Befehli“
Auf einem Feldflugplatz 77

Die Besatzungen stapfen in ihren Pelzstiefeln zu ihren Flugzeugen.
Sie wissen, alles wird vorbereitet sein. Schon laufen die Motoren,
‚um warm zu werden. Die Bodenmannschaften, die immer nach alle
-Hände voll zu tun haben, begrüßen stolz ihre Besatzungen..
Durc die Einstiegöffnung im Rumpfboden klettern die Männer in
ihre Flugzeuge; während der Flugzeugführer den Lauf der Motoren
überprüft, überzeugen sich die anderen kurz davon, daß die Waffen
in Ordnung sind, die Signalmittel nicht vergessen wurden, einer
sieht nach, ob das Schlauchboot richtig verpackt ist und ob die
Sauerstoffbehälter für die Atemgeräte aufgefüllt sind.

Dann rollen die Flugzeuge hintereinander zum Start. Kurze Wink-
zeichen, und dröhnend ziehen die Motoren die Flugzeuge von der.
Startbahn in den dämmernden Morgen.

Vor neuem Start
Luftwaffenflugzeugführerabzeichen
(Kranz in Silber, Adler metallgrau)

Flugzeugführer- und Beobachterabzeichen
(Kranz in Gold, Adler in Silber)

Flakkampfabzeichen
Fliegererinnerungsabzeichen

Fliegerschützenabzeichen

Frontflugspangen für Transportflieger

Die Spangen werden in Bronze nach 20, in Silber nach 60 und in Gold nach
110 Feindflügen verliehen. Schlachtflieger und Zerstörer erhalten nach ent-
sprechenden Einsätzen die gleiche Frontspange wie Jäger.


Luftwaffen-Fibel des deutschen Jungen von Hermann Adler und Richard Schulz